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Percy Bysshe Shelley: Die Cencit - Kapitel 8
Quellenangabe
typedrama
authorPercy Bysshe Shelley
titleDie Cencit
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
translatorAdolf Strodtmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150204
projectid26d0d6bf
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Fünfter Aufzug.

Erste Scene.

Ein Zimmer in Orsino's Palast.

Orsino und Giacomo treten ein.

Giacomo.

Ist böser That so schnell ein Ziel gesetzt?
O daß die eitle Reue, welche züchtigt
Vollbrachte Frevel, doch zur Warnung auch
So laut und wirksam ihre Stimm' erhöbe,
Wie ihrer Rache Stachel tödlich ist!
O daß die Stunde, als sie uns erschien,
Den räthselvollen Schleier abgeworfen
Und uns die Schreckgestalt gewiesen hätte,
In der sie wiederkehrt, ihr scheues Wild
Aufhetzend mit den Hunden des Gewissens!
Weh! schändlich war's und ein verruchtes Werk,
Den alten, greisen Vater zu erschlagen.

Orsino.

Schlimm ist es ausgefallen, in der That.

Giacomo.

Des Schlummers heil'ge Thore zu verletzen;
Die gütige Natur um sanften Tod,
Den sie dem müden Alter beut, zu trügen;
Dem Himmel eine unbußfert'ge Seele
Zu rauben, die mit Sühngebeten noch
Die arge Gluth der Frevel löschen konnte –

Orsino.

Ihr könnt nicht sagen, daß ich Euch zur That
Verleitete.

Giacomo.

O, hätt' ich nimmermehr
In deinen glatten, gleißnerischen Zügen
Den Spiegel meiner finstersten Gedanken
Erblickt, und hättest du mich nie verlockt
Mit Wink und Fragen, ewig Hinzustarren
Auf meines Mordgedankens Scheusal, bis
Der Wunsch vertraut mir ward –

Orsino.

So bürden wir
Den Vorwurf für mißlungne Thaten stets
Den Helfern unsres eignen Anschlags auf,
Und allem Andern, nur der eignen Schuld
Und Schwäche nicht. Und doch, gesteht die Wahrheit,
's ist die Gefahr allein, in der Ihr schwebt,
Die dieser Reue blasse Kränklichkeit
Euch aufprägt; ja, gesteht, es ist die Furcht,
Die vor sich selbst sich schämt und in den Mantel
Der Reu' sich hüllt. – Wenn wir nun sicher wären?

Giacomo.

Wie ist das möglich? Beatrice schon,
Lucretia und die Mörder sind verhaftet.
Und während wir hier reden, sind gewiß
Die Häscher auch nach uns schon ausgesandt.

Orsino.

Ich habe Jegliches zur Flucht gerüstet.
Erfassen wir die Gunst der Zeit beim Schopf,
So können auf der Stelle wir entfliehn.

Giacomo.

Nein, lieber will ich unter Martern sterben.
Wie! wollt Ihr durch die Selbstbeschuldigung
Des Fliehens Beatricen überführen?
Sie, die allein bei diesem grausen Werk
Ein Engel Gottes zwischen Teufeln steht,
Und solch ein namenloses Unrecht sühnte,
Daß schwarzer Vatermord zur Tugend ward,
Indessen wir zu niedern Zwecken nur – –
Ich fürcht', Orsino, wenn ich überdenke
All' Eure Wort' und Blicke, im Vergleich
Mit dem, was Ihr so eben vorgeschlagen,
Daß Ihr ein Schurke seid. Zu welchem Zweck
Ließt Ihr auf solch gefährliches Verbrechen
Euch ein, und locktet mich mit Wink und Blick
Und Lächeln bis an dieses Abgrunds Rand?
Du bist kein Lügner? Nein, die Lüge selbst!
Verräther! Mörder! Feigling! Sklav! Doch nein –
Vertheid'ge dich,

( Zieht den Degen.)

und laß das Schwert dir sagen,
Was meine zornentflammte Zunge dir
Nicht sagen mag!

Orsino.

Steckt Euren Degen ein!
Ist's die Verzweiflung Eurer Furcht, die Euch
So rasch und barsch macht gegen einen Freund,
Der jetzt um Eurethalb zu Grunde geht?
Wenn edler Zorn Euch also aufgeregt,
So wißt: was ich Euch eben vorgeschlagen,
Geschah nur, Euch zu prüfen. Mich, so glaub' ich,
Trieb unvergoltne Lieb' auf diesen Punkt,
Von wo es, selber wenn mein starker Sinn
Bereuen könnte, keine Rückkehr giebt.
Derweil wir reden, harren drunten schon
Die Diener des Gerichts, und sie gewähren
Mir diese kurzen Augenblicke nur.
Habt Ihr noch Eurem blassen Weib zu sagen
Ein Trosteswort, so schlüpft aus dieser Thür
Geschwind hinaus, um ihnen zu entgehn.

Giacomo.

O edler Freund! wie kannst du mir verzeihn?
Könnt' ich dein Leben doch durch meins erkaufen!

Orsino.

Der Wunsch kommt einen Tag zu spät. Lebt wohl!
Hört Ihr nicht Schritte auf dem Korridor?

( Giacomo ab.)

Er thut mir leid. Allein die Wachen harren
An seiner eignen Thür; nur so gelang's,
Mir Beide, ihn und sie, vom Hals zu schaffen.
Ein ernstes Lustspiel dacht' ich aufzuführen
Auf der gemalten Bühne dieser Welt,
Und meine eignen Zwecke zu erreichen
Durch ein Geweb', aus Gut und Bös gemischt,
Das Andre flechten; aber eine Macht
Entriß die Fäden meines Planes mir,
Und schuf sie um zum Netze des Verderbens. –

( Man hört Geschrei.)

Ha! Ist's mein Name, den man draußen ruft?
Ich will entfliehn in niedriger Verkleidung,
Auf meinem Rücken Lumpen, vorm Gesicht
Der Unschuld Larve, durch des Pöbels Schwarm,
Der einzig richtet nach dem Schein, mich drängen.
Dann ist es leicht, für einen neuen Namen,
Und für ein neues Land, ein neues Leben,
Das auf den alten Wünschen sich erbaut,
Die Ehren des verlass'nen Rom's zu tauschen,
Und diese müssen blos die Maske sein
Des Innern, das sich nimmer ändern soll. –
Ich fürchte nur, daß das Geschehne nimmer
Mir Ruhe gönnt. Doch wie, wenn Niemand sonst
Um meine Frevel weiß, sollt' ich mich dann
Mit Selbstverachtung quälen? Hab' ich nicht
Die Macht; dem eignen Vorwurf zu entrinnen?
Bin ich der Sklav – wovon? Von einem Wort!
Das diese Welt nur gegen Andre braucht,
Nie gegen sich, sowie den Dolch man trägt,
Nicht um sich selbst damit ins Herz zu stoßen.
Doch wenn ich mich geirrt, wo soll ich finden
Die Hülle, die mich vor mir selbst verbirgt,
Wie jetzt ich mich der Andern Blick entziehe? ( Ab.)

 

Zweite Scene.

Ein Gerichtssaal.

Camillo, Richter etc. auf ihren Sitzen. Marzio wird hereingeführt.

Erster Richter.

Verharrt Ihr noch beim Leugnen, Angeklagter?
Ich frag' Euch, seid Ihr schuldlos oder schuldig?
Und weiter: wer nahm Theil an Eurer That?
Die Wahrheit sprecht, die volle, ganze Wahrheit.

Marzio.

Ich bin sein Mörder nicht; ich weiß von Nichts;
Olimpio verkaufte mir das Kleid,
So fiel auf mich die Schuld.

Zweiter Richter.

Hinweg mit ihm!

Erster Richter.

Wagt Ihr mit Lippen, die noch weiß vom Kuß
Der Folter sind, zu lügen? Fragte sie
So sanft Euch, daß Ihr mit ihr kosen möchtet,
Bis sie Euch Seel' und Leben raubt? Hinweg!

Marzio.

O, schonet, schonet mich! Ich will bekennen.

Erster Richter.

So sprecht!

Marzio.

Im Schlummer hab' ich ihn erwürgt.

Erster Richter.

Wer trieb Euch zu der Unthat?

Marzio.

Giacomo,
Sein Sohn, und der Prälat Orsino sandten
Mich nach Petrella; dort bestachen mich
Die Damen Beatrice und Lucretia
Mit tausend Kronen, und Olimpio
Und ich erwürgten ihn. Jetzt laßt mich sterben!

Erster Richter.

Das klingt so schlimm wie Wahrheit. Wachen, führt
Uns die Gefangnen vor!

( Lucretia, Beatrice und Giacomo werden von Wachen hereingeführt.)

Seht diesen Mann!
Wann saht ihr ihn zuletzt?

Beatrice.

Wir sahn ihn nie.

Marzio.

Ihr kennt zu gut mich, Fräulein Beatrice.

Beatrice.

Ich soll dich kennen? wie! Wo denn? und wann?

Marzio.

Ihr wißt, ich war's, den Ihr durch Drohungen
Und Gold bewogt, den Vater Euch zu morden.
Als ich das Werk vollbracht, warft Ihr mir um
Ein goldgesticktes Kleid, und wünschtet Heil
Und Segen mir. Seht, welch ein Heil mir blühte!
Ihr, mein Herr Giacomo und Frau Lucretia,
Wißt, daß es wahr ist, was ich sprach.

( Beatrice schreitet auf ihn zu; er verhüllt sein Gesicht und bebt zurück.)

O, wendet
Das schreckenvolle Zürnen dieser Augen
Von mir hinweg, der finstern Erde zu!
Sie brennen mir ins Herz! Die Folter zwang
Mir das Geständniß ab. Ihr Herren, führt mich
Nach diesem Wort zum Tod!

Beatrice.

Elender Wicht,
Du dauerst mich; doch bleib ein Weilchen noch.

Camillo.

Er möge bleiben.

Beatrice.

Kardinal Camillo,
Euch ziert der Milde und der Weisheit Ruf;
Vermögt Ihr denn durch Eure Gegenwart
Ein Possenspiel wie dieses zu begünst'gen?
Wenn einen niedern, feigen Sklaven man
Von Qualen, die das stärkste Herz erschüttern,
Herbeischleppt, und ihn reden heißt, nicht wie
Er's glaubt, nein, wie der Richter meint und wünscht,
In dessen Frage schon die Antwort liegt,
Die er begehrt, mit Foltern ihn bedrohend,
Die gnädig Gott Verdammten selbst erspart!
Sagt nun nach vollster Ueberzeugung mir: –
Wenn Euren zarten Körper auf das Rad
Man spannte, und Euch marterte, und spräche:
»Gestehet, daß Ihr Euren kleinen Neffen
Vergiftet habt, das blaugeäugte Kind,
Das Eures Lebens Stern war!« und wenn Alle
Auch sehn, daß Euch seit seinem jähen Tod
Himmel und Erde, Tag und Nacht, und Zeit,
Und Alles, was Ihr hofftet oder thatet,
Durch übermäß'gen Gram verändert ward –
Ihr sprächet dennoch: »Ich bekenne Alles!«
Und diesem Sklaven gleich erflehtet Ihr
Die Zuflucht eines schmachbefleckten Todes
Von Euren Quälern. Kardinal, ich bitt' Euch,
Betheuert meine Unschuld!

Camillo.

( tief bewegt).

Edle Herrn,
Was denkt ihr nun? Pfui über diese Thränen!
Ich dachte, längst erfroren sei das Herz,
Aus dem sie quellen. Meiner Seele Heil
Möcht' ich verpfänden, daß sie schuldlos ist.

Richter.

Sie muß gefoltert werden.

Camillo.

Meinen Neffen
(Wenn er jetzt lebte, wär' er just so alt;
Sein Haar war ihrem gleich; die Augen auch
An Form und Schnitt, doch blau, und nicht so tief)
Würd' ich so gern von euch gefoltert sehn,
Wie dieses reinste Bild von Gottes Liebe,
Das trauernd je zur Erde niederstieg.
Sie ist so schuldlos wie ein lallend Kind!

Richter.

Auf Euer Haupt komm' ihre Unschuld, Herr,
Wenn Ihr die Folter untersagen wollt.
Denn Seine Heiligkeit hat uns berufen,
Um diese Greuelthat nach strengster Form
Des Rechtes zu verfolgen, ja, im Nothfall
Noch über das Gesetz hinauszugehn.
Des Vatermordes sind sie angeklagt,
Auf Zeugniß, welches die Tortur erheischt.

Beatrice.

Wer ist der Zeuge? Dieser Mann?

Richter.

So ist's.

Beatrice.

( zu Marzio).

Tritt näher! Und wer bist du, der erwählt ist
Aus aller Menschenkinder Schaar, die Unschuld
Zu tödten?

Marzio.

Marzio, Eures Vaters Lehnsmann.

Beatrice.

So sieh mich an; erwidre meinen Fragen!

( Zu den Richtern gewendet.)

Ich bitt' euch, merket wohl auf sein Gesicht;
Nicht frech wie die Verleumdung, welche manchmal
Dem Ausdruck ihres Blicks das Wort verwehrt,
Scheut er sich, mit den Blicken zu bestät'gen,
Was er gesagt, und starrt gesenkten Augs
Zur blinden Erde hin.

( Zu Marzio.)

Wie! kannst du sagen,
Daß meinen eignen Vater ich gemordet?

Marzio.

O, schonet mich! Es schwindelt mir das Hirn –
Ich kann nicht reden – Die Tortur entpreßte
Die Wahrheit mir. O, führet mich hinweg!
Laßt sie nicht länger mir ins Auge sehn!
Ich bin ein schuld'ger, niederträcht'ger Wicht!
Ich sagte, was ich weiß; nun laßt mich sterben!

Beatrice.

Ihr Herren, wär' ich von Natur so hart
Gewesen, dies Verbrechen zu ersinnen,
Das euer Argwohn diesem Sklaven eingiebt,
Und das die Folter ihm entwand: – glaubt ihr,
Ich hätte dieses doppelschneid'ge Werkzeug
Der Unthat hinterlassen; diesen Mann,
Dies blut'ge Messer, welches meinen Namen
Auf seinem Griffe eingegraben trägt,
Und mitten unter einer Welt von Feinden
Entblößt liegt, aufgespart für meinen Tod?
Glaubt ihr, daß ich, wenn so entsetzliche
Notwendigkeit das tiefste Schweigen heischte;
Die kleine Vorsicht unterlassen hätte,
Das Grab des Diebes, der die That beginge
Zum Siegel des Geheimnisses zu machen?
Was ist sein Leben? Was sind tausend Leben?
Ein Vatermörder hätte sie wie Staub
Zertreten; und seht hin, er lebt!

( Wendet sich zu Marzio.)

Und du –

Marzio.

O, schonet meiner! Sprecht nicht mehr zu mir!
Der strenge, doch erbarmungsvolle Blick,
Die feierlichen Töne, sie verwunden
Mehr als die Folter.

( Zu den Richtern.)

Alles sagt' ich aus;
Erbarmet euch, und führet mich zum Tode!

Camillo.

Führt näher ihn zu Fräulein Beatrice!
Er bebt vor ihrem Blicke, wie das Blatt
Des Herbstes vor des Nordwinds scharfem Hauch.

Beatrice.

O du, der zitternd an dem Schwindelrande
Von Tod und Leben steht, besinne dich,
Eh' du mir Antwort giebst; dann magst du Gott
Mit weniger Furcht und Zagen Rede stehn.
Was thaten wir dir Böses? Ach, ich lebte
Nur wen'ge trübe Jahre auf der Welt,
Und also war mein Loos, daß mir ein Vater
Zuerst die Stunden des erwachten Lebens
Zu Tropfen machte, deren jeder mir
Der Jugend Hoffnungen vergiftete;
Dann hat er mir mit Einem Schlag die Seele
Durchbohrt, den reinen Ruf, und selbst den Frieden,
Der in des Herzens tiefstem Innern schläft.
Allein die Wunde war nicht tödlich; so
Ward denn mein Haß das einzige Gebet,
Das ich zum großen Vater senden konnte,
Der in Erbarmen und in Liebe dich
Bewaffnet, ihn zu morden, wie du sagst;
Und so wird seine Schuld Beschuld'gung mir –
Und du verklagst mich? Wenn du Gnade hoffst
Im Himmel, zeige dich gerecht aus Erden!
Denn schlimmer als die blutbefleckte Hand
Ist ein verhärtet Herz. Wenn du gemordet,
Und die Gesetze Gottes und der Menschen
Frech unter deinen Fuß getreten hast,
So eil vor deinen Richter nicht, und sprich:
»Mein Schöpfer, Dies hab' ich gethan, und mehr;
Denn Eine war auf Erden, rein und schuldlos;
Und weil sie litt, was nie ein Anderer,
Unschuldig oder schuldig, je ertragen;
Weil Das, was sie erduldet, nicht zu nennen
Und nicht zu denken war; weil deine Hand
Am Ende sie erlöste, tödtete
Ich sie und all' die Ihren durch mein Wort.«
Bedenke, ich beschwör' dich, was es heißt,
Die Achtung, die vor unserm alten Haus
Und reinen Namen bei den Menschen herrscht,
Zu morden! O, bedenke, was es heißt,
Das zarte Kindlein Mitleid, welches sich
In dem Vertraun argloser Blicke wiegt,
Zu würgen, bis das Leid Verbrechen wird!
Bedenke, was es heißt, mit Schmach und Blut
Zu schänden Alles, was da schuldlos scheint,
Und – hör mich, großer Gott! – unschuldig ist;
Sodaß die Welt den Unterschied verliere
Vom schlauen, trotz'gen, wilden Blick der Schuld,
Und Dem, was jetzt dich Antwort geben heißt
Auf meine Frage: – Bin ich schuldig? sprich!
Bin ich des Vatermordes schuldig?

Marzio.

Nein.

Richter.

Was soll das heißen?

Marzio.

Ich erkläre hier,
Daß Die, die ich verklagte, schuldlos sind.
Nur ich bin schuldig.

Richter.

Schleppt ihn auf die Folter!
Und ausgesucht laßt seine Martern sein
Und lange währen, daß sein innerst Herz
Sich uns enthülle. Bindet ihn nicht los,
Bis er bekannt hat.

Marzio.

Martert mich nach Lust!
Ein schärfres Weh hat eine höhre Wahrheit
Entrissen meinem letzten Athemzug.
Ja, sie ist ohne Schuld! Bluthunde ihr,
Nicht Menschen, sättigt euch an mir! Ich will
Dies schöne Meisterstück der Schöpfung nicht
Preisgeben der Vernichtung und der Schmach.

( Marzio mit Wachen ab.)

Camillo.

Was sagt ihr nun, ihr Herrn?

Richter.

Braucht die Tortur,
Die Wahrheit auszupressen, bis sie weiß wird
Wie Schnee, dreimal vom Winterwind gefegt.

Camillo.

Doch blutbefleckt.

Richter
( zu Beatrice).

Kennt Ihr dies Schreiben, Fräulein?

Beatrice.

Verstrickt mich nicht mit Fragen. Wer steht hier
Als Kläger? Ha, willst du es sein, der auch
Mein Richter ist? Was! Kläger, Zeuge, Richter,
Alles zugleich? Hier steht Orsino's Name;
Wo ist Orsino? Stellt ihn mir genüber!
Sagt, was bedeutet dies Geschreibsel? Ach,
Ihr wißt es nicht, und nur auf den Verdacht,
Daß es was Böses sei, wollt ihr uns tödten?

( Ein Offizier tritt ein.)

Offizier.

Marzio ist todt.

Richter.

Und was gestand er?

Offizier.

Nichts.
Sobald wir ihn aufs Rad gebunden, lacht' er
Uns an, wie Einer, der den Todfeind höhnt,
Hielt seinen Athem an, und starb.

Richter.

So bleibt
Nichts anders übrig, als die Angeklagten,
Die noch verstockt sind, peinlich zu befragen.

Camillo.

Ich untersage jeden fernern Schritt,
Und will mein Ansehn bei dem heil'gen Vater
Für diese Edlen, schuldlos Angeklagten
Verwenden.

Richter.

So entscheide denn der Papst.
Führt unterdessen jeden der Verbrecher
In eine eigne Zelle; haltet auch
Die Folterinstrumente gleich parat;
Denn heute Nacht, wann Seiner Heiligkeit
Entschluß gerecht und fromm wie früher ist,
Will diesen Nerven, diesen Sehnen ich
Die Wahrheit mit Geächz und Pein entwinden.

( Alle ab.)

 

Dritte Scene.

Eine Gefängniszelle.

Beatrice, auf einem Ruhebett schlummernd. Bernardo tritt ein.

Bernardo.

Wie lieblich ruht der Schlaf auf ihrem Antlitz,
Gleich den Gedanken eines heitern Tags,
Die sich in Nacht und Träumen weiterspinnen!
Wie leicht und ruhig hebt ihr Athem sich
Nach solcher Qual, wie gestern sie ertrug!
Weh mir! ich glaube, nimmer schlaf' ich wieder.
Doch muß ich nun der Ruhe Himmelsthau
Von dieser holdgeschloss'nen Blume schütteln –
Wach auf, wach auf! Wie kannst du schlafen, Schwester?

Beatrice

( erwachend).

So eben träumt' ich, Alle wären wir
Im Paradies. Du weißt, ein Paradies
Scheint dieser Kerker, seit der Vater starb.

Bernardo.

O theure Schwester, wäre doch dein Traum
Mehr als ein Traum! O Gott, wie soll ich's künden?

Beatrice.

Was wolltest du mir sagen, theurer Bruder?

Bernardo.

Schau nicht so ruhig und so glücklich aus;
Sonst wird das Herz mir brechen, während ich
Bedenke, was ich dir zu sagen habe.

Beatrice.

Sieh nun, du machst mich weinen. Wie verlassen
Wirst du wohl sein, wenn ich gestorben bin!
Was hast du mir zu sagen? sprich!

Bernardo.

Sie haben
Bekannt; sie konnten länger nicht die Folter
Ertragen –

Beatrice.

Ha! Was war denn zu bekennen?
Sie müssen eine schnöde, schale Lüge
Gesprochen haben, Ihren Peinigern
Zu schmeicheln. Sagten sie, sie wären schuldig?
O Weiße Unschuld, daß die Maske du
Der Schuld annehmen mußt, dein würdiges
Und heitres Antlitz Denen zu verbergen,
Die dich nicht kennen!

( Der Richter, Lucretia und Giacomo nebst Wachen treten ein.)

Schwache Seelen ihr!
Für ein paar kurze Schmerzenszuckungen,
Die mindestens so sterblich wie die Glieder,
Die sie durchzittern, sind Jahrhunderte
Voll hohen Glanzes nun in Staub getreten?
Und jene Ehre, welche sonnengleich
Hoch über ird'schem Ruhm erstrahlen sollte,
Ist in ein Schimpf- und Schmähwort umgewandelt?
Wie! wollt ihr dulden, daß man unsre Leiber
Am Huf der Pferde durch die Gassen schleift,
Daß unser Haar dem Pöbel um die Füße
Hinflattert, der, an unserm Unglück sich
Zu weiden und andächtig zu erbaun,
So leer die Kirchen und die Schauspielhäuser
Wie seine eignen Herzen lassen wird?
Soll, wie es ihr gefällt, die blöde Menge
Mit Flüchen oder welkem Mitleid uns
Bestreuen, wie mit trüben Trauerblumen,
Wenn als lebend'ge Leichen wir dahingehn,
Um – welch Gedächtniß hinter uns zu lassen?
Verzweiflung, Schande, Schrecken, Blut! O du,
Die eine Mutter der Verwaisten war,
Ermorde nicht dein Kind, und laß mein Leid
Nicht dich ermorden! Bruder, lege dich
An meiner Seite auf die Folterbank,
Und laß uns Beide stumm wie Leichen sein;
Bald wird sie weich sein wie das kühle Grab.
Die Lüge nur, die sie der Angst entpreßt,
Macht fürchterlich die Folter.

Giacomo.

Dir auch wird
Die grause Qual die Wahrheit bald entwinden.
Erbarm dich, sage, daß du schuldig bist!

Lucretia.

O, sprich die Wahrheit! Laß uns schleunig sterben!
Gott richtet nach dem Tode uns, nicht sie;
Er wird barmherzig sein.

Bernardo.

O, wenn es wirklich
Die Wahrheit ist, so sag es, liebe Schwester.
Dann wird der Papst dir sicherlich verzeihn,
Und Alles wird noch gut.

Richter.

Bekenne, sonst
Will ich mit ausgesuchten Martern –

Beatrice.

Martern!
Schafft in ein Spinnrad um die Folterbank!
Quält euren Hund, daß er gesteh', wann er
Zuletzt das Blut geleckt hat, das sein Herr
Vergoß, – nicht mich! Mein Weh ruht im Gemüth,
Im Herzen, in der Seele tiefster Tiefe,
Die Thränen bittrer Galle weint, da sie
In dieser argen Welt, wo Niemand wahr ist,
Mein eigen Blut sich selber treulos sieht.
O, denk' ich an dies jammervolle Leben,
Das ich gelebt, und das so gräßlich endet;
Und an die dürftige Gerechtigkeit,
Die mir und all' den Meinen Erd' und Himmel
Erwiesen; und welch ein Tyrann du bist,
Und wie zu Sklaven Diese sich erniedrigt;
Und was für eine Welt der Unterdrücker
Und die Bedrückten mit einander bilden –
Dies ist das Weh, das mir am Herzen frißt,
Und das mich reden heißt. Was willst du mir?

Richter.

Seid Ihr nicht schuld an eures Vaters Tod?

Beatrice.

Willst du nicht lieber Gott, den höchsten Richter,
Verklagen, daß er solche That erlaubt,
Wie ich sie litt, und wie er sie geschaut;
Daß er unnennbar sie gemacht, und mir
Nicht andre Zuflucht, Rach' und Sühne ließ,
Als das, was meines Vaters Tod du nanntest?
Ob es ein Frevel ist, ob nicht; ob ich
Die Thätrin bin, ob nicht, – sagt, was ihr wollt!
Ich werde nicht mehr leugnen. Wollt ihr's so,
Dann sei es so, und Alles sei geendet.
Thut euren Willen jetzt. Kein andrer Schmerz
Soll fürder mir ein andres Wort entringen.

Richter.

Es sei genug. Wenn sie auch nicht bekannte,
Ist sie doch überführt. Laßt Niemand reden
Mit ihnen, bis der Urtheilsspruch gefällt.
Auch Ihr, mein junger Graf, müßt Euch entfernen.

Beatrice.

O, reißt ihn nicht von meinem Herzen!

Richter.

Wachen!
Thut eure Pflicht!

Bernardo

( Beatricen umarmend).

Wollt ihr die Seele trennen
Vom Körper?

Offizier.

Das ist erst des Henkers Amt.

( Alle ab, außer Lucretia, Beatrice und Giacomo.)

Giacomo.

Hab' ich bekannt? Ist Alles nun vorüber?
Kein Ausweg? Keine Hoffnung? Böse Zunge,
Die mich vernichtet, hätt' ich ausgerissen
Dich lieber und den Hunden vorgeworfen!
Erst meinen Vater umzubringen, dann
Die eigne Schwester zu verrathen, – dich,
Das einz'ge reine, unschuldsvolle Wesen
In dieser schwarzen Welt, Dem hinzuopfern,
Was ich so wohl verdient! O, meine Kinder!
Mein Weib! verlassen, hülflos, arm! Und ich –
Mein Gott und Vater! kannst du Dem vergeben,
Der nicht vergab, wenn, ach! sein volles Herz
Also wie meines bricht?

( Er verhüllt weinend sein Antlitz.)

Lucretia.

O, theures Kind!
Welch gräßlich Ende haben wir erreicht!
Warum auch gab ich nach? Warum ertrug
Ich länger diese Martern nicht? O, könnt' ich
Zerfließen ganz in dieser Thränen Fluth,
Die fühllos und vergebens mir entströmt!

Beatrice.

Was Schwäche war, zu thun, ist schwächer noch,
Wenn es geschehn ist, zu beklagen. Muth!
Gott, der mein Leiden kennt, und unsre That
Zum Engel seines Zornes machte, scheint
Verlassen uns zu haben – doch, so scheint's nur.
Laßt uns nicht denken, daß wir dafür sterben.
Komm, Bruder, gieb mir deine feste Hand,
Du hattest sonst ein männlich Herz. Sei stark!
O, theure Mutter, leg dein sanftes Haupt
Auf meinen Schooß, daß dich der Schlaf umfange.
Dein Aug' ist matt und hohl und überreizt,
Vom Wachen schwer, und schwer von langem Gram.
Ich will ein leises Schlummerlied dir singen,
Nicht lustig, doch auch allzutraurig nicht;
Ein alt eintönig Ding, wie's hier zu Land
Gevatterinnen wohl beim Spinnrad singen,
Bis sie beinah vergessen, daß sie leben.
So, leg dich hin! Vergaß ich denn das Lied?
Ach! es ist trüber doch, als ich geglaubt.

( Sie singt.)

Weinst du oder lächelst du,
Falscher! wenn ich ging zur Ruh?
Thrän' oder Lächeln kümmert nicht
Der Leiche kaltes Angesicht.
Ade! lebwohl!
Was flüstert leis und hohl?
Eine Schlang' in deinem Lächeln ruht.
Und Gift in deiner Thränen Fluth.

Süßer Schlaf! wär' Tod wie du,
Oder wärst du ew'ge Ruh!
Dann entschlief' ich gramesschwer,
Zu erwachen – nimmermehr.
O Welt, leb wohl!
Die Glocke schallt so hohl!
Sie sagt uns: Scheiden müßt ihr Zwei,
Ob leicht, ob schwer das Herz euch sei.

( Der Vorhang fällt.)

 

Vierte Scene.

Eine Gefängnißhalle.

Camillo und Bernardo treten ein.

Camillo.

Der Papst ist streng, unbeugsam, nicht zu rühren.
So ruhig scheint er wie die Folterbank,
Die quält und tödtet, doch von allen Martern,
Die sie verübt, Nichts fühlt; ein Marmorbild,
Ein Brauch, ein Ritus, ein Gesetz, – kein Mensch.
Er runzelte die Stirn, als hieße ihn
Das Triebwerk, das ihn lenkt, die Stirne runzeln,
Wie ihm die Advokaten die Vertheid'gung
Vorlegten, und zerriß die Schrift in Fetzen,
Und murmelte mit harschem, heisrem Ton:
»Wer unter euch vertheidigte den Mord
Des alten Vaters?« Dann zu einem Andern:
»Du thatest es kraft deines Amtes. Gut!«
Dann wandt' er sich zu mir, dem Gnadeflehnden,
Und sprach drei Worte kalt: »Sie müssen sterben.«

Bernardo.

Und doch ließt Ihr nicht ab?

Camillo.

Ich drang in ihn,
Und stellt' ihm vor, welch teuflisches Beginnen
Des bösen Vaters Tod herbeigeführt.
Allein er sprach: »Paolo Santa Croce
Hat gestern seine Mutter umgebracht,
Und ist entflohn. Der Elternmord wird bald
So häufig, scheint's, daß uns die Jugend Alle
– Gewiß aus gutem Grund! – erdrosseln wird,
Wenn wir auf unserm Stuhl ein Schläfchen halten.
Die Macht, das Ansehn und das graue Haar
Sind todeswürdige Verbrechen schon.
Ihr seid mein Neffe, und Ihr fleht um Gnade
Für ihre Unthat; bleibt ein Weilchen noch!
Hier ist das Urtheil; kommt mir nicht vor Augen,
Bis es aufs Haar vollzogen ist.«

Bernardo.

O Gott,
Nein, nein! Ich glaubte sicherlich, daß Alles,
Was Ihr gesagt, nur düstre Vorbereitung
Zu froher Nachricht sei. O, Worte giebt's
Und Blicke, die den strengsten Vorsatz beugen.
Einst kannt' ich sie, jetzt hab' ich sie vergessen,
Wo ihrer ich am dringendsten bedarf.
Was meint Ihr, wenn ich mich zu ihm begäbe,
Und sein Gewand und seine Füße netzte
Mit meiner heißen, bittren Thränen Fluth?
Mit Bitten ihn bestürmte, sein Gehirn
Belästigte mit jammerndem Geschrei,
Bis er mit seinem Hirtenkreuz voll Wuth
Mich schlüg' und mein gebeugtes Haupt zerträte,
Sodaß mein Blut den Staub, auf den er tritt,
Besudelte, und Reue Gnad' erweckte?
Ich will es thun! Ja, ja! O, zögert noch,
Bis ich zurückgekehrt!

( Eilt hinaus.)

Camillo.

Ach, armer Knabe!
So mag ein Schiffer, der im Sturm gescheitert,
Erbarmen von dem tauben Meer erflehn.

( Lucretia, Beatrice und Giacomo, nebst Wachen, treten ein.)

Beatrice.

Ich wage kaum zu fürchten, daß Ihr andern
Entscheid uns bringet, als Begnadigung.

Camillo.

Sei Gott im Himmel minder unerbittlich
Dem Flehn des Papstes, als er meinem war.
Hier ist der Spruch und der Vollzugsbefehl.

Beatrice.

O Gott! Ist's möglich? Soll so rasch ich sterben?
So jung hinabgehn in das dunkle, kalte,
Verwesungsvolle, wurmdurchwühlte Grab?
Genagelt fest in einen engen Sarg?
Den holden Sonnenschein nicht mehr erblicken?
Nicht hören mehr des Lebens heitren Laut?
Nicht weilen mehr bei den gewohnten Dingen,
Die, wenn auch trüb, nun so verloren sind!
Wie schrecklich, Nichts zu sein! Nichts, oder – was?
Wo bin ich? Gott, o schütze mich vor Wahnsinn!
Himmel, vergieb die thörichten Gedanken!
Ha! wenn kein Gott, kein Himmel, keine Erde
Nun wär' in dieser weiten, öden Welt,
Der sternenlosen, unbewohnten Welt!
Und Alles wäre – meines Vaters Geist,
Sein Auge, seine Stimme, seine Hand
Rings um mich her und nimmer mich verlassend,
Die Luft, der Athem meines todten Lebens!
Und käm' er dann, dieselbige Gestalt,
Die mich auf Erden einst so furchtbar quälte,
Mit grauem Haar und Runzeln überdeckt,
Und schlösse mich in seine Höllenarme,
Und heftete auf mich den glühnden Blick,
Und zöge mich hinab, hinab, hinab!
Denn war nicht er allein allgegenwärtig
Auf Erden, und allmächtig? Lebt sein Geist,
Selbst da er todt ist, nicht in Allem fort,
Was athmet und mir und den Meinen noch
Verderben, Schmach, Verzweiflung, Qual erschafft?
Wer kehrte je zurück, uns die Gesetze
Des unbetretnen Todesreichs zu künden?
So ungerecht vielleicht wie jene, die
Uns fort jetzt treiben, ach! wohin, wohin?

Lucretia.

Vertrau auf Gottes Liebe und auf Christi
Verheißend Wort: Vor Abend werden wir
Im Paradiese sein.

Beatrice.

Es ist vorüber!
Nichts, was auch komme, soll den Muth mir rauben.
Und doch, ich weiß nicht, was berührt dein Wort
So eisig mich? Wie falsch und hohl und kalt
Und widrig, scheinen alle Dinge mir!
Viel Unrecht ist mir auf der Welt geschehn;
Es haben Gott und Menschen, oder wer
Mein Jammerloos gelenkt, ohn' Unterschied
Mit Gutem oder Bösem mich bedacht.
Nun werd' ich in der Jugend süßem Lenz
Hinweggerissen von der einz'gen Welt,
Die mir bekannt, von Leben, Licht und Liebe.
Ermahnt mich immerhin, auf Gott zu bauen;
Ich hoff' auf ihn zu baun. Auf wen auch sonst
Sollt' ich noch baun? Doch, ach, mein Herz bleibt kalt.

( Während der letzten Worte hat Giacomo im Hintergrund der Bühne mit Camillo
gesprochen. Letzterer geht jetzt hinaus; Giacomo tritt vor
.)

Giacomo.

Weißt du nicht, Mutter – Schwester, weißt du nicht?
Bernardo ist zum Papste hingeeilt,
Uns Gnade zu erflehen.

Lucretia.

Kind, vielleicht
Gewährt er sie. Wir Alle dürfen leben,
Und uns von diesem Leid in fernen Jahren
Erzählen, wie ein Märchen man erzählt.
Welch ein Gedanke! O, zum Herzen stürmt er
Wie warmes Blut.

Beatrice.

Bald werden beide kalt sein.
Laß ab von dem Gedanken! Schlimmer noch
Als die Verzweiflung, schlimmer als der Tod
Ist Hoffnung; denn sie ist das einz'ge Uebel,
Das Raum hat in der engen, kurzen Stunde,
Die schwindelnd unter unsern Füßen schwankt.
Beschwöre du des Frostes schnellen Hauch,
Daß er des Frühlings erste Blume schone;
Beschwör das Erderbeben, das erwacht,
Ob dessen Lager jetzt noch eine Stadt
Sich stark und schön und frei erhebt, und jetzt
Gestank und schwarze Nacht des Todes gähnen;
Beschwör die Pest, die auf den Fittichen
Des Windes naht, den blinden Blitz, das taube Meer, –
Nur nicht den Menschen, nicht den harten, kalten,
Scheinheiligen Menschen, welcher rechtlich ist
In Worten, doch ein Kain in der That!
Nein, Mutter, hoffe nicht! wir müssen sterben;
Dies ist der Lohn für ein unschuldig Leben,
Dies der Ersatz für jammervollstes Leid.
Und während unsre frechen Mörder leben,
Und harte, kalte Menschen durch die Welt
Der Thränen langsam, lächelnden Gesichts
Zum Tode wie zum Schlaf des Lebens wandeln,
Sollt' uns das Grab ein Ort der Freude sein.
Komm, finstrer Tod, komm und umfange mich
Mit deiner allumschließenden Umarmung!
Wie eine Mutter birg mich liebevoll
An deiner Brust, und wieg mich in den Schlummer,
Von welchem Niemand wieder aufgewacht!
Ihr aber, die ihr lebt, lebt fort als Sklaven,
Einer dem Andern unterworfen, wie
Einst wir gelebt, die jetzt –

Bernardo.

( stürzt herein.)

O, fürchterlich,
Daß Thränen, Blicke, Bitten, ausgeströmt
In Flehensworten, bis das leere Herz
Verzweifelnd zuckt' und brach, vergebens waren!
Die Todesboten harren an der Thür.
Blut, dünkt mich, sah ich auf des Einen Antlitz –
O, wär's ein Traum! Bald wird das Herzblut Aller,
Die ich geliebt auf Erden, ihn bespritzen,
Und vom Gewande wischt er es hinweg,
Als wär' es Regen nur. O Welt! o Leben!
Bedeckt mich! laßt mich nicht mehr sein! Den Spiegel
Der reinsten Unschuld, in den ich geblickt
Und gut und glücklich ward, in Staub zerschmettert
Zu sehen! Beatrice, dich, die Alles
Verschönte, worauf je dein Auge fiel, –
Dich, Licht des Lebens, todt zu sehn, verlöscht!
Und wenn ich Schwester sage, hören müssen:
Ich habe keine Schwester! – Und du, Mutter,
Du, deren Liebe wie ein Band sich schlang
Um unser Aller Liebe – todt nun, todt!
Das süße Band zerrissen!

( Camillo und Wachen treten ein.)

Weh, sie kommen!
Laß mich noch einmal diese Lippen küssen,
Eh' ihre Purpurblüthen welk und bleich
Und kalt geworden. Sag mir Lebewohl,
Eh' dir der Tod die süße Stimm' erstickt!
O, sprich zu mir!

Beatrice.

Lebwohl, geliebter Bruder!
Gedenk an unser trauriges Geschick,
Wie jetzt, in sanfter Trauer. Suche dir
Durch milderbarmende Gedanken stets
Des Grames Last zu lindern. Irre nicht
In zürnender Verzweiflung; irre lieber
In Thränen und Geduld. Noch Eins, mein Kind!
Um deinetwillen sei getreu der Liebe,
Die du uns stets bewiesen, und dem Glauben,
Daß ich, obschon mich eine finstre Wolke
Von Schande und Verbrechen eingehüllt,
Stets heilig, rein und fleckenlos gelebt.
Und wenn mich böse Zungen auch verletzen,
Wenn unser Name wie ein Brandmal auch
Auf deine reine Stirn gezeichnet steht,
Sodaß die Menschen im Vorübergehn
Mit Fingern auf dich weisen, so ertrag es,
Und denke, ach, von Denen Böses nie,
Die dich vielleicht in ihrem Grab noch lieben.
Dann magst du ruhig sterben, ohne Furcht
Und Schmerz, wie ich. Lebwohl! Lebwohl! Lebwohl!

Bernardo.

Ich kann nicht sagen: Lebewohl!

Camillo.

O Fräulein!

Beatrice.

Ersparet Euch den unnütz herben Schmerz,
Herr Kardinal. Komm, Mutter, binde mir
Den Gürtel zu, und knüpfe mir das Haar
In einen schlichten Knoten. So ist's gut.
Das deine, seh' ich, ist schon aufgelöst.
Wie oftmals halfen wir einander so!
Nun thaten wir's zum letzten Male. Herr,
Wir sind bereit. Gut, so ist Alles gut!

 

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