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Die Burgkinder

Rudolf Herzog: Die Burgkinder - Kapitel 15
Quellenangabe
authorRudolf Herzog
titleDie Burgkinder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun256.-275. Tausend
year1923
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190711
projectid20aedb08
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XIII

»Jetzt oder nie,« rief der alte Schmitz und schwenkte ein Zeitungsblatt. »Aufgepaßt! Dat schickt mir en Geschäftsfreund aus dem Bergischen zwischen alten Fuhrmannsbriefen.«

»Was haben Sie, Schmitz?«

»Dat der König von Preußen nach Breslau übergesiedelt is, dat durften wir erfahren. Denn der schlaue Fuchs, der Hardenberg, hat den Franzosen weisgemacht, et handelte sich um 'ne Vergnügungsreise, un so hat er seinen Herrn glücklich aus dem Bereich der französischen Bajonette herausgebracht. Aber dat der Major von Lützow bereits Freiwilligenkorps bildet, dat Rußland un Preußen ein Schutz- und Trutzbündnis geschlossen haben, um Europa freizumachen, dat die Franzosen Berlin geräumt haben, un der Kaiser Alexander von Rußland in Breslau eingezogen is – mit einem Wort: dat – dat – jawoll, dat der Krieg erklärt is, dat muß mer am Rhein erst auf Umwegen erfahren.«

»Endlich ...« sagte der Alte von der Burg aus tiefster Seele heraus.

»Un hier,« rief der alte Schmitz und klopfte auf das Zeitungsblatt, »un hier is der Aufruf des Königs von Preußen an sein Volk un sein Kriegsheer.« Er hielt das Blatt von sich und las mit erhobener Stimme:

»Aufruf an mein Volk und an mein Kriegsheer! Brandenburger, Preußen, Schlesier, Pommern, Litauer. Ihr wißt, was ihr seit fast sieben Jahren erduldet habt. Ihr wißt, was euer trauriges Los ist, wenn wir den beginnenden Kampf nicht ehrenvoll enden. Erinnert euch an die Vorzeit, an den Großen Kurfürsten, an den Großen Friedrich! Es ist der letzte, entscheidende Kampf, den wir bestehen für unsere Existenz, unsere Unabhängigkeit, unseren Wohlstand. Keinen anderen Ausweg gibt es als einen ehrenvollen Frieden oder einen ruhmvollen Untergang. Auch diesem würdet ihr getrost entgegengehen, um der Ehre willen, weil ehrlos der Preuße und Deutsche nicht zu leben vermag.«

Erregt blickte er sich um. »Wat sagen Sie, Freund? Wat sagt ihr, Hein un Barthel?«

Der Alte von der Burg streckte die Hand nach dem Blatte aus. »Es ist das erstemal,« sagte er ernst, »daß ein König begriffen hat: Fürst und Volk haben ein einziges zu sein.« Er las den Aufruf noch einmal still für sich. »Die Zeitung berichtet noch mehr, Freunde. In Preußen hat man die Bildung einer Landwehr beschlossen. Alle wehrhaften, aber noch nicht eingeübten Leute vom siebzehnten bis zum vierzigsten Jahre werden unter die Fahnen gerufen. Und als Landsturm werden die Leute vom fünfzehnten bis zum siebzehnten und vom vierzigsten bis zum sechzigsten Lebensjahre aufgeboten. Das ist das ganze Volk.«

»Un wir – un wir?« rief der alte Schmitz. »Sind wir Deutsche oder sind wir Hottentotten?«

»Wir gehören zum Rheinbund,« erwiderte der Hausherr, »das besagt vorläufig alles.«

»Dat besagt, dat unsere Herren Regierenden noch nasse Windeln kriegen, wenn der Napoleon die Augen rollt. Dat besagt, dat sie uns wie Schlachtvieh verhandeln un wegschleppen lassen, nur weil se Angst haben, der Napoleon könnt einen Schnaufer tun un ihnen die geborgten Krönchen von den Schädeln blasen. Dat besagt, dat wir noch lange keine Feiglinge zu sein brauchen, wenn sie et da oben sind. Kuckt doch nur über den Rheinbreitbacher Graben in et bergische Land. Da verweigern sie dem französischen Großherzog die neuen Aushebungen un schlagen sich in de Büsche. Un wir – un wir?«

»Wir wollen uns bereithalten,« sagte der Alte von der Burg. »Unsere Stunde schlägt auch.« –

Einige Tage darauf trat der Hein vor den Vater. Vater und Sohn sahen sich schweigend in die Augen.

»Ich weiß, was du willst,« begann nach einer Weile der Alte. »Du willst zu den Lützowern. Und du hast meinen Segen.«

»Ich danke dir, Vater.«

»Ich gebe mein Bestes her. Jeder gibt sein Bestes. Wolle Gott, daß aus dieser Saat der Völkerfrühling werde.«

Am anderen Morgen reiste der Hein nach Breslau ab. Und nach einer langen Aussprache mit dem alten Schmitz reiste auch der Hausherr. Der Eremit von Breitbach begab sich in die Welt. Er bereiste den Süden des bergischen Landes und alles Land am Siebengebirge. Oft blieb er eine Woche aus, oft blieb er über Nacht von Hause fort. Er suchte und gewann Fühlung mit den Deutschgesinnten. Und stärkte den Mut, wohin er kam. Die stille Burg glich um diese Zeit einem heimlichen Hauptquartier. Oft kamen des Abends ernste Männer von weit her, die früher nie durch das Tor eingezogen waren, und saßen in des Hausherrn Zimmer. Dann tauschten sie Nachrichten aus von seinen Kriegsschauplätzen und erwogen Pläne zur Wiederbelebung des deutschen Nationalgefühls auf beiden Ufern des Rheins. »Der Rhein Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze!«

Die Feldbriefe Heins wurden verlesen und die zündenden Gedichte, die er von seinen Mitkämpfern Theodor Körner und Max von Schenkendorf, die er von dem unermüdlichen Ernst Moritz Arndt herübersandte.

Wo aber Komödiantentruppen ein Gastspiel gaben, spielten sie Schillers Freiheitsdrama »Wilhelm Teil«, wenn es ihnen nicht von der Zensur rechtzeitig untersagt wurde. Hauptsätze aus dem Philosophen Kant und aus Fichtes und Schleiermachers begeisterten Reden wurden unter den Studierenden verbreitet, unter den Kleinbürgern und Bauern aber Kernsprüche aus Arndts »Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann«.

Es war nicht leicht, den niedergedrückten Sinn der Menschen in den Ländern aufzurichten, die unter Napoleons harter Faust standen und zu jeder Stunde für ihn erreichbar waren.

Der Alte von der Burg aber las seinen Turnern und Schützen vor der nächsten Übung aus Arndts Flugblatt: »Was bedeutet Landsturm und Landwehr?«

Dann rief der alte Schmitz und schwenkte den Hut: »In unseren Reihen ist kein Verräter! Sucht die Feiglinge auf den Kinderthrönchen, die Französlinge, die nit wissen, was des Deutschen Vaterland is. Kinder, bald wird et unserer rheinischen Heimat gelten! Es lebe der Landsturm!«

Da schrien sie es ihm nach, und keiner sprach zu Hause davon. –

Waffenstillstand war es, als der Alte von der Burg einen Brief Heins erhielt, der ihm meldete, daß ein Teil des Lützower Freikorps in der Nähe Leipzigs von einer Übermacht Franzosen und Württembergern überfallen und niedergemacht worden sei. Er selber habe sich, wenn auch verwundet, zu den Blücherschen Truppen durchgeschlagen.

Einen einzigen Laut nur gab der Alte von sich. Dann faßte er sich und ging, den Seinen Heins Brief mitzuteilen. Aber in der Nacht schlief er nicht ein. Er dachte an seinen Jungen, er sah ihn bluten und dahinstürmen, und er spürte, wie er es nie im Leben so schmerzhaft stark gespürt hatte, daß dieses Blut sein eigenes war ...

Der Waffenstillstand erlosch. In fieberhafter Spannung warteten die Menschen am Rhein auf Nachrichten. Aber die Zensur ließ nichts durch als Siegesberichte. Heimlich nur wurden fremdländische Zeitungen eingeschmuggelt, und die Männer, die sich auf der stillen Burg versammelten, brachten sie mit. So erfuhren sie des Preußengenerals Bülow Sieg bei Großbeeren, den ersten Sieg, den die Landwehr errungen hatte. Und sie erfuhren Körners Tod bei Gadebusch.

Aber als hätte Gott seinen deutschen Sänger rächen wollen, traf vom gleichen Tage die Kunde von der Schlacht an der Katzbach ein.

»Der Blücher!« schrie der alte Schmitz und schlug auf den Tisch. »Wat hab' ich gesagt? Der Blücher!«

Verwegene Reiterscharen der Preußen und Russen streiften schon bis nach Westdeutschland hinein, nahmen Braunschweig und Bremen, jagten König Jerome aus Kassel und erklärten das Königreich Westfalen für aufgelöst.

»Sie kommen, sie kommen,« jubelte der alte Schmitz. Aber er jubelte zu früh.

Nie wurde die Zensur härter ausgeübt als in den kommenden Oktobertagen, die alle Völker Europas in der Leipziger Ebene zum Kampf versammelt sahen. Die Zeitungen wurden aufgehalten, die Briefposten durchstöbert. Nichts ließen die französischen Behörden an den Rhein und über den Rhein, was ihnen nicht genehm war. Frankreich sollte und durfte seinen Kaiser nur im Siegesglanze sehen. Napoleon wußte, was für ihn auf dem Spiel stand.

Aber ein Gemurmel ging den Rhein hinab. Die Wellen trugen es auf ihrem Rücken, und die Rheinleute flüsterten es sich zu.

»Habt ihr es gehört? Aus Speier?«

»Was ist gewesen in Speier?«

»Die Grüfte im Speierer Dom haben sich geöffnet. Die acht deutschen Kaiser, die dort liegen, sind aufgestanden, sind an den Rhein gegangen, haben um Mitternacht den Fährmann geweckt und sind über den Rhein gefahren, das blanke Schwert in der Hand.«

»Wo sind sie geblieben, die deutschen Kaiser?«

»Als sie an Land stiegen, hat der Fährmann den Ältesten sagen hören: ›Nach Leipzig! Hie deutsches Schwert für welschen Graus!‹ Und waren in Nacht und Nebel verschwunden.«

So ging das Gemurmel den Rhein hinab, und die Wellen trugen es auf ihrem Rücken, und die Rheinleute flüsterten es sich zu. Keiner vermochte zu sagen, wer die Kunde ins Land getragen hatte, und doch war die Ahnung in allen Gemütern und dämpfte das Laute und ließ den Herzschlag stocken und schneller jagen. Selbst auf den Franzosen im Land lag es wie eine Beklemmung, und sie zügelten ihren Übermut und übersahen es, wenn ein Bürger ohne Gruß an ihnen vorübereilte.

Und die Oktoberwoche ging hin, und noch immer lag die Ungewißheit dumpf auf den Seelen.

Der Eremit von Breitbach kam von einer Zusammenkunft, die er mit den Vormännern des Siebengebirges in der Stadt Siegburg gehabt hatte. Stundenlang war er mit seiner Kalesche über Landstraßen und Feldwege gefahren, der Straßenkot hing ihm in Bart und Kleidern, das Pferd dampfte und schauerte vor Ermüdung. Aber der Alte saß frisch wie ein Jüngling, als er sein Gefährt in die Dorfgasse lenkte. Und am Hause des alten Schmitz pochte er mit dem Peitschenstiel an die Scheiben und rief dem hastig öffnenden Freund im Vorüberfahren zu: »Schnell! Auf die Burg!«

Da war der alte Weinhändler trotz seiner Körperfülle die Gasse hinauf und zum Burgtor hinein, bevor das Pferd aus der Deichsel war.

»Nachrichten? Wie? Nachrichten – gekommen?« stieß er, außer Atem, hervor und griff dem Hausherrn an die Brust.

»Ja, Nachrichten. Kommen Sie herein.« Und er rief den Barthel und den Joseph ins Zimmer.

»Menschenskind. Sprechen Sie. Ich komm' um. Gute Nachrichten?«

»Mehr als gute. Siegesnachrichten. Der Kaiser – ist auf der Flucht.« Da hob der alte Schmitz die Arme, als ob er sie gen Himmel recken wollte, fiel vornüber und dem Freund schluchzend an die Brust.

Und der Alte von der Burg hielt ihn fest in seinen Armen.

Dann sagte der alte Schmitz und suchte in den Rocktaschen nach seinem Schnupftuch: »Dat is dat erste Wasser, dat ich seit dem Tod meiner Frau in et Gesicht gekriegt hab'. Einem Weinhändler steht Wasser nit gut an. Aber dat soll mir heut tout égal sein. Seht 'r, ich kann auch Französisch. Un nu erzählen Se, Freund, nix als erzählen.«

»In Siegburg berieten wir wegen der letzten Organisation des Landsturms am Rhein. Wir erwarteten einen preußischen Major, der die Oberleitung von der Lahn bis Holland in die Hand nehmen sollte. Eine lange Wachtkette sollte gebildet werden zum Schutz des Eigentums gegen Feinde und Marodeure. Denn von den Kosaken versprachen wir uns auch nichts Gutes, falls sie auf der Jagd hinter dem Feinde kamen und sich auf eigene Faust zu proviantieren gedachten. Der Major ließ auf sich warten. Endlich, heute morgen, langte er an.«

»Endlich,« wiederholte der alte Schmitz und trommelte auf der Tischplatte.

»Die Beratung wurde abgebrochen. Sie findet morgen hier weiter statt. Die Erregung war zu groß.«

»... war zu groß,« drängte der alte Schmitz.

»Es ist eine Schlacht geschlagen worden, wie sie die Welt noch nicht erlebt hat. Fünf Tage lang haben sie gekämpft und gerungen, und Hunderttausende sind hingeschlachtet worden. Am vierzehnten Oktober begann es. Im Süden der Stadt Leipzig stießen die Reiterschwadronen Murats mit den heranrückenden Vortruppen der Verbündeten zusammen und wurden unter einer heftigen Kanonade zurückgeworfen. So konnte am nächsten Tage der Aufmarsch der Truppen vor sich gehen. Napoleon kommandierte im Süden, bei Wachau, gegen den österreichischen Oberfeldherrn Schwarzenberg. Im Norden, bei Möckern, stand sein General Marmont gegen Blücher. Am Morgen des sechzehnten nahm der russische General Prinz Eugen von Württemberg, der schon bei Kulm seinen Heldenmut gezeigt hatte, im Sturm Wachau. Die ganze Wut Napoleons warf sich auf ihn. Hundert Geschütze ließ er zusammenbringen und Russen und Preußen zusammenschmettern, daß Prinz Eugen Wachau wieder herausgeben mußte. Überall warf er die Verbündeten zurück, und am Nachmittag befahl er seinem Schwager Murat, ihnen mit achttausend Reitern den Garaus zu machen. Da rasten die Reiterregimenter über die Äcker und ritten nieder, was ihnen vor den Pferdehuf kam, und die Herrscher Rußlands, Österreichs und Preußens, die in der Nähe hielten, konnten nur mit knapper Not ihr Leben retten. Schon hatte Napoleon einen Siegeskurier nach Leipzig an den König von Sachsen gesandt. Da wandte sich das Glück. Der Reiterangriff war bis zur Reserve vorgedrungen. Aber die Kanoniere und Infanteristen rissen vor den rasenden Gäulen nicht aus. Sie schickten ihnen ein paar Salven in die Mäuler, daß sie sich überschlugen und zu Hunderten im Lauf zusammenbrachen. In fürchterlicher Unordnung galoppierten die Schwadronen zurück. Und das französische Fußvolk, das wütend vorrückte, um den Tag zu beenden, gewann vor den russischen Geschützen keinen Boden mehr. Es war bei Wachau keine Entscheidung gefallen. Zwanzigtausend Tote und Verwundete ließ man auf beiden Seiten.«

»Und – der Blücher?« drängte der alte Schmitz.

»Er hatte Yorck bei sich, mit dem er sich so schlecht verträgt, wie er ihn schätzt. Der führte am Abend seine Reserve zum Sturm, er selbst im Galopp seinen Husaren voran, und unter wildem Gemetzel eroberten sie Möckern und jagten die Franzosen bis unter die Mauern Leipzigs. An die achttausend blieben auf jeder Seite.«

» Te deum laudamus,« sagte der alte Schmitz aus tiefster Seele.

»Am siebzehnten,« fuhr der Burgherr fort, »versuchte Napoleon sich aus der Schlinge zu ziehen und sandte einen Unterhändler mit Friedensbedingungen an seinen Schwiegervater, den Kaiser von Osterreich. Vergebens. Das hatte der Blücher erreicht, der schon wieder die Dörfer Eutritzsch und Gohlis berennen ließ. Aber die Hauptschlacht war auf den achtzehnten bestimmt.«

»Der achtzehnte Oktober,« sagte der alte Schmitz andächtig vor sich hin.

Und der Alte von der Burg wiederholte: »Der achtzehnte Oktober. Gottes Gerichtstag.

»Dreihunderttausend Verbündete standen gegen hundertfünfzigtausend unter Napoleon. Freunde, wir müssen als Männer gerecht denken. Napoleon Bonaparte hat sich geschlagen wie ein Held und wie ein Meister der Kriegskunst. Nie war er gewaltiger als an diesem Tage des Zusammenbruchs.«

»Ah –,« murmelte der alte Schmitz, »er ist zusammengebrochen.«

»Er selbst kommandierte das Zentrum bei Probstheida. Den rechten Flügel hielten die Polen unter dem tapferen Poniatowski und Murat mit seinen Scharen. Auf dem linken Flügel befehligte Marschall Ney. Mit Mühe und Not gelang es Blücher, Bernadotte zum Vormarsch gegen Ney zu bewegen. Einmal im Gefecht, schlug sich der französische Schwede gut und entriß Ney den Sieg unter Einsetzung seiner eigenen Persönlichkeit. Bei Probstheida aber wies Napoleon jeden Angriff der Verbündeten blutig zurück. Hier donnerten seine Geschütze ununterbrochen, und die Stürmenden konnten über die Leichen ihrer Kameraden nicht mehr hinweg. Alle Spannkraft nahm er zusammen. Von einem Stuhl aus leitete er die Schlacht, schickte er seine Befehle nach allen Seiten, ordnete er, während er immer noch Vorwärtsbefehle gab, in seinem rastlos arbeitenden Gehirn den Rückzug an. Der Ring um Leipzig schloß sich. Der Kaiser sah seinen linken Flügel geworfen. Reserven besaß er nicht mehr, und die Verbündeten hatten noch hunderttausend Mann frischer Truppen. Da ritt er mit seinem Schwager Murat und den Generalen seiner Umgebung durch die Finsternis in die Stadt, zog die Truppen aus ihren Stellungen und ließ sie noch in der Nacht den Abmarsch antreten.«

Der alte Schmitz tat einen tiefen Seufzer.

»Der neunzehnte Oktober,« fuhr erregt der Burgherr fort, »brachte die Erstürmung der Stadt. Die Russen warfen sich auf das Hallesche Tor, von den Polen und Rheinbundtruppen mit Kartätschen empfangen. Inzwischen bahnte sich Napoleon seinen Weg durch das wüste Gedränge zum Neustädter Tor und zur Stadt hinaus. Zum zweitenmal stürmten die Russen, jetzt von Blücher selber geführt. Die Königsberger Landwehr drang ungestüm in die Grimmaer Vorstadt ein. Nur Poniatowski mit seinen Polen kämpfte noch wie ein Verzweifelter und hier und dort eine Kompanie bei der Fahne gebliebener Rheinländer. Ein paar Tausend streckten die Gewehre. Hunderte ertranken in der hochgehenden Elster. Fürst Poniatowski schwamm mit dem Pferd hindurch. Da erreichte ihn am Ufer die Kugel und warf ihn mit durchbohrter Brust in die Wellen.«

»Ehre ihm,« sagte der alte Schmitz. »Ehre ihm. Er kämpfte für sein Vaterland.«

»Nur Marschall Macdonald durchschwamm den Strom und erreichte Napoleon, der die geretteten hunderttausend Mann sofort westwärts führte. Und nun,« so schloß der Burgherr, »jagt der Marschall Vorwärts den Feind quer durch Deutschland dem Rheine zu.«

Eine feierliche Stille herrschte im Zimmer, als der Alte von der Burg geendet hatte. Nur die stoßenden Atemzüge des alten Schmitz drangen vernehmbar durch die Stille. »Nu? Nu?« fragte er nach einer Weile verwundert.

»Ich bin zu Ende, Freund.«

»Zu Ende? Wieso zu Ende? Nee, nee, dat hätt' ich nit von Ihnen gedacht. So en Ende niemals.«

»Wie möchten Sie es denn haben, Schmitz?«

Da sprang der Alte auf und schrie den anderen an: »Wie ich et möcht? Auf rheinische Weis' möcht ich et! Mit dem Glas in der Hand, un angestoßen auf Deutschlands Freiheit un den Marschall Vorwärts, so möcht ich et! Wir haben so lang auf weniger trinken gemußt, dat dat der erste Schluck is, der uns widder schmecken soll! Nu alles wat Beine hat in der Burg, heran dazu! So möcht ich et!« Und der Barthel lief und holte die scheue Frau Maria herein, und der Joseph holte das Rikchen und die achtzigjährige Barbara, die immer ein Auge kniff, wenn sie den Sohn sah, und der alte Schmitz jagte sie alle zusammen wieder hinaus, denn die Kinder mußten auch dabei sein. Und sie holten den Johannes aus dem Bett und die kleine Brigitte und den ganz kleinen Joseph. Und der Alte von der Burg goß von seinem Besten ein und sagte allen noch einmal, daß die Schlacht bei Leipzig geschlagen sei und der Zwingherr Europas, Napoleon Bonaparte, auf der Flucht nach Frankreich sein letztes Heil suche. »Trinken wir mit Dank gegen Gott und seine erlesenen Werkzeuge auf das freie Deutschland, und daß es bald zur Wahrheit werde: der Rhein Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze!«

Da tranken sie alle ihr Glas bis auf die Neige.

Und der Alte schenkte die Gläser noch einmal voll, und seine Augen schimmerten, als er alle, die um ihn waren, aufforderte, dies Glas zu leeren auf das Wohl eines Mitstreiters im großen heiligen Krieg und auf die glückliche Wiederkehr seines – Hein. – –

Nun war es vorüber mit dem stillen Frieden der Burg. Schon am nächsten Nachmittag trafen die Vormänner des Siebengebirges auf der Burg ein, und unter dem Vorsitz des preußischen Majors wurden die Grundzüge zur Errichtung des Landsturms festgelegt, der einige Tage später in einer geheimen Volksversammlung zu Königswinter ins Leben trat. Der Eremit von Breitbach und der alte Schmitz zählten zu den Führern.

Und es war hoch an der Zeit. Schon hatte sich das Gesindel aller umliegenden Gaue zusammengefunden und zog, mit Knütteln bewaffnet, als Knüppelrussen durch das Land, bedrohte die einsam gelegenen Gehöfte und stahl wie die Raben. Ihnen legte der Landsturm zuerst das Handwerk, und oft mußte der Alte von der Burg in kalter Novembernacht an der Spitze seines Fähnleins hinaus, um ein Kesseltreiben auf eine neue Bande zu veranstalten.

Napoleon war schon über den Rhein. Noch einmal hatte er die nachsetzenden Österreicher, die den Preußen die Verfolgung abgenommen hatten, irregeführt, sich bei Hanau auf die Bayern geworfen, ihre Linien durchbrochen und das rettende linke Rheinufer erreicht. Der Rheinbund war aufgelöst.

Noch aber war das linke Rheinufer französisches Land, noch streiften auch auf dem rechten Ufer französische Scharen. Schon aber hielt sich die Kölner und Bonner Besatzung marschbereit, schon verweigerten die Bürger Bonns den französischen Behörden die Steuern und suchten sich mit aller List der Proviantierung der Truppen zu entziehen. Dann wurde unter den drohenden französischen Kanonen die Bonner Schiffsbrücke abgeschlagen, und die Kähne im Rhein versenkt. Noch einmal trennte sich linksrheinisches von rechtsrheinischem Land.

Der Alte stand mit Barthel und Maria auf dem Turm der Burg und schaute mit dem Fernglas in das Rheintal.

»Die beiden Ufer sind Zwillingskinder an der Brust einer Mutter,« sagte er. »Und Zwillingskinder finden stets im Leben wieder zusammen. Wartet nur, über ein kleines ...«

Er spähte noch einmal durch das Glas, und diesmal schärfer.

»Das sind – das sind Kosaken. Kinder, ich muß fort, Posten aufstellen, damit die Steppensöhne sich nicht bei Mein und Dein vergreifen. Das sind unruhige Tage, aber – eine kurze Spanne ausgenommen – die frohesten meines Lebens.«

Und der Siebzigjährige stieg elastisch wie ein Jüngling die Stiegen hinab, rief nach Joseph und dem Pferd und trabte wenige Minuten später zum Tor hinaus.

»Wie jung er ist,« sagte Maria.

»Die Burg hält jung,« erwiderte Barthel.

Und sie gingen hinab und setzten sich, daß sie die Kinder sahen, die Burg und Garten, Weinberge und Felder längst in Besitz genommen hatten.

»So spielten auch wir einmal,« sagte der Barthel nach einer stillen Weile, »und waren glücklich wie die da draußen ...«

*

 

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