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Die Burgkinder

Rudolf Herzog: Die Burgkinder - Kapitel 11
Quellenangabe
authorRudolf Herzog
titleDie Burgkinder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun256.-275. Tausend
year1923
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid20aedb08
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IX

Im alten Burghaus herrschte Morgenstille. In der Frühe war Hein vom Vater nach Bonn geschickt worden, um einige seltene Sämereien einzukaufen. Joseph säuberte im Gemüsegarten den Winterkohl vom Schnee und setzte die Gerätschaften instand, denn zum erstenmal war die Märzsonne siegreich durchgedrungen. Und die alte Barbara schälte in der Küche Kartoffeln zur Suppe und schabte einen Hecht, der sich im Rhein hatte fangen lassen.

»Du könntest mir heute morgen bei meinem Schreibwerk helfen, Sibylle,« sagte der Vater, und sie folgte ihm willig auf sein Arbeitszimmer.

Der Alte blätterte in den Briefen, die noch der Erledigung harrten. »Ich habe so lange nicht an Barthel geschrieben, der jetzt mit der ersten Sonne wohl nach Brügge und Gent ausgeflogen sein wird. Denn vom Mai an wollte er doch im Atelier des Kirchenmalers Gerolt in Köln seine Tätigkeit beginnen. Der brave Bursche. Wie er sich wohl auf seinen eigenen Füßen zurechtfinden wird?«

»Ist er denn so unpraktisch, Vater?«

»Er ist – ich möchte fast sagen: zu ehrlich und zu glaubensselig, und so wird er oft und gern im Leben ausgenutzt werden. Ich hoffe, er findet einmal eine wackere und wirtschaftliche Frau.«

»Der Barthel? Ach ja, er ist schon fünfundzwanzig.«

»Wenn er sich nur nicht in dieser Frage von falsch angebrachten Gefühlsregungen leiten läßt. Ernsthaft, Sibylle, ich mach' mir des großen, leichtgläubigen Menschen wegen wirklich Sorge. Und Köln ist eine fröhliche Stadt.«

»Sie soll sehr französisch sein, Vater.«

»Nicht im Kern. Sie gibt sich nur das Ansehen, um nicht noch mehr ausgepreßt zu werden. Aber ob der Barthel da hineinpaßt mit seinem schlichten Wesen? –«

Sie blickte in die Ferne ... Und dann meinte sie leise: »Wie schön muß die Stadt sein mit ihren hundert Kirchen und Kapellen, mit ihrem Komödienhaus und ihrem Konzerthaus, mit ihren fröhlichen Menschen und den vielen neuen Gedanken, die jetzt dort Einzug halten.«

»Du möchtest wohl selber hin, Sibylle?«

Das Mädchen sah rasch zu ihm auf. »Ich – Vater?« Und das Herz begann eilig zu pochen.

»Es war nur ein Scherz. Aber jetzt, da ich ihn ausgesprochen habe, scheint mir der Gedanke gar nicht so unsinnig mehr.«

»Welcher Gedanke, Vater? –«

»Daß du deinem Bruder die Wirtschaft einrichtetest und sie ihm einige Zeit führtest, bis er sich eingelebt hätte. Wahrhaftig, Sibylle, das wäre gar kein schlechter Ausweg. Der Barthel würde sich rein jungenhaft freuen und hätte ein Stück Heimat. Du würdest ihn bemuttern und dich gleichzeitig an seiner Kunst erfreuen, und der Vater – ja, der wäre mal wieder die Sorge um seinen Ältesten los.«

Ihre Augen weiteten sich, und sie mühte sich, leiser zu atmen.

»Ist das dein Ernst, Vater?«

»Mein Ernst wäre das schon. Aber auf mich kommt's dabei allein nicht an. Da hast du den Ausschlag zu geben.«

»Vater – ich? Ja für mich wäre das doch geradezu –« sie unterbrach sich und wußte nicht wohin mit ihren verwirrten Blicken. Da kam ihr der Alte zu Hilfe.

»Daß sich der Barthel kein prächtigeres Geschenk erwünschen könnte, das hätten wir festgestellt. Aber da kommt noch ein anderes hinzu. Und das betrifft den Hein. Er ist mir ins Träumen geraten, und unsere Zeit braucht erdenwüchsige, zielsichere Männer. Ich werde mich von heute an mehr als sonst mit ihm beschäftigen müssen, und ohne den alten Spielkameraden würde es wohl für dich etwas einsam sein. Den Nönnchen ist mein großes Mädchen entwachsen. Beschäftigung will sie haben, oder sie wird mir bleichsüchtig. Da kommt nun unser guter Barthel und hilft uns allen miteinander aus der Verlegenheit. Wenn du willst, Sibylle.«

»Ich will, Vater.«

Ganz hastig sagte sie es, und sie besann sich ihrer Eilfertigkeit und wurde heiß und rot.

»Wir werden dich hier sehr vermissen, Sibylle. Aber es ist ja nur für eine geraume Zeit, und du kommst wieder.«

Er streckte ihr mit einer weichen Bewegung die Hand hin, und sie beugte sich darüber und küßte sie inbrünstig.

»Lauf jetzt zur Barbara, Kind,« sagte er zärtlich. »Ich werde inzwischen an Barthel schreiben und ihm sein Glück verkünden.«

Dann war er allein und horchte auf. Und erhorchte das Singen und Jubilieren des Mädchens im ganzen Hause. – Wortlos vernahm Hein die Nachricht von der bevorstehenden Übersiedlung Sibylles. Wortlos ging er seiner Arbeit nach, die ihn jetzt mit dem hastig aufräumenden Tauwetter von morgens bis abends in die Felder und Weinberge rief. Und nach der Abendmahlzeit war er so müde und zerschlagen, daß er sich, so früh er konnte, auf sein Schlafzimmer begab, während Sibylle mit der alten Barbara bis in die späte Nacht nähte und schneiderte. Aber der erste war er auch am Morgen auf und schon lange draußen tätig, wenn die anderen sich zum ersten Frühstück zusammenfanden.

Es ist gut, daß es nun Mai wird, dachte der Burgherr, der ihn nicht aus den Augen ließ. Es ist gut für den Jungen.

Und der Mai kam, und längst stand der Burggarten in Blüte, in blauem Flieder, üppigen Goldregentrauben und dem überschwenglichen Reichtum der weißen und roten Apfelblüte. Keiner hatte in diesem Frühjahr mit dem Herzen acht darauf.

Barthel hatte geschrieben, und sein Brief war ein einziger Dankeston für das Geschenk, das ihm aus der Heimat kommen sollte. Und wieder hatte er geschrieben, daß er in Köln angelangt sei und bereits die Arbeit bei Meister Gerolt aufgenommen habe und nun dabei sei, eine Dreizimmerwohnung mit all dem Gerät, das er im Lauf der Jahre gesammelt hatte, auszustatten. In acht Tagen erwarte er die Schwester und komme ihr bis Bonn entgegengereist, um sie dort in Empfang zu nehmen und alle seine Lieben wiederzusehen.

Und nun waren auch diese Tage herum, und Sibylle saß neben dem Vater in der alten Kalesche, und der Hein führte selber die Leine. Der Joseph und die Barbara standen unter dem efeu- und weinbewachsenen Burgtor und winkten mit weißen Tüchern, bis der Wagen die Gasse hinab und um die Ecke verschwunden war.

Es wurde nicht gesungen auf dieser Ausfahrt, und der Hein drehte sich nicht ein einziges Mal auf seinem Kutschersitz um, sondern saß steif und wortkarg und strich nur zuweilen dem scharftrabenden Gaul mit dem Peitschenstiel die Fliegen ab. In Bonn an der Fähre stand ein großer, breitschultriger Mann mit einem dunkelblonden Bart. Und die von der Burg staunten ihn an, bis er über das ganze Gesicht lachte. Da sahen sie, daß es ein großer Junge und daß es der Barthel war.

»Vater! Hein! Sibylle!«

»Barthel! Barthel!«

Vor einem Ausspann hielten sie an, und als Hein sein Pferd versorgt hatte, ging auch er ins Wirtszimmer hinein, wo er die Seinen bei einem Imbiß und gefüllten Gläsern fand.

»In einer Stunde geht nämlich schon die Post nach Köln,« erklärte der große Barthel. »Aber jetzt werden wir uns ja häufiger sehen, denn wir gehören nun mal zusammen wie die Glocken in der Kirche. Prost, Vater. Prost, Hein. Prost, Sibylle. Gott, ihr – wie ich euch liebhab'.«

Dann gingen sie zum Posthof und verluden das Gepäck. Und der Postillion knallte mit der Peitsche und blies ins Horn: »Ach, du mein lieber Gott, muß ich schon wieder fort, auf die Chaussee! –«

»Leb wohl, Sibylle,« sagte der Vater, küßte sie und hob sie in die Postkutsche. »Vergiß die Burg nicht.«

Der Hein stand auf dem Trittbrett und reichte ihr Schirm und Handtäschchen. Sie nahm ihm beides ab und warf es aufs Polster und nahm seinen Kopf in ihre beiden Hände und küßte ihn fest auf den Mund. »Komm – gesund – wieder,« sagte der Hein.

Die fremden Reisenden nahmen ihre Plätze ein, und der Barthel schüttelte den beiden Zurückbleibenden noch einmal die Hände. »Bewahr sie gut,« sagte ihm der Vater als letztes, »sie ist es wert.« Und der Barthel nickte heftig und kletterte in den Postwagen. Und der Wagen rollte schwerfällig aus dem Tor und rollte hinaus auf die Landstraße, und der Postillion blies noch einmal: »Ach, du mein lieber Gott ... –«

Der Alte wandte sich um. Da stand der Sohn mit heißen Augen und einer scharfen Falte zwischen den Brauen.

»Komm, Hein,« rief ihm der Vater zu, »wir wollen uns sputen. Die Leute sind im Weinberg und warten auf ihre Herren!«

Sie kehrten zum Ausspann zurück, und der Hein schirrte das Pferd ein. Als die Fähre sie am anderen Ufer ausschiffte, gab der Hein dem Gaul die Peitsche zu kosten, daß das Tier ausfeuernd den Wagen mit sich riß und nur schwer zu meistern war. Heute ließ es der Alte geschehen. Und sie sausten über die Landstraße dahin und durch die im Maisonnenschein blinkenden Rheinorte hindurch, und erst hügelan gen Rheinbreitbach gönnte Hein dem Pferde Ruhe und Erholung in verlangsamtem Schritt.

Sich selber aber gönnte er sie nicht. Und sobald er den Gaul an Joseph übergeben hatte, war er in den Weinbergen zwischen den Leuten und feuerte sie an durch die Anspannung seiner jungen Kräfte, die sich heute nicht durch die härteste Arbeit ermüden lassen wollten.

»Nun ist sie fort – – nun ist sie fort! – – Nun ist die Burg und das Leben ohne Sibylle.«

»Herrgott, gibt es das? Gibt es das? – –«

Ja, es gab es. Und der sechzigjährige Burgherr stand neben dem Jungen in Weinberg und Feld, Schulter an Schulter, und schwang die Hacke und stach den Grabscheit in die Muttererde. Wenn sie eine Pause machten und sich den Schweiß abwischten, sagte der Alte: »Hei, wie der Drachenfels heute herübergrüßt,« oder: »Sieh den Rolandsbogen, Hein. Die Abendsonne wirft einen Strom von Gold hindurch. Es gibt kein schöner Land auf der Welt.« Und andern Tags waren es andere Punkte, und immer waren sie das Köstlichste, was Gott geschaffen hatte. Dann begann auch Hein in den kurzen Arbeitspausen hierhin und dorthin zu blicken und dem Vater zuzurufen: »Schau, schau!« Und er spürte, wie ihm die tägliche Berührung mit der Heimaterde immer wieder neue Kräfte brachte und der Rheinwind ihn erfrischte.

Spät abends kam häufiger noch als bisher der alte Schmitz, und der Hein saß bei den Männern.

»In Mailand hat sich der Napoleon die eiserne Krone der Lombardei aufs Haupt gesetzt,« berichtete der alte Schmitz aus der Zeitung. »Dat heißt auf gut deutsch: Italien is perdutto, un Österreich macht demnächst mobil, oder et geht ihm arg schlecht.«

»Österreich,« entgegnete der Hausherr bitter, »wird die Folgen seiner Hauspolitik noch schwer zu büßen haben. Wie es über Belgien Deutschland vergaß, so wird es über Welschland Deutschland vergessen. Seine Wurzeln aber liegen im Deutschtum.«

»Wissen Sie,« begann der alte Schmitz nach einer Weile, »wat mein Gewissen arg bedrängt hat? Dat diesen Winter der Papst extra nach Paris gereist ist, um an seinem lieben Sohn Napoleon die Kaiserkrönung zu vollziehen. Bis dahin hatt' ich immer gedacht, der Papst krönt die Tugend un nit dat Laster. Un da reist er nu mit Extrapost zu seinem lieben Sohn Napoleon.« Er blickte in sein Glas, und dann blickte er auf. »Et wär gut,« meinte er grollend, »wenn dat mit der ganzen welschen Klerisei mal anders würd. Wir Deutschen brauchen einen deutschen Papst, der unser deutsch Gemüt un unser deutsch Gewissen versteht un mit einem deutschen Donnerwetter Ordnung schaffen würd zwischen Tugend un Laster un dem Heiligen Stuhl un seinem lieben Sohn Napoleon. Der wat von deutscher Vaterlandsliebe versteht, un dat die Kirche im Dorf bleibt. Aber wir treiben ja selbst in der Religion Ausländerei un machen vor jeder welschen Kutte en tieferen Knicks als vor 'nem ehrlichen deutschen Pastor.«

»Das haben Sie mir aus der Seele gesprochen,« sagte der Hausherr. Und dann sahen sie schweigend in die Nacht.

Der Sommer wurde gewitterschwül. Überall in den Ländern verspürte man, daß eine neue Entscheidung in der Luft lag. Im September passierte ein französisches Armeekorps Bonn auf dem Marsche gegen Österreich. Der von Rom Gesalbte zog in Wien ein, zertrümmerte bei Austerlitz die verbündeten Heere der Österreicher und Russen und diktierte zu Preßburg den schmählichen Frieden, in dem Italien und die deutschen Lande der Willkür Napoleons überlassen blieben. Von der einsamen Burg aus verfolgten die alten Freunde das grausige Schicksalsspiel. Keine Grenzen, keine Rechts- und Landeshoheiten achtete der Eroberer. Und mit den erbeuteten Ländern warf er um sich wie mit wertlosem Gerümpel.

»Das ist ein versöhnender Zug an ihm,« sagte der Burgherr, »diese verachtungsvolle Gebärde.«

»Heulen möcht' ich vor Wut,« entgegnete der alte Schmitz, »weil der Kerl recht hat. Aber wenn et einen Gott gibt, soll er nit recht behalten.«

Und sie lasen sich aus der Zeitung vor, daß der Stiefsohn Napoleons, Eugen Beauharnais, Vizekönig von Italien, Napoleons Bruder Joseph König von Neapel, Napoleons Bruder Ludwig König von Holland und Napoleons Schwager Murat Großherzog von Berg geworden sei.

»Die Grenze zwischen Berg und Nassau läuft am Rheinbreitbacher Graben,« sagte der alte Schmitz grimmig. »Da hätten wir ja nu glücklich die Bagasch dicht vor unserer Haustür un können Visite machen.«

Aus Köln aber kamen frohe Nachrichten. An jedem Monatsersten langte ein großer Schreibebrief an von Barthel und Sibylle. Und Barthel schrieb, wie fein ihm Sibylle das Leben aufputze und jedem Ding einen behaglichen Anstrich gäbe, so daß er immer verwöhnter werde und sich gar nicht mehr ausmalen könne, wie ein Hauswesen ohne eine weibliche Hand auszuschauen vermöge. Und von seiner Tätigkeit bei Meister Gerolt berichtete er, der ihm mehr und mehr die Vorhand bei der Arbeit lasse, da er selber mit Frau und Tochter ein großes Haus mache, in dem die ersten Kölner Bürger, hohe Beamte und französische Offiziere ein und aus gingen. »Wenn das einem Kirchenmaler auch eigentlich schlecht zu Gesicht steht und oft mehr Geld beansprucht als eingeht, so hat es für mich doch das Gute, daß ich ordentlich ins Zeug gehen kann, mit der Arbeit zu wachsen verspüre und das Geld, das zum Fenster hinausfliegt, wieder hereinhole.«

Sibylle aber schrieb, daß der Barthel ein viel zu ordentlicher Mensch sei, als daß ihm eine Aufsicht not täte, und daß der Bruder sie verwöhne, wo und wie er nur könne. Jetzt, da es Winter sei, führe er sie jede Woche einmal ins Komödienhaus und die nächste Woche ins Konzert. Auch beschaffe er ihr durch seine Bekanntschaften unter den Kirchenherren Bücher aus der Bibliothek, so viele sie nur wolle, und nicht etwa in Mönchslatein, sondern die Schriften der Dichter aller Länder und Zeiten, von denen sie aber ihrer Sprachkenntnisse halber nur die der Deutschen und Franzosen wähle. Auch spiele sie jetzt des öfteren in einem Verein junger Menschen aus guten Bürgerhäusern selber Komödie, und sie wünsche nur, daß der Hein sie einmal sähe und den großen Beifall vernähme. »Ach, mein liebes Heinerlein,« so schloß fast jeder Brief, »ich sehne mich schon recht oft nach Dir.«

Und der Hein faltete ernst die Briefe zusammen und legte sie alle in seine Truhe.

»Willst du nicht endlich einmal nach Köln, Hein?« fragte ihn der Vater.

»Nein, Vater. Ich bin noch nicht so weit. Und dann – und dann – was soll ich unter den Franzosen?«

»Es ist eine gut deutsche Stadt, die sich nur widerwillig beugt.«

»Und die Sibylle beugt sich auch. Nicht vor den fremden Menschen, aber vor dem französischen Geist. Denn die Deutschen liest sie doch nur nebenbei.«

»Bist du auch zufrieden mit deinem Leben, Hein?«

»Vater, ich habe von dir gelernt, daß diese Scholle die meine ist, und daß jeder Spatenstich, den ich tue, eine Kulturarbeit sein kann, so groß und nützlich wie nur eine andere. Und darauf bin ich stolz geworden, Vater. –«

Dann aber kam für Vater und Sohn ein Tag der Überraschung, der alle Überraschungen der europäischen Politik, von der sie jetzt so häufig sprachen, in den Schatten stellte. Joseph erschien im Feiertagsgewand vor seinem Brotherrn und ersuchte umständlich um eine Unterredung. Es mache nichts, wenn der Hein zugegen bliebe, und es wäre gut so.

»Du willst doch nicht auch ausrücken, Joseph?«

»Ich bliev, un wann ich nor noch met em halven Bein kann, Här.«

»Hast du irgendeinen Grund zur Beschwerde? Aha, ich seh's dir an. Also heraus damit.«

»Ich wöll mich üwwer minge Mutter beschweren. Dat es met der Frau nit meh uszohalde.«

»Was? Nicht auszuhalten mit deiner leiblichen Mutter? Joseph, sprichst du hier im Ernst? Was ist los mit der alten Barbara?«

»Die ahl Frau arbeit' sech dut. Dat es nit mieh zom Ansin. Un Hölp von ne fremd Frauminsch well se nit. ›En fremd Minsch em Hus es op de Arbeit we der Hungk op en Knüppel,‹ hat se gesaag, ›äwwer hä friß' einem de Ohre vum Kopp.‹ Wat soll ich met die ahl Frau do anfange? Et bliewt mech nix anders övrig, als – hol mech der Düvel – selver en Frau zu hierode.«

»Du – willst heiraten, Joseph? Mit deinen zweiundvierzig Junggesellenjahren?«

Der Joseph zog eine schalkhafte Grimasse. »Ich mein ja selver, ich sin noch zo röstig. Äwwer wat soll ich maache? Die ahl Frau moß en Hölp han un ene weibliche Ussprach. Se es nu schon en de Siebenzig.«

»Ich hoffe, du hast gut gewählt, Joseph?«

Da atmete der Joseph auf, weil die Sache so leicht ging, und er erklärte vergnügt: »Et es dat älteste Mädche vom Schnieder em Dorp. Dä hät 'r zwölf Stück em Nest, Jungs un Mädcher, un es heilfroh, wann bloß elf övrig blieve.«

Der Alte von der Burg reichte ihm die Hand und sagte lächelnd: »Also eine Liebesheirat. Ich gratuliere, Joseph. Du kannst dir die beiden leeren Stuben am Kelterhaus herrichten. Die Küche bleibt gemeinsam, und ihr eßt in der Küchenstube. Viel Glück zum neuen Beginn.«

Und der Hein trat vor und legte dem getreuen Beschützer und Lehrer seiner Kindheit die Hände auf die Schultern und rüttelte ihn fröhlich.

»Wann soll die Hochzeit sein, Joseph? Du nimmst mich doch als Brautführer?«

»Dat es mech un dem Rikchen en große Ehr, Hein, un die Huchzick kann in vier Woche stattfinge, wann et dem Här so rääch es.«

»Es ist mir recht, Joseph, und nun freu' ich mich deines Entschlusses.« –

Vier Wochen später bewegte sich der Hochzeitszug vom Hause des Dorfschneiders zur Kirche. Auch der Burgherr und der alte Schmitz gingen im Zuge. Bei der Einsegnung vergoß die Braut ein reichliches Maß an Tränen, und der Joseph wurde unruhig. Die alte Barbara sah es und flüsterte ihm heimlich zu: »Halt dich grad, Jung. Tränen, dat bedeut en gesegnete Ehestand.« Da stand der Joseph wie ein Baum.

Mit Siegermiene führte er die Braut aus der Kirche, und Brautführer und Brautjungfern paarten sich hinter ihnen. Dann gab es auf der Dorfgasse einen Aufenthalt. Ein Seil war gespannt, und ein Dorfgenosse, lustig vermummt, bot dem neuvermählten Paar mit launigen Glückwunschversen einen Willkommtrunk. Das trank mit glänzenden Augen auf sein eigenes Glück. Und die ganze Hochzeitsgesellschaft leerte ein Glas, und ein jeder ließ ein Geldstück auf den bereitgehaltenen Teller fallen.

Im Schneiderhaus stand der Schmaus bereitet, und der Bräutigam stiftete altem Brauch gemäß den Wein, und es war ihm leicht, den Herrn zu spielen, denn der Wein kam aus der Kellerei des alten Schmitz, und der Burgherr hatte ihm das Hausgerät geschenkt. Die alte Barbara aber zwinkerte der Braut zu und meinte: »Ich han et mech als ömmer gedaach, der Juseph es esu verlieb en de Schniederei.«

Es wurde eine echte und rechte Hochzeit, und den Höhepunkt des Festes bildete am Abend das Pfänderspiel. Und mancher Bursche setzte das Pfänderspiel mit seinem Mädchen noch auf dem Heimweg in den stillen Gassen fort ...

Das blonde, flinke Rikchen aber war bald der Liebling der alten Barbara, bei der sie eifrig in die Lehre ging, und das alte Burghaus schaute blitzblank aus seinen Fenstern. Der Burgherr aber wurde tiefernst in diesen Tagen. Allabendlich saß er mit seinem Freund und seinem Sohne nach der Arbeit im Gartenhäuschen, von dem aus der Blick über das sommerliche Rheintal schweifen konnte, und die Schönheit der Heimat tat ihnen weh. Kaum mochten sie sprechen.

Und der erste August brachte die amtliche Erklärung.

Sechzehn deutsche Fürsten, deren Lande am Rhein und nahe dem Rheine lagen, erklärten ihre Trennung vom deutschen Reiche, gründeten die rheinischen Bundesstaaten und erwählten den Kaiser der Franzosen zu ihrem Protektor. Der freie Rhein war Vasall geworden.

»Wat hat dat die Herren an ihrem Seelenheil gekostet?« fragte der alte Schmitz. »Der Deubel tut nix als gegen Verschreibung.«

»Die rheinischen Bundesstaaten und Napoleon,« berichtete der Alte von der Burg, »sollen nach den Bundesakten einer für alle und alle für einen stehen. Es wird erwartet, daß eine Reihe anderer deutscher Fürsten in Bälde beitreten. Der Kaiser der Franzosen wird alsdann in der Lage sein, mit deutschen Landeskindern Deutschland in den Staub zu treten.«

»Deutschland? Wat bleibt denn noch von Deutschland übrig?«

»Preußen bleibt.«

»Wie lange glauben Sie denn? Die ganze Aktion scheint sich doch grad gegen Preußen zu richten?«

»Ja, es ist die härteste Beleidigung, die Preußen widerfahren kann. Und nun müssen wir alle unsere Hoffnungen an Preußen hängen.«

Sie dauerten nicht lange, die Hoffnungen. In der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt lag Preußen vernichtet am Boden. Der Kaiser der Franzosen zog in Berlin ein, und was noch, von seiner Gnade geduldet, von der Elbe ostwärts den Namen Preußen führte, war ein kaum atmendes Land.

Es war die furchtbarste Zeit für die vielen im Lande Zerstreuten, die noch ein deutsches Herz in der Brust trugen. Und schwer und düster lastete sie aus den deutschen Männern in der Oberen Burg.

»Nun kann es nicht mehr schlimmer kommen,« sagte der Hausherr. »Ein paar Demütigungen mehr oder weniger zählen jetzt nicht mehr.«

»Mir wollen unsere Keller leer trinken,« meinte der alte Schmitz. »Anders bleibt uns jetz nix mehr übrig.«

Der Hein saß blaß und erregt zwischen den Männern. Er blickte auf die Burg und auf das Rheintal, und seine Zähne knirschten gegeneinander. Dann stand er auf und ging ins Dorf. Und er ging viele Abende.

»Ich glaub',« sagte der alte Schmitz, der ihn liebte, »der Hein ergibt sich aus Zorn dem Trunke.«

Der Burgherr schüttelte den Kopf. Er kannte seinen Jungen besser und wartete. Und nach einer Woche erschien der Hein vor den beiden Alten und teilte ihnen mit, daß er unter den Männern und Jünglingen des Dorfes einen Turn- und Schützenverein ins Leben gerufen habe, und daß sie die beiden erfahrenen und kundigen Herren bäten, als Exerzier- und Schützenmeister an die Spitze zu treten.

Der Alte von der Burg horchte auf. Sein Auge begegnete dem des Freundes, und sie dachten das gleiche. Hier war vielleicht ein Anfang. Ein Anfang aus dem Volk heraus. »Hein,« sagte der Vater, »Hein, das war brav, Hein.«

Am selben Abend noch begaben sich die Männer in die Versammlung der Dorfgenossen und stellten sich zur Verfügung. Der Eremit von Breitbach war ins Leben zurückgekehrt. –

Mitten in die ersten Exerzitien und Schießübungen hinein fiel unerwartet der Besuch Barthels. An einem Sonntagnachmittag langte er an und ließ den Vater und den Hein vom Turnplatz holen.

Die Männer begrüßten sich herzlich, aber mit fragenden Augen.

»Nun, mein Sohn? Ohne Sibylle?«

»Sibylle ist – Sibylle ist –«

»Sie lebt doch?« schrie Hein.

Barthel nickte mit zusammengepreßten Lippen.

»Gewiß,« stieß er hervor, »gewiß lebt sie. Besser sogar als vorher, wie sie selber meint. Mein Gott, wie soll ich das nur sagen?«

»Jetzt,« meinte der Hein und zog tief den Atem ein, »ist es nicht mehr so schwer. Denn sie lebt ja.«

Der Alte hatte sich gefaßt. »Erzähl ruhig, Barthel,« bat er. »Erzähle der Reihe nach, was geschehen ist.«

»Sie hatte sich zur Schauspielerin ausgebildet,« gestand der Barthel. »Zu ihrem Vergnügen, wie sie sagte, und weil es ihr eine innere Befriedigung verschaffe. Da mochte ich nicht dagegen sein, denn unser kleines Hauswesen führte sie mustergültig. Und irgend etwas mußte das arme Mädel doch tun, wenn sie mit ihrer Wirtschaft fertig war und so allein dasaß.«

»Du brauchst sie nicht zu entschuldigen, Barthel.«

»Nein, nein, das will ich auch nicht. Es ist viel eher eine Selbstbeschuldigung.«

»Du brauchst dich auch nicht selbst zu beschuldigen. Es hat so sein sollen, Barthel, nur daß wir heute nicht wissen, warum. Erzähle weiter.«

»Nach den Siegen Napoleons wurden in Köln wie überall große Festlichkeiten befohlen. Die Liebhabertruppe spielte im Komödienhaus. Sibylle spielte die Iphigenie. Es war ein französisches Dichtwerk, und die Mitwirkenden wurden eifrig beklatscht, am stürmischsten aber Sibylle. Vater, auch ich war ergriffen.«

»Sibylle – –,« sagte der Hein.

»Der Rausch war dem Mädchen zu Kopfe gestiegen,« fuhr Barthel traurig fort. »Es nutzte nichts, daß ich mahnte und bat, daß ich von euch sprach und auch von mir – jetzt kam sie von dem Fieber nicht mehr los. Sie hatte mit einem französischen Schauspieldirektor immer eine Korrespondenz geführt. Jetzt schrieb sie wieder hin.«

»An den Chevalier de Montbrun,« sagte der Hein.

»Ja, an den Chevalier de Montbrun. Er spielte mit seiner Truppe gerade in Koblenz und kam mit Extrapost.«

»Es muß ihm sehr gut gehen in der kaiserlichen Sonne,« murmelte der Hein.

»Vorgestern kam er an,« berichtete Barthel und zauste seinen Bart. »Vorgestern kam er an und machte ritterlich mir als dem Bruder den ersten Besuch. In der Malerwerkstatt. Das bestach mich Tölpel. Ich erlaubte ihm, Sibylle seine Aufwartung zu machen, und nahm ihn gleich mit zu Tisch.«

»Ein jüngerer Mann?« fragte der Alte, und sein Blick streifte Hein.

»Nein, Vater,« erwiderte Barthel, »ein angegrauter Fünfziger, etwas gichtig schon. Deshalb nahm ich auch keinen Anstand. Und von durchaus kavaliermäßigem Wesen. Er behandelte Sibylle bei Tisch wie eine Dame, und nach Tisch bat er sie, ihm eine Stelle vorzuspielen, die sie studiert hatte. Da spielte sie mit allem, was in ihr war.

›Wundervoll,‹ lobte der Chevalier. ›Ihr Temperament ist so hinreißend, daß es alles Fehlende ersetzt.‹

Und ich warf ein: das ist kein ganzes Kompliment, und es könnte sogar ein zweischneidiges sein.

Der Chevalier aber lächelte mich an und sagte: ›Das Vorrecht der Jugend ist das Temperament, und es ist seine unbesiegbare Waffe. Die Kunst, mein Herr, das, was wir Wissenden die Kunst nennen, kommt erst mit – dem Wissen. Die wahre Kunst ist also das Vorrecht des Alters. Sie sehen, das ist auch für uns ein zweischneidiges Kompliment, und wir gäben gern unser Wissen gegen das Temperament.‹

Da fragte Sibylle: ›Was raten Sie mir zu tun?‹

Und er antwortete: ›Ihr Temperament in den Dienst der Kunst zu stellen. Wenn der Herr Bruder es gestattet, engagiere ich Sie für meine Künstlergesellschaft und führe Sie an meiner Hand die Höhen hinauf.‹

Ich widersprach. Ich versagte meine Einwilligung. Ich versuchte sogar zu befehlen. Und der Chevalier sah mich verwundert an und meinte: ›Sie, der Sie selber mit allen Ihren Sinnen der Kunst dienen, mißachten mit Ihrem Herzen die Kunst? Herr, es ist nicht mehr nötig. Wir Künstler sind Bürger geworden, Weltbürger, und nehmen in der großen Gesellschaft Frankreichs den Platz ein, der uns gebührt: den ersten Platz. Ihre Schwester wird überall die Dame sein, und so und nicht anders wird man ihr begegnen. Dafür bürgt Ihnen das Wort des Chevaliers de Montbrun.‹«

Der Alte von der Burg saß zurückgelehnt in seinem Holzsessel. Und während er mit Anspannung seiner Gedanken dem Bericht Barthels folgte, kam ihm auf einmal in den Sinn, daß in dem gleichen Holzsessel die Mutter Sibylles von ihrer Flucht ausgeruht hatte, bevor sie sich zum Sterben legte, und sie hatte gesagt: »Die kleine Sibylle ist ein wild, phantastisch Ding und weit über ihre Jahre hinaus. Ein herzenslieb Kind, aber von aller Welt verwöhnt.«

»Und wie entschied Sibylle, Barthel?« fragte der Vater.

»Sie sah mich groß an, Vater, und war ganz blaß im Gesicht. Und sie sagte: ›Ich hätte ja auch heimlich gehen können, Barthel, aber das litt mein Stolz nicht, daß der Vater und der Hein meinen, ich hätte in Köln die Gelegenheit benutzt wie der Johannes in Bonn. Deshalb berede ich offen meine Pläne mit dir und habe keinerlei Geheimnisse. Deshalb will ich aber auch, daß du mich frei und frank mit einem ehrlichen brüderlichen Weggruß ziehen läßt, denn wenn ich mir selbst den ersehnten Platz als Künstlerin nicht erringen würde, den Platz als Mädchen, den Platz als Dame, den werde ich behaupten. Das schwöre ich dir.‹«

»Sibylle ...« murmelte Hein.

»Vater,« fuhr der Barthel fort, »ich dachte, daß es, wenn nicht gegen, so doch ohne euern Willen geschähe, und sträubte mich weiter. Da trat sie dicht vor mich hin und sagte, während ihre Hände zitterten: ›Zwing mich nicht, heimlich zu gehen. Denn dann könnte ich niemals wiederkommen.‹ Da gab ich nach.«

Und der Alte im Holzsessel dachte: Zwölf Jahre sind es nun, daß die fremde Frau mir ihre Kinder brachte und im Sterben nach ihnen schrie. Mutteraugen, die sich schließen wollen, haben den Prophetenblick. Und sie sorgte um den Johannes und rief ihn, ihren heißblütigen Jung', und der Johannes ist seinem heißen Blut gefolgt. Und sie jammerte nach ihrem kleinen Mädchen und lauschte: »Die Sibylle hör' ich weinen, ganz still, ganz für sich hin, wie sie es tut, wenn sie weint ...«

»Die Sibylle ist fort, Barthel?«

»Gestern abend nach Koblenz, Vater, und von Koblenz über Trier nach Paris. Das einzige, was ich dir mitbringe, ist das Wort des Chevaliers, daß er sie vor jeder Unbill schützen und wie seinen Augapfel hüten werde.«

Da lachte der Hein verächtlich. »Was will der Komödiant? Nachdem die Sibylle ihr Wort gegeben hat!« Und plötzlich schlug er die Hände vors Gesicht, und ein erschütterndes Schluchzen rüttelte seinen Körper, und ein einziger aufschreiender, nach Luft ringender Ton drang aus seiner Kehle.

»Vater,« sagte der Barthel, und seine Stimme schwankte, »Vater, Hein, ich stehe wie ein armer Sünder vor euch –«

»Als deine Mutter starb,« sagte der Alte von der Burg, »sprach sie von ihren Kindern. ›Um den Barthel – nein, um den Barthel sorg' ich mich nicht.‹ Und das spreche ich deiner Mutter nach, Barthel. Du wirst immer den rechten Weg gehen und bist ihn auch hier gegangen.«

Der große Barthel wandte sich an Hein. »Wir haben uns – noch gar nicht recht begrüßt, Hein?«

Und der Hein kehrte sich ihm zu, sah ihm starr in die Augen und gab ihm mit festem Druck die Hand. –

*

 

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