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Die Burgkinder

Rudolf Herzog: Die Burgkinder - Kapitel 9
Quellenangabe
authorRudolf Herzog
titleDie Burgkinder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun256.-275. Tausend
year1923
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190711
projectid20aedb08
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VII

Der Konsul Bonaparte hatte sich in den Kaiser Napoleon verwandelt. Das halbe Europa machte den Festesjubel mit, und der korsische Advokatensohn durchfuhr wie ein Herr von Gottes Gnaden seine Lande, erteilte Gunst und verhängte Strafen. Die Fürsten huldigten ihm als dem Herrscher der Welt, und die Untertanen erstarben in Verehrung seiner Gottähnlichkeit.

Der alte Schmitz schimpfte, daß seine Stimme rollend die Wände entlangfuhr.

»Pack! Pack! Habt Ihr et gehört, Freund? In Bonn bauen se Triumphbögen un Pyramiden un Statuen, wie et kein Kaiser un König aus deutschem Blut je erlebt hat. Scheffelweise schmeißen se et Geld zum Fenster 'raus, un dabei saugen se daheim Hungerpfoten, dat ihnen die Gelenke knacken. Selbst der Rhein is grün un gelb vor Ekel.«

Der Alte von der Burg beschwichtigte den aufgeregten Mann.

»Sie sind ungerecht, Schmitz. Das Volk kann nichts dazu. Soll es erhabener sein als die deutschen Fürsten, die ihm als Beispiel in der Kniebeuge dienen?«

»Gott verdammt, es soll's!«

Der Alte von der Burg schlug ihm auf die Schulter. »Beruhigen Sie sich, Schmitz, es wird's auch. Aber Zeit lassen! Kommt Zeit, kommt Rat. Ist das Volk erst beraten und sind ihm die Augen geöffnet, so wird es schon seine Stimme erheben, und dieser Stimme werden sich die Fürsten, die jetzt um ihr letztes bißchen Eigen zittern, dann nicht mehr verschließen.«

»Ich mein',« grollte der Freund, »dat war jetz an der Zeit.«

»Es ist uns noch lange nicht schlimm genug ergangen, Schmitz. Die deutschen Fürsten müssen erst einmal in demselben Kessel gründlich durcheinandergerührt sein, damit sie spüren, daß sie zusammen gehören. Deutschland, Schmitz, Deutschland! Gestern waren wir kurkölnisch, heute sind wir nassauisch, morgen – wer weiß? Nur nicht deutsch. Deutsch, wie ich es meine. Also lassen Sie den Kaiser Napoleon leben. Als Werkzeug des deutschen Herrgotts.«

»Der deutsche Herrgott, mit Respekt zu sagen, pfeift auf uns, wenn wir de Händ' zusammenlegen un ihm bloß zukucken. Dann wird, er uns den Deubel tun.«

»Kalt Blut, alter Freund, kalt Blut. Er wird uns schon bei der Arbeit finden; und dann werden wir keine langen Volksreden halten.«

Der starkleibige Mann blickte eine Weile finster an sich herunter. Dann hob er den Kopf, und ein verschämtes Lächeln glitt über sein gepolstertes Gesicht. »Volksredner –. Jesses Maria – dat wär so 'n Pöstchen für mich. Ich bin jetzt sechzig. Aber mit siebenzig, da werden diese Fäust' noch en besser Wörtchen mitreden können, als dat ganze große Maulwerk et heute getan hat.«

Er nahm die Hand des Hausherrn in seine beiden Hände. »Nix für ungut. Aber wir zwei beide, wir bleiben die alten.«

»Und wenn's noch zehn Jahre dauert. Schmitz, wir müssen Jünglinge bleiben.«

»Is gut. Dann wolle mir die Jünglinge jetz auch mal drinke lasse.« Und mit rollendem Lachen hob er sein randvolles Glas gegen den Hausherrn, brachte es an die Lippen und trank es in tiefem Zuge leer ...

»Sehen Sie, Schmitz, wie das schmeckt? Im Zorn bekommt's nicht. Und nun kann ich Ihnen auch sagen, daß ich den Kindern auf ihr Bitten erlaubt habe, für drei Tage nach Bonn zu gehen. Morgen kommt die Kaiserin Josephine, übermorgen der Kaiser.«

Der andere sann vor sich hin. »Et is riskiert – –«

Und der Hausherr erwiderte: »Wenn es riskiert ist, so liegen dort eben die Grenzen meiner Macht. Aber die Kinder sollen niemals sagen können, der Eremit von Breitbach hätte ihnen sein Leben aufgezwungen, ohne sie je ins Leben hineinschauen zu lassen.«

»Also los mit den jungen Bracken. Der Johannes is ja wohl schon einundzwanzig.«

»Und der Hein neunzehn, und die Sibylle siebzehn. Wie die Jahre herumlaufen. Das Mädel war ja immer seinem Alter weit voraus, aber auch körperlich ist es so bevorzugt, daß ich oft eine geheime Angst verspüre.«

»Angst? Darauf wär ich mein Lebtag nit gekommen. Wovor denn nur?«

»Vor dem Augenblick, in dem sie sich ihrer vielen Gaben bewußt wird. Sie müßte nicht die Sibylle sein, wenn sie sie dann nicht ausprobieren wollte.«

»Dann wird sich auch schon der richtige Mann finden,« meinte der Freund und zwinkerte mit den Augen. »Wat ich sagen wollt': der Hein, dat wird mal en Staatskerl. Na, un nu wünsch' ich den Kindern eine gute Reise zum Kaiser Napoleon.«

Frühzeitig, mit ihren besten Kleidern angetan, traten die Kinder an. So hell die Septembersonne schien – die Augen der drei jungen Menschen strahlten heller. Johannes hatte die Nacht nicht geschlafen. Aufgeregt zwirbelte er sein dunkles Schnurrbärtchen und trieb den Joseph, der in Gemütsruhe das Pferd anschirrte, zur größeren Eile an. »Du Franzusegeck,« lachte der, »dat se dich nur nit kriege.« Auch Sibylle war schon in der Dämmerung aufgestanden, um sich für die Festtage zu schmücken. Ihre Gedanken flogen schon weit voraus, und ihre Augen leuchteten hinterdrein. Und der Hein stand bei ihr und freute sich, weil er ihre Freude sah.

Der Vater händigte ihnen die Pässe ein, die er vorsorglich beschafft hatte, und eine kleine Summe für Herberge und Lustbarkeiten.

»Kommt gesund heim,« sagte er, »und gebt mir als echte Ritter auf das Fräulein acht.«

»Ich werde wohl eher auf die Jungen achtgeben müssen, Vater.« Dann fiel sie ihm um den Hals und bedankte sich stürmisch.

Auch der Hein bedankte sich. Aber der Johannes saß schon auf dem Bock neben dem Joseph und konnte nur noch die Hand zum Abschied herunterreichen. »Auf Wiedersehen, Vater.«

»Dä hat kein Rau em Stätz,« meinte die alte Barbara kopfschüttelnd. »Nit eh, bis hä op dr Nas litt.«

»Kinder sind Egoisten, Barbara, und wir Alten tun gut, uns frühzeitig daran zu gewöhnen.«

»En Spröchwoot heisch: Sin de Kinder klein, tredden se der Mutter op den Schoß, sin de Kinder groß, tredden se ihr op et Härz.«

»Ein anderes Sprichwort aber, Barbara, heißt: Man soll seinen Kindern einen alten Vater verwahren. Mit anderen Worten: Nie aufhören mit der Vaterliebe. Und danach wollen wir uns richten.«

»Et fingt sich för alles en Spröchelchen, Här,« sagte kopfnickend die Alte. »Ich han dat an minge Juseph gelehrt ...«

Die jungen Menschen aber, denen die Sorgen galten, lachten sorglos in den Morgen hinein. Das Burghaus lag hinter ihnen, so weit, so weit, und vor ihnen lag die Welt, so nah, so nah. Der Joseph mußte den Gaul anfeuern, ob er wollte oder nicht. Der Johannes nahm ihm die Peitsche aus der Hand und ließ sie durch die Lüfte knallen, und die Sibylle tirilierte wie ein Vogel in der Freiheit. Der Hein aber klopfte dem Joseph begütigend auf den Rücken: »Du kannst ja im Schritt zurückfahren, Joseph.« – »Ach nee,« meinte der und mußte wider Willen lachen, »et geit doch nix üwwer en got Usred'.« Aber er ließ den Gaul laufen.

Nach zwei Stunden waren sie am Ziel. Da lag das schöne Bonn auf dem jenseitigen Ufer, mit Bändern und Blumen geschmückt wie eine Braut, und die Bürger drängten in Sonntagsröcken mit festlich geputzten Frauen und Kindern zu den Toren hinaus, der Richtung zu, aus der die Kaiserin erwartet wurde, die vor dem Kaiser Bonn passieren sollte, und flotte Reiter galoppierten die Landstraße entlang, Ausschau zu halten und rechtzeitig Meldung zu tun für Glockengeläut und Kanonendonner.

»Macht rasch,« sagte Johannes, »die Ponte fährt ab.«

»Adieu, Joseph. Übermorgen abend wieder hier.«

»Grüß den Vater,« rief Hein.

Da saßen sie schon, von Johannes vorwärtsgeschoben, in der Ponte und fuhren über. Mit großen Augen staunten sie auf die Stadt, die dem einen wie ein Wunder, dem anderen wie eine Offenbarung erschien. Dann gab es einen Ruck, daß sie durcheinanderpurzelten. Die Fähre hatte das Ufer erreicht.

Ohne weiteres übernahm Johannes die Führung. Seine Knabenerinnerungen wachten auf, und jeder Stein war ihm vertraut. Am Rheintor wußte er eine saubere Herberge, die nicht zu teuer schien. Dorthin wandte er sich zuerst. Sein Auftreten war sicher, seine Gestalt dehnte sich, und selbstbewußt ließ er die Blicke schweifen. »Hier sind wir in Frankreich,« sagte er. »Was? Das ist gleich eine andere Sache.«

Und er rief einem Korporal ein französisches Scherzwort zu, der es lachend zurückgab.

In der Herberge erhielten sie zwei Stäbchen, hoch oben unter dem Bodenverschlag. »Dat Haus is voll von Gäst',« erklärte der Wirt, »Offiziers un Kumödiespielers un wat weiß ich. Aber dafür auch die Aussicht!« Und er stieß das Fenster auf und wies auf den Rhein.

Sie wurden schnell handelseinig. Es drängte die jungen Gäste, ins Leben hinauszukommen, das da draußen auf sie wartete – nur auf sie wartete. Viele Köpfe wandten sich nach den schlanken Jünglingen, alle Köpfe nach dem weißgekleideten, braunlockigen Mädchen um. »Nimm meinen Arm,« sagte Hein. Und nun gab er sie nicht mehr frei in dem Gedränge.

Der Tag flog dahin, ohne daß sie es bemerkten, ohne daß sie Hunger oder Durst verspürten. So voll sogen sich ihre Augen, ihre Seelen, von all dem Ungewohnten, was sie sahen und hörten. Ein Rausch kam über sie und steigerte und verklärte alles.

Plötzlich, gegen Abend, begannen die Kartaunen zu krachen und die Glocken jubelnde Lieder zu singen. Die Menge auf den Straßen vor und in der Stadt bildete Spalier, stand mit klopfenden Herzen. Irgendwo da draußen hielten jetzt die Vertreter der Stadt eine huldigende Ansprache an die Kaiserin. Und nun ein einziger, gen Himmel stürmender Jubelschrei, der die ganze Stadt erfüllte. In achtspännigem Prunkwagen, von Karossen und Reitereskorten begleitet, hielt Josephine ihren Einzug in Bonn, und wohin die schöne Westindierin blickte, wohin sie grüßte und winkte mit Augen und Händen, gewann sie sich im Fluge die Herzen der für Schönheit und Frauenliebreiz empfänglichen Kinder des Rheins. Und wieder und wieder erschollen die Hochrufe auf die schöne Frau, als sie im taghell erleuchteten Garten des Graf Belderbuschschen Hauses erschien, als sie sich auf der bekränzten und bewimpelten Ponte, heftig entzückt von der Schönheit des Rheintals, hin und her fahren ließ auf dem Strom, und die Menge folgte ihr zum Belderbuscher Hof zurück und brachte ihr Ständchen dar, und das festliche Treiben wogte noch durch Bonn, als die Kaiserin bereits in vierter Morgenstunde die Stadt auf der Straße nach Koblenz verlassen hatte. Jetzt erwartete man den Kaiser, und die Erregung ebbte nicht mehr ab.

In der Nacht erst waren Johannes und Hein mit Sibylle in die Herberge zurückgekehrt. Hein hatte darauf bestanden, daß Sibylle etwas zu sich nehmen müsse, und nun verspürten sie alle drei ihren gesunden Hunger und Durst. Das Gastzimmer war gefüllt von Fremden, aber an einem langen Tische machte man den jungen, strahlenden Menschen bereitwillig Platz, indem man enger zusammenrückte. Deutsche und französische Sätze schwirrten durch die Zimmer. Aber das Französische überwog.

Schneller, als sie selber gedacht, war der Hunger der drei gestillt. Nein, es ging nicht, in dieser Wunderwelt zu essen. Die Schüssel kalten Bratens, das Brot und die Schüssel kalter Bratfische standen fast unberührt. Nur der Wein glitt gut hinab. Fort mit den Speisen. Und Johannes wandte sich der Bedienung zu. Da legte sich eine gepflegte Hand auf seinen Arm, und eine tief klingende Stimme drang in sein Ohr: »Pardon – erlauben Sie?«

Überrascht blickte er auf, und Hein und Sibylle mit ihm. Und sie sahen ihre Tischgesellschaft, Männer und Frauen mit blassen, scharfen Gesichtern von aristokratischem Schnitt, in denen hungrige Augen standen. Die Kleidung war nicht neu, aber elegant und durch Schleifen und Bänder künstlerisch gehoben. Doch die hungrigen Augen ließen sich durch Schleifen und Bänder nicht beirren.

» Pardon, Mademoiselle et Messieurs – wünschen Sie Racine oder Molière für dieses Nachtessen?«

Da wußten die Überraschten, daß es die Schauspieler waren, die zu den Kaisertagen herbeigeeilt waren, und sie stammelten, daß es ihnen eine Ehre sei, und daß der Wirt mehr bringen könne, und blickten mit glückseligen Augen auf die tapfer Schmausenden, als ob ihnen von Rittern und edlen Frauen eine unerhörte Wohltat geschähe.

»Meine jungen Freunde,« begann der Sprecher der Gesellschaft, als das Mahl beendet war, »die Anmut Ihres Gebens könnte uns des Dankes entheben, denn der Dank unterbricht die schöne Linie der Harmonie und beugt die Intelligenz unter die Materie. Soyons amis. Ich bin der Chevalier de Montbrun, und diese hier sind meine Kunstgenossen und Genossinnen. Wir wünschen auf das Wohl der holden jungen Dame zu trinken, die dieses Wirtszimmer zu einem Festsaale gestaltet.«

Er neigte sich tief gegen Sibylle und leerte sein Glas, und die Tischgesellschaft tat wie er.

»Es wird Sie wundernehmen, mein Fräulein,« fuhr der Redner fort, »uns in einer Situation zu finden, die ein Lächeln hervorrufen könnte. Oh, Sie dürfen lächeln. Wir wollen gemeinsam lächeln über den launigen Scherz des Schicksals, der uns nach Bonn führte, bevor die Sonne Seiner Kaiserlichen Majestät über dieser Stadt aufgegangen war, und uns zwang, gegen Erwarten unsere Reisekasse anzugreifen. Verdanken wir doch diesem launigen Scherz den Zauber dieser Stunde. Und gerade wir, von denen Könige den königlichen Anstand zu erlernen kommen, wir, die wir auf der Bühne mit dem Universum spielen, folgen so gern der naiven Sehnsucht nach dem Reinmenschlichen und seinem Humor.«

»Sie sind der Direktor der Künstler?« fragte Sibylle und atmete tief.

»Ich bin ein Edelmann geblieben, mein Fräulein. Vor der großen, herrlichen Revolution war ich es von Geburt, heute bin ich es durch die Kunst, die uns über die Masse erhebt. Wissen Sie, wie es tut, wenn es in Ihre Macht gegeben ist, Gnaden zu erteilen, Herzen zu rühren oder zu erschüttern, das Gemeine zu stürzen und die Schönheit auf den Thron zu erheben? Und Sie stehen und schweben auf einer Wolke, die die Morgensonne rötet, und unter Ihnen wogt die Welt, drängen sich die Menschen, das Antlitz gen Himmel, die Arme nach Ihnen ausgestreckt, und der Chor ihrer Stimmen schlägt an Ihr Ohr: begnade uns – begnade uns! Nein, mein Fräulein, es gibt keinen höheren Adel, und ich bin stolz, der Führer meiner Künstler zu sein.«

»Spielen Sie auch in Paris, monsisur le chevalier

»Paris ist Frankreich, und Frankreich ist, wo der Kaiser ist. So spielen wir denn nur in Paris, wo wir auch sind.«

»Und morgen wird Paris hier sein?« fragte Sibylle leise.

»Morgen sollen Sie mich als Orest sehen, mein Fräulein, damit Sie selbst urteilen können, ob es Erhabeneres gibt als die Kunst. Eins nur wünschte ich. Racine und mir. Eine Iphigenie von dem keuschen Adel Ihrer Erscheinung.«

Die Huldigung entging ihrem Ohr. Sie sah nur den Mann an, der begnadet war, Tausende zu begnaden. Und sie gewahrte nicht, daß er schon ein hoher Vierziger war und Grau sich in seine schwarzen Locken mischte. Sie las aus seinem schmalen und feinen Aristokratenkopf nur den Jüngling Orest heraus und sah Iphigenie ihm entgegenwandeln und ihn schützen vor dem Zorn der Götter.

»Sibylle,« sagte Hein und rührte sie an.

»Ja, Hein – –«

»Es ist Zeit, zu Bett zu gehen, Sibylle. Wir haben morgen frisch zu sein.«

»Ach nein, es ist nicht Zeit ... Und frischer kann ich nicht werden.« Von den Schauspielern erhob sich einer nach dem anderen, gähnte heimlich und verschwand. Johannes aber hatte schon längst den Tisch gewechselt, saß in einer Ecke mit französischen Truppenoffizieren zusammen und begeisterte sich an Wein und Reden.

»Mein Fräulein,« sagte der Schauspieldirektor, »folgen Sie dem wohlmeinenden Rat Ihres Bruders. Meine Damen haben sich zurückgezogen, und Ihr Ohr ist zu schade für den Lärm, der jetzt hier herrscht. Auf morgen abend, mein Fräulein. Ich hoffe, nach der Vorstellung die Ehre zu haben, Sie als meine Gäste zu sehen.«

Ohne Widerrede erhob sie sich, reichte dem Fremden die Hand, die er ehrerbietig an die Lippen führte, und wandte sich dem Ausgang zu.

»Johannes!« rief Hein in den Tabakqualm.

»Geht nur schon hinauf! Ich komme später!«

Da führte Hein das Mädchen bis an die Tür ihres Zimmers und bot ihr gute Nacht.

»Gute Nacht ...,« erwiderte sie, wie aus einem Traum heraus. Und der junge Mann lag mit wachen Augen auf seinem Lager und mühte sich, mit freudigen Gefühlen an den wechselreichen Tag zurückzudenken, während sich in seiner Seele ein Unbestimmbares zur Wehr setzte gegen einen unbestimmbaren Feind. Dann polterte Johannes die Stiegen herauf, und es mußten Stunden vergangen sein, und Johannes rüttelte ihn und rief ihn an: »Aufgestanden, aufgestanden! Um neun Uhr kommt der Kaiser! Vive l'empereur!« Da sprang er auf die Füße und stand neben Johannes, der sich schon Brust und Gesicht mit kaltem Wasser wusch, und das kalte Wasser machte auch ihn lebendig und jugendfröhlich und verscheuchte den Albdruck der Nacht.

»Bist du auf, Sibylle?« rief er und klopfte an die Kammertür.

»Längst, längst! Langschläfer ihr! Wir wollen frühstücken!«

Als hätte sie eine Nacht der köstlichsten Erquickung hinter sich, so morgenfrisch und mädchenstrahlend erschien Sibylle in der Tür. »Ei, ihr seid auch schon fertig? Und der Wein hat euch nicht geschadet? Kinder, Kinder, wie wunderbar schön ist doch das Leben!« Und übermütig griff sie nach Heins Händen und schwenkte ihn im Zimmer herum.

»Fünf Brüderschaften habe ich diese Nacht getrunken,« rief Johannes. »Mit Männern, nicht älter als ich, aber schon ein Dutzend Schlachten haben sie hinter sich, kreuz und quer in Europa! Das nenn' ich auf der Welt sein!«

»Bravo, Brüderlein, bravo!«

»Laßt den Unsinn jetzt,« gebot Hein und trieb die Tollenden aus dem Zimmer. »Der Johannes kann tun, was er will, aber für die Sibylle hab' ich zu sorgen. Und jetzt wird gefrühstückt!«

»Schulmeisterlein! Schulmeisterlein!«

Er ließ sich nicht beirren. Er bestellte in der Wirtsstube Kaffee, Schinken und Eier und gab nicht eher Ruhe, bis Sibylle gehorsam ihren Teil verzehrt hatte. »So.« sagte er, »nun wirst du auch den Kaiser Napoleon aushalten können.«

»Der Kaiser! Der Kaiser!«

Einer einzigen Menschenwoge glich die Stadt, und immer stärkeren Zustrom erhielt sie aus allen Dörfern und Städtchen der Umgebung. Und nur ein einziges Wort beherrschte diese Massen, und sie raunten es, riefen es, jubelten es: »Der Kaiser! Der Kaiser!« Wie von einer Gottheit erhoffte man von dem Mann, der plötzlich aus der Dunkelheit selbstherrlich in das Licht getreten war, Wunder und Zeichen, Aufhebung der Teuerung, Verdienst für das Volk, Verlegung des Appellhofes und der Rechtsschule nach Bonn, um der Stadt den alten Glanz aufs neue zu verleihen.

»Der Kaiser! Der Kaiser!«

Da kam er, und Kanonendonner und Glockengeläut stürmten wie die Läufer der Imperatoren vor ihm her.

Da kam er, bleich und hager, in unscheinbarer Uniform und kleinem Hut, nahm an der Bannmeile der Stadt Schlüssel und Ehrentrunk, lehnte sich im Wagen zurück und fuhr schweigend und regungslos durch die jubilierende Menge zum Belderbuscher Hof. Hinter ihm das Gefolge der glänzenden Generale.

Noch hatte sich die Menge von ihrem Staunen über das spukartige Erscheinen und Verschwinden des Zuges nicht erholt, als bereits die Pferde vor dem Hause des Grafen vorgeführt wurden. Der Kaiser zeigte sich, bestieg seinen Schimmel und ritt, ohne sich nach seinem Gefolge umzublicken, davon. Seine Generale folgten ihm.

Dann löste ein schmetterndes Lachen die Beklemmung des Volkes. Der Unterpräfekt Bonns war vom Pferde gefallen. Blaß und verstört, des Aberglaubens des Korsen gedenkend, kletterte er wieder in den Sattel und trabte hinterdrein.

»Hoppe, Hoppe Reiter!« sangen die lebenslustigen Bonner ihm nach. Aber der Spott verging ihnen, als sie nachdrängend gewahrten, wie der Kaiser, das Fernrohr vor den Augen, rund um die alte Stadt galoppierte und scharfe Besichtigungen vornahm.

»Gott im Himmel, hilf uns. – –«

»Die Stadt ist verloren, wenn der Kaiser sie zur Festung bestimmt. – –«

»Gott im Himmel, verlaß Bonn nicht!«

Fortgeblasen war der Jubel. In angstvoller Bestürzung verfolgten die Bürger das stumme Schauspiel, das über Wachsen und Werden der Stadt entscheiden sollte. Schon ließen die Mutigsten die Hoffnung sinken, denn der Kaiser schien befriedigt. Da strauchelte der Schimmel in der Voigtsgasse, die steil zum Rhein hinabführt, und der Kaiser stürzte hart auf den Kopf des Pferdes, riß das Tier mit Hilfe eines behend zugreifenden Generals hoch, zog die Stirn in Falten, wandte um und ritt zurück.

»Nein, es kann keine Festung werden,« entschied er, und der Aberglaube saß in seinen verfinsterten Augen.

Das Wort, kaum hingeworfen, lief in Zaubereile durch Straßen und Gassen und erfüllte die Stadt. Und während der Kaiser auf den Kreuzberg ritt und über das Vorgebirge nach dem Dorfe Kessenich, wo ihn der Reisewagen zu hastiger Weiterfahrt erwartete, hallte die Stadt wider von der Begeisterung des glückseligen Volkes. » Vive l'empereur

Heute wachte Hein scharfen Auges darüber, daß Sibylle zur rechten Zeit ein Mittagsmahl erhielt und sich größere Ruhe auferlegte. »Wenn du abgehetzt ins Komödienhaus kommst, wirst du dir selber den Genuß verscherzt haben.« Diese Mahnung wirkte. Am Nachmittag lagerten sie am Rhein und blickten stromauf nach den Sieben Bergen, hinter denen sie Rheinbreitbach wußten. »Jetzt denkt der Vater her,« sagte der Hein, und Sibylle nickte träumerisch, ohne recht auf seine Worte gehört zu haben. Sie waren allein. Gleich nach der Mittagsmahlzeit hatte sich Johannes von ihnen verabschiedet, da er ein Rendezvous mit seinen Freunden, den Offizieren, verabredet habe und ohnedies keine Neigung zu einer Racineschen Tragödie verspüre. Als Hein nach dem Mädchen blickte, sah er, daß es mit geschlossenen Augen lag und ein Lächeln um ihren Mund irrte. Das dünkte ihn so schön, daß er sie nicht zu stören wagte, bis es Zeit wurde, sich einen billigen Platz im Komödienhause zu sichern. Sofort sprang sie auf die Füße. Nein, sie hatte nicht geschlafen.

Auf dem obersten Rang saßen sie und starrten auf die Bühne. Das festliche Treiben im Hause ließ sie unberührt. Als der Vorhang sich hob, beugte sich Sibylle weit über die Brüstung. Ihre Augen weiteten sich und schienen nachgedunkelt. Ihr Atem ging kurz und rasch, ihre Lippen bewegten sich unaufhörlich, als sprächen sie die Worte nach, die ihre Seele auffing. Wenn der Vorhang fiel, sank sie mit einem leisen Seufzer zurück und griff nach Heins Hand, als müsse sie daran in die Wirklichkeit zurückkehren. Und doch wartete sie erregt auf den Fortgang des Spiels.

Die Truppe bot ihr Bestes. Aber der Orest des Chevaliers ragte um ein bedeutendes hervor, und sein leidenschaftliches Spiel, die durchdringende Wahrheit seines Tons und sein edler Anstand überwanden Pathos und Künstelei der Mitwirkenden.

Noch immer starrte Sibylle auf den Vorhang, der sich nicht wieder hob. Das Theater leerte sich rasch. Ein Logenschließer erschien auf dem oberen Rang und machte sich bemerkbar. Da weckte Hein das Mädchen auf, legte ihm ein schützendes Tüchlein um und führte es behutsam hinaus. Draußen erstrahlten die Straßen, Fenster an Fenster, in der Kerzenbeleuchtung, die zur Feier des denkwürdigen Tages befohlen worden war.

»Haben dir die französischen Schauspieler gefallen, Sibylle? Du warst mir ganz entrückt.«

»Also das gibt es,« murmelte das Mädchen, »gibt es ... wie ich es mir geträumt habe ... gibt es wirklich und noch viel schöner ...«

»Soll ich dir ein Geständnis machen, Sibylle?«

»Tu es ...«

»Daß ich mich auf die Burg freue und den Vater, auf den Garten, die Felder und die Weinberge? Mir ist gerade, als wäre ich schon Monate fort, und alles rief' mich zurück.«

Sie blieb stehen und sah ihm in die Augen. Gerade hinein sah sie ihm.

»Fühlst du das auch? Fühlst du das endlich auch? Daß zwei Tage so viel wiegen können wie Monate? Ach, wovon reden wir. Komm, wir wollen weitergehen.«

»Wie bist du verändert, Sibylle. Dies Leben ist nicht gut für uns. Wir gehören in die freie Natur, auf den Gaul, ins Wasser, auf die Berge. –«

»Komm, komm, Hein.«

Die Gaststube der Herberge war noch leer. Die Menschen zogen in den Gassen umher, bewunderten die Illumination und trieben mit Mädchen und Frauen Kurzweil, als ob es Karnevalszeit wäre. Nur in der hinteren Ecke des Zimmers saß ein Gast beim Abendbrot. Es war der Chevalier.

»Treten Sie näher, meine Freunde, treten Sie näher,« rief er und winkte mit der flachen Hand durch die Luft.

»Orest verzehrt ein Butterbrot. Greifen Sie zu und nehmen Sie ein Glas Wein. Doch ein Wort zuvor. Waren Sie im Theater?«

»Ja,« sagte Sibylle, reichte ihm die Hand und sah ihm strahlend in die klugen Augen.

»Erzählen Sie, mein Fräulein. Sprechen Sie mir von Ihren Eindrücken. Üben Sie Kritik. Diese Iphigenie hat den Ton einer gemütvollen Modistin, ich weiß es und bin unglücklich. Aber zu einer Iphigenie muß man geboren sein, geboren, geboren.«

»Man sah und hörte nur den Orest,« antwortete Sibylle und strich sich langsam über die Schläfen.

»Und Sie, mein Fräulein? Und Sie? Hätten Sie nicht meine Partnerin sein mögen, meine Iphigenie, die meine Kunst von diesen Kulissenreißern erlöst? Ich möchte Sie sprechen hören. Ein paar Strophen nur möchte ich von Ihnen hören. Sie haben eine Stimme, die wie eine Glocke ist – wie eine Glocke, die in Mondnächten aus geheimnisvollen Kirchen klingt.«

Sibylle lehnte den Kopf gegen die Rücklehne ihres Stuhls. Ihre Augen suchten weiten und dunkeln Blicks an der Decke. Dann begann sie zu sprechen. Ohne Scheu, ohne Stocken. Hingerissen von des Dichters Worten, die sie im Gedächtnis behalten hatte, gedämpft nur durch die künstlerische Erregung, die sie durchflutete. So sprach sie einen Strophenkranz der Iphigenie.

»Mein Gott,« sagte der Chevalier, »mein Gott –«

Sie bewegte sich hastig und schwieg verwirrt. Und wie im Komödienhaus suchte sie Heins Hand.

»Fahren Sie fort, mein Fräulein, fahren Sie fort. Sie erweisen mir eine Wohltat.«

»Nein, nein,« stammelte sie, »ich habe mich lächerlich gemacht.«

Da hob der Franzose seine gepflegte Hand und legte sie ihr auf den Scheitel. »Mein Fräulein, das Wort eines Edelmanns und eines Künstlers, den selbst der Kaiser schätzt, bürgt für meine Wahrhaftigkeit: ein ursprünglicheres und stärkeres Talent in der Erfassung des Geistes, in der Beherrschung des Wortes sah ich nie. Ein Jahr in meiner Schule, und ich mache Sie zu einem Stern Frankreichs.«

»Wir sind Deutsche,« sagte der Hein schweratmend. Und er wiederholte, als Sibylle schwieg: »Wir sind Deutsche.«

»Die Kunst und die Frauen, mein junger Freund, haben ein größeres Vaterland.«

»Es ist nicht wahr,« stieß Hein hervor. »Sie beleidigen die Frauen, unsere Mütter –«

Und wie ein krampfender Schmerz kam das Bewußtsein über ihn, daß auch seine Mutter einen französischen Gatten – nein, nein, nein! Seine deutsche Mutter hatte ihn deutsch erzogen.

Der Franzose lehnte sich zurück. Über sein blasses Künstlergesicht huschte es wie ein überlegenes Lächeln.

»Ich nehme die Frauen aus,« begann er nach einer Weile, »die vom Geschlecht der Evamutter abstammen. Sie war nicht Adams erste Frau. Als Adam jung war und Gottes Feuer in sich spürte, hatte er eine ebenbürtigere Genossin, wie er selbst von direkt göttlicher Abstammung. So steht es heute noch in den alten rabbinischen Büchern, und der Himmel der Babylonier und Assyrer beherbergte bis zu seinem Zusammenbruch eine Göttin Lilith. Lilith aber hieß des ersten Menschen erstes Weib, und er zeugte mit ihr Kinder, die wie Riesen waren an göttlichem Wuchs und feuriger Seele und selbst dem Himmel gefährlich wurden, weil sie ihn nicht mehr brauchten. Lilith aber wollte ihren Mann groß und frei sehen auf der Erde, wie Gott groß und frei im Himmel, und sie entfaltete die tausend Gaben ihrer Schönheit und ihres Geistes wie ein gewaltiges Flügelpaar und schwang sich über Adam hinaus und rief: ›Wo ist der, der mir Gatte sein will?‹ Da lachte Adam und reckte sich auf, daß er durch die Lüfte wuchs und seine Hand ihre Schönheit packte: ›Hier ist er, und du fühlst es.‹ Und jeden Tag reckte er sich ihr nach und wurde ihr Meister. Und es wurde ein göttlich Menschengeschlecht. Da bangte dem Herrn des Himmels um Ansehen und Macht, und er nahm in der Nacht eine Rippe aus Adams Leib und formte ein Wesen daraus, schwächer als der Mann. Und da der Mensch nichts mehr liebt als sich selbst, so wandte sich Adam von Stund an zu der neuen Genossin, die ein geringer Teil seiner selbst war, und ihn zu sich herniederzog und ihm Kinder schenkte, die Menschen waren ohne Göttlichkeit. Wo Lilith blieb? Unsere Christenbibel spricht im Jesaias von ihr als dem Kobold der Nacht, und dienstfertige Zeloten nennen sie des großen Luzifers Schwester. Die Assyrer aber versetzten sie unter ihre Gottheiten. Wer hat recht, die Christen oder die Heiden? Die Heiden zählen der Ahnen mehr, und ihre Geschichte und Sage reicht weiter. Eins aber steht fest: Liliths Geschlecht lebt! Lebt mitten unter Evas Geschlecht! Feuer haben sie in den Seelen und göttliche Gedanken im Haupt. Sie gehen aufrechter und rascher und achten nicht der Hindernisse, die Evas Geschlecht sich selber spann in kleinlicher Angst vor dem befreienden Sturmwind. Und die Frauen aus Liliths Geschlecht halten die Männer nicht am Boden wie die Frauen aus Evas Geschlecht, damit sie nicht die Lungen im Sturmwind stählen und ein Erinnern ihnen zufliegt an ihres Vorvaters Jugendzeit. Die Frauen aus Liliths Geschlecht zeigen den Weg! Den Weg zur Höhe! Den Weg zur Freiheit und Freude! ›Wo ist der, der mein Gatte sein will?‹«

Er faßte sein Glas, ließ das Licht der Kerzen darin schimmern und trank es leer.

Die jungen Menschen saßen wie betäubt.

»Die Wirtsstube füllt sich,« meinte der Franzose und blickte auf die zuströmenden Gäste. »Wir wollen dem Abend die Weihe lassen und uns zurückziehen. Ich sage: auf Wiedersehen, mein Fräulein. Ihren Namen nannte mir der mitteilsame Wirt. Sie wohnen auf der Oberen Burg zu Rheinbreitbach. Weltenfern. Und wenn Sie wollen, lehre ich Sie in Jahresfrist, die Welt zu Ihren Füßen zu sehen.«

Er nahm ihre Hand und führte sie wie tags zuvor ehrerbietig an seine Lippen.

»Auf Wiedersehen ...,« sprach sie ihm nach und träumte von Lilith ...

Der Chevalier und Hein standen sich gegenüber. Dann machten sie sich eine knappe Verbeugung, und der Franzose schritt zur Tür. Hein aber bot Sibylle den Arm und führte sie ritterlich durch das Gastzimmer, die Stiegen hinauf zu ihrem Stübchen.

»Johannes fehlt noch,« sagte er. »Nun, er wird schon heimfinden wie wir.«

Sie schüttelten sich die Hand und begaben sich still in ihre Zimmer. Und wieder kam der Schlaf nicht, den sie auf der Burg nicht eine Nacht vermißt hatten. Und Hein grübelte darüber ernsthaft nach und dachte: Wie seltsam, daß Mühen und Arbeiten ruhig macht und mit Fröhlichkeit erfüllt, während Genießen und den Tag nach Freuden Durchsuchen Unruhe ins Blut gießt und uns rastlos werden läßt, ohne daß wir wirklich die Fröhlichkeit finden. Und er dachte an den Chevalier von gestern und von heute und staunte, weil er zwei verschiedene Menschen gewahrte. Der gestrige war ein vagierender Komödiant, der mit hungrigen Augen nach der Schüssel des Nachbars sah, und der heutige, der Erdentitan mit der Himmelsverachtung – was war er? Da lachte Hein in die Kissen, denn sein klarer Sinn hatte die Wahrheit gefunden. Der heutige war auch ein Komödiant und unterschied sich von dem gestrigen dadurch, daß er nunmehr Kasse gemacht hatte. Lag das, was der Vater Menschenwürde nannte, vielleicht zwischen den beiden? Nein, sagte er sich, sie verlangt doch wohl den ganzen und ungeteilten Menschen und läßt sich nicht mit großen Worten bestreiten. Lilith. – – Dies eine Wort gab ihm zu denken. Er warf sich unruhig herum. Er fand es schwül in der Stube. Hatte der Fremde recht mit seinen heißen Reden, die wie Gotteslästerungen klangen und doch dem Menschensinn schmeichelten und ihn berückten? Liliths Geschlecht – und außer ihnen die stumpfe Herdenschar der Bürger und Bauern, die an der Erde klebten. Was war Wahres daran? Wo waren die Erkennungszeichen? Fruchtlos zerquälte er sein Hirn. Und er beschloß, den Vater zu fragen.

So wurde es Morgen, und des Johannes Lager war leer geblieben.

»Es ist gut, daß wir heute heimkehren,« sagte sich Hein und kleidete sich an. »Der Vater darf es nicht erfahren.« Und er wartete, bis er Sibylle in ihrer Kammer hörte, und rief ihr heiter zu, daß es zehn Uhr vorüber sei, und erschrak, als er sie blaß und übernächtig sah.

»Ich habe schlecht geschlafen,« sagte sie, »oder wohl gar nicht. Das können wir ja alles zu Hause nachholen. Wo steckt denn Johannes?«

»Er ist ganz einfach nicht gekommen. Aber er weiß ja, wann wir fahren.«

»Gott, wäre ich doch auch ein Mann,« gab sie zur Antwort.

Nachmittags kehrten sie von einem Spaziergang heim, um ihre Reisetasche zu holen und die Zeche zu begleichen. Der Wirt dienerte und überreichte ihnen einen Brief. Als Hein das Siegel löste, fiel ihm ein zweiter Brief in die Hand. »An den Vater,« sagte er zu Sibylle, und dann las er, was für sie geschrieben war. »Auf Wiedersehen, Ihr beiden. Ich mache noch einen längeren Ausflug und bin schon auf der Reise. Laßt Euch die Zeit nicht zu lang werden auf der Burg, bis ich wiederkomme, oder Ihr zu mir kommt. Johannes.«

Hein hob den Kopf. Verständnislos blickte er seine Gefährtin an. »Sibylle? – –«

»Er ist einundzwanzig Jahre,« sagte sie und biß die Zähne zusammen.

Er starrte sie noch immer an. Und langsam begriff er. Aber das Blut stieg ihm wie eine Scham zu Kopf.

»Komm!« sagte er und ergriff die Reisetasche, »wir müssen jetzt zur Ponte. Wir dürfen Joseph mit dem Wagen nicht warten lassen.«

Und drüben, auf dem andern Rheinufer, gab er Joseph die Hand und erklärte dem verblüfft Nachzählenden: »Laß gut sein, Joseph. Wir kommen ohne den Johannes. Aber wir wollen erst darüber sprechen, wenn der Vater den Brief gelesen hat.«

So fuhren sie schweigend zurück von den Bonner Kaisertagen, und das Pferd spürte keine Peitsche.

Und in später Nacht las der Alte von der Burg den Brief des Sohnes Johannes.

»Verzeihe, lieber Vater, den eigenmächtigen Schritt. Unser Blut ist eben verschieden, und ich bin noch zu jung, um schon so abgeklärt oder so bescheiden zu sein wie Du. Bedarf es einer Entschuldigung, so nimm diese dafür, und Dein Gerechtigkeitssinn wird mich nicht verdammen. Ich muß in die Welt. Und da die Welt heute Frankreich ist, und ich nicht abwarten kann, bis die Welt sich ändert, so muß ich nach Frankreich. Ich trete in ein Regiment ein und diene auf Beförderung. Sagt doch der Kaiser, daß jeder seiner Soldaten den Marschallstab im Tornister trägt. Hab Dank für alles, was Du mich lehrtest. Ich werd's gebrauchen können. Grüß die alte Burg und ihre Insassen und sage allen, daß ich Gold und Ehren hole. Auf glückliches Wiedersehen. Dein getreuer Sohn Johannes.«

»Getreu! – –« wiederholte der Alte, und in seiner Hand ballte sich der Brief.

Lange stand er am Fenster und blickte immer auf den gleichen Punkt in die Nacht hinaus und dachte an vieles und an nichts, bis er langsam und stet seine Gedanken ordnete und zum Tisch zurückkehrte. Und während er den zerknitterten Brief glattstrich, sagte er vor sich hin: »Da deine Jugend nicht abwarten konnte, muß mein Alter abwarten. Vaterpflichten haben nun einmal das längste Leben. – –«

*

 

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