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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Neununddreißigstes Kapitel

Nello lag auf seinem Bette lang ausgestreckt, eine braune Decke über seine steifen Leine geworfen, traurig und stumm, ohne auf die Worte seines Bruders, der neben ihm saß, eine Antwort zu geben.

»Du bist noch jung, Nello, sehr jung,« sagte Gianni. »Die Sache wird schon noch werden, mein Kleiner ... Und wenn man auch ein paar Jährchen warten müßte, ohne zu arbeiten ... nun, dann warten wir eben ... Es bleibt uns doch noch eine hübsche Zahl von Jahren ... zu unseren Produktionen ...«

Nello schwieg noch immer.

Es war Abend geworden, und das langsam hereinbrechende Dunkel ließ alles um die Brüder her verschwinden. Man sah in dem Dämmer der schwermütigen Stunde nichts mehr, als den bleichen Schein der beiden Gesichter, die auf der Decke gekreuzten Hände des Jüngeren und an einem Gardinenhalter in einer Ecke das Silber seines Clownkostüms.

Gianni stand auf, um Licht anzuzünden.

»Laß uns noch im Dunkeln,« bat Nello.

Gianni nahm wieder Platz neben seinem Bruder und begann von neuem, auf ihn einzusprechen, um ihm endlich ein Wort der Hoffnung aus die Zukunft, auf eine wenn auch ferne Zukunft zu entlocken.

»Nein,« unterbrach Nello seinen Bruder plötzlich, »ich fühle es, ich werde nie wieder ›arbeiten‹ können ... nie wieder ... hörst du, nie wieder ...« Und dieses verzweifelte »Nie wieder« des jungen Bruders klang bei jeder Wiederholung erregter und steigerte sich bis zu einer Art von Zornausbruch. Schließlich schlug er sich auf die Schenkel, in dem bitteren Schmerz eines Künstlers, der sich bewußt ist, daß sein Talent ihm bei lebendigem Leibe hinstirbt, und rief: »Ich sage dir, meine Beine sind futsch fürs Geschäft!«

Damit drehte sich der unglückliche junge Mann zur Wand hin, als ob er schlafen wollte, wie um zu verhindern, daß sein Bruder noch weiter mit ihm sprach. Bald aber brach aus seinem abgewandten, der Wand zugekehrten Munde eine Stimme hervor, in der es trotz seines männlichen Willens wie von Frauentränen zitterte:

»Und dennoch, das volle Haus ... War der Zirkus nicht voll an dem Abend? Ach, all die Augen, die auf uns gerichtet waren. Und wie es uns in der Brust pochte und die anderen so etwas mitfühlten ... Und die langen, langen Reihen draußen ... Und unsere Namen in großen Lettern auf den Zetteln ... Entsinnst du dich noch, Gianni, was du mir sagtest, als ich noch klein war ... von einer neuen Nummer ... Einer, die du für uns erfinden wolltest ... Du glaubtest, ich verstände das nicht ... O doch, ich verstand es sehr wohl ... und ich wartete darauf ... so ungeduldig wie du ... Trotz allem, was ich sagte, um dich zu necken ... Und siehst du, in dem Augenblick, wo es soweit war, siehst du, da ist es für mich aus ... mit dem Beifall! ...«

Er wandte sich jäh um und ergriff die Hände seines Bruders. »Doch du weißt, Gianni,« rief er in zärtlichem Tone, »ich werde glücklich sein über den Beifall, den du erntest, und so wird es immer sein.«

Er ließ Giannis Hände nicht los und drückte sie fest, als ob er ihm etwas anzuvertrauen hätte, das ihm schwer würde, herauszubringen. »Bruder,« sagte er endlich, »um eins bitte ich dich ... du wirst mir versprechen ... daß du nur allein arbeitest ... Ein anderer mit dir ... nein, das wäre zu schmerzlich für mich! ... du schwörst es mir, ja? ... Nicht wahr, nie mit einem anderen?«

»Wenn du nicht wieder ganz gesund wirst,« sagte Gianni schlicht, »so werde ich weder allein noch mit einem anderen arbeiten.«

»Soviel verlange ich nicht von dir, soviel nicht!« rief der Jüngere in einer Freudewallung, die seine Worte Lügen strafte.

*

Von diesem Abend an gebrauchte Nello im Gespräch mit seinem Bruder und den Kollegen, die ihn zuweilen besuchten, nie mehr das Präsens, wenn er von Dingen und Produktionen seines Berufes sprach. Er sagte nicht mehr: »Ich mache das so und so ... Ich bringe es so und so fertig ... Ich handhabe das Ding so und so« ... sondern: »Ich machte das so und so ... Ich brachte es so und so fertig ... Ich handhabte das Ding so und so« ... Und dieses grausame Imperfektum, das in seinen Reden beständig wiederkehrte, klang in seinem Munde wie das kalte Anerkenntnis, daß der Clown tot sei, und gleichsam wie dessen Beerdigungsschein.

*

Die Zeit verstrich, ohne daß der Tag kam, an welchem Nello seine Krücken hätte ablegen können. Der junge Mann war in sich gekehrt, stumm und in seine Gedanken versunken, mit einem Ausdruck unaussprechlicher Wehmut auf dem sanften Gesicht, auf dem sich kein Lächeln mehr zeigte. Tief in sich vergraben und geistesabwesend, gab Nello jetzt, wenn sein Bruder mit ihm sprach, nur ein »Was« von sich, wie ein Erwachender, der einem bösen Traume entrissen wird. Auf Giannis Fragen gab er fast immer ausweichende Antworten.

»Weshalb,« fragte ihn sein Bruder, »bist du heute so müde und niedergeschlagen?«

»Lies mir etwas von Archangelo Tuccaro vor,« antwortete der Jüngere nach einer Pause.

Gianni nahm das Buch und las, hielt aber nach kurzer Zeit inne; denn er merkte, daß Nello ihm gar nicht folgte. Er war in seinen Trübsinn zurückgesunken, in so bange Gedanken, daß Gianni hätte weinen mögen. Trotzdem mochte er nicht weiter in ihn dringen. An einem solchen Tage, den er ganz an der Seite seines Bruders verbrachte, geschah es, daß Gianni ein Weilchen hinausging, und der Zufall wollte, daß das Fenster des Zimmers offenstand. Nello hörte, wie unten die Ringe des Trapezes knarrten. Eine Viertelstunde verging, eine halbe Stunde, und Gianni übte noch immer.

Als er wieder eintrat, fand er seinen Bruder in ganz sonderbarer, gereizter Stimmung, voll Widerspruchsgeist. Ein andermal hatte Gianni das Trapez in vollem Schwünge zurückgelassen, und das Knarren im Übungsraum wurde nur ganz allmählich leiser. Nello warf sich zwei- oder dreimal ungeduldig aus seinem Bett hin und her. plötzlich sagte er zu Gianni:

»Laß das aufhören ... es quält mich ... das Geräusch.«

Gianni begriff sein Gefühl, und fortan gab er seine Übungen gänzlich auf.

*

Es gab Augenblicke, wo sich Nellos Herz in der Tiefe seiner Trübsal Stück für Stück zu verlieren schien und Gianni nicht mehr die gleiche Zuneigung, wie einst in den Tagen der Gesundheit, zu finden glaubte. Die enge Freundschaft, die das große Los seines Erdenglückes gewesen, schien nicht mehr völlig die gleiche. »Nein, ich fühle es, er liebt mich nicht mehr so wie früher,« wiederholte sich Gianni, – und trotz allem, was er sich dagegen sagte, stürzte ihn das Bewußtsein, daß ihm der Seelenzustand des geliebten Krüppels dessen Liebe raubte, in eine Art von zornigem Leiden, das der Arbeit und Bewegung bedurfte.

Eines Nachts erwachte Nello.

Die Tür zwischen beiden Schlafzimmern stand des Nachts stets offen, so daß, wenn einer der Brüder nicht schlief, er die Atemzüge des anderen hören konnte. Nello hörte jedoch nichts.

Er richtete sich im Bett auf und lauschte mit gespanntem Ohr. Noch immer nichts. Kein Geräusch im Zimmer seines Bruders, als das der großen, alten Uhr ihres Vaters, die laut tickte, wie die Uhren aus alter Zeit.

In einem jähen, unwillkürlichen Schrecken, wie er einen beim Erwachen in der Nacht manchmal befällt, rief er mehrmals Giannis Namen. Keine Antwort.

Nello stürzte aus seinem Bette, und ohne seine Krücken zu nehmen, half er sich an den Möbeln entlang bis zum Bett seines Bruders. Es war leer, die Decken zurückgeschlagen und auf einen Haufen geworfen. Gianni war also ausgestanden, während er schlief! Das war ihm neu ... weshalb hatte sein Bruder, der ihm alles sagte, alles anvertraute, ihm sein Fortgehen verheimlicht? Ein Gedanke fuhr Nello durch den Kopf. Er schleppte sich ans Fenster und bohrte seine Augen ins Dunkel der früheren Tischlerwerkstätte. Ja, es war nur ein matter Schein ... aber es war Licht drinnen.

Er stieg die Treppe hinunter und überschritt den Hof, auf Händen und Knien kriechend.

Die Tür stand angelehnt; beim Schein eines Lichtstumpfes, der auf dem Boden stand, übte Gianni am Trapez.

Nello schlich sich so leise hinein, daß Gianni sein Erscheinen nicht merkte. Niedergekauert sah der jüngere Bruder zu, wie der ältere sich mit der wuchtigen Gewandtheit eines gesunden Körpers und unverletzter Glieder durch die Luft schwang. Er schaute lange zu, und wie er ihn so geschmeidig, so stark und geschickt sah, sagte er sich, daß Gianni nie auf die Zirkusproduktionen werde verzichten können, und bei diesem Gedanken entquoll seinen Lippen plötzlich ein herzzerreißendes Schluchzen.

Der Ältere, erstaunt über dieses Schluchzen inmitten seines wirbelnden Schwunges, ließ sich aus dem Trapez in den Sitz fallen und beugte sich vornüber nach dem weinenden Etwas, das da im Dunkel einherkroch. Dann riß er mit heftigem Ruck das Trapez los, schleuderte es durch die Fensterscheibe, daß sie in Splitter zerbarst, eilte auf seinen Bruder zu und zog ihn an seine Brust empor.

Einer in des anderen Armen liegend, weinten sie beide lange Zeit, keines Wortes mächtig.

Dann warf der Altere einen Blick umher, der alle Dinge seines Berufes noch einmal umfaßte, bot ihnen allen in edler Entsagung Lebewohl und rief: »Junge, umarme mich! ... Die Brüder Zemganno sind tot ... Es gibt hier nur noch zwei Violinkratzer ... die fortan ihre Fidel streichen werden ... mit dem Gesäß auf dem Stuhl.«

finis

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