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Die Burgkinder

Rudolf Herzog: Die Burgkinder - Kapitel 22
Quellenangabe
authorRudolf Herzog
titleDie Burgkinder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun256.-275. Tausend
year1923
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190711
projectid20aedb08
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XX

Die guten Gedanken, die die Männer tauschten, wurden zu Taten. Klug und sparsam hatte der Alte von der Burg die Bewirtschaftung geführt, und die Arbeit von zwanzig Jahren hatte Weingüter und Felder schuldenfrei gemacht und ihre Erträgnisse gesteigert. Stand ein schlechter Herbst zu erwarten, so war es der alte Schmitz, der ihn schon in der Blüte des Weinstocks und den Anzeichen der Witterungsverhältnisse voraussah und den Freund bestimmte, Verkäufe vom Lager nur so spärlich vorzunehmen, daß man die Kundschaft nicht verlöre. »Im nächsten Jahr, wenn der Nachwuchs ausgeblieben is, erzielen wir dann dat Doppelte, un die Leut sind uns obendrein dankbar, dat wir se aus der Verlegenheit erlösen.« Die guten und mittleren Herbste wurden nicht im Rausch der Freude billig verschleudert, sondern in kaufmännischer Voraussicht auf die Reserven verteilt, manches Fuder, das eine besondere Probe ergab, auch mit besonderer Liebe gepflegt und bewahrt, damit sich sein Wert in der Reife verdreifache.

Je mehr der Herbst vorrückte, desto arbeitsamer trat in diesem Jahre der Hein auf den Plan. Ein Teil der ersparten Kapitalien wurde ihm vom Vater übergeben, damit er in weiterem Umkreise die Trauben auf dem Stock aufkaufe. Denn es war den Winzern sehr darum zu tun, jetzt, nach Friedensschluß, die verwahrlosten Weinberge wieder in Ordnung zu bringen, und dazu bedurften sie des baren Geldes, nicht zuletzt zu ihrem und ihrer Leute Unterhalt. Man erwartete von dem Fürstenkongreß, der zu Ende September in Wien zusammengetreten war, eine lange und glückliche Friedenszeit und gedachte überall, sich von Grund aus darauf einzurichten.

Der Hein las fleißig die Zeitungen, die von dem langsamen Dahinschleichen des Kongresses berichteten und nicht genug von den kleinlichen Zwistigkeiten der handelnden und feilschenden Herren zu erzählen wußten, und er traf Fürsorge, Keller und Scheuern zu füllen für den Fall einer neuen Verwicklung unter den Verbündeten selbst. Was er dachte und in seinen Plänen ausarbeitete, teilte er Sibylle mit, und sie stärkte oft die Kühnheit eines Vorgehens, das den bedächtigeren Alten zu weit erscheinen wollte. »Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Der Hein ist nicht der Mann, der die Hände in den Schoß legt und auf Sonne und Regen wartet und sich wundert. Freuen wird ihn nur, was er sich selber errungen hat.«

Dann wurden die Pläne noch einmal durchgesprochen, und der Hein führte sie aus.

»Ich hab' mir da 'nen gefährlichen Konkurrenten herangezüchtet,« meinte der alte Schmitz, »aber mein Sohn in Koblenz is nu mal mehr für Mosel- und Ahrweine, un für mich reicht aus, wat ich an alten, guten Beziehungen hab'. Da kann et mich nur freuen, wenn sich der richtige Mann für den Rheinwein widder findt, denn dat is nu emal so un läßt sich nit aus der Welt schaffen: der Rheinwein is un bleibt der König aller Weine.«

»Aber Sie trinken doch auch gern den anderen, Schmitz?«

»Mein Gott, mer kann doch auch nit immer ein un datselbe Mädchen küsse.«

Aber der alte Schmitz war nicht immer spaßhaft aufgelegt, und je weiter sie in den Winter hineinkamen, desto leichter schlug seine Stimmung um.

»Is dat en Kongreß, wat se uns da in Wien vorspiegeln? Schmausereien un Gelage un Bälle un Mummenschanz Dag un Nacht. Damit sie nur ja keine Zeit für die Bedürfnisse un Erwartungen des Volks finden, dat den Herren doch die Kastanien aus dem Feuer geholt hat. Nur die Franzosen bleiben nüchtern und warten ab, bis sich die deutschen un russischen Barbaren voll betrunken haben un untereinander Krakeel anfange. Wat hat mer überhaupt die Franzose auf dem Kongreß zuzulasse? Natürlich, aus lauter Galanterie. Der Metternich will zeigen, dat er 'ne französische Bildung hat, un der Talleyrand drückt ihm bewundernd die Hand un seift ihn mit der anderen bis über de Ohren ein.«

Auch der Alte von der Burg sah ernst in die Gegenwart und in die Zukunft.

»Sie werden die beste Zeit verpassen, um die Herzen des Volkes und der Fürsten für alle Möglichkeiten eng miteinander zu verbinden.«

»Man will Preußen nicht groß werden lassen,« sagte der Hein, »und das geht uns an, denn Kurköln und damit wir kommen im Austausch an Preußen. Deshalb hätschelt man die Mittelstaaten und treibt sie wie einen Keil ein, damit Preußen im Osten und Westen aus zwei Hälften besteht, die hübsch voneinander getrennt liegen. Was damit bezweckt wird, meint ihr? Nun zunächst, daß Preußen in Deutschland nicht das Ruder in die Hand bekommen kann, trotzdem aber durch seine östliche und westliche Lage die Grenzwacht für ganz Deutschland halten muß.«

Die Alten sahen auf ihn, der selber in den Ereignissen gestanden hatte, und fragten ihn immer lieber um Rat und Meinung. Und er sprach sicher und klar und entwickelte ihnen die Grundzüge der Diplomatie und die gerechten Befürchtungen des Volkes. »Mit Österreich geht es nicht in Deutschland, denn seine Interessen drängen nach Osten. Ohne Österreich will es wiederum Österreich selber nicht, weil es seine leitende Stellung nicht aufgeben will. Das Volk wird nicht gefragt. Und doch bedürfen wir heute mehr als je einer starken deutschen Vormacht, die gegen alle die Nachbarn, die beständig an uns herumschneidern, gegen Österreich, Rußland und Frankreich das starke Schwert hält. Die Niederwerfung Napoleons und der Marsch auf Paris haben bewiesen, daß diese Macht nur Preußen sein kann.«

Sibylle saß ganz still und horchte auf jedes Wort. Ihre Augen hingen an Heins Lippen, und zuweilen nur schweiften ihre Blicke zu dem Vater hinüber, als müsse sie sich vergewissern, daß nicht der Alte, daß der Hein sprach. Dann stieg der Stolz über die zunehmende Ähnlichkeit der beiden Männer in ihr auf.

Sie war nicht viel mit Hein allein. Aber wo sie ihn traf, reichte sie ihm schnell die Hände. »Du!«

»Sibylle, es ist schwerer, als ich dachte –«

»Glaubst du, mir würde es leicht? Dies Beieinandersein und doch nicht Beieinandersein? Oft meine ich, ich müßt' dir vor allen Leuten um den Hals fallen, und wache plötzlich auf und bin über mich selber so erschrocken, daß ich dich kaum anzusehen wage.«

»Noch drei Monate, Sibylle. In den ersten Tagen des März kann unsere Trauung stattfinden.«

»Noch drei Monate, Hein – – –«

Und sie nahmen sich fest und wortlos in die Arme.

Im Januar schien der Wiener Kongreß gesprengt zu sein. Der Hader war so gewaltig aufgeschossen, daß er nach dem Schwerte schrie. Österreich, Frankreich und England standen gegen Preußen und Rußland, die deutschen Staaten schlugen sich auf Österreichs Seite, die Rüstungen begannen in aller Schnelle und Heimlichkeit. Im Februar wurde der Streit um die Quadratmeilen Landes friedlich geschlichtet. Und in den ersten Märztagen flog die Schreckenskunde durch ganz Europa, daß Napoleon die Insel Elba verlassen habe, auf französischem Boden gelandet sei, um unverzüglich den Marsch auf Paris anzutreten.

Noch einmal riefen die Fürsten ihre Völker unter die Waffen gegen den gemeinsamen Feind und Eidbrecher. –

Der Alte von der Burg stand mit ernstem Gesicht vor Hein und Sibylle.

»Wie gedenkt ihr es nun mit eurer Hochzeit zu halten? Wollt ihr sie noch einmal hinausschieben?«

»Weshalb das?« fragte der Hein, und bändigte seine Erregung.

»Weil du doch ins Feld mußt, mein Sohn.«

»Du schickst ihn selber?« rief die Sibylle. »Du selber?«

»Nein, Sibylle, ich brauche den Hein nicht erst zu schicken, wenn das Vaterland ihn fordert.«

»Vater – verzeihe mir – aber ich wußte nicht, daß du hart sein könntest.«

»Hart?« wiederholte der Alte. »Hart gegen den Hein? Glaubst du denn, Mädchen, du liebtest ihn mehr als ich? Anders, ja, aber nicht mehr! Und weil ich ihn so liebe, möchte ich, daß ich immer das Recht dazu habe.«

»Du wirst das Recht dazu immer behalten,« sagte der Hein, »und mit Wissen und Willen werde ich deiner Erziehung keine Stunde Unehre machen. Es ist selbstverständlich für mich, daß ich eintrete, sobald die Truppen am Rhein zusammengezogen werden. Aber die Hochzeit –«

Der Sibylle sanken die Arme nieder. Ergebungsvoll stand sie und wartete.

»Aber die Hochzeit, mein Mädchen,« fuhr der Hein fort, »die Hochzeit wird auch nicht um einen Tag später darum gefeiert, denn diesmal muß ich wissen, daß mein Weib zu Haus auf mich wartet. Sonst bring' ich den heiligen Zorn nicht auf nach den elenden Verhandlungen in Wien.«

Da sah er, daß Sibylle weinte, und er legte beruhigend. den Arm um sie. »Hab mich recht lieb, du, damit ich um so wütender dreinschlage.«

Und sie hob ihr tränenfeuchtes Gesicht und versuchte ihn mutig anzulächeln.

»Das ist des Falkenweibchens Hochzeit,« sagte er leise und scherzend. »Nun zeig's.« –

Das Aufgebot, das schon seit Wochen bestellt war, wurde nicht zurückgezogen. Pünktlich trafen Barthel und Maria zur Feier ein, und mit dem Vater schritt der alte Schmitz und mit dem Joseph die alte Barbara und das Rikchen zur Kirche.

Im engen Kreise saßen sie beim Hochzeitsmahl und der Alte von der Burg leerte sein Glas auf das Glück des Paares. »Ich kann, dir keine Tafelrede halten, Hein. Bleib, wie du bist, und habt euch lieb in Ewigkeit. Amen.«

Aber was er nicht in Worten sagte, das klang aus dem Ton seiner Stimme, und es war allen, als klänge sie noch lange zwischen den alten Mauern fort und zöge dann hinaus durch das weitgeöffnete Fenster in den Vorfrühlingsabend, um irgendwo in der Ferne Kunde zu tun ...

Zwei Wochen blieben Hein und Sibylle bis zum Abschied.

Zwei Wochen, die dahinströmten wie die Sonnenflut eines einzigen Tages.

Zwei Wochen, die angefüllt waren mit so viel heißer Zärtlichkeit, als sollte die Erinnerung daran Jahre der Trennung überbrücken.

»Du – du – daß ich dich so liebhaben kann.«

»Du – du – daß nichts an dir ist, das ich nicht mehr liebte als mich selber.« – –

Am letzten Tage des Monats reichten sie sich die Hände. Und Sibylle drängte sich fest in seinen Arm.

»Leb wohl, Sibylle. Ich komm' wieder.«

»Ja, du kommst wieder. Das fühle ich mit jedem Nerv, der dein geworden ist. Ich werde auf dich warten, als wartete ich auf den heutigen Abend.«

»Leb wohl, Sibylle. Und hab Dank.«

»Leb wohl, Hein.« –

Der Joseph fuhr seinen jungen Herrn nach Koblenz. An einem Feldweg stand der Alte und winkte dem Sohne zu. Und der Hein dachte: Wie gut und groß der alte Mann ist, daß er der Sibylle und mir den Abschied allein ließ. Und er wandte sich im Wagen und winkte, bis die Gestalt des Alten im Morgennebel schwand. Der Joseph rückte auf dem Bock seitwärts, um leichter die Unterhaltung führen zu können.

»Desmol,« begann er, »kann ich nit met. Dat is mech arg ärgerlich, äwwer wat sall mer maache, wann de Fraulüt en Lamento anschlonn un us der Bedrövnis nit eruskumme. Un et wor doch so schön beim Herrgott in Frankreich, mer word widder ganz jung un wor hinger un vor beschlage we no en Badereis. Ich därf gar nit daran denke, sons packt mech der Düwel beim Schlafittche, on ich sin widder met bei der Kumpanei.«

Er zögerte und sah den Hein erwartungsvoll an.

»Rede keinen Unsinn, Joseph. Ich bin kein Wickelkind und finde meinen Weg allein. Denn darauf soll's doch heraus, daß du mich wieder bemuttern möchtest.«

»Wör och nit schleit.«

»Nein, schlecht war das nicht. Aber da ist jetzt die Sibylle, und an der ist mir mehr gelegen, verstehst du? Wenn du wieder zu Hause bist, sollst du sie behüten wie deinen Augapfel, und für sie sorgen, als wäre sie noch ein ganz kleines Mädchen.«

»We se dat noch wor, han ich se op em Arm in et Bett gedrage.«

Der Hein mußte lachen. »Das wird dir heute nicht mehr zugemutet, Joseph. Aber so gern wie damals hast du sie doch auch heute noch?«

»Hein,« antwortete der Joseph, »dat frag du dech selver.« Und er rückte sich wieder auf dem Bock zurecht, zog die Schultern hoch und ließ über den munter trabenden Gaul die Peitsche knallen.

Am Nachmittag waren sie in Koblenz. »Wenn du allen meine Grüße ausgerichtet hast,« trug der Hein dem Joseph auf, »dann gehst du hinter der Sibylle her und sagst ihr, daß du ihr noch einen Extragruß zu bestellen hättest. Adieu, Joseph.«

»Adschüs, Hein.«

Am selben Abend noch meldete sich Hein bei der Truppe, die von Koblenz aus die Mosel entlang ziehen und in Belgien einrücken sollte. Den Kern bildeten altgediente bergische Soldaten, Lützower und Rheinländer.

In der zweiten Aprilwoche traf Blücher in seinem Hauptquartier Lüttich ein. Der englische Feldherr Wellington, der mit Engländern und Hannoveranern die nördliche Linie hielt, versprach dem preußischen Feldherrn jede Unterstützung und Förderung, sobald der Oberbefehlshaber der Verbündeten, Fürst Schwarzenberg, seine Österreicher nach Frankreich hinein und an die Maaslinie gebracht haben würde. Aber der alte Zauderer Schwarzenberg hielt mit den Angriffsbewegungen zurück.

Der Hein saß im Lager bei den Kameraden, als die Nachricht eintraf, daß Napoleon herbeieile, um sich auf seinen alten Widersacher Blücher zu stürzen und die verhaßten Engländer ins Meer zu jagen, bevor sich Schwarzenberg von seinem Staunen erholt hätte.

»Doch ein großartiger Kerl,« knurrte ein alter Offizier. »Packt immer den Stier bei den Hörnern.«

»Ich weiß,« begann ein anderer, »daß unsere ruhigsten Generale unruhig wurden, wenn sie erfuhren, Napoleon selber stände ihnen gegenüber.«

Und der Hein sagte, und seine Stirn färbte sich rot: »Wir werden den Gewaltmenschen schlagen. Wir haben Frauen daheim.« Da wurde es still am Lagerfeuer, und ein jeder dachte an die, deren Liebe ihn suchte. –

Napoleon war über die Sambre gegangen und bedrängte die Preußen. Am 15. Juni stand er ihnen bei Ligny gegenüber, und Blücher beschloß für den folgenden Tag die Schlacht. Er verließ sich auf Wellingtons rechtzeitiges Eingreifen. Aber der Engländer konnte nicht heran.

Am Morgen schon ritt der greise Feldmarschall die Truppen entlang, die ihn mit begeisterten Hurras empfingen. Es wurde Mittag. Glühend brannte die Sonne auf Mensch und Tier. Da erfolgte der feindliche Vorstoß. Der Hein stritt mit seinen Leuten in den Dorfgassen. Sie wurden hinausgeworfen und drangen wieder hinein. Blücher selbst führte Verstärkungen vor. Preußische Kavallerieregimenter griffen ein und mußten, aus wogenden Ährenfeldern beschossen, zurück. Jetzt aber waren die Preußen Herren von Ligny, das in Flammen loderte.

Jähe Dunkelheit überzog den Himmel. Schon atmeten die Führer auf, die keine Reserven mehr heranzuziehen hatten. Da eröffnet eine gewaltige Geschützlinie von den Höhen aus das Feuer auf Ligny und reißt die Gebäude zusammen. Der Hein hört einen Befehl. Er ruft ihn seinen Leuten zu. Mitten in die Haufen hinein schlagen die Kanonenkugeln und mähen sie nieder. Und nun werfen sich die Massen des Feindes in die Gassen, durch die die Flammen jagen. Der Himmel kämpft mit. Die Wolken bersten unter furchtbaren Blitzen und Donnerschlägen. Wenn ein Blitz aufleuchtet, sieht man tierisch gewordene Menschen zwischen zusammenstürzenden Häusern und Leichenhaufen einander bei der Gurgel fassen. Dann wieder dichte Finsternis, belebt durch das Gebrüll der Stürmenden und Todesschreie. Wieder ein Blitz, und für Sekunden Tageshelle. Der Feind ist durch das Dorf. Er holt zum letzten Schlage aus. Da sprengt Blücher an der Spitze seiner Reiter vor. »Vorwärts – vorwärts!« Ein Schuß trifft seinen Schimmel in den Bauch. Das Tier überschlagt sich und begräbt seinen Reiter. Sein Adjutant springt vom Pferd, reißt den Degen heraus, und hält ihn über den Feldmarschall. Die preußische Kavallerie flutet zurück. Französische Kürassiere hinterdrein. In der Dunkelheit jagen sie vorüber, werden geworfen, und wieder braust der gespenstische Reiterzug vorüber. Preußische Ulanen ziehen den Feldmarschall hervor. Der dreiundsiebzigjährige Jüngling lebt. Man setzt ihn auf ein Pferd, und die Infanterie nimmt ihn auf. Es ist finstere Nacht geworden, und die Schlacht ist verloren. – –

Die Truppen marschierten durch die Nacht. Mit knirschenden Zähnen marschierte der Hein. Er dachte an Sibylle und ihr vergebliches Warten. Und in dieser Schreckensnacht fühlte er – mehr als am Hochzeitstag – daß er Gatte war, daß er ein Weib besaß.

Seine Leute sprachen ihn an. Da riß er sich zusammen und stellte sich fröhlich. »Jungens,« sagte er, »das war bei Etoges noch viel schlimmer. Und was folgte? Laon folgte, und Paris folgte, und der Einzug. Wißt ihr: zuerst das Leder voll ist besser, als zuletzt das Leder voll. Wenn wir erst wissen, wie die Haue schmecken, lassen wir sie uns nicht zum zweiten Male aufzählen.«

Die Leute lachten ein wütendes Lachen, und er erzählte den jungen Rekruten von Sieg und Heimkehr.

Bis zum Morgan marschierten sie und warfen sich todmüde nieder. Unaufhörlich strömte der Nachtregen auf die ermatteten Soldaten und verwandelte Biwak und Gelände in Sumpf und Morast. Als sich der Hein beim Morgengrauen erhob, klebten ihm die nassen Kleider auf dem Leibe fest, und die Stiefel waren schwer von der lehmigen Erde. Noch ruhte das Lager. Und der Hein stand still auf seinem Platz und blickte gen Osten und dachte an Sibylle und ihre Liebe.

Die Schläfer erwachten, betasteten sich und fluchten auf den Regen. Der Morgen bekam Stimmen, und es summte und rasselte an allen Enden. Zuweilen aber trat jähe Stille ein. Als ob die Armee von demselben Gedanken erfaßt sei und mit allen Sinnen hinaushorchte nach Wellingtons Kanonen. Adjutanten sprengten einher. Die Korps erhielten die Befehle, anzutreten. Und in dem sintflutartigen Regen wurde der Marsch zum Entsatz Wellingtons begonnen.

Alle Müdigkeit war vergessen, und sie mußte vergessen sein. Kanonen und Geschützwagen blieben im Moraste stecken, und die Soldaten eilten herbei und griffen mit Anspannung aller Kräfte in die Speichen. Ihre Kleider dampften, und ihre Gesichter waren rot und schweißnaß. Nach Stunden drohten sie zusammenzusinken unter den übermenschlichen Anstrengungen. Aber sie bissen die Zähne zusammen und arbeiteten sich weiter um ihres Führers willen.

Die Höhen wurden erreicht. Da lag das Schlachtfeld. Unübersehbar fast in seiner gewaltigen Ausdehnung, von Wellington mit der Mauer der Hannoveraner und Braunschweiger, Engländer und Niederländer gehalten, von den Franzosen in tollkühnen Anläufen gestürmt. Bei dem Gehöft Belle-Alliance hielt der Kaiser. Seine Garden um ihn her.

Furchtbar wütet das französische Geschützfeuer in der britischen Aufstellung. Reitermassen brechen vor, überreiten die englischen Batterien, durchbrechen die Mauer des Fußvolks, werden vom Gewehrfeuer zurückgeworfen, sammeln sich und brechen von neuem in die Mauer ein. Und wieder – und wieder. Noch hält die Mauer stand, aber gähnende Lücken klaffen, nur von Leichen ausgefüllt. Napoleon befiehlt, die Mauer einzureißen. Er will zu Ende kommen. Zehntausend Reiter werfen sich auf die Verteidiger. Jedes Bataillon kämpft für sich. Mit dem Mut der Verzweiflung. Und noch einmal werden die Reiterscharen zu ihrem Herrn zurückgejagt. Da nimmt die französische Infanterie das Vorwerk LaHaye. Der Rückzug scheint unvermeidlich. Wellington aber beharrt. »Blücher oder die Nacht. Blücher oder die Nacht.«

Fünf Uhr nachmittags ist es. Da bricht Blücher aus dem Wald, in den Rücken der französischen Schlachtlinie, und wirft sich auf das Dorf Plancenoit. Jeder Mann im Glied fühlt, daß es um ein Ungeheures geht, daß der Kaiser zwischen zwei Feuern festsitzt, wenn das Dorf genommen ist. »Vorwärts!« ruft der Feldmarschall, und die Offiziere rufen es und die Leute. »Vorwärts!« Ein französisches Korps eilt im Sturmschritt der gefährdeten Stelle zu. Die Preußen suchen ihm zuvorzukommen. Der Hein fühlt das Blut in den Schläfen toben, als ob ihm die Adern bersten wollten. Kaum weiß er noch, wo er geht und steht, klettert und springt. Aber unaufhaltsam, wie aus einem rasselnden Uhrwerk heraus, feuert er seine Leute an, die keinen Schritt zurückbleiben. Im Dorf wogt der Kampf. Jetzt wogt er wieder draußen. Wieder stürmt man mit dem Bajonett durch die Dorfgassen – wieder feuert man zurückweichend in die Nachdrängenden. Ein Ringkampf, der Stunden dauert und die Erde mit Menschenleibern düngt. Bei Belle-Alliance aber hält der Kaiser und ruft seine Garden auf, zum letzten Sturm auf Wellingtons Mauer. Es muß Luft geschafft werden, um der Erstickung zu entgehen. Und die Kaisergarde stürmt mit Todesverachtung vor und durchbricht die Mitte der Mauer, ob auch die Hälfte der Leute erschossen vor ihr liegen bleibt. Da eilt Blüchers General Zieten Wellington zu Hilfe, und die Torflügel der lebenden Mauer schließen sich über die Mitte zusammen und zermalmen, was zwischen sie gerät. Vergebens sucht Marschall Ney die Zurücktaumelnden zu halten. In wilder Flucht stieben sie über das Schlachtfeld, von dem Hurra der Befreiten verfolgt. Und nun haben die Preußen auch Plancenoit und packen die Verzweifelten im Rücken, und die preußischen Batterien jagen sie auseinander und vor sich her. In der Ferne rast Napoleon, tief auf sein Pferd gebückt, in die Nacht. –

Und durch die Nacht geht die wilde, Jagd unter Hörnergeschmetter und Trommelwirbel, von Ortschaft zu Ortschaft, durch Äcker und Wälder hinter den Flüchtenden her. Aus Kornfeldern und Dörfern, aus Ackerfurchen und Biwaks werden sie im Mondlicht aufgestöbert, und niedergehauen wird, was nicht die Waffen streckt. –

Ein neuer Tag brach an. Napoleon und das bonapartistische Frankreich war nicht mehr. –

Noch immer standen die Heere der Russen und Österreicher am Rhein, und die drei verbündeten Monarchen waren bei ihnen. Blücher aber zauderte nicht. In Gewaltmärschen erreichte er Paris, und in drei Tagen vollzog er in kühnem Wagnis die Umgehung der stark verteidigten Stadt und befahl die Erstürmung. Die Übergabe erfolgte. Die Preußen rückten ein.

Der Hein ging langsam und verträumt durch die Straßen von Paris. Noch stärker als bisher stand das Bild Sibylles in dieser Stadt vor ihm, und ein leidenschaftlicher Drang und Hang nach dem Frieden der Erntetage überkam ihn und erfüllte ihn.

Noch lagen sie weit in der Ferne. Der Sommer ging hin, und das Herbstlaub blutete von den Bäumen. Da endlich traf wie eine Erlösung der Befehl zur Heimkehr ein.

Im November langte der Hein über Aachen am Rheine an. Er ritt auf seinem Pferd; das er aus den Beutepferden billig erstanden hatte, den Strom hinauf, und vor ihm reckte sich die Kette der Sieben Berge in den Abendhimmel. Wie alle die Ortschaften, die er jetzt durchritt, zu ihm sprachen! Mit Stimmen der Kindheit und mit Stimmen der Heimat! Dollendorf und Königswinter, Rhöndorf und Honnef! Und dort – jetzt schon von dunkler Nacht überschattet – Rheinbreitbach.

Das Dorf schlief fest, als die Hufe seines Pferdes auf den Steinen klapperten. Er lenkte es in die Gasse ein, die zur Burg führte. Da stand das alte und wetterfeste Gemäuer, wie es seit Jahrhunderten gestanden hatte, und droben, im Schlafzimmer Sibylles, brannte ein Licht und wies den Weg.

Sie wird es jeden Abend für mich hingestellt haben, dachte der Hein und sprang vom Pferd. »Sibylle – –,« rief er leise zum Fenster hinauf. Oben klang eine Scheibe. Eine weiße Gestalt lehnte sich über die Brüstung. »Hein – Hein! Ich komme.« –

Das Pferd am Zaum, stand er und hielt den Atem an und horchte auf ihre eilenden Schritte. »Hein – Hein,« flüsterte sie, während sie den Schlüssel ins Torschloß stieß. Und dann rief sie seinen Namen mit aller Kraft und warf sich an ihres Mannes Brust.

»Du – du –,« murmelte der Hein unter ihren Lippen, »ich bring' dir so viel Liebe mit, daß wir alte Leute darüber werden müssen, um das alles zu erschöpfen.«

»Komm ins Haus ... Ach, du!«

Er legte den Arm um ihren Leib und führte sie. Und gewahrte, daß sie sich keine Zeit genommen hatte, um sich anzukleiden, und nur einen dünnen Mantel trug.

»Mädchen, du wirst dich erkälten. Geh schnell hinein. Ich verfehl' den Weg nicht.« Und er brachte sein Pferd in den Stall und folgte ihr.

Im Dunkel des Steinflurs umarmte sie ihn. Und er drückte seinen Kopf gegen ihre Brust.

»Das ist eine Heimkehr – – das ist Lohn genug.« –

Dann dachte er aufs neue an ihre Gesundheit und trieb, daß sie hinaufgingen, und blieb doch mit ihr auf jedem Treppenabsatz stehen, um sie zu küssen.

Von der Schwelle des Zimmers her, das der Vater bewohnte, stahl sich ein seiner Lichtschein.

»Er ist aufgewacht,« flüsterte der Hein.

»Er hält sich ganz still, um uns nicht die Freude zu nehmen, Hein.«

Sie sahen sich an, und die Sibylle strich ihm über die Augen und huschte die Treppe hinauf. Da ging der Hein auf das Zimmer des Vaters zu, klopfte an die Tür und öffnete.

Der Alte von der Burg saß aufrecht in seinem Bett, Bart und Haar schneeweiß und die Augen groß und klar. Sein Gesicht strahlte, als er den Sohn gewahrte, und seine Hände streckten sich ihm entgegen. »Hein! Da bist du wieder.«

»Vater! Daß ich dich wiedersehe ...«

Und er saß auf dem Rand des Bettes, und hielt den Arm um ihn geschlungen, und sie sprachen beide lange nicht.

Dann sagte der Vater: »Die Sibylle wartet. Grüße sie.«

»Ja – die Sibylle.«

Und er erhob sich mit stillglänzenden Augen, nickte dem Vater zu und löschte das Licht. Durch das Treppenhaus fiel von oben ein heller Schein. Die Lampe Sibylles wies den Weg. Ganz feierlich war ihm, als er zu ihr ging. –

Blank lag die Novembersonne über dem alten Haus, als der Hein, die Sibylle am Arm, durch den gewölbten Steingang schritt. Die Tür zum Eßzimmer war mit Tannengirlanden geschmückt und den immergrünen Zweigen des Lebensbaumes. Das hatte der Joseph getan, der am Morgen das fremde Pferd im Stall entdeckt hatte und spornstreichs zu seinem alten Herrn gelaufen war. Nun harrte er mit Frau und Sohn und der alten Barbara des Wiedersehens und stürmte auf den Hein los und begrüßte ihn so heftig und so lange, daß er die festlich aufgeputzten Seinen darüber vergaß.

»Ganz heil un bei gode Gesundheit? Nix kapot an Hätz un Liev? Un in Paris sit 'r och widder gewese? Gott, wor dat löstig, als ich do et Sibyllche us der Stadt bugsiere däht; un ich ömmer denke moßt: vom Hein kriegen ich Ohrfiege, wann ich ohne et Sibyllche kumm. Äwwer ich däht dat noch emol, un akkurat so.«

»Nun, und das Rikchen?«

»Do steit et, un es an Brutesse gewennt.«

»Und der kleine Joseph?«

»Kumm her un maach Dienerchen. Da Jung es esu schlau, dä süht dörch en Brett, wann e Loch drenn es. Gelle, Jusephche?«

»Und die alte Barbara? Guten Tag, Barbara. Da lassen Sie den Joseph schwätzen und sagen kein Sterbenswörtchen.«

Die Achtzigjährige lachte und kniff ein Auge.

»Schwätze kütt von Natur, äwwer schwiege von Verstand.« Und sie begrüßte ihn mit herzhaftem Händedruck.

Im ganzen Dorf wußte man es schon, daß der Hein zurückgekehrt sei, und der alte Schmitz erschien als erster, um ihn zur Heimkehr zu beglückwünschen. »Jung, mir hat dat alte Herz im Leib gelacht über dat forsche Vorgehen. In drei Wochen 'nen ganzen Feldzug erledigen un aus der Weltgeschicht die Fälschunge erauskorrigiere, dat soll mal einer nachmaache. Na ja, wat dann nachher kam, als die Federfuchser in Paris eingerückt waren, dat war nit mehr schön. Aber mr wollen nu Gott danken, dat et vorbei is.«

»Ja, das wollen wir, Onkel Schmitz. Ein Krieg ist etwas anderes, als es in den Liederbüchern steht.«

Die Sibylle drückte sich fester an ihn. »Sprich nicht mehr davon.«

»Nein, nein. Das soll hinter uns liegen. Und was vor uns liegt, das ist die Gesundung und der Friede nach getaner Arbeit.«

Am Nachmittag nahm der Alte den Sohn mit auf sein Zimmer und legte ihm die Bücher vor.

»Weshalb das, Vater?«

»Weil ich den Feierabend genießen will, indem ich dir zuschaue, dir und der Sibylle. Und weil ich mich an deinem festen Gang freuen will und an dem neuen Leben, das mit euch in der alten Burg einzieht. Wollte ich mitlaufen, so würde es ein Hinterherhumpeln sein. Sitze ich aber still, so werde ich in euern Augen immer der sein, der ich war und den ihr im Gedächtnis tragt, und es wird euch eine liebe Gewohnheit bleiben, meinen Rat zu hören.«

Und er blätterte in den Büchern und wies dem Hein den Besitz nach Haus und Garten und Weinbergen und Äckern. »Der Keller liegt voll guter Fuder, und auch du wirst den edlen Weinbau nie anders betreiben, als was er ist, als Gottesdienst zur Erquickung der Menschen.«

»So hast du es mich gelehrt, Vater, du und der alte Schmitz, als ich noch ein Knabe war und die erste Weinbergshacke führte.«

»Ja, Hein, es waren schwere Zeiten, aber von dem freien Platz aus betrachtet, den wir uns gewonnen haben, doch schöne und unvergeßliche Zeiten. Ich lehrte euch und lernte selber dadurch. Eine bessere Lebensschule gibt es wohl nicht. Und nun, mein Junge, bist du der Herr. Ich habe die Burg und den gesamten Besitz auf dich und Sibylle überschreiben lassen, mit Ausnahme einer Summe, die nach meinem Tod dem Barthel und der Maria zufallen soll. So denke ich denn alles zum besten geordnet zu haben und wünsche dir Glück zum Beginn.«

Der Hein stand vor ihm und hatte seine Hände auf den Schultern des Vaters liegen.

»Du bist mir zeitlebens mehr als ein Vater gewesen. Vater und Mutter zugleich. Ich habe ein gutes Gedächtnis, Vater.«

In seinen Blicken war es wie ein Erkennen.

Und der Hein ging und suchte Sibylle auf, und er fand sie im Garten.

Schweigend nahm er ihren Arm, und schweigend schritten sie durch die Gänge. Aber ihre Gedanken waren eng beieinander.

So kamen sie wieder an das Haus und gingen hinein und blickten in alle Räume. Und es war ihnen, als sähen sie alle die Geschlechter, die vor ihnen seit Jahrhunderten hier aus und ein gegangen waren mit ihren Sorgen und Freuden, ihrem stürmischen Planen und ihrer stillen Abendsehnsucht, in langer Reihe mit sich ziehen und sie grüßen als neues Reis am alten Stamm. Am Stamm des Menschheitsbaumes.

Langsam gingen sie die Stiege hinauf, die zum Turm führte, und auf der Plattform standen sie eng umschlungen und blickten über die Zinnen in das deutsche Land, auf den deutschen Rhein.

»Heimat – –!« sagten sie beide.

Und waren erfüllt von Erinnerungen und Zukunftsträumen.

»Sibylle?«

»Hein,« sagte die Sibylle, »wenn ich dir um die Weihnachtszeit einen Sohn schenke, und wir tragen ihn zum ersten Male hinaus in den Sonnenschein, dann wollen wir ihn zuerst auf diesen Turm tragen, damit seine Seele von Anbeginn an dies Land lieben lernt.«

»Und seine Mutter.«

»Uns beide, Hein. Wenn er mich liebt, liebt er dich in mir.«

»Ich hoffe, er wird Brüder und Schwestern erhalten, Sibylle.«

»Ja, Hein.«

»Wenn wir sie lehren, lernen wir selber, sagt der Vater. Das ist das große Geheimnis der Lebensschule, das sich mit den Kindern offenbart. Wir stehen jetzt vor der Pforte, Sibylle.«

»Hier sollen immerdar Deutsche erzogen werden.«

»Und wenn sie hinaus müssen ins Leben, sollen sie nicht anders hinausziehen, als dem Deutschtum zur Ehre.«

»Hein, wir werden ihre Eltern sein.« –

Und sie standen eng aneinandergeschmiegt, dieselben Gedanken im Herzen, und blickten Haupt an Haupt über die Zinnen hinaus in das deutsche Land, auf den deutschen Rhein. – – – –

 

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart

 

*

 

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