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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Vierunddreißigstes Kapitel

Der Chirurg hatte ein Knie auf den Boden gesetzt und beugte sich über Nello, der auf der Matratze der Batoude lag, der großen Matratze, auf welcher die ganze Truppe bei der allgemeinen Voltige, die gewöhnlich die Vorstellung beschließt, ihre Sprünge ausführte.

Um den verletzten her schwärmten Mitglieder der Gesellschaft. Sie warfen einen Blick in sein bleiches Gesicht und verschwanden dann wieder oder begannen in einer Ecke mit leiser Stimme zu plaudern: von dem Publikum, das absolut nicht gehen wollte, von dem Pech, daß der Zirkusarzt gerade heute unpäßlich war, vor allem aber von der unbegreiflichen Vertauschung des Leinwandfasses, das zu der Produktion der beiden Brüder dienen sollte, mit einer Holztonne, von der kein Mensch wußte, woher sie kam. Dazwischen klangen immer wieder die Ausrufe: »Es ist seltsam! ... Es ist ganz Wunderlich! ... Es ist nicht zu begreifen! ...«

Nach längerer Untersuchung ließ der Chirurg das eine Bein Nellos, an dessen Ende der Fuß in dem aufgeschnittenen Trikot kraftlos und verquer hin und her fiel, aus der Hand, richtete sich aus und sagte zu dem Direktor, der vor ihm stand:

»Ja, er hat beide Beine gebrochen ... und zwar ist am rechten Bein, außer dem Bruch des Wadenbeins, noch eine Zersplitterung an der Basis des Schienbeins vorhanden ... Ich will Ihnen ein paar Zeilen für mein Krankenhaus geben ... Ich werde das Einschienen selbst besorgen ... denn die Beine ... sind ja das tägliche Brot des armen Jungen!«

»Mein Herr,« sagte Gianni, der an der anderen Seite der Matratze kniete, »es ist mein ... wirklicher Bruder, und ich liebe ihn genug, um Ihnen soviel zu bezahlen ... wie ein reicher Mann ... nach und nach! ...«

Der Chirurg blickte Gianni mit seinen großen, sanften, traurigen Augen einen Augenblick an, die allmählich in das Verständnis der Dinge und Menschen einzudringen schienen; er sah den verhaltenen Schmerz und die tiefe Verzweiflung dieses Mannes, der in dem Flitterstaat seines Kostüms ein trauriges Bild abgab, und sagte zu ihm:

»Wo wohnen Sie?«

»Ach, sehr weit, mein Herr!«

»Aber wo denn, das möchte ich wissen?« entgegnete der Chirurg fast grob.

»Nun gut,« fuhr er fort, als Gianni ihm seine Adresse gegeben hatte, »ich habe heute nacht noch einen Besuch hinten im Faubourg Saint-Honoré zu machen ... gegen Mitternacht werde ich bei Ihnen sein ... Besorgen Sie sich Brettchen, Schienen und Schnüre. Jeder Apotheker wird Ihnen sagen, was nötig ist ... Aber es muß hier wohl in irgendeiner Ecke eine Tragbahre sein ... So etwas gehört doch zum Zubehör eines Zirkusses ... Der verletzte wird darin weniger beim Transport leiden.«

Der Chirurg war selbst behilflich, den jungen Clown auf die Tragbahre zu betten, traf, während man ihn trug, alle möglichen Vorsichtsmaßregeln, um dem doppelt gebrochenen Bein eine feste Lage zu geben, bettete es eigenhändig und sagte zu Nello: »Noch zwei Stunden Mut, mein Junge, dann bin ich bei Ihnen.«

Gianni beugte sich in einer Wallung glückseliger Dankbarkeit auf die Hand des Chirurgen und versuchte, sie zu küssen.

*

In der Dunkelheit schritt Gianni mitten durch die Passanten, die sich einen Augenblick umdrehten, den weiten Weg vom Zirkus bis zu den Ternes neben seinem Bruder her, in der automatischen, starren Haltung der niedergeschmetterten Menschen, die am hellen Tage eine Tragbahre durch die Straßen von Paris zum Krankenhaus begleiten.

Nello wurde in sein Zimmerchen hinaufgetragen, und der Chirurg erschien fast zur selben Zeit, als Gianni und die beiden Zirkusdiener ihn auf sein Bett niedergelegt hatten.

Das Einschienen des Beines war furchtbar schmerzhaft. Es mußte gewaltsam ausgerenkt werden, weil die Knochen sich leicht übereinandergeschoben hatten. Gianni mußte einen Nachbar wecken, und sie begannen zu zweit an dem gebrochenen Beine zu ziehen.

Nello verriet durch nichts, als durch krampfhaftes Zucken im Gesicht, was er litt, und inmitten seiner grausamen Qualen schienen seine Blicke dem totbleichen Bruder mit zärtlicher Ermutigung zu sagen, er möchte sich nicht fürchten, ihm wehe zu tun.

Endlich, als die Knochenstücke des Schienbeins wieder eingerichtet, die Schienen angelegt waren und das Bandagieren begann, befiel den harten, wenig empfindsamen Gianni, der bis dahin starr ausgehalten hatte, eine plötzliche Schwäche, wie sie Soldaten überkommt, die zahlreiche Schlachten gesehen haben und die ohnmächtig werden beim Anblick eines Beckens voll Blut, das ihrer Frau bei einer Schwangerschaft entzogen wird.

*

Der Verband war angelegt, der Chirurg gegangen und ein Eimer Wasser oberhalb des Bettes angebracht, der Kühlung auf die beiden Beine tropfen ließ. Nellos erstes Wort, als seine Schmerzen nachließen, war:

»Sag doch Gianni, was hat er dir gesagt, wie lange es dauern wird?«

»Ei, davon hat er nichts gesagt ... Ich weiß nicht ... Doch halt ... ich glaube, als in Middlesborough der große Adams ... du erinnerst dich ... das Bein gebrochen hatte, dauerte es sechs Wochen.«

»So lange?«

»Ei, damit mußt du dich jetzt nicht beschäftigen.«

»Ich habe Durst ... gib mir zu trinken.«

Es stellte sich bei Nello jetzt ein Fieber ein, das seinen ganzen Körper glühend machte, und in dessen Verlauf zu den stechenden Schmerzen des Bruches noch andere, ebenso unerträgliche traten: Krämpfe und Zuckungen, die einen Augenblick den Eindruck hervorriefen, als sei in den gebrochenen Gliedmaßen ein neuer Bruch erfolgt. Das bloße Ruhen der Fersen auf den Kissen wirkte mit der Zeit auf Fleisch und Nerven wie das Bohren eines harten Körpers; selbst die Kälte in den Füßen, die durch das fortwährende Herabtropfen des Wassers entstand, ward unerträglich. Und das Fieber im Verein mit diesen Schmerzen, die jeden Abend eine merkwürdige Heftigkeit annahmen, raubte Nello eine Woche hindurch jeden Schlaf ...

*

Auf die schlimmen Nächte folgte eine solche Müdigkeit, daß Nello am Tage stundenlang schlief. Gianni bewachte den Schlummer seines Bruders, dessen Beine zu trostloser Unbeweglichkeit verdammt waren, während sein ganzer Körper sich bewegte; sein Gesicht zuckte, und aus seinem Munde klangen unfreiwillige Klagelaute, die er im wachen Zustand unterdrückte. So stiegen von diesem Schmerzenslager stumme Vorwürfe für Gianni auf, der sich nach kurzer Zeit von seinem Stuhle erhob, auf den Fußspitzen zur Türe schlich, leise seinen Hut nahm und hinausging, um eine Frau aus der Molkerei zu bitten, während seiner Abwesenheit über den Bruder zu wachen.

Ohne zu wissen, wohin er ging, lenkte er seine Schritte stets nach dem Bois de Boulogne, das nicht weit von seiner Tür begann. Von der großen Avenue verscheuchte ihn das frohe Glück der Spaziergänger, und er verlor sich in eine einsame Seitenallee.

Hier lieh er, durch seinen Marsch erregt, den Gedanken seines Schmerzes laute Worte, halbunterdrückte Aufschreie waren es, in denen sich sein großer und tiefer Kummer, der sich unbeobachtet wußte, der Brust entrang.

»Ist's nicht verrückt! ... Wie, konnten wir nicht hübsch bleiben, was wir waren? ... Warum etwas anderes haben wollen? ... Als ob es sein müßte, daß von einem Sprung geredet wird, den noch keiner gemacht hat ... und den wir gemacht haben! ... O Jammer! ... Was hat er nun davon? ... Und ich ... Wenn er ... er hatte ja nicht dieses verfluchte verlangen, von sich reden zu machen ... nein, nein! ... Ja, und wenn der Junge nicht wollte ... dann war ich's, der zu ihm sagte: mach's doch! ... Und er tat es trotzdem ... Wie er ins Wasser gesprungen wäre, wenn ich's ihm geraten hätte ... Ach, wenn doch heute die schöne Zeit der Maringotte wiederkehrte! ... Gott, wie wollte ich zu ihm sagen: komm, laß uns in unserer Zirkusbude bleiben, das ganze Hundeleben, so immer weiter ... Ja, ja, ich ganz allein ... ich bin schuld an seinem Unglück! ...«

Und lange Zeit dachte er an die erblühte Jugend seines Bruders, die Trägheit und Lässigkeit seiner Natur, seiner Neigung zu ruhigem Dahinleben, ohne Anstrengung und Trachten nach Ruhmesglanz, und er rief sich ins Gedächtnis, wie er selbst dieses Leben, das ganz ihm geweiht war, durch sein Beispiel, seine Ruhmsucht, seine strenge Enthaltsamkeit gehemmt, gekreuzt und behindert hatte – bis er schließlich mitten in seinem Sinnen diese Worte der Reue hervorstieß:

»Und dann ... war es nicht sonnenklar ... er allein setzte seine Knochen aufs Spiel ... fünf Fuß Hochsprung mehr ... Und nicht einen Augenblick kam mir der Gedanke, daß er sich dem Tode aussetzte ... Jawohl, eine feine Sache ... Ich spielte dabei den vornehmen Herrn, der die Hände in die Taschen steckt ... Mord und Brand! ... Ich trage die ganze Schuld!«

Und er stürmte mit großen Schritten dahin und schlug in stummer Wut mit dem Stocke rechts und links in das hohe Gras zu beiden Seiten des Weges, und wenn die armen Pflanzen des Seitenweges geknickt auf ihre Stengel herabhingen, war es ihm eine Erleichterung in seinem Leiden.

finis

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