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Die Burgkinder

Rudolf Herzog: Die Burgkinder - Kapitel 3
Quellenangabe
authorRudolf Herzog
titleDie Burgkinder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun256.-275. Tausend
year1923
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190711
projectid20aedb08
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I

Im Wipfel des jahrhundertalten, immergrünen Lebensbaumes sang eine Amsel. Ihr Lied mischte sich mit der lauen Abendluft, die durch den Garten strich und die Weinberge umspann. Von den Hügeln zog es in langanhaltenden, schwellenden und fallenden Tönen ins Rheintal nieder, unbekümmert um den Herbstabend, in dem das letzte Sonnengold verblich, unbekümmert um das müde Schweigen in der Nähe und Weite. Und der Lebensbaum, der hoch hinauf bis an das bemooste Dach des Burghauses ragte, rührte kein Zweiglein und horchte hinaus und hinein, als verstünde sein jahrhundertaltes, immergrünes Holz die kleine Kreatur am besten, der Frühling und Herbst zusammenrann unter Gottes unermeßlichem Himmel.

Jetzt schwieg auch sie. Jenseit des Rheins, über Rolandseck, war der fahle Widerschein des Lichtes in sich selber zerflossen. Und ohne zu zögern stieg hinter der Koppel, dem hohen Weinberghügel, der das Burghaus zu schirmen schien, der volle Mond empor und nahm vom Rheintal Besitz und den Höhenzügen zur Rechten und zur Linken. Schneeweiß, in unverbrauchter Jugend, hob sich das wetterfeste Gemäuer des Burghauses aus dem Gewirr der Baumkronen. Längst vermoderte Geschlechter hatten es erbaut, die hinauszublicken verstanden über Tag und Zufall. Grauwacke bildete das Fundament, und meterstarke Basaltklötze schichteten die Mauern. Nach außen aber lachten aus weißem Verputz grünumrahmte Fenster bis hoch unter das spitze, gotische Dach, das die Patina der Jahrhunderte trug und alte, verklungene Namenszüge in den schmiedeeisernen Wetterfahnen. Den Erkervorbau, der wie ein Kind an der Brust der Mutter hing, schmückte ein dreifaches, steingehauenes Wappenschild, und die Flankenwacht hielt ein kurzer, achteckiger Turm mit freier Plattform. Armdick rankten die Stöcke der Rosen empor, im Wetteifer mit dem Geflirr des wilden Weins und der zähen Festigkeit des Efeus. Wie ein Zauberschlößchen lag der Sitz in Baum- und Weingärten, fern genug der Heerstraße, um ihren Lärm zu überhören, nahe genug dem Leben, um die Zugehörigkeit nicht zu vergessen. Von der Plattform des Turmes schweifte der Blick unbegrenzt in die Runde. Unbegrenzt und unbemerkt.

Bis an die schwergefügte Parkmauer heran schmiegte sich das Dorf. Der helle Mond schien über die roten Dächer hinweg, lag auf der Landstraße und ließ die Wellenlinie des Siebengebirges phantastisch im Lichte schwimmen. Silbern wälzte sich die Flut des Rheins um den trotzigen Sockel des Drachenfelsen.

Der zehnjährige Knabe, der neben dem fünfzigjährigen bärtigen Mann auf dem Turm des Burghauses stand, griff unbewußt nach der Hand des Älteren und hielt sie fest.

»Wie schön das ist, Oheim ...«

»Ja, wie schön – –«

»Du hast viel gesehen von der Welt. Gibt es ein schöneres Land?«

»Nein, es gibt kein schöneres.«

Sie hielten sich bei der Hand und schauten hinaus, und sahen die Insel Nonnenwert wie ein Traumbild aus dem Strome steigen. Und vom jenseitigen Uferhang hinab starrten die Trümmer der Rolandsburg auf den Traum ...

»Ist es wahr, Oheim, daß der Ritter Roland eine Nonne geliebt hat?«

»Weshalb sollte es nicht wahr sein?«

»Sie trug doch ein geistlich Gewand und hatte sich dem Himmel verlobt.«

»Ein Gewand hat noch nie ein Menschenherz geschützt, vielleicht versteckt gehalten. Und die Verlobung mit dem Himmel ist ein menschlicher Irrtum.«

Der Graubärtige sah den fragenden Blick des Knaben nicht, aber er empfand ihn. »Der allmächtige Gott,« fuhr er fort, ohne daß der Ton seiner Stimme sich merklich färbte, »der uns die Seele und dies Leben gab, braucht unsere Liebe, nicht unsere Aufdringlichkeit. Gott kann sich uns verloben, wenn er uns auserwählt, wir uns nicht ihm.«

»Und wann, Oheim – wann verlobt sich Gott mit uns? Wenn wir sterben?«

»Nein, wenn wir große Menschen werden.«

Der Knabe sann vor sich hin. Dann ging sein Blick das Rheintal hinauf in die Ferne.

»Müssen große Menschen nur lieben können –?«

»Nein, sie müssen auch hassen können.«

»Kannst du es, Oheim?« fragte der Knabe schnell.

»Was? Lieben oder hassen?«

»Ich habe nur meine Mutter geliebt,« sagte der Knabe. »Wenn sie mich ansah, mußte ich gut sein; auch zum Vater, den ich nicht sehr gern mochte. Wie soll ich es dir beschreiben? Hat sie dich auch einmal angesehen?«

»Ja.«

»Dann hast du sie auch liebgehabt.«

»Unermeßlich.«

Der Knabe blickte auf. Das war nicht des Oheims alter fester Ton gewesen. Aber schon hatte der graubärtige Mann ihn an sich gezogen und hielt das Knabengesicht gegen seine breite Brust gepreßt, damit es nicht den seltsamen Glanz der Augen sehe und das Zucken des Mundes. »Mein Junge – mein Hein.«

»Du kanntest sie, Oheim, und ich habe dich doch nie bei uns in Straßburg gesehen?«

Der Junge mußte noch einmal fragen.

»Ich war in Straßburg, als du geboren wurdest. Dann lebte ich jahrelang in Rom und in Avignon. Bis das Unwetter am ganzen französischen Himmel tobte, bis es gegen den Rhein stieß und das Elsaß verheerte. Als wir Kunde erhielten, daß in Straßburg das Fallbeil Tag und Nacht arbeitete, daß man den Adel, Männer und Frauen, zu Hunderten auf das Schafott schleppte, um die Menschheit ›gleich‹ zu machen, da trieb es mich nach Straßburg, Tag und Nacht.«

Der Knabe packte ihn fester bei der Hand. »Hattest du keine Angst?« stieß er hervor.

»Ja – ich hatte Angst. Um die Mutter, um dich – um euch alle.«

Er unterbrach sich. Und dem Knaben über das Haar fahrend, sagte er heiser: »Nun laß uns davon schweigen.«

Der Junge aber drängte ungestüm.

»Nein, Oheim, nein. Erzähl mir alles. Ich bitte dich so herzlich. Schon als du mich herbrachtest, vor zwei Jahren, versprachst du es mir und sagtest: Später, wenn du größer bist. So sieh mich doch an, Oheim, ob ich nicht gewachsen bin. Sieh mich doch an.«

Der Graubärtige umfaßte mit beiden Händen den Knabenkopf und nickte vor sich hin. »Du hast ihre Augen. Junge, bewahre sie dir so rein. Du hast ihre Augen, und sie dürfen nie anders blicken. Das ist mein Gelöbnis an deine Mutter.«

»Nachts drangen sie in unser Haus, Oheim, und holten den Vater. Die Bedienten flohen durch alle Türen. Da rief er nach der Mutter. Das gellte durchs Haus. Und die Mutter erwachte und eilte in ihrem weißen Nachtkleid ins Zimmer, und als die Männer sie um den Leib griffen und in ihr Haar, feuerte sie eine Pistole gegen sie ab. Da schlugen sie sie nieder und schleppten beide fort.«

»Herrgott – Herrgott – um ihren Leib, in ihr Haar!« murmelte der Mann, und seine Augen starrten in die weiße Mondnacht, und seine Hände krampften sich zusammen.

Da wurde der Knabe zum Tröster. »Sei ruhig, Oheim. Sie ließ es sich nicht gefallen.«

Und der Mann atmete ganz tief, und ein Lächeln zog stolz über seine Züge. »Tapfere Frau. Sie haßte das Gemeine.«

Ganz klar war die Ferne. Über den Vorbergen, stromauf, sah man die Kuppen der Eifel sich strecken, und stromab, seinen Strichen gleich, die Türme Bonns, der kurfürstlichen Residenz. Nahe herangerückt schmiegte sich Königswinter wie eine Perlenschnur um den Fuß des Drachenfelsen, und hüben lauschte Honnef hervor wie die Märchenprinzessin, die des Prinzen wartet. Von Rheinbreitbachs gotischem Kirchlein schlug friedlich die Turmuhr. Auf der Spitze der Landzunge, die den Rhein wie zu einem Seebett rundete, antwortete die Kirchenuhr des traumseligen Unkel, und drüben, auf dem jenseitigen Ufer, traf sich in Rolandseck der Glockenschlag von Oberwinter und Godesberg zum Gutenachtgruß.

»Oheim –« bat der Knabe.

»Das ist eine feierliche Stunde, Hein.«

»Mutter gehört auch dazu. Erzähl mir, wie sie starb.«

»Damit sie dir lebt? O du heiliges Kindergefühl. Nun wohl: damit sie dir lebt. Und wenn mich der ohnmächtige Grimm ersticken will, blick in den Frieden der Natur, in der unsere Regungen und Erregungen das Spiel von Eintagsfliegen sind. Gott wird es besser wissen als wir. – – Siehst du dort die Türme von Bonn? Ein der Kirche entlaufener Pfaffe von Bonn wurde der Henker Straßburgs, der Henker des blühenden Elsaß. Gott verdamme ihn bis in den Schlund der Hölle, und alle die Jakobinerhunde, die keine verseuchtere Seele als die seine zum öffentlichen Ankläger beim Straßburger Revolutionstribunal bestellen konnten. Ah, du weißt nicht, wovon ich spreche? In Paris hatte man das Königtum gestürzt, und der Pöbel hatte sich der Regierung bemächtigt, weil der bessere Teil des Volkes die Berührung mit dem Unflat der Gassen scheute. Merk dir den Fehler, mein Sohn. Willst du die Berührung mit dem Unflat nicht, so mußt du ihn fegen mit eisernem Besen, damit er dir nicht dein Haus umzingelt und dir durch die Fenster bricht und dich erstickt samt deinen feinen Handschuhen. Der sechzehnte Ludwig war kein guter König, aber er war nur schwach und ungeschickt und büßte die Schuld seiner Vorgänger. Sie haben ihn aufs Schafott geschickt, und er starb würdig. Vor ihm und nach ihm aber schleppten sie Tausende und aber Tausende unter das Richtbeil. Die Guillotinen konnten ihre Arbeit nicht mehr bewältigen. Und schnell mußte es gehen wie die vernichtende Sintflut, bevor sich das Volk, der Kern des Volkes, von seiner Erstarrung erholte. Die trieben es am schlimmsten, die die meisten Sünden zählten, an ihrer Spitze der Bonner Theologe zu Straßburg.«

Er machte eine Pause und strich sich über die starken Augenbrauen. Als wollte er sich zur Ruhe mahnen.

»Ich war in Avignon. Die Stadt schwamm in Blut. Da packte mich die Angst um euch, und es gelang mir, Pferde zu bekommen und jenseit der Grenze Extraposten. Das letzte Geld mußte heran. So kam ich nach Straßburg, euch zu holen. Und kam zu spät. Du hast es gewollt, Gott im Himmel.«

»Oheim,« sagte der Knabe leise, »wir beide sind doch beisammen.«

Mit hastigem Griff packte der Mann den Arm des Knaben. Der Junge hielt stand, trotz des Schmerzes.

»Sprich jetzt von der Mutter.«

»Ja, mein Hein. Von der Mutter. Ihr Gemahl, der Marquis, war schon am vorausgegangenen Tage hingerichtet worden. Dich fand ich bei dem Joseph, eurem Gärtner, der aus der Heimat der Mutter stammte. Ihr saßet frierend im Keller, und ich nahm euch mit, und wir liefen zu den Gewalthabern und wurden hinausgejagt, und wir liefen einem Volkshaufen nach, der zum Platz der Guillotine drängte. Da stieg die Mutter, schön wie eine Heilige, von einem Karren.«

»Oheim ...!«

»Junge, sei stark! Junge, sei stolz! Ich hob dich hoch empor, damit sie dir einen Kuß sandte, damit sie wußte: ich hab' dich und halt' dich. Und ihre Seele war im selben Augenblick bei uns, und jäh wandte sie den Kopf, suchte uns, fand uns und jubelte mit all ihrer Stimme: Hein – Hein! Ohnmächtig lagst du mir am Hals. Sie aber und ich, wir haben die Augen fest aufeinandergerichtet gehalten bis zum Ende. Und sie nahm mein Gelöbnis mit hinüber.«

Den Arm um den Jungen geschlungen, starrte er in die Mondnacht. Und der Knabe tat wie er.

»So starb deine Mutter, mein Junge! Und nun müssen wir ihr zu Ehren leben. Ihr – zu Ehren.«

Beide schwiegen sie. Und als der graubärtige Mann nach einer Weile vorsichtig nach den Augen des Knaben spähte, gewahrte er, daß sie mit Tränen gefüllt waren. Da wußte er, daß sie beide das gleiche dachten.

»Wir wollen häufig von der Mutter sprechen, Oheim.«

»Ja, mein Junge.«

Und plötzlich beugte sich der Knabe nieder und küßte des Mannes Hand. »Ich danke dir – für alles.«

Da fuhr es durch des Breitschultrigen Gestalt, daß er mit der freien Hand nach der Brüstung griff. »Nicht, nicht,« murmelte er, »denn ich – freue mich an dir.« Und um loszukommen von Worten und Gedanken, horchte er gespannt in die Nacht hinaus. »Hörst du nichts?«

Der Knabe horchte wie er. Das seine Gehör fand sich schnell zurecht. »Es muß über Bonn sein. Es zirpt wie viele Wagenachsen in der Ferne.«

Mit angehaltenem Atem lauschte der Mann. »Clerfait hat sich mit seinen Österreichern auf Köln zurückgezogen. Sollten ihm die Franzosen so scharf auf den Fersen sein, daß er schon das Rheinufer wechselt?«

»Sind wir denn nicht stark genug gegen die Sansculottes, Oheim?«

»Stark? Das deutsche Reich? Ist ein Mann, der eifersüchtig ist, stark? Und jeder deutsche Fürst schielt eifersüchtig auf den anderen. Österreich und Preußen handeln vor jeder Schlacht so lange um das Fell des Bären, bis der Bär über die Streitenden herfällt. Der Krieg erzieht den Krieg. Und aus den Pöbelmassen macht Gewohnheit und Erfahrung Soldaten. Nun haben wir erst die Gegner.«

»Wenn's die Preußen und Österreicher erst am Leibe erfahren haben, Oheim, werden sie schleunigst ihren Handel vergessen.«

»Arme Soldaten. Sie schlagen sich in Belgien und am Rhein, und ihre Fürsten denken an die Teilung Polens. Das ist die Tragikomödie dieses Krieges, daß er nicht von Idealen getragen wird, sondern von den Berechnungen einer Handvoll Schacherer. Nie wäre sonst Ludwigs Blut geflossen. Und auf der anderen Seite? Ist es nicht die gleiche Tragikomödie? Man ruft die Freiheit aus und die Brüderlichkeit, und es herrscht Tyrannei und mörderisches Schlachten. Herrlich, herrlich könnte es sein um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, bestünde die Mehrheit der Menschen aus sittlich starken, selbstlosen Wesen und nicht aus Pöbel, der in Habgier und Selbstsucht die Freiheitsgrenzen durchrast.«

Er hielt inne und schüttelte den Kopf.

»Du wirst es noch nicht ganz begreifen, was ich meine.«

»Ich lerne doch täglich bei dir, Oheim.« Der graubärtige Mann blickte hinaus nach der Gegend von Bonn. Seine Augen waren ernst und klar.

»Kinder erziehen,« sagte er, als spräche er zu sich, »heißt, sie waffentauglich machen für den Kleinkrieg des Lebens. Dann möge der eine oder der andere je nach Kräften und Gaben weiter sehen. Denn die Heldenschlachten sind nicht so häufig, daß sie auf allen Straßen zu treffen sind.«

»Ich verstehe dich, Oheim.«

Der lächelte ihn freundlich an und strich ihm über die heißgewordene Wange.

»Dann können wir die Unterrichtsstunde beenden, Hein. Sag mir das Ergebnis.«

»Lieben und hassen können.«

»Gut. Aber erst zuschauen, ob es der Gegenstand lohnt und man sich nicht wegwirft. Weiter.«

»Sich einsetzen für das, was man als seine Liebe oder seinen Haß erkannt hat.«

»Mit dem Besten, was du in dir hast.«

»Nie der Masse folgen –«

»– und bliese sie auf Schalmeien. Sag alles mit einem Wort.«

»Ein großer Mensch werden.«

»Das heißt: ein wahrhaftiger Mensch. Nur das ist Größe. Und nun blick mutig in diese und jene Nacht und freue dich der Morgensonne.«

Den Kopf in die Hände gestützt, die Arme auf der Brüstung aufgestemmt, stand der Knabe und schaute ins Rheintal hinab. Über den Wassern spannen silbrig die Mondnebel. Wehende Schleier huschten hin und her, und die Luft schien leise zu klingen.

»Das ist Pferdegetrappel,« sagte er plötzlich.

»Ich vernahm es auch.«

»Jetzt ganz deutlich, Oheim. Auf der Honnefer Landstraße.«

»Eine Wolke steht vor dem Mond. Sobald er herauskommt, werden wir sehen –«

»Oheim! Jetzt! Ganz nahe vor dem Dorf! Ein Trupp – vier, fünf – sechs Reiter.«

Der Graubart blickte mit Jägeraugen die Straße entlang. »Österreichische Husaren,« sagte er.

»Freunde, Oheim!«

»Wir wollen unseren Enthusiasmus aufsparen,« meinte er trocken, »bis sie wieder über den Rhein sind. Dort ist Feindesland, nicht hier.«

Auf der Turmstiege polterte es. Der schnauzbärtige Kopf des Gärtners streckte sich durch die Luke.

»Österreichische Husare, Här. Se sin als im Dorp.«

»Angst, Joseph? Der Hein meint, es seien Freunde.«

»Do hät 'r sich ärg in der Finger geschnedde. Wann mer en Sau kitzelt, dann läht se sich in der Dreck. Ob Kaiserlich oder Franzus. Da 's usgerechent we de elfdausend Jumfere zo Kölle.«

»Du meinst, wir sollen abwarten, ob sie sich wie Freund oder Feind betragen.«

»Ech mein', dä eine wie dä ander rücht nit got.«

Der Graubärtige lächelte. »Man merkt, du bist aus der Landwirtschaft, Joseph. Aber es ist gut. Sollte einer nach mir fragen, so ruf mich.«

»Dann es et zo spät. Die Käls sin wie Ölflecke, mer krigt sie nit mehr eruus.«

»Geh jetzt nach unten und bleib am Tor.«

»Jawoll, Här.«

Respektvoll grüßend zog sich der Gärtner durch die Luke zurück.

»Da reiten sie vorüber, Oheim! Auf Unkel zu! Wie Gespenster im Mondschein.«

Der Reitertrupp trabte stumm durch die Dorfstraße. Ein Sporn klirrte durch die Nacht, eine Säbelscheide. An den Fenstern zeigten sich Köpfe, die erschrocken zurückfuhren. Wo noch ein Licht im Dorf brannte, erlosch es jäh. Und die Stille war tiefer als vorher.

In der Ferne aber vernahm man Räderrollen und Hufgeklapper.

Der Hausherr lauschte, Furchen auf der Stirn.

»Sie geben das linke Rheinufer auf. Clerfait ist mit seiner Armee auf das rechte Ufer übergegangen. Ade du friedliches Rheintal. Die Franzosen werden dir ihre Segnungen bringen.«

»Oheim, ein neuer Reitertrupp! Hinter ihm ein paar flüchtende Menschen! Viele, viele Reiter! Fußvolk! Kanonen! Wagen! Und das Mondlicht darüber her. Wie ein Geisterzug.«

»Wie ein Geisterzug,« wiederholte der Mann und blickte ihm nach. »Das war im Mittelalter, als man den Rhein des römischen Reiches Pfaffengasse nannte. Die Geisterstraße wäre besser. Was zog nicht alles hier vorüber, um zu sterben.«

»Oheim,« bettelte der Knabe, »laß mich die Nacht mit dir aufbleiben. Es kommen immer noch Menschen, und ich werd' doch nicht schlafen können. Ich will ganz still sein und dir zuhören. Ich hab' ja niemand als dich, und du bist mir« – er suchte nach einem lieben Wort – »du bist mir wie ein Vater.«

Der graubärtige Mann erwiderte nichts. Er sah nur immer den Knaben an. Dann winkte er ihn zu sich.

»Komm ganz nahe an mich heran. Es ist kalt, und du mußt viel Wärme haben.«

Und er schlang den Arm fest um die jungen Schultern.

»Wir wollen plaudern, damit die Nacht und die Wacht vergeht.«

»Dort drüben das Rheintal, das ist Mutters Heimat, Oheim. Und nun auch meine. Sprich mir davon.«

»Soll ich den Geisterzug reiten lassen?«

»Oheim!«

»In dem Land, das du vor dir siehst, saß vor Urväter Gedenken ein großer germanischer Stamm, die Ubier. Und weil sie römerfreundlich waren – schon zur alten Germanenzeit betete der einfältige Deutsche das Fremde an und ließ sich von den Fremden mißbrauchen – weil also sie römerfreundlich waren, siedelte man sie in den festen Plätzen an, in denen die Römer ihre Quartiere bezogen, in Andernach, Remagen, Bonn, Köln, damals genannt Antunnacum, Rigomagum, Bonna und Colonia Agrippina. Denn ein wilder germanischer Stamm mit Erobererblut in den Adern, die Sueven, drängte sie aus der alten Heimat zwischen Lahn und Sieg heraus. Ich wollte, es entstünde ein neues Suevengeschlecht!«

Seine großen klaren Augen leuchteten unter den buschigen Brauen. Und der Knabe drängte sich an ihn.

»Die Franken kamen vom Niederrhein, tapfere Mannen, großzügig im Planen und stark im Vollbringen. Sie ließen die Ubier in ihren Scharen verschwinden und bekriegten tapfer die Römer, unterwarfen die Bataver, die Holländer, und gewannen des Rheins Mündung ins Meer. Wurden sie auch Rom tributpflichtig, sie erkämpften sich die Freiheit und steckten ihre Grenzen durch die Jahrhunderte von deutschen Gauen aus bis ins Herz Frankreichs. Aus ihnen wurde uns Karl der Große geboren, dessen Liebe nicht zuletzt dem Rhein galt, und der in stillen Mondnächten an den Ufern des Rheins wandelt, um die Reben zu segnen, wie die Sage uns kündet. Und Roland, sein bester Paladin, saß dort drüben auf der Rolandsburg, liebewund, bis er noch einmal dem Ruf seines Kaisers und Herrn folgte und aus dem Todestal von Roncesvalles sein Hifthorn den letzten Heimwehseufzer an den geliebten Rhein sandte. O Roland, wie oft hätte auch ich das Hifthorn blasen mögen in fremden Landen und in wildem Heimatswehe.«

Der Blick des Knaben suchte seine Züge. Da fuhr er fort: »Und von Stund' an ritt durch das herrliche Rheintal, was zu reiten vermochte. Deutsche Kaiser und Fürsten, Ritter und Heckenritter, Bischöfe und Äbte, Bürger und Bauern. Wie ein Magnet zog der Rheinstrom sie alle an. Weltliche und geistliche Fürsten bekriegten sich um ihn, die Städte rüsteten gegeneinander und gegen ihre Oberen, die Bauern erhoben sich zum blutigen Gemetzel – aber das alte Rom lebte noch, wenn auch in neuer Gestalt. Der Krummstab blieb Sieger am Rhein, und der Kurfürst von Köln hütete seine Schafe. Bis zur Stunde. Und ob die Schweden brandschatzten, und Turenne mit seinen Franzosen, ob Holländer und Spanier, Österreicher und Brandenburger, ob alle Völker sich um das Kleinod stritten, der Krummstab blieb Sieger, und der Kurfürst von Köln hütete seine Schafe. Bis zur Stunde.«

»Liebst du ihn nicht, Oheim?«

»Ich liebe den Bischof in ihm, wie ich es muß. Den Kurfürsten aber? Er ist ein österreichischer Erzherzog, und mein rheinisches Blut verlangt stärkere Garantien. Er wird Österreich immer mehr lieben als den Rhein. Und doch ist der Rhein der Puls des deutschen Vaterlandes. Als ganz Germanien noch im Dunkeln lag, strömte durch das Rheintal die Woge der Kultur, und sie trug ihren Segen in tausend leuchtenden Kanälen durch die deutschen Lande nah und fern. Deshalb darf der Rhein nur in der Faust eines Starken und Kühnen sein, der ihn als Krondiamanten zu schätzen weiß. Der Krondiamant in fremden Händen – und die deutsche Krone kann in den Trödelladen.«

Der gestirnte Nachthimmel verblich. Längst war der Mond geschwunden. Kühl wehte es vom Rheintal herauf, und der Knabe nestelte verstohlen an seiner flauschigen Joppe, auf der der kalte Frühtau glänzte.

»Friert dich, Hein? Dann wollen wir gehen.«

»Ich kann nicht schlafen, Oheim.« Aber die Stimme war schlaftrunken.

»Ich hör' den Joseph auf der Stiege. Er soll uns eine Suppe wärmen. Weshalb kommst du, Joseph?«

»Herr,« rapportierte der Schnauzbart und machte ein feierlich Gesicht. Aber die rheinische Mundart war flinker als die Feierlichkeit. »Här,« griente er, »et is jet passiert.«

»Was ist passiert? Mach keine Faxen.«

»Der Kurfürst is laufe gegange. Här, wenn dat Faxen sin –?«

»Der Kurfürst hat Bonn verlassen? Hat sein Land, hat den Rhein verlassen? Jetzt? In der Stunde der Gefahr? Mensch, besinne dich! Das ist nicht möglich.«

»Bei Fraulüd und Paffe es alles mügelich. Gestern no'm Esse hat sich der Här Kurfürst in sein' Kalesch' gesetz' on zum letztemal dat Wort an singe ›lieben und getreuen Bonner‹ gereecht. ›Oemständ verändern de Sach‹, hät hä gesäht, un ›hä wöll wal, äwwer hä kann nit‹, un domit gew ha allen singen Segen, un heidi – wor hä op der Reis'. Här –,« und der treuherzige Bursche sah seinen Herrn bekümmert an, »dat es alles bedrövte Krom.«

»Das ist mehr als betrübter Kram, Joseph, das ist Fahnenflucht. Hast du noch mehr gehört?«

»Da gesamte Hofstaat hat Bonn verlasse un die gesamte hohe Geistlichkeit mitsamt dem Adel. Se verspörten als all so'n Jucke am Hals un han Fraulüd un Kinder im Stich gelasse, öm den Kopp zu sichere. Schön es dat nit, äwwer Schönheit es kein Ervgot.«

Der Herr reichte dem Knecht die Hand. »Das hast du wahr gesagt, Joseph. Schönheit ist kein Erbgut. Deshalb wollen wir mit unseren besten Kräften danach streben, daß die Nachrede über uns einmal besser ausfällt.«

»Nix för ongot, Herr Graf.«

»Halt 's Maul. Ich heiß' nur der Herr.«

»Här – –«

»Schon gut. Ich kenn' dich ja. Wir gehen armseligen Tagen entgegen, Joseph –«

»Dat's mr ejal, Här. Wer nit arbeit', soll och nit esse.«

Da lachte der Herr sein frohes Lachen. »Nein, dich gäb' ich auch nicht her. Du hast den rechten rheinischen Sinn, der sich nicht unterkriegen läßt. Wenn ich dich ansehe, hab' ich Hoffnung.« Und der Mann antwortete ruhig und gesammelt: »Här, wir beide haben den Jung da.«

Da reichte der Herr dem Knecht noch einmal die Hand. Aber mit eisernem Druck. –

Der Knabe lehnte an der Brüstung. Die Augen waren ihm zugefallen.

»Komm, mein Hein,« sagte der Joseph und hob den schlanken Körper leicht auf den Arm, »mer läht de jüngste Kinder zoersch en et Bett.«

Das Frühlicht zog über den Himmel. Noch sah man die Sonne nicht. Über dem Rhein brauten Nebel und schlugen Strom und Ufer in ihre nassen Schleier. Ein paar Vögel wachten auf, ängstliche, unruhige Schreier. Auf der Landstraße raffelten Reisewagen, und fluchende Kutscher knallten mit den Peitschen.

Die Männer stiegen ins Haus hinab und legten den friedlich schlummernden Knaben auf sein Bett. Tief beugte sich der Herr über ihn. Der Knecht stand unbeweglich. Der Herr mochte beten ...

Dann gingen sie beide zur Küche und fachten das Feuer für die Morgensuppe an.

»Da kommt ein Wagen zu uns, Joseph –«

»Da es nit räch gescheit. Hier geht kein Fuhrweg.«

»Flüchtlinge? Ich werde mal selber nachsehen.«

Ruhig schritt der Herr durch den alten, gewölbten Steingang, die Stufen hinab in den Garten und zum grünbewucherten Tor. Einmal nur hielt er den Schritt an und horchte in die Höhe ...

Da saß im jahrhundertalten, immergrünen Lebensbaum die Amsel und sang unbekümmert in den neuen Morgen hinein. Im Lebensbaum die kleine Kreatur – unbekümmert und dankbar.

Seht die Vögel unter dem Himmel an ..., dachte der graubärtige Mann. Unser Vater im Himmel ernähret sie alle.

Klaren Blickes schritt er zum Tor, den Schlüssel schon in der Hand.

»Geduld,« rief er den Einlaßbegehrenden entgegen. »Geduld, Leute, ich komme.«

*

 

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