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Percy Bysshe Shelley: Die Cencit - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
authorPercy Bysshe Shelley
titleDie Cencit
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
translatorAdolf Strodtmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150204
projectid26d0d6bf
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Vierter Aufzug

Erste Scene.

Ein Zimmer im Schloß Petrella.

Cenci tritt ein.

Cenci.

Sie kommt nicht; doch verließ ich eben sie
Ohnmächtig und besiegt. Sie kennt die Strafe
Des Säumens; – doch wenn eitel wär' mein Drohn?
Bin ich nicht in Petrella's Mauern jetzt?
Was fürcht' ich denn der Römer Aug' und Ohren!
Könnt' ich sie schleifen nicht am goldnen Haar?
Mit Füßen treten? ihr den Schlummer rauben,
Bis ihr Gehirn verstört wird? sie mit Ketten
Und Hunger zähmen? Weniger reichte hin.
Doch unerfüllt dann bliebe mir, was ich
Zumeist begehre. Nein, ihr trotz'ger Wille
Soll sich aus eigner Wahl so tief erniedern
Wie das Gewicht, das ihn zu Boden zieht.

( Lucretia tritt ein.)

Du widrig Weib! verbirg dich meinem Haß!
Fort! fort! Nein, bleib! heiß Beatricen kommen.

Lucretia.

O, mein Gemahl! bei deiner Seele Heil
Beschwör' ich dich, bedenke, was du thust.
Ein Mann, der so, wie du, durch Frevel schreitet
Und durch Gefahren seines frevlen Thuns,
Mag jede Stunde taumeln in sein Grab.
Und du bist alt, dein Haar ist schon ergraut;
Willst du vor Tod und Hölle dich erretten,
Erbarm dich deiner Tochter! einem Freund
Gieb sie zur Ehe, daß sie nicht zu Haß
Und Schlimmerem dich noch versuchen möge,
Wenn Schlimmres denkbar ist.

Cenci.

Was? gleich der Schwester,
Die eine Heimatstatt gefunden hat,
Und meines Zorns in ihrem Glücke spottet?
Verderben treffe sie und dich und Alle,
Die übrig sind! Wie schnell mein Tod auch sei,
Ihr Schicksal wird noch schneller sich vollenden.
Geh, ruf sie her, bevor mein Sinn sich ändert,
Sonst schleif' ich an den Haaren sie herbei.

Lucretia.

Sie sandte mich zu dir. Du weißt, sie fiel
In deiner Gegenwart verzückt in Schlaf,
Und in dem Schlaf vernahm sie eine Stimme:
»Cenci muß sterben! mög' er Beichte thun!
Der Anklag-Engel wartet noch, zu hören,
Ob Gott, zur Strafe seiner Missethaten,
Sein sterbend Herz verstockt!«

Cenci.

Hm, – nicht unmöglich.
Gott kann sich offenbaren, sicherlich!
Klar ist's, daß er mich selbst begünstigt hat,
Denn meine Söhne tödtete mein Fluch. –
Unrecht und Recht ist Faselei; die Reue
Ist eines müßigen Augenblickes Werk,
Und hängt mehr ab von Gott, als mir. Wohlan,
Ich muß dem großem Plan entsagen, ihr
Die Seele zu vergiften und verderben.

( Pause. Lucretia nähert sich ihm angstvoll, und schaudert bei seinen Worten zurück.)

Eins – zwei – ja, Rocco und Christofano
Hat hingewürgt mein Fluch; und Giacomo
Wird eine schlimmre Hölle hier im Leben
Als nach dem Tode finden. Beatrice
Soll, wenn des Hasses Plan mir irgend glückt,
In Gotteslästrung und Verzweiflung sterben.
Bernardo ist so schuldlos – ihm vermach' ich
Das Angedenken dieser Thaten all',
Und seine Jugend sei das Grab der Hoffnung,
Wo schändliche Gedanken, wie das Unkraut
Auf langvergess'nem Todtenhügel, blühn.
Wenn alles dies geschehn, will ich mein Gold
Und Silber, meine prächtigen Gewänder,
Gemälde, Teppiche und Pergamente
Und meines Reichthums Zeugnisse zumal
In der Campagna auf einander thürmen,
Und draus ein lust'ges Freudenfeuer machen,
Daß Nichts von meinen Gütern übrig sei,
Als nur mein Name, der für meinen Erben
Ein ew'ges Mal der Schande bleiben soll.
Ist dies gethan, so geb' ich meine Seele,
Die eine Geißel für die Menschheit war,
In Dessen Hände, der sie schwang, zurück.
Sei es zu meiner oder Andrer Strafe,
Nicht eher wohl verlangt er mir sie ab,
Bis sie in ihrer letzten, tiefsten Wunde
Zerbrochen ist, und all ihr Haß erschöpft.
Doch, daß der Tod nicht meinen Vorsatz störe,
Sei rasch und kurz mein Werk!

( Will gehen.)

Lucretia.

O, halte ein!
Es war Erdichtung nur; kein Traumgesicht
Hat sie gehabt, und keinen Ruf vernommen.
Ich sagt' es nur, um dich zu schrecken.

Cenci.

Schön!
Verworfnes Weib, mit Gottes heil'gem Wort
Hast du gespielt! so möge deine Seele
An dieser lästerlichen Lüg' ersticken!
Für Beatricen hab' ich schlimmre Schrecken,
Sie meinem Willen unterthan zu machen.

Lucretia.

O, welchem Willen? Welches grausre Leid,
Als sie schon litt, kannst du ihr auferlegen?

Cenci.

Andrea! geh, und rufe meine Tochter!
Wenn sie nicht kommt, sag' ihr, dann komme ich. –
Du fragst mich, was für Leiden? Schritt für Schritt
Will ich durch unerhörte Schmach sie schleifen;
Schutzlos soll sie im Hellen Mittagsstrahl
Des Hohns, der Schande und Verachtung stehn,
Für Thaten, rings im Volke ausposaunt,
Worunter eine ist – erräthst du, was? –
Sie soll (wovor am meisten sie erbebt,
Das sei ein Zauber ihrem eklen Willen)
Dem eigenen Bewußtsein werden, was
Sie Andern scheint; und wenn der Tod sie trifft,
So soll sie ohne Beicht' und Sühne sterben,
Aussätzig wider Gott und ihren Vater.
Ihr Leichnam soll der Hunde Beute werden,
Ihr Nam' ein Schrecken auf der Erde sein,
Und ihre Seele nahe Gottes Thron,
Von meinem Fluch verpestet. Leib und Seele
Will ich zu einem Trümmerhaufen machen.

Andrea

( tritt ein).

Das Fräulein Beatrice –

Cenci.

Bleicher Sklav!
Was sagte sie?

Andrea.

O Herr, sie sah mich an
Mit einem grausenvollen Blick, und sprach:
»Geh, sage meinem Vater, daß der Schlund
Der Hölle zwischen ihm und mir sich aufthut;
Er überschreite ihn – ich werd' es nicht.«,

Cenci.

Geh du, Lucretia! sag ihr, daß sie komme;
Doch laß sie wissen, daß ihr Kommen mir
Bezeugt, sie füge sich in meinen Willen.
Und sag ihr ferner noch, wenn sie nicht käme,
So träfe sie mein Fluch.

( Lucretia ab.)

Ha! ist es nicht
Ein Vaterfluch, durch welchen Gott das Heer
Der Sieger angstvoll zittern macht, und Städte
Im Glück erbleichen läßt? Der Weltenvater
Muß, was ein Vater gegen seine Kinder
Erfleht, gewähren, ob der Betende
Auch sündig sei, wie mich die Menschen nennen.
Wird der rebellischen Brüder Tod sie nicht
Erschrecken, eh' ich spreche? Denn für sie
Erfleht' ich schnellsten Tod, und er erschien.

( Lucretia kommt zurück.)

He, Weib? was ist's?

Lucretia.

Sie sprach: »Ich kann nicht kommen;
Geh, sage meinem Vater, daß ein Strom
Von seinem Blut hintobe zwischen uns.«

Cenci

( niederknieend).

Gott, höre mich! Ist dieser schöne Stoff,
Aus dem du meine Tochter bildetest;
Ist dies mein Blust dies Theil von meinem Wesen;
Dies Gift vielmehr und diese Krankheit, die
Mich ansteckt und vergiftet; dieser Teufel,
Der mir wie einem Höllenschlund entsprang,
Zu einem guten Zweck erschaffen worden;
Ward ihre holde Lieblichkeit entzündet,
Daß sie erhelle diese finstre Welt;
Und sollten, von der Liebe Thau genährt,
In ihrem Busen Tugenden erblühn,
Die friedlich schön das Leben ihr gestalten:
So bitt' ich dich um meinethalb, da du
Ihr, mein und Aller Gott und Vater bist,
Erhör mich, widerrufe jenen Spruch!
Du, Erde, reich' im Namen Gottes Gift
Zur Nahrung ihr, bis sie von Pestgeschwüren
Ringsum entstellt ist! Himmel, geuß herab
Auf sie der widrigen Maremmen Thau,
Bis sie gefleckt wie eine Kröte wird!
Verdorre ihr die liebentflammten Lippen,
Und laß der Glieder hehren Bau zusammen
In ekle Lahmheit schrumpfen! Ew'ge Sonne,
Du allesschaunde, triff in deinem Neid
Mit deiner Strahlen blendenden Geschossen
Die lebensprühnden Augen ihr!

Lucretia.

Halt ein!
Halt ein! Um deinetwillen nimm zurück
Die fürchterlichen Worte! Denn wenn Gott
Dein Fluchgebet erhört, so straft er dich.

Cenci

(springt auf und erhebt die Rechte gen Himmel).

Er thue seinen Willen, ich den meinen!
Und jetzt noch Eins: – Wenn sie ein Kind gebiert –

Lucretia.

Entsetzlicher Gedanke!

Cenci.

Wenn sie je
Ein Kind gebiert – (und dich, Natur, beschwör' ich
Bei deinem Gott, sei fruchtbar du in ihr,
Und wachs' und mehre dich, wie sein Gebot
Befiehlt und wie mein heiß Gebet erfleht!) –
So sei's ein garstig Abbild ihrer selbst,
Das wie des Fratzenspiegels Bild sie anschaut,
Gemischt mit Dem, was sie am meisten haßt,
Wenn es von ihrer Brust hernieder lächelt.
Von Jugend auf mag Tag für Tag dies Kind
An Bosheit wachsen und an Mißgestalt,
In Elend wandelnd seiner Mutter Liebe;
Und Beide mögen leben, bis das Kind
Der Mutter Müh' und Sorgfalt zahlt mit Haß
Und jedes Unnatürliche vollbringt,
Und durch das Hohngeschrei der lauten Welt
Sie in ein schmachbeflecktes Grab hinabhetzt.
Nun, soll ich widerrufen? Heiß sie kommen,
Bevor der Himmel meinen Fluch verzeichnet.

( Lucretia ab.)

Mir ist zu Muth, als wär' ich nicht ein Mensch,
Sondern ein Dämon, der bestimmt, zu zücht'gen
Die Frevel einer unbekannten Welt.
Mein Blut rast in den Adern auf und ab!
Furchtbare Wonne macht es wild erglühen;
Ein Schwindel jähen Grausens faßt mich an;
Und in Erwartung gräßlich toller Lust
Pocht mir das Herz.

( Lucretia kommt zurück.)

Nun? sprich!

Lucretia.

Sie heißt dich fluchen;
Und wenn dein Fluch die Seel' ihr tödten könnte,
Was er nicht kann –

Cenci.

Sie würde doch nicht kommen.
Gut! Ich kann Beides thun: zuerst mir nehmen,
Was ich begehre, dann Bewilligung
Erzwingen. Fort in deine Kammer! flieh,
Eh' dich mein Zorn zermalmt, und hüte dich,
Daß du heut Nacht nicht meine Schritte kreuzest.
Es wäre sichrer, zwischen einen Tiger
Und seinen Raub zu treten!

( Lucretia ab.)

Es muß spät sein;
Denn schwer und trübe senkt auf meine Augen
Sich ungewohnte Schläfrigkeit herab.
Gewissen! unverschämteste der Lügen!
Man sagt, daß Schlaf, der milde Himmelsthau,
Mit seinem Balsam nicht das Hirn umfange,
Das dich als Wahn erkannt. Ich will nun gehn,
Mit einer Stunde Rast, die tief und ruhig
Sein wird, zum Lügner dich zu machen – dann,
O Hölle, soll der Teufel Freudejauchzen
Erschüttern weit dein ehernes Gewölb!
Der Himmel soll von Klagen widerhallen,
Wie über eines Engels Fall! Auf Erden
Soll alles Gute welk und siech vergehn,
Und alles Böse soll durch einen Geist
Entartet wilden Lebens aufgereizt
Und angestachelt werden – so wie ich! ( Ab.)

 

Zweite Scene.

Vor dem Schloß Petrella.

Beatrice und Lucretia auf den Wällen.

Beatrice.

Sie kommen noch nicht.

Lucretia.

Kaum ist's Mitternacht.

Beatrice.

Wie langsam schleppt der träge Fuß der Zeit
Sich nach dem Flug der eilenden Gedanken,
Die krank vor Hast!

Lucretia.

Es schwinden die Minuten –
Wenn er erwachte, eh' die That geschehn?

Beatrice.

O Mutter! nimmer darf er mehr erwachen.
Was du gesagt hast, überzeugt mich fest,
Daß unsre That nur einen Geist der Hölle
Aus einem Menschenkörper bannt.

Lucretia.

's ist wahr,
Er sprach für einen solchen Bösewicht
Mit seltner Zuversicht von Tod und Zukunft;
Wie Einer, der an Gott glaubt, aber sich
Um Gutes oder Böses nicht bekümmert.
Doch ohne Beichte sterben! –

Beatrice.

O, der Himmel
Ist gnädig und gerecht; sei überzeugt,
Er fügt die grause Noth, die uns gezwungen,
Der Rechnung seiner Sünden nicht hinzu.

( Olimpio und Marzio erscheinen unten.)

Lucretia.

Sie kommen.

Beatrice.

So eilt alles Irdische
Dem dunklen Ziel entgegen. Komm herab!

( Lucretia und Beatrice verschwinden oben.)

Olimpio.

Wie ist dir bei der That zu Muth?

Marzio.

Ich denke,
Daß tausend Kronen ein recht guter Preis
Für eines alten Mörders Leben sind.
Dein Angesicht ist bleich.

Olimpio.

Der Widerschein
Von deinen Wangen ist's, was bleich du nennst.

Marzio.

Siehst du denn immer so?

Olimpio.

Vielleicht auch ist's
Mein Haß und langverhaltner Rachedurst,
Was jetzt das Blut aus ihnen fortgescheucht.

Marzio.

So hast du also Lust zu dem Geschäft?

Olimpio.

Gewiß, wenn man mir tausend Kronen böte,
Um eine Schlange, die mein Kind verletzte,
Zu tödten, könnt' ich es nicht lieber thun.

( Beatrice und Lucretia erscheinen unten.)

Erlauchte Damen, seid gegrüßt!

Beatrice.

Seid ihr
Entschlossen?

Olimpio.

Schläft er schon?

Marzio.

Ist Alles ruhig?

Lucretia.

Ich mischt' ihm einen Schlaftrunk in den Wein;
Er schläft so fest und tief –

Beatrice.

Daß ihm der Tod
Ein Wechsel nur von sündenvollen Träumen,
Fortsetzung seiner innern Hölle sein wird,
Die Gott verlösche! Doch, seid ihr entschlossen?
Ihr wißt, es ist ein hohes, heil'ges Werk!

Olimpio.

Wir sind entschlossen.

Marzio.

Die Verantwortung
Der That ist eure Sache.

Beatrice.

Nun, so folgt mir!

Olimpio.

Horch! Welch Geräusch ist das?

Marzio.

Ha! Jemand kommt!

Beatrice.

Ihr skrupelvollen Memmen, lullt zur Ruh'
Eur kindisch Herz! Es ist das Eisenthor,
Ihr ließt es offen, und es knarrt im Winde,
Der spöttisch pfeift. Kommt, folgt mir! Euer Schritt
Sei, wie der meine, leicht und schnell und kühn!

( Alle ab.)

 

Dritte Scene.

Ein Zimmer im Schlosse.

Beatrice und Lucretia treten ein.

Lucretia.

Sie sind am Werk.

Beatrice.

Nein, es ist schon gethan.

Lucretia.

Sein Röcheln hört' ich nicht.

Beatrice.

Er wird nicht röcheln.

Lucretia.

Horch! Welch ein Laut ist das?

Beatrice.

Es sind die Schritte,
Die leis sein Bett umschleichen.

Lucretia.

O mein Gott!
Vielleicht ist er ein kalter Leichnam jetzt –

Beatrice.

O fürchte das nicht, was geschehen kann;
Nein, das, was ungeschehen bleibt! Die That
Besiegelt Alles.

( Olimpio und Marzio treten ein.)

Ist's geschehen?

Marzio.

Was?

Olimpio.

Rieft Ihr uns nicht?

Beatrice.

Wann?

Olimpio.

Jetzt.

Beatrice.

Ich frage euch,
Ob ihr die That vollbracht.

Olimpio.

Wir wagen nicht
Den alten Mann im Schlafe zu ermorden;
Sein dünnes graues Haar, die würd'ge Stirn,
Die hagern Hände, auf der Brust gefaltet,
Der harmlos stille Schlaf, in dem er lag,
Entsetzten mich. Fürwahr, ich kann's nicht thun.

Marzio.

Doch ich war kühner; denn ich schalt Olimpio,
Und rieth ihm, Leid und Unrecht zu ertragen
Bis an sein Grab, und mir den Lohn zu lassen.
Dann zückt' ich auf die schlaffe, magre Kehle
Mein Messer, doch im Schlummer fuhr der Greis
Empor und sprach: »Erhöre, Gott, erhöre
Des Vaters Fluch! Bist du nicht unser Vater?«
Dann lacht' er auf. Mir war, als redete
Des todten Vaters Geist aus seinen Lippen;
Ihn tödten konnt' ich nicht.

Beatrice.

Elende Sklaven!
Wagt ihr nicht, einen Schlafenden zu tödten,
Woher denn fandet ihr die Dreistigkeit
Mit unvollbrachter That vor mich zu treten?
Ihr feilen Schufte! Memmen und Verräther!
Was für ein albern Ding ist dies Gewissen,
Das ihr für Gold und Rachedienst verkauft?
Tagtäglich schläft's bei tausend Frevelthaten,
Die eine Schande für die Menschheit sind;
Und nun, bei einer Handlung, wo Erbarmen
Den Himmel schänden würde – Doch, was red' ich?

( Sie entreißt einem von ihnen den Dolch und erhebt ihn.)

Und wagtest du zu sagen: »Sie erschlug
Den eignen Vater«, dennoch müßt' ich's thun!
Doch wähnt nicht, daß ihr lang ihn überlebt!

Olimpio.

Halt ein, um Gotteswillen!

Marzio.

Ich will gehn,
Und ihn ermorden.

Olimpio.

Gebt die Waffe her!
Wir müssen Euren Willen thun.

Beatrice.

Da, nehmt!
Geht! Kehret bald zurück!

( Olimpio und Marzio ab.)

Wie bleich du bist!
Wir thun nur eine That, die ungethan
Zu lassen tödliches Verbrechen wäre.

Lucretia.

O, wär's vollbracht!

Beatrice.

Indeß sich deine Seele
Mit diesem Zweifel quält, erfuhr die Welt
Schon eine Aendrung. Finsterniß und Hölle
Verschlangen jenen Dunst, den sie gesandt,
Des Lebens süßes Licht in Nacht zu hüllen.
Mich dünkt, mein Athem hebt sich leichter schon,
Und freier rollt mir das erstarrte Blut
Durch meine Adern hin. Horch!

( Olimpio und Marzio lehren zurück.)

Er ist –

Olimpio.

Todt!

Marzio.

Wir haben ihn erdrosselt, daß kein Blut
Zu sehen sei, und in den Garten warfen
Wir seinen Leichnam vom Balkon herab;
So scheint's, als sei er dort hinabgefallen.

Beatrice.

( giebt ihnen einen Beutel mit Geld).

Da, nehmt dies Gold, und macht euch schnell von hinnen!
Und, Marzio, weil dir nur vor dem gegraut,
Was mich erzittern machte, trage Dies!

( Wirft ihm einen reichgestickten Mantel um.)

Es ist der Mantel, den mein Aeltervater
In hohem Glück zu Aller Neide trug;
So mag die Welt auch dein Geschick beneiden!
Du warst ein Rüstzeug in der Hand des Herrn
Zu gutem Zwecke. Lebe lang und glücklich!
Und wenn Verbrechen du begangen hast,
Bereue sie; – doch diese That ist keins.

( Ein Horn erschallt.)

Lucretia.

Horch! horch! es ist das Burghorn. O mein Gott!
Es schallt wie die Posaune des Gerichts.

Beatrice.

Es kommt gewiß ein läst'ger Gast.

Lucretia.

Die Brücke
Wird schon herabgelassen, und der Hof
Erdröhnt von Roßgetrampel. Flieht, verbergt euch!

( Olimpio und Marzio ab.)

Beatrice.

Komm, laß uns gehn und tiefe Ruh' erheucheln!
Sie zu erheucheln brauch' ich fast nicht mehr;
Der Geist, der über diese Glieder herrscht,
Scheint wunderbar beruhigt. Ja, ich könnte
Furchtlos und friedlich schlafen. Alles Leid
Ist sicherlich verrauscht jetzt und verwunden.

( Beide ab.)

 

Vierte Scene.

Ein anderes Zimmer im Schlosse.

Auf der einen Seite wird der Legat Savella von einem Diener hereingeführt;
von der andern treten Lucretia und Bernardo ein
.

Savella.

Erlauchte Frau! es möge mich mein Amt
Bei Seiner Heiligkeit entschuldigen,
Daß so zur Unzeit Eure Ruh' ich störe.
Ich muß Graf Cenci sprechen. Schläft er schon?

Lucretia.

( hastig und verwirrt).

Ich glaub', er schläft; doch weckt ihn jetzt nicht auf!
Ich bitt' Euch, schonet mein ein Weilchen noch!
Er ist ein böser und ein zorn'ger Mann;
Würd' er zu Nacht aus seinem Schlaf gestört,
Der eine Hölle böser Träume ist,
Es wär' nicht gut, – fürwahr, es wär' nicht gut.
Harrt bis zum Morgengraun –

( bei Seite.)

O, ich vergehe!

Savella.

Es schmerzt mich, Euch zu stören, doch der Graf
Muß Rede stehn auf Klagen schwerster Art,
Und zwar sofort; so ist mir's aufgetragen.

Lucretia.

( in steigender Aufregung).

Ich wag' ihn nicht zu wecken, Niemand wagt's;
Gefährlich wär's; – Ihr könntet grad so sicher
Die Schlange wecken, oder einen Leichnam,
In dem ein Teufel schliefe.

Savella.

Edle Frau!
Gezählt sind meines Aufenthalts Minuten.
Wenn es kein Andrer wagt, so weck' ich selbst
Ihn aus dem Schlaf.

Lucretia.

( bei Seite).

O Schrecken! O Verzweiflung!

( Zu Bernardo.)

Bernardo, führe du den Herrn Legaten
Zu deinem Vater hin.

( Savella und Bernardo ab. Beatrice tritt ein.)

Beatrice.

Ein Bote ist's,
Gesandt, um den Verbrecher zu verhaften,
Der jetzt vorm Thron des höchsten Richters steht.
Der Himmel und die Erde sprechen beide
Uns frei von Schuld.

Lucretia.

O Todesqual der Angst!
Ich wollt', er lebte noch! denn eben hört' ich,
Wie die Begleiter des Legaten, sich
Zuflüsternd, sprachen im Vorübergehn,
Sie hätten Vollmacht, ihn sofort zu tödten.
Schon durch erlaubte Mittel war die That
Verfügt, die wir so theuer büßen müssen.
Horch! jetzt durchsuchen sie das Schloß, und finden
Den Leichnam; jetzt argwöhnen sie die Wahrheit,
Und pflegen Rath, eh' sie der That uns zeihn.
Entsetzlich, Alles ist entdeckt!

Beatrice.

O Mutter,
Was uns die Klugheit räth, ist wohlgethan.
Sei kühn, wie du gerecht bist. Kindisch ist's,
Zu fürchten, daß dich Andere durchschauen,
Weil dich dein eigenes Gewissen schreckt,
Und so durch deines Augs unstäten Blick
Und deiner Wangen Blässe zu verrathen,
Was du verbergen möchtest. Sei dir selbst
Getreu, und fürchte keinen andren Zeugen,
Als deine Furcht. Denn wenn, was denkbar kaum,
Ein Umstand uns verklagte, können wir
Mit solchem Staunen blenden den Verdacht,
Und mit so unschuldsvollem Stolz ihm trotzen,
Wie Mörder nimmermehr erheucheln werden.
Geschehen ist die That; was draus entstehe,
Berührt mich nicht. So ungebunden fühl' ich
Mich wie das Licht, frei wie die Luft, fest wie
Der Mittelpunkt der Welt. Die Folgen sind mir
Dem Sturmwind gleich, der um den Felsen heult,
Allein ihn nicht erschüttert.

( Geschrei und Lärm hinter der Scene.)

Stimmen.

Mord! Mord! Mord!

( Bernardo und Savella treten wieder ein.)

Savella.

( zu seinen Begleitern).

Geht, und durchsucht das Schloß! schlagt Lärm! verschließt
Die Thore, daß kein Mensch entwischt!

Beatrice.

Was giebt's?

Bernardo.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll – mein Vater
Ist todt.

Beatrice.

Wie, todt? Er schläft nur, ja, du irrst dich.
Sein Schlaf ist äußerst still, dem Tode gleich;
Daß ein Tyrann so trefflich schläft, ist seltsam.
Er ist nicht todt!

Bernardo.

Ja, todt! Ermordet!

Lucretia.

Nein,
O nein! Todt mag er sein, doch nicht ermordet;
Ich hab' allein die Schlüssel seiner Zimmer.

Savella.

Hm! steht es so?

Beatrice.

Mein Herr, entschuldigt uns;
Wir wollen gehn; der Mutter ist nicht wohl;
Sie scheint ganz überwältigt von dem Schreck.

( Lucretia und Beatrice ab.)

Savella.

Habt Ihr Verdacht, wer ihn ermordet hat?

Bernardo.

Ich wüßte nicht.

Savella.

Könnt Ihr mir Jemand nennen,
Der seinen Tod zu wünschen hätte?

Bernardo.

Ach!
Wohl Jeder mußt' ihn wünschen, und zumeist
Die, welche ob der That am meisten jammern,
Die Mutter, meine Schwester, und ich selbst.

Savella.

Seltsam! Gewalt ist offenbar verübt.
Ich fand des Alten Leichnam in dem Mondlicht,
Wie unter seines Zimmers Fenster er
In einer Pinie Zweigen hing; er konnte
Unmöglich dort hinabgefallen sein,
Denn seine Glieder lagen schlaff und kraftlos;
Zwar Blut war nicht zu sehn. Seid doch so gut –
(Denn wichtig muß es Eurem Hause sein,
Daß Alles klar wird) – bittet Eure Damen,
Mit ihrer Gegenwart mich zu erfreun.

( Bernardo ab. Marzio wird von Wachen hereingeführt.)

Wache.

Wir haben Einen.

Offizier.

Herr, wir fanden Diesen
Und einen andern Schuft den Fels umschleichen.
Kein Zweifel ist, daß sie die Mörder sind,
Denn Jeder hatte einen Sack mit Geld;
Der Kerl hier trug ein goldgesticktes Kleid,
Das, hell im Mondlicht unter dunklen Felsen
Erschimmernd, unsern Blicken sie verrieth.
Der Andre fiel, verzweiflungsvoll sich wehrend.

Savella.

Was sagt er aus?

Offizier.

Hartnäckig schweigt er; doch
In seiner Tasche fand man diesen Brief.

Savella.

Aufrichtig wenigstens sind diese Zeilen.

( Liest.)

»An Fräulein Beatrice.
Damit Dir bald Sühne für das zu Theil werde, was ich nur mit Grausen zu vermuthen wage, sende ich Dir, auf Wunsch Deines Bruders, diese Leute, welche mehr sagen und thun werden, als ich zu schreiben wage.
Dein ergebener Diener,
Orsino.«

( Lucretia, Beatrice und Bernardo treten wieder ein.)

Kennt Ihr dies Schreiben, Fräulein?

Beatrice.

Nein.

Savella.

Auch Ihr nicht?

Lucretia.

( deren Benehmen die ganze Scene hindurch die höchste Aufregung verräth).

Wo fand man es? Was ist's? Fast scheint es mir
Orsino's Hand. Es spricht von jenem Greuel,
Der nimmer Worte fand, und eine Kluft
Von schwarzem Hasse zwischen dieser Armen
Und ihrem todten Vater schuf.

Savella.

Ist's so?
Ist's wahr, daß Euer Vater solche Schmach
Euch anthat, daß unkindlich Euer Herz
In Haß entbrannte?

Beatrice.

Haß? Nein, mehr als Haß;
Ich leugn' es nicht – doch weßhalb fragt Ihr mich?

Savella.

Weil eine That geschah, die Solches heischt;
Doch Ihr wollt ein Geheimniß mir verhehlen.

Beatrice.

Was sagt Ihr? Herr, Ihr redet rasch und dreist.

Savella.

Im Namen Seiner Heiligkeit verhaft' ich
Euch Alle. Ihr begleitet mich nach Rom.

Lucretia.

O, nicht nach Rom! Wir sind fürwahr nicht schuldig.

Beatrice.

Schuldig? Wer wagt von Schuld zu reden? Herr,
Ich bin des Vatermords unschuld'ger, als
Ein Kind, das vaterlos geboren ward.
O Mutter, deine Sanftmuth und Geduld
Beschirmen dich nicht vor der argen Welt,
Vor der zweischneid'gen Lüge, die nur scheint,
Nicht ist. Wie! wollen menschliche Gesetze,
Wollt ihr vielmehr, die sie verwalten, erst
Jedweden Pfad der Sühne streng verschließen,
Und dann, wenn sich der Himmel selbst erbarmt,
Zu thun, was ihr versäumt, sich niedern Werkzeugs
Bedienend, unerhörte Schmach zu rächen, –
Wollt ihr die Opfer, welche dies erfleht,
Zu Schuld'gen machen? Nein, ihr seid die Schuld'gen!
Der Arme, der dort bleich und zitternd steht,
War, wenn er wirklich Cenci's Mörder ist,
Ein Schwert in Gottes allgerechter Hand.
Weßhalb denn hätte ich es schwingen sollen,
Wenn Gott die Frevel, welche keine Zunge
Zu nennen wagt, nicht zu bestrafen säumt?

Savella.

Gesteht Ihr, daß Ihr seinen Tod gewünscht?

Beatrice.

Wär's ein Verbrechen doch, geringer nicht
Als seins, gewesen, wenn der heiße Wunsch
Nur einen Augenblick in meinem Herzen
Erloschen wäre. Es ist wahr, ich glaubte,
Ich hoffte, betete, und wußte selbst
– Denn Gott ist weise und gerecht, – daß ihn
Ein seltsam jäher Tod ereilen würde.
Wahr ist's, daß dies geschah, und wahrer noch,
Daß anders keine Ruh' für mich auf Erden,
Und keine Hoffnung mir im Himmel blieb –
Doch was beweist Euch dies?

Savella.

Der ungewohnte
Gedanke zeugt die ungewohnte That;
Und beide seh' ich hier. Ich richt' Euch nicht.

Beatrice.

Und dennoch, wenn Ihr mich verhaftet, seid Ihr
Der Richter und der Henker Dessen, was
Des Lebens Leben ist. Den reinen Namen
Befleckt der Athem der Beschuld'gung schon,
Und läßt uns, freigesprochen, übrig nur
Das arme Leben, welches ohne ihn
Zur Larve wird. Unwahr, höchst unwahr ist's,
Daß ich verruchten Vatermordes schuldig;
Obschon es mich mit vollem Recht erfreut,
Daß andre Hände meines Vaters Seele
Vor Gottes Thron gesandt, um das Erbarmen
Dort zu erflehen, das er mir versagt.
Gebt uns denn frei, befleckt ein edles Haus
Nicht mit dem Argwohn unverübten Frevels;
Fügt unserm Leid und Dem, was Ihr versäumt,
Nicht Schwereres hinzu; es sei genug;
Laßt uns den kargen Rest!

Savella.

Ich darf nicht, Fräulein.
Bereitet Euch, mit mir nach Rom zu gehn;
Dort wird der Papst das Weitere verfügen.

Lucretia.

O, nicht nach Rom! O, führt uns nicht nach Rom!

Beatrice.

Warum nach Rom nicht, liebe Mutter? Dort,
Wie hier, wird unsre Unschuld ehrnen Fußes
Zertreten die Beschuld'gung. Gott ist dort
Wie hier, und hüllt in seinen mächt'gen Schatten
Unschuld'ge, Schwache und Gekränkte ein,
Und solche sind auch wir. Muth, theure Mutter!
Stütz dich auf mich, und sammle dich. – Mein Herr,
Sobald Ihr Euch ein wenig erst erfrischt
Und alle Forschungen an Ort und Stelle
Beendigt habt, die nöthig Euch erscheinen
Zum völligen Verständniß dieser That,
Trefft Ihr uns reisefertig. Mutter, komm!

Lucretia.

O Gott! man wird uns auf die Folter spannen,
Und Selbstanschuld'gung unsrer Pein entwinden.
Wird Giacomo dort sein? Orsino? Marzio?
Sie Alle da? sich gegenüber stehend,
Erforschend Jeder aus des Andern Zügen,
Was jedes Herz durchbebt! O, fürchterlich!

( Sie sinkt ohnmächtig nieder, und wird hinausgetragen.)

Savella.

Sie fällt in Ohnmacht; hm, ein böses Zeichen!

Beatrice.

Mein Herr, sie kennt noch nicht den Brauch der Welt.
Sie fürchtet, daß die Macht ein Unthier ist,
Das packt und nimmer losläßt; eine Schlange,
Die Jegliches durch ihren bloßen Blick
In Schuld, die ihre Nahrung ist, verwandelt.
Sie weiß noch nicht, wie gut die trägen Sklaven
Der blinden Macht die Wahrheit lesen, die
Auf unschuldsvoller Stirn geschrieben steht.
Sie sieht noch nicht die Unschuld siegesfroh
Am Richterstuhl der Menschen stehn, als Richter
Und Kläger bei dem Unrecht, das sie her
Geführt. Macht Euch bereit denn, Herr! Wir stoßen
Mit unsern Dienern in dem Hof zu Euch. ( Ab.)

 

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