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Percy Bysshe Shelley: Die Cencit - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
authorPercy Bysshe Shelley
titleDie Cencit
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
translatorAdolf Strodtmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150204
projectid26d0d6bf
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Vorwort.

Während meiner Reisen in Italien wurde mir ein Manuskript Dasselbe findet sich am Schlusse des nachstehenden Drama's abgedruckt. Anm. des Uebers. mitgetheilt, das aus den Archiven des Palastes Cenci in Rom kopirt war, und eine ausführliche Erzählung der Greuelthaten enthält, die mit der Vernichtung einer der edelsten und reichsten Familien jener Stadt, unter dem Pontifikate Klemens' VlII., im Jahre 1599 endeten. Die Geschichte ist folgende. Ein Greis, der sein Leben in Ausschweifungen und Lastern verbracht hatte, faßte zuletzt einen unversöhnlichen Haß gegen seine Kinder, der sich gegen seine Tochter in Gestalt einer blutschänderischen Leidenschaft zeigte, welche durch jeglichen Umstand der Grausamkeit und Mißhandlung verschlimmert ward. Diese Tochter faßte endlich, nach langem und vergeblichem Bemühen, dem, was sie für eine ewige Befleckung des Körpers und der Seele hielt, zu entrinnen, im Verein mit ihrer Stiefmutter und ihrem Bruder den Anschlag, ihren gemeinschaftlichen Tyrannen zu ermorden. Das junge Mädchen, das zu dieser entsetzlichen That durch einen Impuls getrieben ward, welcher derselben ihre Schrecken benahm, war erwiesenermaßen ein sehr sanftes und liebenswürdiges Wesen, – ein Geschöpf, für Liebe und Bewunderung geschaffen, und so durch den Zwang der Verhältnisse und Meinungen gewaltsam ihrer natürlichen Sphäre entrissen. Die That wurde schnell entdeckt, und trotz der eindringlichsten Verwendung der angesehensten Personen Roms bei dem Papste wurden die Schuldigen mit dem Tode bestraft. Der alte Mann hatte bei seinen Lebzeiten wiederholentlich vom Papste die Begnadigung für Kapitalverbrechen der abscheulichsten und unnatürlichsten Art um den Preis von hunderttausend Kronen erkauft; man kann den Tod seiner Opfer daher schwerlich der Gerechtigkeitsliebe zuschreiben. Der Papst fühlte, neben andern Beweggründen zur Strenge, wahrscheinlich, daß, wer den Grafen Cenci tödte, seinen Schatz einer sicheren und reichen Einnahmequelle beraube Die päpstliche Regierung traf früher die außerordentlichsten Vorsichtsmaßregeln gegen die Veröffentlichung von Thatsachen, welche ihre eigene Verderbtheit und Schwäche in so tragischer Weise enthüllen, sodaß die Mittheilung des Manuskriptes bis vor Kurzem ziemlich schwierig war. Anm. des Verf.. Eine solche Geschichte, wenn sie so erzählt wird, daß sie dem Leser alle Gefühle der in ihr handelnden Personen, ihre Hoffnungen und Befürchtungen, ihre Zuversicht und ihre Zweifel, ihre verschiedenartigen Interessen, Leidenschaften und Ansichten, wie sie auf und mit einander wirken, und doch alle zu Einem entsetzlichen Endziele streben, vor Augen führt, würde wie ein Licht sein, das einige der dunkelsten und geheimsten Nachtseiten des menschlichen Herzens erhellt.

Bei meiner Ankunft in Rom fand ich, daß die Geschichte der Cenci ein Thema sei, das in einer italienischen Gesellschaft nicht erwähnt werden konnte, ohne ein tiefes und athemloses Interesse zu erwecken, und daß die Gefühle der Anwesenden stets zu einem romantischen Mitleid mit den Leiden der Unglücklichen und zu einer leidenschaftlichen Entschuldigung der schrecklichen That geneigt waren, zu welcher dieselben jenes arme Weib getrieben hatten, dessen Gebeine seit zweihundert Jahren zu Staub zerfallen sind. Alle Schichten des Volkes kannten die Grundzüge dieser Geschichte, und nahmen Theil an dem überwältigenden Interesse, welches sie mit Zaubergewalt auf das menschliche Herz zu üben scheint. Ich besaß eine Kopie von Guido's Porträt Beatricens, das im Palast Colonna aufbewahrt wird, und mein Diener erkannte es sogleich als das Bild von »la Cenci«.

Dies nationale und allgemeine Interesse, welches diese Geschichte heute noch, wie seit zwei Jahrhunderten, und unter allen Klassen der Bevölkerung einer großen Stadt hervorruft, woselbst die Phantasie beständig wach und rege erhalten wird, brachte mich zuerst auf den Gedanken, daß sie sich in hohem Grade zu dramatischer Behandlung eignen müsse. In der That, sie ist eine Tragödie, die wegen ihrer Fähigkeit, das Mitgefühl der Menschen zu erwecken und dauernd zu erhalten, schon Beifall und Erfolg errungen hat. Nach meinem Dafürhalten blieb dem Dichter nur übrig, sie für die Fassungskraft seiner Landsleute in solch eine Sprache und Handlung einzukleiden, welche sie ihnen zu Herzen zu führen vermöchte. Die tiefsten und erhabensten tragischen Werke, König Lear und die beiden Dramen, in welchen die Geschichte von Oedipus erzählt wird, waren Sagen, die als Gegenstand des Volksglaubens und des Volksinteresses schon in der Tradition existirten, bevor Shakspeare und Sophokles sie dem Mitgefühl aller kommenden Menschengeschlechter vertraut machten.

Diese Geschichte der Cenci ist allerdings äußerst entsetzlich und grauenvoll; eine nackte Darstellung derselben auf der Bühne würde unerträglich sein. Wer einen solchen Stoff behandeln will, muß die idealen Schrecken der Begebenheiten erhöhen und die wirklichen mildern, damit das Vergnügen, welches die Poesie dieser stürmischen Leiden und Verbrechen hervorbringt, den Schmerz lindere, den die Betrachtung der moralischen Verworfenheit, aus welcher sie entspringen, nothwendigerweise erzeugt. Auch darf man keinen Versuch machen, mit der Schilderung einen sogenannten moralischen Zweck zu verbinden. Der höchste moralische Zweck, den die höchste Gattung des Drama's erzielt, besteht darin, das menschliche Herz durch seine Sympathien und Antipathien sich selbst kennen zu lehren; denn im Verhältniß zum Besitz dieser Kenntniß ist jedes menschliche Wesen weise, gerecht, aufrichtig, duldsam und gut. Wenn Glaubenssätze mehr vermögen, so ist das recht schön; aber das Drama ist nicht der geeignete Ort, sie einzuprägen. Ohne Zweifel kann Niemand durch die Handlung eines Andern wahrhaft entehrt werden; und die geeignete Erwiderung auf die gröbste Beleidigung ist Sanftmuth und Milde und der Entschluß, den Beleidiger durch Friedfertigkeit und Liebe von seinen dunklen Leidenschaften zu bekehren. Rache, Vergeltung, Sühne sind verderbliche Irrthümer. Hätte Beatrice in dieser Art gedacht, so wäre sie weiser und besser gewesen, aber nimmer ein tragischer Charakter; die Wenigen, welche solch eine Darstellung interessirt haben würde, hätten nimmer hinlänglich für einen dramatischen Zweck interessirt werden können, weil ihr Interesse kein lebhaftes Mitgefühl bei der großen Mehrzahl ihrer Umgebung gefunden hätte. Eben in der unruhigen und zergliedernden Kasuistik, mit welcher die Menschen Beatrice zu rechtfertigen suchen, und doch fühlen, daß ihre That einer Rechtfertigung bedarf; eben in dem abergläubischen Grausen, mit dem sie sowohl ihre Leiden wie ihre Rache betrachten, besteht der dramatische Charakter dessen, was sie litt und that.

Ich habe mich bemüht, die Charaktere möglichst so zu schildern, wie sie wahrscheinlich gewesen sind, und ich suchte den Irrthum zu vermeiden, sie nach meinen eignen Begriffen von Recht oder Unrecht, Wahr oder Falsch handeln zu lassen, wodurch ich Namen und Handlungen des sechzehnten Jahrhunderts nur unter einem dünnen Schleier in kalte Verkörperungen meines eigenen Gemüthes verwandelt hätte. Ich habe sie als Katholiken, und zwar als tief religiöse Katholiken geschildert. Für die protestantische Auffassungsweise liegt vielleicht etwas Unnatürliches in dem tiefen und beständigen Gefühl der Bezüge zwischen Gott und dem Menschen, welches die Tragödie der Cenci durchdringt. Sie wird insbesondere stutzen über die Verbindung einer festen Ueberzeugung von der Wahrheit der herrschenden Religion mit einem kalten und entschlossenen Beharren in ruchlosen Verbrechen. Aber in Italien ist die Religion nicht, wie in protestantischen Ländern, ein Kleid, das nur an bestimmten Tagen getragen wird; noch ein Paß, den Diejenigen, welche nicht verspottet sein wollen, zur Vorweisung bei sich führen; noch ein düsteres und leidenschaftliches Sehnen, in die unerforschlichen Geheimnisse unsres Wesens zu dringen, das seinen Besitzer über die Finsterniß des Abgrunds erschrecken macht, an dessen Rand es ihn geführt. Die Religion koexistirt gewissermaßen im Gemüth eines italienischen Katholiken mit dem Glauben an das, wovon alle Menschen die bestimmteste Kenntniß haben. Sie ist mit dem ganzen Lehensgetriebe verwebt. Sie ist Anbetung, Glaube, Unterwerfung, Buße, blinde Bewunderung, – keine Richtschnur für das moralische Verhalten. Sie steht in keiner nothwendigen Verbindung mit irgend einer Tugend. Der verruchteste Schurke kann streng religiös sein, und, ohne gegen den herrschenden Glauben zu verstoßen, bekennen, daß er es sei. Die Religion durchdringt aufs innigste das ganze Gesellschaftsgebäude, und ist, je nach der Beschaffenheit des Gemüths, dem sie innewohnt, eine Leidenschaft, eine Ueberzeugung, eine Entschuldigung, ein Zufluchtsmittel, – niemals ein Hemmniß der Begierden. Cenci selbst baute im Hofe seines Palastes eine Kapelle, weihte sie dem Apostel St. Thomas, und stiftete Messen für die Ruhe seiner Seele. So sucht Lucretia in der ersten Scene des vierten Aufzugs, indem sie sich den Folgen einer Ermahnung an Cenci aussetzt, nachdem sie ihm den Schlaftrunk gegeben, ihn durch eine erdichtete Erzählung zur Beichte vor dem Tode zu bewegen, da solches den Katholiken als nothwendig zur Rettung der Seele erscheint; und sie steht erst von ihrem Vorsatze ab, als sie erkennt, daß ihr Beharren auf demselben Beatrice neuen Mißhandlungen aussetzen würde.

Ich habe bei der Ausarbeitung dieses Stückes mit großer Sorgfalt Alles vermieden, was man poetische Floskeln zu nennen pflegt, und ich glaube, man wird kaum ein abgelöst dastehendes Bild oder eine einzige derartige Beschreibung finden, es sei denn, daß man Beatricens Beschreibung der Schlucht, in der ihr Vater ermordet werden soll, als eine solche betrachten wollte Ein Gedanke in dieser Rede wurde durch eine sehr erhabene Stelle in Calderon's » El Purgatorio de San Patricio« veranlaßt; das einzige Plagiat, dessen ich mich wissentlich in dem ganzen Stück schuldig gemacht habe. Anm. des Verf..

In einem dramatischen Werke sollten Phantasie und Leidenschaft sich gegenseitig durchdringen, wobei die erstere lediglich zur vollen Entwicklung und Beleuchtung der letzteren verwandt werden darf. Die Phantasie ist wie der unsterbliche Gott, welcher zur Erlösung der sterblichen Leidenschaft Fleisch werden soll. So können die entlegensten und die allergewöhnlichsten Bilder gleich geeignet für dramatische Zwecke sein, wenn sie zur Versinnlichung starker Leidenschaften benutzt werden, die das Niedrige erheben und das Erhabene der Fassungskraft näher bringen, indem sie über Alles den Schatten ihrer Größe werfen. In anderer Hinsicht habe ich sorgloser geschrieben, d. h. ohne eine allzu skrupulöse und gelehrte Wahl der Ausdrücke. In dieser Hinsicht stimme ich ganz den modernen Kritikern bei, welche behaupten, daß wir, um die Menschen in tiefster Seele zu rühren, auch die gewöhnliche Sprache der Menschen gebrauchen müssen, und daß das Studium unsrer großen Vorfahren, der alten englischen Dichter, uns anspornen sollte, das für unser Zeitalter zu thun, was sie für das ihrige gethan haben. Aber es muß die wirkliche Sprache der Menschen im Allgemeinen, und nicht die einer besonderen Klasse sein, zu welcher der Schriftsteller zufällig gehört. So Viel über das, was ich erstrebt habe; ich brauche nicht erst zu sagen, daß der Erfolg etwas ganz Anderes ist, besonders für Jemand, dessen Aufmerksamkeit erst seit Kurzem auf das Studium der dramatischen Literatur hingelenkt worden ist.

Während meines Aufenthaltes in Rom bemühte ich mich, alle Denkzeichen dieser Begebenheit, welche dem Fremden zugänglich sind, kennen zu lernen. Das Porträt Beatricens im Palast Colonna ist als Kunstwerk höchst bewunderungswerth; es ist von Guido während ihrer Gefangenschaft gemalt worden. Am interessantesten aber ist es als das treue Bild eines der lieblichsten Geschöpfe, welche die Natur hervorgebracht hat. Es liegt eine entschlossene und bleiche Fassung in ihren Zügen; sie scheint traurig und niedergeschlagenen Geistes, aber die Verzweiflung, welche sich darin ausspricht, wird durch die geduldige Ergebung der Sanftmuth verklärt. Ihr Haupt ist von einer weißen Draperie umwunden, aus deren Falten die Strähnen ihres goldnen Haares entschlüpfen und auf ihren Nacken herabfallen. Ihr Gesicht ist außerordentlich zart geformt; die Brauen sind scharfgezeichnet und gewölbt; die Lippen tragen jenen beständigen Ausdruck der Phantasie und des Gefühls, den das Leiden nicht verwischt hat, und den der Tod kaum vernichten zu können scheint. Ihre Stirne ist hoch und rein; ihre Augen, die ungemein lebhaft gewesen sein sollen, sind vom Weinen angeschwollen und glanzlos, aber von sanfter Schönheit und Klarheit. Im ganzen Antlitz liegt eine Einfachheit und Würde, die im Verein mit ihrer wunderbaren Lieblichkeit und tiefen Trauer unaussprechlich rührend sind. Beatrice Cenci scheint eine jener seltnen Persönlichkeiten gewesen zu sein, in denen Energie und Sanftmuth neben einander wohnen, ohne sich gegenseitig zu zerstören; ihr Naturell war einfach und tief. Die Verbrechen und Leiden, die sie erdulden mußte und die ihre That veranlaßten, sind wie die Maske und das Gewand, worin die Verhältnisse sie bei ihrem Auftreten auf der Weltbühne kleideten.

Der Palast Cenci ist von großer Ausdehnung, und, obgleich zum Theil modernisirt, ist doch ein großes und finsteres Stück feudaler Architektur in demselben Zustande verblieben wie zu der Zeit, wo die schrecklichen Scenen vorfielen, welche den Gegenstand dieser Tragödie bilden. Der Palast liegt in einem abgelegenen Winkel Rom's, nahe dem Judenviertel, und aus den oberen Fenstern erblickt man die ungeheuren Ruinen des palatinischen Hügels, halb versteckt unter den überwuchernden Bäumen. In einem Theil des Palastes befindet sich ein Hof (vielleicht derjenige, in welchem Cenci die Kapelle des St. Thomas erbaute), von Granitsäulen gestützt, mit kunstvollen antiken Friesen verziert, und nach altitalienischer Weise mit Balkonen über Balkonen von durchbrochener Arbeit errichtet. Eines der Palastthore, das aus gewaltigen Steinen erbaut ist und durch einen finsteren, hohen Gang zu düsteren unterirdischen Gemächern führt, fiel mir besonders auf.

Ueber das Schloß Petrella konnte ich keine weitere Auskunft erhalten, als die sich im Manuskripte vorfindet.

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