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Die Burgkinder

Rudolf Herzog: Die Burgkinder - Kapitel 13
Quellenangabe
authorRudolf Herzog
titleDie Burgkinder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun256.-275. Tausend
year1923
firstpub1911
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XI

Es waren seltsame Feierstunden, die auf der Burg gehalten würden. Bei jeder neuen Kunde, die von immer neuen Demütigungen der Fürsten und des Volkes erzählten, sah man den alten Schmitz im schwarzen Leibrock den Weg zur Burg einschlagen. Der Hausherr wartete schon auf ihn, und der Hein stand neben ihm. Dann saßen die drei und schauten sinnend in ihr Glas, bis der Alte von der Burg das seine aufnahm und starken Tones sagte: »Es lebe Deutschland.«

»Un morgen mehr als heut,« fügte der alte Schmitz hinzu.

Und sie sprachen von dem Jammertag zu Tilsit und dem Engel Preußens, der königlichen Dulderin Luise, die vergebens ihre bittenden Hände zu Napoleon emporgehoben hatte, und sie sprachen von den Kaisertagen zu Erfurt und den deutschen Fürsten, die herbeigeeilt waren, dem kaltlächelnden Franzosenkaiser den Steigbügel zu halten. An keinem Unglück und an keiner Schmach gingen die Männer vorüber, und sie härteten ihre Seelen darin und kräftigten ihren Haß.

Die Trauer um das Schicksal des Vaterlandes drängte die Trauer um das Wohl und Wehe des einzelnen zurück. Wohl hatte der Hein, als er von Köln zurückgekehrt war, dem Vater Bericht erstattet über Barthels Seelennot. Aber der Vater hatte ihm nur die Hand gedrückt und ihm geantwortet: »Es muß jeder, der zur inneren und äußeren Freiheit gelangen will, durch sein Schicksal hindurch. Du weißt es selber, Hein.« Und er hatte stumm genickt und an Sibylle gedacht.

Einmal in diesen Tagen war der alte Schmitz aufgeregter als sonst zur Burg gekommen. »Kennen Sie einen preußischen Major von Schill? Ich habe ihn auch nit gekannt. Aber wenn ich heut einen Jung zu taufen hätt', ich würd' ihn Ferdinand taufen und nix als Ferdinand.«

Und er las aus einer preußischen Zeitung, die sich eingeschmuggelt hatte, einen Bericht vor, wonach der Kommandeur des zweiten Husarenregiments in Berlin, Major Ferdinand von Schill, sein Regiment ohne Wissen des Königs, nur von patriotischem Zorn gegen die französischen Unterdrücker getrieben, aus der Hauptstadt heraus und auf eigene Faust gegen den Feind geführt habe.

»Freund,« sagte der alte Schmitz, »Freund, dat hilft Ihnen nu nix, Sie müssen die beste Flasch' aus Ihrem Keller hergeben.«

Und der Alte von der Burg holte sie herbei, und während sich die Männer in die aufleuchtenden Augen schauten, meinte er feierlich: »Nicht weil ich mir von der kleinen, tollkühnen Schar einen Sieg verspreche. Aber weil hier ein Beispiel gegeben wurde, daß es doch in Deutschland noch furchtlose und opfermutige Männer gibt. Es lebe Ferdinand von Schill!«

Und während sie am Rhein auf sein Wohlergehen tranken, raste der tapfere Major mit seinen Husaren im letzten Verzweiflungskampf durch die Straßen Stralsunds, von den Hilfsvölkern Napoleons, Dänen und Holländern, gejagt, und nahm mit seinem letzten preußischen Säbelhieb den holländischen General mit sich in die Ewigkeit.

Zu Wesel am Rhein erschoß man die letzten elf seiner Offiziere.

Was ein rheinisches Herz in der Brust trug, schrie auf und streckte die geballten Fäuste gen Westen.

»Fürchtet euch nicht,« sagte der Alte auf der Burg, »aus der blutigen Saat wird eine blutige Ernte werden. Und noch immer leben Männer. Blickt nach Tirol. Am Berg Isel hat der Sandwirt Hofer zum zweitenmal Franzosen und Bayern aufs Haupt geschlagen, hat Innsbruck befreit und das Land vom Feind gereinigt. Und alles das hat er mit dem Tiroler Landsturm vollbracht. Wißt ihr, daß uns das eine Lehre ist, fortzufahren in den Vorbereitungen? Macht die Jugend stark an Leib und Seele und erfüllt die Alten mit der Begeisterung der Jugend! Lehrt sie den Körper geschmeidig und widerstandsfähig machen und unterrichtet sie im Gebrauch der Büchse! Und was jetzt wie ein Spiel erscheint, wird ihnen einmal den Ernst der Stunde erleichtern.«

Das Wort wurde vom alten Schmitz hinausgetragen in die Orte am Rhein und in die Dörfer und Städtchen am Siebengebirge. Und Jünglinge und Männer eilten in die Turnstunden und zogen in Reih' und Glied auf die Schützenplätze; als wüßten sie nicht aus noch ein mit der rheinischen Festfröhlichkeit, und doch sagten sie bei jedem Treffer: »Ein Franzos.«

Dann knallten Büchsenschüsse aus dem Süden herauf.

Aus dem Kerkerhof zu Mantua drangen sie in die deutschen Lande, und der Hofer lag mit zerfetzter Brust. Der alte Schmitz ging im feierlichen Leibrock zur Burg, und der Hausherr erwartete ihn und der Hein. Und die drei Männer saßen wie so oft bei der Kunde von neuer Willkür und neuer Schmach beisammen und schauten sinnend in ihre Gläser, bis der Hausherr das seine hob und starken Tones sagte: »Es lebe Deutschland.«

»Et bleibt nit mehr gar so viel,« meinte finster der alte Schmitz.

Unermüdlich arbeitete der Hein mit den Leuten in den Weinbergen und auf den Feldern. Und das Gütchen dehnte sich und wuchs mählich und mählich zu einem stattlichen Weingut heran. Nur um den Monatsersten hatte der Hein einen Tag der Unruhe. Dann schaute er oft von der Arbeit auf und schaute nach der Landstraße, ob er den Briefboten noch nicht gewahre. Denn Sibylles Briefe kamen pünktlich. Zweimal noch fuhr der Hein nach Köln und suchte den Barthel auf. Und diese Stunden wogen dem Barthel wie ernteschwere Jahre.

Der Joseph aber rannte an einem frühen Herbstmorgen mit rotem Kopf ins Dorf und kam mit einer alten Frau zurück, die er heimlich durch das Gartentor schob und scheu, als ob er auf verbotenen Wegen wandelte, in seine am Kelterhaus gelegene kleine Wohnung einließ. Zwei Stunden später klopfte er, frisch rasiert und im Sonntagsanzug, an die Tür des Arbeitszimmers.

Der Alte sah ihn verwundert an. »Du hast dich ja herausgeputzt, als gab' es Besuch.«

»Här, hä es als in der Burg, un ich kommen en anmelde.«

»So? Wer ist es denn?«

»Met Respekt zo vermelde: dä kleine Juseph.«

»Wer ist es?«

»Här,« sagte der Joseph und kraulte sich den Kopf, »nix för ungot. Äwwer dat es nu nit mieh rückgängig zo maache. Da kleine Juseph es nu emol do un nit wegzuleugne.«

»Das Rikchen hat –?«

»Ja, Här, et hat. Un et is ene prachtvolle Schreihals.«

Da stand der Alte auf und packte ihn bei den Schultern. »Kerl, laß dich mal ansehen. Vater bist du geworden?«

»Här,« meinte der Joseph, »et is keen Döppche esu scheif, et fingk sin Deckelche.«

»Und was sagt die alte Barbara zu der Großmutterwürde?«

Da lachte der Joseph über das ganze Gesicht. »Se hat gesaht: Juseph, Juseph, mer kann dich nit en Minut allein losse un du maachs Dommheite.«

»Also dann gratulier' ich, Joseph. Grüß dein Rikchen. Und wenn ihr einen Paten braucht, denkt an mich.«

Den Hein aber nahm der Joseph schon am dritten Tag mit zu der Wöchnerin.

»An den Storch gläuws du ja doch nit mieh, Hein, un mit godde War muß mer nit hingerm Berg halde.«

Auf den Fußspitzen trat der Hein in das saubere Stübchen. Da lag die junge Mutter in den weiß- und rotkarierten Kissen und gab dem Säugling die Brust. Sie wurde erst ein wenig rot, als sie den jungen Herrn gewahrte. Dann aber lachte sie ihm vergnügt entgegen.

»Is er nit schön, uns klein Jusephche?«

Der Hein rührte sich nicht vom Fleck. Er nickte nur andächtig und blickte auf das Kind, das das Köpfchen dicht an die Brust der Mutter gedrängt hatte und mit geschlossenen Augen trank. Und es kam ihm in den Sinn, wie lieblich und verklärt das Rikchen war und so froh über ihr bißchen Schönheit. Das machte ihn noch andächtiger, und es schien ihm mehr Glück auf der Welt zu sein, als er bisher geahnt hatte.

»Ja, ja,« sagte der Joseph und rieb sich die Hände, »'nen Droppe Glöck es mir leever als e Faß voll Verstand.«

Die alte Barbara kam aus der Nebenkammer, noch immer rüstig und behende. »Jede Geck meint, sing' Kapp' wör de beste,« und sie zwinkerte der jungen Mutter zu und nahm ihr behutsam das Kind von der Brust.

»Komm, Hein,« sagte der Joseph, »en junge Vatter is et ärmste Minsch op der Welt.« Und er räumte schmunzelnd das Feld.

Der Hein aber dachte lange noch an den Besuch bei der jungen Wöchnerin. –

Und der Winter ging hin, und die Märzglocken trugen schallend die Kunde von einem anderen Geburtsfest durch die Lande. Marie Luise hatte ihrem kaiserlichen Gemahl einen Sohn geschenkt. Der »König von Rom« war geboren. Vom Turm der Burg aus sah man das ganze linksrheinische Ufer entlang die Freudenfeuer leuchten, und von Bonn herüber drang drei Tage lang der Donner der Geschütze. –

Im Sommer las der Hein in einem Brief Sibylles, daß der Kaiser in den Herbsttagen an den Rhein zu gehen gedächte, und daß die Schauspieltruppe zu dieser Zeit in Köln eine Festvorstellung geben würde. Das Blut ging ihm wie eine heiße Welle in die Schläfen. Sibylle kam. Sibylle ...

Unerklärlich lang dehnten sich ihm die Tage und Monate. Es war ein merkwürdiges Jahr, heiß und trocken. Am Himmel zeigte sich ein großer Komet, und man schrieb ihm ein gutes Weinjahr zu und schweres Kriegsunglück. Die erste Prophezeiung erfüllte sich auf der Stelle. Um die Mitte des September schon mußte mit der Lese begonnen werden, so reif und voll hingen die Trauben an den Stöcken. Dem Alten von der Burg lachte das Herz im Leib, als der Segen aus den Keltern quoll. Und der alte Schmitz, der mit funkelnden Augen neben dem Freund stand, klopfte ihm auf den Rücken und meinte: »Von heut an – von heut an hat die Burg keine Schulden mehr. Der Elfer! Geben Sie gut acht! Der Elfer!« –

In den ersten Novembertagen reiste der Hein, gut ausgerüstet, zu den Kaisertagen nach Köln.

Der alte Schmitz schüttelte unwillig den Kopf, als er von der Reise erfuhr. »Mer müsse uns mehr zurückhalte. Auch aus Neugier dürfen mer nit dabei sein. Gerad die Nachläufer bilden die große Masse, un der Kaiser meint alsdann, et war alles lauter Verehrung. Dat gönn ich ihm nit.«

Der Burgherr beruhigte ihn schnell.

»Lieber Freund, der Hein ist nicht nach Köln, weil der Kaiser kommt, sondern weil die Sibylle kommt.«

»Dat versteh ich eher. Wegen en Mädchen bin ich auch als bis Düsseldorf gelaufen. Is lang her. Aber ich glaub, ich tät et heut noch.« Er lachte mit seinem rollenden Baß. »Nee, nee, keine Angst. Et is keine Gegenlieb mehr vorhanden.«

Der Hein war zu früh nach Köln gekommen. Der Kaiser hatte seinen Reiseweg geändert und machte unterwegs Stationen. Und wo er hinkam, glich das Rheintal einer Triumphstraße. In Köln hatte der Hein in allen Herbergen nach den französischen Schauspielern gefragt. Sie waren noch nicht eingetroffen, wurden aber täglich erwartet. Nun begab er sich zu Barthel, der ihn mit einem Jubelruf empfing und nicht dulden wollte, daß er in einer Herberge Quartier nähme.

»Du kommst mit zu mir, Hein, darüber ist nicht zu reden. Bis jetzt bist du immer nur auf einen Tag herübergekommen, aber jetzt gehörst du mir für eine ganze Woche, mir und der Sibylle. Denn die Sibylle wird mich sicher so schnell und so oft sie nur kann aufsuchen.«

Das entschied bei Hein. »Was macht die kleine Brigitte,« fragte er, »und wie geht es deiner Frau?«

Der große Barthel zog den Malerkittel aus und machte sich wegbereit. »Die kleine Brigitte,« meinte er, und wusch und trocknete seine Hände, »ach, du, so ein Kind mit seinem still und froh aufblühenden Geist ist ein Allheilmittel, Hein. Das sieht alles mit strahlenden Augen, und du kannst gar nicht anders und kämst dir wie ein Verbrecher an dem Kinderseelchen vor, wenn du es nicht gerade so machtest. Wenigstens, wenn du das Kind um dich hast. Sonst zwar – wie es meiner Frau geht, fragtest du? – Es geht ihr gut, und das heißt, wenn es ihr besonders gut geht, geht es dem Kind und mir weniger gut. Aber wir trösten uns aneinander.«

»Wird es deiner Frau auch lieb sein, wenn du mich als Einquartierung mitbringst? Sie hat in diesen Festtagen doch gewiß hundert andere Verpflichtungen.«

»Ich bring' dich ihr ja nicht mit. Ich bring' dich mir mit. So, nun können wir gehen.«

Er schloß die Werkstatt ab und sicherte die Tür durch eine Eisenstange.

»Du tust ja, als ob du für längere Zeit fortbleiben wolltest, Barthel.«

»Es kommt viel Gesindel in die Stadt. Der Kaiser steht nun mal in dem abenteuerlichen Geruch, und der wirkt besonders auf die dunklen Existenzen. Aber ganz davon abgesehen: an Arbeiten ist doch in diesen Tagen nicht zu denken, selbst wenn ich Arbeit hätte.«

»Sind die Zeiten ungünstiger geworden?«

»Die hohe Geistlichkeit hat immer eine feine Nase und weiß mancherlei Beichtgeheimnisse. Es liegt wieder etwas in der Luft, Hein. Und die Offiziere flüstern viel untereinander und treten in der Stadt herausfordernder auf als sonst. Das bedeutet immer Krieg.«

»Der Komet,« sagte Hein mit einem Versuch zu scherzen.

Sie wandelten durch die Gassen und sahen sich die Vorbereitungen zum Empfang des Kaisers an, die betrieben wurden, als gälte es den Empfang eines Gottes. Bilder und Bildsäulen wurden errichtet, und auf ungeheuern Transparenten wetteiferten die Lobpreisungen des allmächtigen Kaisers.

»Ich wollt', es gäbe Krieg,« murmelte der Hein, »nur damit diese Inschriften in Flammen aufgehen könnten.«

Der Barthel schaute hin und las den Schwulst. »Die Stadt ist durch die Franzosenherrschaft so arg heruntergekommen, daß ihr das Messer an der Kehle sitzt. Da schreien die armen Teufel, die sich vom deutschen Reich verlassen sehen, noch einmal zu dem neuen Gnadengestirn auf.«

»So schlecht steht es mit der Stadt?«

»Ich will gar nicht von der Auspressung der Kassen reden. Aber das geistige Leben hat einen Tiefstand erreicht, wie in der schlimmsten kurfürstlichen Zeit nicht. Die Universität ist längst geschlossen, die Gymnasien sind aufgehoben, die armseligen Sekundärschulen können nicht leben und nicht sterben. Unserer Kölnischen Zeitung hat man das Erscheinen untersagt, weil sie wahrhaftige Nachrichten gebracht hatte und sich zum Lügen nicht mißbrauchen lassen wollte. Ein paar andere Zeitungen teilten ihr Schicksal. Gestattet ist nur die Lektüre des Regierungsblattes, das in französischer Sprache in Aachen erscheint. Wer nicht Französisch sprechen kann, ist heute ein armer Hund und kann sich sein Recht auf der Straße suchen. Daher hörst du auch überall die französische Sprache. Nicht aus Kriecherei. Im Volke sicher nur aus reinster Not.«

»Und Arbeit ist wenig vorhanden?«

»Der Handel kann nicht auf, denn die Grenzen sind ja abgesperrt. Der Zöllner war schon in der Bibel mißachtet, aber hier ist er das gehaßteste Geschöpf, das die Erde trägt. Und da sie hier der Rheinufer wegen so zahlreich sind wie der Rheinsand, kostet ihre Unterhaltung das Vermögen der Bürger. Rechne all die Bedrückungen zusammen und bedenk dabei, daß ein gut Drittel der Einwohnerschaft der ehrsamen Zunft der Bettler angehört. Da liegen sie in Rotten vor den Kirchen und lassen sich durchfüttern.«

Vor ihnen erhob sich eine steinerne Masse aus dem Gewirr windschiefer Häuser empor. Grau und gewaltig stand sie gegen den Abendhimmel und reckte einen Turmstumpf wie einen Invalidenarm beschwörend in die Luft.

»Der Dom,« sagte der Barthel, und sein Künstlergewissen tat ihm weh. Sie standen und starrten auf Meister Gerhards deutschen Wunderbau. Da lag er wie ein schwerverwundeter Riese, und die klaffendsten Wunden waren nur notdürftig bedeckt. Roh gearbeitete Dächer legten sich auf Langschiff und Seitenhallen, und die hohen Räume dienten zum Fruchtmagazin der Franzosen. Ein verwitterter Kran ragte gespenstisch auf dem bröckelnden Turmbau.

»Das ist das rechte Wahrzeichen Kölns,« sagte der Barthel, und sie schritten in Gedanken versunken der Wohnung zu. –

Frau Josepha hatte ihren besten Tag. Sie gab eine Abendgesellschaft und besichtigte die Tafel, denn die Gäste wurden in einer Stunde erwartet. Den Hein begrüßte sie mit einem spöttischen Knicks. »Hat der Alte von der Burg wieder einmal eine Friedenstaube losgelassen? Ach, Barthel, du hast es gut. Wo findet meine arme Seele den Zuspruch?«

»Wir wollen jetzt zum Kind gehen,« bat der Barthel den Hein, und sie suchten die nach dem Hof gelegenen Räumlichkeiten auf. Der Hausherr ging mit gesenktem Kopf. »Du mußt dich hier nicht umsehen, Hein. Die Prachtzimmer kennst du ja, und für den Rest der Wohnung bleibt der Hausfrau nicht mehr viel Zeit.« Aber die Scham färbte sein Gesicht blutrot, als er das Kinderzimmer betrat, und er begann hastig, zerrissene Kleidchen und umherliegende Leib- und Bettwäsche zusammenzulesen. »Schläfst du, Brigittchen?« fragte er dabei leise.

»Ich habe noch nicht die Abendmilch, Vater,« tönte ein dünnes Stimmchen.

»Was? Du hast noch nicht gegessen? Da werde ich selbst mal nachsehen.« Der Hein trat an das kleine Bettchen, beugte sich hinab und sah in ein Paar dunkle Kinderaugen. »Ich bin der Onkel Hein. Guten Abend, du süß klein Mädchen.«

»Guten Abend,« sagte das schüchterne Stimmchen.

»Ich habe dir auch eine schöne Puppe mitgebracht, aber die bekommst du erst morgen, wenn du ausgeschlafen hast. Willst du mir jetzt wohl einen Kuß geben?«

Da streckte das Kind glückselig die Ärmchen und legte die seinen Lippen auf den bärtigen Mund. Und der Hein zog sich einen Stuhl heran und erzählte eine lange Geschichte und wunderte sich, woher er die Fabel und die Worte nahm. Dann kam der Barthel zurück.

»Entschuldige,« sagte er, »aber es war kein Tropfen Milch im Hause, und ich mußte erst in die Nachbarschaft. Die Mädchen durften nicht gestört werden, und die Hausfrau hat – Pflichten. Pflichten, über denen man den Hunger des Kindes vergißt.«

Er streichelte des Mädchens Wangen und hielt ihm den Becher an den Mund. »Wie heiß du bist, Brigittchen.«

»Der Onkel hat so schön erzählt. Und eine Puppe krieg' ich,« berichtete die Kleine und trank in großen Zügen.

»Ei, das ist aber eine Freude, mein Herzchen. Da werden wir fein miteinander spielen. Du und die Puppe und der liebe Onkel und der Vater. Was? Das ist ein Spaß! Und nun muß mein klein Mädchen ganz besonders gut schlafen. Gute Nacht, Brigittchen.«

Und das Kind küßte den Vater und lachte den Onkel an und küßte ihn auch. Dann schlief es gehorsam ein.

»Es ist so wenig verwöhnt,« sagte der Barthel mit Bitterkeit in der Stimme. »Was für eine Jugend haben wir dagegen gehabt. So viel Liebe! Selbst, als wir verwaist waren – nur Liebe. Und die fehlt hier am meisten, und ein Kleinkinderherz spürt das wie ein Großer.«

Das Gastzimmer sah am meisten verwahrlost aus. Alles, was in der Wohnung sich als hinderlich erwiesen hatte, war hineingesteckt worden. Der Barthel gab sich wortlos daran, Ordnung zu schaffen, und er richtete das Bett und die Waschgelegenheit. Dann wurde das Gepäck vom Posthof gebracht.

»Barthel,« unterbrach der Hein das Schweigen, »ich will dich wahrhaftig nicht trauriger stimmen. Aber das duldest du alles so ruhig?«

Der Barthel antwortete zuerst nicht. Erst nach einer Weile, als er das Gepäck untergebracht hatte, hob er den Kopf.

»Weshalb ich das dulde, meinst du? Ja, Junge, das habe ich mich auch oft gefragt, und die anderen habe ich es gefragt, wenn es mir zuerst zu arg wurde. Dann schlug Frau Josepha die Hände über dem Kopf zusammen und fragte mich, was meine Undankbarkeit denn noch mehr wolle? Als hergelaufener Gehilfe hätte ich mich in ein fertiges Nest gesetzt und die berühmte Werkstatt übernommen und die Tochter des noch berühmteren Meisters geheiratet. Und der Meister Gerolt kam herbei und seine Frau und schrien mich an, daß ich das Vertrauen nicht rechtfertige, und statt zu schmälen, sollte ich lieber in der Werkstatt stehen und das schöne Geschäft nicht zugrunde gehen lassen. Ach, Hein, ich wußte, daß das alles nicht die Wahrheit war, und daß meine Arbeitskraft alles geschaffen hatte. Aber der Zank war mir noch widerwärtiger als die Unordnung, und so taten die Gerolts nach wie vor, was ihnen gutdünkte. An mich und das Kind denkt kaum ein Mensch im Haus. Na, komm, wir wollen essen gehen und uns den Abend schön machen.«

»Wohin? In die Prachtzimmer?«

Da lachte der Barthel. »Ich hab' dich doch lieber, als du glaubst. Ich weiß einen guten Weinschank bei Maria am Kapitol. Vorwärts, Hein.« –

Die französischen Schauspieler trafen erst in letzter Stunde ein. Sie hatten das Festspiel zu Ehren des großen Kaisers, seiner Gemahlin und des jungen Königs von Rom so oft schon in anderen Städten, die Napoleon berührte, zur Darstellung gebracht, daß es einer Probe nicht mehr bedurfte. Sie begaben sich sofort ins Komödienhaus und richteten Bühne und Gewänder her.

Draußen auf den Gassen und Plätzen aber tobte das Vivatgeschrei der Bürger, schrien die Geschütze in den Glockenjubel hinein. »Es lebe der Kaiser – der Kaiser!«

Mitten im Gedränge der Theaterbesucher saß der Hein. Heiß und kalt war ihm, und er hielt die Lippen zusammengepreßt. Was sich in Köln zu den besseren Schichten zählte, füllte mit den Beamten und Offizieren Logen und Plätze, und die Familie Gerolt nahm mit ihren Freunden nahe der Bühne eine Loge ein. Dort stand auch der Barthel im Hintergrund.

Der Vorhang hob sich zu einer Allegorie im Himmel. Gottvater selber bestimmte seinen Lieblingsengel, seinen Lieblingssohn auf Erden die Pfade zum Ruhm zu führen. Und in wechselnder Bilderfolge zogen die Großtaten Napoleons vor den Augen der jubelnden Zuschauer vorüber, von dem Engel des Herrn geleitet und erläutert.

Nur diesen Engel sah Hein, nur diesen Engel. Hoch und schlank gewachsen war er, und eine braune, flimmernde Haarkrone trug er auf dem Mädchenhaupt. Wie schmal das Gesicht war. Wie still und verloren der Blick der Augen. Das waren nicht Sibylles Augen und nicht ihr frisches Gesicht. Aber jetzt – die Stimme – diese Stimme – wo klang sie her? Das war Sibylles Stimme, die den Glockenton in sich barg, und diese Glocke rief weither – aus den Jugendtagen rief sie.

Da tat der Hein einen Seufzer, der durch das Haus klang, und der Engel auf der Bühne hob seine Augen und sah zu ihm her ...

Guten Tag, alter Hein, grüßten die Augen.

Und die seinen grüßten zurück: Guten Tag, liebe Sibylle.

Im Hause Barthels fanden sie sich. Frau Josepha war stolz auf ihre Schwägerin und hatte sie und den adligen Leiter der Truppe zu einem Festabend nach der Vorstellung zu sich geladen. Die Prachtzimmer waren gefüllt von Beamtenfracks und glänzenden Offiziersuniformen. Der Chevalier de Montbrun führte Sibylle am Arme ein.

Der Hein stand beiseite und wartete. Er mußte lange warten, denn die Ehrengäste wurden stürmisch gefeiert und mußten mit gefüllten Champagnerkelchen Bescheid tun auf den erhabenen Schirmherrn der Kunst und der Künstler. Aber der Hein wartete gern. Hatte er doch Muße, Sibylle zu betrachten in ihrem fließenden französischen Kleid, das Hals, Nacken und Arme freigab und stolz den Wuchs hob.

Sibylle – Sibylle – –. War diese strahlende Frau mit den ewig lachenden Augen nun die Sibylle, oder war die Schauspielerin mit dem stillen, verlorenen Blick die rechte Sibylle gewesen? Das quälte ihn und nahm ihm die Unbefangenheit, als er sie jetzt an Barthels Seite gemenschlichen wahrte, der sie mit glücklichem Gesicht auf ihn in der fernen Ecke hinwies.

Da war sie bei ihm und preßte seine beiden Hände, als wollte sie sie zerbrechen. »Hein – –!«

»Sibylle ...,« sagte er atemlos.

»Du solltest der erste sein, den ich begrüßte. Und nun bist du der letzte.«

»Doch nicht, Sibylle. Wir haben uns schon im Theater gegrüßt.«

»Hast du es gesehen?« fragte sie dringend wie ein Kind. »Hast du es gesehen? Auf einmal war mir, als rief mich jemand. Und als ich aufblickte, war es der Hein.«

»Als ich dich auf der Bühne sah,« sagte der Hein, »und du hattest so stille Augen, waren es nicht die Augen, die ich an dir gekannt hatte. Es war so viel Müdes und Trauriges darin. Und als ich dich hier unter den geputzten Menschen sah, und deine Augen lachten beständig, waren sie es wieder nicht. Sag doch, Sibylle.«

»Du hast ein treues Gedächtnis, Hein, und du hast auch nicht falsch beobachtet. Aber heute wollen wir fröhlich sein.«

»Können wir fröhlicher sein, als wenn wir die Alten sind?«

Da fiel die erkünstelte Frische von ihr ab, und ihre Wangen schienen schmal, und ihre Augen hatten das Lachen nicht mehr.

»Nein,« erwiderte sie hart, »ich will nicht lügen. Vor dir nicht. Ich bin jetzt im Leben, die ich auf der Bühne sein sollte, und auf der Bühne bin ich mehr als anderswo – die Sibylle, wie sie jetzt ist. Das ist doch eine närrische Umwandlung der Dinge, wirst du denken: sich mit seinem Leid auf die Bühne flüchten und die Komödiantin im Leben spielen. Hein, ich will nicht, daß die Menschen in mich hineinsehen und mich auslachen. Ich bin zu stolz dazu!« Und sie recke ihre schlanke Gestalt, und nun blitzten die Augen wie einst bei der kleinen Sibylle.

»Fühlst du dich nicht glücklich bei deinen künstlerischen Triumphen?«

»Was sagst du? Künstlerische Triumphe? Und du warst im Theater und hast das greuliche Zeug mitangesehen und mitangehört? Das spielen wir nun schon seit der Geburt des kaiserlichen Erben, und vorher war es ein ähnliches, und so wird es bleiben. Ja, Hein, die hohen Träume büßt man schnell ein. Wir spielen wohl auch die Werke großer Dichter, aber wir spielen sie nur hin und wieder, weil unsere Kasse das nicht aushält. Wie Lakaien müssen wir hinter dem Kaiser her und dem berauschten Volk seinen Ruhm verkünden. Das bringt Geld und Ehren.«

»Kann,« fragte der Hein bestürzt, »denn der Direktor nicht das Volk zu einer höheren Kunst erziehen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Einen solchen Direktor gibt es nicht. Bringt ein Schauspiel Geld, so ist es gut, bringt es kein Geld, so ist es erbärmlich. Das ist der künstlerische Maßstab, und alle fühlen sich wohl dabei.«

»Nur du nicht.«

»Nein, nur ich nicht.«

Sie schwiegen, und dann meinte der Hein: »Mußt du oft gegen deinen Willen spielen?«

Da lächelte sie ihn an. »Hein, Hein, ich bin das, was man den Stern der Truppe nennt. Und am Theaterhimmel müssen die Sterne jeden Abend aufgehen. So will es das Publikum, und so will es der Direktor.«

»Also hast du keinen eigenen Willen mehr?« fragte er, und seine Augen wurden ganz hart und starr.

»Nein, ich habe keinen eigenen Willen mehr.« Und plötzlich sprach sie so hastig, daß es ihn fast betäubte. »Ich muß es dir sagen, bevor du mich danach fragst und mich die Menschen da von dir wegholen. Ich habe mich gefürchtet vor diesem Augenblick, und diese Furcht liegt nun schon seit zwei Jahren auf mir und hat mir die Freude an der Kunst genommen und die Freude an der Zukunft. Schweig ganz still, Hein, und gib keinen Ton von dir, damit die anderen nicht aufmerksam werden. Dort steht der Chevalier de Montbrun. Er ist ein grauer und gebrechlicher Mann und war es schon vor zwei Jahren. Aber er ist ein ausgezeichneter Direktor und weiß, was der Kasse frommt, und er sprach klug und ritterlich auf mich ein, als ich vor zwei Jahren seinen Beistand suchte, weil ich mich vor der Zudringlichkeit des höfischen Gesindels nicht mehr zu retten wußte. Sprich kein Wort, Hein, denn du warst nicht bei mir, und ich zu stolz, um mit hängenden Flügeln auf die Burg zurückzukommen, wie so ein ganz kleines Mädchen, das nicht einmal seine Frauenehre zu verteidigen wußte, geschweige denn mit seiner Kunst die Welt zu erobern. Ich habe nein gesagt und wieder und wieder nein, als der Direktor mir vorschlug, ihn zu heiraten; und als er mir schwur, daß er nichts anderes in mir sehen wollte als das Mitglied, das er seiner Truppe erhalten müsse, und daß sein Name nichts anderes für mich bedeuten solle als einen sichtbaren Schutz gegen alle Bedrängnisse von außen – da habe ich ja gesagt und in eine Ziviltrauung eingewilligt.«

Und der Hein tat, wie sie gewünscht hatte, und sprach kein Wort, und alles Blut wich ihm aus dem verzerrten Gesicht.

»Hein, Hein,« flüsterte sie, »sieh mich nicht so an. Das ist fürchterlicher, als ich es mir gedacht habe, und ich schreie gleich wie eine Verrückte in das Zimmer hinein. Hör mich doch, Hein. Ja, ja, ich weiß, wie du mich liebhast, und heute weiß ich auch, daß ich dich noch viel lieber habe, und ich schwör' dir, daß mich kein Mensch anrühren soll, wie mich kein Mensch angerührt hat.«

Das war das erste Mal, daß die beiden von ihrer Liebe sprachen, und nun standen sie und sahen sich mit zerquälten Augen an.

Dann sagte der Hein heiser und rauh: »Du mußt jetzt wieder lachen, Sibylle. Dort kommt dein Mann und der ganze Menschenschwarm.«

»Seh' ich dich morgen vor unserer Weiterreise?«

»Nein, Sibylle. Das wollen wir uns nicht antun.«

»Hein ...« sagte sie noch einmal, und es war der Klageton in dem Wort, den das Kind gehabt hatte, wenn es nach dem Beschützer gerufen hatte. Aber da waren die Menschen schon, die die schöne Schauspielerin umringten, und der Hein machte ihr eine tiefe Verbeugung und ging zu einer anderen Gruppe.

Was er an dem Abend noch sprach und tat, wußte er später nicht mehr. Nur daß er viel an Frau Josephas Seite geweilt hatte und, ihr behilflich gewesen war, sie in ihrem Liebesspiel mit einem jungen französischen General zu decken, das stand ihm allein noch ingrimmig vor der erregten Seele. Und er dachte darüber nach am anderen Tag, und er fühlte, daß er aus einem unklaren Trieb gehandelt hatte, der sich jetzt erst ihm klärte.

Sibylle litt. Seine Sibylle litt, und er hatte sich und ihr nicht zu helfen gewußt. Und der Barthel litt auch und sah zu, wie seine Frau mit den Augen den auf sie einredenden jungen General liebkoste. Da war es ihm durchs Hirn gefahren. Dem Barthel, hei, dem Barthel sollte geholfen werden. Und er hatte Frau Josepha zugenickt, und Frau Josepha hatte ihn mit aufleuchtendem Blick als Beschützer angenommen.

Nun waren die französischen Schauspieler weitergereist, und auch der junge General hatte Abschied genommen und noch auf dem Hausflur mit Frau Josepha erregt geflüstert. Sie kam mit heißen Augen ins Zimmer zurück und fand den Hein allein.

»Sie haben sich in den wenigen Tagen sehr verändert, Monsieur Hein.«

»Ich habe gesehen, welches Weh die Liebe den Menschen antun kann, Frau Josepha.«

»Haben Sie es gesehen? Geben Sie mir Ihr Wort als Kavalier, daß Sie mir helfen oder schweigen. Der General ist nach Paris zurück. Er erwartet mich dort, und wir wollen für immer beisammen bleiben. Wie soll ich fort?«

»Von Ihrem Mann?« fragte der Hein kalt. »Von Ihrem Kind?«

»Ich habe an beide nicht gedacht, denn beide brauchen mich nicht. Er aber und ich, wir gehören zusammen. Was liegt mir an allen anderen bei diesem Gedanken, der mich alles andere hassen macht. Verstehen Sie mich jetzt?«

»Dann,« sagte der Hein, und die Verachtung stieg ihm bis in die Kehle, »dann freilich müssen Sie fort. Verfügen Sie über meine Dienste.«

»Ich habe keine Reisekasse, Monsieur Hein.«

»Was ich bei mir führe, gehört Ihnen. Bis Paris wird es reichen.«

Er holte das Geld hervor und legte es auf den Tisch. Und sie steckte es hastig zu sich und wollte ihm danken.

»Bitte,« sagte er, »sprechen wir kein Wort darüber. Ich hoffe, eine gute Tat zu tun. Wann gedenken Sie zu reisen?«

»Heute abend geht der Postwagen. Sein Vierspänner ist schon voraus. Aber vielleicht – vielleicht hole ich ihn noch ein.«

»Leben Sie wohl.« Und er machte ihr eine knappe Verbeugung.

Am Abend kehrte der Barthel aus der Werkstatt heim und sah nach dem Kind. Die Kleine war noch in den Kleidern und spielte mit ihrer Puppe. Da rief der Barthel nach der Köchin, und die Köchin sagte mürrisch, die Frau habe ihr kein Geld für das Abendbrot dagelassen. Er gab ihr eine Münze und schickte sie zum Milchhändler.

»Nun ist uns die Sibylle wieder aus den Augen,« meinte er abgespannt zum Hein, »und wer weiß, wann und wie wir sie wiedersehen. Immerhin, sie steht fest auf ihrem Posten und findet sich mit dem Leben ab. Auch dem Johannes geht es gut, wie mir die Sibylle erzählte. Er ist Leutnant geworden und freut sich seines Lebens. Nur mir könnte es besser gehen.«

»Barthel,« sagte der Hein, »ich habe dir eine Beichte abzulegen.«

»Du mir, Hein? Ja, freilich, von mir brauche ich nichts mehr zu berichten. Von mir erzählen es sich die Spatzen auf dem Dach.«

»Barthel, deine Frau ist fortgegangen und kommt nicht mehr wieder. Und ich habe darum gewußt und ihr geholfen.«

Der Barthel starrte ihn verständnislos an. »Was redest du da für krauses Zeug?«

»Barthel, es kann dich ja so schwer nicht treffen. Der junge französische General und deine Frau –«

Der Barthel rang nach Atem. Er spreizte die Finger auf der Tischplatte und ballte sie zu Fäusten. »Hein,« stieß er hervor, »sag, daß es nicht wahr ist – Herrgott, wo ist mein Verstand?« Und er erhob sich von seinem Stuhl und trat schweren Ganges vor den Hein. »Junge, sei barmherzig. Sie kann nicht von ihrem Kind fortgegangen fein, und du kannst nicht die Hand dazu geboten haben.«

»Doch, Barthel,« sagte der Hein festen Tones, »es ist so. Du und das Kind waret nicht mehr in ihrem Leben. Da tat ich es – um euch zu retten.«

»Josepha,« murmelte der Mann und blickte wie geistesabwesend die Wände entlang.

»Barthel,« bat der Hein, »faß dich, Barthel.«

»Sie war so schön,« murmelte der Mann, »als sie zu mir in die Werkstatt kam. Mir hat sie gehört, mir und – nun kommt ganz einfach ein anderer.«

»Barthel!«

»Du weißt ja nicht, wie lieb man eine Frau haben kann – –.«

»Barthel, wir wollen jetzt nicht von mir sprechen. Mach die Augen auf und sieh dir die kleine Brigitte an. Kann man eine Frau liebhaben, die solch ein hilfsbedürftiges Geschöpfchen im Stiche läßt? Denk an deine Mutter, die noch in ihrer Sterbestunde nach euch schrie, und ihr waret große Kinder und hattet unseren Vater. Nein, Barthel, von Liebe für diese Frau sprichst du gewiß nicht mehr, wenn du das Kind ansiehst.«

Der Barthel drehte sich langsam um. »Brigittchen,« sagte er ganz leise. Und dann bückte er sich und hob das spielende Kind vom Boden auf und preßte es stumm an sich.

»Barthel,« sagte der Hein nach einer Weile und streckte ihm die Hand entgegen. »Barthel, ich habe gedacht, wir Burgkinder müßten einander helfen –«

Der Barthel nahm die Hand. »Du hast recht gedacht und auch wohl recht gehandelt. Und nun spür' ich auch, es ist keine Liebe und kaum noch eine Verachtung. Es ist mehr, daß ich mich selbst verachte, Hein. Nur so müde bin ich, wie nie in meinem Leben.«

Da legte ihm der Hein den Arm fest um die Schulter.

»Komm mit nach Rheinbreitbach. Geschäfte halten dich nicht. Und der Alte freut sich auf das Kind.«

Der Barthel schaute sein kleines Mädchen an. Jugenderinnerungen überfielen ihn – viele, viele, und alle waren sie kinderfroh. Rote Wangen würde die kleine Brigitte bekommen und – für später – ein glückseliges Erinnern. Und die Kleine war blaß und menschenscheu.

»Wir gehen – auf die Burg –« sagte er ihr zärtlich, als sänge er ihr ein Wiegenliedchen.

»Morgen, Barthel.« Er nickte. »Morgen.« –

Am nächsten Tage fuhren sie, das Kind zwischen sich, die Landstraße entlang. Und am Nachmittag sahen sie das Siebengebirge winken, und am Abend breitete sich die Heimat vor ihnen aus, die Heimaterde, die immer auf ihre Söhne wartet, um ihnen frische Kräfte zu geben. –

*

 

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