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Die Burgkinder

Rudolf Herzog: Die Burgkinder - Kapitel 6
Quellenangabe
authorRudolf Herzog
titleDie Burgkinder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun256.-275. Tausend
year1923
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190711
projectid20aedb08
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IV

In der gewölbten Kapelle, die sich an das Burghaus anschloß, stand der Sarg vor dem Altar. Die Totenfrau aus dem Dorf hatte ihr Amt verrichtet und war still von dannen gegangen. Die Flämmchen der Wachsstöcke leuchteten rot im Tageslicht, das sich durch das Zweigegewirr vor den Fenstern gedämpft nur hereinzustehlen vermochte und über die gemalte Decke des Gewölbes huschte.

Zwischen den herbstlichen Beeten des Gartens, die den bunten Flor der Astern trugen, wandelte der Eremit von Breitbach mit dem schneeweißen Dorfpastor auf und nieder. Er hatte seine Erzählung von den Schicksalen der Frau und ihren Kindern beendet, und der alte Pastor hatte in respektvollem Schweigen zugehört.

»Ich bin von meinen Obern angewiesen worden,« sagte er jetzt, »Sie in der selbstgewählten Lebensweise nicht zu stören, auch alle anderen fremden Störungen nach Kräften zu hindern und Sie zu stützen, sollten Sie einer Stütze bedürfen. Aber Sie sind stärker als ich, und Ihre Resignation von Amt und Würden – so hohen Würden – möge Ihnen immerdar zum Segen ausschlagen. Ich danke Ihnen für den menschlichen und geistlichen Beistand, den Sie der armen Frau in letzter Stunde leisteten, und für den Beistand, den Sie den Hinterbliebenen noch zu leisten gedenken.«

»Ich werde sie an Kindes Statt annehmen, wie auch meinen Hein.«

»So hätten Sie denn über Nacht eine Familie gewonnen und ein neues, sorgenreiches Amt.«

»Ich will es zu einem freudenreichen gestalten. Die Familie soll meine Gemeinde sein.«

Er reichte dem weißhaarigen Dorfpastor die Hand. »Bleiben Sie uns allen ein wohlwollender Freund, auch wenn wir uns nur zuzeiten sehen. Sie kennen mein Leben und meine Seele, und Ihre Güte hat Ihnen den Reichtum des Verstehens geschenkt.«

Der schlichte Geistliche nahm die Hand mit einer Verneigung. »Wir sind Brüder,« erwiderte er. »Und heute, da Sie eine reiche Gegenwart und eine noch reichere Zukunft ausschlugen, um in die Einsamkeit zu gehen, fühle ich, daß ich Sie noch mehr als Bruder ehre und liebe. Der Segen Gottes sei mit Ihnen und Ihrem Tun und Lassen.«

Dann wandelten sie weiter und sprachen von der Schwere der Zeiten und der Sturmwolke, die über den Rhein heraufzöge, und den Freiheitsmännern, die nicht einmal vor der Freiheit des Gewissens haltmachten.

Am Tor schieden sie mit einem Händedruck.

»Ich werde die Beerdigung morgen früh acht Uhr vornehmen,« sagte der Pastor, lüftete ehrerbietig seinen Hut und ging, vom Alter bedrückt und von den Sorgen der Zeit, langsam die Dorfgasse hinab.

Das Tor fiel ins Schloß. Abgeschieden lag die kleine Welt des Burghauses, und die Dörfler gingen leise vorüber. Denn vor dem Tore ragte das hohe Kirchenkreuz, das der nächste Nachbar vor der Pforte aufgepflanzt hatte, zum Zeichen, daß hier ein Toter den letzten Schlummer schlafe und der Beerdigung harre. – –

Um sieben Uhr früh standen die Kinder und hielten die Kränzlein, die sie im Burggarten gewunden hatten. Auf ihren jungen Seelen lastete die Feierlichkeit der Stunde schwer. Wenn sie miteinander sprachen, taten sie es im scheuen Flüsterton und wagten nicht, sich in die ängstlichen Augen zu blicken.

Dann kam Joseph und trug ein Paar Holzböcke vor das Tor hinaus und stellte sie auf das Plätzchen an der Gasse. Stumm ging er wieder ins Haus, und nun kehrte er wieder mit dem Herrn zurück, und beide trugen sie den leichten Sarg ins Freie hinaus und hoben ihn aus das Gestell. Der Herr aber winkte den Kindern.

»Nun legt alles, was ihr an Blumen und an Liebe habt, hier hinauf.«

»Nicht weinen,« sagte der lange Barthel zu seinen Geschwistern und trat mit ihnen und Hein, der sich eng zu ihnen hielt, an den Sarg. Und sie hingen die grüne Girlande, die sie aus den Zweigen des Lebensbaumes gewunden hatten, rings um den Sarg und deckten ihn mit ihren Kränzen aus bunten Herbstastern zu, daß das Bett der Mutter ein freundlich Bild gewähre. Aus den Häusern aber kamen die Dorfnachbarn und stellten sich schweigend gegenüber an den Zaun.

Die Glocken erklangen.

Die Dorfgasse herauf kam im Ornat der Geistliche geschritten, im Ornat folgte der Küster und die kleinen Meßdiener. Entblößten Hauptes schaute ihnen die Gemeinde entgegen. Und der Geistliche schritt auf den Sarg zu, entblößte sein weißes Haupt und segnete die Leiche. Tiefernst zitterten die Töne seiner brüchigen Stimme durch die Luft.

Ganz in sich und die heilige Handlung versunken, wandte er sich und schritt, von Küster und Meßjungen gefolgt, die Gasse hinab der Kirche zu, vor der sich der Dorffriedhof breitete. Vier Männer trugen den Sarg. Keiner hatte die Frau gekannt, und sie erfüllten nur ihre Nachbarnpflicht. Der Herr aus der Burg schritt mit den Kindern hinter dem Sarg. Joseph, der sich mit den Männern und Frauen des Dorfes anschloß, hatte den Kindern brennende Wachsstöcke in die Hand gedrückt.

Und die Glockenschläge schwebten vom Turm hinab über den Friedhof hinweg ...

Der Sarg wurde hinabgelassen, und der Priester senkte das Kirchenkreuz und segnete das Grab in Kreuzesform, er nahm vom Meßdiener das Weihwasser entgegen und weihte das Grab, und er nahm den Weihrauchkessel entgegen und heiligte es. Feierlich hob die alte, zitternde Stimme das Libera an. Die Weihrauchwolken strichen über die Versammlung.

Da trat Barthel aus der Reihe heraus. Weitaufgerissen waren seine Augen, und er schwankte auf den Füßen. Seine Hände suchten in der Luft. Er taumelte gegen die Kirchenmauer, krampfte sich mit den Händen ein und schluchzte wie ein Verzweifelter gegen die Steine. Kein Wort kam. Nur dies fassungslose Weinen.

Die Kinder blickten scheu zu ihm hin, und die Tränen kamen auch ihnen.

Der Priester sprach die drei Vaterunser. Das erste für die Verstorbene, das zweite für die stillen Schläfer auf dem Friedhof, und das dritte für den, den sie nunmehr zuerst wieder hier betten würden. Und er nahm die Erde, und er warf sie ins Grab hinab im Namen Gottes, des Sohnes und des Heiligen Geistes. » Requiescat in pace.«

Willenlos ließ sich Barthel an die Gruft führen. Er warf die Erde hinab und sah nichts mehr. Und schluchzend taten die Kinder wie er, und der Herr und Joseph und die Nachbarn. Es war der Augenblick, in dem sich die Herzen der Lebenden zusammenzogen vor dem Blick ins Totenreich.

Und sie trotteten hinter dem greisen Führer her ins kleine Kirchlein zum feierlichen Requiem.

###

Die Kinder spielten im Burggarten. Aber die rechte Spielfreude wagte sich noch nicht heraus. So suchten sie sich denn bald eine Bank unter einer hohen Kastanie, die ihr braungefärbtes Herbstlaub bis tief auf den Boden niederhängen ließ, und saßen in dem Versteck dicht aneinandergedrängt.

»Was wohl Mutter jetzt tut?« flüsterte die kleine Sibylle, und ihre braunen Äuglein huschten im Kreis.

»Sie denkt an uns,« sagte Barthel und blickte geradeaus.

»Mutter ist tot,« belehrte Johannes. »Dann denkt man gar nichts mehr.«

Und Barthel antwortete ruhig verweisend: »Du kannst gar nichts tun, was Mutter nicht sieht. Und wenn du hundert Jahre alt wirst. Mutteraugen sehen im Tod noch schärfer als du im Leben.«

»Wieso?«

Barthel besann sich eine Weile. »Weil es der liebe Gott so eingerichtet hat,« sagte er endlich, »und weil es ein Jenseits gibt und – und – gewiß einen besonderen Himmel für die Mütter.«

»Erzähl mal,« bettelte die kleine Sibylle.

»Da ist nichts zu erzählen. Mütter stehen doch am meisten aus im Leben. Schon wenn sie uns auf die Welt bringen.«

Da herrschte ein atemloses Schweigen unter dem Kastanienbaum ...

»Sagt mal,« flüsterte die kleine Sibylle, der das Schweigen zu lange dauerte, »tut Auf-die-Welt-Kommen mehr weh oder Sterben?«

»Sterben,« stieß Johannes hervor und erschauerte in den Schultern. »Ich möcht's nicht.«

»Wer ein gutes Gewissen hat,« sagte Barthel, »der braucht sich nicht zu fürchten. Habt nur immer eins.«

»Nein,« klagte die kleine Sibylle. »Sterben tut auch dann weh. Mutter hat's sicher doch weh getan. Ich hab's gesehen.«

Der große Barthel nahm die aufgeregten Kinderhände. »Billa, das verstehst du noch nicht. Mutter hat das Sterben weh getan, weil sie uns so allein lassen mußte.«

Da sagte der Hein plötzlich knabenernst: »Meine Mutter ist nicht gestorben – man hat sie gemordet. Und meinen Vater auch.«

Die Kinder fuhren auf. Entgeistert staunten sie auf ihren Freund, der sich das goldblonde Haar aus der Stirn strich und in stillem Zorn aus seinen blauen Augen schaute.

»Was – was sagst du da, Hein –? Träumst du?«

»Ich träume nicht. Und da seht ihr, daß ihr es besser habt als ich.«

»Deine Mutter – ist ermordet worden? – Und dein Vater – auch? Von wem denn nur?«

»Von den gleichen Menschen, vor denen ihr aus Bonn hierher geflüchtet seid.« Er hob den Kopf, und seine Augen blitzten. »Wir wollen gegen sie zusammenhalten. Was meint ihr?«

Der große Barthel gab ihm die Hand. »Du kannst dich auf mich verlassen, Hein.«

»Und ihr?« fragte der Junge die anderen.

Die kleine Sibylle sah gespannt auf ihren Bruder Johannes. Der zog die Schultern hoch und meinte verächtlich: »Es waren doch fast nur Adlige, die sie drüben geköpft haben. Das hab' ich doch in der Schule gehört. Und der Lehrer meinte – –«

»Euer Lehrer ist ein Esel!«

»Unser Lehrer –«

»Sprich keinen Ton mehr. Ich kann's nicht anhören! War euer Lehrer dabei oder ich? Fragt doch den Joseph, der bei uns in Straßburg Gärtner war und mich im Keller versteckt hielt, als sie mich auch suchten.« Und er schüttelte die Hände in der Luft.

Die Kinder wagten nicht zu sprechen. Sie starrten auf den jungen Freund, der so viel erlebt hatte, wie auf ein Wunder, und all ihr eigener Schmerz war vergessen. Dann fragte Johannes vorsichtig: »Wart ihr denn so reich in Straßburg?«

Und der Hein, der sich wieder beruhigt hatte, antwortete: »Mein Vater war ein Marquis.«

»Marquis?« echote die kleine Sibylle. »Was ist das eigentlich?«

»Das ist ein französischer Graf und mehr noch.«

»Bist du auch ein Graf?« forschte die Kleine weiter und trat näher an den Freund heran.

Der Hein wurde verlegen. »Ich bin's nicht mehr. Der Oheim will's nicht haben. Weil meine Mutter vom deutschen Rhein war.«

»Das ist doch gar kein Grund,« meinte Johannes.

»Der Oheim sagt, jeder Mensch müsse sich seinen Adel selber erwerben. Das Glück liege nur in uns selbst.«

»In der Freiheit,« begeisterte sich Johannes und kannte nur das Wort und nicht seinen Sinn.

Da wandte sich Barthel gegen ihn. »Was weißt du denn von Freiheit? Du meinst wohl, dann würden die Schulen abgeschafft?«

»Gott, du bist ja viel zu langweilig, um das zu verstehen.«

Barthel errötete. »Es ist ja möglich, daß ich schwerfälliger bin als du. Aber die Freiheit hat uns die Eltern gekostet und den Hein die Eltern gekostet. Deshalb wollen wir lieber gar nicht mehr davon reden.«

»Du nimmst auch alles gleich so genau,« schmollte Johannes. »So arg meint' ich es doch auch nicht.«

Da stand der graubärtige Hausherr vor ihnen, und die Kinder verstummten.

»Ihr habt mich gar nicht kommen hören, so eifrig wart ihr,« sagte er freundlich. »Und so hab' ich denn manches mitangehört.« Er setzte sich auf die Bank und zog die Kinder heran. »Wie schön der Abend ist ... Und wie schön die Heimat ist ... Kinder, Kinder, macht euch zuerst die Heimat zu eigen, werdet zuerst Heimatsöhne, und dann erst blickt weiter. Dann steht ihr auch in der Fremde euern deutschen Mann. Und das tut not. Es laufen allzuviel herum, die ihren ungegorenen Freiheitsdrang und ihre Abenteuerbegierde über ihr Deutschtum stellen und doch nichts tun, als den Fremden die Schuhe putzen und den deutschen Namen verächtlich machen. Kinder, werdet Heimatsöhne, und ihr werdet stark sein.«

Er legte den Arm um Hein.

»Auch du. Du bist es deiner Mutter schuldig, die die rheinische Heimat und alles, was dazu gehörte, mehr liebte als ihr Leben. Mehr – viel mehr. Glaube, ohne zu sehen, mein Junge. Deine Mutter spricht aus mir.«

Er küßte den Knaben auf die Stirn und erhob sich.

»Wir wollen jetzt zu unserem Grabe gehen und die Kränze auf dem Hügel ordnen, bevor es zu dunkel wird. In den nächsten Tagen pflanzen wir Rosen darauf, die im Frühjahr blühen. Kommt, Kinder.«

Die kleine Sibylle schmiegte ihr Händchen in Heins Hand. Der neue Freund hatte einen märchenhaften Schein in ihren Mädchenaugen bekommen. Wie ein verkleideter Prinz schien er ihr. Und sie gingen aus dem Burgtor hinaus, das, vom herbstroten Wein umrankt, in der Abendsonne leuchtete, die Dorfgasse hinab zum Kirchhof. Dort ordneten und schmückten sie in heißem Eifer den braunen Erdhügel.

Ein hohes Kreuz aus Eisenblech stand alter Sitte gemäß vor dem Grab in den Boden eingerammt.

»Es steht immer vor dem letzt geschaufelten Grabe,« sagte der graubärtige Mann und wies auf die Inschrift. Da lasen die Kinder in ungefügen Buchstaben: »Heute mir – morgen dir.«

»Seht ihr, es ist gar nichts Grauenhaftes um den Tod. Weil er keine Ausnahme kennt. Und deshalb wollen wir nun frischen und frohen Mutes ins Leben zurückschreiten. Heute mir – morgen dir. Solange aber für mich das ›morgen‹ noch nicht gekommen ist, sollt ihr mich Vater nennen. Nicht nur der Hein. Ihr alle vier. Die Mütter im Himmel hören es.«

Da drängten sich die Kinder wie eine verlaufene Herde um den Schäfer, der sie heimgeleitete. Und das Burgtor, vom herbstgefärbten wilden Wein umrankt, stand in der Abendsonne wie eine leuchtende Pforte.

»Hier wohnt der Friede,« sagte der Vater. »Hier werdet ihr ihn immer finden. Geht hinein.«

Und seltsam ergriffen gingen die Kinder hinein und taten in ihren jungen Herzen stille Gelöbnisse. – –

In später Abendstunde trat der Vater noch einmal an die Betten der Schlafenden. Jedem der Knaben strich er in der Dunkelheit leise über das Haar. Über Hein beugte er sich hinab, suchte sein Gesicht und küßte den Jungen. »Ich darf jetzt tagsüber keine Ausnahmen mehr machen,« murmelte er. Und er verließ das Zimmer, um sich in das Stübchen des Mädchens zu begeben. Die Kleine warf sich herum und träumte. Sie nannte im Traum Heins Namen und plauderte mit dem Freund. Das ergriff den Horchenden wunderlich. Und es war ihm, als würde das Mitleid mit dem verlassenen Kinde heute schon zur Liebe. Denn sie hatte am nächsten sein Vaterherz berührt ...

»Joseph,« rief er drunten den Hausbesorger. »Joseph, wir müssen die Vorräte mustern. Die Familie will leben.«

»En Glöck, dat der Kappes got gerohde is, Här. On et Schwein em Stall. Dat werd dran gläuwe müsse.«

»Schön, um die Küche sorg' ich vorläufig nicht. Ich weiß, du kannst hexen, wenn's drauf ankommt. Aber die Kleider. Hast du gesehen, was die Kinder anhaben? Das ist ihr bester Anzug und muß geschont werden. Wir müssen Werktagsanzüge beschaffen, und die kosten viel Geld.«

Der Joseph kraute sich hinterm Ohr. »Nut lehrt bedde,« meinte er nachdenklich. »Da könnt se wal ooch ens us ene Gärtner ene Schnieder maache.«

»Traust du dich?«

»Wann et wenniger op Schönheit ankütt, trau' ich mech allemol.«

Die beiden Männer saßen am Tisch und überlegten. Dann meinte der Herr: »Versuchen könnten wir ja. Geht's nicht, so rufen wir den Dorfschneider.« Er blickte auf und sah dem Joseph in die Augen. »Du weißt, daß ich keine Geheimnisse vor dir besitze. Also: was ich hierher geschafft habe, ist wenig. Und an die Mildtätigkeit meiner Familie will ich mich nicht wenden, weil ich für sie verschollen sein will. Heins wegen und –«

»Ich brauch' kein' Gründ'!«

»Da müssen wir also sehr sparsam vorgehen. Für später habe ich schon meine Pläne. Arbeitspläne, Joseph.«

»Do sin ich nit bang vor, Här,« lachte der Mann. »Mir zwei beide!«

»Weiß ich. Und morgen marschierst du nach Linz. Du mußt den Weg über die Erpeler Ley nehmen, damit du von den Österreichern unbehelligt bleibst. Der Krieg ernährt den Krieg bei Freund und Feind. Laß dich mit dem Tuch nicht kapern.«

»Nur nit ängslich! Wer mich kreegen well, muß noch der Anfang maache.«

In der nächsten Nacht kehrte der Joseph von der Wanderung heim. Er hatte das Tuch und hatte weidlich darum gehandelt. Vor den Österreichern war er hoch oben auf den Rheinhöhen sicher gewesen. Und geheimnisvoll setzte am anderen Tage sein Schaffen ein.

Einzeln wurden die Kinder zu ihm in die Küchenstube gerufen, mußten ihren Anzug ablegen und fein geduldig warten, bis er danach den Schnitt genommen hatte. Das war saure Arbeit, und die weiße Schneiderkreide zerbrach ihm fast stündlich in den schweren Händen. Aber die Kinder harrten gern bei ihm aus, denn ununterbrochen wußte er Schnurren zu berichten, und selbst seine Verwünschungen klangen wie lustige Weisheit. Sorgsam führte er die Schere durch den Stoff, und ob er auch vom frühen Morgen bis zum späten Abend tätig war, mehr als einen Anzug schnitt er in zwei Tagen nicht zurecht. Nähen wollte er sie nachher in Bausch und Bogen. Die Finger sollten noch gelenkiger werden.

Aber sie wurden nicht gelenkiger. Und vor dem Kleid der kleinen, feingliedrigen Sibylle packte ihn das Grauen.

»We sech die Engelche draage, dat han ich nit gewooß',« gestand er seinem Herrn, »do muß ene Frau eran.«

Eine Frau. Das Wort war ausgesprochen. Und der Hausherr trug es mit sich herum.

Nein, aus dem Dorf sollte es keine sein. Man würde sie aushorchen und mehr noch als bisher Legenden über ihn und das Wesen im Burghaus erzählen. Auch würde ihm der Lohn zuviel werden. Gedankenvoll schritt er durch den Garten, und bei jedem Rundgang wurde es ihm klarer, daß er zu einem Entschluß kommen müsse, daß die Wartung der kleinen Sibylle auf die Dauer nicht allein in Männerhänden liegen könne. Durch das Küchenfenster sah er Josephs bekümmertes Gesicht. Da lachte er aus tiefer Brust über den verunglückten Schneider, und beim Lachen kam ihm ein Einfall.

»Joseph, komm einmal heraus.«

Der Mann kam und blickte schamhaft blinzelnd nach seinem Herrn.

»Wird es sehr schwer sein, nach Köln hineinzukommen und wieder heraus.«

»För ene jungk Mädche secher. Äwwer dat sin ich och jo längs nit mieh!«

»Du könntest von Königswinter bis Deutz die Post benutzen. Ich höre, daß jede Woche wieder ein Wagen fahren soll. Wie wäre es, Joseph, wenn du deine Mutter herholtest?«

Der Mann fuhr mit dem Kopf in die Höhe. Hinter seiner Stirn kreiste es, schneller und immer schneller, und sein Gesicht färbte sich dunkelrot.

»Här,« stieß er hervor, und die Freude verschlug ihm aufs neue den Atem. Und dann schrie er aus Leibeskräften: »Här – Här!!«

»Was heißt das? Gefällt dir der Plan, oder gefällt er dir nicht?«

»Och Här,« stammelte der Mann, »och Här – je dommer der Minsch, je grööter et Glöck.«

»Es scheint dir also Spaß zu machen. Dann bestell das Haus und marschier ab. Ich werde inzwischen deiner Mutter ein Zimmer herrichten.« –

Acht Tage blieb der Joseph verschwunden. Aber der Herr kannte seinen Mann und sorgte sich nicht. Jeden Abend, bevor es dunkelte, stieg er mit den Kindern auf den Turm und ließ sie durch das Fernrohr blicken und erklärte ihnen, wonach sie fragten. Und die Kette des Siebengebirges zog sie am meisten an.

»Erzähle mehr, Vater.«

»Ich habe viele Länder der Erde gesehen. Keins so schön wie unser rheinisches Land. Und am ganzen Rhein fand ich nichts, diesem Flecken Erde vor uns zu vergleichen. Ob ich draußen in der Welt mächtige Gebirge sah mit ewigem Schnee auf den Häuptern und Eisgletschern in den Flanken, ob ich phantastisch geformte Gipfel und unendliche Ketten erschaute – nichts, nichts so ergreifend wie dieser stille Zug der sieben Berge. Wie viele Märchen und Sagen hat das Volk hineingebannt, von Schneewittchen bei den sieben Zwergen, von Siegfried, der den Drachen erschlug, vom Helden Dietrich von Bern, der den Riesen tötete, von wilden Jägern, Schatzjungfrauen, glühenden Männern und Heinzelmännchen. Dort oben, auf steil zum Rhein abstürzender Klippe, seht ihr die Ruine Drachenfels ragen. Malt euch das Bild aus: Gipfel bei Gipfel mit einer Burg gekrönt. Die Wolkenburg, die Rosenau, die Löwenburg. Denkt sie euch gegen den Abendhimmel stehen, von der Abendsonne glühend umschmeichelt. Die Stürme der Kriege haben sie hinweggefegt von den Bergen, nicht aus unserer Phantasie.«

»Dort vor uns im Dorf liegt ein großes Burghaus Wem gehört es?«

»Das ist die Burg der Freiherren von Breitbach, von denen unser Dorf den Namen hat. Einst, vor langen Jahren, war die Burg, auf der wir stehen, mit der anderen dort vereinigt.«

Und die Kinder blickten hinüber und winkten mit den Tüchern, als grüßten sie ihre ritterbürtigen Brüder und Schwestern.

Und dann sahen sie in der Ferne auch ein Tuch im Winde flattern – –

»Der Joseph!« schrien sie und stürmten jauchzend Stiege und Treppe hinab.

Der Joseph kam die Dorfgasse herauf. Am Arm führte er sorglich eine Frau von seltenem Körperumfang, die vergnügt drauflos marschierte. Sein Gesicht leuchtete vor Wiedersehensfreude.

»Kinder, Kinder, mr sin da! Wo es der Här? Dat 's ming Moder, Här.«

Er fuhr sich mit seinem roten Sacktuch tiefatmend über Kopf und Nacken.

Der Hausherr bot der Frau die Hand. »Seien Sie uns allenherzlich willkommen als Mutter unseres braven Joseph.«

Die Frau schüttelte kräftig die dargebotene Hand. »Et is ene Nixnotz, et is ene Nixnotz – on nu well ich mich zuers ens usdonn.«

Der Hausherr blickte lächelnd auf die Korpulenz, und Joseph fing schmunzelnd den Blick auf.

»Der Düwel es nit esu schwarz, we mer 'n mohlt, on ming Moder doch nit esu dick, we se ussüht. Don dich ens us, Moder, on et kütt en ganz schlank Mädche zum Vörsching.«

So hielten Mutter und Sohn ihren Einzug. Und die Freude zog mit ihnen ein.

Als der Joseph die sechzigjährige Frau auf ihr Zimmer geführt hatte, kehrte er zurück und meldete sich bei seinem Herrn. Mit einem Arm hielt er den Hein, mit dem anderen die kleine Sibylle umschlungen.

»Wat han ich en Freud, dat ich wedder zo Hus sin. Ich woren ganz krank vor Heimwieh.«

»Du hast wohl eine schwere Reise gehabt, Joseph?«

»Met ming dicke Moder? Och, Här, dat wor öwerall zom Dutlache. Die Postkutsch' wor usgefüllt. Sibbe Rock' hat se, gläuw' ich, übberenand, on wat sons dat nutwendigste es: dubbelt on dreifach. Mer sin doch ohne Paß us dem Dohr erus, do wöre ne Reisetäsch schlääch am Platz gewese. Also alles an et Liew gezoge, bis mer knubbeldick woren, on dann fein spazieregegange on en der Dusterheit me'm Nache öwer et Wasser on en de Postkutsch'. Alles ohn' Hexerei.«

»Wie steht es sonst in Köln?«

Und der Joseph berichtete von den jämmerlichen Zuständen der Stadt, die durch die Requisitionen der Franzosen noch jammervoller geworden seien; von der Baufälligkeit der Häuser und dem Schmutz auf den Straßen, die nachts ohne Beleuchtung blieben; von dem Elend der ausgepreßten Bürger, der Schweifwedelei des Senats, der grenzenlosen Überhandnahme der Bettler und Strolche. »Et hillige Kölle süht us we et schlemmste Drecknest op der Welt. Do moß ens ganz ärg usgemeßt werde.«

Der Herr nickte. »Vielleicht ist die schwere Schickung gut für Köln. Wo ist das herrliche Köln des Mittelalters geblieben? In Dunkelheit und Schmutz erstarrt. Es kann auch aus dem Unglück ein Glück kommen.«

»Da ist Josephs Mutter!« riefen die Kinder.

Die Alte kam herbei, hager und sehnig. Sie strich die Schürze glatt und sah aus lachenden Augen von einem zum anderen.

»Wie sollen wir Sie nennen?« fragte der Hausherr und reichte ihr noch einmal die Hand.

»Ich heißen Barbara, Här.«

»Also Frau Barbara. Und Sie wollen nun hier die Regierung übernehmen?«

»Ich han se schon öwernomme, Här. Der Juseph kütt mech nit mieh en de Küche.«

»Sieht es da so schlimm aus, Frau Barbara?«

»Et es Männerwirtschaft. Wo kein' Frau em Hus es, danze Müs on Motte.«

»Na, na,« wehrte der Joseph, »kritisiere es leicht, äwwer Bessermaache is en Kuns.«

»Ich well dech dat schon lehre, Jüngke. Verloß du dich nor op ding Moder.«

»Leeven Härgott,« stöhnte der Joseph, »wo de Frau de Botz anhät, es der Düwel Husknääch'. Här, et geiht uns schlääch. Mer wolle se no Kölle zoröckspediere.«

Die Kinder hatten zuerst sprachlos dem Rededuell gelauscht. Jetzt umtanzten sie Mutter und Sohn und klatschten in die Hände. Da griff sich die Frau die kleine Sibylle heraus und hob sie in die Luft. »Du lecker Dingen!« sagte sie und drückte sie an sich. Und die kleine Sibylle gab ihr einen herzhaften Kuß. –

Beim Morgengrauen war die Alte auf den Beinen. Blitzblank scheuerte sie das Haus, und wenn die Morgensuppe auf dem Herd brodelte, lief sie zur kleinen Sibylle herauf und bürstete ihr das Haar und lief zu den Knaben und sah dort nach dem Rechten. Vor den zugeschnittenen Anzügen schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen, und der Joseph traute sich einen halben Tag nicht unter ihre Augen. Abend für Abend saß sie jetzt in der Küchenstube, die Nadel in der Hand, und die Kinder saßen um sie herum. Dann erzählte sie Kölner Schnurren, daß das alte Burghaus vom Lachen der Kinder widerhallte und selbst der sorgenvolle Hausherr in seinem Zimmer lauschte und lächelte. Der Joseph aber schlich sich in den Kreis, rieb sich die Hände und brummelte: »Et es nirgends besser als an Modersch Kochpott.«

Sie sah verstohlen nach ihm hin, und der Mutterstolz blitzte wohl aus ihren Augen. Aber sie ließ es ihn nicht merken.

Und die Herbstabende sanken schneller herab, und das Dorf ging früher zur Ruhe. Nur im alten Burghaus brannte die Lampe immer bis zur gleichen Stunde, und wo ihr Licht hinfiel, fiel es auf ein frohes und friedliches Bild.

Wenn die Kinder zu Bett gegangen waren, besprach der Hausherr mit Barbara und Joseph, was dem nächsten Tag fromme. Dann nahmen auch sie ihre Lichter, wünschten sich gute Nacht und suchten ihr Lager.

Nur der Hausherr machte Abend für Abend den gleichen Rundgang. Vom Bett der kleinen Sibylle zum Bett der Knaben. »Bist du es, Vater?« tönte wohl schlaftrunken eine Stimme.

Und er antwortete leise und glücksfroh: »Ich bin es, Kinder. Schlaft wohl.«

Dann ging auch er zur Ruhe, und das alte Burghaus träumte von vergangenen Tagen, von Bischöfen und Prälaten, die unter seinem Dach geweilt, von vergangenen Tagen voll hohen kirchlichen Glanzes. Und träumte weiter vom Gestern zum Heute, und aller Glanz der Vergangenheit verblaßte vor dem Kinderlachen, das vom Abend her in seinem Gemäuer hängengeblieben war ...

*

 

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