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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Voller Mitgefühl für die beiden Brüder und ihre rührende Geschwisterliebe, kam der Chirurg in der ersten Woche täglich, um den Verband abzunehmen, ihn zu lockern und neu zu befestigen. Nach seinem letzten Besuch sagte er: »An der Lage des Beines ist nichts verschoben ... Die Schwellung ist verschwunden. Die Vernarbung vollzieht sich normal ... Aber die Nächte sind immer noch schlecht, sagen Sie? ... Trotzdem ist kein Fieber mehr vorhanden. Nun, da Sie es wünschen, will ich Ihnen etwas geben, damit er einschläft.«

Und der Arzt verschrieb ein Rezept.

»Man merkt es,« fuhr der Chirurg fort, »Ihr Bruder leidet an seiner Unbeweglichkeit, an der unglücklichen Unterbrechung seiner Übungen ... Er verzehrt sich ganz, der arme Junge! ... Aber das Allgemeinbefinden, versichere ich Ihnen, hat nichts Beunruhigendes ... Und in ein paar Tagen wird sich auch dieser nervöse Zustand, diese Aufgeregtheit und Schlaflosigkeit geben ... Was seine Beine betrifft, das wird freilich länger dauern.« »Wie lange glauben Sie, mein Herr, wird er in dieser Lage verharren müssen?«

»Ich denke, er wird nicht vor Verlauf von zwei Monaten auf Krücken gehen können ... In fünfzig Tagen etwa, von heute an gerechnet ... Übrigens, die Krücken können sie gleich bestellen ... Wenn er sie sieht, ist das für ihn ein Hoffnungsstrahl, daß er bald wieder gehen kann.«

»Und wann, mein Herr ...?«

»Ach, Sie wollen jedenfalls fragen, mein armer Freund, wann er seinen Beruf wieder aufnehmen kann? ... Ja, wenn es nur der Bruch des linken Beines wäre! ... Aber da sind die Brüche am rechten Bein ... sehr schlimme Brüche, die das Gelenk mit betreffen ... Ei, Potztausend,« fuhr er fort, als er die Traurigkeit sah, die Giannis Gesicht angenommen hatte, »er wird wieder gehen ... ohne Krücken gehen ... Überdies, die Natur tut manchmal Wunder ... Nun, wollten Sie sonst noch etwas wissen?« »Nein,« versetzte Gianni.

*

Das Opium des beruhigenden Trankes, den Nello abends einnahm, rief in seinen unruhigen Fieberschlaf wirre Träume hervor.

Eines Nachts träumte er, er wäre im Zirkus. Es war der Zirkus und war es auch nicht, wie es in Träumen ja manchmal so sonderbar hergeht, daß wir uns wieder an Orten befinden, die doch nichts von ihrem Gepräge bewahrt haben, an denen vielmehr alles verändert ist. An jenem Tage nun hatte der Zirkus eine ungeheure Ausdehnung, und die Zuschauer, die rings um die Arena saßen, erschienen ihm undeutlich und ohne Gesichter, wie Menschen, die eine Viertelmeile von ihm entfernt saßen. Die Kronleuchter schienen jeden Augenblick neue zu gebären und waren nicht mehr zu zählen, und ihr Licht war so seltsam, ähnlich wie Lichtschein in einem Spiegel, und aus einem Orchester, so groß wie ein ganzes Theater, rasten die Musiker aus ihren Instrumenten, ohne ihren stummen Geigen, ihren klanglosen Trompeten einen einzigen Ton zu entlocken. Und in dem endlosen Raum sah man in der Luft nichts wie Kinderkörper aus unsichtbaren Männerfüßen herumwirbeln, und Pferde jagten dahin, die auf ihrem im Winde fliegenden Schweif Reiter trugen; gekrümmte Gestalten von Gymnastikern schwebten in der Luft und konnten nicht niederfallen, wie Körper ohne Schwere. Und in der Ferne dehnten sich ganze Gassen von Trapezen, durch die sich ein fliegender Salto mortale ununterbrochen hinzog; endlose Alleen von Papierreifen öffneten sich, durch die in unaufhörlichem Fluge Frauen in Tüllröckchen sprangen, indes von Höhen wie die Türme von Notre Dame hüpfende Seiltänzerinnen gleichmütig herabstiegen.

Dann verwirrte sich alles und zerfloß, während das Gaslicht sich verdunkelte, und im Nu stürzten vom Stallgange her tausend schwarzgekleidete Clowns herbei, ein Skelett in weißer Seide auf ihr enganliegendes Wams gestickt und schwarze Papierstücke im Munde, der dadurch das Aussehen eines schwarzen Loches mit fehlenden Zähnen erhielt. Einer dicht hinter dem anderen gedrängt, wiegten sie sich im Schreiten wie ein Mann hin und her und marschierten rings um die Arena, wie eine lange, sich ringelnde Schlange. Kleine Säulen stiegen aus der Erde empor, und plötzlich erschienen die tausend Clowns, jeder aus einer der Säulen mit dem Steißbein hockend, die Hände flach unter den Fußsohlen haltend, die Beine bis in Kopfhöhe gezogen und dazwischen hindurch das Publikum anglotzend, unbeweglich wie Sphinxe mit mehlgefärbten Gesichtern.

Das Gas leuchtete wieder auf, und mit der zurückkehrenden Helle zeigte sich Leben aus den Gesichtern der Zuschauer, die noch eben gespenstisch erschienen, und die schwarzen Clowns waren verschwunden.

Und im wilden Reigen, mit Springen, Voltigieren und Hüpfen, so daß die Flitter einen Augenblick wie ein Gefunkel von Sternschnuppen die Luft durchstrahlten, kehrte alles noch einmal zurück, mit einer Biegsamkeit der Knochen, wie er sie nie gesehen, mit Kautschukkörpern, aus deren Gliedern man Schleifen knüpfte wie aus Bändern, mit Riesendamen, die vollständig in Kästchen gelegt wurden – ein Alptraum von allem Unmöglichen und Unausführbaren, was der menschliche Körper verrichten kann. Und mit den tollen Ausgeburten des Traumes mischten sich und verschmolzen die Dinge, die er vor kurzem gesehen und die sein Bruder ihm vorgelesen. Nello sah einen indischen Jongleur, der aus dem Lichtteller eines schlanken, riesengroßen, zweiarmigen Leuchters in unerklärlichem Gleichgewicht saß, einen modernen Kraftmenschen, der mit der Kraft seiner Zähne einen vollen Omnibus am Trittbrett in die Höhe hob, einen antiken Athleten, der mit einem Beine aus einem gefüllten, geölten Schlauche hüpfte, einen Elefanten, der mit der Leichtigkeit eines Seiltänzers auf einem Eisendraht tanzte.

Das Gas verdunkelte sich abermals, und die schwarzen Clowns erschienen für einen Augenblick wieder auf ihren Säulenschäften.

Und das Schauspiel begann von neuem, diesmal in einer unbestimmten Beleuchtung, in welcher die Dinge gleichsam farblos waren, in Eis- und Kristallglanz schillerten, wie Figuren und Darstellungen aus venezianischen Gläsern. Es war wie eine blasse Feuerwerkssonne, ein Rad von Frauenbeinen, Männerarmen, Kinderleibern, Pferderücken, Elefantenrüsseln, ein unaufhörliches Drehen von Gliedern, Muskeln und Nerven von Menschen und Tieren, dessen immer schnellerer Wirbel dem Schläfer am ganzen Leibe das Gefühl der Ermüdung und des Leidens verursachte.

*

»Du hast Schmerzen, du hast auch in der Nacht gelitten,« sagte Gianni, als er in das Zimmer seines Bruders trat.

»Nein,« sagte Nello, der eben erwachte, »nein ... doch ich hatte, glaub' ich, ein Fieber wie ein Pferd ... und tolle Träume.«

Und Nello erzählte seinem Bruder den eben gehabten Traum.

»Ja, stelle dir vor,« hub er an, »ich saß wieder genau auf dem Platze, wo ich am ersten Abend unserer Ankunft in Paris saß ... Erinnerst du dich nicht? ... Der Platz ganz unten links am Stallgang ... merkwürdig, was? ... Aber das merkwürdigste dabei war, daß die ganze Gesellschaft, als sie in den Zirkus kam, mich mit solchen Gesichtern ansah ... weißt du, mit ernstem Ausdruck auf den undeutlichen Gesichtern, wie Leute, die einem im Traume etwas Böses tun wollen ... warte mal ... und alle diese wunderlichen Kerle, als sie dicht an mir vorüberzogen, zeigten sie mir halb und halb ... es war nur ein Moment ... eine Art von Zettel, über den ich mich beugte, um zu sehen ... Ich konnte ihn nicht recht erkennen ... aber jetzt seh' ich ihn deutlich ... Einen Zettel, auf dem ich abgebildet war ... in meinem Clownkostüm ... mit den Krücken, die du gestern für mich bestellt hast.«

Nello brach seine Erzählung kurz ab, und sein Bruder stand einen langen schmerzlichen Augenblick da, ohne ein Wort der Entgegnung zu finden.

finis

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