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Percy Bysshe Shelley: Die Cencit - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
authorPercy Bysshe Shelley
titleDie Cencit
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
translatorAdolf Strodtmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150204
projectid26d0d6bf
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Zweiter Aufzug.

Erste Scene.

Ein Zimmer im Palast Cenci

Lucretia und Bernardo treten ein.

Lucretia.

Du Guter, weine nicht! Er schlug nur mich,
Die tiefres Leiden schon ertrug. Fürwahr,
Er wäre gnäd'ger, hätt' er mich getödtet.
Allmächt'ger Gott, sieh du auf uns herab,
Wir haben keinen andern Freund als dich! –
Doch weine nicht! Obgleich ich dich geliebt
Wie meinen Sohn, ich bin nicht deine Mutter.

Bernardo.

O, mehr, als eine Mutter je dem Kind,
Bist du für mich gewesen. Wär' er nicht
Mein Vater, glaubst du, daß ich weinen würde?

Lucretia.

Ach, armes Kind, was blieb dir sonst zu thun?

Beatrice

( tritt ein. Mit hastiger Stimme).

Kam er nicht dieses Wegs? Sahst du ihn, Bruder?
Ach nein, dort auf der Treppe hallt sein Schritt;
Jetzt naht er sich; er faßt die Thür schon an.
O Mutter, wenn ich je ein gutes Kind
Dir war, so rette mich! Du, großer Gott,
Deß Bild auf Erden sonst ein Vater ist,
Verlassest du mich wirklich? Ha, er kommt!
Die Thür geht auf; ich sehe sein Gesicht;
Den Andern zürnt er, doch mir lächelt er,
So wie er's gestern nach dem Feste that.

( Ein Diener tritt ein.)

Allmächt'ger Gott, wie bist du gnadenvoll!
's ist nur Orsino's Diener. – Nun, was bringt Ihr?

Diener.

Mein Herr läßt sagen, daß der heil'ge Vater
Die Bittschrift uneröffnet Euch zurückschickt.

( Ueberreicht ein Papier.)

Auch fragt er an, zu welcher Stund' er sicher
Euch sprechen könne.

Lucretia.

Um die Ave-Zeit.

( Diener ab.)

So schwand die letzte Hoffnung auch dahin!
Weh, Tochter, du bist bleich, und zitternd stehst du,
In schreckliche Betrachtungen vertieft.
Als laste Ein Gedanke schwer auf dir;
So eisig starrt dein Blick – o, theures Kind,
Hat Wahnsinn dich erfaßt? Wo nicht, so sprich!

Beatrice.

Du siehst, ich bin nicht toll; ich rede ja.

Lucretia.

Du sprachst von Etwas, das dein Vater that
Nach jenem grausen Feste. Könnt' es denn
Noch schlimmer sein, als da er lächelnd ausrief:
»Todt sind sie, meine Söhne! sie sind todt!«
Als Jeder auf des Nachbars Antlitz blickte,
Ob es so bleich wohl wie sein eignes sei?
Bei seinem ersten Worte schoß das Blut
Zum Herzen mir, und die Besinnung schwand;
Als ich erwachte, war ich wirr und matt,
Und du allein standst da, mit kräft'gen Worten
Die Frechheit ihm verweisend, und ich sah
Den Teufel, der sein Herz beherrscht, erbeben.
So hast du bis zu dieser Stunde stets
Als Schutzgeist zwischen deines Vaters Grimm
Und uns gestanden; dein entschloss'ner Geist
War uns die einz'ge Wehr, die einz'ge Zuflucht;
Was hat ihn so gebeugt? Was hat dir jetzt
Den kalten, schwermuthfinstern Blick verliehn,
Und diese ungewohnte Furcht geweckt?

Beatrice.

Was sagst du? Eben dacht' ich, ob es nicht
Das Beste sei, nicht mehr den Kampf zu wagen.
Wohl gab es Männer, die dem Vater glichen
An blut'gem Sinn, doch nie ... O, klüger wär's
Zu sterben, denn der Tod nur kann es enden.

Lucretia.

O, sprich nicht so, mein Kind! Erzähle mir,
Was that dein Vater? was hat er gesagt?
Er blieb ja keinen Augenblick bei dir
Nach dem verruchten Feste. Sprich doch, sprich!

Bernardo.

O Schwester, Schwester, bitte, sprich zu uns!

Beatrice.

Ein Wort nur war es, Mutter, nur Ein Wort,
Ein Blick, ein Lächeln.

( Außer sich.)

O, mit Füßen trat
Er oftmals mich, und von der blassen Wange
Rann mir das Blut herab. Er gab uns Allen
Moorwasser und gefallner Büffel Fleisch,
Und hieß uns essen oder Hungers sterben –
Wir aßen es ... Und sehen ließ er mich,
Wie schwerer Ketten Rost an meines lieben
Bernardo zarten Gliedern eiternd fraß –
Ich habe nie verzweifelt – aber jetzt!
Was wollt' ich sagen?

( Mit gewaltsamer Fassung.)

Nein, es ist nichts Neues.
Nur was wir Alle leiden, macht mich toll.
Er schlug mich nur, und fluchte im Vorbeigehn;
Er sprach, er that – nichts Anderes, als sonst
Er wohl gethan, doch es verstörte mich.
Weh! ich vergesse meiner Pflicht, ich sollte
Um euretwillen mir die Fassung wahren.

Lucretia.

Ja, Beatrice! Muth, mein süßes Mädchen!
Darf Jemand ganz verzweifeln, so bin ich's;
Ich liebt' ihn einst, und muß nun mit ihm leben,
Bis Gott ihn oder mich von hinnen ruft.
Wie deine Schwester, kannst du einen Gatten
Dereinst noch finden, und nach Jahren lächelnd
Die Kinder deinen Schooß umspielen sehn;
Und meiner, welche dann im Grabe ruht,
Und aller dieser fürchterlichen Leiden
Wird dann wie eines Traumes nur gedacht.

Beatrice.

O Theure, sprich von keinem Gatten mir!
Du pflegtest mich, als meine Mutter starb,
Du schütztest mich und dies geliebte Kind.
Wir hatten keinen andern Freund als dich
In unsrer Jugend, der mit sanftem Wort
Und Blick den Vater abhielt, uns zu morden!
Und ich soll dich verlassen? Mag der Geist
Der todten Mutter mich vor Gott verklagen,
Wenn ich die Frau verlasse, die mit mehr
Als Mutterliebe ihren Platz ersetzte!

Bernardo.

Ich denke wie die Schwester. Glaube mir,
Nie würd' ich dich in diesem Leid verlassen,
Selbst wenn der Papst, gleich Andern meines Alters,
An einem heitern Ort mich leben ließe
In Spiel und Lust, in frischer, freier Luft.
O, niemals, Mutter, nie verlass' ich dich!

Lucretia.

Ihr theuren Kinder!

Cenci

( tritt plötzlich ein).

Beatrice hier?
Komm her!

( Sie fährt zusammen und bedeckt ihr Gesicht mit den Händen.)

Birg nicht dein Antlitz, es ist schön.
Blick auf! Ha, gestern Abend wagtest du
Mit unverschämtem Trotz mich anzublicken,
Und fragtest mich mit finster dräunder Stirn,
Was ich von dir begehre, während ich's
Noch zu verhehlen suchte, – doch umsonst.

Beatrice

( schwankt außer sich der Thüre zu).

O, thäte sich die Erde vor mir auf!
Verbirg mich, Gott!

Cenci.

Damals war ich's, der stammelnd
Und wankenden Schritts vor deiner Gegenwart
Entfloh, sowie du jetzt vor meiner fliehst.
Bleib, ich befehl' es dir! Von Stund' an sollst du,
So hoff' ich, nimmermehr mit dreister Stirn,
Und kühnem Blick, und unentfärbter Wange,
Und mit der Lippe, die geschaffen ist
Zu kosen oder zornentbrannt zu schmähn,
Der Menschen Niedrigsten verstummen machen,
Und mich am wenigsten. Jetzt fort mit dir
In deine Kammer! Und auch du, geh fort,

( Zu Bernardo.)

Du widrig Abbild der verfluchten Mutter!
Dein Milchgesicht, es macht mich krank vor Haß!

( Beatrice und Bernardo ab.)

( Bei Seite.)

So Viel ist vorgefallen zwischen uns,
Daß es mich kühn, sie furchtsam machen muß.
Unheimlich ist's, am Abgrund solcher That
Zu stehn, wie ich sie jetzt erdacht: – so sitzen
Die Menschen schaudernd an des Baches Rand,
Mit zagem Fuß das kalte Naß versuchend;
Ist man erst drin, so jauchzt der Geist vor Lust!

Lucretia

( nähert sich ihm furchtsam).

O mein Gemahl, vergieb der armen Tochter!
Nichts Böses meinte sie.

Cenci.

Auch du wohl nicht?
Noch jener Bube, den du Vatermord
Von Jugend auf gelehrt? Noch Giacomo?
Noch jene beiden frevelhaften Söhne,
Die mir des Papstes Feindschaft eingebracht,
Und die in Einer Nacht der gnäd'ge Gott
Hinweggenommen hat? Unschuld'ge Lämmer!
Nichts Böses dachten sie. Auch habt ihr wohl
Euch nicht verschworen hier, spracht nicht davon,
Wie man als Irren mich ins Tollhaus sperren,
Oder für ein Verbrechen, das ihr selbst
Bezeugtet, aufs Schafott mich führen könnte?
Und sollte dies mißlingen, wie gerecht
Es wäre, Meuchler zu besolden, oder
Ein Gift mir in den Abendtrank zu mischen,
Mich zu erdrosseln in der Trunkenheit?
Da außer Gott kein andrer Richter sei,
Und er ob mir den Urtheilsspruch gefällt,
So wärt nur ihr erlesen, zu vollstrecken,
Was er im Himmel über mich verhängt?
Nein, Solches spracht ihr nicht?

Lucretia.

So Gott mir helfe,
Nie hab' ich solche Dinge je gedacht!

Cenci.

Wagst du dies Lügenwort zu wiederholen,
So tödt' ich dich. Wie? störte Beatrice
Auf deinen Rath nicht gestern Nacht das Fest?
Und hast du nicht gehofft, daß wider mich
Du ein'ge Feinde hetzen, und entfliehn,
Und fern von hier das Loos verlachen könntest,
Vor dem du nun in jedem Nerv erbebst?
Du hast der Menschen Kühnheit überschätzt;
Denn zwischen mich und seine Gruft zu treten,
Wagt Niemand gern.

Lucretia.

Blick nicht so fürchterlich!
Bei meinem Seelenheil, ich wußte nichts
Von irgend einer Absicht Beatricens,
Noch glaub' ich, daß sie Etwas vorgehabt,
Bis du von ihren todten Brüdern sprachst.

Cenci.

Gottlose Lügnerin! für dieses Wort
Bist du zur ew'gen Höllenpein verdammt!
Doch werd' ich dich an eine Stätte führen,
Wo du die Steine, die dein Fuß betritt,
Anflehen magst, dich zu befrein; – denn Menschen
Sind keine dort, als solche, welche blind
Vollziehen mein Gebot und Alles wagen.
Am nächsten Mittwoch reis' ich ab; du kennst
Die wilde Felsenburg, das Schloß Petrella,
Von Wällen rings und Gräben fest umhegt:
Die unterird'schen Kerker und die Thürme
Verriethen Nichts, obschon sie Viel geschaut,
Was selbst die Steine reden machen könnte.
Was zögerst du? Auf, rüste dich zur Fahrt!

( Lucretia ab.)

Noch scheint der hellen Sonne Licht; es klingt
Der Menschen wirr Geräusch zu mir herauf;
Ich seh' den Himmel durch die Fenster blauen;
Es ist ein üpp'ger, neubegier'ger Tag,
Laut, grell, argwöhnisch, voller Aug' und Ohren;
Und jedes Eckchen, jeder Winkel wird
Erhellt vom frechen, unverschämten Licht.
Komm, Finsterniß! Doch, was gilt mir der Tag?
Und weshalb sollte ich die Nacht ersehnen,
Der zu vollbringen eine That gedenkt,
Vor der sich Nacht wie Tag entsetzen wird?
Sie aber tappe hin durch schwarze Nebel
Von Graus! Wenn eine Sonn' am Himmel ist,
Soll sie in ihre Strahlen nicht zu schaun
Und ihre Wärme nicht zu fühlen wagen.
Sie mag die Nacht ersehnen; meine That
Wird Alles bald für mich in Dunkel hüllen;
Ich bringe schwärzre, grausre Finsterniß,
Als Erdenschatten oder Neumondsluft,
Als aller Himmelssterne Untergang,
Die ausgelöscht im düstersten Gewölk.
Und also wandl' ich sicher, ungesehn
Zu meiner That. – O, war' sie schon vollbracht! ( Ab.)

 

Zweite Scene.

Ein Zimmer im Vatikan

Camillo und Giacomo treten, im Gespräch begriffen, ein.

Camillo.

Es giebt ein altes dunkeles Gesetz,
Nach welchem Ihr das Allernöthigste
An Nahrung und an Kleidung fordern könntet.

Giacomo.

Ach! weiter Nichts? Ein karger Bettelpfennig
Nur mag es sein, den strenges Recht gewährt,
Und eines Greises schmutz'ger Geiz bezahlt.
Warum ließ mich mein Vater nicht ein Handwerk
Erlernen? Nimmer wär' ich dann gewohnt
An üpp'ges Luxusleben, das ich nicht
Durch meiner Hände Fleiß erschwingen kann.
Der ältste Sohn des reichen Edelmanns
Erbt alle Schwächen seines Vaters. Groß
Ist sein Bedarf, gering nur seine Mittel.
Säht Ihr, Herr Kardinal, statt feiner Speisen,
Statt weicher Dunenbetten, hundert Diener
Und sechs Paläste, Euch auf einmal nun
Beschränkt auf das, was die Natur erheischt ...

Camillo.

Ja, ja, Ihr habt ganz Recht; es wäre hart.

Giacomo.

Hart ist's für einen starken Mann zu tragen;
Allein ich hab' noch eine theure Gattin
Von hoher Herkunft, deren Mitgift ich
In schlimmer Stunde ohne Pfand und Zeugen
An meinen Vater lieh; – und Kinder hab' ich,
Die ihrer Mutter zarten Sinn geerbt,
Die schönsten Wesen auf der Welt; sie machen
Mir keinen Vorwurf drob. Herr Kardinal,
Glaubt Ihr nicht, daß der Papst ins Mittel treten
Und seinen Willen über das Gesetz
Erheben könnte?

Camillo.

Euer Fall ist hart;
Doch, weiß ich, wird der Papst das Recht nicht beugen.
Nach jenem grausen Fest der letzten Nacht
Sprach ich mit ihm und drängt' ihn, Eures Vaters
Verruchtes Thun zu hemmen, doch erzürnt
Und stirnerunzelnd sagte er zu mir:
»Kinder sind ungehorsam, und sie treiben
Zu Wahnsinn und Verzweiflung oft das Herz
Des Vaters, seine jahrelangen Sorgen
Mit Schmach und Kränkung lohnend. Innig dauert
Graf Cenci mich. Es hat vielleicht der Undank,
Den seine Liebe fand, den Haß in ihm
Geweckt, und so zum Bösen ihn gereizt.
Im großen Kriege zwischen Alt und Jung
Will ich, mit weißem Haar und schwankem Fuß,
Zum wenigsten neutral mich halten.«

( Orsino kommt.)

Ihr,
Orsino, habt die Worte auch gehört.

Orsino.

Ich? Welche Worte?

Giacomo.

Wiederholt sie nicht!
Ach, keine Hülfe giebt es denn für mich;
Zum mindsten keine mehr, als die ich selbst,
Zum Aeußersten gebracht, mir schaffen kann.
Doch meine arme Schwester und mein Bruder
Vergehen unter meines Vaters Blick.
Die fürchterlichsten Henker dieses Landes,
Galeaz Visconti, Borgia, Ezzelin,
Verhängten über den gemeinsten Knecht
Nicht solche Qual, wie diese dulden müssen.
Giebt es für sie denn nirgends einen Schutz?

Camillo.

Ei nun, wenn sie den Papst drum bitten wollen,
So denk' ich nicht, daß er's verweigern kann;
Doch hält er es für ein gefährlich Beispiel,
Wenn irgendwie die väterliche Macht,
Die ja das Abbild seiner eignen ist,
Geschmälert wird. – Entschuldigt mich! Geschäfte,
Die keinen Aufschub dulden, rufen mich.

( Camillo ab.)

Giacomo.

Ihr habt die Bittschrift ja, Orsino; sagt,
Was säumt Ihr, sie dem Papst zu übergeben?

Orsino.

Ich gab sie ihm, und unterstützte sie
Aufs dringlichste mit meiner wärmsten Fürsprach;
Doch sonder Antwort gab er sie zurück.
Ich zweifle nicht, daß die verruchten Thaten,
Von denen in der Schrift die Rede ist
– (Und wahrlich, Thaten sind's, die schwer zu glauben), –
Den Zorn des Papstes von dem Angeklagten
Auf Die, die ihn verklagen, hingewandt;
Denn so erschien mir's nach Camillo's Worten.

Giacomo.

Mein Freund! der Teufel Gold, der Thronumschleicher,
Versiegelt Seiner Heiligkeit den Mund,
Und wie dem Skorpion in Feuersgluth,
Bleibt Nichts uns übrig, als uns selbst zu tödten!
Denn ihn, der uns so mörderisch verfolgt,
Beschirmt der heil'ge Name eines Vaters;
Sonst wollt' ich –

( Bricht plötzlich ab.)

Orsino.

Was? Sagt furchtlos, was Ihr denkt!
Denn Worte sind nur heilig, wenn die That
Auch heilig, die sich unter ihnen birgt.
Ein Priester, welcher seinen Gott verschwor;
Ein Richter, dessen Spruch die Wahrheit kränkt;
Ein Freund, der seinen Rathschlag (wie jetzt ich)
Im Dienste schnöder Selbstsucht nur ertheilt;
Ein Vater, der ein schändlicher Tyrann,
Entheil'gen ihren heil'gen Namen nur.

Giacomo.

Fragt nicht, was ich gedacht; denn absichtslos
Sinnt oft das Hirn, was nimmer es gewollt,
Und unsre Phantasie schafft Träume, die
Ins Wort zu kleiden nicht die Zunge wagt; –
Die keine Worte finden, denn ihr Graus
Führt sie dem Geiste schattenhaft vorüber.
Mein innerst Herz empört sich, das zu denken,
Wonach Ihr fragt.

Orsino.

Doch eines Freundes Brust
Gleicht der geheimsten Zelle unsrer Seele,
Wo wir dem frechen Blick des Tags, der Luft,
Der allgeschwätzigen, verborgen sind.
Aus eurem Auge spricht, was Ihr gedacht –

Giacomo.

O, schont mich jetzt! Ich bin dem Manne gleich,
Der sich um Mitternacht im Wald verirrte,
Und der den Wandrer, welcher harmlos ihm
Vorüberschreitet, nach dem rechten Weg
Nicht zu befragen wagt, aus Furcht, er könne,
Wie mein Gedank' es ist, ein Mörder sein.
Ich weiß, Ihr seid mein Freund, und Alles, was
Mein Geist zu denken wagt, sei Euch vertraut.
Doch schwer ist heut mein Herz, und möchte gern
In einer Nacht voll schlummerloser Sorge
Sich einsam Raths erholen. So verzeiht,
Daß ich Lebwohl Euch sage – lebet wohl!
O, könnt' ich an mein eignes finstres Ich
Ein Wort so voll von süßem Frieden richten!

Orsino.

Lebt wohl! – Und werdet besser oder kühner!

( Giacomo ab.)

Ich wies den Kardinal Camillo an,
In kühler Art sein Hoffen nur zu nähren.
Vortrefflich dient es meinem schlauen Plan,
Daß es den Cenci's eigenthümlich ist,
Ihr eigenes und Anderer Gemüth
In jeder Faser grübelnd zu zerlegen;
Denn solche Selbstanatomie enthüllt
Gefährliche Geheimnisse dem Willen;
Sie fordert unsre Kraft heraus, und lehrt
Bis in die Tiefe nachtumwobner Pläne
Uns kennen, was man denken muß und thun.
So fiel Graf Cenci in das Netz; – und ich,
Seit Beatrice mich mir selbst enthüllte,
Und mich Vor dem, was ich nicht meiden kann,
Erbeben ließ, verachte fast mich selbst;
Doch hab' ich schon mich halb damit versöhnt.
So wenig Unrecht will ich thun, wie möglich,
Dann schweigt der Vorwurf des Gewissens wohl.

( Nach einer Pause.)

Was wär's denn Arges, Cenci zu ermorden? –
Doch warum sollte ich der Mörder sein?
Und könnt' ich nicht, ausweichend der Gefahr
Und Sünde, doch den Lohn der That gewinnen?
Von allen Menschen fürchte ich zumeist
Den Mann, der schneller handelt, als er spricht;
Und solch ein Mann ist Cenci. Blieb' er leben,
So wäre seiner Tochter Mitgift nur
Ein heimlich Grab für mich, der sie gewänne. –
O schöne Beatrice, daß ich nie
Dich liebte, oder daß ich es vermöchte,
Gefahr und Gold und Alles zu verachten,
Was zwischen meinem Wunsch und seinem Ziel
Sich drohend aufthürmt, oder als Verheißung
Jenseit desselben lächelnd mich bethört!
Kein Ausweg! Ihre herrliche Gestalt
Kniet neben mir am Altar, und verfolgt mich
Im Marktgewühl, und störet meinen Schlaf
Mit wilden Träumen, daß, wenn ich erwache,
Mein Blut wie flüssig Feuer mir erscheint.
Wenn ich mein schwindelnd Haupt befühle, sengt
Die heiße Hand die feuchte, kalte Stirn;
Ihr Name selbst, wenn ihn ein fremder Mund
Nur ausspricht, macht das Herz mir qualvoll beben;
Und so umarm' ich nutzlos das Phantom
Von unempfundnen Freuden, bis zuletzt
Die Phantasie den selbstgeschaffnen Schatten
Schon zu besitzen glaubt. Doch länger nicht
Will ich mein Herz mit Fieberträumen nähren.
Aus Giacomo's entwirrten Hoffnungen
Muß sich mein Plan zur Wirklichkeit gestalten.
Wie von der Höhe eines Thurmes, kann
Ich übersehn, wie Alles enden wird: –
Ihr Vater todt; ihr Bruder mir verbunden
Durch ein Geheimniß, sichrer als das Grab;
Die Mutter eingeschüchtert, willenlos
Durch ihres Wunsches gräßliche Erfüllung;
Und sie! ... Noch einmal Muth, du zages Herz!
Was wagt, im Bund mit dir, ein freundlos Mädchen?
Ich sehe sicher meinen Sieg voraus.
Ein unsichtbarer Dämon flüstert stets
Dem Menschen schwarze Pläne in das Ohr,
Wenn Schreckliches sich naht; und Dem gelingt's
Zumeist, der nicht des Bösen Werkzeug wird,
Sondern dem finstern Geist, der Andrer Herzen
Zur Beute sich erkürt, zu schmeicheln weiß,
Bis er sein Sklav wird – und Dies werd' ich thun. ( Ab.)

 

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