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Die Burgkinder

Rudolf Herzog: Die Burgkinder - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRudolf Herzog
titleDie Burgkinder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun256.-275. Tausend
year1923
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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V

Die Weinlese fiel spät in diesem Jahr, und der schöne Herbst hatte einen schlechten Sommer nicht mehr gutzumachen vermocht. Nur wenige und geringe Trauben hingen an den Stöcken, als man in den ersten Tagen des Novembers die Weinberge öffnete. Man merkte, daß die rings im Quartier liegenden Soldaten schon Vorlese gehalten hatten.

Der Alte von der Burg ließ niemanden die Bestürzung gewahren, mit der er den Segen des Herbstes überblickte. Er berechnete, daß der Erlös gerade für den billigen Mietzins reichen würde, den er an den Prior des Kölner Klosters, des Eigentümers des Burgwesens, abzuführen hatte, und seine Gedanken richteten sich ernst auf den kommenden Winter.

Auch Joseph war nicht so aufgeräumt wie bisher, und als er seinem Herrn den Besuch des Weinhändlers Schmitz meldete, des wohlhabendsten Mannes der Ortschaft, der alljährlich die Trauben anzukaufen pflegte, tat er es mit verdrießlichem Gesicht.

Der Hausherr ging dem Gast entgegen. Es war ein schwerer Mann von gewaltigem Körperbau, der ihn im Hof erwartete, mit gerötetem Gesicht, kleinen, klugen Augen, die aus ihrer dicken Umpolsterung scharf in die Welt zu blicken verstanden, und rötlichweißem Bart und Haar. Im Alter war er dem Hausherrn gleich, der jetzt elastischeren Schrittes auf ihn zuging und ihm die Hand reichte.

»Treten Sie ein, Herr Schmitz, wir werden diesmal – leider Gottes – unsere Geschäfte recht schnell abgewickelt haben.«

»Dat wär' schad, Herr. Die Stund' bei Ihnen is mir immer angenehm.« Die Stimme klang tief und rollend.

»Die Stunde wollen wir auch halten. Und eine Flasche werden wir trotz der schlechten Zeiten miteinander trinken können. Sie sind ein so erfahrener Mann, daß ich jedesmal von Ihnen lerne.«

Der starkleibige Mann trat ins Haus. »Zu viel Ehre, Herr, wahrhaftig. Ich hab' mir nur den Wind um die Nas' wehen lassen und bin nit im Dorf hängen geblieben. Dat is dat ganze Kunststück.« Er setzte sich, und der Holzstuhl knarrte. »Na, da wären wir mal widder. Et is en faulen Herbst.«

Der Hausherr holte Flasche und Gläser und schenkte ein. »Willkommen, wie immer.« Und sie leerten beide das Glas.

Eine Weile blieb es still zwischen ihnen. Dann sagte der Alte von der Burg: »Es lohnt sich kaum, daß Sie die paar Bottiche besichtigen, Herr Schmitz. Ich schicke sie Ihnen zum Verwiegen, und Sie zahlen mir, was Sie schätzen.«

»Ihr Vertrauen ehrt mich, Herr. Ich könnt' Sie schön betrügen.«

»Ein Adolf Schmitz betrügt nicht.«

»Dat haben Sie gut gesagt. Darauf wollen wir mal trinken.« Er nahm selbst die Flasche und schenkte ein. Schwippvoll bis zum Rande. Und mit Genuß ließ er den Wein hinuntergleiten. Dann wischte er sich umständlich den Bart, faltete die Hände über dem Bauch und meinte: »Die Familie hat sich arg vergrößert. Mr sucht sich sons gewöhnlich enen besseren Herbst dafür aus.«

»Waisenkinder können nicht auf einen guten Herbst warten, Herr Schmitz. Darin denken Sie doch wie ich.«

»Dat tu' ich, weiß Gott. Aber ich befrag' doch auch meine Geldkatz'.«

Der Hausherr lächelte. »Der Sorge war ich enthoben. Und an der Armut kann immer noch einer teilnehmen.«

»Herr,« sagte der andere mit seinem tiefen Baß, »allen Respekt, Sie sind, wat mer en ganzen Kerl nennt. Entschuldigen Sie, dat ich so frei bin. Aber Männer wie Sie dürfen nit arm sein. Ne, ne, dat dürfen se nit.«

»Ich hab' drei Jungen und ein Mädel, da bin ich nicht arm.«

»Ich hab' einen Jung', der is schon so schwer wie ich. Aber et Geschäft is auch groß un trägt et. Verstehen Sie mich recht, ich will hier nit protzen. Aber die Magenfrage is die Unterlage von et Leben.«

»Meine Kinder haben bis heute noch nicht gehungert,« sagte der Hausherr, »und solange ich mit dem Joseph schaffen kann –«

Der starkleibige Mann beugte sich vor und legte ihm die Hand auf den Arm.

»Weiß ich doch, Herr, weiß ich doch. Woher wär' sons mein Respekt? Na, nu will ich Ihnen mal wat sagen. Aus lauter Respekt – aus lauter Respekt kauf' ich Ihnen Ihre Trauben nit ab.«

»Aber Herr Schmitz – was sind das für Scherze?«

»Dat sind keine Scherze. Ich kauf' se Ihnen nit ab. Un da können Se mir gute Wörter geben so viel Se wollen.«

»Ja – Herr Schmitz – wenn das Ihr Ernst ist – was soll ich denn mit meinen Trauben nur anfangen?«

»Welche dazu kaufen.«

Der Hausherr stand auf. Er ging ein paarmal durchs Zimmer und blieb vor seinem Gast stehen.

»Herr Schmitz, Sie sind ein Ehrenmann. Also sagen Sie mir, weshalb soll ich noch Trauben aufkaufen, wenn Sie mir schon die paar Bottiche nicht abnehmen wollen. Das ist doch ein Widerspruch in sich selbst.«

Der schwere Mann lachte ein gemütliches, rollendes Lachen.

»Dat is gar kein Widerspruch. Und wenn Se nit der Eremit von Breitbach wären, sondern en Stück Kaufmann wie ich, dann wären Se längst selber dadrauf gekommen, und ich braucht' Ihnen dat gar nit zu sagen.«

»Nun bin ich doch gespannt,« meinte der Hausherr und zog seinen Stuhl heran.

»Ganz einfach. Sie kaufen in den Dörfern Trauben auf. Sagen wir mal in Menzenberg un Bruchhausen. Die Zeiten sind durch dat verfluchte Kriegspack abscheulich, un die Leute brauchen all bar Geld. Da kriegen Se de Trauben billig. Un dann geben Se sich selber an't Keltern, wat Se nur können. Denn glauben Se 'nem erfahrenen Mann: der Wein wird rar und teuer in de nächste Jahr. Der Krieg hat nit nur 'ne Magen, er hat auch en Gurgel. Und dat ganz bedeutend.«

Wieder blieb es still im Zimmer. Der Hausherr sann vor sich hin. Dann sagte er aus seinen Gedanken heraus: »Ich hatte selbst schon einmal daran gedacht. Ganz flüchtig nur. Und es wäre ein großer Ausblick. Aber es geht nicht.«

»Warum soll de Ausblick wohl nit gehen? Dat möcht' ich nu doch wissen.«

Da sah der Alte von der Burg seinen Gast offen an.

»Ich habe augenblicklich nur einen Notpfennig. Für alle Fälle. Und den darf ich der Kinder wegen nicht angreifen.«

Und der Gast antwortete: »Ich hab' auch einen Notpfennig. Aber ich darf den angreifen.«

»Soll das heißen, Herr Schmitz, daß Sie – mir –«

»Ja, dat soll dat heißen. Nix für ungut, dat ich mich einem so vornehmen Herrn aufdräng'.«

»Mann, Mann! – Ich hätte ja nie geglaubt, daß ich im Leben einmal – ein Darlehen nehmen müßte.«

»Früher hatten Sie ja auch nit vier Kinder. Dat ändert doch die Sach' gewaltig.«

Der Hausherr war zum Fenster gegangen und hatte es geöffnet. Von draußen scholl der frohe Lärm der Weinlese herein, aus allen Weingärten, von allen Bergen, trotz des geringen Lohns der Arbeit festtagsfreudig. Und nun hörte er – ganz deutlich – die Stimmen seiner vier. Ihr Jauchzen schwang sich sorgenlos und kinderselig durch die Lüfte ... Da atmete er tief, und seine Hand packte den grauen Bart.

»Herr Schmitz – hören Sie sie?«

»Die Burgunder? Man kennt die Hähn' am Krähen.«

»Und das Mädel – –!«

»Die hat en Schmeichelstimm' wie die Engel im Himmel.« Die beiden Männer standen sich gegenüber. Sie betrachteten sich lange, und sie gefielen sich mehr als bisher. Denn einer hatte im anderen den Mann erkannt, den Mann, mit dem es sich lohnte, ein Wort zu tauschen und ein Glas zu trinken.

»Herr Schmitz – Sie haben doch selber einen Sohn und haben ein Geschäft.«

»Mein Jung', der is selbständig. Der sitzt in Koblenz un kauft an der Mosel un an der Ahr. Ich hab' für mich dat rechtsrheinische Geschäft. Un et wächst, Gott sei Dank, noch immer Wein genug, dat mer sich über jeden anständigen Menschen, der unter die Weinproduzenten geht, freuen kann. Panscher sind genügend vorhanden, die uns allmitsammen den guten Ruf beschneiden. Dafür trink' ich selber viel zu gern en gut Glas. Na, dat sehen Sie mir wohl an.«

Ein Schmunzeln lief über sein gepolstertes Gesicht, und der Hausherr lachte in sich hinein.

»Sie müssen,« fuhr der starkleibige Mann fort, »auch nit glauben, dat ich dat so ganz umsons tu'. Ich bin hier über die Leut' durch dat viele Reisen en bißchen herausgewachsen, un nu sitz' ich bei die verdammte Kriegszeit wie die Katz im Loch un möcht' mich doch so gern un über so manches besprechen. Denn mir is, als käm' et noch viel schlimmer für unseren Rhein, un als müßten die rheinischen Männer Fühlung nehmen. Sehen Sie, Herr, dat is et. Die Frau is tot und der Jung' drüben für sich. Lassen Sie mich als zuweilen abends heraufkommen.«

Der Hausherr streckte ihm die Hand hin.

»Das hätten Sie auch gedurft ohne Ihre Hilfe. Kommen Sie, so oft Sie nur mögen.«

»Wir wollen jetzt mal zunächst dat Geschäftliche in Ordnung bringen. Die Keltergerätschaften stehen ja noch bei Ihnen im alten Kelterhaus. Die Herren Geistlichen haben sich dat früher nit nehmen lassen. Un heut, gegen Abend, gehen mr nach Bruchhausen 'rauf, da is die Lese soweit. Dann zeig' ich Ihnen an Ort und Stell', wie mr sich mit de Bauern darüber unterhält. Schicken Se mr nur vorher den Joseph. Der muß de Geldsack tragen.«

»Und – die Sicherheit, die ich zu leisten habe?«

»Die Sicherheit – dat is mr Ihre Freundschaft un – der Wein, den Se keltern.«

»Dann ist's gut. Und ich hoffe, der Wein wird Ihnen so danken wie meine Freundschaft.«

»Dat hoff' ich auch. Un nu grüßen Se mr Ihre vier Burgkinder un lassen Se sich et Mittagessen gut schmecken. Bis nachher denn.«

Elastisch wie ein Jüngling schritt der Hausherr durch den Garten zurück und zu seinem Weinberg. Da lasen Barbara und Joseph, der Hein, der Barthel, der Johannes und die kleine Sibylle in die Bütten und stürzten sie in die Bottiche. Und sie sangen sich die Neckverse zu, die sie von den Winzern und Winzerinnen in den Weinbergen ringsum aufgefangen hatten, und schrien vor Vergnügen.

»Junge müsse Wasser holle,
Mädche müsse schüere.
Schüere mer nit,
Da blänk et nit,
Da kütt och dinge Freier nit.«

Und die Jungen schrien es Sibylle zu, die mit einstimmte, und der Joseph sang es und die Barbara:

»Mädche, wann de freien wells,
Da frei am Pitter Jupp,
Dä hat ene linge Kiddel an
Un schlägt de Fiddelasupp.«

Und der Joseph ahmte mit Grunztönen das Musikinstrument nach, und die Kinder wollten sich ausschütten vor Lachen.

Wie das Bild dem Alten von der Burg wohltat. Seine Augen blitzten auf bei all dem jungen Leben um ihn her, und er spürte die eigene Jugend zurückkehren und durch das Blut rollen. ›Herrgott, fünfzig bin ich, fünfzig erst und heiß' der Alte.‹ Und er stieß, wie in seligen Knabenzeiten am Rhein, einen Juchzer aus, der von den Berglehnen widerhallte und nah und fern jauchzende Antwort weckte.

»Der Här, der Här!« rief der Joseph und riß staunend die Augen auf. »Ha' mer geerwt?«

»Rheinisch Blut haben wir geerbt und rheinischen Mut!«

»Mer muß Gott för alles danke,« meinte der Leichtbefriedigte und nahm seine Arbeit wieder auf.

Der Herr kam durch die Weinstöcke auf sie zu. Er prüfte mit den Fingerspitzen die Beeren wie ein alter Sachkenner. »Hör mal, Joseph, ich wollte dich etwas fragen. Kannst du nur Trauben lesen, oder kannst du auch Wein keltern?«

»Här, ich kann alles, wat verlangt werd.«

»Hä es sugar ene perfekte Schnieder,« warf die alte Barbara ein und beugte sich tiefer zwischen die Weinstöcke.

»Krieg du dich bei dinger eige Nas'. Wiever han lang Röck, äwwer kurze Verstand.«

»Maach mr kein gecke Männcher, Juseph. Et steit nit zu dinge schön Geseech'.«

»Wann mer de Fraunslück nit babbele läß', weer'n se vör der Zick al un gries,« schloß Joseph den Disput. »Also, Här, ich kann alles, wat verlangt werd. Da kann mer sich op verlosse we op en Evangelium.«

»Und wenn du es noch nicht kannst, so wird es eben gelernt. Heute abend geht's nach Bruchhausen, zum Traubeneinkauf. Bis jetzt haben wir geträumt. Morgen soll's mit Gott und unserer Freude an die Arbeit gehen.«

Es war ein seltsamer Zug, der sich in der Abenddämmerung den Höhenweg hinauf nach dem Dorf Bruchhausen bewegte. Vorauf marschierte Joseph, und hinter sich zog er den alten Stallesel, der am Leibgurt zwei kurze, pralle Säcke trug. In geringer Entfernung folgten der Eremit von Breitbach und der starke Weinhändler Adolf Schmitz, beide in Jägerjoppen und Schmierstiefeln. Nach einer Viertelstunde war das Plateau erreicht. Da lugte schon aus der Mulde heraus das freundliche Westerwalddörfchen.

»Mir wolle uns mal verpuste,« meinte der schwere Mann. »Dat soll nit aussehen, als ob mir uns wegen dere ihre Trauben extra so geeilt hätten. Beim Handel kommt alles auf kalt Blut an.« Und er wischte sich den Schweiß.

Sein Begleiter stand und blickte über die Felder. »Da hoppelt ein Has – und dort ...«

»Sind Sie Jäger, Herr? Oho, dat wär eine feine Überraschung.«

»Ich habe viel gejagt in meiner Jugend. Und später war mir das Weidwerk oft ein Trost.«

»Ja natürlich. Sie tragen doch dat grüne Kamisol nit aus Alfanzerei. Weidmannsheil, Herr. Dat is meine Jagd hier oben, vom Honnefer Graben bis auf die Erpeler Ley. Un eine ganz ausgezeichnete Jagd.«

»Sie sind ein glücklicher Mann, Herr Schmitz, Wein und Wildbret.«

»Dat Glück will ich gern mit Ihne teile. Die Jagd kostet bei dem Kriegslärm einen Pappenstiel. Die Gemeinden sind froh, wenn sich überhaupt en Pachter meldet. Treten Sie ein, un wir machen Halbpart.«

Mit leuchtenden Augen blickte der andere über das Revier. »Wie schön das ist, Wald und Feld und Stoppelacker. Und die Flinte unterm Arm hinter dem Hund her. Die Kraft der Glieder spüren und das scharfe Auge! Wie das auffrischt und Herz und Seele freimacht in der freien Natur. Herrgott! – – – Nein, ich schwärme. Es geht nicht.«

»Ihren Kindern könnte dat gar nix schaden, von Zeit zu Zeit en saftigen Braten. Dat fördert et Wachstum.«

»Den Kindern. Das glaub' ich auch. Aber – wir sprechen noch darüber. Wenn ich den ersten selbstgekelterten Wein verkauft habe.«

»Der is schon so gut wie verkauft. Dat lass` ich mir nit nehmen. Für die Konkurrenz schafft der Adolf Schmitz keinen neuen Winzer, so weit geht meine Gutmütigkeit nu doch nit. Also nächste Woch' gehen wir auf die Jagd. Dat bleibt dabei. Un nu wollen mer machen, dat wir nach Bruchhausen kommen.«

In den Häusern brannten schon die Öllampen, als sie durch die Dorfgasse zogen. Aber der weinkundige Mann kannte auch in der Dunkelheit seine Leute. Einmal trat er links an ein Haus, einmal rechts und pochte an die Läden. Dann hielt Joseph den Esel an und klopfte scheinheilig auf die kurzen, prallen Geldsäcke. Die Fenster taten sich auf, und eine Bauernstimme fragte nach dem Begehr.

»We es dat met de Druve, Pitter?«

»No, et wern zehn Legel sin.«

»Ich kann nit sage, dat ich sie nüdig hätt. Awwer us ale Freundschaft – der Herbst es nur zwei Driddel an Wert gegen et Vorjahr.«

»Ich han minge Druve ooch nit gestohle.«

»Dat 's mr egal. Schlecht Wedder muß mer met en der Kauf nemme. Juseph, maach ens der Geldsack op.«

Da schnürte Joseph den einen der Geldsäcke auf und liebkoste die Taler, daß sie leise zwischen den Fingern klingelten.

»Maach flöck, Pitter, ich han noch mieh zo don.«

Der Bauer räusperte sich. Er wußte, daß das Angebot des Mannes da galt und kein Feilschen möglich war. »Noch en Drinkgeld, Herr Schmitz.«

»Dann rechen us, wat du krigs.«

Der Bauer rechnete auf der Fensterbank und nannte die Summe.

»Stimmt. Juseph, zahl us.« Und während Joseph die Talerstücke dem Sack entnahm und auf der Fensterbank aneinanderreihte, sagte der Händler noch: »Die Druve brings du in et Kelterhus von de Obere Burg en Breitbach. Morgen in der Fröh. Gode Nacht.« Und der Zug setzte sich wieder in Bewegung bis zum nächsten Winzerhaus. »We es dat mit de Druve, Jan?«

Das dauerte, bis alle Sterne am Himmel standen und die Säcke geleert waren. In später Nacht langten sie in Rheinbreitbach an. In der Burg war nur die alte Barbara noch auf. Der Weinhändler verabschiedete sich kurz.

»Morgen früh komm' ich zum Keltern. Angenehme Ruh, Herr Nachbar. Gode Nacht, Juseph.«

Als der Hausherr durch das Schlafzimmer der Kinder schritt, war der Hein noch wach. »Vater, ich mußte dich noch einmal sehen.«

»Gib mir einen Kuß, Jung. Das war ein froher Tag. Nun kommt erst das wirkliche Leben.« –

Und es kam. Kaum graute der Tag, da fuhren schon die Bruchhäuser Bauern ihre Trauben vor das alte Kelterhaus der Burg. Und der Joseph grüßte mit lachendem Gesicht den Hausherrn und die Kinder, die heute alle heran mußten zum Helfen und Schaffen, und den schlafgeröteten Adolf Schmitz, der sich seit Jahren nicht so früh aus den Federn gemacht hatte, es wäre denn der Jagd wegen gewesen.

»Na, nu herein in die Bütten.«

Und die Kinder bekamen Säcke über die Kleider gebunden und sprangen jauchzend in die Trauben hinein, daß der Saft spritzte, und der Joseph half mit seinen schweren Stiefeln nach, bis dunkelrot die flüssige Masse quoll und in die Bottiche abgeschüttet werden konnte.

»Dat sieht nit besonders lecker aus,« meinte Adolf Schmitz, »aber all de Dreck gart aus dem Most heraus oder schlägt sich später als Hefe nieder. Laßt dat man erst so'n blitzblank Weinchen werden, un de feinste Dam' trinkt dadrin mit euch Brüderschaft.«

Und die Kinder sprangen und stampften und sangen dazu aus voller Kehle:

»Herr Bruder zur Rechten, Herr Schwager zur Linken,
Wir wollen einander ein Schmollis zutrinken!
Auf das Wohl der Allerschönsten, die da lebet auf Erden,
Von der ich einst wünsche geliebet zu werden.«

Und der Joseph ließ seine Wasserstiefel wie ungeheure Mostkolben arbeiten und sang dazu wie ein Wüterich immer den gleichen Vers:

»Bumsvallera, die Welt ist wunderschön –
Bumsvallera, die Welt ist schön!«

Da füllten sich die Bottiche schnell, und als der Mittag kam, schwamm der Most in den Kufen, und die Kinder saßen heiß und erregt von ihrer ersten Lebensarbeit um den Tisch bei der Barbara.

»Jetzt bringen wir ihn auf die Lagerfässer,« belehrte der Weinhändler, »da kann sich der Federweiße vier Wochen lang ausstürmen. Dann setzt sich die Hefe schön unten im Faß, und der Wein klärt sich. Im Februar stechen wir ihn von der Hefe auf frische Fässer ab un im April zum zweitenmal. Im Sommer is der Wein trinkbar. Länger Lagern wär besser, aber für Franzose und Kroate wollen mer doch nit gern dat Beste hergeben. Dat wär wahrhaftig nit patriotisch.«

Von dieser Stunde an konnte man die massige Gestalt fast täglich ins Tor der Burg einbiegen sehen. Und die Männer besprachen die Behandlung und Pflege des Weins und die Anlegung neuer Weinberge im Frühjahr. Oder sie stampften in ihren schweren Hüftstiefeln durch den Schnee, der bald schon niedersank und Weg und Steg verwischte, die Flinte auf dem Rücken, die Jagdtasche an der Seite und die kurze, qualmende Tabakpfeife im Mund. Und wenn sie heimkehrten, freute sich Frau Barbara und wetzte haarscharf das Messer, um den Hasen aus seinen sieben Häuten herauszuschälen. Die Kinder aber bettelten mit heißen Augen, man möchte sie das nächste Mal mitnehmen. Wie die Jagdhunde wollten sie das Wild apportieren. Un wie eine junge, ausgelassene Meute stürmten sie durch den Schnee und jagten die Hasen den Jägern zu und tummelten sich mit roten Backen und flockenbesätem Haar in der gesunden Kälte. Hell wie Falkenschreie drangen ihre Jagdrufe zu Tal.

»Dat sin die Burgkinder,« sagten die Leute im Dorf, horchten noch einmal und gingen ihrer Arbeit nach. –

Um diese Zeit, an den langen Adventsabenden, nahm der Hausherr den Unterricht auf. Der Barthel konnte schon Latein und Griechisch. Dafür plapperten der Hein und Johannes und Sibylle Französisch wie ihre Muttersprache. Zu lesen und zu schreiben vermochte aber selbst die kleine Sibylle.

Es war ein einfaches Programm, nach dem der Hausherr lehrte. Außer den Elementarfächern bestand es in der Hauptsache aus Geschichte und Erdkunde, Tier- und Pflanzenkunde, Deutsch und Zeichnen. Das Sprechen fremder Sprachen wurde auf den Spaziergängen betrieben. Die Grammatik sollte erst später folgen. Die Stunden aber, die die Arbeit des Tagewerks freiließ, gehörten der körperlichen Erziehung, die die Muskeln stählte und den Blick schärfte.

Draußen vor dem Burgtor lag die Welt verschneit. Die große Öllampe auf dem Speisetisch aber leuchtete einer anderen Welt. Da saßen die Kinder um den Tisch herum, die Schreibhefte vor sich, und zeichneten ein, was der Vater sagte. Oder sie saßen weit vorgebeugt mit halbgeöffneten Lippen, als müßten sie in sich hineinsaugen, was der Vater erzählte von fernen, fremden Ländern und ihren Sitten, von Griechen und Troern und dem Römerzug ins germanische Land, immer weiter den Rhein hinab, den Rhein, an dem sie selber aufwachsen durften; was er erzählte vom Gewittersturm der Völkerwanderung und dem Einzug des Christenglaubens die Rheinstraße entlang; von der Nibelungen Not; von der sehnsüchtigen Liebe aller deutschen Könige und Kaiser für den Rhein, der die Königswahlen an seinem Ufer sah, und vom alten Krönungsstuhl zu Aachen. Und der Rhein rollte dahin, die alte, gewaltige Kulturstraße der deutschen Nation seit den Tagen der Franken-, Sachsen- und Hohenstaufenkaiser, und die Kinder wähnten durch die Stille der Nacht sein geheimnisvolles Raunen zu vernehmen, Heldenlieder und Völkerlieder, und jeder Ton ein deutscher. So erzählte der Mann, den sie Vater nannten, und der die Liebe des Vaters in Vaterlandsliebe umzuwandeln trachtete. So erzählte er, während draußen die verschneiten Breiten lagen und alles Leben im Frost erstarrt schien. Und die jungen Seelen wußten nichts von Frost und Müdigkeit und nichts von der Einsamkeit der Burg. Die Welt tat sich auf mit ihren Jahrhunderten, und sie waren mitten darin, bald in diesem, bald in jenem Kleid, und stritten und siegten, liebten und litten, bald für einen Helden, bald für eine Frau. Und das Raunen des Rheins war die Harfe ...

Einsam-selige Abende. – – –

Und frische, erfrischende Tage!

Der Weihnachtsmann hatte Schlittschuhe beschert, und auf dem Wiesentümpel, der zwischen den Weiden versteckt am Rhein lag, übten die Kinder Schleifen und Bogen und ließen sich an der Handkette über die glitzernde Fläche sausen. Knie und Ellbogen wurden wund, aber Herz und Lunge gesund. Im kleinen Hof neben dem Burggarten hatte der Joseph Turngeräte gezimmert, und die kleine Sibylle mußte in eine Knabenhose hinein und turnte bald mit den anderen um die Wette. Der Vater stand dabei, ermunterte zum kühnen Wagnis und bändigte die Wildheit. »Wenn ihr bei mir, der euch liebhat, das Gehorchen lernt, braucht ihr es später nicht unter Fremden zu lernen.«

Und der Joseph schnitzte kleine hölzerne Degen, und der Vater ließ seine Schar täglich eine halbe Stunde antreten und das Handgelenk rollen, Hieb und Stoß austeilen und parieren. Dann streckte sich seine Gestalt, und die Augen leuchteten jugendlich unter den ergrauten Brauen, als wäre ein Menschenalter aus seinem Gedächtnis ausgestrichen, und er stünde selber in Wehr und Waffen auf grüner Heide, des Kampfsignals gewärtig.

Am schönsten aber war die Mittfastenzeit.

In der Burgkapelle befand sich ein altes Spinett, und es wurde hinaufgeschafft auf das Schlafzimmer der Knaben. Flinke Kinderhände rückten die Betten beiseite, und der Vater nahm Platz am Spinett. Der Joseph aber machte den Tanzmeister.

Dann standen die Kinder an die Wand gedrückt, und der Joseph kam in gravitätischem Stechschritt auf sie zu und engagierte sie nach der Reihe. Der rheinische Bursche war in seinem Fahrwasser, alle Kirmeßerinnerungen waren ihm in Herz und Beinen lebendig. Da half es nicht, ob der lange Barthel stolperte und der unruhige Johannes ausreißen wollte aus dem Takt, ob die Sibylle die Pas eigenwillig nahm und der Hein hüpfte, statt zu schleifen: der Joseph ließ sie nicht aus seinen derben Händen und erteilte Einzelunterricht, bis die Pulse flogen, und ein jedes, wie er meinte, »den ersten Anstand weghatte«. Zum eigentlichen Tanz aber mußte auch die alte Barbara herbei, denn es war empfindlicher Damenmangel. Und das alte kölnische Mädchen drehte sich auf den dickbestrumpften Beinen wie eine Bachstelze, hielt die Arme steif und die Finger gespreizt, und die Kinder lachten, bis sie nicht mehr konnten, wenn sie höfisch im Knicks untertauchte und sich verwundert umblickte.

Die kleine Sibylle aber wurde ganz feierlich, wenn sie tanzte. Sie warf den braunen Lockenkopf in den Nacken, faßte mit zarten Fingerspitzen ihr Kleid und streckte das schmale Füßchen. Die Musik floß in ihren Körper, und ein Wiegen und Biegen, ein Winken und Fliehen begann, und immer warfen die graziösen Hände das Kleiderröckchen zierlich wie einen Schleier nach rechts und links. Dann ruhten die anderen und sahen ihr zu, bis ihre Kinderaugen den Partner suchten und der Hein sich aufgeregt das lange, goldblonde Haar aus der Stirn strich und ihr gegenüber trat. »Mehr,« baten sie, »mehr,« wenn der Spieler am Spinett die Hände heben wollte, und sie schwebten über den alten Fußboden, als sei er ein gläsernes Parkett, und die Burg, die seit Jahrhunderten nur hohe geistliche Gäste gesehen hatte, hielt den Atem an vor so viel Menschenlieblichkeit. – –

Als das Frühjahr kam, schwiegen Spiel und Tanz. Was Hände hatte, mußte zum Schaffen heran. Die Rosen wurden aus der Erde hochgerichtet und der Garten gesäubert und gefegt zur Hochzeit mit dem Frühling. Im Gemüsegarten aber wurde geschaufelt und gehackt, Beete gezogen und besät, vom Morgen bis zum Abend. »Denn,« so belehrte Joseph die arbeitenden Kinder, »mr sin zwar arm, äwwer mer wolle gut läwe.«

Der Hausherr schritt unterdessen mit dem Freunde Schmitz neugekauftes Gelände ab. Hier sollten neue Weinberge erstehen, die die Zukunft der Kinder gewährleisteten. Als die Vorarbeiten im Gemüsegarten beendet waren, trat Joseph mit den drei Knaben an. Und der Vater griff zuerst zur Hacke. Ob auch der Schweiß den Nacken hinabfloß, ob auch die Handflächen brannten und der Rücken sich zog, die Jungen waren stolz, als arbeitende Männer betrachtet zu werden, und rückten den Älteren nicht von der Seite. Viele Ellen tief hieß es den Boden roden, bis die Urmutterkrume oben lag, die gebärungsfreudige. Dann wurde die Maßschnur abgewickelt, und die Reihen für die Setzlinge wurden gezogen, in genau bemessenem Abstand voneinander.

»Ha, dat is en Freud,« meinte der starke Weinhändler. »En Weinberg anlegen is wie ›ne Kapell‹ bauen. Denn richtig Weintrinken, dat is wie richtig Beten, und beides is en Gottesdienst.«

Nach heißen Mühen war die Arbeit vollbracht, und die Knaben begutachteten das Werk und gingen wie Erwachsene einher und nickten ernsthaft zu den Worten des weinkundigen Mannes.

»Jetzt lassen mr die ersten zwei Jahre wachsen, wat wachsen will, hacken ein paarmal und lassen kein Unkraut aufkommen. Im Herbst wird gedüngt und die Stöcke zugedeckt. Wann mr et drittemal im Frühjahr hier stehen, schneiden mr die Zweige bis auf ein Aug' zurück un binden de Stöck an de Pfähl. Un et Jahr drauf schneiden mr vor dem Safttrieb un beten zum Sankt Peter um gut Wetter. Aber kräftig. Denn dann erst – kommen de Trauben.«

»Solang' müssen wir warten?« riefen bestürzt die Kinder.

»Gut Ding will Weil' haben. Ihr wollt doch auch erst allerhand Jahr gut erzogen werden, bevor mer euch auf die Menschheit losläßt. Der liebe Herrgott macht aber kein' Unterschied zwischen Menschen un Weinstöck'. Da seht ihr mal widder, wat dat für en edel Ding is, der Wein.«

Im Juli lud der Hausherr den Freund zu einer Kellerprobe. Die beiden Männer waren allein. Andächtig senkten sie den Heber ein, andächtig füllten sie das Glas – und prüften.

»Alles wat Recht is,« sagte der Freund, »alles wat Recht is,« und er ließ eine neue Probe auf der Zunge spielen.

»Wirklich? Hat er Ihren Beifall?«

»Dat sind die besten Fuder, die im Letztjahr hier in der Gegend gekeltert sind.«

»Ist das – Ihr Ernst, Herr Schmitz?«

»Beim Wein hört der Spaß auf – oder er fängt nie an.«

»Also er ist – verkäuflich?«

»Dat Sie sich nit unterstehen, den zu verkaufen. Der gehört mein. Un wenn ich hundert Jahr drüber werden müßt, den leg' ich in den Keller un drink' ihn alleine.« Er dachte nach, und dann nannte er einen Preis.

»Das wäre ja – das Dreifache von dem, was Sie mir vorgestreckt haben?«

»Sie müssen wirklich einen netten Begriff von uns Weinhändlern haben, dat Sie sich darüber so wundern. Ich bitt' mir aus, dat ich für einen ehrlichen Mann gehalten werd', und dat ich wat vom Geschäft versteh'. Der Wein hier is nit nur ene gute Traube, er is auch prima behandelt, un dafür hat nit jeder ene glückliche Hand. Geben Se mir noch en Glas.«

Sie stießen an, und der starkleibige Mann ertrug ruhig den Blick des Graubärtigen.

»Nun lobe ich Gott im Wein,« sagte der lächelnd, sann in die Ferne und trank.

»En echter Wein is dem Herrgott lieber als en falsch Paternoster. Un et wär wahrhaftig besser um de Welt, wenn et mehr gute Winzer gab' als schlechte Pfaffe.«

Ihre Freundschaft war fester als je, als sie den Keller verließen und ihrem Tagwerk nachgingen. –

In der Nacht vor dem letzten Augusttag weckte der Eremit von Breitbach die Kinder aus dem Schlummer. Sie fuhren empor und horchten entsetzte »Ist das ein Gewitter, Vater?«

»Schnell. Zieht euch an. Das ist eine Kanonade. Wir wollen auf den Turm hinauf.«

Droben fanden sie schon Joseph und die alte Barbara vor. Aber der Morgen dämmerte kaum, und es war nichts zu sehen.

»Es ist in der Gegend von Andernach,« sagte der Herr. »Die Franzosen wollen den Übergang erzwingen oder setzen ein Scheinmanöver in Szene, um an einem anderen Punkt ungehindert überzugehen. Morgen werden wir es wissen.«

Sie standen bis zum Morgen und hörten die Kanonenschläge die Luft erschüttern. Ununterbrochen schallten die dumpfen Schläge durch das Rheintal und riefen die Regimenter, die auf beiden Seiten in Marschkolonnen die Straßen füllten.

»Es wird Ernst, Kinder. Die Franzosen kommen auch zu uns. Bleibt gut deutsch allewege.« In den nächsten Tagen folgten sich die Alarmnachrichten auf dem Fuße. Die Franzosen waren bei Andernach über den Rhein gegangen. In fliegender Hast räumten die Österreicher ihre Stellungen und zogen den letzten Mann aus Unkel heraus. Vom Turm der Burg aus sah man sie marschieren. Und plötzlich schienen Unkel und alle Dörfer ringsumher ein Flammenmeer. Weithin schlugen die roten Scheine über den Rhein.

An keinem Ort des Rheintals dachte die Bevölkerung bei diesen Wetterschlägen an ihr Tagewerk. Jede Stunde konnte die Kriegsscharen – ob Freund, ob Feind – in ihre Gemarkungen führen, und an den Hufen der Pferde, den Rädern der Kanonen und der Beutelust frech heischender Fußtruppen wäre alle Arbeit verloren gewesen. So trieben sich Männer, Weiber und Kinder allenthalben auf den Höhen umher und spähten aus, horchten auf die Richtung des Geschützdonners und unterhielten sich in endlosen Schwadronaden über die beste Regierung und den besten Herrn.

Auch die Burgkinder schwärmten aus, und jedesmal steckten sie ihr Ziel weiter.

Einmal waren sie dem Kanonendonner nachgelaufen, bogen vom Weg ab und gerieten durch den Wald auf die Erpeler Ley. Ganz still war es auf dem mächtigen Plateau. In majestätischer Ruhe reckte sich der Riese über den Rhein mit steilem Felsenleib, ein Zeuge jahrtausendalter Geschichte.

Behutsam krochen die Kinder bis an den Rand des jähen Absturzes und lagerten sich im Gras, träumend die Aussicht genießend. Von den Andernacher Höhen schweifte der Blick über das bergige Meer der Eifel weiter und weiter bis zum Rolandsbogen, über den Rhein zum Drachenfels, und zurückschweifend verlor er sich fernhin im Grün des Westerwaldes. Drunten aber in schwindelnder Tiefe zog der Rheinstrom seine Bahn und grüßte geheimnisvoll unzählige Städte und Dörfer, die sich an seine Ufer schmiegten. Wie eine einsame Königin lag Remagen.

»Schön – –,« seufzten die Kinder.

Und nach einer Weile setzte Hein tiefaufatmend hinzu: »Für uns, nicht für die Mörder.«

»Es sind nicht alles Mörder,« widersprach Johannes. »Es sind Freiheitshelden, die sich die Welt erobern.«

»Halt den Mund,« gebot Barthel, »wir haben sie nicht gerufen.«

»Weil ihr Schlafmützen seid!«

»Dummer Junge. Treib dich nicht so viel auf der Landstraße herum.«

»Es ist aber jetzt schön auf der Landstraße,« nahm Sibylle des Bruders Partei. »Ich habe eine Menge französischer Offiziere gesehen auf silbergeschirrten Pferden, und sie sahen aus wie Grafen.«

»Diese Stallknechte,« stieß Hein hervor. »Alles gestohlen.«

»Weshalb lauft ihr denn vor ihnen davon?« rief das Mädchen schnippisch.

»Ich wäre nicht vor ihnen davongelaufen, Sibylle. Aber wart, es kommt auch mal wieder anders.«

»Bis dahin können wir tot sein,« sagte die Kleine altklug. »Warum sollen wir deshalb die Franzosen heute nicht hübsch finden?«

Der Knabe ballte die Fäuste. »Weil ich es nicht will. Sprich nicht mehr davon.«

»Wenn du französisch würdest,« fuhr das Mädchen unbekümmert fort, »wärst du doch ein Graf, und dann könntest du mich heiraten.«

Da lachte ihr Bruder Johannes ein überlegenes Knabenlachen. »Dummes Ding. Die Grafen und die Pfaffen hat man doch abgeschafft, weil sie beide nichtsnutzig waren.«

Der Hein sprang auf die Füße. Sein Gesicht lief rot an und seine Fäuste hoben sich. Dann schloß er die Augen und ließ die Fäuste sinken.

»Was geht uns das an,« murmelte er. »Wir gehören zum Vater auf die Burg. Sonst – –«

Und er wandte sich um. Sein Blick hatte die strahlenden Augen Sibylles getroffen. Und ohne ein Wort zu sprechen, setzte er sich an die Spitze der Kinder und stürmte heim.

Wenn du ein Graf wärst, würdest du sie heiraten können, tobte es in seinem Knabenhirn. Also, nie – nie – nie ...

Im Oktober wogten die französischen Truppenmassen zurück. Der österreichische Feldherr trieb sie noch einmal über den Rhein bei Neuwied und Bonn. Nur das rechtsrheinische Land nördlich der Sieg hielt sein Gegner in zähen Händen.

*

 

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