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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Viertes Kapitel

Ächzend, brummend, murrend und seine Produktionen immerfort unterbrechend, um Atem zu schöpfen, sich nachdenklich den Kopf zu kratzen und wehmütige Blicke auf seine Handgelenke zu werfen, ließ der Herkules seine vierzigpfündigen Gewichte ohne rechten Schwung in der Luft kreisen. Alle seine Leistungen waren für seine Kräfte sozusagen keine Anstrengung und bereiteten seinem Körper keine Ermüdung, und doch machte er, trotz der Berge von Muskeln, die er spielen ließ, den kläglichen Eindruck eines Riesen, der durch Zufall der Mühe erliegt und ringsum bei jedermann um Ermutigung und Beistand bettelt. Man sah ihn beim Verstummen der Musik die ausgestreckten Arme mitsamt den Gewichten senken, und diese Arme hoben sich erst wieder, wenn die Orgel von neuem einsetzte. Vor jeder Darbietung hörte man ihn in der kläglichen Tonart eines Kindes bitten: »Nun, meine Herrschaften, ein bißchen Beifall!«

Wenn zufällig eine Trikothose von den Bänken herabgeworfen wurde und ein Ringkampf sich entspinnen sollte – ein seltener Fall; denn die Muskulatur des Ringers schreckte die Leute zurück –, so schritt der Herkules seinem Gegner mit einer unbeschreiblich verdrossenen Miene entgegen, als wäre er sehr geneigt, ihm eine Abstandssumme zu zahlen, nur damit er sich nicht unnötig zu bemühen brauchte. Er beeilte sich sehr, seinen Mann in den Sand zu strecken, und war betrübt und untröstlich, wenn ein Widerspruch ihn zwang, ihn noch einmal zu werfen, so daß er in einer jedem sichtbaren Weise mit beiden Schultern den Boden berührte. Dann machte er sich von dem Niedergestreckten los und ging, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, mit geknicktem Kreuz und schlaff herabbaumelnden Armen zu seiner Bank, setzte sich hin, den Kopf in die Hände und die Ellenbogen aus die Knie gestützt, und träumte während der ganzen übrigen Vorstellung mit halbgeschlossenen Augen von ungeheuren Schmausereien.

Auf den Herkules folgte Gianni, der in dem klassischen Kostüm der Provinzseiltänzer auftrat: einem tiefrosa Trikot, kupfernem Stirnreif, Brustlatz von schwarzem Sammet, aus dem ein scheußliches Stiefmütterchen mit Blättern in seiner Stickerei prangte, einer grünen Strumpfhose, darüber ein Schurz, der wie der Brustlatz gestickt und mit Goldfransen besetzt war, und weißen Halbstiefeln mit Silberquasten. Mit einem Sprunge hatte er das Trapez erreicht, schwang sich in der Luft hin und her, ließ mitten im Schwünge das Reck plötzlich los und ergriff es wieder von der anderen Seite.

Er umkreiste die Stange mit schwindelnder Schnelle, die allmählich nachließ und zu einem langsamen, matten Umschwunge wurde, wobei er für Augenblicke wagerecht im Raume schwebte, wie ein Körper, der vom Wasser getragen wird.

In allen auf der Kraft der Arme beruhenden Vorführungen zeigte er einen rhythmischen Takt der Muskelarbeit, eine spielende Leichtigkeit, einen weichen Fluß der Bewegungen, so auch beim Emporziehen, der an das unmerkliche Emporklimmen des Faultiers am Baum, an das langsame Emporziehen aus dem Handgelenk des unnachahmlichen James Ellis gemahnte.

Mit den Schenkeln aus dem Reck sitzend, ließ der Trapezkünstler sich unmerklich nach rückwärts sinken, fiel – die Zuschauer einen Moment in Schrecken versetzend – hintenüber, fing sich unerwartet mit den Knien wieder auf, schwang sich eine kurze Weile hin und her und stand plötzlich mit einem Salto mortale wieder auf den Füßen.

Am Trapez, diesem Sprungbrett für die Arme, das eine fast übermenschliche Spannkraft der Muskeln und Sehnen entwickelt, machte Gianni tausend Übungen, bei denen sein Körper etwas Schwebendes, Luftiges zu bekommen schien. Er hängte sich an einen Arm und zog sich daran schräg herauf und herunter, ähnlich wie die Affenkörper der japanischen Erzgießer, die so eigenartig in der Luft hängen.

Das Trapez versetzte den Jüngling in eine Art von Rausch; er konnte nie genug vorführen und hemmte seinen Tatendrang erst bei den ängstlichen Rufen: »Genug, genug!« die das Publikum angesichts der zunehmenden Kühnheit des Akrobaten wiederholt ausstieß.

»Meine Herrschaften, wir fahren fort ... mit der Fortsetzung,« witzelte der Hanswurst.

Nach Gianni war die Reihe an der »Kopfnuß«. Im Nu erklomm die Sylphide den hohen Pfosten, an dem in Abständen Leitersprossen angebracht waren, und betrat das Drahtseil, den Rock aufgebläht, die Balanzierstange mit erhobenen Armen in der Luft wiegend. Mit gleitenden Schritten bewegte sie sich vorwärts, indem sie abwechselnd den einen und den anderen Fuß vorschob, der sich dann unter der Sohle krümmte und durch die Luft tastete wie ein geschweiftes Ruderblatt. Auf dem auf und nieder schwankenden Stege abwechselnd steigend und sinkend, schien sie bei jedem Schritt eine Stufe hinauf oder hinab zu treten.

Lebhaftes rosa Licht spielte auf den Rundungen ihrer Schenkel bis hinab zu den Knöcheln und durch die weißen, gekreuzten Schnüre ihrer Schuhe, während sich in den Kniekehlen leichte, huschende Schatten einen Augenblick bargen. Dann eilte sie bis zur Mitte des Drahtseils zurück, die Füße rasch hintereinander setzend, beugte sich vornüber, bückte sich nieder und ließ sich aus die unter den Körper gezogenen Beine herab. Dann neigte sie sich rückwärts und legte sich der Länge nach auf den für die Zuschauer unsichtbaren Draht, regungslos, als ob sie schliefe, den Kopf auf die Schultern gelegt, die Haare aufgelöst, die Füße übereinandergelegt, in der atmenden Ruhe zweier Vögel, die unter demselben Fittich liegen. So balancierte sie eine Weile nachlässig, umflossen von ihrem offenen Haar und den sich bauschenden Stoffen, das Bild einer weiblichen Gestalt, die aus dem Nichts zu ruhen schien. Dann, nach ein paar Rucken mit dem Kreuz und zwei- oder dreimaligem halben Emporrichten ihres stets zurückfallenden Oberkörpers, stand sie plötzlich mit einem hurtigen Satz wieder auf den Beinen, umknistert vom Rauschgold ihres Kleides und beinahe hübsch im Schwung ihrer graziösen Gelenkigkeit und in der Freude über den Beifall.

»Meine Herrschaften, die letzte Nummer,« warf der Hanswurst dazwischen.

Die »Kopfnuß« brachte nun ein Tischchen herbei, das mit Tellern, Flaschen, Messern und vergoldeten Kugeln bedeckt war. Und alsbald begannen diese Gegenstände über dem Kopf des Jongleurs durch die Luft zu fliegen, rasch aufeinander folgend, miteinander abwechselnd, einander kreuzend, ohne zusammenzuprallen, unter seinen Knien, hinter seinem Rücken hervorkommend, und immer wieder in die geschickten Hände zurückkehrend, um ihren Kreislauf von neuem zu beginnen. Bald stiegen sie bis an die Decke empor, weit entfernt voneinander und in langsamem Fluge, bald kreuzten sie sich in einem engen und ganz niedrigen Kreise, nicht über Kopfhöhe des Taschenspielers, so daß sie in ihrer Schnelligkeit und dichten Aufeinanderfolge wie eine große, kreisrunde Kette erschienen, deren Glieder durch unsichtbare Ringe aneinandergelötet waren. Gianni lief, mit drei Flaschen jonglierend, durch den ganzen Zirkus, stieg, ohne sein Spiel zu unterbrechen, auf den kleinen Tisch, hockte darauf nieder und schlug beim Wiederfangen jeder Flasche mit dem Boden auf die Tischplatte, was eine sehr belustigende Trinkmusik abgab. Dann behielt er nur eine Flasche, die er, allein durch das Spiel seiner Armmuskeln, sich flach auf seinen Arm legen, aufstehen und in die Luft schnellen ließ; beim Zurückfallen schob sie sich mit der Mündung auf die Spitze seines Zeigefingers.

Er hatte zudem eine reizende Art, die ihm allein eigen war, die vergoldeten Kugeln mit ausgestreckten Armen in wagerechtem Fluge aus einer Hand in die andere zu werfen, so daß sie vor seiner Brust die Vorstellung einer sich abwindenden Strähne Goldes erweckte.

Gianni war ein Jongleur ersten Ranges; seine Hände waren mit einer Zartheit des Fühlens und Erfassens begabt, daß die glatten Flächen der Gegenstände von selbst daran zu haften schienen, einer Zartheit des Berührens, als ob er Saugnäpfchen an den Fingerspitzen gehabt hätte. Es war ein spannender, zauberhafter Anblick, wie der junge Künstler einen Teller ergriff, und, mit der nervösen Gewandtheit seines ganzen Körpers darüber gebeugt, ihn mit jenem etwas seltsamen Lächeln des Magiers, der seinen Zauberkünsten zulächelt, aus seinen Händen hin und her laufen ließ, stets zum Fallen bereit und doch niemals fallend. Einen Augenblick sah man den Teller sich sogar von seiner Hand emporheben wie den Deckel einer aufklappenden Schachtel, und wenn er nur noch auf der äußersten Fingerspitze ruhte, legte er sich wieder auf die Handfläche nieder, als bewegte er sich an einem Scharnier, das sich schloß.

Endlich, als allerletztes, jonglierten seine Hände mit brennenden Fackeln, während er Schüsseln und Kugeln aus der Spitze von Stäbchen Kreisen ließ, die er mit seinem Kinn und seiner Brust hielt. So erschien Gianni inmitten des blitzenden Porzellans und der sprühenden Kienfackeln wie der Mittelpunkt und die Achse all dieser hin und her wirbelnden Gegenstände.

finis

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