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Die Burgkinder

Rudolf Herzog: Die Burgkinder - Kapitel 18
Quellenangabe
authorRudolf Herzog
titleDie Burgkinder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun256.-275. Tausend
year1923
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid20aedb08
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XVI

In der Neujahrsnacht, in der der Alte von der Burg mit dem Landsturm nach Bonn marschiert war, setzte Blüchers »Schlesische Armee« bei Caub über den heiß umstrittenen vaterländischen Strom. Der Rhein führte Grundeis und treibende Schollen. Aber Blüchers feuriges Ungestüm trieb die Russen an, ihre Leinwandkähne in den Strom zu bringen und, die Pfalzinsel als Stützpunkt, die Brücke hinüber zu schlagen. Von dem Rheinstädtchen Lorch aus nahten im Dunkel der Nacht die Kähne der Rheinschiffer, die geheimnisvoll ihre Fahrten begannen und Abteilungen der Infanterie ans andere Ufer setzten.

Von der Tiefe der Stimmung erfaßt, standen Barthel und Hein im Nachen. Behutsam griffen die Ruder in die dunklen Wasser und trieben sie mit starkem Stoß hinter das Boot, das unhörbar hinüberglitt. Die Blicke der beiden Männer suchten in der Dunkelheit stromab, wo sie die Heimat wußten. Dann richteten sie sich geradeaus, dem aufdämmernden Ufer zu.

Feindesland ... Nur noch für Stunden, für wenige Tage höchstens, und der Rhein war frei.

Die Vorhut war gelandet. Ein Atemzug der Spannung. Und mit Hurra warfen sich die ersten Truppen nach rechts und links auf die Uferstraße, überrumpelten die französischen Vorposten und jagten die herbeieilenden französischen Abteilungen auseinander. Auf Flößen folgten die ersten Geschütze und ein paar Schwadronen, die sofort die Aufklärung übernahmen. Die Brücke riß und wurde mit Aufbietung aller Kräfte neu gekoppelt. Am Mittag sollte sie fertig sein. Aber es wurde Abend und wieder Morgen, bis die Masse des Korps hinüber konnte. Nur die Rheinschiffer hielten unermüdlich die Verbindung aufrecht, und die sehnigen Männer, die in der Kirche zu Caub einen Eid abgelegt hatten, brachten in heißer Arbeit mehr als viertausend hinüber.

Und vorwärts ging der Marsch; nach Frankreich hinein.

Hein und Barthel standen bei Blüchers Vorhut. Sie marschierten auf Brienne, und der Hein erzählte seinen Soldaten, daß in dieser Stadt Napoleon als junger Leutnant die Kriegswissenschaft studiert habe, und Blücher nun mit ihm »Examen« abhalten wolle. Der erste große Sieg in Feindesland wurde erfochten.

»Wir marschieren allein,« sagte der Hein, als Blücher den Diplomaten entronnen war. »Der Schwarzenberg hält seine Österreicher zurück. Es können heiße Tage werden.«

»Wenn wir nur marschieren,« gab der Barthel zur Antwort.

Bis Vauchamps kamen sie mit der Vorhut. Sie glaubten den Kaiser im Anrücken gegen Schwarzenbergs Hauptarmee, und niemand wußte von den Niederlagen der von ihnen getrennt marschierenden Korps. Da griff der Kaiser ungestüm an, warf die Infanterie aus Vauchamps heraus und ließ sie durch seine Kavalleriemassen zusammenreiten. Blücher nahm die Zurückweichenden auf. Aber bevor er zum Gegenstoß ausholen konnte, erfuhr er, daß seine Flanken entblößt seien. Es galt, den schützenden Wald von Etoges zu erreichen.

Die Bataillone bildeten Vierecke, die Reiterei, immer zum Wenden und Vorstürmen bereit, zwischen sich. Drei Stunden weit war der Weg zum Wald. Zwischen zwei Feuer genommen, unablässig von anstürmender Kavallerie angegriffen, mußten sich die Truppen rückwärts bewegen. Verzweifelt und von der Wut fast erstickt, überblickte der Führer die Niederlage, die ihm allen Lorbeer des Feldzuges rauben wollte. Mit Kartätschen feuerte die feindliche Artillerie in die Kolonnen hinein, neue Kavalleriemassen erschienen, und die Reiter, die sich ihnen entgegenwarfen, wurden auseinandergesprengt. Nun aber hatte Blücher sich wiedergefunden.

»Durch! Durch!«

Die Vierecke setzten sich in Bewegung. Ernst und gefaßt, den Tod vor Augen und in ihren Reihen. In einem der Vierecke marschierte der Barthel nicht weit vom Hein. Eine Kugel hatte ihm den Helm vom Kopf geworfen und ihm die Stirn blutig gerissen. Der Hein sah es und winkte ihm zu. Da schlug ihm eine Kugel den Säbel über dem Korb aus der Hand, und er bückte sich und nahm das Gewehr eines Gefallenen auf. »Nichts, nichts!« rief er dem Barthel zu, als unter erneutem Artilleriefeuer die Leute reihenweise zusammenbrachen und die Nachrückenden bleich und mit zitternden Schultern Fühlung mit dem neuen Nebenmann suchten.

»Nicht stehen bleiben! Nicht stehen bleiben! Marsch fortsetzen! Marsch!«

Und mit einem Male begann der große Barthel ein Lied. Ruhig fortschreitend, das blutgefärbte Gesicht geradeaus gerichtet, sang er aus tiefster Brust.

»Vater, ich rufe dich!
Brüllend umwölkt mich der Dampf der Geschütze ...«

Die alten Soldaten griffen es auf. Die Jungen sangen es nach. Die Trommler wirbelten die Schlegel, und die Musik setzte ein. Die Russen in den anderen Vierecken horchten auf – dann begannen auch sie ein Lied. Da schlugen die Pulse ruhiger, und die Farbe kehrte auf den Gesichtern zurück.

»Lenker der Schlachten, ich rufe dich!
Vater, du führe mich!«

Das ganze Korps sang und marschierte. Schon war der Wald in Sicht. Da sperrte eine unabsehbare Reitermasse die Straße. Zu einem einzigen Viereck zog Blücher die Bataillone zusammen. Im Galopp ließ er die beiden Geschütze, die er noch bei sich führte, vorgehen und mit Kartätschen Bresche schießen. »Salve!« schrien die Generale den Grenadieren zu. Die krachte aus nächster Nähe in den Feind, und die Offiziere voran, Blücher mit geschwungenem Säbel an der Spitze, werfen sich die Bataillone gegen die lebende Mauer, reißen sie nieder, schlagen sie mit Kolben ein, durchbrechen sie, werfen sie nach links und rechts auseinander – erreichen mit letzter Kraft den Wald, machen Front, nehmen die letzten Truppen auf und marschieren tiefaufatmend in das schützende Dunkel.

Weiter, weiter, bis Bergères.

Und wieder weiter, vor Tagesanbruch durch die Ebene von Chalons. Und in Chalons das Sammeln. – –

Im Lager von Chalons lagen der Barthel und der Hein auf ihren Strohbündeln und starrten nach dem Sternenhimmel.

»Hast du Schmerzen?« fragte der Hein.

»Ach was. Der kleine Aderlaß ist gut für das dicke Blut. Und du?«

»Ich habe arge Schmerzen, Barthel. Beinahe so arge wie der Feldmarschall.«

»Ist er denn verwundet? Ich habe nichts gesehen.«

»Die Wunde sitzt tiefer. Und sie heißt: von Paris zurückgeschlagen. So heißt auch die meine. Wieder von Paris entfernt.«

»Ja,« sagte der Barthel und regte sich nicht, »die Wunde spür' ich auch. Aber der Feldmarschall und du – ihr erwartet in Paris die Heilung. Ich aber erfahre dort vielleicht nur, daß ich die Wunde für mein ganzes Leben behalten muß.«

Sie lagen eine Weile schweigsam. Und um sie her war die Unruhe und der Lärm des Lagers.

Und unter französischem Sternenhimmel, im Stroh des Lagers, von der Winterkälte angehaucht und vom Gerassel der Waffen oft übertönt, begann der Barthel von daheim zu erzählen, von dem Frieden der Burg, von Marias Walten auf der Burg, von seines Kindes Gedeihen und dem eigenen Wiedererwachen zur Lebensfreude. »Sie tut gar nichts Besonderes dazu, die Maria,« erzählte er, »sie verrichtet alle Dinge still und geschäftig, aber das ist es, daß man spürt, sie tut das alles – nicht für sich. Sie tut das alles – für die anderen. Und zu den anderen zählte auch ich. Wann hätte ich das in Köln je empfunden. Das ist wie eine weiche Hand, die einem über die Stirn streicht. Und ich fühle die Hand Tag und Nacht. Und weiß, ich kann sie nicht mehr missen. Denn ich habe sie lieb.«

»Und – Maria?« fragte der Hein. »Hast du mit ihr gesprochen?«

»Ich bin ja noch verheiratet, Hein. Und wer sagt mir, daß ich es nicht bleiben muß.«

»Sibylle ist auch verheiratet. Und ich – hörst du – ich sage es, daß sie es nicht bleiben wird. Aus dem gleichen Grund fragte ich, ob du mit Maria gesprochen hast. Junge, man sieht die Welt mit ganz anderen Augen an und glaubt an die Unsterblichkeit.«

Der Barthel sann in den Sternenhimmel. »Man braucht wohl nicht immer alles in Worten zu sagen. Aber ich habe gesehen, wie sie mein Kind küßt. Und wenn ich am Abend bei ihr saß, und wir waren allein, spürte ich wohl auch, wie ihr Wesen sich entfaltete, und wir sprachen doch nicht viel und gewiß nichts, was nicht jeder hätte hören dürfen.«

Und nach einer Weile fuhr er fort: »Ich bin kein Frauenkenner, nein, das nicht. Aber diese Frau kenn' ich, weil sie keine Rätsel hat und auch keine haben will. Und deshalb fühle ich mich als Mann so sicher ihr gegenüber und so dankbar zugleich. Denn meine Kunst, Rätsel zu lösen, ist nicht weit her, mein guter Hein, und jedes Kind kann mich betrügen.«

»Weil du selber ein reiner Mensch bist, Barthel.«

»Wir wollen nichts beschönigen. Weil ich in der Frau eine Heilige sehe, wie ich sie mir in meinen Bildern zurechtträume, und weil ich es nicht ertragen kann, daß sich meine Heilige in ein zänkisches Weib verwandelt. Es ist Schwäche, Hein, nur Schwäche – nicht Reinheit.« Der Hein dachte nach. »Die Frauen sind sich wohl so wenig gleich wie die Männer. Es gibt Frauen, die wie Mütter sind, und Frauen, die ihr Leben lang verwöhnte Kinder bleiben wollen. Und den einen Männern ist dies recht und den anderen jenes. Vielleicht – vielleicht ist das schönste die Gemeinsamkeit von Mutter und Kind, die Frau, die uns so liebt, daß sie je nach der Stunde beides zu sein vermag und – je nach dem Manne. Der Mann ist nicht nur seines Glückes Schmied, er bestimmt auch das Geschick seiner Frau, und sie das seine.«

Todmüde von den Schlachttagen, auf fremder Erde und von Feinden umgeben, lagen die beiden Männer, blickten zum Sternenhimmel auf und ergingen sich in Betrachtungen über die Liebe und die Frauen. Patrouillen zogen vorüber. Pferde schnaubten und wieherten in der Winternacht. Hochbeladene Wagen rollten und rasselten durch die Gassen. Sie hörten nichts. Sie hörten nur sehnsüchtige Stimmen in der Ferne, und ihre eigenen waren auch darunter.

Dann kam ein Mann und suchte die Lagerstätten ab. Wo er hinkam, streute er nur ein paar Worte aus, und Gelächter lief hinter ihm her. Jetzt beugte er sich über die stillen Schwärmer, schüttelte den Kopf und meinte: »Müßiggang es aller Laster Anfang, der Tugend Undergangk un des Düvels Schlofbank. Un ich kann mech de Bein en de Liev laufe.«

»Der Joseph!« riefen zwei Stimmen zugleich.

»Jawol, der Juseph. Ich renn als zwei Dag met de Troßknächt hinger euch her, äwwer wer denkt och, dat die Blücherschen esu laufe könne. Mr wore doch bereits halvwegs Paris? Do werd mer doch de Sach nit leid?«

»Joseph,« sagte der Hein, »hast du was zu trinken? So einen richtigen Seelenwärmer, mein' ich.«

Der Joseph bastelte seine Schnapsflasche heraus und sah zu, wie das Feuerwasser die Kehlen hinabrann. »Dat gläuv ich ömesöns,« meinte er, und nickte ihnen aufmunternd zu, »en Schluck us der Pulle schmeck' besser als die schönste Franzusewichs. Un is vill bekömmlicher.«

»Joseph, an dir ist ein Seelsorger verloren gegangen. Aber es ist doch gut, daß du wieder da bist.«

»Wer der Schaden hät, dä bruch för der Spott nit zo sorge. Äwwer jetz vernönftig. Ich han en Dudesangs usgestande, un ich sin heilfroh, dat mr lebendig widder beisamme sin. Dem Napoleon es doch verdammt nit zo traue, un warraftig, do hat der Här Barthel richtig singe Loch em Kopp.«

»Es ist nicht so gefährlich, Joseph. Nur ein Streifschuß.«

Aber der Joseph ließ sich nicht hindern, die Wunde kunstgerecht zu untersuchen. »Wat ene Gärtner es, dat es ene halve Dokter. Un Blome han esu e zart Lievche, we nor ene Minsch han kann.« Er holte Wasser und wusch die Wunde vorsichtig aus, machte mit einem sauberen Tuch einen Wickelverband und gebot Ruhe. »Ich schriewen et sons no Hus, Här Barthel.«

Das half. Und der Branntwein hatte auch geholfen. Die Männer schlossen die Augen und schlummerten in ihre Träume hinüber. – –

Eine trübe Stimmung schlich durch das Blüchersche Heer. Der alte Zögerer Schwarzenberg hatte mit der Hauptarmee den Rückzug angetreten, als Napoleon seine Vortruppen zurückgeworfen hatte, und Blücher war von ihm aufgefordert worden, zu ihm zu stoßen. Die Heere der Verbündeten, obschon doppelt so stark wie das des Kaisers, sollten zurück. Der geringste Soldat empfand die Schmach, und Blücher, bis zur Raserei gereizt, dachte an offene Rebellion, als der Kaiser von Rußland und der König von Preußen auf seine Seite traten und ihm erlaubten, aufs neue den Marsch auf Paris anzutreten.

Durch schneebedeckte Ebenen und sumpfiges Flußgelände marschierten der Barthel und der Hein. Ihre Leute liefen in zerlumpten Uniformen und waren schlecht genährt. Aber sie hatten eine Scharte auszuwetzen und gingen verbissen drauf los. Bei Soissons stieß Bülow mit seinen Preußen und Wintzingerode mit seinen Russen zum Blücherschen Heer. Einhundertzehntausend Mann waren beisammen und fünfhundert Kanonen. Napoleon aber hatte sich von Schwarzenberg abgewandt und war ihnen dicht auf den Fersen. Auf der Hochebene von Craonne erhielt er Fühlung mit den Russen Wintzingerodes und drängte sie in blutigem Ringen zurück. Aber der Sieg hatte ihn doppelt so viel Opfer gekostet als den Gegner, und er mußte am nächsten Tage wieder schlagen, um ihn nützen zu können. Bei Laon griff er Blücher so heftig an, daß der Tag unter Eroberungen und Wiedereinnahmen gewonnener und verlorener Positionen verstrich und die Nacht hereinbrach. Da sandte Blücher an Yorck den Befehl, mit dem Korps Bülow gemeinsam zum Nachtangriff vorzugehen.

Totenstille herrschte. Der Sternenhimmel gab nur schwaches Licht. Aber durch die Nacht blinkten die französischen Lagerfeuer und wiesen den Weg. Und geräuschlos traten die Regimenter an. Der Barthel und der Hein formierten ihre Züge. Flüsternd wiederholten sie ihren Leuten die Befehle: »Kein Wort sprechen. Keinen Lärm machen. Keinen Schuß abgeben. Die Waffe ist das Bajonett.«

»Marsch!«

Ohne gesehen und gehört zu werden, rückten die Sturmkolonnen bis vor das Dorf Athies, hinter dem sich das französische Lager erstreckte. Nun galt es! Und im Ansturm wurde das Dorf genommen, durchrast und unter wildem Trommelwirbel und Hörnergeschrei mit gellendem Hurra in die Biwaks hinein!

»Zu den Waffen! Zu den Waffen, Franzosen!«

An den Kochtöpfen wurden sie niedergestoßen, auf ihren Strohbündeln wurden sie mit den Kolben zermalmt. Was sich auf die Pferde warf, wurde heruntergerissen und unter die Füße getreten. Vor einem niedergebrochenen Zelt rang der Barthel mit einem französischen Oberst. Der Hein schlug links und rechts mit der Klinge drein, um dem Bruder zur Hilfe zu kommen. »Schon erledigt!« schrie ihm der Barthel mit verzerrtem Gesicht entgegen, brachte seinen Hals aus den umklammernden Fäusten des Franzosen los, hob den Mann jäh empor und schleuderte ihn rücklings gegen die Pfosten des Zeltes.

»Du oder ich!« stöhnte er und warf sich aufs neue in das Gewühl und in die Finsternis.

Der Hein lachte erregt hinter ihm her. »Drauf, Jungens!« feuerte er seine Leute an. »Mit dem Bajonett auf die Kanoniere! Stopft den Kanonen das Maul!« Und hinein ging's in die Batterie, und was nicht vor dem Bajonett fiel, wurde mit den Armen umklammert, und es war ein Ringen Brust gegen Brust zwischen den Rädern und Lafetten, ein stöhnendes Aufbegehren, ein heiserer Aufschrei durch die dunkle Nacht, ein Krachen und Splittern – und sekundenlang Stille.

»Vorwärts, vorwärts!« schrie der Hein. »Wir haben sie! Hierher, Leute! In die nächste Batterie! Drauf!«

Ein furchtbares Chaos herrschte. Aber vorwärts ging's. Auf allen vieren oft. Zwischen den Leibern der Verwundeten und Toten hindurch. Der Tag von Etoges war gerächt.

Der Hein und der Barthel hatten sich im Dunkel der Nacht wiedergefunden. Sie brachten ihre Leute unter und warfen sich todmatt auf den Boden. »Gott sei Dank, daß wir noch beisammen sind.«

»Ich habe nur an Sibylle gedacht,« stieß der Hein hervor, »und daß sie in Paris wartet.«

»Und ich,« sagte schweratmend der Barthel, »sah plötzlich mein Brigittchen auf Marias Arm.«

Dann sprachen sie nicht mehr. Mit gelösten Gliedern lagen sie, schlossen die Augen und rissen sie weit wieder auf, hoben die Arme und ließen sie schlaff wieder zurücksinken. Die Abspannung brachte keinen Schlaf. Das Blut wirbelte in den Adern und hämmerte in den Ohren.

Bei Tagesanbruch erhoben sie sich und reckten die müden Glieder. Aber als sie sich anblickten, war alle Müdigkeit vergessen. »Das war ein Sprung näher ans Ziel, Barthel.«

»Ja, Hein, das war ein Sprung näher ans Ziel.«

Ein Offizier eilte vorüber. Sie riefen ihn an. »Was wird? Geht's hinterher?«

»Der Feldmarschall ist schwer an den Augen erkrankt. Wir liegen still.« Der Hein knirschte mit den Zähnen. »Herrgott, weshalb jetzt? Weshalb der Aufschub? Wir haben ja noch Atem!«

»Beruhige dich,« sagte Barthel. »Der Herrgott hat uns ja auch diese Nacht erleben lassen.« –

Wenige Tage darauf standen die verbündeten Heere angesichts der Hauptstadt, die Napoleon mit Kurierpferden vergeblich zu erreichen getrachtet hatte.

»Wenn ich fallen sollte,« begann der Hein –

»Du fällst nicht,« sagte der Barthel.

»Ich wollte von Sibylle sprechen –«

»Du wirst mit ihr selber sprechen. Wir sind nicht nach Paris gekommen, um zu sterben, sondern um das Leben zu gewinnen.«

Der Hein hörte ihn verwundert an. »Der Feldzug hat Wunder bei dir gewirkt, alter Barthel.«

»Was Gott tut, das ist wohlgetan. Wenn er Deutschland errettet, weshalb sollte er mich übergehen?«

»Du hast recht,« sagte der Hein ernst. »Und ich denke nicht anders von ihm.«

Rings um sie her fuhren die Geschütze in ihre Stellungen ein. Die Kanonen des Montmartre wehrten ihnen die Straße. Aus allen Ortschaften feuerten die Franzosen auf die vordringenden Preußen und Russen. Dorf für Dorf mußte genommen werden – und Dorf für Dorf wurde genommen. Wütend über den letzten Widerstand drangen die Truppen vor und drängten die verzweifelnd Kämpfenden gegen die Barrieren der Stadt.

»Friede! Friede!«

Adjutanten sprengten heran und wehten mit den Tüchern.

»Friede! Waffenruhe!«

Aber die Truppen hatten den Sturm auf den Montmartre schon begonnen. Das Wort »Friede« in den Ohren, erklommen sie den Berg, erstürmten sie die Verschanzungen, jagten sie die Besatzung in alle Winde und richteten die drohenden Mäuler der schweren Geschütze in die Stadt hinein.

»Friede! Friede – Waffenruhe!«

Die Stürmer starrten in die Stadt hinein. Noch faßte ihr Hirn das Ungeheure nicht, das in den Worten lag. Sie starrten mit glühenden Augen in die Stadt, die sich zu ihren Füßen breitete, in die Stadt, aus der jahrzehntelang das Unheil in die Welt gezogen war, in die Stadt, die jetzt keinen Kaiser mehr anerkannte und ihre Schlüssel den Siegern schickte mit der Bitte um Gnade.

Da lag Paris – die Angel der Welt – aus den Angeln gehoben.

Und mit einem Male brach ein Schrei aus Tausenden von Kehlen, ein langanhaltender Schrei, der Jubel und Erlösung in eins war und in die Stadt eindrang und die Menschen erbeben machte.

»Friede – – –!«

Droben aber auf dem Montmartre lehnte der greise Blücher, von Augenschmerzen geplagt, an einem Geschützrohr und blickte durch sein Fernrohr ingrimmig auf die verhaßte Stadt.

Seine Soldaten bezogen Biwaks, wo sie standen und gingen. Die französischen Marschälle führten ihre Truppen aus der Hauptstadt heraus. Die Kaiserin war geflohen. Der vierjährige König von Rom war bei ihr.

Der große Barthel stand mit schwergefalteter Stirn. Er sah nicht das gewaltige Bild, das sich entrollte, er horchte nur in sich hinein, und es war ihm schwer und beklommen zu Sinn. Stimmen schrieen in ihm gegeneinander an, und er hörte die eigene nicht mehr heraus.

Mit leuchtenden Augen kam der Hein die Straße vom Montmartre herab. Er hatte sich mit anderen Kameraden hinaufgestohlen, weil er einen Blick auf Paris werfen mußte. Dort wartete sie – dort wartete Sibylle. »Morgen – morgen,« murmelte er. Und nun kehrte er zu seinem Bataillon zurück und suchte den Barthel auf und fand den sorgenerfüllten Mann.

»Morgen, Barthel, morgen!« rief er ihm aufmunternd zu und schüttelte ihm die Hände. »Mach ein anderes Gesicht! Morgen ziehen wir ein!«

»Solange wir kämpften,« sagte der Barthel ernst, trieb mich die Hoffnung, und nachher hatte mich wohl auch der Schlachtentaumel angesteckt, und ich schlug blindlings drauf los. Nun schreien die Leute: ›Friede!‹ und ich – ich bin nun glücklich so weit vorgedrungen, daß der Kampf seinen Anfang nehmen kann.«

»Mut, Alter, ich stehe neben dir.«

»Ja, Hein, ich werde dich wohl auch zu Hilfe rufen müssen. Gegen Männer habe ich ja nun ganz leidlich zu kämpfen gelernt. Aber der Taktik der Frauen bin ich nun einmal nicht gewachsen. Die erste schöne Lüge oder die ersten Tränen setzen mich außer Gefecht. Und ich muß stark bleiben.«

»Du wirst es auch. Denk an Maria.«

»Ich werde,« sagte der Barthel, »an die kleine Brigitte denken und nicht an mich. Das wird mehr helfen.«

Arm in Arm schritten sie durch die Lagergassen. Eine feierliche Freude lag auf allen Gesichtern, überall ertönten Heimatlieder.

Als sie zu ihrer Kompanie zurückkehrten, mit dieser feierlichen Freude im Herzen, fanden sie Joseph vor, der ihnen entgegenwinkte. Dem schnauzbärtigen Menschen standen die Tränen in den Augen. Er rannte auf sie zu und preßte ihnen mit aller Kraft die Hände.

»Friede,« stammelte er und brachte nichts anderes hervor.

»Bist du froh, Joseph, daß du zu deinem Rikchen kommst? Und zum kleinen Joseph und zur alten Barbara?«

»Ich sin bloß froh,« stammelte der Mann, »dat ich zom Här sage kann: Här, do sin dinge Junges widder.«

Er suchte in seinen Taschen. »Et sin Briefe do. Met der Feldpost soewe angekomme. Aha – hier!« Und er nestelte zwei Briefe hervor und übergab sie an Barthel und Hein. »Vom Vater!« sagte der Hein. »Von Maria,« sagte der Barthel.

»Ich well jet zo drinke hole gönn,« erklärte der Joseph. »Ich sin so drüch we Polver, un dat Schieße hät doch no emol opgehört. Leewer jet Nasses en et Liev als öm et Liev!« Und er schlug sich seitwärts zum Marketenderwagen.

Die beiden setzten sich an das Feuerchen, das sie aufgelockert hatten, und nahmen ihre Briefe vor. »Wir können sie uns vorlesen,« meinte der Barthel. »Die Maria schreibt so wenig Geheimnisse wie der Vater.«

Der Hein nickte und öffnete seinen Brief. Erst blickte er still auf die Schriftzüge, als böten sie zwischen den Zeilen einen besonderen Gruß, den er zuallernächst beantworten müßte. Dann las er.

»Mein lieber Sohn! Gott wird Euch lieben Kämpfer geschützt haben und uns allen ein frohes Wiedersehen vergönnen. Die Nachricht von der Schlacht bei Laon traf hier ein, und wir wissen Euch auf dem Marsch nach Paris. Vielleicht lest Ihr diese Zeilen schon am Lagerfeuer angesichts der feindlichen Hauptstadt. Dann mögt Ihr empfinden, daß ich bei Euch bin.

Nicht nur ich allein. Alle, die zur Burg gehören, begleiten Euch auf Schritt und Tritt, und wenn Ihr rastet, sind sie bei Euch im Lager und umgeben Euch mit ihrer Sorge. Ich glaubte Euch immer mit treuem Herzen zu lieben, aber seit Ihr fern seid und in Gefahren steht, seit dieser Zeit erst weiß ich, daß meine Liebe nicht groß genug war, seit dieser Zeit erst weiß ich ganz, daß ein Leben nichts ist und die Liebe alles. Mein lieber Hein und Du, mein lieber Barthel, jetzt, da Ihr Männer seid, möchte ich oft, Ihr wäret noch einmal Kinder, und ich dürfte noch einmal mein Erziehungswerk beginnen. Nicht, als ob ich nicht mit Euch zufrieden wäre. Nein, um meiner Liebe noch größeren Raum zu geben.

Hier ist der Schnee geschmolzen, und über den Feldern liegt ein Frühlingsahnen. Wir haben schon die Vorarbeiten begonnen und fassen kräftig an, denn es sind wenig Hilfskräfte vorhanden. Aber ich wünsche, daß alles in Flor und Blüte steht, wenn Ihr – was Gott fügen möge – heimkehrt, damit Euch die Heimat gefalle wie eine strahlende Braut, die zu lieben und festzuhalten es sich lohnt. Da auch Maria über die Kinder schreiben wird, so liegt mir nur ob, Euch die Grüße unseres Freundes Schmitz auszurichten, der nicht müde wird, seinen Freund Blücher mit dem Glas in der Hand zu feiern. Ihr werdet heiter darüber lachen. Aber ich sage Euch, selbst ein Feldmarschall kann stolz sein auf einen solchen Freund. Mir ist er wie ein Bruder, dieser urechte Rheinlandsohn.

Vor Paris werdet Ihr jetzt liegen, und ich weiß aus Euern Briefen, was für Euch Paris bedeutet. Nicht mit den gleichen Gefühlen werdet Ihr die schicksalsreiche Stadt betreten, aber Du, mein lieber Hein, der Du das Glück dort zu finden hoffst und deshalb mit leichterem Gepäck marschierst, Du wirst, wie ich Dich kenne, Deinem Bruder Barthel einen Teil seines schweren Gepäcks abnehmen und ihm die Stunden, denen er entgegengeht, erleichtern. Erst er, dann Du. So gleiche den Vorteil aus. Und der Barthel soll eingedenk sein, daß es Höheres gibt als Formen und Regeln. Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Aber über allem steht Gott selber, und er wird lächeln, wenn Ihr ihm mit Menschensatzungen kommt.

Denn man kann Menschensatzungen befolgen und Sünden begehen. Und kann Menschensatzungen überschreiten und das Heil der Seele gewinnen. Darüber laßt das Gewissen richten und nicht die Welt.

Seid getrost und froh, meine lieben Jungen. Und wie Ihr auch wiederkehren mögt, die Heimat erwartet Euch.«

Der Hein hatte geendet. Langsam hob er den Kopf und sah dem Barthel in die feuchten Augen.

»Junge,« sagte der Barthel, »Junge, um dieses Vaters willen – würde ich sogar – blindlings meine Überzeugung opfern. Ich fühl's ja heraus, daß er mir die Verantwortung abnehmen will. Ich fühl's ja heraus. Und ich – und ich –,« er sprang auf, »ich müßte ja ein Lebensstümper sein und bleiben, wenn ich von diesem Mann nicht mehr zu lernen vermöchte als von tausend starren und toten Gebräuchen.«

»Ja, Barthel.«

»Morgen – morgen werde ich sein Sohn sein.«

»Und ich auch, Barthel. Erst du, dann ich, schreibt der Vater. So werden wir zunächst Frau Josepha suchen.«

Der Barthel seufzte. Dann griff er hastig nach seinem Brief. »Was Maria schreibt?« Und er las stockend die Überschrift: »Mein lieber Barthel.«

»Hein, lies du,« sagte er und gab den Brief an Hein. »Ich werde nicht damit fertig.«

Der Hein sah den großen Menschen lächelnd an. Und dann las er.

»Mein lieber Barthel! Ich habe Dir nicht viel Neues zu berichten; aber daß hier alles beim alten geblieben ist, ist doch vielleicht das schönste. Brigittchen sitzt neben mir und will mir den Brief an den Vater diktieren, und ich habe ihr versprechen müssen, zu schreiben, daß sie große Sehnsucht hat. Was aber nicht hindert, daß sie sich eines gesunden Appetits und eines ebenso gesunden Schlafes erfreut und wie ein wilder Singvogel mit Johannes durch den Garten fliegt. Es ist für uns gut, daß wir die Kinder haben. Die Sorge um sie lenkt uns von anderen Sorgen ab, und wenn wir wirklich einmal ganz furchtsam sind, rufen wir die Kinder herbei und suchen in ihren Gesichtern nach bekannten Zügen. Das gibt neuen Mut – sagt der Vater.

Sage doch dem Joseph, daß es das Rikchen und daß es die alte Barbara nicht anders machen. Der kleine Joseph ist ein lieber kleiner Hanswurst, und die Großmutter ist besonders stolz auf ihn, weil der große Joseph als kleiner Joseph nicht anders gewesen wäre. Wir bilden hier nach wie vor eine Familie und teilen uns getreulich mit, was Ihr uns aus dem Felde schreibt. Zuweilen heult das Rikchen in den Schürzenzipfel, und dann tu' ich wohl auch mit, damit sie sich nicht so einsam fühlt.

Brigittchen trägt mir eine große, große Bitte auf. Und sie lautet: Komme bald wieder als der alte, liebe Papa. Und ich füge hinzu: Komme gesund an Leib und Seele.

Grüße den Hein. Und nimm in meinem Gruß den Gruß der Kinder. – Maria.«

Wieder wie nach der unglücklichen Schlacht von Etoges spannte sich ein Sternenhimmel über ihrem Lager. Aber heute philosophierten sie nicht über Liebe und Frauen, die Hände müde hinter dem Kopf verschränkt. Da lag Paris, das gewonnene Paris, und hier war die Heimat, in diesen Briefen war sie.

»Das Kind sitzt neben ihr, während sie schreibt,« sagte der Barthel und lachte aus großen und frohen Augen.

»Du mußt das Kind bald ablösen, Barthel.«

»Willst du spotten? Ach Mensch, komm her, ich geb' dir einen Kuß.«

»Bei dir muß ich wohl die Rolle des Kindes übernehmen?«

»Da kommt der Joseph! Joseph, Joseph, hierher! In diesem Brief steht, die alte Barbara versichere, daß dein kleiner Joseph gerade so ein kleiner lieber Hanswurst wäre, wie der große Joseph als kleiner Joseph. –«

»Här, dat sin mich zu ville Jusephs.«

Aber andächtig hörte er zu, als ihm der Barthel den ganzen Brief noch einmal vorlas, und zum Schluß räusperte er sich stark und schnitt Gesichter. »Mr soll de Frauen nit zo vill Unrääch' duhe. Se sin doch ene leckere Gesellschaff.«

»Dabei brauchst du doch nicht zu heulen?«

»Ich – heulen? O enee! Dat es bloß üvvertriebene Freud. Sons nix. Un hier hätt ich zwei Fläsch' ergattert.«

»Zieh die Pfropfen heraus. Fertig? Her damit. Und leg dich mit ins Stroh.«

Da lagen die drei von der Burg, und das alte Weinglas, das der Joseph aus der Rocktasche zog, machte die Runde, und sie ließen alle, von denen sie daheim erwartet wurden, an sich vorüberziehen und sprachen von jedem und vergaßen, daß Paris bezwungen zu ihren Füßen atmete, und hörten den Rhein rauschen und locken ...

Links und rechts lohten die Lagerfeuer, und viele Männer lagen wie sie heimattrunken, und die Russen sangen von der Wolga, und die Österreicher von der Donau, die Schwaben vom Neckar, und die drei von der Burg sangen vom Rhein.

»Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben,
Gesegnet sei der Rhein – – –«

Und alle die Heimatlieder drangen in die bezwungene Stadt, die schweratmend dem Morgen entgegenfieberte, und drangen zu dem Manne, der Millionen die Heimat vernichtet hatte, und der nun, selber ein Heimatloser, ein paar Meilen vor Paris im Posthause zu Juvisy am Fenster stand und in die Nacht hinausstarrte ...

*

 

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