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Die Burgkinder

Rudolf Herzog: Die Burgkinder - Kapitel 12
Quellenangabe
authorRudolf Herzog
titleDie Burgkinder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun256.-275. Tausend
year1923
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190711
projectid20aedb08
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Es kamen Briefe aus Paris in Sibylles kräftiger und eiliger Handschrift. Sie berichtete über die große, menschenangefüllte Stadt, in der das Leben so stark und schnell pulsiere, daß man ihm oft nicht zu folgen vermöge, und jeder Tag eine neue Welt hervorzaubere. Von den Palästen und Kunstdenkmälern berichtete sie und von den Museen, angefüllt mit den Schätzen aus aller Herren Ländern. Und die Menschen schilderte sie, die über Nacht zu Würden und Reichtümern kämen und das Leben heißer liebten, als es anderswo geschähe, und drängender seine Offenbarungen forderten, weil sie nicht wüßten, auf welches Schlachtfeld der Befehl des Kaisers sie morgen hinaussenden würde. Dann schrieb Sibylle auch von ihrer Arbeit und ihren Studien, die das Einsetzen ihrer ganzen Kraft beanspruchten, damit sie dem Ziele immer näher käme. Und sie schloß damit, daß sie sich wohl fühle und daß ihre Umgebung ihr mit Achtung begegne.

Im neuen Jahr aber trafen französische Zeitungen ein, in denen Stellen mit rotem Stifte besonders gekennzeichnet waren, und diese Stellen handelten von dem ersten Auftreten einer Mademoiselle Sibylle und sprachen lobend von ihrer jungen Kunst und lobender noch von ihrer jungen Schönheit. Das alles las Hein mit einem seltsam zwiespältigen Gefühl, und oft überwog der Stolz, sie gefeiert zu wissen, und oft ein unruhiger und unerklärlicher Unwille, daß die Blicke aller sie betasten dürften.

Auf jeden der Briefe antwortete der Vater. Nicht mahnend und dämpfend, wie es so gern das Alter tut, das den Werdegang der Jugend längst vergaß und die Notwendigkeit des eigenen Erkämpfens. Wie ein Freund, der schon eine Strecke Weges voraus ist und im Gebirge gute Wege kennt und lohnende Ausblicke, so schrieb der Vater an Sibylle. »Ich habe immer gefunden, meine Tochter, daß es nichts Schlechtes und Niedriges gibt, was wir nicht durch uns zu erhöhen vermöchten. Und Du wirst das gleiche finden.«

Auch der Hein antwortete oft. Mit keinem Wort ging er auf Sibylles Leben und ihre Bestrebungen ein. Aber der Joseph marschierte in seinen Briefen auf und des Josephs flinke junge Frau, die alte Barbara und der alte Schmitz. Gärten und Felder grünten in seinen Briefen, und die Weinberge blühten und der goldgelbe Ginster am Waldrand. Und dann kam der Rhein an die Reihe und rauschte hinein, und es wurde eine einzige Heimatmelodie.

Trüber klangen die Briefe, die Barthel schrieb. Der große, unbeholfene Mensch fand sich nicht mehr zurecht in Köln, und die Einsamkeit drückte ihn unter den vielen Menschen. Zu Hause wirtschaftete er allein, und an Sibylles sorgende Hand gewöhnt, wollte es ihm nicht glücken, und er fürchtete sich bald vor der Leere, die ihn daheim erwartete, und so blieb er lieber bis in die späte Nacht in der Malerwerkstatt und schaffte für den Meister mit. Da schoß Meister Gerolts Weizen üppig in die Höhe, und von der wieder erstarkenden Kirche im Land mehrten sich die Aufträge, denn nach den republikanischen Zeiten sah es bös aus in den Tempeln des Herrn. Barthel aber malte den heiligen Martin, der, auf weißem Rosse reitend, mit dem Schwert den Mantel teilt, um den Bettler zu kleiden, und er malte den milden Kinderfreund Sankt Nikolaus mit den rotbackigen Äpfeln auf dem Gebetbüchlein, den heiligen Sebastian, den schönen Jünglingsleib von Pfeilen durchschossen, und alle die anderen Heiligen und Kirchenpatrone. Lieber aber malte er den Heiland, als Wundertäter und Menschheitserlöser, in seinem großen Leben und seinem größeren Sterben, und die würdigen Apostel des Gottmenschen. Am liebsten jedoch schuf er Marias Bild, der liebreichen Mutter mit dem Jesusknaben, der schmerzensreichen Mutter unterm Kreuz und der zur Himmelskönigin erhöhten Mutter. Dann träumte er von den Frauen, die ihm am teuersten waren, und die jungfräulichen Marien trugen Züge der Schwester, und die erkenntnisreichen trugen die Züge der Frau, die auch ihn unter dem Herzen getragen hatte und deren sorgenvolles Mutterherz ausruhen durfte unter dem Friedhofgras zu Rheinbreitbach.

Er war kein Überflieger, der Barthel, aber seine Bilder trugen den Stempel eines künstlerischen Gewissens, standen sicher in der Zeichnung und blühten in den satten Farben, wie das gläubige Volk sie liebt. Und keins war, in dem man nicht die Liebe und Hingabe des Künstlers an seinen Stoff verspürte, die Liebe und Hingabe, die den Beschauer rührte und zwang.

Meister Gerolt, der große Kirchenmaler, kam nur noch stundenweise am Tag in die Werkstatt, und oft blieb er ganz fort. Er spielte jetzt lieber den großen Künstler beim Wein und in bunter Geselligkeit, ließ seine Kleider beim ersten Schneider der Stadt verfertigen und trug Haar und Bart, wenn auch schon stark ergraut, nach der neuesten Mode. Und seine Damen taten wie er. Frau und Tochter vermochten ohne äußeren Prunk und Schein nicht mehr zu leben, und das Geld rann ihnen um so leichter durch die Finger, als sie ja den fleißigen Geldmacher Barthel von früh bis spät für alle ihre Bedürfnisse sorgen wußten. Zuweilen huschten sie mit raschelnden Röcken in die große Malerwerkstatt, in der reichgeschnitzte Altäre der Bemalung harrten, in prangenden Farben gehaltene Holzfiguren umherstanden, große Heiligenbilder mit überirdischen Augen von den Staffeleien niederblickten und Dekorationsentwürfe für Kirchen und Kapellen in breiten Kartons an den Wänden hingen. Dann kicherte und lachte es unter all den ernsten Dingen, und französische Scherzworte flogen zwischen den Damen und den Herren, die sie mitzubringen pflegten, hin und her, und die Heiligen hatten die Zeche zu bezahlen. Bis Barthel sich im langen Leinwandkittel mißbilligend umsah oder gar den Pinsel ruhen ließ.

»O, Monsieur Barthel ist sehr unzufrieden mit uns Weltkindern,« rief dann Mademoiselle Josepha Gerolt ihrer Mutter zu, und die Damen gaben sich mit den Augen Zeichen und führten ihre lach- und spottlustige Gesellschaft schnell hinaus, denn sie fürchteten sehr, sich die Dienstwilligkeit ihres fleißigen Geldmachers zu verscherzen.

Ein ganzes Jahr lang wehrte sich der Barthel gegen die Einsamkeit, die seit Sibylles Weggang um ihn war. Dann erlag er ihr, und er begann, auch in der Werkstatt grüblerisch und kopfhängerisch zu werden. Das konnte Meister Gerolt auf die Dauer nicht entgehen, und so sprach er ihn an einem Feierabend an und befragte ihn: »Sie sind krank, Monsieur Barthel, oder ist Ihnen die Freude an der Arbeit abhanden gekommen?«

Barthel schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht krank, Meister Gerolt, und wenn ich es wäre, würde doch die Arbeit meine beste Trösterin sein.«

»Aber es geht eine große Veränderung mit Ihnen vor. Wollen Sie sich Ihrem alten Meister, der Ihnen sehr gewogen ist, nicht anvertrauen?«

Der warme Ton tat dem Barthel wohl. Es kam ihm so selten, daß ein Mensch Anteil an seinen Leiden und Freuden nahm, und so faßte sich der Achtundzwanzigjährige ein Herz und sagte dem Meister, was ihn seit Jahresfrist bedrückte und immer stärker bedrückte.

»Ich bin nicht für das Wirtshaus geschaffen, Meister Gerold, und sitze nach getaner Arbeit am liebsten daheim und erhole mich in dem Frieden der Häuslichkeit. Das war, solange mir meine Schwester Sibylle das Hauswesen führte. Da entbehrte ich nichts, keine lustigen Gesellen und keine anmutigen Frauen und Mädchen. Es war warm und schön um mich her und der rechte Boden für mein Leben und meine Kunst. Nun hause ich seit einem Jahr als rechter Heimatloser und fürchte mich vor den leeren Stuben daheim und vermag mich doch nicht ans Wirtshaus zu gewöhnen. Das ging eine Zeitlang, wie es ging, und ich vergaß mich und alle Dinge, die mich beunruhigten, in der Arbeit. Aber in diesen Wintermonaten mit ihren langen, dunkeln Abenden ist es schlimmer als je geworden, und ich weiß oft nicht aus noch ein mit meinem Verlangen, mich mitteilen zu können oder so recht von Herzen für einen kleinen Kreis, der der meine ist, sorgen zu dürfen. Sehen Sie, Meister Gerolt, das ist mein Leiden, und nun, da ich es zum erstenmal auch vor mir selber laut ausgesprochen habe, weiß ich, daß ich es ändern muß, und bitte Sie, mich nach Kündigungsfrist zu entlassen.«

»Zu – entlassen?«

»Ja, Meister Gerolt. Ich will versuchen, mir eine Selbständigkeit zu schaffen und damit die Berechtigung, mir eine eigene Familie zu gründen. So allein – halte ich es nicht mehr aus.«

Verblüfft schaute der Meister auf seinen Gehilfen. Er selbst hatte ihn zum Sprechen bewogen, er selbst hatte ihn zu einem Entschluß geführt. Und er hätte sich prügeln mögen für seine so überraschend geglückte Teilnahme. Der Barthel, der Leib und Seele des aufblühenden Geschäftes war – ein selbständiger Kirchenmaler zu Köln? Der Barthel als Gatte und Familienvater mit verdoppelter Begeisterung und Arbeitsfreudigkeit am Werk? Scheu blickte sich Meister Gerolt in seiner großen Künstlerwerkstatt um. Da standen und hingen die Aufträge, daß es eine Lust war, den Verdienst danach zu berechnen. Und es war des vornehm gewordenen Meisters Haupttätigkeit gewesen. Wie lange noch, wenn der Barthel in der Stadt die eigene Werkstatt eröffnete und den geistlichen Auftraggebern und Patronen seine Aufwartung gemacht hatte? Entweder mußte der arbeitentwöhnte Meister selber wieder vom Morgen bis Abend vor die Staffelei und aufs Kirchengerüst, oder aber – es würde bald leer ausschauen in der Werkstatt und in der Kasse.

»Haben Sie,« fragte er in besorgtem Ton, »haben Sie sich diesen ernsten Schritt auch recht überlegt? Es scheint mir nicht, denn Sie bedachten wohl nicht die wetterwendischen Zeiten, und daß Sie bei mir Ihr sorgloses Brot haben.«

»Meister, wenn das Brot nicht mehr so sorglos ist, werde ich sicher um so viel emsiger noch schaffen. Und vieles, was jetzt noch in mir schläft, wird aufwachen und mich fördern und weiterbringen.«

Das hörte Meister Gerolt mit geringer Freude. Und da er nichts Stichhaltiges darauf zu entgegnen wußte, versuchte er den anderen Teil von Barthels Zukunftsträumen zu erschüttern.

»Lieber Barthel,« sagte er zutraulich, »ich habe Frau und Tochter und spreche aus der langjährigen Erfahrung. Der Mensch mag sich ganz wohl fühlen bei einer guten und sorgenden Ehefrau. Aber der Künstler, lieber Barthel, der Künstler fährt meist weniger gut dabei. Da haben Sie ein Werk im Kopf, ein Werk, das Ihnen Unsterblichkeit verleihen könnte, und daheim sagt Ihnen die Frau: ›Das Brot ist alle, und das Fleisch ist schon wieder teurer geworden, und ich kann mit diesem Kleid nicht mehr auf die Straße gehen.‹ Da ist es nichts mehr mit Unsterblichkeitsgedanken, die die Freiheit des Mannes beanspruchen, da heißt es zum zwölftenmal den heiligen Petrus mit dem Himmelsschlüssel abkonterfeien und zum zwanzigstenmal den heiligen Joseph mit dem Winkelmaß, nur damit der Schornstein raucht und die liebe Ehefrau daheim nicht schmäht: brotlose Künste, große Worte und ewige Hungerleiderei! Ach, mein lieber Barthel, es würde manch einer den eigenen Herd wieder hergeben, wenn er dadurch wieder der Unsterblichkeit um eine Elle näher rücken könnte. Aber es findet sich nicht immer zur rechten Zeit ein ehrlicher Ratgeber, wie ich es bin.«

Der Barthel lächelte.

»Ich habe keine Unsterblichkeitspläne, Meister. Was ich anstrebe, ist nicht mehr und nicht weniger, als in meinem Fach meinen Mann zu stehen. Dazu aber gehört ein innerer Friede, und den soll mir eine frohe Häuslichkeit geben.«

»Barthel, Barthel,« eiferte der Meister, »Sie sind ein großes Kind! Eher können Sie im Pferdehandel auf einen Schimmel ohne Fehler stoßen als auf der Brautfahrt auf ein Mädchen ohne Launen, Störrigkeit und Eigenwillen. Und gerade Sie – gerade Sie! Man wird Sie unschuldiges Gemüt einfangen und einwickeln und blind und taub machen, bevor Sie drei gezählt haben. Dazu ist mir ein Kerl wie Sie zu schade – weiß Gott, viel zu schade. Barthel, bleiben Sie unbeweibt und erhalten Sie sich Ihre Selbstachtung.«

»Meister,« antwortete Barthel nach einer Weile, und das stille Lächeln auf seinem Gesicht war nicht geschwunden, »ich meine, wenn der Mann brav ist und ein gutes Beispiel gibt, kann die Frau nicht anders sein.«

»Die Frau, mein lieber Barthel, ist immer erst Frau – und dann erst Ihre Frau.«

»Das versteh' ich nicht,« sagte der Barthel. »Es wird wohl ein Scherz dabei sein.«

»Heilige Einfalt – heilige Einfalt!«

»Nein, Meister, damit schlagen Sie mich nicht. Sie haben selbst eine Frau und eine Tochter und werden sie nicht herabsetzen wollen.«

Der Meister durchmaß mit großen Schritten die Werkstatt. Seine unruhigen Blicke streiften die begonnenen Bilder und Entwürfe und ließen schnell von ihnen ab. Und sie streiften den unentbehrlichen Gehilfen, erst heimlich von der Seite, dann forschender und nachdenklich. Dicht vor ihm blieb er plötzlich stehen und faßte ihn kräftig beim Leinenkittel.

»Also gut. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Vorwürfe werden Sie mir einmal nicht machen können, ich habe Sie hinreichend gewarnt. Aber versprechen sollen Sie mir, daß Sie sich nicht auf der Stelle und kopfüber ins Unglück stürzen. Nicht eher, als bis wir zwei noch einmal in Ruhe darüber geredet und den erträglichsten Weg ausgekundschaftet haben. Es ist das ganz einfach meine Pflicht als Ihr alter Meister, mich um Ihr ferneres Geschick zu sorgen.« –

Mit einer heiteren Zufriedenheit griff Barthel seine Arbeit wieder an. Es war Klarheit in ihm geworden, und sofort hatte er sein Gleichgewicht wieder. Die Einsamkeit daheim lachte er spitzbübisch aus, als gedächte er sie bald gründlich zu betrügen, und vor der Staffelei pfiff und sang er munter vor sich hin.

»Sie sind ja sehr aufgeräumt, Monsieur Barthel. Ist der Vater nicht hier?«

Er hatte das Rascheln der Frauenröcke vernommen und sich schnell umgewandt.

»Der Herr Vater ist nicht zugegen, Fräulein Josepha. Soll ich ihm einen Auftrag ausrichten, falls er noch kommt?«

Sie stand vor seiner Staffelei, reckte das wohlfrisierte Köpfchen in die Höhe und betrachtete aufmerksam das werdende Bild.

»Diese Madonna ist sehr schön. Wem gleicht sie doch?«

Er trat prüfend einen Schritt zurück. »Sie wird wohl ein wenig meiner Schwester Sibylle gleichen.«

»Ich habe diese Ähnlichkeit schon mehrere Male bemerkt, Monsieur Barthel. Ich sage nichts dagegen, aber ich meine, es würde für Ihre Kunst von großem Vorteil sein, wenn Sie auch einmal andere Frauen studierten.«

»Ohne Zweifel, Fräulein Josepha. Und ich hoffe es auch bald zu tun.«

»Haben Sie ein schönes Modell entdeckt, Monsieur Barthel? Ihr Künstler seid ein leichtsinniges Volk.«

»O nein, mein Fräulein,« widersprach der Barthel errötend. »Das Studium einer Frau zu heiligen Kunstdingen ist keine Leichtfertigkeit.«

Sie sah ihn mit ihren braunen Augen an. Diese Augen erinnerten ihn an Sibylles Augen, aber sie waren erfahrener.

»Monsieur Barthel, wollen Sie mich glauben machen, Sie dächten nur an heilige Kunstdinge, während Sie einen schönen Mädchenkörper nachzeichnen? Man verwöhnt euch Künstler, man verwöhnt euch.«

»Mich hat man niemals verwöhnt,« stammelte der Barthel.

Sie lachte ungläubig: »Nein, nein, da bedarf es doch keiner Entschuldigung. Wie wolltet ihr die Schönheit zeichnen, wenn sie sich euch nicht offenbart? Ein Künstler kann nur im Rausche schaffen.«

Das Blut trat ihm in die Wangen. Und sie wandte sich von der Staffelei ab und schritt leichtfüßig vor eine andere und wanderte das Atelier ab mit ihrem schwebenden Gang, und seine Augen sahen überall ihre köstliche, schwellende Schlankheit.

Jetzt blickte sie nach ihm hin und nickte ihm zu. Und das Blut klopfte ihm merkwürdig heiß in den Schläfen. Das bemerkte sie, und sie ging langsam weiter, und er freute sich an dem leichtgebräunten Nacken, dessen feine Einbuchtung in der weißen Woge des dicht unter den Achseln zusammengebundenen Kleides verlief.

»Adieu, Monsieur Barthel. Darf ich einmal wiederkommen?«

»Fräulein Josepha, ich glaube, es wird meiner Arbeit nicht schaden.«

»Aber Sie müssen ritterlich sein, wie heute, und nicht an Abenteuer denken, wenn ich allein komme.« –

Darüber grübelte er nach, als sie gegangen war. An Abenteuer? Ei, was war denn das? Fürchtete sie sich etwa vor ihm? Schön genug war sie, um auf der Hut zu sein. Ja, das war sie wahrhaftig. Aber vor ihm auf der Hut? Er wiegte den Kopf und schaute an sich hinunter. Nun, gar so schlecht brauchte er auch nicht von sich zu denken. Er war ein großer und kraftvoller Mann geworden, und der Alte von der Burg hatte bei Turn- und Fechtkünsten, bei Reiten und Schwimmen dafür gesorgt, daß er sich seines Körpers nicht zu schämen hatte.

Der Alte von der Burg! Und der Hein! Was für Augen sie wohl machen würden, wenn der Barthel, wenn – Ja, was denn, wenn?

Da packte er den Pinsel und legte seiner Madonna eine goldglänzende Borte um den Gewandausschnitt. –

Täglich dachte er: ob die Josepha kommen wird? Und wenn er am stärksten an sie dachte, kam sie. Oft in der Morgenfrühe, oft in der Abenddämmerung. Oft gab sie sich übermütig wie ein wildes Kind, oft schien sie in ernstem Sinnen. Es kam vor, daß sie eine Stunde und länger in der Werkstatt blieb. Zuweilen aber lief sie gleich wieder fort, und er wagte nicht, ihr die Tür zu verstellen, so gern er es getan hätte. Dann merkte er, daß ihm etwas fehlte.

»Ich möchte Sie malen, Fräulein Josepha. Der Herr Vater erlaubt es.«

»Damit habe ich es noch lange nicht erlaubt.«

»Fräulein Josepha, es soll eine Madonna im Rosenhag werden.«

»Das läßt sich hören. Eine Frau hat zu ihrer Schönheit nichts nötig als Rosen, Rosen ... Aber woher wollen Sie Rosen im April nehmen?«

»Fräulein Josepha,« sagte er. Und er ging wie ein Trunkener auf sie zu und küßte sie auf die Wange. Und da sie sich nicht wehrte, lachte er wie ein glücklicher Knabe. »Da blüht schon die erste auf Ihrer Wange, Fräulein Josepha«, und wenn Sie wollen, kann es ein ganzer Garten werden.«

Sie regte sich nicht und sah ihn nur forschend an.

»Haben Sie schon oft ein Mädchen geküßt?«

»Noch niemals,« gestand er ehrlich. »Nur meine Schwester.«

»Eine Schwester zählt nicht.«

»Nein, die zählt wohl nicht.«

Und nun standen sie und schauten einander erwartungsvoll an und schwiegen beide.

»Herrgott,« sagte sie endlich, »ich kann dir doch nicht zuerst um den Hals fliegen, schwerfälliger Mensch.«

»Josepha,« rief er, »ist das dein Ernst? Josepha, magst du mich leiden? Josepha, willst du meine Frau werden?« Und bei jeder Frage küßte er sie, daß sie gar nicht zur Antwort kam, und streichelte ihr Gesicht, bis sie sich befreien mußte. Dann gingen sie zusammen in Meister Gerolts Haus, und Meister Gerolt und seine Frau taten gar nicht sonderlich erstaunt, als sie das Paar eintreten sahen, und gaben ohne Zögern das Jawort.

Die Hochzeit wurde nicht lange hinausgeschoben, und Barthel meldete sein Glück unverzüglich dem Vater und Hein. Beide bat er, an seinem Ehrentag an seiner Seite weilen zu wollen. Die Glückwunschbriefe, die mit der nächsten Postgelegenheit von der Burg eintrafen, waren freudig und herzlich, und Barthel zeigte sie stolz seiner Braut.

»Es ist doch nicht dein Vater und nicht dein Bruder,« meinte sie. »Wie kann man nur von fremden Menschen so viel Wesens machen.«

»Du kennst sie nicht,« gab er fröhlich zurück. »Hast du sie erst kennen gelernt, wirst du nicht glauben können, daß du sie nicht immer gekannt hast. So lieb wirst du sie gewinnen.«

»Ach, mein guter Barthel, das Wort Liebe ist bei dir das zweite und das dritte. Und dabei kennst du es nicht einmal ganz genau.«

»Es ist sogar mein erstes und letztes, Josepha. Und es ist das einzige, das ich Vater und Bruder als Gegengabe zu bieten habe.«

»Es ist gar nicht dein Vater und dein Bruder.«

»Nein,« sagte Barthel ernst, »der Alte von der Burg ist mir viel mehr als das. Er ist mein gutes Gewissen. Und wie er nicht gute und ungute Taten voneinander scheidet, sondern nur die Beweggründe ansieht, die uns dazu führten, so ist er auch kein Splitterrichter zwischen Tugend und Sünde nach Menschensatzung, sondern ein Heilsbringer für jeden, der auf nahen oder weiten Wegen das Heil sucht. Ja, so ist er.«

Und Josepha meinte: »Was du mir von ihm sagst, klingt ganz ermutigend. Und ist dein Brüderlein von der gleichen Färbung?«

»Er ist noch zu jung, um schon dem Vater in allen Dingen ähnlich zu sein. Aber ich glaube, er wird des Vaters Ebenbild.«

»Ist er groß, klug, schön? Kann er den Vergleich mit den französischen Kavalieren aushalten?«

Da lachte der Barthel. »Der Hein? Du solltest ihn sehen, wenn er schlank und elastisch über die Felder reitet und der Wind ihm sein goldblondes Haar in den Nacken jagt. Und so klar und klug ist er, daß er es die weniger Klugen nicht fühlen läßt. Aber den Vergleich mit deinen Kavalieren hält er nicht aus. So wenig wie ein edles Roß den Vergleich mit einem Bauerngaul aushält.«

»Nun, nun,« meinte Josepha kühl, »wenn er nicht höflicher ist als du –. Aber ich bin gespannt auf deinen Musterbruder.« –

Die Brautzeit hatte sich der Barthel anders vorgestellt. Er hatte von einem seligen Suchen und Finden geträumt, von einem leisen Zusammenfließen und Zusammenwachsen auf einsamen Spazierwegen und in langen, stillen Abendstunden. Damit das Mysterium der Ehe, das auf sie wartete, gelöst werden könne im gleichen Schlag der Herzen, nicht als eine Enthüllung, sondern als eine Erfüllung. Und er kam nicht weiter als zu Küssen und Umarmungen, wenn im Zimmer schon die Gäste harrten.

Auf die Gäste des Hauses, so fand Barthel, auf diese französisch schwatzenden Gäste, die nie fehlten, wenn es einen Abendschmaus oder ein Vergnügen galt, nahm Josepha viel mehr Rücksicht als auf ihren Bräutigam.

»Bräutigam,« sagte sie und zog ein Gesicht, als hätte sie Saures auf den Lippen. »Das ist ein gräßliches Wort und duftet nach eingekampferter Ehrbarkeit und nach eingekampfertem Sonntagsrock. Mein Verlobter sollte der erste meiner Courmacher sein.«

Das war nicht leicht für den Barthel, denn der Courmacher waren viele, und ihre Zahl minderte sich nicht trotz des Brautstandes. Und während er fleißiger noch als bisher in der Werkstatt stand, um seiner neuen Familie zu zeigen, daß sie ihr Vertrauen keinem Unwürdigen geschenkt habe, wichen die Herren nicht von Josephas Seite, begleiteten sie in die Kaufläden, ritten mit ihr aus und zeigten sich zu jedem Geschäft dienstfertig und geschickt. Das laute Lachen aber, das bis auf die Straße scholl, verwandelte sich in ein erkünsteltes Lächeln, sobald Barthel müde von der Arbeit das Haus betrat, um sich an der Seite seiner schönen Braut zu neuem Tagewerk zu erholen.

Barthel gewahrte es wohl. Aber er hielt es für Zurückhaltung vor dem glücklichen Sieger und gedachte, im eigenen Hausstand den Kreis auf das richtige Maß zu beschränken. Unerklärlich blieb ihm nur die Weigerung Josephas, das väterliche Haus mit einer anspruchsloseren Wohnung zu vertauschen, aber da die Eltern sie in dieser Meinung bestärkten und zugunsten des jungen Paares großmütig auf einen Teil des Hauses verzichteten, so beschied sich Barthel bald und tröstete sich in seinem Sinn mit den Ersparnissen, die sie hierdurch von Anbeginn machen würden.

Der Hochzeitstag kam, und von der Burg erschien der Alte allein.

»Es ist jetzt die heißeste Zeit für den Landwirt und Winzer,« erklärte er dem betrübten Barthel. »Unser Anwesen ist gewachsen und konnte auf eine Reihe von Tagen beide Herren nicht entbehren. Da ließ mir der Hein den Vortritt, aber ich soll dir sagen, daß er mit allen seinen Gedanken bei uns ist.«

Dann führte Barthel dem Vater die Braut zu, und seine Betrübnis schwand schnell und machte einem strahlenden Stolz Platz, als er in des Vaters Augen die Verwunderung über so viel Schönheit las.

»Das ist die Josepha, Vater.«

Die Josepha hatte ein leichtes Scherzwort auf den Lippen. Aber sie verstummte plötzlich, als sie in die großen, klaren Augen sah, die in ihrer Seele zu lesen schienen, und sie beugte sich hastig herab und küßte des Alten Hand.

»Wenn du willst, bist du von Stund' an meine liebe Tochter, Josepha.«

Das Hochzeitsmahl, das sich der kirchlichen Einsegnung des Paares anschloß, verlief geräuschvoll. Und es wurden so viele Gesundheiten ausgebracht, daß manche Köpfe flammten und ihrem lockeren Mund nicht mehr gebieten konnten. Auch versuchte man, Schuh und Strumpfband der Braut zu gewinnen, eine Sitte, die die fremden Herren von ihren Kriegsfahrten mitgebracht hatten. Josepha war nicht um Wehr und Gegenwehr verlegen, und wenn sie sich besiegt gab, tat sie es mit der Huldgewährung einer Königin. Diese Überlegenheit gefiel dem Barthel überaus wohl, er übersah und überhörte manches um seines Besitzerstolzes willen. Der Alte von der Burg saß mit sinnender Miene in dem ausgelassenen Kreis. Traf ihn aber Barthels Blick, so winkte er ihm lächelnd zu und hob sein Glas gegen ihn. Dann glühte der große Junge vor Freude und Befriedigung.

Zwei Tage später reiste der Vater heim. Er hatte noch eine Unterredung mit Josepha erlangt, an der ihm gelegen war.

»Mein Kind,« hatte er der jungen Frau gesagt, die nur mit halbem Ohr hinhörte, »es ist in der Frauen Hände gegeben, aus ihrem Mann einen König oder einen Bettler zu machen. Manch einer kommt leer in die Ehe und staunt eines Tages die Reichtümer an, die insgeheim in ihn hineingesammelt wurden. Andere bringen ein Königreich in die Ehe mit, und wenn sie nach Jahren danach sehen, ist es verschwunden. Josepha, ich kenne deines Barthels Seele. Es liegt ein heimliches Königreich darin, Kind. Hüt es ihm und dir. Und ihr werdet in Not und Tod reiche und glückliche Menschen sein.«

Josepha aber war nicht für Königreiche, die so versteckt liegen, als lägen sie im Mond. Ein Schmuckstück an Brust und Gürtel, das die Augen auf sie lenkte, schien ihr von erheblicherer Bedeutung als ein verborgener Seelenschmuck. Barthel aber wußte nichts von solcher Frauen Wesen. Ihre Vorliebe für Tand und oberflächliche Belustigungen nahm er für einen Teil ihrer glücklichen Art, die sich wie ein Kind am Glitzernden erfreut, und er fühlte sich immer noch begnadet durch das reiche Geschenk, das ihm ohne alles Zutun in den Schoß gefallen war.

Freilich, es kamen auch andere Stunden. Wenn die Ansprüche, die die beiden Haushaltungen an ihn stellten, die Grenzen seiner Arbeitskraft zu überschreiten drohten, blickte er plötzlich mit wachen Augen in der Werkstatt um sich. »Ich werde Überstunden machen müssen, trotzdem. Die Kräfte müssen eben mittun. Denn es darf doch nicht bergab gehen, seitdem ich zu den Gerolts gehöre.« Und oft, wenn er an einer Madonna malte oder an einem gutmütigen Heiligen, drängte es sich ihm wie ein toller Scherz in den Sinn: Wie diese heiligen Dinge müssen herhalten, um die allerirdischsten Bedürfnisse zu befriedigen. Diese Maria muß eine Halskette bezahlen, und dieser Petrus wird sich in ein Fuder Wein umwandeln.

Einigemal entbrannte auch ein kleiner häuslicher Zwist. »Wenn du nicht mal imstande bist, eine Frau zu ernähren, hättest du nicht heiraten sollen. Ich bin doch nicht die Deine geworden, um es schlechter zu haben als bisher. Das kann auch dein Wille nicht sein.«

Nein, es war nicht sein Wille. Und die Vorwürfe wühlten sein ganzes Innere auf, und er kam sich unwürdig und undankbar vor. Wer so vor den Menschen ausgezeichnet worden war wie er, der hatte auch größere Pflichten zu erfüllen, und er erfüllte sie. Niemals während seiner Junggesellentage hatte er ein solches Maß an Arbeit geleistet, hatte er ein solches Mindestmaß an Erholung für sich gefordert, als in diesem ersten Jahre seiner Ehe. Und es geschah häufig, wenn er in später Nachtstunde aus der Werkstatt heimkehrte und aus seiner Wohnung Musik und Gesang hörte, die laute Stimme Meister Gerolts und das Gelächter der Damen und Herren, daß er auf den Fußspitzen weiterschlich und ohne sich zu zeigen sein Schlafzimmer aufsuchte, um nach wenigen Stunden Schlaf wieder beginnen zu können.

Denn er trug eine große Beruhigung in sich, die Gewißheit, daß in Bälde schon eine Änderung der Verhältnisse eintreten würde, daß Josepha ihren Platz in der Geselligkeit mit dem stilleren Platz an einer Wiege tauschen müsse. Dann würde er neben ihr sitzen und ihre Hand halten und alles auf sie hinüberströmen lassen, was er an echter und rechter Glückssehnsucht in sich barg. Der Gedanke hob ihn über alle Tagesbeschwerden hoch hinaus.

Im Frühjahr lag ein kleines Mädchen in der Wiege. Und der große Barthel starrte es an wie das Wunder der Welt und kam oft aus der Werkstatt früher heim als sonst und saß still und andächtig vor dem zarten Geschöpf.

»Sei nicht so kindisch, du großer Mensch,« sagte Josepha. »Denke lieber an mich und an alles das, auf das ich nun eine lange Weile Verzicht leisten muß. Glaubst du, das hätte so viele Annehmlichkeiten für mich?«

»Ja, das glaube ich wirklich,« antwortete der große Mensch und erstrahlte über das ganze Gesicht.

Sie aber bestand darauf, daß eine Amme ins Haus genommen wurde, denn sie wollte sich nicht länger als unumgänglich notwendig der Welt entziehen. »Ich habe keine Lust, hinter dem Kinde zurückzutreten. Meine Jugend hat doch wohl den gleichen Wert.«

Von diesem Tage an wurde Barthel schweigsam, schweigsam am Familientisch und schweigsam in der Werkstatt. Und nur, wenn er in das Zimmer der kleinen Brigitte schlüpfte und das Kind ihm selig entgegenkrähte, wurde er ein anderer und, schwatzte und erzählte dem Kinde, bis es auf seinen Armen eingeschlafen war.

Josepha war ihm ganz aus den Händen geglitten. Einem neuen Zärtlichkeitsversuch begegnete sie kühl und abweisend. »Du hast ja nun das Kind, und das sollte dir genügen.« In dieser Not schrieb er ein einziges Mal an den Helfer daheim: »Vater, ich leide!«

Der Alte las die kurzen Worte wieder und wieder. Dann rief er den Hein zu sich.

»Hein, dein Bruder Barthel hat einen Notruf an die Heimat erlassen. Graues Haar vermag da nicht zu helfen, aber Jugend und Jugenderinnerungen, die froh machen. Fahre du zu ihm hinüber nach Köln. Wenn er dich bei sich sieht, weiß er, daß er nicht verlassen ist.«

Der Hein hatte sich brieflich angemeldet und war in Köln angekommen. Er suchte den Barthel in seiner Künstlerwerkstatt auf, und die beiden jungen Männer begrüßten sich mit tiefer Herzlichkeit. Von seinem Leid sprach der Barthel nicht. »Ich mache jetzt Feierabend, Hein, und wir gehen sofort nach Hause. Du sollst meine kleine Brigitte sehen, und meine Frau wird sich auch freuen.«

Frau Josepha freute sich wirklich, als der Fremde mit der freien Stirn und dem goldblonden Haar ins Zimmer trat, und ihre Augen leuchteten auf.

»Mein Bruder Hein,« sagte der Barthel. »Er will einige Tage bei uns wohnen.«

Mit ausgestreckten Händen ging sie auf ihn zu. »Das also ist er. Barthel, du hast zum erstenmal nicht übertrieben. Aber böse bin ich, daß Sie nicht schon viel, viel früher kamen.« Und sie stellte ihn den Freunden des Hauses vor, ohne ihn vom Arm zu lassen. Wie in einer anderen Welt war der Hein. Das Alter gebärdete sich jugendlich, und die jungen Männer und Frauen gaben sich lässig und vielwissend. Was ihn aber mehr erschreckte, war die Respektlosigkeit voreinander, die sich, um galant zu erscheinen, in übertrieben verbindliche Formen hüllte.

»Wie gefällt es Ihnen bei uns?« fragte Frau Josepha.

»Sie sind eine schöne Frau,« sagte der Hein.

Sie blickte ihn von der Seite an. Sollte das eine Huldigung oder eine Mahnung sein? Aber er gefiel ihr noch mehr, weil er anders war als die übrigen und es so selbstverständlich war.

Die Gäste empfanden es nicht weniger, aber sie empfanden es als einen Druck. Und um ihren Ärger nicht Herr werden zu lassen, steigerten sie ihre Laune zu immer gewagteren Sprüngen und machten Frau Josepha mit Hand- und Armküssen den Hof, daß der Hein sich immer gerader streckte und auf sie niederblickte wie auf ein Jahrmarktsspiel.

Den nächsten Tag brachte er bei Barthel in der Wertstatt zu. Er hatte kein geschultes Verständnis für Kunst, aber ein ehrliches Entzücken für alles, was sein Auge schön fand. Und in den Bildern und Schildereien fand er den ganzen Barthel wieder, wie er ihn von Kindheit an liebte.

»Ja, Barthel, du bist ein großer Meister geworden. Wie glücklich muß dich das machen.«

»Kunst und Menschenglück wachsen nicht immer am gleichen Ast.«

»Laß deine Frau täglich vor diesen Bildern stehen, und sie wird schnell deine Sprache verstehen lernen.«

»Meine Frau? Wie kommst du auf meine Frau? Ach so, weil sie am liebsten französisch spricht.«

»Das sind Sibylles Augen,« sagte der Hein und deutete auf ein Bild. »Und diese Züge muß ich doch auch wohl kennen. Warte. Es ist lange her. Aber ich habe sie doch noch in der Erinnerung. Barthel – ist es nicht deine Mutter?«

»Ja, Hein. Es ist meine Mutter. Wie du das im Gedächtnis behalten hast.«

Und nun saßen sie nebeneinander auf einer Truhe und sprachen von der Toten und ihren Kindern, von Johannes und von Sibylle, und zuerst klangen ihre Stimmen gedämpft, und dann wurden sie freier und froher, und sie sprachen von dem Alten auf der Burg, der ihre Jugend reich gemacht hatte, und von Joseph und der Barbara, die die Heiterkeit hineingetragen hatten, und wieder von Johannes und Sibylle und von sich selber im Sonnenglanz der Kinderzeit. »Sieh, das ist es, daß wir nie ganz unglücklich werden können,« sagte der Hein, »diese reiche und heitere Jugend. Die wenigsten haben sie gehabt, und daran müssen wir denken, wenn wir Menschen sehen, die ihr Glück nachträglich und von allen Seiten hereinholen möchten. Und ich meine, das muß uns versöhnlich stimmen gegen so manches, was wir lieber anders wüßten.«

Der Barthel saß ernst und nachdenklich, und die gefalteten Hände hingen ihm zwischen den Knien.

»Ich freue mich, daß du da bist, Hein. Ich bin wie auf der oberen Burg.« –

Der Abend verlief wie der vorangegangene. Und da sich Frau Josepha beschwert hatte, daß sie den Schwager den ganzen Tag nicht zu Gesicht bekommen hätte, ließ Hein am anderen Morgen Barthel allein in die Werkstatt gehen. Die schöne Frau hantierte um ihn herum.

»Sie sind sehr wortkarg, mein Herr und Held.«

»Frau Josepha, all das Gerede, das Sie anhören müssen, muß Sie doch für die Stille empfänglich machen.«

»Es gibt auch eine beredte Stille. Und sie kann in der Tat sehr schön sein, wenn die Menschen, die sie miteinander ausüben, sich allerlei reizende Dinge zu raten geben. Ich will mich zu Ihnen setzen. Und nun wollen wir schweigen.«

»Frau Josepha,« sagte der Hein, »ich verstehe mich nicht auf das Hofmachen.«

»Weshalb sind Sie nicht eher gekommen, Hein. Ich hätte die anderen nicht nötig gehabt.«

»Sie scherzen, Frau Josepha.«

Aber sie fuhr fort, leise und klagend vor sich hin zu reden. »Ich weiß, daß ich ein viel besserer Mensch sein könnte, aber es lohnt ja nicht in dieser Umgebung. Der Barthel ist eine gute Seele, aber wir sind verschieden wie Feuer und Wasser. Wenn einer käme, der wie Sie wäre, so stolz und stark, und spräche zu mir: ›Josepha, das mußt du nicht‹ und nähme mich in den Arm und streichelte mich – ich würde wie ein Kind sein und tun und lassen, was er wollte. Ja – das würde ich.«

»Ich werde wiederkommen,« sagte der Hein, und sein Auge hatte einen harten Glanz. Er erhob sich. »Jetzt will ich noch einmal den Barthel aufsuchen.«

»Nichts ihm sagen!« rief sie und wehrte erschrocken mit den Händen. »Nichts ihm sagen!«

Wie erbärmlich das war. Seine Seele kämpfte sich für den brüderlichen Freund zusammen. In welcher Luft der Barthel leben mußte. Er nickte ihr kurz zu und verließ das Zimmer.

Verwundert blickte der Barthel auf, als Hein die Werkstatt betrat. »Habt ihr euch gezankt?«

»Nein, nein. Ich glaube, wir haben uns sehr gut verstanden.« Mit unruhigen Augen blickten die Freunde aneinander vorbei. Dann sagte der Hein: »Nein, Barthel, so geht das nicht. Wir Burgkinder sind immer ehrlich gegeneinander gewesen. Ich weiß nun, was dir fehlt. In dieser Ehe kannst du nicht weiterleben.«

»Der Mensch kann viel, wenn er sich nicht mehr achtet.«

»Nun, dann darfst du in dieser Ehe nicht weiterleben, weil die Selbstachtung die Grundlage und der Segen all unseres Tuns ist.«

»Was hast du gegen sie?«

»Was nicht deutsch empfindet, gehört nicht zu uns, Barthel. Deine Frau empfindet in allen Sprachen, nur nicht in der unseren.«

Der Barthel ging durch die Werkstatt und blieb vor den Bildern stehen. »Es geht nicht.«

»Was geht nicht, wenn es gehen muß? Frage den Vater.«

»Hein,« sagte der Barthel und wandte ihm das zerfurchte Gesicht zu, »ich bin kein Feigling, aber ich habe freiwillig das Kreuz auf mich genommen, als mein Blut hoch ging und mir alles rosenrot vor die Augen zauberte. Vor dem Altar haben wir uns die Hand gereicht, und unsere Kirche läßt keine Scheidung zu. Täte ich es dennoch und erzwänge die Scheidung vor dem Richter, so würde ich die Kirche tödlich beleidigen. Darin liegt meine Tragik, Hein, wenn ich so hohe Worte gebrauchen darf. Die Kirche ist die Auftraggeberin meiner Kunst, die mir mein Brot entziehen kann, wenn es ihr beliebt. Ein Mann, der sich außerhalb ihrer Gesetze stellt, kann kein Kirchenmaler mehr sein. Eine andere Kunstart ist mir nicht geläufig. Denn sieh, Hein, ich bin nur ein besserer Handwerker. Und da ist das Kind. Du weißt nicht, Hein, was man für sein Kind tut.«

Da stand der Hein und wußte nicht mehr weiter. Und er ging auf den Barthel zu und faßte seine Hände. »Junge – alter Junge – –.«

»Du willst mir Adieu sagen, Hein. Das fühle ich. Aber ich muß dir noch sagen, daß mich dein Besuch ordentlich erfrischt und gekräftigt hat. Ich habe jetzt vor dir und dem Vater nichts mehr zu verstecken, und das ist mir schon so viel, als wäre ich vor euch wieder ein ehrlicher Mann geworden.«

»Barthel!«

»Hein! Du wirst dich meiner nicht schämen und wirst wiederkommen.«

»Ich werde wiederkommen, Barthel. Grüß mir dein klein Brigittchen.«

Da trat ein starker Glanz in die müden Augen. »Habe herzlichen Dank. Und grüß mir den Vater und den alten Schmitz und den Joseph und die Barbara und die Burg und die Weinberge und den Rhein. Ich seh' ja alles vor mir, und – und –«

Und plötzlich schrie er auf: »Ich hab' Heimweh, Hein! Ich hab' Heimweh ...«

»Barthel,« tröstete leise der Hein, »du mußt dich deshalb nicht schämen. ›Treu der Heimat, das heißt treu sich selber‹, sagte der Vater, als du von uns fortgingst. Und er wird es dir sagen, wenn du wiederkommst, Barthel.« –

*

 

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