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Die Burgkinder

Rudolf Herzog: Die Burgkinder - Kapitel 8
Quellenangabe
authorRudolf Herzog
titleDie Burgkinder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun256.-275. Tausend
year1923
firstpub1911
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senderwww.gaga.net
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VI

In den Wirrnissen der Zeiten wuchsen die Kinder auf wie auf einer sicheren Insel, von deren Ufern aus ihr Blick auf Wogenschwall und Kampf der Menschen und Elemente gerichtet blieb, ohne daß der wilde Braus mehr als ihre Füße netzte. Mit eiserner Beharrnis nutzte der Alte von der Burg die Jahre aus, in denen die eingeschüchterten und durch das wechselnde Kriegsglück zermürbten Menschen am Rhein die sonst so tätigen Hände sinken ließen, kaufte Weinberge und Trauben an, warb Tagelöhner, wenn die Arbeit es verlangte, richtete mit Hilfe des nie versagenden Freundes Schmitz die Kelterei in größerem Umfang ein und stand mit jedem neuen, der eigenen Kraft und Zuversicht abgerungenen Erfolge fester auf der heimischen Scholle.

Und mit der gleichen frohen Beharrnis, mit der er den Boden bepflanzte und betreute, betreute und bepflanzte er die Seelen der Kinder. Nie kam eine Unterrichtsstunde in Wegfall, nie eine Stunde der Körperbildung. Schon schwammen die Knaben mit dem Mädchen um die Wette im Rhein, schon ritten die Knaben und das Mädchen den Gaul, der sich an Stelle des altersschwach verstorbenen Esels im Stall eingefunden hatte. Wenn der graubärtige Mann in der Unterrichtsstunde unter ihnen saß und in ihren frischen Antworten den erweckten Geist empfand, wenn er sie beim Spiel der Kräfte in der Geschmeidigkeit ihrer Körper beobachtete, so blicke er wohl lächelnd in die blaue Ferne des Horizonts, als wüßte er dort drüben die Augen zweier Frauen, zweier Mütter, in beruhigtem Glänze.

Oft zogen sie alle miteinander in die Hänge des Westerwaldes, und er lehrte die Kinder, an Blättern und Blumen, an Tieren und Gestein die schaffende Natur verstehen. Oder sie gingen den Spuren nach, die zu den uralten, dichtverwachsenen Grenzwehren führten, dem staunenswerten Verteidigungs- und Unterwerfungssystem der römischen Macht, den Palisadengräben und Gebückgräben mit ihren Warttürmen, Warthügeln und Erdburgen, die sich in endloser Kette und Gliederung von der Donau bis zum Mittelrhein und weiter bis zum Meere zogen. Die Hecke hatte sie eingesponnen, und die wilden Rosen blühten und dufteten. Dort ließ sich köstlich spielen in den Gräben und Verhauen, Märchenspiele und Kriegsspiele, und köstlich ließ sich dort träumen, Märchenträume, Heldenträume. Im Buchenwald wob die Sonne absonderliche Gebilde, und ringsumher prangte welteinsam die rotblühende Heide.

Der Joseph kam aus Bonn heim. Er hatte mit Erlaubnis der Behörde eine Kahnladung Wein in die Stadt gebracht und war berauscht von seinen Erlebnissen.

»Se han en Bonn de Republik erklärt. Cis-rhenanisch heißt dat Ding. Woröm, weiß ich nit. Äwwer ich gläuw, dat ganze Krömche wor wägen der Fraulück, denn et wor ene dolle Küsserei. De ganze Stadt en einzig Geckehus. Alles voll Kränz un Blome un türkische Musik. Un die Gecke von Koblenz, Andernach, Rheinbach un Kölle kome met Fahne anmarscheert, un die Köllsche brachten esugar op enem Kessen met Troddeln un Quasten den Jülichskopp, den Bronzekopp von dem ale Räuwerhauptmann. So es et rääch, han ich mr gedaach', dä gehört unger die fine Gesellschaft. Un et wor en Ömarmen un ene Affbützerei, un die Wieverchen ömmer me'm Schnüßchen voran. Mr lauf jetz noch et Wasser em Mung zosamme. Un unger den Freiheitsbaum vor dem Rothus hat sich der Festredner aufpostiert, un hä sag: ›Der Geist eurer Vorväter, der freien Deutschen, beseelt euern Busen und schwellt ihn mit Hochgefühl. Ihr erklärt mit Mund und Herz, daß ihr freie Männer seid. Frankreichs öffentliche Gewalter hören es, eure Gattinnen und Kinder jauchzen euch zu und frohlocken über eure Entschließungen. Von nun an spricht Frankreich nicht mehr mit einem eroberten sondern mit einem freien Volke!‹«

Der Atem war ihm ausgegangen. Aber die Kinder bedrängten ihn.

»Esu 'ne Quatsch!« sagte er und fuhr fort: »Dann däht hä sich schönstens bei de Franzuseregierung in Paris för all dat Glöck bedanke un alle Festteilnehmer opfodern, zom Zeiche der Gleichheit no der Jüddegaß zu marscheere, denn der arm Jüd wör och en Christenminsch – ach nee, dat hat ha nit gesaag, nor en Minsch hat hä gesaag, un als sech der Zug formeert, do steit vor mr en een Reih so 'ne buckelige Mönch met noch esu 'nem buckelige Patriote, un ich schrei: ›Ich han hier zwei Krumme, die könnt' 'r ens zuers gleichmache!‹ Kinder, Kinder, dat wor en Gedöhns! Dat wor en Gekriesch: ›Bauer, gemeiner Bauerntramp! Haut den Bauernlümmel zusammen!‹ Äwwer ich hat mech schon dodörchgedonn un ers vor der Jüddegaß haltgemaach. Die wor, we ömmer, dörch en hölzerne Tor affgesperrt. Un nu kütt der Zug an mit Axt un Beil, un, krach, schlage se dat Sperrtor zosamme, un drenne, en der Jüddegaß, steit dat ganze Juddevolk, et Jaköbche un et Rebeckche in Sonndagsbotz un Kamisol un schreit we besesse: ›Freiheit – Gleichheit!‹ Un de angere schreien och we besesse: ›Un Brüderlichkeit!‹ Un hastenitgesehen han die Patriote die Juddemädcher bei Kopp un Schlaffitche un hätze se un küsse se, wat et Zeug hält. Na ja – dat war somet die cis-rhenanische Republik.« –

Sie blieb es nicht lange. Ein Jahr darauf, im Frieden zu Campo Formio, fiel das linksrheinische Land an die französische Republik, Mainz, Koblenz, Trier und Aachen wurden Sitz der Zentralverwaltungen, und Bonn sank jäh von den Höhen der Regierungsstadt in die Niederungen schlichter Landstädte. –

Lange schon hatte der Alte von der Burg sein besonderes Augenmerk auf die heranwachsende Sibylle gerichtet. In allen Knabenkünsten war sie bewandert, flink in den Wissenschaften, flinker noch in den körperlichen Übungen. Von biegsamer Schlankheit und zartgefüllter Linie war ihr Wuchs, und in den braunen Augen der Dreizehnjährigen lag oft ein stilles Feuer, das der lebensweise Mann als ein nur mühsam gebändigtes Temperament erkannte. Da merkte er, daß hier mehr als in Kinderjahren die Frauenhand fehle und der Umgang mit Frauen von Güte und Klarheit.

Auch über den großen, ernsten Barthel sann er nach, der so hilfsbereit war und so ungeschickt in allen landwirtschaftlichen Dingen. Schon sproß dem Neunzehnjährigen der Bart. Mehr als früher sonderte er sich von den Geschwistern ab und saß am Arbeitstisch über Zeichenbogen und Malutensilien. Das Blut des Vaters hatte sich auf Johannes und Sibylle, das Talent des Vaters auf den schwer und ernst gearteten Barthel vererbt.

Schlank und elastisch war Johannes aufgewachsen. Er liebte die Landarbeit, weil sie ihm die größte Freiheit ließ, sich in Wald und Feld herumzuschlagen und seine Gedanken wie Wandervögel steigen und fliegen zu lassen. Er war kein schlechter Bursche; aber fühlte er sein leichtes Blut, gab er ihm nach und nahm den Augenblicksrausch für das Glück.

Der fünfzehnjährige Hein hatte am meisten seine Kindlichkeit bewahrt. Seinen großen blauen Augen bedeutete jeder Morgen ein neues Wunder, und die Berufung und Vorbereitung zum Landwirt, Winzer und Jäger schien ihm die Erfüllung aller seiner Wünsche. Nach wie vor war ihm der Vater der Träger jeder Wahrheit und Gerechtigkeit, der Gärtner und Pfleger seiner Seele, der große und gütige Lächler bei jedem Weh. Sein Herz hing ihm an mit allem, was darinnen war. Aber es hing auch Joseph an und der alten Barbara und dem starken Adolf Schmitz, Barthel, Johannes und – dem schönen, verträumten Mädchen, der Sibylle. –

Wieder einmal war der Sommer zu Ende, und die Weinlese hatte frühzeitiger stattfinden können als je. Das Weltenbarometer schien ruhiges Wetter anzeigen zu wollen. Zum erstenmal seit Jahren wurde der in seinen Kräften brachgelegte Rheinstrom dem Verkehr zurückgegeben, und die Schiffe fuhren zu Tal, und die Pferde arbeiteten auf den Leinpfaden, um sie zu Berg zu schleppen. Fröhliche Lieder flatterten über den Rhein. Da betrat der Alte von der Burg das Zimmer, in dem Barthel über den Tisch gebeugt saß und tuschte und aquarellierte. Lange stand er hinter dem Stuhle des Jünglings und betrachtete die Verkündigung der Engel, die auf dem Karton entstand.

»Mach Feierabend für heute,« sagte er und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Wir beide allein wollen noch einen Spaziergang machen.«

Der Jüngling gehorchte sofort, ordnete seine Gerätschaften und folgte dem Vater, der ihn durch den Garten führte, zum hinteren Tore hinaus und den Höhenweg hinauf. Dort oben blieben sie stehen und blickten hinab auf das schützende Burghaus, auf Rheinbreitbach und den Strom und die Berge.

»Es ist Herbst,« sagte der Vater. »Entsinnst du dich? Es war auch Herbst, als ihr zu uns kamt, und es ist jetzt fünf Jahre her.«

»Ich danke dir, Vater, du hast uns arme Kinder reich gemacht.«

»Du weißt nicht, wie reich mein Leben durch euch geworden ist, Barthel. Mit dem wachsenden Verantwortungsgefühl wachsen wir selber. Und der Hein hat eine sonnige Jugend gehabt.«

»Der Hein ist der beste von uns, Vater.«

Der Graubärtige lächelte ein wenig. »Es kommt darauf an, mit welchen Augen wir den einzelnen Menschen anschauen, Barthel. Auch ein schwächerer oder ein ungestümerer Charakter kann unsere ganze Liebe gewinnen. Und ein Vater soll sorgen und helfen, aber nicht vergleichen. Du weißt doch, was ich euch versprach, Barthel, damals, als wir auch hier hinaufwanderten, und was ich in der Nacht darauf eurer sterbenden Mutter versprach: euch allen vieren Vater zu sein.«

Der Jüngling kämpfte nach Worten. Dann griff er nach des Mannes Hand und sagte nur ein einziges aus tiefster Seele: »Vater – –«

Der Alte erwiderte den Druck. Und den Jungen fröhlich anblickend, sagte er frischen Tons: »Und nun wünscht der Vater mal mit seinem Ältesten zu reden. Du bist kein Landwirt, nein, und du wirst trotz allen redlichen Mühens keiner werden. Also sprich dich aus. Laß die Träume deiner stillen Stunden vor mir aufmarschieren, mit offenem Visier. Was möchtest du werden?«

»Kirchenmaler, Vater. –« Und der Junge tat einen tiefen Atemzug.

Der Alte blickte ihm wohlwollend in die Augen. »Kirchenmaler. Ich habe es ja lange gewußt und wollte nur sehen, ob die Sehnsucht echt wäre und Bestand hätte. So habe ich mich denn vor kurzem an die Düsseldorfer Kunstschule gewandt und einige Blätter von dir mitgesandt. Heute ist Antwort gekommen. Übermorgen« – er mußte sich über die Stirn fahren, um die ruhigen Augen zu bewahren – »übermorgen kannst du reisen.«

»Vater!« schrie der Junge auf und warf sich an des Alten Brust.

»Du bist der erste, den ich hergeben muß, Barthel. Aber ich weiß, du wirst dem Burghaus Ehre machen. Und eins vergiß nicht: was auch werden mag da draußen, was dich packen und wirbeln wird: hier ist deine Heimat, von dieser Scholle wirst du dir immer neue Kräfte für das Leben holen.«

»Vater, muß es so bald sein, daß ich –«

»Daß du fort mußt? Sieh mal, mein Junge, wir wollen uns allen den Abschiedsschmerz nicht unnötig verlängern, denn gesenkte Köpfe und schlappe Glieder taugen uns nicht. Zieh mit einem Lied hinaus, und wir wollen dich mit einem Lied empfangen.« –

Bestürzt saßen die Kinder in der Runde, als ihnen der Vater nach der Abendmahlzeit Barthels Übersiedlung nach Düsseldorf und auf die Kunstschule mitteilte. Sibylle erholte sich zuerst. Sie erhob sich hastig und fiel dem Bruder mit einem Freudenschrei um den Hals.

»Künstler – Künstler! – Wer da mitkönnte ...«

Johannes war blaß und unruhig. »Da gehst du ja in die Freiheit,« murmelte er; aber keiner hörte ihn.

Der Hein aber war dem Beispiel Sibyllens gefolgt und hing dem Barthel am Halse. »Vergiß uns nicht,« bat er, »und wie schön es hier ist.«

Und der Barthel saß beschämt, weil er sich als Mittelpunkt des Kreises sah, und stammelte immer wieder: »Hier ist's am schönsten – hier ist's am schönsten.«

»Mutter,« sagte der Joseph, »jetz loß ich dich zu dinge Namenstag affmölern, wann du noch ens en suhr Geseech' maachs.«

»Dinge Geseech',« meinte die alte Barbara mit Gemütsruhe, »es och nit mügelich, denn dr Möler laacht sich krank, bevor hä am Eng is.« Sprach's, erhob sich und verließ das Zimmer, um Barthels Garderobe einer scharfen Musterung zu unterziehen.

»Eigelov stink',« sagte der Joseph, »deshalv well ich leever et Mul holle.« Sprach's, erhob sich ebenfalls und verließ das Zimmer, um seiner Mutter beim Bürsten und Reinigen der Garderobe kräftig zur Hand zu gehen. –

Am nächsten Tage streifte der Alte mit den Jungen noch einmal durch die Weinberge, die Felder und Wälder. Früh ging es zu Bett, denn früh mußte aufgestanden werden. Sie wollten den Scheidenden bis nach Königswinter am Fuße des Drachenfelsen begleiten, wo er die Post besteigen sollte. Barthel aber erhob sich schon nach einer Stunde wieder, kleidete sich behutsam an und schlich durch das Haus. Mit den Händen strich er an allen Wänden entlang, jedem Mauerstein mußte er Lebewohl sagen. Dann saß er lange in der Kapelle, die unbenutzt geblieben war, denn der Vater liebte es, ein einfaches Gebet am Tisch zu sprechen. Und er dachte an den Sarg der Mutter, der hier sein letztes Dach gehabt hatte. Und leise schlich er wieder hinaus, und der graubärtige Mann, der in seiner Kammer auch nicht schlafen konnte, hörte ihn das große Tor aufschließen und wußte, daß da ein Sohn zum Grabe seiner Mutter ging. Und er hörte ihn eine Stunde später zurückkommen und auf den Turm hinaufsteigen und wußte, daß da ein Kind von der Heimat Abschied nahm.

Dann ratterte es bald auf dem Hofe, und Joseph spannte das Pferd vor den Wagen. Die Schläfer in der Burg fuhren hoch, besannen sich und eilten, an den Frühstückstisch zu kommen. Da saß schon der alte Schmitz und hielt die Hände über den Bauch gefaltet und meinte: »Wenn einer eine Reise tut,« und er steckte dem Barthel, als der ihm bewegt die Hand zum Abschied reichte, mit Augenzwinkern heimlich eine Geldrolle in die Tasche. Die Barbara aber heulte, daß sie davonlief.

Der Wagen rasselte zum efeuumsponnenen Tor hinaus. Die rotglühenden Ranken des wilden Weins, die ihm die Herrschaft streitig machten, flatterten wie ein Gruß durch die Luft. Die Gasse ging's hinab, und an der jähen Biegung warf Barthel sich auf seinem Sitz herum, blickte starr auf das Burghaus und zog den Hut ...

Ade, Kindheit.

Auf dem Bock neben dem Joseph saß der Hein, auf den Rücksitzen des Wagens saßen Johannes und Sibylle, neben Barthel der Vater. Und der Vater schlug seinem Ältesten auf das Knie, wies mit ausgestreckter Hand in den erwachenden Morgen und sagte: »Gott grüß die Zukunft.«

Da wurden sie alle heiter, und der Joseph stimmte auf dem Kutscherbock ein Lied an, das sangen sie alle mit, und singend fuhren sie durch die Orte Honnef und Rhöndorf, erreichten den Rhein, der mit tiefem Basse sie begleitete, umfuhren den wuchtenden Fuß des Drachenfelsen und hielten am Eingang Königswinters vor dem alten Schenkenhaus.

»Eine Flasche und ein Glas für jeden,« rief der Vater, »wir werden's einteilen. Stoßt an auf den Barthel. Treu der Heimat, das heißt treu sich selber. Das sei mein Wegspruch. Fahr wohl, Junge.«

Und die Post kam und führte den Reisenden hinweg. –

Ohne den Vater fuhren die Kinder heim. Der aber ging zum Rhein hinunter und ließ sich von einem Schiffer auf das Nonnenwert rudern. Er gebot ihm zu warten und läutete an der Klosterpforte.

»Könnte ich zu dieser Stunde schon die hochwürdige Äbtissin sprechen?« fragte er die Schwester Pförtnerin. »Ich komme von der Breitbacher Burg.«

Dann stand er der Äbtissin gegenüber, die ihn freundlich um sein Begehren fragte.

»Ich habe ein Pflegetöchterlein,« begann er, »die mit den Knaben aufgewachsen ist. Nun ist sie aber in das Alter gekommen, daß sie statt der heißen Knabenspiele die feinen Hantierungen der Frauen erlernen müßte und ihre Wesensart. Bei mir auf der Burg reicht die alte Barbara nicht dazu aus, und die Dorffrauen arbeiten wie die Männer. Da würde es nun mir und dem reich begabten Kinde eine große Wohltat sein, wenn sie täglich ein paar Stunden kommen dürfte, um von den Schwestern in den Handfertigkeiten und in der Sitte der Frauen angeleitet zu werden. Mit dieser Bitte bin ich hierhergekommen.«

Die Äbtissin sann nach.

»Es sind schwere Zeiten für die Klosterfrauen,« erwiderte sie leise, »und wir wissen nicht, wie lange unseres Bleibens hier noch sein wird. Haben sie doch in Bonn Altäre und Bilder aus den Kirchen geworfen und alles, was Gott dient, schwer bedrängt. Aber,« fügte sie hinzu, »weil die Zeiten so schwer sind, wird einer bald auf die Nachsicht des anderen angewiesen sein, und so sei Ihre Bitte erfüllt. Das Mädchen kann jeden Nachmittag kommen und bis zur Vesper bleiben.«

Er bedankte sich mit würdigem Ton und verließ das Kloster. Der Schiffer setzte ihn über zur Breitbacher Bucht. –

Wechselnde Röte und Blässe auf dem Gesicht, hörte Sibylle, was der Vater beschlossen hatte.

»Ich will kein Nönnchen werden – das nicht – das nicht –« stieß sie angstgejagt hervor.

»Liebes, wildes Ding,« fügte der Vater und streichelte ihr beruhigend die Schulter, »habe keine Sorge, daß ich mich selbst bestehlen werde. Religion ist Pflichterfüllung, und die lernst du im Leben besser und fruchtbringender als hinter Klostermauern.«

»Vater, was soll ich denn da?«

»Sorgen, daß ich mich nicht eines Tages vor dir zu schämen habe. Ich meine, wenn du einmal in einem Kreise von Damen sitzest und du kommst dir vor wie ein Landgänschen unter Schwänen, und ich steh' dabei und seh' es und muß mir sagen: das ist deine eigene Schuld, du hast dich aus blinder Liebe überschätzt und aus blanker Eigensucht, nur um das Kind jede Stunde um dich zu haben, unsere Sibylle zum Gespött der Damenwelt werden lassen. Und du würdest es fühlen und mir im stillen Vorwürfe machen. Siehst du, das würde ich schwer ertragen.«

Sie sah ihn mit weitgeöffneten Augen an.

»Wann soll ich hinüberfahren, Vater?«

»Morgen nach dem Mittagessen. Die Jungen rudern dich hin und holen dich beim Vesperläuten zurück. Denke doch nur, wenn sie dich da halten wollten – der Hein würde die Tore stürmen.«

»Der Hein!« lachte sie und rannte hinaus.

»Ich habe sie richtig beim Ehrgeiz gefaßt,« meinte der Alte und nickte vor sich hin. »Jetzt wird sie alles tun, nur damit ich mich nicht vor ihr zu schämen brauche ... Der unbewußte Fraueninstinkt. – –« Und er ging nachdenklich an sein Tagewerk. –

»Steig ein, Klosterjungfrau,« rief Johannes und hielt den Nachen fest, »du kommst sonst zu spät vor die Himmelstür.«

»Ich glaub' wahrhaftig, du ungezogener Jung könntest mehr von den Nönnchen profitieren als ich!« Johannes zupfte an den ersten Schnurrbarthaaren. »Wenn sie hübsch wären –. Aber bevor eine Hübsche ins Kloster geht, geht ein Kamel durch ein Nadelöhr. Na, nun weißt du, wie du aussiehst. Einsteigen!«

Der Hein hob sie hinein. »Wenn du noch viel redest, schmeiß' ich dich ins Wasser. Du warst wieder heimlich im Wirtshaus.«

»Wart, das nächste Mal nehm' ich dich mit. Da wirst du Töne zu hören kriegen, daß dir die Augen übergehen.«

»Ich trink' nicht mit Vagabunden. Nimm das Steuer. Ich rudere.«

Der Kahn schoß quer durch die Strömung gen Oberwinter, glitt das Rolandsecker Ufer entlang und gewann die Insel. Sibylle saß merkwürdig still, und der Hein blickte sie von der Seite an.

»Wenn du Angst vor den Nönnchen hast, sag es. Dann bleiben wir in der Nähe.«

Sie schüttelte energisch die Locken. »Keine Spur. Daß ihr euch nur nicht untersteht, Unfug zu machen. Ich will mich nicht schämen müssen.«

Dann sang der Johannes ein Lied im Brummton:

»Des Nachts, wohl um die halbe Nacht,
Dem Ritter träumt es schwer,
Als wenn sein trautes Liebchen
Ins Kloster gangen wär.«

»Auf Wiedersehen,« flüsterte Sibylle, drückte dem Hein die Hand und sprang ans Ufer. Noch einmal wandte sie sich an der Klosterpforte um. »Seid pünktlich!« – rief sie gedämpft – winkte mit ihrem Tuch und zog die Klingel.

Und die Jungen waren pünktlich. Den Johannes trieb die Neugierde, den Hein die Freude. Der Kahn glitt rasch an die Landestelle, als das Mädchen vor der Pforte erschien und leichtfüßig den Weg zum Strande nahm. »Vorwärts, Jungen.«

»War's arg schön?« fragte Johannes und legte sich mit Hein gemeinsam in die Riemen, denn es ging zu Berg.

»Wird's schon werden,« entgegnete Sibylle und nestelte an ihrem Hutband. »Einstweilen ist's hier draußen schöner.« »Hast wohl mit den harten Fingerlein nichts gekonnt und wohl gar Prügel gekriegt?«

»Ich lass' mich auch grad prügeln.«

Dem Hein stieg langsam die Röte in die Stirn. »Du – das wollt' ich dir auch raten,« sagte er, und es war ein Drohen in der Knabenstimme.

»Dumme Jungen! Ich bin doch nicht unter die Menschenfresser gegangen! Nur schwer ist's noch für mich, die feinen Nadeln zu halten und immer acht zu geben, daß der Faden nicht wirrt und reißt und so. Herrgott, ist das ein warmer Abend; wie im Sommer. Fahrt hinüber in die Bucht, unter die Weiden. Macht den Kahn fest. Wir wollen ins Wasser.«

Und sofort nahmen die Ruderer den Kurs nach ihrer Badebucht. Unter einem Brett zwischen den Steinen lagen ein paar zusammengerollte Handtücher. Mehr bedurften sie nicht. Das Mädchen befahl: »Herumdrehen!« zog sich aus und sprang ins Wasser. Wenige Sekunden später, und die Knaben glitten zwischen den Weiden in die Flut. »Kalt ist's!« rief der Johannes und tauchte unter. »Aber schön!« rief die Sibylle zurück und zerteilte kräftig den Strom mit ihren schlanken, weißen Mädchenarmen. »Nicht zu weit heute,« prustete der Hein und umschwamm sie in immer engeren Kreisen, um sie gegen einen Wirbel zu sichern.

Das geschwisterliche Band hielt sie stark zusammen. Und der Alte von der Burg hatte sie nicht gelehrt, sich ihres gesunden Körpers zu schämen. Sie wußten nur, daß sie jung waren und ihre Kräfte probten.

»Hinaus jetzt, Sibylle,« befahl Hein. »Wir schwimmen inzwischen hinter die Weiden.«

Und während das Mädchen sich ans Ufer schwang und nach hastiger Abreibung in die Kleider schlüpfte, waren Johannes und Hein ein wenig tiefer gelandet, hatten kräftig die Tücher gehandhabt und sich blitzschnell angekleidet. Gerade kam der Hein noch recht, um der Sibylle die Schuhe zuzuschnüren. Die Sonne lag golden auf dem Wasser und verzitterte fern ...

»Dauerlauf!« gab Johannes vom Weg aus das Kommando. Und sie stürmten wie die wilde Jagd die Feldwege hinauf, durch das Dorf und die Gasse hinan bis in den Burggarten, in dem der Vater stand und sie bewillkommnete.

»Nun, Sibylle? Hat's dir Freude gemacht? Ist dir das Stillsitzen bekommen?«

Sie nickte hastig. »Und dann haben wir gleich ein Bad genommen, Vater. Da war ich drüber weg.«

»Laßt euch von der Barbara Tee geben. Es ist schon ein wenig weit in der Jahreszeit für Freibäder. Na, ihr seid ja abgehärtet.«

Und während die Kinder an ihm vorüber in die Küche stürmten, kam ihm ein Bild, und er lachte in sich hinein.

»Was würden die guten Nönnchen für Augen gemacht haben, wenn sie diese erste Wirkung ihrer Erziehung zu Gesicht bekommen hätten ... Ich bin froh, daß die Kinder so natürlich sind.« –

Das waren des heranwachsenden Hein geheime Feierstunden, wenn er mittags und abends das Mädchen in seinem Kahne wußte. Abwechselnd sollten die Knaben der Schwester den Ritterdienst leisten, aber der Johannes war oft um die Vesperstunde nicht zu haben, da er im Dorfe Studien treiben mußte, wenn fremde Landstreicher die Heerstraße heraufkamen und im Wirtshaus prahlerischen Lärm vollzogen. So war allmählich die Sorge um Sibylles Hin- und Heimfahrt ganz in Heins Hände hinübergeglitten, und er hätte es nachher nicht mehr gemocht, einen Dritten an Bord zu haben. Die Überfahrt nach dem Nonnenwert ging stets schnell und schweigsam vonstatten. Sie hatten Eile, pünktlich zu landen, damit dem Mädchen vorwurfsvolle Blicke ihrer Lehrerinnen erspart blieben. Der Heimweg aber wurde täglich ein wenig in die Länge gezogen, und während Hein die Ruder handhabte, saß Sibylle am Steuer, erzählte, was sie von den Nönnchen gelernt und vernommen hatte, und kam nie von der Verwunderung los, daß es unter klugen und geschickten Frauen Weltflucht und Verzicht des freien Kräftegebrauchs geben könne. Dann phantasierte sie sich laut in ein farbenbuntes, starkbewegtes Leben hinein; in dem jeder Tag ein neues Ziel bedeuten müsse und das Ziel einen Kranz von Rosen, einen Kranz der Huldigung. Großen, stillen Auges sah Hein auf das Mädchen, und sein Herz hing sich um so schwerer an sie an, je leichtbeschwingter ihre Träume wurden und je weiter ihre Luftreisen sie von ihm zu entfernen drohten.

Oft schüttelte er den Kopf. »Es treibt dich ja doch wieder heim, Sibylle. Von der Burg kommst du nicht los.«

»Wenn ich heimkehren sollte, müßte ich so viel Rosen in den Händen haben, daß ich die ganze Burg damit schmücken könnte.«

»Weshalb, Sibylle? Wachsen im Burggarten nicht auch Rosen?«

»Du bist dumm, Hein. Wir wissen doch gar nicht, ob es nicht draußen viel schönere gibt.«

»Ich verstehe dich,« meinte er, »du willst erst die Gewißheit haben, daß es bei uns doch am schönsten ist.«

»Und wenn es draußen doch noch schöner ist? Ach, du – –«

»Ich weiß nicht, Sibylle ...«

»Ich weiß auch nicht, Hein.«

Sie fuhren, jeder auf der Flut der eigenen Gedanken, heim. Und dann sagte das Mädchen und wiederholte des Knaben Worte: »Ja, ja – man muß Gewißheit haben. Hein, ich glaube, die Burg ist bloß leer, wenn man nichts hineinstecken kann.«

Er dachte darüber nach, wie er sie aus dem Nachen hob und neben ihr her nach Hause schritt.

Und eines Tages hatte er es gefunden. »Wir müssen uns die Burg erobern, anders geht es nicht. Und dann können wir am Kamin sitzen, Sibylle, und über all die Kämpfe sprechen, die wir um die Burg geführt haben, und dann sind die Mauern ganz voll von uns.«

Das Mädchen sah ihn mit klugen Augen an.

»Du bist doch nicht dumm, Hein. Ich glaube, du hast es herausbekommen.«

Die Welt da draußen aber änderte ihr Gesicht und nahm auf kurze Jahre ruhigere Züge an. Der Mann, dessen Name immer lauter durch die Lande scholl, der General Napoleon Bonaparte war in Paris zum Konsul gewählt worden. Nun erzwang er sich durch ein Plebiszit, hinter dem seine gepanzerte Faust stand, die Anerkennung auf Lebenszeit. Blind gehorsam willfahrte ihm die Republik, und die Völker und Fürsten Europas horchten auf.

»Der Löwe ist los,« sagte der jetzt neunzehnjährige Johannes und strich kühn den kleinen, schwarzen Schnurrbart hoch.

»Der Tiger,« erwiderte der siebzehnjährige Hein. »Gib acht, wie schnell er das Fell wechselt.«

»Wenn's nur ein königliches Tier ist, das dem kläglichen Lämmerhüpfen ein Ende macht. Jetzt kommt doch wieder ein großer Zug in die Geschichte, und Paris wird der Mittelpunkt aller Länder und Völker!«

»Wer doch auch hinkönnte,« sagte Sibylle mit leuchtenden Augen. »Die ganze Welt wird jung, und wir sind jung und gehören dazu.«

Sie war groß und schlank, und ihr Mädchenkörper drängte immer sieghafter in die Entwicklung hinein. In weißem, unter den jungen Brüsten zusammengehaltenem Kleid mit freiem, schlankem Hals, das braune Gelock in schwerem Knoten über der Stirn, stand sie und wußte nicht wohin mit ihren drängenden Kräften.

Zornig klopfte Hein mit der Reitgerte an seine langschäftigen, bestaubten Stiefel. Er kam vom Felde, wo sie die Frühsaat bestellt hatten, denn der Frühling war warm und verlockend.

»Sehne dich nicht immer nach fremden Dingen,« rief er, »auch in Paris kochen sie mit Wasser wie bei uns.«

»Aber es ist nicht Wasser aus dem Bach, sondern aus der großen, herrlichen Seine.«

»Um so schlimmer, weil es dann um so trüber sein wird.«

»Immer noch besser als dies Bauerngeschlampe!« rief Johannes in den Streit. »Ein paar Jahre ›Paris und die Welt‹ sind mir lieber als ein ganzes Leben im Kloster.«

»Jawohl!« rief Sibylle und schlug sich lachend auf die Seite ihres Bruders.

»Das ist hier kein Kloster,« fuhr Hein sie an. »Das ist eine Welt, und wir sind die Herren darin.«

»Gott,« spottete Johannes, »du mit deinem Deutschtum. Aus dem Leim geht's, wohin man faßt.«

»Weil ihr ein so schlechter Leim seid und nicht haltet!«

»Weil ich mir als Leim zu einem Sargdeckel zu schad' bin! Laß dich mit deinem Zaunkönigreich von Breitbach einbuddeln!«

»Mein Herr,« spottete Sibylle, »mein Herr! So also sieht ein Herr aus! Wie der Hein!« Und sie reckte mit mädchenwildem Übermut den Kopf und hielt ihr Gesicht, als ob sie staunend suchen müsse, dicht vor das seine.

Ganz blaß war er, aber er hielt dem Blick stand und spürte nur ihr Haar, das über seine Stirn wehte, und ihren Atem.

»Laß das.«

Da schnitt sie ihm ein tolles Gesicht, ihm dicht unter den Augen.

Sein erkünsteltes Gleichgewicht verließ ihn. Das Blut schoß ihm in die Wangen zurück und füllte seine Stirnadern. Mit beiden Händen griff er wütend vor und griff des Mädchens Kopf.

»Hein!« schrie sie erschrocken, und ihre Augen starrten ihm in jäher Angst entgegen.

Da kam er zu sich, und die Scham kam, daß er sich an einem Mädchen hatte vergreifen wollen, und in der Verwirrung seiner durcheinanderwallenden Empfindungen zog er ihren Kopf heran und küßte sie auf den Mund.

»Hein ...,« sagte sie leise, und ihr Atem war wie ein Seufzer. – –

Und sie wußten in der Verwirrung nicht, wie sie die Hände voneinander lösen sollten. – Und hielten sich noch immer fest und starrten sich an. – Und lächelten sich verlegen in die Augen.

»Ihr seid verliebt!« schrie der Johannes und umsprang sie in ausgelassenen Sätzen. »Ihr seid ja verliebt –«

»Mach, daß du wegkommst!« donnerte der Hein. »Du allein bist schuld, daß –«

»Nun krieg' ich auch noch Vorwürfe! Du bist wohl nicht recht bei Trost! Lach ihn doch aus, Sibylle!«

»Ach,« sagte Sibylle und strich sich mit beiden Handflächen über die Schläfen, »du brauchst ihn auch nicht immer zu reizen.«

»Das ist köstlich,« entrüstete sich der Angegriffene, »das ist wirklich köstlich. Ich hab' ihm wohl auch die lange Nase geschnitten?«

»Ja – hab' ich denn das getan?«

»Ihr seid verrückt,« entschied der Johannes und tippte sich gegen die Stirn. »So was von Blödsinn ist mir noch nicht vorgekommen. Nee, nee, wißt ihr, da empfehl' ich mich denn doch lieber und such' mir vernünftigere Gesellschaft.«

Er schob die Hände in die Taschen und machte kehrt. Und über die Schulter fragte er zurück: »Hat einer von euch Geld? Wenn man meine Kerls singen hören will, muß man ihnen die Kehlen schmieren.«

Beide suchten sie in ihren Taschen. »Hier,« sagte Hein, »aber komm nicht so spät wieder. Der Vater sieht's ungern.«

Als sein lustig Pfeifen draußen vor der Gartenmauer verklungen war, wandten sich die beiden langsam zueinander um.

»Wollen wir noch ein wenig hinaus, Sibylle? Es ist – überall – Frühling.«

»Ja, Hein ...«

Sie gingen nebeneinander, und im Schreiten umfaßten sich ihre Hände. Hand in Hand, die Finger fest ineinandergeflochten, gingen sie durch den Garten, und in ihren Augen war ein Verwundern über den Reichtum der weiß und roten Apfelblüte zu ihren Häupten und die schwelgende Fülle des blauen Flieders ringsumher im Gesträuch. Und als sie das Gartentor öffneten und hinausschritten durch die grünkeimenden Felder und hinauf zum Waldrand, da lagen die Hänge vor ihnen in prangender Ginsterblüte wie ein Meer von Gold.

Unter den ersten Bäumen standen sie still und blickten aneinander vorbei in das Gold des Ginsters und in das Gold der Frühlingssonne, die alles Land erobert hatte, und hoben langsam ihre Augen empor, zwinkerten, als ob ein neues Licht sie träfe, und sahen sich an. Und sahen, daß sie jung und schön waren und in voller Gesundheit – als hatten sie es nie vordem gesehen.

Da schlossen sie die Augen, und einer reichte dem anderen den Mund ... Von dieser Stunde an waren sie unzertrennlich geworden. War die Arbeit daheim, war die Arbeit im Weinberg und Feld geschehen, so winkten sie sich mit den Augen und flogen aus. Hand in Hand oder einer den Arm um die Schulter des anderen geschlungen. Nie sprachen die beiden jungen Menschenkinder von Liebe, nie von zweisamen Zukunftsplänen. Sie fühlten nur, daß sie beisammen waren, und daß es ihnen gut tat über die Maßen.

Jede Handbreit heimatlichen Landes machten sie sich zu eigen, und wenn sie erst eine Erinnerung damit verknüpften, einen Sonnenaufgang, der die Bergkuppen in weiter Runde mit einer flammenden Borte zierte, eine Mondnacht, die die Weite und Tiefe mit glitzerndem, gleitendem Silber füllte, einen langen, atemlosen Marsch mit zähem Klettern auf die Basaltspitzen oder einen schnellen Kuß nach raschem, sicherndem Rundblick – so nannten sie das: das Land erobert haben.

Weg und Steg im Siebengebirge kannten sie zur Tag- und Abendzeit, und in den Trümmerhaufen der Ruinen tat ihr Fuß keinen Fehltritt. Stundenlang lagen sie und staunten vom Drachenfels nieder in den Garten Deutschlands, stundenlang träumten sie im grüngoldenen Buchenwald, der den Klosterfrieden von Heisterbach hütete, und hörten die Nachtigallen schmettern und locken. Am liebsten aber streiften sie über die Breitbacher Halde, bis sie im Walde die Bergwerke fanden, den Virneberg und den Marienberg, deren Gange seit der Kriegszeit verlassen lagen. Das war eine neue, geheimnisvolle Welt und war schon so alt, daß die Römer sie gekannt und angebaut hatten.

Sie saßen vor den Schächten und horchten hinein.

»So möcht' ich wohl in dein Herz hineinhorchen können, Sibylle.«

»Meinst du, es wäre auch so verlassen wie der Schacht?«

»Ich meinte, daß darin ebensoviele Reichtümer liegen, du Spottteufelchen, aber jetzt meine ich es nicht mehr.«

Die edeln Erze liegen immer im Quarz, Hein. So einfach ist das nicht. Klopf, klopf, Hämmerlein.«

Da kroch er in die Stollen und ließ sich von seinem halsbrecherischen Tun durch kein Bitten zurückhalten. Und als er nach geraumer Zeit wieder auftauchte, hatte er die Tasche voll blitzender Erzstückchen, haarförmiges Rotkupfer, grünen, traubenförmigen Malachit und bunten Opal. Das breitete er alles vor ihr auf den Rasen.

»Siehst du wohl, Zweiflerin? Man muß sich die Mühe nur nicht verdrießen lassen.«

»Hast du es gern getan, Hein?«

»Für dich tu' ich alles gern!«

Sie lag in ihrem weißen Kleid hingestreckt im Waldmoos, Sonnenlichter auf Hals und Haar, und das alte Bergwerk hatte noch kein edleres Juwel gesehen.

Und er beugte sich über sie und legte sein Ohr auf ihr Herz und hob wieder den Kopf und sah, daß ihre Augen weit aufstanden. Da küßte er sie auf die Augen, als müsse er ihren Blick aus der Weite in die Nähe bannen und küßte ihre Lippen, auf denen die warme Sonne lag, und sie hielt seinen Kopf mit ihren beiden Händen. – –

*

 

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