Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Herzog >

Die Burgkinder

Rudolf Herzog: Die Burgkinder - Kapitel 10
Quellenangabe
authorRudolf Herzog
titleDie Burgkinder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun256.-275. Tausend
year1923
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190711
projectid20aedb08
Schließen

Navigation:

VIII

Wohl war das Leben um einen frohen Ton stiller geworden auf der Burg, und ein ernster und trauriger Zug stand oft insgeheim auf den Gesichtern. Aber die Forderungen des Tages wurden erfüllt wie bisher, und keine Hand feierte bei der Weinlese und dem Keltergeschäft. Nur die Lieder wagten sich noch nicht wieder hervor, und der Joseph schüttelte ingrimmig den Kopf. »Wat mer nit verbessere kann, dat soll mer losse, we et eimol es. Der Johannes fingt schon widder no Hus, wann der Hunger kütt.«

»Der Johannes,« sagte Sibylle, »wird uns noch alle reich machen, und dann wirst du anders denken.«

Der Joseph sah sie verwundert an. Und meinte trocken: »Och du leev Herrgöttchen! Eine Vatter kann besser zehn Kinder ernähre, als zehn Kinder eine Vatter. Dat 's usprobiert.«

»Wir sind nicht alle von einer Art, Joseph. Du mußt das nicht vergessen.«

»Enee. Ich sin bloß ene Boorejung.«

Sie ging zu ihm und strich ihm leise über den Ärmel. »Ich hab' dich doch nicht kränken wollen, Joseph ... Ich bin ja selber traurig.«

»Scht! Der Här.« Der Alte kam aus den höhergelegenen Weinbergen. Hein ging abgearbeitet an seiner Seite. Als er Sibylle erblickte, streckte er hastig die Glieder und winkte dem Mädchen mit der Hand. »Ein voller Herbst, Sibylle. Das stimmt den Menschen lustig.«

Und sie winkte zurück und rief einen Glückwunsch. Und sie lachten sich an, bis sie sich aus den Augen waren. So taten sie seit geraumer Zeit einer um des anderen willen.

Der Vater arbeitete in diesen Herbsttagen ununterbrochen. Spät abends saß er noch auf und führte beim Lampenlicht seine Bücher. Wenn er sich nach Mitternacht erhob und seine Schlafkammer aufsuchte, weilte er immer noch vor der schlichten Holzfigur der Mater Dolorosa mit den sieben Schwertern im Herzen, und seine Hand strich sinnend darüber hin. »Wenn die Kinder wüßten, woher die Schwerter im Herzen der Eltern kommen – wenn die Kinder wüßten ...«

Der kalte Herbstregen kam, und es regnete Tage und Nächte und trieb die Menschen in engem Raum dicht zueinander. Die alte Barbara ließ das Spinnrad schnurren, und der Joseph bastelte an allerlei Gerät und sprach geheimnisvoll von Weihnachten. Aber die Gedanken der Zuhörer waren nicht bei ihm. Sibylle träumte zum Fenster hinaus und dachte an die großen Städte, in denen jetzt hell die Lichter brannten und die Menschen bei Musik und Tanz das trübselige Wetter längst vergessen hatten. Und Karossen sah sie vorüberfliegen mit reichgeputzten Männern und Frauen, die alle zu dem weithin leuchtenden Tempel fuhren und darin niedersaßen und brennenden Auges auf die Bühne starrten. Und hier – hier wandelte der frostige Herbstregen die Erde weithin in Morast, daß kein Fuß zu ihnen fand.

Bedrückt und unruhig blickte Hein auf die Freundin, die ihm entglitt, und sein gerader Sinn suchte, wie er sie erheitern und zerstreuen könne, und glaubte, das Rechte gefunden zu haben. Er schrieb an eine Handlung in Bonn und ließ einige Werke deutscher und französischer Dichter kommen. Nun konnte der Regen ihnen nichts mehr anhaben. Kaum schauten sie noch auf, wenn ein Sturmstoß durch den öden Garten fuhr und die Bäume schleunigst ihre Kronen stöhnend bis tief zur Erde beugten. Dicht aneinandergedrängt saßen sie, und einer las dem anderen vor, und der Vater ließ oft die Arbeit ruhen und setzte sich still zu ihnen, und Barbara und Joseph sahen sich mit runden Augen an, schüttelten die Köpfe und lachten verlegen.

Denn die beiden lasen französische Tragödien, Racines »Iphigenie« und Voltaires »Mahomet«. Und es geschah oft, daß Sibylle aufsprang und den Hein und den Vater, Barbara und Joseph vergaß und das, was sie gelesen hatte, mit leidenschaftlichen Gesten aus dem Gedächtnis wiederholte. Dann vernahmen auch die anderen den Sturmwind nicht mehr, der wütend um die alten Mauern fuhr, und doch nichts vermochte, als die Wetterfahnen zum höhnischen Kreischen zu bringen. Denn aus der Mädchenkehle drang eine Glocke, die über den Sturmwind hinwegstürmen konnte und doch wieder so süß und zärtlich singen und klingen wie ein Gebetglöcklein zur Adventszeit. Und es blieb lange still unter den Zuhörern.

»Et flügt enen Engel durch et Zemmer,« flüsterte Joseph, und die alte Barbara wiegte vor Überraschung den siebzigjährigen Kopf hin und her. »Dat han ich nit eimol op Kirmes erläv'. Nit eimol op Kirmes. Nee, nee ...«

Und eines Abends begannen sie »Wilhelm Meisters Lehrjahre« zu lesen. Bald, und sie lasen nur noch mit halber Stimme, und die Augen eilten vorauf, und die Stimme versagte zuweilen.

»Was ist mir nur,« murmelte Sibylle.

»Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan? –
Kennst du es wohl? Dahin, dahin
Möcht' ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!«

Als hätte sie nicht verstanden, zog sie das Buch an sich und überlas die Strophe noch einmal. Und leise schloß sie das Buch und ging mit seltsam starrem Gesicht aus dem Zimmer. Als Hein ihr nach einer Weile folgte, fand er sie im kalten Treppenhaus, das Gesicht gegen die Flurscheide gedrückt.

»Hast du geweint, Sibylle?«

»Ich habe nur nachgesehen, ob es noch regnet. Es regnet immer noch.«

»Hast du gar kein Vertrauen mehr zu mir, Sibylle?«

»Vertrauen, Hein? Ich hab' ja nicht mal zu mir selber Vertrauen. Sonst – sonst –«

»Sprich nur weiter.«

»Weshalb geben wir uns eigentlich gar keinen Kuß mehr, Hein? Magst du mich jetzt nicht mehr?«

Da nahm er sie fest in seine Jünglingsarme und küßte sie. Aber die Sommerwärme lag nicht mehr auf den Mädchenlippen. Mit der Post waren Briefe und Zeitungen gekommen. Barthel schrieb, und der Vater las wie immer seine Berichte vor. Der große Junge hatte nun vier heiße Lehrjahre auf der Düsseldorfer Malerschule hinter sich und machte die ersten Studienausflüge auf eigene Faust. Mit ehrlicher Begeisterung schrieb er von den Kunstschätzen der alten niederrheinischen Städte, und daß er im Frühjahr nach Brügge zu wandern gedächte und nach Gent. »Ich helfe jetzt meinem Meister an einem Altarbild, so daß es bis zum Frühjahr um meine Reisekasse gut stehen wird. Später gedenke ich dann in Köln Arbeit zu nehmen, und ich hoffe nach meines Meisters Ausspruch, daß es mir glückt. Köln aber liegt wieder so viel näher zu Euch als Düsseldorf.«

»Braver Junge,« sagte der Alte von der Burg.

Auch Sibylle hatte einen Brief erhalten. Aber sie las ihn erst auf ihrer Mädchenstube allein und zeigte ihn auch später nicht vor, als sie mit geröteten Wangen wieder erschien, sondern erzählte nur davon.

»Johannes hat geschrieben und läßt euch alle grüßen. Sein Regiment marschiert an die spanische Grenze, und er hofft in Kürze schon Korporal zu sein und in Jahresfrist Leutnant. Er ist ganz begeistert von all den Städten und Ländern, die er zu Gesicht bekommt, und was er hört und erlebt. Wunder über Wunder müssen es sein, von denen wir uns nichts träumen lassen können, und er ist so glücklich, daß man ihn heiß darum beneiden –«

Der Vater sah sie ruhig an. Da brach sie mitten im Bericht ab.

Aber am Abend, als sie gute Nacht gewünscht hatte, winkte sie Hein, und in ihrem Mädchenstübchen suchte sie den Brief hervor und gab ihn ihm zu lesen. Da las Hein wunderliche Dinge von einem Leben in Glanz und Wonne, und der französische Soldat sei der Herr und Gebieter darin, wohin er nur komme, und die Bürger und Bauern knicksten und sprängen, wenn er die Augen rollte, und die Mädchen und Frauen ließen ihn in den Sternen lesen. Die Hauptsache aber sei der Ruhm, die Gloire, und wer kein Waschweib sei und sich nicht an Vaters Rockschoß klammere, der wüßte, was das Wort bedeute, und daß man nur Mann würde in der Freiheit der Welt, den Degen in der Faust. »Kinder, Kinder, es ist eine Lust, zu leben!«

Ganz bleich war der Hein geworden, als er den Brief beendet hatte.

»Weshalb gabst du mir den Brief zu lesen, Sibylle? Weshalb nicht dem Vater?«

»Weil ich möchte, daß du auch so ein Mann würdest, Hein. Ein Mann, der sich Ruhmeskränze holt.«

»Das sind Mädchenphantasien,« erwiderte er finster. »Wenn wir hier Weinberge anlegen und die wüsten Felder in Kultur bringen –«

»Das kann jeder Bauer so gut wie du.«

»Nein, Sibylle, das kann er nicht. Denn ich denke mir mehr dabei und lege vieles in die Erde hinein, was nur für mich aufgeht und mir doch die Geheimnisse der ganzen Welt erschließt. Siehst du, das kann man nicht, wenn man über alles hinwegfliegt, nicht so innig und tief und stark. Und die Liebe muß so sein, bei allem, was wir tun.«

»Geh schlafen, Hein. Ach Gott, Hein, du bist ja schon im Winterschlaf.«

In dem Gesicht des jungen Mannes zuckte es auf.

»Ich weiß, was ich tue. Und der Vater hat genug an einem Ausreißer.«

»Schimpf den Johannes nicht!«

»Er beschimpft die Burg mit seinen Redensarten. Gloire! Bis jetzt hat er sich nicht sehr rühmlich benommen.«

»Weil ihr ihm keine Gelegenheit gegeben habt. Er ist anders als ihr und hat mehr Raum nötig. Der Chevalier machte einen Unterschied zwischen Menschen, die von der Eva, und Menschen, die von der Lilith abstammen.«

»Dein Chevalier ist ein Großmaul.«

Da schwieg sie, legte den Brief des Bruders zusammen und hob den Leuchter hoch.

»Gute Nacht,« sagte sie.

»Gute Nacht,« entgegnete er zornig und warf hinter sich die Tür ins Schloß. –

Einen Tag lang gingen sie sich aus dem Weg und gingen doch nur umeinander herum. Als aber wieder die Lampe auf dem Tisch leuchtete, das Spinnrad schnurrte und der Vater über eine Zeitung gebeugt saß, faßte sich der Hein ein Herz.

»Du weißt so vieles, Vater, und wirst mir auch heute Auskunft geben können. Was ist es eigentlich mit Eva und was mit Lilith?«

Der Alte sah ihn lachend an. Und Sibylles Augen verloren den Text des Buches, in dem sie las, und ihr Rücken streckte sich.

»Junge, wie kommst du darauf? Zwei Frauenzimmerchen auf einmal, die dich beschäftigen? Wie soll ich die kennen?«

Hein wurde rot. Er spürte, daß Sibylle ihn jetzt auslachte, obwohl sie tat, als hörte sie nicht zu. »Ich meine,« sagte er rasch, »doch nicht zwei beliebige Mädchennamen. Ich meine die biblische Eva und die legendenhafte Lilith.«

»Ach so –« machte der Alte verwundert. »So – so ... Aber wie kommst du nur plötzlich auf diese beiden?«

»Ich hörte vor einiger Zeit darüber reden, Vater. Es war in Bonn. Und seitdem denke ich zuweilen darüber nach.« –

»Die Bibel,« erklärte der Alte nach kurzem Nachsinnen, »weiß nicht viel von der Lilith. Sie wird einmal als koboldartiges Nachtgespenst erwähnt und galt den Juden als erste Frau Adams. Wohl aus der Zeit, da Luzifer noch ein Erzengel war, dessen Schwester sie hieß.«

»War sie mehr wert als Eva, Vater?«

Da lachte der Alte aus voller Kehle. »Junge, Junge, seit wann bist du unter die Frauendeuter gegangen?«

»Vater,« sagte der Hein verwirrt, »ich weiß, daß ich mich sehr kindisch ausdrücke. Ich habe ja auch nicht die beiden vorzeitlichen Gestalten im Sinn. Ich wollte eigentlich darin zwei Gattungen von Frauen unterscheiden. Die, die nur ihr Erdenwerk verrichtet, und die, die darüber hinaus – ja, wie soll ich sagen – die darüber hinaus neue Fernen aufsucht und dadurch den Mann erst zur Entfaltung seiner Kräfte zwingt.«

Der Alte hatte ihn ruhig angehört. Jetzt glitt sein Blick zu Sibylle, die sich nicht rührte.

»Lieber Junge, das sind keine zwei verschiedenen Gattungen, von denen du sprichst. Die Frau, die nicht für den Mann das Höchste und Größte will, ist vielleicht eine Abart. Ebenso wie die Frau, die beständig ihr Tun mit solchen Reden schmückt.«

»Ich hörte,« sagte Hein, »von Frauen sprechen aus Liliths Geschlecht'. Das ist also nur pathetisch zu nehmen?«

»Es kommt darauf an,« entgegnete der Alte ernst, » wer das sagt. Die Bezeichnung selbst ist nebensächlich. Es kann eine Frau den vollen Aufschwung ihrer Seele darin suchen und finden, daß sie des Glaubens lebt, für Höheres geboren zu sein und den geliebten Mann aus der Dumpfheit und Enge in höhere und sonnigere Regionen ziehen zu können. Ebenso leicht und sogar wohl leichter noch kannst du das Wort im Munde von Frauen finden, die ein Schmuckwort für die eigene Abenteuerlust suchen. Sieh, der Mensch läßt sich so gern vom schönen Klang eines Wortes bestechen, während sich die Sache viel schlichter und gerader benennen läßt.«

»Wie zum Beispiel, Vater?«

»So zum Beispiel, daß sich zwei aufrechte Menschen sagen: wir wollen in unserer Liebe wachsen und uns nicht mit unserer Liebe niederdrücken.«

»Oder,« sagte Sibylle und sah von ihrem Buche auf, »die Frau könnte als höchsten Beweis fordern: nicht folgen – überholen sollst du mich. Denn die Frau will nicht nur bewundert sein, sie will selber bewundern.«

Der Alte nickte ihr freundlich zu. »Das hast du gar nicht dumm gesagt, kleine Sibylle. Also: Manneshand oben!«

»So meinte ich das nicht,« verteidigte sich das Mädchen erregt. »Ich will selber jemand sein und – und –«

»Also Frauenhand oben,« sagte der Alte und lachte sie an. Und der Hein fiel aus befreitem Herzen in das Lachen ein, und Sibylles Empörung schlug um, und sie lachte mit den Männern. Seit langem wurde es der erste frohe Abend wieder in der Burg, und der Vater saß zwischen seinen Kindern wie in ihren Kindheitstagen und freute sich ihres lebhaften Geistes und des Aufschwungs, den sie von der Erde nehmen konnten. »Kinder, Kinder, alles kommt aus der Liebe. Sie kann Flügel zerbrechen, wenn sie selbstsüchtig ist, und Flügel wachsen lassen, die zum Himmel führen, wenn sie – selber wächst.«

»Mutter,« meinte Joseph in der Ecke, »verzell du ens von dinger Leev.«

»Ich weiß nit,« sagte die alte Frau und ließ munter das Spinnrad schnurren, »ich han bloß eine Beweisartikel, un domet es kein Staat zu maache.«

»Ach nee,« fragte der Joseph bekümmert. »Du meins doch geweß nit mich?«

»Ich mein bloß dinge Vatter singe Einzige.«

»Noh dem Galgenvugel werd ich mich doch ens erkundige,« versprach der Joseph und zupfte der Mutter das Werg zurecht. –

Wenige Tage vor Weihnachten setzte eine bittere Kälte ein. Die Winzer und Bauern kamen nicht aus ihren Behausungen hervor, und das Dorf und das Land lag ohne Laut. Der alte Schmitz aber, der seit Jahresfrist die Geschäfte des Gemeindevorstehers führte, mußte sehr Wichtiges haben, daß er mit eisverklebtem Bart und unter seinem Körpergewicht schnaufend den Weg nach der Burg suchte.

»Das ist eine angenehme Überraschung,« begrüßte ihn der Hausherr.

»Die Überraschung kömmt erst, un ob sie gar so angenehm is, dat möcht' ich für meine Person doch erst dahingestellt sein lassen.«

»Jedenfalls freue ich mich, daß Sie da sind. Also nur heraus mit der Neuigkeit.«

»Geben Se mir en Glas Rotwein. En bißchen angewärmt, wenn ich so frei sein darf. Ich schluck' als beständig Eis.«

Der Hausherr holte selbst den Wein, wärmte ihn über dem Kaminfeuer an und schenkte die Gläser voll. Der alte Schmitz schnupperte daran, winkte dem Freund mit dem Glas zu und trank in langsamem Zuge.

»So,« meinte er, »jetzt hätten wir uns gestärkt. Setzen Sie sich. Ja, wat helfen da die Umschweif. Also die Burg kömmt unter den Hammer.«

Der Hausherr saß, ohne sich zu bewegen. »Ich habe es längst befürchtet,« sagte er dann und tat einen schweren Atemzug.

»Ich auch, Freund, und wir haben ja als wohl mal darüber gesprochen. Die Burg gehört nach Köln, un dat linksrheinische Kirchengut is schon seit Jahr un Tag meistbietend versteigert. Jetz geht et an die rechtsrheinischen Liegenschaften, un nu wären wir an der Reihe.«

»Haben Sie einen Vorschlag, Schmitz?«

»Ja, wissen Se, ich komm doch nit her, um mit Ihne Trübsal zu blasen. Der Vorschlag, der liegt doch auf der Hand. Sie müssen dat Dings selber erstehen.«

»Das kann ich nicht, Schmitz. Sie wissen selbst am besten, über welche Mittel ich verfüge. Und wenn ich sie auch hergäbe und Sie mir für das Fehlende beisprängen, es würde eine zu schwere Belastung sein. Ich bin jetzt sechzig und darf die Kinder nicht festlegen.«

»Selbstverständlich nit. Obwohl uns die Sechzig wahrhaftig nit drücken. Ja, glauben Sie denn, wir wollten dem Kaiser Napoleon wat zu verdiene geben? Der soll sich dat Maul wischen, wenn ich mitzureden hab'.«

»Sie haben aber leider nicht mitzureden.«

»Wat?« lachte der starke Mann grimmig. »Ich nit mitzureden hier am Ort? Dat war et Neuste. Na, da werd ich Ihnen doch wohl eine andere Meinung vom Adolf Schmitz beibringe müssen. Zunächst bin ich hier der Gemeindevorsteher. Un zum zweiten hab' ich von oben her soeben die Weisung erhalten, mich dem Kommissar, den se von Köln herschicken, zur Verfügung zu stellen un Kauflustige aufzubieten. Da Hab' ich denn heute früh schon einen Eilboten nach Köln abgefertigt, dat ich den Herrn Kommissar am vierundzwanzigsten Dezember erwarten möcht. Dat wäre der geeignetste Zeitpunkt.«

»Herr Gott – am Christabend?«

Dem alten Schmitz schien des Freundes Schreck ein Vergnügen zu bereiten, denn er rieb sich behaglich die Hände. »Zunächst,« meinte er, »is et jetz grad so kalt, dat die Leut nit gern lang auf der Straße stehen. Un zum zweiten hat am Christabend kein Mensch Geld. Un zum dritten, wenn doch einer Geld aufbringen sollt oder auf Spekulation kaufen wollt, donner ich den an, dat er et Maul hält. Dat letztere will ich aber lieber schon vorher besorgen un gleich heut damit anfangen, meine Kunden im Dorf der Reihe nach zu besuchen. Von auswärts kömmt am Christabend doch kein Mensch, un kömmt einer, dann lad ich ihn zu nem Glas Wein ein und sauf en untern Tisch, so wahr ich Adolf Schmitz heiß un dat sehr gut kann. En Gebot soll mir der jedenfalls nit mehr abgeben.«

Der Hausherr mußte trotz seiner Sorgen lächeln.

»Lieber Schmitz, wenn die Sache allein mit rheinischem Humor zu behandeln wäre –«

Den aber packte plötzlich der Zorn.

»Wenn nit mit Humor, womit denn sonst?« rief er und schlug auf die Tischplatte. »Wenn ich jeden Dreck im Leben ernst nehmen wollt', dann wär dat Leben ja en Martyrium. Daran gehen die meisten Menschen zugrund, dat sie alles, wat ihnen in die Quere kömmt, für dat allerwichtigste in der Welt nehmen un sich als die Kreuzträger der Menschheit fühlen. Als ob nit dat ganze Leben un für jedermann aus lauter großen un kleinen Quengeleien un Knüffen un Püffen zusammengesetzt war, wenn – ja, wenn et eben nit den Humor gäb, um sich auf anständige Weis' damit abzufinden. Humor, dat is kein Leichtsinn un kein Drüberweghuschen, wie die schlappen Mucker un Tränensäck meinen. Humor, dat is ein Drüberstehen un eine ganz besondere Gotteskraft, mit der wir uns dat graue Elend aller Vergänglichkeit mannskräftig vom Leib halten. Un dat sag ich Ihnen, Freund, wir packen die Sach' mit Humor an und zwingen se, oder wir nehmen die Kapp ab un gehn mit de Prozession beten.«

Er zog die Flasche auf der Tischplatte heran, schenkte sein Glas voll und trank es leer.

»Wir packen die Sache mit Humor an,« sagte der Hausherr, und seine Augen hatten den klaren Glanz.

»Na, sehen Se, wie dat gleich die Tatkraft beflügelt?« meinte der Freund und erhob sich. »Mr muß nur bei jedem Hagelwetter denken: dat is ja noch gar nix; et soll Hagel geben, knubbeldick wie Hühnereier; da Hab' ich ens widder Glück gehabt.« Und er wand sich den gestrickten Schal um den Hals, stülpte die Ohrenklappenmütze auf und schüttelte dem Hausherrn die Hand. »Also auf Wiedersehen denn. Ich will jetz mal in de Gemeinde rundgehen un ›Kauflustige‹ aufbieten. Ich bin grad in der rechten Stimmung.«

Und mit seinem rollenden Lachen stapfte er durch den Hausflur und durch den scharfen Frost dem Dorfe zu. –

Der vierundzwanzigste Dezember kam, und der Regierungsbevollmächtigte, der schon die kleinen Klostergüter der Nachbarschaft unter den Hammer gebracht hatte, war mit seinem Sekretär eingetroffen. Die Kälte sang in der Luft und drang bis ins Mark. Und der Joseph hatte schlecht geheizt.

Der Regierungskommissar hauchte in die frosterstarrten Hände und befahl, Holz nachzulegen.

»Dat wär Verschwendung. Die ale Bud krigge Se nit wärm un wenn Se de ganze Westerwald drin verstoche,« belehrte ihn der Joseph.

»Was will der Mann?« fragte der Kommissar den Gemeindevorsteher.

»Der Mann meint,« erklärte der alte Schmitz, »et Holz wär so rar wie et Geld.«

Der Franzose warf einen verächtlichen Blick um sich. »Sind die Kauflustigen zur Stelle?«

»Et halbe Dorf is anwesend.«

»Lassen Sie die Leute herein.« Und er setzte sich mit seinem Sekretär an den Tisch und breitete die Papiere aus.

»Pitter, Drickes, Hannes,« rief der Gemeindevorsteher zur Tür hinaus, »alle Mann ran. Äwwer nit mit die Schmierstivvel en et Zimmer. Op dem Husflur es Platz de Hüll un Füll.«

»Et is hie äwwer nit so wärm als im Bett, Här Vorsteher.«

»Dann loß du dich dinge Frau als Öfchen komme, du Bettmusikant.«

Die Leute lachten ihren Kameraden aus, und der lachte gröhlend mit.

»Ruhe!« rief der Kommissar. »Ich habe hier zunächst die alten Besitztitel zur Verlesung bringen zu lassen.« Der Sekretär verlas sie. »Überzeugen Sie sich, Herr Gemeindevorsteher, ob alles stimmt.«

Der Vorsteher blickte in die Papiere und nickte. »Et hat seine Richtigkeit.«

»Diese Besitztitel sind,« fuhr der Kommissar fort, »wie dieses Dokument hier bescheinigt, auf die französische Regierung übergegangen, die sie nunmehr öffentlich zum Verkauf bringt. Der Meistbietende erhält auf der Stelle den Zuschlag gegen bare Erlegung der Kaufsumme. Ich eröffne hiermit die Versteigerung.« Und er setzte sich und hauchte in die Hände.

Es herrschte tiefe Stille.

»Los, los, ich habe keine Lust, hier zu erfrieren.«

»Hunnert Dahler,« rief eine Stimme.

Der Kommissar sah scharf auf. »Werfen Sie den Mann hinaus,« gebot er.

Der alte Schmitz blickte sich um. »Weiterbieten.«

»Fünfhunnert Dahler – dausend Dahler –«

»Pitter, du häs woll ne ale Jüd de Beicht affgenomme?«

»Keine Redensarten. Wenn keine angemesseneren Gebote erfolgen, hebe ich die Versteigerung auf.«

»Herr Kommissar,« begütigte der alte Schmitz, »dat wissen Sie doch selber am besten, dat zurzeit nit viel Geld is. Die Kriegszeiten haben de Kassen leer gemacht. Un wenn Se in der Stadt Köln für die großen Klöster nit mehr als zehndausend Frank haben lösen können, dann dürfen Se sich auf dem Bauernland nit wundern.«

»Zweitausend Taler,« sagte der Alte von der Burg.

»Zweitausend und dreihundert!«

Der mächtige Körper Adolf Schmitz' beugte sich vor. Nun hatte er den Bietenden aus der Menge herausgefunden. »Dat 's recht, Pitter,« lobte er. »Ich han gar nit gewooß', wat du för 'ne riche Mann bis. Ich kündigen dich hiermet die Hypothek op dinge Hus.«

»Was sagten Sie?« fragte der Kommissar, der dem rheinischen Platt nicht gewachsen war.

»Ich habe dem Mann nur meine Freude zu wissen getan, Herr. Sehen Se nur, wie ihm dat gut tut.«

Die Rheinbreitbacher Männer lachten, ohne das Gesicht zu verziehen. Sie freuten sich ihres kernigen Gemeindevorstehers und gönnten der französischen Kasse keinen Stüber.

»Es sind zweitausenddreihundert Taler geboten,« rief der Kommissar und zog an den erstarrenden Fingern. »Vorwärts!«

»Darf ich mir die Freiheit nehmen,« fragte ihn der Vorsteher verbindlich, »den Herrn Kommissar und den Herrn Sekretär nach dem Geschäft zu einem kleinen Frühstück in mein Haus einzuladen?«

»Merci, Monsieur, das ist ein vernünftiges Wort. Also zweitausenddreihundert zum ersten, zum zweiten –«

»Zweitausendfünfhundert Taler,« überbot der Alte von der Burg.

»Wer bietet mehr?« Die Rheinbreitbacher sahen über die Schulter, mit merkwürdig zusammengekniffenen Augen. Da schwieg der Wortwechsel, der im Hintergrund entstanden war. Und es herrschte tiefe Stille.

Der Alte von der Burg, der Eremit von Breitbach, erhielt den Zuschlag.

»Heinrich von Einsiedel,« unterschrieb er mit fester Hand die Kaufurkunde. Und der Joseph zählte mit einer stolzen Gebärde reihenweis das Geld auf den Tisch, als wäre er es, der die Burg erworben hätte.

Der Alte sah mit seinen klaren Augen nach dem Freunde hin. Und die beiden Männer schritten aufeinander zu und schüttelten sich wortlos die Hand. Am Abend aber brannte die Weihnachtstanne in der freien Burg, auf dem freien Erbe. Und das Weihnachtslied drang aus frohbewegter Menschen Mund über die verschneiten Halden hinab zum Rhein, hinauf zu den Weinbergen, und es klang wie ein rheinisches Lied.

»Gott schütz' uns die Heimat,« sagte der Alte, und seine Brust weitete sich. – –

Frost und Schneegestöber ließen nicht nach in diesem harten Winter, und die Sonne zeigte sich im Januar und Februar nur auf kurze Stunden. Der Vater hatte mit Joseph die Inventaraufnahme gemacht und saß rechnend und schreibend auf seinem Zimmer. Da waren Hein und Sibylle Wochen hindurch mit sich allein.

Und sie saßen beieinander, einer den Arm um die Schulter des anderen geschlungen, und lasen in dem gleichen Buche. Tag um Tag. Bis eine seltene Müdigkeit das Mädchen überfiel und ihr Arm nicht mehr des Freundes Schulter suchte.

»Sollen wir den ›Wilhelm Meister‹ fortlegen und vielleicht Molière vornehmen, Sibylle?«

»Nein, nein,« wehrte sie heftig.

»Wie du willst,« meinte er kopfschüttelnd. »Es ist doch kein Grund zur Erregung vorhanden?«

»Du verstehst mich nicht, Hein.«

»Das wäre sehr traurig, Sibylle. Du hast wieder einmal Briefe bekommen. Das ist es.«

»Ja, das ist es,« wiederholte sie leidenschaftlich, »das ist es und wird so bleiben – nein, immer stärker und stärker werden.«

»So wenig bedeute ich dir, Sibylle?«

»Du bist ein guter Junge, aber du hast ja ebensowenig erlebt wie ich. Und ich bin achtzehn und du bist zwanzig. Oder sind wir nicht beide ein Jahr älter geworden? Selbst das vergißt man hier, so gleichen sich die Tage. Gib acht, so gern wir uns heute sehen, so arg werden wir uns eines Tages zur Langeweile sein, weil es ja nichts zu besprechen gibt, was der andere nicht schon weiß.«

»Hat Johannes geschrieben?«

»Ja, auch Johannes hat geschrieben. Er ist befördert worden und marschiert in die Sonne hinein.«

»Wenn du sagtest: ›auch Johannes‹, so war dir dieser Brief nicht der wichtigere.«

Sie schwieg, legte die Hand vor die Augen und träumte in sich hinein.

»Hast du Geheimnisse vor mir, Sibylle?«

»Hein, du fragst, als ob ich verliebt wäre.«

»Nein,« sagte er leise, »verliebt bist du nicht. Sonst würdest du mich nicht so quälen.«

»Herrgott, Jung, du quälst mich ja. Mit deiner ewigen strahlenden Zufriedenheit, die nicht über die Nasenspitze hinaussehen will. Wir Mädchen wollen doch mit Bewunderung erfüllt werden und uns von nichts überwältigen lassen als von eurem Tatendrang. Wenn du das nicht verstehst, so mußt du dich auch nicht wundern, wenn ich mich eines Tages auf mich besinne und – und –«

»Jetzt weiß ich,« sagte Hein, »du hast einen Brief von dem Chevalier erhalten, der in Bonn die Komödianten anführte.«

Erstaunt blickte Sibylle ihn an. »Ja. Aber woher weißt du das?«

»Ich habe keine Erklärung dafür, Sibylle. Aber ich sah plötzlich sein Gesicht und hörte ihn sprechen. Also das war es.«

»Der Chevalier,« sagte Sibylle, »hat sich meiner erinnert und sich höflich nach meinem Befinden erkundigt. Auch nach dem Fortgang meiner Studien, die ich doch gewiß aufgegriffen hätte. Und er gibt mir für den Fall, daß ich eines künstlerischen Rates bedürfe, seine Adresse. Das alles scheint mir nicht absonderlich.«

»Nein, das nicht. Aber du bist absonderlich, Sibylle.«

»Was wißt ihr Jungen von uns Mädchen,« murmelte sie. »Komm, wir wollen weiterlesen.« Und sie zog das Buch an sich und las mit ihrer jungen, ausdruckstiefen Stimme weiter aus Goethes »Wilhelm Meister« vor, und der Hein saß, den Kopf in den Händen, und sah ihr auf die Lippen und sah, daß diese Lippen zu zittern begannen, als sie die Verse Mignons sprachen:

»Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht;
Ich möchte dir mein ganzes Innere zeigen,
Allein das Schicksal will es nicht.«

»Sibylle!« rief er erschrocken.

Das junge Mädchen hatte das Buch von sich gestoßen, die Arme über den Tisch geworfen und das Gesicht darauf gepreßt. Ihr junger Mädchenleib wurde wie von einem Krampf geschüttelt, der sich jäh in Tränen löste.

Ratlos stand der Jüngling vor diesem Sehnsuchtsschmerz der erwachenden Frau. »Sibylle,« bat er und streichelte ihr Haar. Und dann beugte er sich nieder und küßte sie auf das Haar. »Sibylle – –«

Sie hob den Kopf und sah ihn aus rotgeweinten Augen an. »Ich halt's nicht mehr aus, Hein. Und wenn ich dich täglich seh', wird's nur schlimmer.«

»Und wenn ich nicht hier wäre –?«

»Ach – Hein –! Willst du mit in die Welt?«

Da ging er hinaus und nahm draußen die Mütze vom Haken und lief durch den grauen Wintertag und die verschneiten Felder. Sein ganzes Wesen war aus dem Gleichgewicht. Seine ganze Seele ein Wogen und ein Wallen.

Was war das nur – was war das?

Sein Abscheu vor dem Abenteuerlichen geriet ins Wanken. Immer nur hörte er im Ohr des Mädchens Freudenschrei: »Willst du mit in die Welt?« Und die Worte begannen zu schaffen und zu gestalten und ihm Bilder zu malen in heißen, süßen Farben, die er nicht begriff und doch empfand mit jedem Jünglingsnerv. Und plötzlich war er mitten darin, Pläne zu entwerfen, die ihm so einfach und zwingend erschienen, weil ihn seine Phantasie schon von der Erde emporgehoben hatte ins Wunschland der Jugend, darin es keine Unüberwindlichkeiten gibt.

Was war das nur – was war das? Einen Duft von Sibylles Haar und Kleid trug er auf den Lippen. Wie so oft seit ihrer Kinderseligkeit in den Wäldern und am Rhein. Aber zum erstenmal kam es ihm so zum Bewußtsein, daß er stehen blieb und die Augen schloß. Und dann rannte er durch Rauhreif und Dämmerung und durch die Felder heim, bis er, nach Atem ringend, in des Vaters Arbeitsstube stand.

Der Alte las mit forschendem Blick in der Seele seines Sohnes. Kaum bedurfte es für ihn noch der wirr sprudelnden Worte, die Hein aufgeregt hervorstieß. Das Auge des Mannes und das Auge des Vaters wußte die Zeichen zu deuten. Kinderliebe, die die Wimpern hebt ...

»Wenn ich dich recht verstanden habe, möchtest du nach Paris.«

»Vater, laß mich in die Garde eintreten.«

»Bist du denn schon mit Rheinbreitbach fertig, Hein? Mit allem, was wir hier in den harten Jahren in den Boden gelegt haben und noch immer weiter hineinzulegen denken? Das sind doch nicht nur Reben und Saatkörner, Hein. Oder war dein Herz mit keinem Schlage daran beteiligt und dein Sinn mit keinem großen Heimatsgedanken? Dann freilich brauchst du auf die Ernte nicht zu warten und kannst leben, wo du willst.«

»Vater – ich bitte dich – laß mich – nach Paris.«

»Es ist also dein heißer Wunsch, Offizier zu werden. Ich verstehe deinen Tatendrang, und du bist ja jetzt auch mündig, wie der Johannes es war, als er ging. Da wäre es doch einfacher und mir auch lieber gewesen, du wärst gleich mit ihm gegangen.«

»Vater – vergleich das nicht – er hat sich heimlich davongemacht.«

»Zu unserem Feind, Hein. Zu Deutschlands Feind, Hein, und zu unserem – insbesondere. Sollte ihn da nicht vielleicht das Schamgefühl abgehalten haben, eine letzte ehrliche Scheu, mir mit seinem Entschluß unter die Augen zu treten? Überheb dich nicht über deinen Bruder, Hein.«

Mit entsetzten Augen starrte der Sohn ihn an. »Es ist Friede, Vater –« stammelte er, und es war ein Betteln in seinen Augen um Hilfe.

»Ja, jetzt ist Friede,« sagte der Vater. »Und wenn es zu deinem Frieden dient, so geh in Gottes Namen.« Er erhob sich und bot dem Sohn die Hand. »Nur eins wollen wir uns versprechen, mein Hein. Wenn der Friede zu Ende ist, und das letzte große Ringen hebt an – hie deutsche Heimat und hie französische Gloire über alle Welt – und wir beide treffen uns auf dem Schlachtfeld – denn dann ziehe ich auch noch einmal hinaus, und ob ich vielleicht siebzig zähle, so wahr ich ein Deutscher bin und ein Rheinländer und die Schreckenstage von Straßburg sah – wenn das kommen wird, was kommen muß, und wir beide treffen uns auf dem Schlachtfeld: das wollen wir uns versprechen, daß wir die Augen voreinander niederschlagen und aneinander vorübergehen.«

Totenblaß stand der Hein und fuhr sich über die Stirn. Immer wieder. Als suchte er einen verloren gegangenen Weg.

»Ich habe wie ein Narr gesprochen. Ich muß seit dem Nachmittag irr gewesen sein. Kannst du das vergessen, Vater?«

Seine Stimme war heiser, und die Scham rüttelte ihn wie ein Fieber.

»Mein Junge,« sagte der Alte und faßte den Hochgewachsenen unter das Kinn, »soll ich darauf antworten? Blick mich mal mit deinen alten Kinderaugen an. Zwischen Vater und Sohn gibt es nur ein gemeinsames Erleben.«

»Gute Nacht, Vater.« Er ging und kehrte an der Tür um. »Ich habe noch einen anderen Wunsch,« sagte er mit ernstem Gesicht, »und ich hätte keinen anderen vorbringen sollen. Laß Sibylle hinaus, wenn sie uns nicht unter den Händen vergehen soll. Das ertrüg' ich nicht.«

Der Vater nickte ihm freundlich zu. »Auf morgen, Hein. –«

*

 

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.