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Percy Bysshe Shelley: Die Cencit - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorPercy Bysshe Shelley
titleDie Cencit
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
translatorAdolf Strodtmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150204
projectid26d0d6bf
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Erster Aufzug

Erste Scene.

Ein Zimmer im Palast Cenci.

Graf Cenci und Kardinal Camillo treten ein.

Camillo.

Die Mordgeschichte sei vertuscht, dafern
Es Euch genehm ist, Seiner Heiligkeit
Das Gut vorm Pincio-Thore abzutreten. –
All meinen Einfluß mußt' ich im Konklave
Aufbieten, um ihn dahin zu vermögen.
Er sagte, daß Ihr Euch mit Eurem Gold
Gefährliche Straflosigkeit erkauftet;
Und daß Verbrechen gleich den Euren wohl,
Zum ersten oder zweiten Mal verziehn,
Den Kirchenschatz bereichern, und den Sünder,
Dem man zur Reue Lebensfrist vergönnt,
Erretten mögen von der Hölle Qual:
Doch dulde nicht der Ruhm und das Intresse
Des heil'gen Stuhls, auf dem er thront, daß er
Ihn Tag für Tag zum Sündenmarkte mache
So vieler und verruchter Greul, die Ihr
Kaum vor der Welt empörtem Blick verhehlt.

Cenci.

Das dritte meiner Güter – sei es drum!
Ich hörte einmal, daß des Papstes Neffe
Von seinem Architekten dort den Grund
Besicht'gen ließ; denn eine Villa dachte
Er sich in meinen Gärten zu erbaun,
Sobald ich wieder mit dem Oheim feilschte.
O, wenig kam's mir damals in den Sinn,
Daß er mich also überlisten würde!
Kein Licht, kein Zeuge soll fortan erschaun,
Was auszuschwatzen jener Knecht gedroht,
Dem jetzt der Staub das lose Maul verstopft.
Die That, die er gesehn, war mehr nicht werth,
Als sein erbärmlich Leben! Mich empört's! –
Mich vor der Hölle retten? – Rette so
Der Teufel ihre Seelen vor dem Himmel!
Papst Klemens, o! und seine lieben Neffen,
Sie werden zum Apostel Petrus jetzt
Und allen Heil'gen beten, daß sie mir
Um ihretwillen Reichthum, Kraft und Stolz
Und Lust und Leben lange noch erhalten,
Damit ich Thaten zu begehn vermöge,
Die ihren Schatz bereichern. – Aber Viel
Noch bleibt in meinen Händen, worauf sie
Nicht Anspruch machen werden.

Camillo.

O, Graf Cenci,
So viel, daß ehrenvoll du leben könntest,
Und dich versöhnen mit dem eignen Herzen,
Mit deinem Gott und der gekränkten Welt.
Wie schmählich stehn der Wollust blut'ge Thaten
Zu diesem weißen, ehrfurchtwürd'gen Haar!
Es säßen jetzt die Kinder um Euch her,
Wenn Ihr in ihren Blicken nicht die Schmach
Und all den Jammer, die Ihr dort geschrieben,
Zu lesen fürchtetet. Wo ist Eur Weib?
Wo Eure holde Tochter? Mich bedünkt,
Es müßt' ihr sanfter Blick, der Alles sonst
Freudvoll verschönt, den Dämon in Euch bannen.
Weshalb verschließt Ihr sie vor jeder andern
Gesellschaft, als dem eignen bittern Leid?
Sprecht, Graf! Ihr wißt, ich mein' es gut mit Euch.
Ich stand Euch nah in Eurer wilden Jugend,
Betrachtend ihren unheilvollen Lauf,
Wie man des Meteores Glanz betrachtet,
Doch schwand sie nicht, gleich diesem, rasch dahin.
Ich sah des Mannes ruchlos finstres Treiben;
Jetzt seh' ich Euch als tief entehrten Greis,
Von unbereuter Sündenlast befleckt.
Doch hofft' ich immer noch auf Eure Bessrung,
Und rettete Euch dreimal drum das Leben.

Cenci.

Dafür dankt jetzt Aldobrandino Euch
Mein Gut am Monte Pincio. – Kardinal,
Eins, bitt' ich Euch, vergeßt in Zukunft nicht,
Zwangloser werden wir uns dann besprechen.
Ein Mann, den Ihr gekannt, der oft mein Haus
Besuchte, sprach von meiner Frau und Tochter; –
Des andern Tages frugen seine Frau
Und Tochter, ob ich ihn gesehn – ich lachte,
Und niemals, denk' ich, sahen sie ihn wieder.

Camillo.

Verruchter Mann, nimm dich in Acht!

Cenci.

Vor dir?
Pah, Thorheit! Besser sollten wir uns kennen.
Mein Treiben, das die Welt Verbrechen nennt,
Wenn sie gewahrt, daß nach Gefallen ich
Der Lust der Sinne fröhne, und dies Recht
Mir mit Gewalt und List zu sichern weiß,
Ist allbekannt, und keine Scheu empfind' ich,
Mit Euch es zu besprechen. Kann ich doch
Mit Euch Wie mit dem eignen Herzen reden;
Denn Ihr wollt halb mich ja gebessert haben;
Drum wird die Eitelkeit, wenn nicht die Furcht,
Euch schweigen lassen – beide werden's thun.
In Wollust schwelgen alle Menschen gern,
Und sind der Rache froh, und freun zumeist
Der Qual sich, die sie selber nicht empfinden,
Weil insgeheim sie hoffen, daß die Pein
Der Andern ihren Frieden noch erhöhe.
Doch mich entzückt nichts Anderes. Ich liebe
Des Jammers Anblick, das Gefühl der Lust,
Wenn letztres mein, und Andre jenen leiden.
Ich kenne keine Reu' und wenig Furcht,
Die wohl das Hemmniß andrer Menschen sind.
Und dieser Hang wuchs so in mir, daß jetzt
Ein jeder Plan, den meine Phantasie
Sich launenvoll als Ziel der Wünsche schafft –
(Und keinen schafft sie, der nicht Eures Gleichen
Erschaudern machte, wenn Ihr ihn erführt) –
Mir wie Entbehrung ist von Speis' und Ruh',
Bis er vollbracht.

Camillo.

Und bist du elend nicht?

Cenci.

Elend? Weshalb? Ich bin, was Eure Pfaffen
Verhärtet nennen; sie sind unverschämt,
So giftig eines Manns Geschmack zu schmähen.
Wahr ist es, ich war glücklicher als jetzt,
Da noch die Mannheit meinen Arm gestählt,
Da Wollust süßer noch als Rache war.
Ach, die Erfindung stockt, wir werden alt;
Und bliebe mir nicht eine That zu thun,
Die durch ihr Grausen stumpfren Sinn als meinen
Noch stachelte, – ich weiß nicht, was ich thäte.
So lang ich jung war, dachte ich an Nichts
Als Freude nur, und nippte süßen Honig.
Doch können Männer, bei Sankt Thomas, nicht
Wie Bienen leben, und ich ward es satt.
Doch bis ich einen Feind dahingestreckt
Und sein und seiner Kinder Stöhnen hörte,
Bis dahin wußt' ich nicht, was uns an Lust
Die Erde beut, die Wenig jetzt mir bietet.
Nun schau' ich lieber solche Herzensqualen,
Die schlecht der Schrecken nur verhehlt; mich freut
Des trocknen Auges starrer Blick, das Beben
Der bleichen Lippen, welche mir verkünden,
Daß innerlich die Seele Thränen weint,
Die bittrer sind als Christi blut'ger Schweiß.
Den Körper tödt' ich selten, denn er hält
In meiner Macht die Seele eingekerkert,
Daß ich sie nähre mit dem Hauch der Angst
In stündlich neuer Qual.

Camillo.

O, nimmer hat
Der Hölle fürchterlichster Dämon je
Im Taumel des Verbrechens so gesprochen
Zu seinem Herzen, wie jetzt Ihr zu mir.
Ich danke Gott, daß ich's nicht glauben kann.

( Andrea tritt ein.)

Andrea.

Herr Graf, ein Edelmann aus Salamanca
Wünscht Euch zu sprechen.

Cenci.

Laß im Saal ihn warten.

( Andrea ab.)

Camillo.

Lebwohl! Und zum Allmächt'gen will ich beten,
Daß dein verruchtes Lästerwort ihn nicht
Versuche, ganz von dir sich abzuwenden. ( Ab.)

Cenci.

Das dritte meiner Güter! Ich muß sparen,
Sonst wird das Gold, des Greisenalters Schwert,
Der welken Hand entfallen. Gestern noch
Befahl der Papst mir, daß für meine Söhne,
Die Natternbrut, ich vierfach sorgen soll;
Ich sandte sie von Rom nach Salamanca,
Und hoffte, daß ein Unglück sie ereile,
Daß ich sie dort verhungern lassen könnte.
Ich fleh' dich, Gott, send' ihnen raschen Tod!
Bernardo und mein Weib, sie träfen's schlechter
In Grab und Hölle nicht – und Beatrice –

( Argwöhnisch umherblickend.)

Ich denke nicht, daß man mich hier belauscht;
Und wenn auch, pah! Doch besser schweigt der Mund,
Ob laut das Herz auch drinnen jauchzen mag.
O du verschwiegne Luft, du sollst nicht hören,
Was ich jetzt denke! Estrich, der mich führt
Zu ihrer Kammer, mag dein Widerhall
Das Nahen meines stolzen Schritts verkünden,
Doch meine Absicht nicht! – Andrea!

( Andrea tritt ein.)

Andrea.

Herr!

Cenci.

Sag Beatricen, daß sie meiner harre
Heut Abend; – nein, um Mitternacht, allein!

( Beide ab.)

 

Zweite Scene.

Ein Garten im Palast Cenci

Beatrice und Orsino treten im Gespräch ein.

Beatrice.

Verkehrt die Wahrheit nicht, Orsino! Wißt
Ihr noch, wo jenes Zwiegespräch wir führten?
Hier die Cypresse läßt den Ort uns sehn.
Zwei lange Jahre schlichen hin, seit ich
In einer Mitternacht des Maienmonds
Euch unter jenen mondbeglänzten Trümmern
Des Palatins mein innerst Herz erschloß.

Orsino.

Ihr sagtet damals, daß Ihr mich geliebt.

Beatrice.

Ihr seid ein Priester, – sprecht mir nicht von Liebe!

Orsino.

Ich kann vom Papste den Dispens erhalten,
Der mir den Ehebund gestatten wird.
Meint Ihr, weil ich ein Priester bin, es folgte
Mir Euer Bild nicht wachend und im Schlaf,
Wie dem getroffnen Wild der Jäger folgt?

Beatrice.

Wie ich gesagt, sprecht mir von Liebe nicht!
Bekämt Ihr den Dispens, ich habe keinen;
Auch werd' ich nicht dies Jammerhaus verlassen,
Solang Bernardo und die gute Frau,
Der ich mein Leben, meine Tugend danke,
Erleiden, was ich noch mittragen kann.
Orsino, ach! die Liebe, die ich einst
Für Euch gefühlt, ist jetzt in Qual gewandelt.
Ihr habt zuerst den jugendlichen Bund
Gebrochen, als Ihr ein Gelübde thatet,
Von dem kein Papst Euch mehr entbinden kann.
Und so lieb' ich Euch noch, doch heil'gen Sinns,
Wie eine Schwester, wie ein reiner Geist,
Und darf Euch kalte Treue nur geloben.
Vielleicht ist's gut, daß wir uns nimmer frein;
Ihr habt ein schlau und doppelzüngig Wesen,
Das mich schon oft verletzte. – Weh mir Armen!
Wohin soll ich mich wenden? Ihr sogar
Blickt jetzt mich an, als wärt Ihr nicht mein Freund,
Als wüßtet Ihr, daß Solches ich gedacht,
Und wolltet mit erzwungnem Lächeln nun
Des Unrechts meinen finstern Argwohn zeihen.
Doch nein, Vergebt mir! Ach, es läßt der Gram
Mich härter scheinen, als ich sonst wohl bin.
Mich quält die Last der düstersten Gedanken,
Und sie verkünden ... Doch was können sie
Noch Schlimmres künden, als ich jetzt erdulde?

Orsino.

Es wird sich Alles noch zum Besten wenden.
Habt Ihr die Bittschrift fertig? Beatrice,
Ihr kennt mein Streben, dienstbar Euch zu sein;
So zweifelt nicht, daß alle meine Kunst
Den Papst bestürmen wird, Euch zu erhören.

Beatrice.

Eur Streben, mir zu dienen? – Ihr seid kalt!
All' eure Kunst? – Sprecht nur Ein Wort! –

( Bei Seite)

Weh mir!
Verlass'nes, schwaches Wesen, das ich bin,
Hier streit' ich mich mit meinem einz'gen Freunde!

( Zu Orsino.)

Mein Vater giebt zu Nacht ein glänzend Fest,
Orsino; denn aus Salamanca traf
Von meinen Brüdern frohe Nachricht ein,
Und er verhüllt mit diesem Schein der Liebe
Den innern Haß. 's ist freche Heuchelei,
Denn lieber würd' er feiern ihren Tod,
Um den ich auf den Knien ihn beten hörte.
O großer Gott, daß solch ein Mann mein Vater!
Doch Alles ist auf's prächtigste bestellt,
Und unsre ganze Sippschaft wird erscheinen
Beim Fest, sowie der höchste Adel Rom's.
Auch hieß er mich und meine blasse Mutter,
Die schönsten Festgewänder anzuthun.
Die Arme hofft, daß sich sein finstrer Geist
Zum Besseren gewandt; ich hoffe Nichts.
Bei Tische werd' ich Euch die Bittschrift geben;
Bis dahin – lebet wohl!

Orsino.

Lebt wohl!

( Beatrice ab.)

Ich weiß,
Der Papst wird mich von meinem Priestereid
Niemals entbinden, ohne mich zugleich
Von mancher Pfründe Schätzen zu entbinden;
Und leichtern Kaufes wahrlich denk' ich mir
Die holde Beatrice zu gewinnen.
Auch soll er nimmer ihre Bittschrift lesen;
Sonst gäb' er einem seiner armen Schlucker
Von Vettersvettern gar sie noch zum Weib,
Wie er's mit ihrer Schwester jüngst gethan,
Und jeder Zutritt wäre mir versperrt.
Was sie von ihrem Vater leiden soll,
In Alledem ist viel von Uebertreibung.
Murrköpfig ist das Alter, launenhaft;
Erschlägt ein Mann den Diener oder Feind,
Schwelgt er im Weine und mit Weibern gern,
Und kehrt verdrossner Laune dann zurück
Ins öde Haus, und zankt mit Weib und Kind,
So nennen Weib und Kind das Tyrannei.
Ich darf zufrieden sein, wenn Schlimmres nicht
Mein Herz belastet, als was sie erleiden
Durch meiner Liebe Anschlag – 's ist ein Netz,
Aus dem sie nicht entrinnen wird. Doch fürcht' ich
Ihr klares Denken, ihren strengen Blick,
Der Nerv für Nerv mein Innerstes zerlegt
Und aufdeckt, und ob meiner Brust Geheimniß
Mich schamroth macht. Doch nein! ein freundlos Mädchen,
Dem ich die letzte, einz'ge Hoffnung bin –
Ich wär' ein Narr, dem Pantherthiere gleich,
Das vor der Antilope Blick sich scheute,
Ließ' ich entschlüpfen mir dies edle Wild ( Ab.)

 

Dritte Scene.

Eine prächtige Halle im Palast Cenci

Ein Bankett. Cenci, Lucretia, Beatrice, Orsino, Camillo und Edelleute treten ein.

Cenci.

Willkommen seid mir, Freunde und Verwandte,
Willkommen, Fürsten, Kardinäle, ihr,
Der Kirche feste Stützen, die mein Fest
Ihr heut mit eurer Gegenwart beehrt!
Zulange lebt' ich wie ein Klausner schier,
Und manches Böse ward von mir gesprochen,
Seit ich mich eurem frohen Kreis entzog.
Doch hoff' ich, edle Freunde, wenn den Glanz
Des heut'gen Festes ihr mit mir getheilt,
Wenn ihr den frommen Grund, weshalb ich's gebe,
Vernommen habt, und ein'ge Becher Weins
Mit mir geleert, so werdet ihr wohl glauben,
Daß ich von Fleisch und Blut bin, so wie ihr;
Zwar sündhaft – denn seit Adam sind wir's Alle, –
Doch weichen Herzens, sanft und mitleidsvoll.

Erster Gast.

In Wahrheit, Herr, Ihr scheint zu frohgelaunt,
Ein zu gesellig heitrer Mann zu sein,
Uni Thaten zu begehn, wie man Euch nachsagt.

(Zu seinem Begleiter.)

Nie sah ich solche offne Fröhlichkeit
In einem Aug'.

Zweiter Gast.

Ein höchst erwünschter Vorfall,
Deß Glück ein Jeder von uns theilen möchte,
Hat uns hieher geführt ... Laßt hören, Graf!

Cenci.

Jawohl, ein höchst erwünschter Vorfall ist's.
Sagt, wenn ein Vater aus dem Vaterherzen
Ein heiß Gebet empor zum Himmel sendet,
So oft er sich zum Schlummer niederlegt,
So oft er, davon träumend aufgewacht, –
Ein heiß Gebet, Ein Flehen, Eine Hoffnung,
Daß Gott nur Einen Wunsch für seine Söhne,
Für die er um dies Einz'ge fleht, gewähre;
Und wenn urplötzlich, wie er's kaum gehofft,
Sich's nun erfüllt, sollt' er sich dann nicht freuen,
Und seine Freunde all' zum Feste laden,
Daß ihre Lieb' erhöhe seine Lust?
Ehrt mich denn so – denn ich bin dieser Vater!

Beatrice

( zu Lucretia).

Wie schrecklich! Großer Gott! welch Unglück traf
Wohl meine Brüder?

Lucretia.

Fürchte Nichts, mein Kind;
Er spricht zu offen.

Beatrice.

Ach, mein Blut erstarrt;
Das tückische Lächeln um sein Auge fürcht' ich,
Das bis zum Haar die Stirn in Falten zieht.

Cenci.

Dies Schreiben traf aus Salamanca ein;
Lies, Beatrice, es der Mutter vor!
O Gott, ich danke dir! In Einer Nacht
Erfülltest du, nach unerforschtem Rathschlag,
Was ich so heiß und flehentlich erbat.
Denn meine Söhne, die rebellischen Buben,
Sind todt! – Ja, todt! – Was stiert ihr bleich mich an?
Ihr hört mich nicht – ich sag' euch, sie sind todt!
Sie brauchen Nahrung nicht, noch Kleidung mehr;
Die Kerzen, die zum Grabe sie geleuchtet,
Sind ihre letzten Kosten; und ich denke,
Der Papst wird nicht von mir erwarten können,
Daß ich im Sarge für sie sorgen soll.
Freut euch mit mir – mein Herz ist innig froh.

( Lucretia sinkt halb ohnmächtig nieder; Beatrice unterstützt sie.)

Beatrice.

Es ist nicht wahr! – O Mutter, blick empor!
Denn war' es wahr – noch ist ein Gott im Himmel! –
So lebt' er nicht, sich solcher Gunst zu rühmen.
Unmensch! du weißt es, daß du Lüge sprachst.

Cenci.

Nein, wahr wie Gottes Wort; ihn ruf' ich hier
Zum Zeugen an, daß ich nur Wahrheit rede;
Und seine gnäd'ge Vorsicht zeigt sich auch
In ihrer Todesart. Denn Rocco kniete
Mit sechzehn Andern in der Messe just,
Da brach der Dom zusammen und zermalmt' ihn;
Die Andern alle blieben unversehrt.
Christofano ward zu derselben Stunde
In selber Nacht aus Mißverstand erdolcht
Von einem eifersücht'gen Mann, derweil
Beim Nebenbuhler seine Liebste schlief.
Dies Alles zeigt doch sichtbar, daß der Himmel
Besondrer Gnade mich gewürdigt hat.
Ich bitt' euch, liebe Freunde, merkt den Tag
Als einen Festtag im Kalender an;
Es war der siebenundzwanzigste December.
Da, lest den Brief, wenn ihr noch Zweifel hegt.

( Die Gesellschaft scheint verstört; mehre Gäste erheben sich.)

Erster Gast.

O, gräßlich! Ich will gehn.

Zweiter Gast.

Ich auch.

Dritter Gast.

Nein, bleibt!
Ich glaub', er spaßt mit uns, obschon er fast
Zu ernsthaft dann mit seinem Scherze thut.
Sein Sohn hat die Infantin wohl gefreit,
In El Dorado Minen Golds gefunden;
Zur Würze solcher Nachricht sprach er so.
Bleibt, bleibt! Sein Lächeln sagt: Es ist nur Spott!

Cenci

( füllt einen Weinpokal und erhebt ihn).

Du edler Wein, deß helle Purpurfluth
In diesem Goldpokal beim Kerzenscheine
So lustig wogt, wie jetzt mein Herz sich freut,
Der gottverfluchten Söhne Tod zu hören,
O, könnt' ich glauben, daß ihr Blut du wärst:
Ich kostete dich wie ein Sakrament,
Und tränke dich dem Höllenfürsten zu,
Der, wenn es wahr ist, daß des Vaters Fluch
Mit schnellstem Fittich seiner Kinder Seelen
Nacheilt und sie vom Thron des Himmels reißt,
Jetzt meiner Lust sich freut! – Doch dein bedarf's nicht;
Ich Hab' mich in der Freude Kelch berauscht,
Und trinke keinen andern Wein heut Nacht.
Andrea, hier! kredenz den Kelch!

Ein Gast

( sich erhebend).

Verruchter!
Will Keiner unter dieser edlen Schaar
Dem Frevler Einhalt thun?

Camillo.

Um Gottes willen,
Laßt mich die Herrn entlassen! Ihr seid toll,
Das wird für Euch ein schlechtes Ende nehmen.

Zweiter Gast.

Ergreift ihn! stopft ihm den verruchten Mund!

Erster Gast.

Ich will's!

Dritter Gast.

Ich auch!

Cenci

( wendet sich zu Denen, die sich drohend erheben).

Wer wagt's? Wer spricht?

( Zu den übrigen Gästen.)

's ist Nichts,
Seid lustig! – Hütet euch! denn meine Rache
Gleicht eines Königs heimlichem Befehl;
Sie tödtet, doch den Mörder schützt die Furcht.

( Das Bankett wird aufgehoben; einige der Gäste entfernen sich.)

Beatrice.

Ich bitt' euch, edle Gäste, geht nicht fort. –
Weil Tyrannei und frevler Haß geschützt
Von eines Vaters grauem Haare sind;
Weil er, der uns dies Leben gab, uns martert
Und seines Thuns sich freut; weil wir, die Todten
Und die Verlassnen, sind sein eigen Blut,
Sein Weib und seine Kinder, die er lieben
Und schützen sollte: finden wir deshalb
Auf dieser weiten Erde keine Zuflucht?
Bedenkt, welch schweres Unrecht erst die Liebe,
Und dann die Ehrfurcht in des Kindes Herzen
Vernichtet haben muß, daß es jetzt so
Der Scham und Furcht vergißt! O, dies bedenkt!
Ich habe Viel ertragen, hab' geküßt
Die heil'ge Hand, die uns zu Boden warf,
Und hielt den Schlag für väterliche Zücht'gung.
Ich habe Viel entschuldigt, viel gezweifelt,
Und wenn kein Zweifel mehr mir übrig blieb,
Hab' ich durch Liebe, Thränen und Geduld
Gesucht, ihn zu besänft'gen; und wenn dies
Vergebens war, so sank ich auf die Knie,
Und in der langen schlummerlosen Nacht
Fleht' ich zu Gott, dem Vater unser Aller,
In brünstigem Gebet; und fand auch dort
Ich kein Gehör, so trug ich's immer noch, –
Bis ich euch, Fürsten und Verwandte, nun
Bei diesem grausen Freudenfest begegne
Für meiner Brüder Tod. Noch Zweie blieben,
Sein Weib und ich; und rettet ihr sie nicht,
So wird euch wieder bald ein solches Fest
Allhier versammeln, wie es Väter feiern
Im Freudenrausch an ihrer Kinder Gruft.
O, Fürst Colonna, du bist uns verwandt;
Des Papstes Kämmrer bist du, Kardinal;
Und du, Camillo, bist der erste Richter;
Nehmt uns hinweg!

Cenci

( hat sich während des ersten Theiles der Rede Beatricens mit Camillo unterhalten; er hört den Schluß und tritt vor).

Ich hoffe, meine Freunde,
Daß ihr der eignen Töchter denkt, – vielleicht
Der eignen Kehlen auch, – eh' ihr Gehör
Dem tollen Mädchen leiht.

Beatrice

( ohne Cenci's Worte zu beachten).

Wagt Keiner denn
Mir eine Antwort, einen Blick zu schenken?
Kann Ein Tyrann bewält'gen das Gefühl
So vieler trefflichen und weisen Männer?
Wie, oder trag' ich mein Gesuch nicht vor
In strenger Form des Rechts, daß ihr's verweigert?
O Gott! läg' mit den Brüdern ich im Sarg,
Und welkten des geschiednen Lenzes Blumen
Auf meinem Grabe, daß mein Vater jetzt
Ein Freudenfest für Alle feierte!

Camillo.

Ein bittrer Wunsch für ein so junges Mädchen.
Und können wir Nichts thun?

Colonna.

Ich glaube, Nichts.
Graf Cenci wär' ein gar zu böser Feind;
Doch unterstützt' ich Jeden gern.

Ein Kardinal.

Ich auch.

Cenci.

Geh, Unverschämte! Fort in dein Gemach!

Beatrice.

Geh du, ruchloser Mann! Geh, und verbirg dich,
Wo nimmer mehr ein Auge dich erblickt!
Willst du Verehrung und Gehorsam fordern
Für Weh und Qual? O Vater, wähne nicht,
Wenn du die Gäste auch bewält'gen magst,
Daß Böses Andres je als Böses zeugt. –
Schau nicht so wild mich an! Beeile dich,
Verbirg dich schnell, daß nicht mit Rächerblicken
Die Geister meiner Brüder dich verjagen
Von deinem Sitz! Verhülle dein Gesicht
Vor jedem Auge, fahr erschreckt zusammen,
So oft du eines Menschen Tritt vernimmst!
Such einen dunklen, stillen Winkel dir,
Und beuge dort dein greises Haupt vor Gott,
Den du beleidigst, und wir wollen Alle
Dann um dich knien, und brünstig zu ihm flehn,
Daß er sich über uns und dich erbarme.

Cenci.

Es schmerzt mich, Freunde, daß die tolle Dirne
Die Festesfreude uns verkümmert hat.
Gut' Nacht, lebt Wohl! Nicht länger will ich euch
Zu Zeugen dieses Hausgezänkes machen.
Ein andermal –

( Alle ab, außer Cenci und Beatrice.)

Es schwindelt mir das Hirn.
Gebt einen Becher Wein!

( Zu Beatrice.)

Du bunte Viper!
Du Bestie! schön, und doch so fürchterlich!
Ich kenn' ein Zaubermittel, das dich zähmt.
Jetzt fort! mir aus den Augen!

( Beatrice ab.)

Hier, Andrea,
Füll diesen Becher mir mit griechischem Wein.
Ich sagt', ich wolle heute nicht mehr trinken,
Allein ich muß; denn, sonderbar! ich fühle,
Wie mir der Muth bei dem Gedanken sinkt
An das, was ich zu thun entschlossen bin.

( Trinkt den Wein.)

Sei du der Jugend feuriger Entschluß
In meinen Adern, und der Mannheit Kraft,
Des Alters abgefeimte Schurkerei,
Als wärst du wirklich meiner Kinder Blut,
Nach dem ich lechze! Ha, der Zauber wirkt!
Es muß geschehn, es soll geschehn! ich schwör's! ( Ab.)

 

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