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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Drittes Kapitel

Auf dem Marktplatz des Städtchens, auf dem der Direktor Tomaso Bescapé mit Erlaubnis des Bürgermeisters eine Vorstellung geben sollte, hoben die Männer der Truppe den Rasen in weitem Kreise emsig aus, schichteten die Schollen mit dem welken Grase zu einem Wall und schlugen Pfähle ein, die, durch lange Pferdeleinen verbunden, die Einzäunung des Zirkus bildeten.

In der Mitte dieses ausgegrabenen und kaum festgestampften Bodens ward ein hoher Mast aufgerichtet, von dem sich Dreiecke von grüner Leinewand, mit Bindfäden aneinander geknüpft, als Dach der Schaubude herabzogen, während eine Plandecke, die an diesem leichten Dache befestigt war und bis aus den Erdboden herabreichte, die runde Wand der Arena bildete. Der Fuß des Mastes verschwand unter einem kleinen, gelben Sandhaufen, der zum Ringkampfe diente; von der Spitze herab hing an einem Seile mit Flaschenzügen ein herablaßbarer Kronleuchter, aus einem Holzrahmen mit eisernen Nägeln bestehend, zwischen denen abends fünf bis sechs Petroleumlampen befestigt wurden. Für diese hatte der erfindungsreiche Italiener sehr geschickte Reflektoren aus alten Sardinenbüchsen gedrechselt. Nach der einen Seite lief von dem Maste, sehr hoch angebracht, ein langes Drahtseil bis zu einem am Rande der Arena eingerammten Pfahle, auf der anderen Seite schaukelte, fast an den Mast stoßend, etwa acht Fuß über dem Boden ein kleines Trapez an einem Querbalken.

Eine Drehorgel, welche die Kapelle im Innern des Zirkus vertrat, eine Drehorgel mit ausgebrochenen Zähnen, auf welcher ein Bild prangte, dem ein Stück samt der Verglasung fehlte, war dem Eingang gegenüber postiert und wartete hier auf ein an der Tür aufgelesenes Kind, das zumeist mit der Rechten die Kurbel drehte und mit der Linken einen grünen Apfel zum Munde führte, das gewöhnliche Entgelt für die Zirkusmusik.

Bankreihen, aus rohen Holzbrettern hergestellt und vom Ortstischler hastig zusammengeklopft, erhoben sich stufenweise übereinander. Die ersten Plätze unterschieden sich von den zweiten durch einen Kattunstreifen von der Art der Invaliden-Taschentücher, der platt aus die schmalen Sitzbretter gelegt war und sie nicht ganz bedeckte; außerdem waren sie durch eine Schranke begrenzt, welche mit Goldpapier beklebt war, aus dem in ovalen Feldern grau gemalte türkische Landschaften auf himmelblauem Grunde prangten. Schließlich hängte Vater Tomaso einen alten persischen Vorhang auf, den er weiß Gott wo aufgetrieben hatte und der von oben bis unten mit Pfauenschweifen in natürlicher Größe bedeckt war, eine ungeheure Portiere, die, wenn sie geschlossen war, den Schauplatz von den äußeren Kulissen abschnitt. Diese suchte die Direktion gegen die Neugier der Nichtzahlenden durch das Aneinanderschieben der beiden Wagen und eine Barrikade von Wandschirmen zu schützen.

Dann heftete der Hanswurst zu beiden Seiten der Eingangstür einen Anschlagzettel an, der für die ganze Saison gedruckt war, eine lügnerische Ankündigung, in welcher der Direktor eine Probe von seiner zugleich schlauen und naiven Reklamekunst, von seiner Schriftstellerei und sogar von seinem Latein lieferte.

*

Zirkus Bescapé.

Das Zelt, wasserdicht und mit großen Kosten hergestellt, bietet einen ebenso geschützten Aufenthaltsort, wie ein steinernes Gebäude.

Der Zirkus wird abends durch ein System von Petroleumlampen erleuchtet, die sich ihr Leuchtgas selbst herstellen. Amerikanisches Patent von Hollyday.

Die Künstler der Truppe, sämtlich vorzüglich und berühmt, sind (ohne Rücksicht auf die Kosten) aus den besten Etablissements Europas gewählt.

Und zwar:

Madame Stepanida Bescapé.

Curriculi regina

Mlle. Hortense Pataclin.
Die Sylphide des Drahtseils und der Stern des Zirkus, deren Gestalt und Produktionen jede Beschreibung übertreffen.

Mr. Louis Rabastens.
Der einzige, unvergleichliche Athlet.
Begabt mit der Kraft des Herkules, fordert er die ganze Welt heraus und hat nie in seinem Leben seit seiner frühesten Jugend erfahren, was es heißt ... geworfen
zu werden.

Mr. Gianni Bescapé.
L'Intrepido senza rivale nel trapezo
Welcher bei seinen Vorführungen das Ideal der männlichen Schönheit zeigt.

Mr. Agapit Cochegru.
Welcher mit der Gelenkigkeit der Wirbelsäule einen fröhlichen Witz vereint, dessen Geistesblitze, in einem gedruckten Hefte vereinigt, an die Zuschauer des ersten Platzes gratis verabfolgt werden.

Mr. Tomaso Bescapé.
Der Mimiker beider Welten.
Allbekannt durch seine Pantomimen: Der ausgerissene Zahn, Der Bart des Garkochs, Der verzauberte Sack usw., welche er die Ehre hatte, vor Seiner Hoheit dem Sultan und dem Herrn Präsidenten der vereinigten Staaten aufzuführen.

Ferner:

Lariflette.

Diese junge Pudelhündin, Urenkelin des berühmten Hundes Munito, deren Kunststücke eine Klugheit bekunden, die alles, was man sich vorstellen kann, übersteigt,
wird zuletzt die verliebteste Person unter den Anwesenden
bezeichnen.

Die komischen Szenen sind sehr amüsant, spaßhaft, von gutem Ton, zum Lachen reizend, ohne ans Unanständige oder irgend etwas zu streifen, was ein junges Mädchen nicht hören darf. Den Schluß der Vorstellung bildet die köstliche Pantomime:

Der verzauberte Sack,
unter Mitwirkung der gesamten Truppe.

*

Schon war die kleine Treppe, die zum Schaugerüst hinaufführte, gezimmert; schon saß Steucha vor dem Zirkus an dem kleinen Tisch mit der Kassenschublade; schon warf der Hanswurst in das Bum-Bum der großen Pauke, das Schmettern der Posaune und das Aufstampfen des Direktors den Schwall seiner albernen Witze, und schon rief die »Kopfnuß« unter wildem Drehen ihres Körpers und schallendem Händeklatschen der ob all dem Lärm betäubten Menge mit gellenden Rufen zu: »Treten Sie ein, treten Sie ein, meine Herrschaften! Die Vorstellung fängt gleich an!«

Draußen war heller Sonnenschein, und unter dem Zelte, gegen dessen Dach die losgegangenen Bindfäden schlugen, mit dem leisen Klatschen, das man auf Segelschiffen zu hören pflegt, herrschte angenehmes Dunkel, das die Farben auf Gesichtern und Gegenständen leise dämpfte, ein kühles Zwielicht, in das hier und da durch eine schlecht geschlossene Spalte ein Sonnenstrahl fiel, der einen Tanz goldener Sonnenstäubchen beschien. Auf der grauen, ganz vom Licht durchdrungenen Leinwand, die den Zirkus umschloß, huschten die Gestalten der draußen vorübergehenden in Schattenrissen von chinesischer Tusche einher. Mitten aus der großen Portiere mit den Pfauenschweifen schaute Steuchas Gesicht hervor, während Brust und Unterkörper von dem Stoff umschlossen waren, als sei sie mit all diesen Pfauenaugen bekleidet. So schaute sie, die langen Wimpern böse gesenkt auf die bleichen Insassen des Zirkus.

Die Vorstellung sollte beginnen, und mit schmerzlichen Bewegungen zog der Herkules, aus dessen furchtgebietendem Nacken das helle Tageslicht von der Eingangstür siel, seine schweren Gewichte unter der Bank hervor, auf der er saß.

finis

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