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Die Burgkinder

Rudolf Herzog: Die Burgkinder - Kapitel 14
Quellenangabe
authorRudolf Herzog
titleDie Burgkinder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun256.-275. Tausend
year1923
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid20aedb08
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XII

Das alte Burgtor tat sich auf, und als es sich geschlossen hatte, lag die Welt mit ihren Wirren draußen. Die Wirrnisse der Seele aber, die die Heimgekommenen mitgebracht hatten als die Summe ihres Erlebens, glätteten und klärten sich in dem Frieden des Hauses.

»Nun steht doch das Kinderzimmer nicht mehr leer, sagte der Vater und trug die kleine Brigitte ins Haus. »Es hat mir immer etwas gefehlt, wenn ich nach der Arbeit nicht mehr hineinlauschen konnte. Der gesunde Schlaf der Kinder ist die Erholung der Erwachsenen.«

Und als das Kind schlummernd in seinem Bettchen lag und die Männer sich im Speisezimmer wieder zusammengefunden hatten, gab der Alte dem Barthel noch einmal die Hand. »Willkommen daheim, Barthel. Ich habe dich erwartet und das Kind auch. Was ich noch nicht wußte, hat mir der Hein erzählt, und du brauchst dich deshalb nicht mit Erläuterungen zu quälen. Sieh, unsere Schwäche besteht ja nicht darin, Unwürdiges zu tragen, sondern es so lange zu tragen. Das ist nun vorüber, Barthel, und nun seid ihr da. Mit Gott, mein Junge.«

Der Barthel drückte die alte, kräftige Hand, die sich so gut und weich auf das Wundenverbinden verstand. Und die Freude, die so lange verzagt sich nicht an den Tag wagen wollte, brach durch die Rinde der Beklommenheit hindurch, als er die täglich sich roter färbenden Backen seines kleinen Mädchens gewahrte und auf allen Gartenwegen ihr kindliches Jauchzen vernahm. Das Kind gedeiht, sagte er sich, das Kind gedeiht. Und nun gab auch er sich der Heimatsfreude hin.

»Endlich,« hatte der Joseph gemeint, als er zur Begrüßung kam. »Die Freud hätt der Här Barthel dem ahle Här äwwer längs manche könne. Jetz es doch widder Kindergeschrei em Hus. Minge Juseph hätt dat allein op die Dauer nit bewältige gekunnt.«

Und der Barthel ging mit und begutachtete den kleinen Joseph und das flinke Rikchen und nickte dem stolzen Gatten und Vater zu. Und der Joseph nahm das für ein Kompliment, beleckte seinen Schnauzbart und strich ihn unternehmungslustig in die Höhe.

»Ja, ja,« sagte die alte Barbara und schüttelte dem Heimgekehrten die Hand, »der Juseph kann sugar met der Muhl Brot fresse.«

»Och, Mutter,« erwiderte der Sohn und klopfte der Alten wohlwollend auf den Rücken, »dinge Mungk kritt et Esse och nit ömesöns.«

Da lachten sie alle, und es war dem Barthel, als wäre er niemals fortgewesen. –

Der Hein hatte dem Vater die Verheiratung Sibylles mitgeteilt. Großen, ruhigen Auges hatte der Alte den Sohn angesehen.

»Du hast sie sehr liebgehabt, die Sibylle.«

»Ich habe sie noch lieb, Vater – und heute stärker noch als früher.«

»Und welche Gedanken machst du dir heute?«

»Gedanken? Als sie vor mir stand und es mir sagte, war mir der Kopf wie ausgeleert. Nur den Haß gegen all das fremde Wesen, das uns auch die Sibylle fortgenommen hatte, spürte ich, und ich spüre noch immer nichts anderes.«

»Der Haß ist das Vorrecht der Jugend, wie es die Liebe ist. Deshalb will ich ihn dir nicht nehmen, mein Junge. Aber mach ihn zu Gold und nicht zu Blei.«

Sie sprachen nicht mehr darüber, aber sie wußten es einer vom anderen, daß sie viel daran dachten. Das war die Zeit, die aus Vater und Sohn ebenbürtige Freunde machte.

Der Winter ging vorüber. Unter den sprießenden Fliederbüschen spielte die kleine Brigitte mit dem kleinen Joseph in der blanken Frühlingssonne, und das dreijährige Mädchen verschwendete schon mütterliche Gefühle an den krabbelnden Wicht. Der Barthel half bei der Frühjahrsbestellung der Weinberge und Felder, und nur um die Hand zu üben, hatte er sich im Kelterhaus eine Atelierecke hergerichtet, denn an Aufträge war nicht zu denken. Es lief ein dumpfes Gerücht durch die Welt von neuer, nahender Kriegsnot, und links des Rheins wurden die jungen Leute vom neunzehnten bis zum zweiundzwanzigsten Lebensjahr zum Heeresdienst ausgehoben. Das war das Signal für die abhängigen Rheinbundfürsten, auch in den rechtsrheinischen Landen mit der Ergänzung ihrer Truppenbestände zu beginnen.

»Wohin denn nu?« fragte der alte Schmitz im Kreise der Freunde. »Will der Kaiser nach Indien, um sich auf die englischen Kolonien zu werfen? Dat sah ihm ähnlich. Aber Rußland liegt dazwischen.«

»Rußland,« sagte der Alte von der Burg, »ist auf den Güteraustausch mit England angewiesen. Deshalb umgeht es durch seine neuen Zollgesetze die Kontinentalsperre, die Napoleon gegen England verhängt hat. Und die Rüstungen bedeuten eine Drohung an Rußlands Adresse.«

»Et is dat einzige Land, dat noch nit geknebelt is. Aber wat werden Preußen un Österreich tun? Katzbuckeln?«

»Mein Gott, Preußen!« erwiderte der Hausherr. »Der König von Preußen hat weniger Macht als einer unserer Rheinbundfürsten, und wenn Napoleon ihm die Gestellung eines Hilfskorps diktiert, so hat er es ohne Widerrede zu stellen. Der Kaiser von Österreich aber ist Napoleons Schwiegervater.«

»Verschwägerungen halten im politischen Leben so wenig die Probe aus wie unter Bürgersleut. Da heißt gut Freund, wer am meisten hergibt. Dat is ne alte Regel.«

Sie brauchten nicht mehr lange das Orakel zu befragen. Das Losungswort fiel schnell – gegen Rußland! Aus allen Ländern Europas wurden die Scharen zusammengezogen, die Rheinbundfürsten, Preußen, Österreich mußten auf Befehl marschieren lassen. Sechsmalhunderttausend Soldaten wälzten sich gegen die russischen Grenzen, und die Hauptarmee, die durch Deutschland marschierte, zertrat das Land bis auf den letzten Halm und nahm dem Bauer das Saatkorn aus dem Kasten, die Pferde vom Acker. Ein einziger Fluch gellte hinter ihr drein.

»Gott wird ihn hören,« jagte der Alte von der Burg.

»Gott muß ihn hören,« rief der alte Schmitz. »Oder wir sind alle des Deubels!«

In diesem Jahr konnten nur die notwendigsten Arbeiten verrichtet werden. Die Jugend der Dörfer und Städte war auf dem Marsch ins Ungewisse, und die Zurückgebliebenen rangen mit dem Elend. Die Nachrichten, die von dem Heereszuge am Rhein eintrafen, widersprachen sich und hörten nach der Überschreitung des Niemen durch die Hauptarmee bald ganz auf.

Im Herbst liefen Siegesnachrichten um. Bei Smolensk sollte Napoleon die Russen aufgerieben und auf Moskau zurückgeworfen haben. Vier Wochen später wußte man von der fürchterlichen Schlacht von Borodino an der Moskwa zu berichten und vom Einzug des gewaltigen Weltenbesiegers Napoleon in der alten Zarenstadt Moskau.

Kaum hatten die Kuriere die Zeitungen an den Rhein und nach Frankreich gebracht, als ihnen andere Kuriere auf dem Fuße folgten, die stumm dahinjagten und keine Antwort erteilten. Wohin sie kamen, starrten ihnen die Menschen nach. Keiner wußte, was geschehen war, keiner, was geschehen würde, und doch schrien sie es sich zu von Polen bis zum Rhein und über den Rhein: »Moskau brennt! Der Kaiser hat die Stadt verlassen müssen! Das Heer hat seine Winterquartiere verloren!«

Und Kunde auf Kunde kam. Der Wind trieb sie her, sie fiel vom Himmel, sie wuchs aus der Erde und war hier und überall. »Der Kaiser geschlagen! Das Heer auf der Flucht! Zertrümmert die Hunderttausende! Zermalmt die Trümmer! An der Beresina! Ein paar Tausend nur gerettet! Niedergemacht der Rest! Herr Gott, dir Lob und Preis ...«

Über Warschau sauste durch Eis und Schnee ein Schlitten gen Dresden. In vier Tagen erreichte Napoleon von Dresden Paris. Er war entkommen.

In fiebernder Spannung hatten die Freunde auf der Burg die sich jagenden Geschehnisse verfolgt. Noch hörte man nichts von dem österreichischen, nichts von dem preußischen Hilfskorps, die unversehrt waren, während die Lande am Rhein den Tod von Tausenden und aber Tausenden ihrer Söhne beklagten.

Da traf die Nachricht ein, daß der preußische General Yorck mit seinen Truppen von Napoleon abgefallen sei.

»Das ist die erste Fahne der Erhebung,« sagte tiefatmend der Alte von der Burg.

»Nu muß der preußische König Farb' bekennen,« lachte grimmig der alte Schmitz. –

Während die Aushebungen zu neuem Kriegszug allenthalben schon betrieben wurden, schlichen über die Landstraßen die Schatten der Heimkehrenden. In kleinen Trupps kamen sie an. Einzeln trotteten sie daher. Jammergestalten, von den Wunden geschwächt, vom Hunger gekrümmt, von den endlosen Wanderungen abgehetzt und aufgerieben. Halb erfroren hüllten sie sich in die wenigen Lumpen, die sie gefunden oder gestohlen hatten. Kaum noch wagten sie zu betteln, aus Furcht vor den Bauern und Hofhunden, und stumpf und verkommen schwankten sie dahin, einer in der Fußspur des anderen. Nach Frankreich – nach Frankreich!

Jedesmal, wenn ein Trupp der Elenden sich nahte, liefen die Rheinbreitbacher aus ihren Häusern und stellten sich links und rechts der Landstraße auf. Es konnten Söhne, Brüder, Freunde darunter sein. Und der Trupp wurde durchmustert und ausgeforscht, auch von Mildtätigen mit alten Schuhen, Holzpantoffeln und abgetragenen Kleidern beschenkt. Zum Rasten aber waren die Leute nicht zu bewegen. Es trieb sie weiter, immer weiter, als spürten sie noch den Schrecken im Rücken.

In einer Januarnacht pochte es heftig an das Burgtor. Der Hausherr kam mit einem Licht. »Wer ist da so spät?«

»Ich. Der Schmitz. Machen Sie schnell.«

Der Hausherr schloß auf und schob den Riegel zurück. »Sie, Schmitz? Was bringen Sie?«

»Kommen Sie mit ins Wirtshaus. Da liegt einer.«

»Wer?«

»Der Johannes.«

»Unser Johannes?«

Der Alte war schon draußen. Er merkte gar nicht, daß er ohne Kopfbedeckung durch die bittere Kälte schritt. Ruhig und aufrecht war sein Gang, aber in ihm arbeitete es stark. »Woher wissen Sie, Schmitz?«

»Die Wirtsfrau hat mich geholt. In meiner Eigenschaft als Gemeindevorsteher. Da wär ein Franzos gekommen un hätt gegen die Tür geschlagen. Als sie heruntergekommen wären, hätt der Mann auf der Straße gelegen, un sie hätten ihn in die warme Stube geschleppt. Es sei ein Offizier, un sie fürchteten sich vor der Behörde. Sonst hätten sie ihn liegen lassen.«

»So, so. Und er hat seinen Namen genannt?«

»Nix. Aber als ich mich über ihn beugt un ihm in et Gesicht sah, wußt ich doch gleich, zu welcher Sort' der gehörte. Und als er die Augen aufschlug – na, da waren et eben dem Johannes seine Augen. Die Feuerräder vergißt doch kein Mensch.«

»Wir tragen ihn sofort in die Burg.«

»Deshalb kam ich grad.«

Auf der Wirtshausbank lag der Erschöpfte. »Hä stirv uns unger de Häng,« meinte die Wirtsfrau und hob die Lampe hoch. Der Alte trat dicht heran. Er strich dem leise Atmenden die beschmutzten Haare aus der Stirn. Es war der Johannes.

»Geben Sie mal eine Matratze her, Frau,« befahl der Alte von der Burg.

Die Frau jammerte, daß sie keine mehr besäßen und selber schon auf dem Stroh schlafen müßten.

»Wir setzen ihn auf den Lehnstuhl,« sagte der Alte zu seinem Freunde. »Er ist ja nur noch ein Skelett, und wir tragen ihn mit Leichtigkeit nach der Burg.«

Da hoben die beiden Männer den ausgezehrten Körper auf, setzten ihn in den Lehnstuhl, packten links und rechts zu und schritten mit ihrer Last durch die Winternacht die Gasse hinauf nach der stillen Burg.

Am Tor standen der Barthel und der Hein. Sie hatten den Weggang der Männer bemerkt und sich hastig angekleidet.

»Macht leise,« sagte der Vater, »es ist der Johannes.«

Blaß wie der Mann im Lehnstuhl starrten die Brüder auf den Bruder. Und ohne ein Wort zu sprechen, griffen sie zu und trugen mit Hilfe der Alten den Johannes auf sein altes Zimmer. »Weckt das Rikchen,« gebot der Hausherr. »Sie soll so schnell wie möglich einen Glühwein herrichten und eine kräftige Milchsuppe bereithalten. Hein, wir wollen ihn ausziehen und ins Bett legen. Wir haben kalt Blut, Hein.«

Es bedurfte der Mahnung nicht. Ohne sich zu besinnen, schnitt der Hein die Uniformfetzen los und wickelte die Lumpen herunter. Rote, verkrustete Narben leuchteten von dem gelben Fleisch auf. Die Brust war eingefallen.

»Er trägt eine Tasche auf dem bloßen Leib, Vater. Eine große, flache Ledertasche. Hier ist sie.«

Der Alte nahm sie und schob sie beiseite.

Dann legte er sein Ohr auf die leise atmende Brust und horchte lange. Und er befühlte den ganzen Körper und behorchte noch einmal die Brust. »Nicht viel mehr,« sagte er zum Hein.

Da kam der Barthel und brachte den Glühwein. Und die jungen Männer umschlangen den Nacken des Bruders und richteten ihn auf. Und der Vater flößte dem Ermatteten mit einem Löffel den Wein ein, den der alte Schmitz ihm hinhielt.

Der Johannes riß jäh die Augen auf. Aber er erkannte niemand und schlürfte nur gierig den Wein. Wie ein verschmachtetes Tier.

»Legt ihn in die Kissen zurück,« gebot der Vater. »Er wird jetzt schlafen wollen.« Und sie betteten ihn in die Kissen.

Der alte Schmitz war heimgegangen, als er sah, daß seine Hilfe nicht mehr notwendig war. An dem Bett des Schlafenden saß der Alte mit seinen Söhnen und wachte. Dann kam der Morgen, und der Johannes warf sich unruhig herum. »Er hat Hunger,« sagte der Vater und flößte ihm löffelweise die Suppe ein.

»Mehr,« seufzte der Johannes. Und das selbstgesprochne Wort machte ihn stutzen, und er schaute mit großen, glühenden Augen einen nach dem anderen an. »Da seid ihr ja,« sagte er. »Ich wollte euch – guten Tag sagen.« Und ein Lachen ging über seine Züge.

»Willst du noch mehr Suppe?« fragte der Vater. »Du hast einen langen Marsch hinter dir, mein Junge.«

»Gib – nur her. Immer – her. Ich kann's brauchen.«

Aber nun nahm er den Löffel selbst mit seiner zitternden Hand und leerte den frisch gefüllten Teller bis auf den letzten Rest. »Jetzt – eine Pfeife Tabak,« bat er, und seine Augen strahlten vor Erwartung.

»Die sollst du haben, mein Junge, wenn du noch einmal geschlafen und noch einmal gegessen hast.«

Der Johannes lachte, nickte den dreien zu, legte sich zurück und schlief gehorsam und friedlich wie ein Kind.

»Hast du Hoffnung, Vater?« fragte leise der Barthel. »Sag's ruhig. Ich bin ganz gefaßt.«

»Seine Kräfte sind aufgezehrt, und seine Organe arbeiten kaum noch.«

Da warteten sie still, bis er nach zwei Stunden wieder erwachte. »Ich bin ganz mobil,« meinte er, »aber gebt mir die Pfeife Tabak. Ich hab' seit der Beresina keine mehr im Mund gehabt.«

Der Hein zog seine Pfeife hervor, stopfte sie und steckte sie ihm zwischen die Lippen, schlug Feuer und hielt ihm den Schwamm auf den Tabak. Der Johannes sog den Rauch ein, hustete, sog noch einmal und gab die Pfeife zurück. »Ich muß doch erst wieder – auf den Geschmack kommen, Hein. Schade. Hatte mich so darauf gefreut.«

»Hast du keine Schmerzen, Johannes?« fragte der Vater.

»Keine Spur. So wohl hab' ich mich lange nicht gefühlt. Die Wunden – heilen schon wieder. War doch – eine verfluchte Zeit. Aber – eine große Zeit – eine große Zeit. Nur der – verdammte russische Winter war schuld. Die Kerls hatten wir ja schon – zusammengehauen.«

»Fällt dir das Sprechen nicht schwer, Johannes?«

»Gar nicht – gar nicht. Nur nicht sehr laut – kann ich sprechen. Weil ich so wenig in den Knochen habe. Aber nun möcht' ich euch wirklich – erzählen. Gott, was hab' ich euch viel – zu erzählen. Ihr seid mir doch nicht mehr bös, daß ich – damals – davonlief?«

»Nein, Johannes, böse ist dir keiner mehr. Wir freuen uns nur, daß du wieder da bist.«

»Wird nicht lange dauern – das Vergnügen. Muß nach Paris – mich beim Kaiser melden. ›Hauptmann Tiebes, Sire‹ – ja, Kinder, ich bin der Hauptmann Tiebes.«

Er sah sich stolz um, und die drei an seinem Lager nickten ihm zu, als wenn sie die Ehre wohl zu schätzen wüßten.

»Wo war ich nicht überall,« fuhr der Johannes fort.

»Überall, wo der Kaiser war. Mein Kaiser – –. Bei Jena hab' ich mit ihm gegen die Preußen gefochten und bei Friedland gegen die Russen. Vor Valladolid hieben wir auf Spanier und Engländer und bei Regensburg und Wagram auf die Österreicher. Herr des Himmels, war das eine Lust. Mit dem Kaiser!«

Seine Augen funkelten. Sein ganzes Erinnern war im Bann. Die Niederlagen waren ausgewischt in seinem Hirn. Nur die Siege blinkten und leuchteten, und jeder Sieg trug den Namen seines Gottes. »Das war eine Lust – das war ein Leben,« murmelte er.

Die drei Männer saßen an seinem Bett und sahen ihn an, und jeder hatte seine eigenen Gedanken.

»Rußland,« sagte der Johannes, »ach, gewiß, das war die Mausefalle. Ich will – dem Kaiser – keine Vorwürfe machen. Aber wenn er – seine alten Soldaten, nur seine alten Soldaten – in das Barbarenland geführt hätte, weiß Gott, es wär' anders gekommen. Diese zusammengewürfelten Menschenmassen kannten keine Ordnung, keine Entbehrungen. Das mußte fressen und saufen. Nun ja – wir hatten alle Hunger, gewaltigen Hunger und kriegten keinen Proviant zu fassen. Da hieß es: plündern. Das lockerte die Mannszucht. Und zum richtigen Schlagen kam es nicht. Die Russen führten einen Partherkrieg. Sie erschienen, lockten uns immer tiefer in die Einöde, verschwanden und ließen verwüstetes Land zurück. Aus Smolensk jagten wir sie schnell hinaus. Bei Walutina ging's etwas heißer zu, und unser Divisionsgeneral ritt auf einer Kanonenkugel in den Himmel. Dann ging's weiter, auf Moskau zu. Links und rechts, vor uns und hinter uns schwärmten die Kosaken, stießen die Nachzügler nieder, überfielen und ermordeten unsere Furagiere. In Eilmärschen ging's vorwärts. Der Hunger trieb uns. In der Nähe von Borodino brachten wir den Feind zum Stehen. Moskau' hieß die Parole.«

Er machte eine Pause und blickte ins Weite, als sähe er die Bilder sich entrollen.

»Das erste Treffen war nicht glücklich. Russische Geschütze spuckten uns von einer Schanze herab mitten ins Gesicht. Unsere Brigade ging vor. Voltigeurs erstürmten den Hügel. Das Gewehrfeuer krachte. Da packten wir den fliehenden Feind. Nein. Er machte kehrt und feuerte aus nächster Nähe in uns hinein. ›Drauf mit den Bajonetten!‹schrie der Bataillonschef, ›drauf, Grenadiere!‹Da krachten unsere Bajonette in russische Rippen. ›Bildet Karree!‹donnerte der Oberst. Zu spät. Aus dem Walde brach ein russisches Dragonerregiment. Wie der leibhaftige Satan. In unsere rechte Flanke hinein. Hieb zusammen, was es vor den Säbel kriegte. Warf die Bataillone durcheinander. Gott sei Dank, da wurde es Nacht. Wir Offiziere rannten herum und riefen unsere Leute zusammen. Unser Regiment allein hatte dreihundert Tote. Pah, was waren Tote in diesem Krieg.

Und die Schlacht selbst kam ja erst. Am nächsten Tag nahmen wir unsere Stellungen ein. Neben Franzosen, Italienern und Polen: Sachsen, Westfalen, Darmstädter, Landsleute. Auf jeder Seite drohten mehr als hundert Geschütze. Es sah toll genug aus. So warteten wir wieder den Morgen ab.«

Er stützte sich ein wenig auf und lachte.

»Als Morgengebet wurde uns eine Proklamation des Kaisers vorgelesen. ›Soldaten! Heute habt ihr eine Schlacht unter den Mauern von Moskau zu liefern. Haltet euch tapfer wie bei Austerlitz. Der Sieg ist unser! Ich verspreche euch den Einzug in die alte Hauptstadt Rußlands, gute Winterquartiere und einen glücklichen Rückzug in euer Vaterland. Damit dort die Euren dereinst von euch sagen können: Auch er war bei der großen Schlacht unter den Mauern von Moskau!‹ Er streckte sich behaglich. »Auch ich war dabei ...«

»Ja, ja, Johannes.«

»Himmel und Erde wollten platzen, so brüllten die Kanonen. Dreißig schrien immer zugleich. Der Qualm und Rauch nahm jede Aussicht. Wir warfen uns in ein Gehölz. Der Feind überschüttete uns mit Granaten. Links und rechts von mir machten meine Kerls den Todessprung. Ich bekam ein paar Kugeln. Vorwärts! Vorwärts! Und wir schlugen uns durch aufs freie Schlachtfeld. Da tobten sie um die Geschützhügel. Die Unseren nahmen sie im Sturm. Dann brach russische Reiterei vor und riß uns die eigenen Kanonen aus den Fängen. Das wechselte wie ein Teufelsspiel, und die Geschütze machten die Höllenmusik dazu. Es ging um Kopf und Kragen, und – es ging zurück. Da brauste wie ein Donnerwetter eine Division Kürassiere unseren linken Flügel entlang und mitten in den vorrückenden Feind. Und auf dem rechten Flügel stürmte eine polnische Division mit Todesverachtung auf die Russen. Wir selber im Sturmschritt aufs neue vorwärts mit dem Bajonett. Das krachte dem Feind nicht mehr in den Rippen, das krachte ihm im Rücken. Es war eine blutige Säuberung des Schlachtfeldes.«

Seine Augen lohten, und er schwieg erschöpft. Der Vater stand auf und gab ihm ein Glas Wein. »Laßt ihn,« flüsterte er Hein und Barthel zu, »es tut ihm gut.«

»Nein, nein,« murmelte der Johannes, »die Nacht auf dem Schlachtfeld vergess' ich nicht,« und er fröstelte zusammen. »Da lagen Tote und Verwundete durcheinander, und die Verwundeten schrien wie die Tiere, und keiner half ihnen. Wir selber kamen vor Hunger fast um und machten uns über die gefallenen Pferde her. Dann marschierten wir nach Moskau. Und hinter uns blieben die Unbeerdigten und die Sterbenden.«

Er riß sich von dem Bilde los, denn das neue Bild bedrängte ihn schon.

»Moskau! Das verzweifelt ersehnte ... Wir glaubten ins Paradies einzurücken und kamen in die Hölle. Der Kaiser saß mit dem Hauptquartier auf dem Kreml. Die Stadt war von den Einwohnern verlassen und lag totenstill. Todmüde bezogen wir Biwaks. Für wenige Stunden nur. In der Nacht schlug die Lohe auf über Moskau. An allen Ecken und Enden brannte es zugleich. Keiner wußte, was geschehen sei, was das bedeute. Dann wußte man es, und durch die Lager ging ein Schrei des Entsetzens. Unser Winterquartier brannte zu Asche! Die Magazine, die uns ernähren, die uns bekleiden sollten, wurden zu Schutthaufen vor unseren sehenden Augen! Da durchbrachen die Soldaten jeden Befehl. Sie rannten durch die brennenden Straßenzüge, drangen in die Häuser ein, holten Kleider und Lebensmittel heraus, gerieten in den Kellern über Wein und Branntwein, berauschten sich gottssträflich und kamen zu Hunderten in den Flammen um. Heiliges Moskau! Fünf Wochen kampierten wir in den Ruinen, weil der Kaiser auf die Annahme seiner Friedensbedingungen wartete, und alle Manneszucht lockerte sich.

Nur einmal hielt der Kaiser eine Parade ab auf dem Kreml. Es war ein großer Tag. Mein größter Tag. Der Kaiser ritt die Front entlang. Hier und dort rief er einen Offizier, einen Soldaten auf und beförderte ihn. Und er hielt vor mir und sah mich an und beförderte mich zum Hauptmann. Ich erhielt das Kreuz der Ehrenlegion. Mein Kaiser ...«

Er lag lange still und starrte auf die Zimmerdecke. Dann verlangte er noch einmal zu trinken.

»Wir mußten fort aus Moskau. Wir dachten an die fetten Winterquartiere in Südrußland und suchten über Kaluga die Straße zu gewinnen. Aber der Feind sperrte die Straße, und es wurde ein mörderisches Gefecht. Der Kaiser hielt Kriegsrat. Es blieb ihm kein anderer Weg. Wir mußten die Straße, die wir gekommen waren, wir mußten über Borodino und die alten Schlachtfelder zurück. Da grauste es auch dem Tapfersten. Die Pestilenz in der Luft, Kadaver um uns her, nichts im Magen und nichts im Tornister, und bei furchtbarer Kälte ein wildes Schneetreiben. So kroch die Armee daher. Viele warfen die Waffen weg, viele blieben liegen, viele wurden von den schwärmenden Kosaken niedergemacht. Wir regten uns kaum noch darüber auf. Wir krochen weiter und erreichten Smolensk und fanden es ausgeplündert. Und wir schlachteten die Pferde und marschierten bei achtundzwanzig Grad Kälte und stolperten auf Schritt und Tritt über Sterbende und Erfrorene. Wer hinfiel, blieb liegen, ob Offizier oder Soldat. Und der Feind feuerte beständig in unsere Flanken.«

Er schöpfte tief Atem und fuhr eilig fort, als spürte er die Feinde im Rücken. »Mit zwölftausend Mann kam der Kaiser an die Beresina. Seine Marschälle stießen mit achtzehntausend Mann zu ihm. Das war die große Armee. Und sofort wurde der Übergang bewerkstelligt. Die Brücke für die Artillerie brach mehrere Male. Geschütze und Kanoniere stürzten in wildem Knäuel in den Fluß. An der anderen Brücke drängten sich alle Waffengattungen, als wollten sie sich gegenseitig zerfleischen. Denn die Kugeln der Russen pfiffen in die Haufen hinein. Man schlug und würgte sich, um auf die Brücke zu kommen. Nur ein einziges Korps hielt steif vor der Brücke und wies den Feind ab, bis die letzten hinüber waren. Es war das Korps der altbergischen Truppen, die vom Niederrhein, von der Wupper, von der Sieg. Unsere Landsleute, Vater.«

»Sie werden noch einmal ihre Pflicht tun,« murmelte der Alte von der Burg.

»Mit fünfzehntausend Mann kamen wir nach Wilna. Dort sah ich den Kaiser zum letztenmal. Er stieg in einen Bauernschlitten und eilte nach Paris. Dann fielen die Russen aufs neue über uns her und jagten uns über die Grenze. Die Regimentsfahne hatte ich vom Stock losgerissen und trug sie in einer Ledertasche um den Leib. Ein Fetzen war's noch. Irgendwo lag ich im Graben mit einer Schenkelwunde. Ich verband sie und humpelte weiter. Mutterseelenallein. Durch Deutschland. Dem Rhein zu. Nach Hause ...«

Die drei Männer saßen noch immer und lauschten, und jeder hatte seine eigenen Gedanken.

»Nun bist du zu Hause, Johannes,« sagte der Vater.

Der Johannes sah sie der Reihe nach an. »Die Sibylle fehlt. Ah, sie wird in Paris sein. In – Paris! ...«

Ganz still lag er, und seine Gedanken wanderten weiter, nach Paris, dem Kaiser nach.

»Einerlei,« murmelte er, »es war ein herrliches Leben.«

»Du bereust es nicht, Johannes?«

»Nein, Vater.«

Nach einiger Zeit richtete er sich auf. »Ich habe wohl – geschlafen? Ich muß – weiter, weiter. Kinder, was war das für ein tolles – Heimwehgefühl. Nach euch. Nach der Burg. Und nun habe ich euch und das alles – wiedergesehen. Morgen – muß ich fort.«

»Morgen,« wiederholte beschwichtigend der Alte.

»Was für einen Kriegsbart ich habe,« meinte er verwundert. »Damit kann ich nicht – vor den Kaiser. Früher – früher, als ich ein Junge war – hat mich der Joseph rasiert. Der Joseph – –. Wo steckt denn der Joseph?«

»Der Hein wird ihn rufen, Johannes. Und der Joseph wird sich freuen wie wir.«

»Er soll – sein Rasierzeug – mitbringen. So kann ich nicht – vor den Kaiser.«

Der Hein brachte den Joseph. Und der Mann blieb kerzengerade vor dem Bett stehen. »Melde mich gehorsamst zur Stelle, Herr Hauptmann.«

»Hast du gedient, Joseph?«

»Jawoll, Herr Hauptmann. Zu Kölle ungerm Kurfürst Maximilian Franz. Et wor nit berühmt.«

»Wie alt bist du, Joseph?«

»Akkurat fünfzig, Herr Hauptmann. Äwwer den Bart muß ich met der Scher afschniede.« Und er begann ohne weiteres, den Kinn- und Backenbart zu entfernen, und tat es mit weicher und sorgsamer Hand. »So,« sagte er und trat zurück, »jetz kütt der Schnurrbart doch widder zo singe Rääch'. Un der Johannes kütt och widder zum Vörschien. Melde gehorsamst, Herr Hauptmann.«

Der Johannes reichte ihm die Hand. »Ich muß weiter – Joseph. Auf – Wiedersehen.«

Der Joseph hielt sich kerzengerade. »Adschüs, Här Hauptmann.« Und machte kehrt und ging. Nur auf der Treppe räusperte er sich mehrere Male.

Der Tag verging. Der Johannes wachte kaum auf. Die Männer waren abwechselnd ins Haus hinuntergegangen, hatten ihre Mahlzeiten zu sich genommen und saßen nun wieder vereint am Bett und horchten auf die leisen Atemzüge. Plötzlich wurde der Schlafende unruhig, murmelte, griff um sich und schlug die Augen auf. »Die Fahne – –?«

»Was suchst du, Johannes?« fragte der Vater und beugte sich über ihn.

»Die – Fahne. In der – Ledertasche. Wo – ist sie nur?«

Der Barthel brachte die Tasche und legte sie auf das Bett. »Hier, Bruder.«

»Aufmachen,« bat der Johannes. Und der Barthel öffnete die Tasche und zog ein Stück zerschossenen Fahnentuches heraus und das Kreuz der Ehrenlegion.

Der Johannes tastete danach. Er strich so lange mit den Händen über den Tuchfetzen, bis er geglättet vor ihm auf der Decke lag. Und das Ordenskreuz legte er in die Mitte darauf. Wie mit einem Kinderspielzeug tat er, und seine Augen leuchteten wie die eines glücklichen Kindes. »Wie schön – das Leben – war ...«

Nun brach er ab und fragte unvermittelt nach den Weinbergen.

»Wir haben einige sehr gute Herbste gehabt und einige Mittelherbste,« berichtete der Vater. »Das letzte Jahr fehlten die Hände.«

»Ich habe die Weine aller Länder getrunken,« sagte der Johannes und sann vor sich hin, »aller Länder, aber der Rheinwein blieb der König. Und ich habe die Mädchen aller Länder geküßt, aller Länder, und keins war wie das rheinische.« Seine Augen weiteten sich und blickten starr. »Herrgott, es muß schwer sein, alles zurücklassen zu sollen, den Wein und die Frauen, und dabei denken: es wächst jedes Jahr ein neuer Wein, den du nicht mehr trinken wirst, und wachsen neue Mädchen, die nicht mehr für dich sind – nicht mehr für dich.«

Er suchte in seinen Erinnerungen, und es stand wie ein Kampf auf seinem Gesicht.

Der Vater beobachtete ihn still. Er trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die schweißfeuchte Stirn.

»Vater!« stieß der Johannes hervor und griff mit beiden Händen nach der Hand des Alten. Da winkte der Alte den anderen zu. Und der Barthel und der Hein verstanden ihn und gingen unbemerkt hinaus.

Des Alten Hand lag noch immer auf der schweißfeuchten Stirn. »Wir sind ganz allein, Johannes. Und da du morgen weiter willst, so wäre es möglich, daß du noch etwas auf dem Herzen hättest oder einen Auftrag oder einen Wunsch.«

»Vater,« wiederholte der Johannes und blickte in die klaren, großen Augen.

»Ja, mein Junge?«

»Ich bin sehr glücklich gewesen, Vater, sehr glücklich. Und die Menschen haben mich gern gemocht in meiner Art. Ja, das haben sie. Nur ruhig sitzen konnte ich nicht, während alles um mich her in Bewegung war. Als unser Regiment nach Jena marschierte, lagen wir in Koblenz. Da war ein Mädchen, Vater, die mir die liebste schien, so rein und froh und zutraulich war sie. Man konnte sie nicht betrügen. Ich bin seit Jena nicht mehr heimgekommen, Vater.«

»Heim? War sie deine Frau geworden, Johannes?«

Der Sterbende schloß die Augen. Und öffnete sie groß. »Ja, Vater.«

»Vor dem Gesetz, Johannes?«

»Ja, Vater.«

»Und habt ihr – ein Kind?«

Da färbten sich die eingefallenen Wangen mit einer fliegenden Schamröte. »Ich weiß es nicht, Vater. Das Regiment marschierte nach acht Tagen.«

Der Alte stand in ernstem Sinnen. Er dachte an die Tote unter dem Rheinbreitbacher Friedhofgras und an die Tote zu Straßburg. Und er dachte an die Stunde, in der er die Verantwortung für die drei fremden Kinder auf sich genommen hatte wie eine stille und frohe Buße. Ja, er hatte sein Gelübde gehalten nach bestem Wissen und Willen. Und er würde es weiter halten. Da hatte der Barthel ein Kind, und der Johannes – wußte nichts von daheim.

»Wie hieß das Mädchen?« fragte er freundlich.

»Maria Görres, Vater. Sie war die Tochter eines Schullehrers.«

»Ich werde den Hein nach Koblenz schicken. Verlaß dich darauf, Johannes.«

»Vater,« sagte der Johannes nach einer Weile, »muß ich sterben?«

»Wir müssen alle sterben, mein Junge, ob früher oder später. Grüble darüber nicht nach.«

»Ich meinte auch nur – wegen der Fahne.« Und er fuhr aufs neue liebkosend über das zerfetzte Tuch. »Keiner darf sie haben – keiner. Der Kaiser baut auf mich – oh – der Kaiser ...«

Der Alte ging zur Tür und rief den Barthel und den Hein herein. Es war bald Mitternacht. Und der Johannes nickte ihnen strahlend zu und griff nach dem Kreuz der Ehrenlegion und summte ein Marschierliedchen von des Kaisers Grenadieren. Darüber schlief er ein.

Zwei, drei Stunden schlief er, ohne sich zu regen. Dann tat er einen tiefen Seufzer ...

Die drei Männer standen an seinem Lager, und der Alte legte ihm die Hand aufs Herz. »Ausgestürmt,« sagte er.

Und sie knieten nieder und sprachen ein stilles Gebet für seiner Seele Wanderung. –

Der Schreiner hatte den Sarg gebracht. Der Barthel und der Hein betteten den toten Bruder hinein, und der Alte legte ihm den Fahnenfetzen um die Brust und heftete das Kreuz der Ehrenlegion darauf. »Der Inhalt seines Lebens soll ihm nicht genommen werden. Adieu, du wilder Johannes. Wir behalten dich lieb.«

In der Abendstunde trugen sie ihn hinaus auf den Friedhof. Es war kein anderes Gefolge als die aus der Burg und der alte Schmitz. Der Pfarrer sprach Gebet und Segen. Und sie begruben ihn zu Füßen seiner Mutter.

Am nächsten Tage fuhr der Hein nach Koblenz. Er fragte in der Stadt umher nach dem Lehrer Görres und erfuhr, daß er verstorben sei. Auf die Tochter besann man sich kaum. Da fragte er weiter, von Straße zu Straße, bis man ihn in ein baufälliges Haus wies. In einer kleinen Wohnung fand er eine junge Frau bei einer Plätterei. Ein fünfjähriger Junge saß artig in einer Ecke über einem Bilderbuch.

»Ich heiße Heinrich von Einsiedel,« sagte der junge Mann, »und hatte einen Pflegebruder, der Johannes Tiebes hieß.«

Die Frau schob zitternd die Arbeit beiseite, lief zu ihrem Jungen und faßte ihn bei der Hand. »Der Johannes – ist mein Mann.«

»Ich weiß es, Frau Tiebes, und der Vater schickt mich zu Ihnen, Sie zu holen.«

»Ist der Johannes – heimgekommen?«

»Er ist – heimgegangen, Frau Tiebes. Und der Vater hat die Sorge für Sie und Ihr Kind übernommen.«

Die Frau saß auf einem Stuhl und weinte in ihre Hände, die sie vor die Augen gepreßt hielt. Der Knabe versuchte bettelnd die Hände zu entfernen.

»Frau Tiebes,« sagte der Hein, »er ist als Hauptmann gestorben. Wir wußten nichts von seiner Ehe, sonst hätten wir Sie nicht allein gelassen. Jetzt aber gehören Sie zu uns, und die Liebe, auf die Sie so viele Jahre gewartet haben, sollen Sie nun bei uns finden. Sie und das Kind.«

Und er setzte sich ernst zu ihr und sprach mit ihr von Johannes und seiner Kindheit und von der Burg und dem Vater.

Angstgeschüttelt saß sie neben ihm in dem Wagen, der sie von der letzten Poststation zur Burg brachte, ihren Knaben zwischen den Knien.

Und der Alte trat aus der Pforte heraus und schritt auf den Wagen zu und reichte ihr die Hand. »Guten Abend, Maria. Sei uns allen willkommen. Ist das dein Junge? Wie heißt er?«

»Johannes,« sagte sie mit bebender Stimme.

»Ah,« sagte der Alte, »nun haben wir doch wieder einen Johannes.« Und er hob das Kind empor und küßte es.

*

 

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