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Percy Bysshe Shelley: Die Cencit - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
authorPercy Bysshe Shelley
titleDie Cencit
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
translatorAdolf Strodtmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150204
projectid26d0d6bf
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Dritter Aufzug.

Erste Scene.

Ein Zimmer im Palast Cenci.

Lucretia; gleich darauf Beatrice.

Beatrice

( wankt verstört herein).

Gieb mir das Tuch! – O, mein Gehirn ist wund,
Voll Blut die Augen – trockne mir sie ab! –
Verschleiert ist mein Blick!

Lucretia.

Geliebtes Kind,
Du bist ja nicht verwundet; kalter Schweiß
Nur perlt dir von der Stirne. – Wehe, weh!
Was ist geschehn?

Beatrice.

Wer hat dies Haar gelöst?
Die wirren Locken sind es, die mich blenden,
Und doch band ich sie auf. – O, schauerlich!
Der Boden unter meinen Füßen wankt!
Die Wände drehen sich! Ein weinend Weib
Seh' ich dort reglos stehn, indeß mich selbst
Ein Taumel wie die Welt erfaßt. – Mein Gott!
Der blaue Himmel ist mit Blut befleckt!
Schwarz spielt der Sonnenschein am Estrich hin!
Die Luft ist ekler Dunst, wie ihn die Leichen
Ausathmen in der Gruft! Puh! ich ersticke!
Ein schwarzer, gift'ger Nebel kriecht heran –
Er ist so schwer, so dick und wesenhaft;
Ich kann ihn nicht abschütteln, denn er klebt
Die Finger und die Glieder mir zusammen,
Und frißt in mein Gebein, und löst das Fleisch
Mir auf in eklen Moder, und vergiftet
Des Lebens innersten und reinsten Geist!
Mein Gott! nie wußt' ich früher, was der Tolle
Empfinden mag! nun bin ich selber toll!

( Verstörter.)

Nein, ich bin todt! Die modernden Gebeine
Umschließen wie ein Grab die bange Seele,
Die gern sich aufwärts schwänge in die Luft!

( Nach einer Pause.)

Welch grausiger Gedanke kam mir jetzt?
Er ist entflohn; doch ruht noch seine Last
Mir auf den Augen, – auf dem müden Herzen!
O Welt! O Tag! O Leben! O Geschick!

Lucretia.

Was fehlt dir, armes Kind? Sie redet nicht –
Ihr Geist nimmt das Gefühl des Schmerzes wahr,
Doch nicht den Grund; das Leid hat ausgetrocknet
Den Quell, dem es entsprang.

Beatrice

( wie wahnsinnig.)

Wie Vatermord! –
Gemordet hat das Elend seinen Vater;
Doch glich sein Vater nimmermehr dem meinen –
O Gott! was bin ich für ein ärmlich Ding!

Lucretia.

Mein theures Kind, was that dein Vater dir?

Beatrice

( argwöhnisch.)

Wer fragt mich da? Ich habe keinen Vater.

( Bei Seite.)

Sie ist die Tollhauswärtrin, die mich pflegt;
Fürwahr, ein traurig Amt!

( Zu Lucretia, mit langsamer, gedämpfter Stimme.)

So wißt, ich glaubte,
Daß ich die arme Beatrice sei,
Von der die Leute reden, die ihr Vater
Am wirren Haar oft durch die Säle schleift,
Dann wieder nackt in dumpfe Zellen sperrt,
Wo schuppige Schlangen kriechen, und wo sie
Mit faulem Fleisch den Hunger stillen muß.
Und diese traurige Geschichte hat
Sich so verwebt mit meinen wirren Träumen,
Daß ich schon wähnte – nein, es kann nicht sein!
Entsetzliches ist in der Welt geschehn,
Unglaublich fast, die seltsamste Verwirrung
Von Gut und Bös; und Schlimmres ward erdacht,
Als je ein Herz ins Werk zu setzen wagte.
Doch nie hat man von solcher That geträumt,
Wie die ...

( Hält inne, und sammelt sich plötzlich.)

Wer bist du? Schwöre mir, bevor
Die grause Angst mich tödtet, daß du wirklich
Nicht bist, was du mir scheinest – meine Mutter.

Lucretia.

Mein süßes Kind, weißt du ...

Beatrice.

O, sag es nicht!
Denn wenn dies Wahrheit ist, so muß das Andre
Auch Wahrheit sein, gewisse, ew'ge Wahrheit,
Mit jedem Lebensumstand fest verkettet,
Die nie sich ändern, nie entschwinden wird.
Ja, ja, so ist's! Dies ist der Palast Cenci;
Du bist Lucretia; ich bin Beatrice.
Ich hab' ein wenig irr geredet, doch
Ich will's nicht wieder thun. Komm näher, Mutter!
Von heut an bin ich ...

( Die Stimme versagt ihr.)

Lucretia.

Ach! was ist dir, Kind?
Was that dein Vater dir?

Beatrice.

Was that denn ich?
Bin ich nicht schuldlos? Ist es mein Verbrechen,
Daß Einer mit gebieterischer Stirn
Und weißem Haar, der mich von Kindheit an
Gepeinigt hat, wie Eltern nur es wagen,
Sich meinen Vater nennt, und dennoch ist ...!
O, was bin ich? Was wird mein Name wohl,
Mein Ruf, mein Angedenken einstmals sein,
Selbst wenn ich die Verzweiflung überlebe?

Lucretia.

Gewiß, er ist ein schmählicher Tyrann;
Wir wissen, nur der Tod kann uns befrein, –
Sein oder unser Tod. Doch was hat er
Noch Schlimmres oder Grauseres gethan?
Du gleichst dir selbst nicht mehr; aus deinen Augen
Entblitzt ein wildes, irres Feuer. Sprich!
Entfalte diese bleichen Hände, die
So krampfhaft in einander sich verschlingen!

Beatrice.

Des Lebens Unrast ist's, die sie zerquält.
O, wenn ich reden muß, so werd' ich toll.
Ja, Etwas muß geschehn; was? weiß ich nicht; –
Doch Etwas, das die That, die ich erlitt,
Zu einem Schatten macht, im grausen Blitz,
Den meine Rache auf sie niedersendet;
Unwiderruflich, kurz und schnell, zerstörend
Die Folgen deß, was sie nicht heilen kann.
So Etwas muß ich leiden oder thun;
Weiß ich erst, was, so werd' ich ruhig sein,
Und nimmermehr wird Etwas mich bewegen.
Doch jetzt! – O Blut von meines Vaters Blut,
Das durch die schmachbefleckten Adern wallt,
Wenn du, auf die entweihte Erde strömend,
Den Frevel und die Schmach, woran ich leide,
Abwaschen könntest – nein, das kann nicht sein!
Wohl Mancher gäbe, zweifelnd, ob ein Gott ist,
Der Böses sieht und duldet, sich den Tod;
Doch diesen Glauben soll kein Leid mir rauben.

Lucretia.

Es muß fürwahr ein bittres Unrecht sein;
Was, wag' ich nicht zu denken. O, mein Kind!
Birg nicht in undurchdringlich stolzem Gram
Vor meiner Furcht dein Leid!

Beatrice.

Ich berg' es nicht.
Allein mit welchem Wort soll ich dir's künden?
Ich, die von Dem, was mich verwandelt hat,
Kein Bild in meinem Geist ersinnen kann;
Und deren Innres, dem Gespenste gleich,
In seine eignen Schauer sich verhüllt!
Sag, welches von den Worten, die der Mensch
In seiner Rede braucht, willst du vernehmen?
Denn keines giebt's, das meinen Jammer kündet.
Wenn eine Andre Gleiches je erfuhr,
So starb sie, wie ich sterben will, und ließ
Es ohne Namen, so wie ich. – Tod! Tod!
Lohn oder Strafe nennen dich Gesetz
Und Religion. O, welches von den beiden
Hab' ich verdient?

Lucretia.

Der Unschuld stillen Frieden,
Bis Gott dich in den Himmel einst beruft.
Was immer du erlittst, nichts Böses thatst du.
Tod muß die Strafe des Verbrechens sein,
Doch auch der Lohn, daß wir den Dornenpfad
Gewandelt, der zum ew'gen Leben führt.

Beatrice.

Ja, Tod – die Strafe des Verbrechens. Gott,
Laß mich verstört und wirren Sinns nicht richten!
Wenn Tag für Tag ich weiterleben muß,
Und diesen Leib, den Tempel deines Geistes,
So schmählich nun entweiht, bewahren soll
Wie eine schmutzige Höhle, aus der Alles,
Was dir ein Greuel ist, dich ungerächt
Und höhnend anstarrt – nein, es soll nicht sein!
Selbstmord? – vielleicht ist der auch keine Rettung;
Denn zwischen ihm und unsrem Willen klafft,
Gleich einem Höllenschlunde, dein Gebot. –
Weh mir! in dieser ganzen Erdenwelt
Giebt's kein Gesetz und keinen Urtheilsspruch,
Nach dem die Frevelthat zu richten wäre,
Die man an mir verübt.

( Orsino kommt. Sie nähert sich ihm feierlich.)

Willkommen, Freund!
Seit wir zum letzten Mal uns sahn, erfuhr ich
Ein Leid, so groß und seltsam unerhört,
Daß weder Tod noch Leben Ruhe mir
Gewähren können. Fragt nicht, was es sei;
Denn Thaten giebt's, die nicht zu nennen sind,
Und Leiden, welchen sich das Wort versagt.

Orsino.

Und wer hat so entsetzlich Euch gekränkt?

Beatrice.

Man nennt ihn meinen Vater. Grauser Name!

Orsino.

Unmöglich!

Beatrice.

Ob es möglich, oder nicht,
Das lasset ruhn. Es ist, und ist geschehn.
Nun gebt mir Rath, wie es nicht mehr geschehe.
Zu sterben dacht' ich; aber fromme Scheu
Hält mich zurück, und Furcht, es könnte selbst
Der Tod mir das Bewußtsein nicht verlöschen
Von dem, was annoch ungesühnt. O, sprecht!

Orsino.

Klagt ihn des Frevels an, laßt das Gesetz
Euch rächen.

Beatrice.

O, kaltherziger Berather!
Fänd' ich ein Wort, das des Verderbers Unthat
Aufdecken könnte; risse, wie ein Schwert,
Die Zunge das Geheimniß, das mein Herz
Im Innersten zerfrißt, mir aus der Brust,
Und offenbarte Alles, daß fortan
Mein unbefleckter Ruf ein Hohn und Sprichwort,
Ein Stadtgespräch der Klätscherinnen würde; –
Geschähe dies, was nie geschehen soll,
So denkt an des Verbrechers Gold, die Furcht
Vor seinem Haß, das Grausen der Beschuld'gung,
Die jedes Glaubens, jedes Ausdrucks spottet,
Undenkbar, kaum geflüstert, eingehüllt
In grause Winke – O, der schönen Hülfe!

Orsino.

So wollt Ihr es ertragen?

Beatrice.

Es ertragen! –
Orsino, wenig nützt mir Euer Rath.

( Wendet sich von ihm ab, und spricht halb für sich.)

Ja, schnell muß der Entschluß und schnell die That sein.
Was für ein trüber Nebel von Gedanken
Steigt vor mir auf, die, Schatten über Schatten,
Einander sich verdunkeln?

Orsino.

Sollt' er leben,
Der Frevler, und sich seiner Unthat freun?
Und sein Verbrechen, was es immer sei,
– Furchtbar gewiß! – dir zur Gewohnheit machen,
Bis gänzlich du verloren bist, erniedrigt
Zudem, was du gestattest?

Beatrice

( für sich).

Mächt'ger Tod!
Du doppelsicht'ger Schatten! einz'ger Richter!
Gerechtester Urtheilsprecher!

( Sie zieht sich, in Gedanken vertieft, zurück.)

Lucretia.

Wenn der Blitz
Des Himmels jemals rächend niederfuhr –

Orsino.

Weib, lästre nicht! Denn Gottes hoher Rathschluß
Legt seinen Ruhm auf Erden, und ihr Leid
Den Menschen selber in die Hand. Wenn sie
Verbrechen nicht bestrafen –

Lucretia.

Doch wenn Einer,
Wie dieser Schändliche, mit seinem Gold
Dem Recht, der Macht und aller Sitte trotzt?
Wenn keine Hülfe mehr zu finden ist
Bei Ihm, vor dem der Schuldigste erzittert?
Wenn, eben weil entsetzlich, unnatürlich,
Unglaublich unsre Leiden sind – o Gott! –
Wenn aus denselben Gründen, die uns Schutz
Verschaffen sollten, unser Pein'ger siegt,
Und wir, die Opfer, schlimmre Strafe dulden,
Als er, der uns gemartert?

Orsino.

Glaubet mir,
Jedwedem Unrecht ist die Hülfe nah,
Wenn wir sie zu ergreifen wagen.

Lucretia.

Wie?
Wenn es ein sichres Mittel wirklich gäbe –
Ich kenne keins – doch wär' es gut vielleicht ...

Orsino.

Sein letzter Frevel gegen Beatrice
Ist, wie ich dunkel nur vermuthen kann,
Von solcher Art, daß Reu' Entehrung wäre,
Und ihr nur Eine Pflicht: die Rache, bleibt,
Euch Eine Zuflucht nur vor solchen Leiden,
Mir nur Ein Rath –

Lucretia.

Ja, nicht zu hoffen ist,
Daß Rettung oder Hülfe dort wir fänden,
Wo jeder Andre sie gewahren mag.

( Beatrice tritt vor.)

Orsino.

Dann –

Beatrice.

Schweigt, Orsino! – Und dich bitt' ich, Mutter,
Wie abgetragne Kleider wirf von dir,
Derweil ich rede, Schonung und Geduld,
Gewissensangst und Furcht, und jede Scheu
Des Alltagslebens, die wir seit der Kindheit
Ertragen haben, doch die jetzt ein Hohn
Der heilgern Sache meiner Klage wäre.
Wie ich gesagt, mir ward ein Leid gethan,
Das, ob auch namenlos, nach Sühne schreit,
Sowohl um das Vergangene zu rächen,
Als auch, damit es nicht mein Schicksal sei,
Die schwergeprüfte Seele Tag für Tag
Mit neuen Freveln wieder zu belasten,
Und, was ihr nicht zu träumen wagt, zu sein.
Ich hab' zu Gott gefleht, und ernst befragt
Mein Herz, und meinen Willen mir entwirrt,
Und bin mir klar jetzt, was das Rechte ist.
Seid Ihr mein wahrer Freund, Orsino? Schwört's
Bei Eurem Seelenheil, bevor ich rede.

Orsino.

Ich schwöre, meine List und meine Kraft,
Mein Schweigen, und was sonst mir zu Gebot ist,
Zu weihen deinem Dienst.

Lucretia.

Du meinst, wir sollten
Beschließen seinen Tod?

Beatrice.

Und das Beschlossne
Sofort vollziehn. Kühn gilt's und schnell zu sein.

Orsino.

Doch auch behutsam.

Lucretia.

Die Gesetze würden
Das, was sie selber sollten thun, an uns
Mit Schmach und Tod bestrafen.

Beatrice.

Seid behutsam,
So viel ihr wollt, doch schnell! Orsino, nennt
Das Mittel mir.

Orsino.

Ich kenne zwei Banditen,
Die eines Menschen Seele höher nicht
Als die des Wurmes achten, und sie würden
Aus bloßer Grille jedes Leben, sei
Es edel, sei's gemein, zertreten. Feil
Ist solcher Sinn in Rom. Was wir gebrauchen,
Verkaufen sie.

Lucretia.

Vor Tagesanbruch morgen
Will Cenci nach dem Felsenschloß Petrella
Im apenninischen Gebirg uns führen.
Kommt er dort an –

Beatrice.

Er komme nie dahin!

Orsino.

Wird's dunkel sein, eh' ihr das Schloß erreicht?

Lucretia.

Kaum wird die Dämmrung angebrochen sein.

Beatrice.

Doch weiß ich, daß zwei Stunden vor der Burg
Der Weg durch eine tiefe, enge Schlucht
Den Abhang jählings sich hinunter windet.
In seiner Tiefe liegt ein mächt'ger Fels,
Der seit undenklich langen Jahren schon
Sich dräuend ob dem Abgrund aufrecht hält,
Und in der Angst, mit der er fest sich krallt,
Langsam hinunter sich zu wälzen scheint,
Wie sich des Sünders Seele Stund' auf Stunde
Ans Leben klammert; und doch neigt er sich,
Und macht, sich neigend, dunkler noch den Schlund,
In den es ihn hinabzustürzen graut.
Hart unter diesem Felsen, riesengroß
Wie die Verzweiflung, gähnt der finstre Berg,
Als wär' er müde; tiefer drunten braust
Ein wilder Strom durch Klippen ungesehn,
Und eine Brücke spannt sich drüber hin;
Hoch oben aber wachsen, Stamm an Stamm,
Von Spalt zu Spalte Cedern, Pinien
Und Eibenbäume, deren wirr Gezweig
Sich durch des Epheus dunkeles Gewebe
Zu einem dichten Schattendach verschlingt.
Am Hellen Mittag herrscht hier Dämmerung,
Und schwarze Nacht bei Sonnenuntergang.

Orsino.

Eh' ihr zur Brücke kommt, braucht einen Vorwand,
Daß ihr die Mäuler antreibt, oder zögert,
Bis –

Beatrice.

Welch ein Ton ist das?

Lucretia.

Horch! Nein, es kann
Nicht eines Dieners Schritt sein. Cenci ist's,
Der unerwartet plötzlich heimgekehrt.
Schützt einen Grund, weshalb Ihr hier seid, vor.

Beatrice

( im Fortgehen zu Orsino).

Der Schritt, den wir dort kommen hören, darf
Die Felsenbrücke nimmer überschreiten.

( Lucretia und Beatrice ab.)

Orsino.

Was soll ich thun? Da Cenci hier mich trifft,
So muß ich seines Blickes herrisch Forschen
Nach dem, was mich hieher geführt, ertragen.
Ein leeres Lächeln dien' als Maske mir.

( Giacomo tritt hastig ein.)

Wie? Habt Ihr Euch hieher gewagt? So wißt Ihr,
Daß Cenci nicht zu Haus?

Giacomo.

Ich sucht' ihn hier,
Und muß ihn nun erwarten.

Orsino.

Großer Gott!
Erwägt Ihr solcher Keckheit Wagniß?

Giacomo.

Pah!
Weiß mein Verderber, was ihm droht? Wir stehn
Nicht mehr, wie früher, Vater gegen Kind;
Nein, Mann dem Mann genüber, Feind dem Feinde,
Der Unterdrücker dem von ihm Bedrückten,
Und der Verleumder dem Verleumdeten.
Er schmähte die Natur, die ihn geschützt,
Und die Natur verwirft ihn, der sie schändet;
Ich lache Beider. Ist's die Kehle denn
Des Vaters, die ich packen will und sagen:
»Nicht Gold verlang' ich, frohe Jahre nicht,
Nicht die Erinnerungen stiller Kindheit,
Nicht Liebe, wie das Vaterhaus sie beut,
Ob du mir alles dies und mehr auch raubtest; –
Nur meinen guten Ruf, das Kleinod nur
Des Friedens, das vor deinem Haß geborgen
Ich glaubte, weil du elend mich gemacht;
Sonst werd' ich« – Gott versteht mich und vergiebt,
Warum sollt' ich zu Menschen reden?

Orsino.

Freund,
Seid ruhig!

Giacomo.

Gut, ich will Euch ruhig sagen,
Was er gethan. Ihr wißt, der alte Cenci
Entlieh die Mitgift meiner Frau von mir;
Dann schwor er ab, daß er sie je empfing,
Und ließ in bittre Armuth mich versinken,
Aus der ich durch ein kleines Staatsamt mich
Zu retten suchte. Schon war mir's versprochen,
Und neue Kleider kauft' ich meinen Kleinen
Statt ihrer Lumpen; wieder lächelte
Mein Weib, und wieder ruhig ward mein Herz;
Da kam die Kunde nur, daß Cenci's Einfluß
An einen Buben dieses Amt gebracht,
Zum Lohn für frevle Dienste. Heimgekehrt
Mit dieser bösen Kunde, saß ich trüb
Im Kreis der Meinen, und wir suchten Trost
Für unser Leid in Thränen solcher Liebe
Und festen Treue, die das herbste Weh
Des Lebens mildern; da trat er, wie oft,
Mit Fluchen und mit Schelten ins Gemach,
Verhöhnte unsre Dürftigkeit, und sagte,
So strafe Gott der Kinder Ungehorsam.
Ihn durch Beschämung stumm zu machen, sprach
Ich von der Mitgift meiner Frau; doch er
Erfand ein kurzes, freches Lügenmärchen,
Wie ich das Geld in Schwelgerei verpraßt;
Betroffen sah mein armes Weib ihn an,
Und er ging lächelnd fort. Als ich den Eindruck
Erkannte, den sein Luggespinnst gemacht,
Und als mit stillem Hohn und kaltem Blick
Mein Weib sich meiner Schwüre Gluth entzog,
Ungläubig abgewandt, da ging ich auch.
Bald kam ich wieder heim; doch nicht so bald,
Daß meine Frau nicht meine Kinder schon
Mir aufgereizt, die mir entgegenschrien:
»Gieb Kleider uns und bessre Speise, Vater!
Was du in Einer Nacht verschwendest, wäre
Genug für Monde!« Wild blickt' ich umher,
Und sah, daß mir das Haus zur Hölle ward.
Und nicht betret' ich diese Hölle wieder,
Bis mir mein Feind Ersatz gegeben hat;
Sonst will ich, wie er mir das Leben gab,
Umstürzend die Gesetze der Natur –

Orsino.

O, glaubt mir, der Ersatz, den Ihr begehrt,
Wird Euch versagt.

Giacomo.

Dann – Seid Ihr nicht mein Freund?
Gabt Ihr mir nicht, als wir uns jüngst besprachen,
Von einem letzten Mittel einen Wink,
Das mir als einz'ge Wahl noch übrig bliebe?
Und damals war mein Leid geringer noch. –
Obschon ich fest entschlossen bin, durchzuckt
Mich grausenvoll das Wort: ein Vatermörder!

Orsino.

Furcht, Nichts als Furcht, mein Freund! Das bloße Wort
Ist eitel Spott. Sieh her, wie Gottes Weisheit
Die Fäden des gerechten Urtheils lenkt
Auf einen einz'gen Punkt, und so es heiligt: –
Was Ihr als Anschlag in Gedanken tragt,
Ist gleichsam schon vollbracht.

Giacomo.

So ist er todt?

Orsino.

Sein Grab ist fertig. Wisset, Cenci hat,
Seit wir zuletzt uns trafen, einen Frevel
Verübt an seiner Tochter.

Giacomo.

Welchen Frevel?

Orsino.

Sie nennt ihn nicht, doch mögt Ihr, so wie ich,
Ihn halb errathen wohl aus ihrer Blässe,
Aus ihrer finstren Stirne tiefem Gram,
Aus ihrem Blick, der in die Leere starrt,
Aus ihrer klanglos hohlen Stimme Ton,
Der Lieb' und Furcht entfremdet; und zuletzt
Aus diesem noch: – als ich und ihre Mutter,
Verwirrt vor Grausen, mit einander sprachen,
Andeutungsweis, in dunklen Winken nur,
Die Wahrheit halb errathend, doch entschlossen,
Die That zu rächen, unterbrach sie uns,
Und das mit einem Blick, der, eh' sie's sprach,
Uns klar und deutlich zurief: Er muß sterben!

Giacomo.

Es ist genug! Mein Zweifel ist gestillt;
Es giebt jetzt einen höhern Grund, als meinen,
Für diese That, und einen heil'gern Richter,
Der sonder Makel jede Unthat rächt.
O Beatrice, die von Jugend auf
Nie einen Wurm zertrat, ein Blümchen nie
Geknickt, das nicht mit kindischen Thränen du
Bedauert hättest! Holde Schwester, du,
In der die Weisheit und die Schönheit so
Sich paarten, daß es fast ein Wunder schien,
Wie eine nicht die andere zerstöre!
Fielst du zum Raube der Verwüstung nun?
O Herz, Rechtfert'gung nicht begehr' ich mehr!
Orsino, soll ich seiner Rückkehr harren,
Und an der Thür ihn niederstechen?

Orsino.

Nicht doch!
Ein Zufall könnt' ihn retten vor dem Loos,
Das sicher ihn ereilt; auch wißt Ihr nicht,
Wohin Ihr fliehn, womit Ihr Euch entschuld'gen,
Wie Ihr's verbergen sollt. Nein, hört mich an!
Bereit ist Alles, der Erfolg gesichert,
So sicher, daß –

( Beatrice tritt ein.)

Beatrice.

's ist meines Bruders Stimme!
Erkennst du mich denn nicht?

Giacomo.

O meine Schwester,
Verlornes Kind!

Beatrice.

Verloren! ja, ich bin's.
Ich seh', Orsino hat mit dir gesprochen,
Und du vermuthest Dinge, die zu schrecklich
Mir Worte sind, und dennoch lange nicht
So gräßlich wie die Wahrheit. Bruder, weile
Jetzt länger nicht, er könnte wiederkehren.
Doch küsse mich! Ein Zeichen soll mir's sein,
Daß du in seinen Tod gewilligt hast.
Lebwohl, lebwohl! Mag Frömmigkeit und Milde
Und Bruderliebe und Gerechtigkeit,
Und Alles, was die Herzen sonst erweicht,
Das deinige verhärten. Rede nicht –
Bruder, lebwohl!

( Alle ab nach verschiedenen Seiten.)

 

Zweite Scene.

Ein ärmliches Zimmer in Giacomo's Hause.

Giacomo

( allein).

's ist Mitternacht! Orsino kommt noch nicht!

( Donner und das Heulen des Sturmes.)

Wie! können denn die ew'gen Elemente
Mit einem Wurme, wie der Mensch ist, fühlen?
Nein, wär' es so, dann würde nicht der Strahl
Erbarmungsvoller Blitze niederfahren
Auf Stein und Baum. – Mein Weib und meine Kinder,
Sie schlummern jetzt in unschuldsvollem Traum;
Doch ich muß wachen, zweifelnd, ob die That
Gerecht sei, die so dringend nöthig war.
Du schlecht genährte Lampe, deren Licht
Vom Wind bewegt wird, und an deren Rand
Das nächt'ge Dunkel lauert! Kleine Flamme,
Die, wie der matte Puls des Sterbenden
Sich hebt und senkt, noch auf und nieder flackert:
Wie bald, wenn ich dir keine Nahrung gäbe,
Verlöschtest Du und schwändest in das Nichts!
So schwindet und erstirbt vielleicht in Nacht
Das Leben jetzt, das meines einst entzündet, –
Nur daß kein Lebensöl die Fleischeslampe,
Wenn sie zerbrach, von Neuem füllen kann!
Das Blut, das diese Adern nährte, ist's,
Das nun zur Erde rinnt, bis Alles kalt ist;
Der Leib, der mich erzeugte, ist's, der jetzt
In fahlem, bleichem Todeskrampf sich windet;
Die Seele ist's, die mich zum Ebenbild
Des Herrn geprägt, die, ihrer Hülle baar,
Jetzt vor dem Richterstuhl des Himmels steht!

( Eine Uhr schlägt.)

Eins! Zwei! Die Stunden schleichen langsam hin;
Und wenn mein Haar ergraut ist, harrt vielleicht
Mein Sohn auch so, gequält von eitler Reue
Und von gerechtem Haß, und schilt, wie ich,
Den trägen Boten, der so lange säumt.
Ich wünschte fast, er war' nicht todt, obgleich
Er schweres Leid mich dulden läßt. Doch – horch! –
Orsino's Schritte!

( Orsino tritt ein.)

Sprecht!

Orsino.

Ich komme her,
Um Euch zu sagen, daß er uns entschlüpft ist.

Giacomo.

Entschlüpft!

Orsino.

Und wohlbehalten in Petrella.
Um eine Stunde früher, als wir dachten,
Naht' er dem Ort, den wir zur That ersahn.

Giacomo.

Sind wir des Zufalls Narren, und verschwenden
Wir so in blinder Furcht die Zeit, in der
Wir handeln sollten? Dann sind Sturm und Donner,
Die uns sein Grabgeläut zu heulen schienen,
Das Hohngelächter nur, womit der Himmel
Ob unsrer Schwäche spottet! Fortan soll
Mich Nichts gereun, nicht Absicht oder That,
Nur meine Reue.

Orsino.

Seht, die Lamp' ist aus.

Giacomo.

Quält keine Reu' uns, wenn die finstre Nacht
Das Flämmchen hier verschlang: was sollt's uns grauen,
Wenn Cenci's Leben, jenes Licht, bei dem
Die bösen Geister schaun das böse Werk,
Das sie bereiteten, für immer auslischt?
Nein, ich bin hart geworden.

Orsino.

Pah! wozu?
Wer fürchtet wohl der Reue bleich Gespenst
Bei so gerechter That? – Der erste Plan
Schlug fehl, doch zweifelt nicht, daß Cenci bald
Zur Ruh' gebracht ist. Brennt die Lampe an,
Laßt uns nicht reden in der Dunkelheit.

Giacomo

( zündet die Lampe an).

Doch, einmal ausgelöscht, kann ich nicht so
Das Leben meines Vaters neu Entzünden.
Glaubt Ihr nicht, daß sein Geist mich diesethalb
Vor Gott verklagen wird?

Orsino.

Einmal dahin,
Ruft Ihr der Schwester Frieden nicht zurück,
Noch Eure hingeschwundne Jugendhoffnung,
Die bittren Worte Eurer Gattin nicht,
Noch allen Hohn, womit der Glückliche
Des Unglücks spottet, noch die todte Mutter,
Noch –

Giacomo.

O, Nichts weiter mehr! Ich bin entschlossen,
Wenn ich auch Dem, der mir das Leben gab,
Mit eigner Hand das Leben rauben muß.

Orsino.

Das ist nicht nöthig. Hört mich an: Ihr kennt
Olimpio, der zu Colonna's Zeiten
Schloßvogt Petrella's war, den Euer Vater
Von diesem Posten stieß; und Marzio,
Den Bösewicht, den er vergangnes Jahr
Um einer Blutthat Sündenlohn betrog?

Giacomo.

Olimpio kenn' ich; und man sagt, er hasse
Den alten Cenci so, daß seine Lippe
Vor Wuth erblaßt, wenn er ihn nur erblickt.
Von Marzio hört' ich niemals.

Orsino.

Marzio's Haß
Gleicht dem Olimpio's. Beide Männer sandt' ich
In Eurem Namen, wie auf Euren Wunsch,
Um mit Lucretia und Beatricen
Zu reden.

Giacomo.

Nur zu reden?

Orsino.

Die Minuten,
Die bis zur nächsten Mitternacht entfliehn,
Sie müssen Tod in ihrem Schooße bergen.
Vorher muß es beredet, und vielleicht
Vollendet sein.

Giacomo.

Horch, welch ein Ton ist das?

Orsino.

Die Balken krachen, und der Haushund heult;
Nichts weiter hör' ich.

Giacomo.

Nein, es ist mein Weib,
Das selbst im Schlummer ihr Geschick beklagt;
Gewiß, sie redet Bittres über mich,
Und meine Kinder träumen um sie her,
Daß ich sie hungern lasse.

Orsino.

Während er,
Der sie in Wahrheit ihres Brots beraubte
Und ihre Ruh' mit Bitterkeit erfüllt,
Im Schooß der Wollust schläft, und triumphirend
In Traumgesichten seines Hasses Euch
Verhöhnt, die nur zu gleich der Wahrheit sind.

Giacomo.

Wenn jemals wieder er vom Schlaf erwacht,
Will ich nicht mehr auf Söldnerhände bauen –

Orsino.

Das wäre gut. Ich muß nun fort. Lebt wohl!
Wenn wir uns wiedersehn, mag Alles schon
Geschehen sein.

Giacomo.

Und möchte dann auch Alles
Vergessen sein! – O, wär' ich nie geboren!

( Beide ab.)

 

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