Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edmond de Goncourt >

Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
Schließen

Navigation:

Dreiunddreißigstes Kapitel

Am Vorstellungstage speisten die Brüder um drei Uhr zu Mittag und begaben sich in den Zirkus, als das Publikum zu erscheinen begann.

»Gianni, siehst du die große Eingangstür des Winterzirkus?« fragte Nello seinen Bruder plötzlich am Ende ihres langen, schweigsamen Ganges.

»Ja, weshalb?«

»Weißt du noch den Tag, wo wir da zum ersten Male auftraten? Die Umgebung finster und öde, an den Billettkassen keine Leute und draußen eine alte Droschke, deren Kutscher schlief. Entsinnst du dich nicht, was? Wie wir stehenblieben, ehe wir eintraten, und das alles so traurig aussah und wir uns sagten: wir hätten kein Glück im Leben ... Und weißt du noch: die beiden Pferdestatuen rechts und links von der Tür mit den beschneiten Kruppen? Und in der abscheulichen Nacht das finstere Gebäude, hinter dessen großen Fensterscheiben ... man nichts Helles erblickte als den roten Hintergrund, und davor unbeweglich die zwei Hüte der Kontrolleure und den Czako eines Schutzmanns, der sich an die Barriere lehnte ... allein in dem leeren Vestibül.«

»Ja, und was weiter?«

»Wenn es heute im Sommerzirkus ähnlich so wäre?«

Gianni blickte seinen jungen Bruder erstaunt an, ein wenig betroffen, bei ihm, der gewöhnlich so vertrauensvoll war, einen Zweifel an dem bevorstehenden Erfolge zu finden. Er beschleunigte seine Schritte, und als sie vor dem Zirkus standen, antwortete er: »Da, sieh!«

*

Vor dem Sommerzirkus herrschte an diesem Abend, wo Giannis Erfindung von den beiden Brüdern aufgeführt werden sollte, der Trubel, die Art von Fieber auf freier Straße, wie bei den Theatervorstellungen, in denen Glück und Zukunft, ja das Leben eines Talentes auf dem Spiele steht, und zu denen der Pariser mit der leisen Hoffnung geht, auf einer Bühne der Hauptstadt einen Menschen abschlachten zu sehen. Aus herrschaftlichen Equipagen, unter deren Rädern das nasse Holzpflaster der Großen Avenue knirschte, stiegen alle Augenblicke elegante Damen auf die Straße aus. Vom Wein erhitzte Programmverkäufer brüllten die Vorstellung aus, und neben den Billettschaltern, vor denen sich endlose Menschenreihen drängten, hatte sich eine Schar gelenkiger Straßenjungen postiert. Gymnastiker in spe, die in den Steinbrüchen der Umgegend von Paris anonym ihre Übungen machten, und die nun zum Auskundschaften gekommen waren und an den Türen auf sie warteten.

Im ruhigen Scheine der Gasflammen, die in ihren kleinen gußeisernen Rahmen brannten, las man auf schönen, gelben, ganz frisch gedruckten Anschlagszetteln in riesigen Buchstaben:

Erstes Auftreten

der

Brüder Zemganno

Im Innern des Zirkus lief ringsum ein etruskischer Fries, der die gymnastischen Übungen des Altertums darstellte. Auf diesem ruhte ein erster Plafond, mit Trophäen von Schilden, gekreuzten Lanzen und krönenden Helmen geschmückt. Ein zweiter Plafond über ihm trug in Medaillons aus halbgeöffneten Vorhängen nackte Amazonen, die auf wilden Rossen daherritten. Von der Mitte der Bogen, die auf schlanken Eisenpfeilern ruhten, fiel das strahlende Licht der zahlreichen Kronleuchter aus die Ränge herab wie in einen riesigen Trichter und beleuchtete auf dem roten Plüsch und den weißgestrichenen Rückenlehnen der Sitze eine große Menge von Männern, zwischen denen sich die hellen Damentoiletten verloren: eine schwarze Masse mit schmutzigrosa Flecken – den Gesichtern –, eine schwärzere Masse als im Theater, noch besonders farblos und düster durch den Kontrast der sich von ihr abhebenden Zirkuskünstler: eines Equilibristen in Silberbrokat, der oben auf einem Seile von vierzig Fuß Höhe paradierte, einer kleinen Trapezkünstlerin, die ihr luftiges Röckchen um das Trapez herum wirbeln ließ, einer Kunstreiterin, die, auf dem Schenkel eines auf zwei Pferden stehenden Athleten fußend, sich in sylphidenhafter Haltung weit hintenüberneigte, während die Rüschen ihres weißen Rockes sich emporfliegend bauschten und ein farbloses Trikot sehen ließen, das ihr die blaßrosa Fleischtöne einer Statuette von Meißner Porzellan verlieh.

Das Zirkuspublikum, diese bunt zusammengewürfelte Menge mit ihrem Gedränge, ihrem Menschengewühl, dazu dieses Licht, das die Gesichter undeutlich macht und die Kleiderstoffe verschwimmen läßt, gemahnt unwillkürlich an die wundervollen Stiche von Goya, die Stiergefechte darstellen, mit ihrem Gewimmel auf den Schaugerüsten – dem Gewimmel einer verschwommenen und doch so wirksamen Masse.

Auch die Spannung im Zirkus ist nicht die gleiche wie anderswo. Sie ist ernst und nachdenklich; jeder bleibt mehr für sich als überall sonst. Über diesen gefährlichen Darbietungen der Kraft und Gewandtheit mit ihrem Zuge zum Großen schwebt etwas von der Erregung, die einst bei den antiken Zirkusspielen die Römerbrust erfüllte, und im voraus krampft sich das Herz leicht zusammen und eine eigentümliche Kühle rieselt über den Nacken im Vorgefühl der Verwegenheit und Tollkühnheit, der gefahrvollen Wagnisse der Leiber dort oben unter dem Dach, im Vorgefühl des feierlichen »Go!« das der eine dem anderen zuruft, wenn er durch den weiten Raum ihm entgegenfliegen soll – dieses »Vorwärts«, das vielleicht den Tod bedeutet.

Der Zirkus war dicht besetzt. In der vordersten Reihe des Zuschauerraumes zu beiden Seiten des Stallganges saßen enggedrängt alte Herren, lang und hager, mit weißen Schnauz- und Kinnbärten, das kurze Haar über großen, knorpeligen Ohren zusammengestrichen; sie sahen aus, wie alte Kavallerieoffiziere, die eine Reitbahn halten. Ein geübtes Auge erkannte auf dieser Bank auch noch Turnlehrer, Feuerwerkshauptleute in Zivil und Artisten des Zirkus, unter denen soeben, beim Gehen mühsam auf einen Stock gestützt, eine Mütze von Astrachan auf dem Kopfe, ein junger Fremder Platz nahm, dem während der ganzen Vorstellung die Aufmerksamkeiten des Zirkuspersonals galten. Der Stallgang war trotz eines Anschlages, der ersuchte, seinen Platz im Zuschauerraum zu behalten, so dicht gefüllt, daß die Pferde und Reiter kaum hindurchkamen, gefüllt von einer Schar von Sportsmen und Notabilitäten der Klubs, die sich die Plätze auf den beiden kleinen Bänken streitig machten, auf denen man stehend zusieht. Auf der einen stand heute abend auch die Tompkins, die an diesem Tage nicht arbeitete, und schien voller Neugier die Produktion der beiden Brüder zu erwarten.

Die Vorstellung begann unter der Gleichgültigkeit des Publikums und verlief ohne andere Zwischenfälle als ein gelegentliches frischfröhliches Kinderlachen bei dem grotesken Hinpurzeln eines Clowns, gefolgt von einer Reihe halbunterdrückter »Ohs!«, die wie ein fröhliches, kleines Aufstoßen klangen.

Die vorletzte Nummer endete unter der Unaufmerksamkeit, Ermüdung und Langeweile des Publikums, dem Scharren der Füße, die keine Ruhe hatten, dem Entfalten bereits gelesener Zeitungen und einem Applaus, der mißmutig wie ein erzwungenes Almosen erfolgte.

Endlich war das letzte Pferd hinausgeführt und die Kunstreiterin hatte ihre beiden Komplimente gemacht. Unter den Herren, die hier aufstanden, dort ihren Platz wechselten, entspannen sich lebhafte Gespräche, und zu beiden Zeiten des Stallganges wurden laute Unterhaltungen geführt, deren einzelne Behauptungen das allgemeine Gesumm übertönten und bruchstückweise zu den Ohren der Zuschauer drangen.

»Vierzehn Fuß, jawohl, wie ich Ihnen sage, es ist ein Sprung von vierzehn Fuß ... Rechnen Sie nach ... Erst der Zwischenraum zwischen Sprungbrett und Tonne: sechs Fuß; die Tonne: drei Fuß; der ältere Bruder: fünf Fuß und mehr ... Macht zusammen gut vierzehn Fuß für den Jüngeren, nicht wahr?«

»Aber das ist ja absolut unmöglich. Das höchste, was ein Mensch springen kann ... noch dazu mit einem Sprungbrett, das ein Genie von Tischler gezimmert hat, ist doppelte Mannshöhe.«

»Es hat aber doch Sprünge von außerordentlicher Länge gegeben ... Zum Beispiel der Engländer, der über den dreißig Fu breiten Graben im alten Tivoli gesprungen ist ... Der Colone! Amoros ...«

»Die Athleten des Altertums sprangen sogar siebenundvierzig Fuß weit.«

»Ei, warum nicht gar ... Mit Stangen wahrscheinlich.«

»Meine Herren, was reden Sie mir denn von Weitsprüngen? ... Nein, hier handelt es sich doch um einen Hochsprung, nicht wahr?«

»Pardon, mein Herr, ich habe in einem Buche gelesen, daß der Clown Dewhurst, ein Zeitgenosse Grimaldis, wissen Sie, zwölf Fuß hoch durch eine Soldatentrommel gesprungen ist.«

»Sehr wohl; aber das war ein Hochsprung, der mit einem Bogen endete ... So etwas sehen wir alle Tage ... Der Sprung hier ist aber völlig senkrecht ... wie ein Sprung in einem Schornstein hinauf.«

»Kurz und gut, warum willst du es denn nicht glauben ... Sie haben den Sprung ja schon gemacht und werden ihn wieder machen ... Im »Entr'Acte« hat es wörtlich gestanden.«

»Das glückt zufällig einmal und das zweitemal nicht.«

»Ich kann es Ihnen versichern, mein Herr ... Ich weiß es vom Direktor selbst ... Sie haben ihre Sache schon oft gemacht ... bei sich zu Hause und hier auch ... Und es ist nicht einmal mißglückt.«

*

»Woher kommen die Brüder?«

»Pah, hast du sie im Stalle nicht wiedererkannt? ... Sie sind seit Jahresfrist hier ... Sie haben bloß, wie es bei diesen Leuten so üblich ist, wenn sie sich mit etwas Neuem produzieren, ihren Namen gewechselt.«

*

»Vierzehn Fuß senkrecht in die Höhe ... Ich kann es noch immer nicht glauben! Außerdem soll das Faß, wie ich höre, nicht einmal weit sein, und wenn der Altere darübersteht, so muß der Kleine das hindurchfahren seines Körpers verdammt gut berechnen. Beim geringsten Anstoßen ...«

»Ach, das wissen Sie nicht ... Das Faß von Holz ist hier stets aus Leinewand ... es darf nicht fest sein, keinen Widerstand bieten, außer an dem Ende, auf dem der Ältere steht.«

»Ihr seid wirklich merkwürdig ... hier wird alle Tage etwas aufgeführt, was man bis dahin für unmöglich hielt ... Wenn man vor dem ersten Auftreten Léotards ...«

»Ich bin ganz deiner Meinung ... indes, was den Kleinen betrifft ... wird dem Ganzen nicht oben auf der Tonne die Krone aufgesetzt durch eine Reihe von Kopfsprüngen, die sie gleichzeitig machen?«

»Nun, mein Freund, wollen Sie meine Meinung hören? Ich möchte heute abend meine Glieder nicht auf eine Stunde mit den ihren vertauschen ... Ah, da sind sie ja!«

Und dieses »Ah, da sind sie ja« verbreitete sich bis zum äußersten Rande des Zirkus, wie ein großer, dumpfer Ausruf, ein Murmeln aus all den Mündern, die in glückseligem Staunen halb offen standen.

Gianni trat ein, gefolgt von seinem Bruder, während die Diener unter dem Lärm des Publikums die Teile des Apparates hereinschafften. Dieser lief in ein Sprungbrett aus, das in der Mitte des Stallganges anfing und etwa zwanzig Schritte in die Arena hineinragte. Die Hände auf dem Rücken, überwachte Gianni mit ernster Sorgfalt das Aufstellen und Zusammensetzen der Holzteile, prüfte, mit den Füßen darauf tretend, die Festigkeit der Bretter und sagte zwischendurch seinem Bruder ein paar Worte, wie man fühlte, Worte der Ermunterung, oder ließ ruhige, siegesgewisse Blicke über die glänzende Versammlung schweifen. Sein jüngerer Bruder folgte ihm auf Schritt und Tritt, in ersichtlicher Aufregung, die sich durch seine Verlegenheit kundgab, durch Bewegungen, die aussahen, als ob ihn friere, wie sie das Gefühl eines kleinen Mißbehagens im Körper hervorruft.

Übrigens sah Nello ganz reizend aus. Er trug an diesem Abend ein wie mit Fischschuppen bedecktes Trikot, über das jede Muskelbewegung einen quecksilbernen Perlmutterglanz laufen ließ. Die aus ihn gerichteten Operngläser hingen bewundernd an diesem glitzernden, schillernden Körper mit seinem schlanken, fast weiblichen Gliederbau, dessen runde Arme auch ohne vorspringende Muskeln eine innere Kraft verrieten, die nur nicht äußerlich auffiel.

Das Sprungbrett war aufgestellt, und unter der erwachten Neugier des Publikums richtete man, während der Lärm sich allmählich legte, vier eiserne S-förmige Träger auf, die sechs Fuß über das Sprungbrett hinausragten. Unten, wo sie den Boden berührten, entfernten sie sich voneinander, um sich am oberen Ende wieder einander zu nähern, hier wurden sie zusammengehalten durch einen platten Reifen mit schmalem Rande, der auf ihrem oberen Ende auflag.

Gianni stand ernst und gedankenvoll beim Nahen der Entscheidungsstunde, eine Hand auf Nellos Schultern gelegt, und schaute den Vorbereitungen zu den Produktionen noch immer zu, als er vom Stallgang her gerufen wurde. Nello folgte ihm gleich daraus nach, denn angesichts der allgemeinen Aufmerksamkeit, deren Gegenstand er war, und bei seinem untätigen Herumstehen mitten in der Arena befiel ihn dieselbe Verlegenheit, die ihn einst als Kind bei seinem ersten Auftreten im Zirkus Bescapé ergriffen hatte. Er ging, seinen Bruder zu suchen.

Unter dem reglosen Schweigen, das sich über das Publikum breitete, ward auf dem Reifen, der die vier Träger krönte, eine weiße Tonne befestigt, und plötzlich ertönte jene schmetternde, schrille Musik, mit der die Zirkuskapellen die Energie der Muskeln anspornen und zur heroischen Halsbrecherei einladen.

Beim Klang der Ouvertüre eilte Gianni, der im Begriffe war, noch einmal auf das Sprungbrett zu treten, um einen letzten Blick auf die Anbringung des Fasses zu werfen, rasch nach dem Hintergrunde zurück, und während die Musik plötzlich abbrach und eine Stille eintrat, in der selbst die Atemzüge gehemmt schienen, hörte man auf den federnden Brettern die starken Schritte des Gymnastikers, und sozusagen fast im selben Augenblick sah man ihn mit den Füßen oben auf dem Rande des Fasses in völligem Gleichgewicht stehen.

In dem Augenblick, wo die Musik wieder einfiel, um das Gelingen des kühnen Sprunges zu feiern, während der donnernde Beifall ertönte, der nur den Glanzleistungen zuteil wird, sah man Gianni, ohne recht zu verstehen, warum, sich mit erstaunten Blicken zu dem Faß niederbeugen und mit dem Arm eine Bewegung machen, als wollte er den Schwung seines Bruders aufhalten, den man gerade in der Stellung des Ablaufs erblickte, beide Arme in die Luft gehoben, die Hände zu beiden Seiten des Kopfes niederhängend und gleichsam flügelschlagend. Doch schon schwieg die Musik mit jenem kurzen Abbrechen, das Beklemmung auf jede Brust legte, schon hatte Nello auf dem Sprungbrett sein letztes Zeichen gegeben, und Gianni rief, sich aufrichtend, über seine Schultern hinweg dem Bruder ein zögerndes, ängstlich verzweifeltes »Go« zu, das fast klang, wie: »In Gottes Namen,« wie ein Zuruf in einem furchtbaren Augenblick, wo es gilt, einen Entschluß zu fassen, ohne daß Zeit bleibt, die drohende Gefahr zu erkennen und auszuforschen.

Nello schoß wie ein Blitz über die ganze Länge des Sprungbrettes. Lautlos streiften seine Füße das hohlklingende Holz, während auf seiner Brust ein kleiner, glänzender Gegenstand hin und her sprang, wohl ein Amulett, das sich unter seinem Trikot hervorgestohlen. Am Ende des elastischen Brettes stieß er sich mit beiden Füßen kurz ab und flog empor, wie getragen und gehalten von all den hochgereckten Körpern und Hälsen, all den Gesichtern, die sich nach der Höhe des Fasses hinaufrichteten.

Doch was geschah in diesen bangen Sekunden, in der die Menge den jungen Gymnastiker schon oben aus den Schultern seines Bruders ruhend zu erblicken wähnte? ... Gianni verlor das Gleichgewicht und schoß von oben herunter, während Nello aus dem Faß niederstürzte, hart gegen das Ende des Trapezes schlug und zu Boden rollte, wo er sich nochmals aufrichtete und von neuem zusammenbrach.

Ein einziger dumpfer Schrei erfüllte den Zirkus, während Gianni seinen Bruder in Vaterarme nahm und ihn hinaustrug, mit jener erschrecklichen Unruhe im Blick, die Verwundete zeigen, wenn man sie aus der Schlacht trägt, jenem Blick, der beim Vorüberkommen zu fragen scheint, was ihre Wunde sei – was sie sein wird!

*

Dem allgemeinen erstickten Schrei, der pochenden Aufregung aller Herzen, war eine dumpfe Erstarrung gefolgt, und mit ihr hatte sich eine Stille über den dichtgefüllten Raum gelagert, eine schreckliche Stille, wie das Volk sagt, eine Stille, wie die Minute nach einem unerwarteten Unglück sie über eine Menge verhängt, während hier und da im Hintergrunde das Schluchzen kleiner Mädchen ertönte, das offenbar an der Brust ihrer Mütter erstickt ward.

Alle, Männer und Frauen, verharrten unbeweglich auf ihrem Platze, als ob die Vorstellung nicht vom Schicksal unterbrochen wäre, alle von der schmerzlichen Begier erfüllt, den Gestürzten noch einmal auf seinen Beinen zu sehen, von stützenden Armen hochgehalten, nur einen Augenblick, damit er ihnen selbst sagte, daß er nicht völlig verunglückt sei.

Die Masse der Kunstreiter, dicht geschlossen, wie Soldaten, denen »Stillgestanden« kommandiert ist, versperrte den Stallgang, die Hände auf die Barriere gestemmt, mit gesenkten Gesichtern, auf denen man nichts zu lesen vermochte. Mitten in der Arena stand verlassen, und ohne daß jemand sich zum Fortschaffen anschickte, das Gerüst mit dem Zubehör zu der letzten Nummer; die Musiker hatten die Finger noch an ihren Instrumenten und hielten den Atem an; alles war wie erstarrt, und das plötzliche Stocken des regen und geräuschvollen Treibens, das bei solchen Kraftproduktionen herrscht, machte einen seltsam tragischen Eindruck.

Die Zeit verlief, und noch immer kam keine Nachricht von Nello.

Endlich löste sich ein Reiter von der Gruppe, trat zehn Schritte in den Zirkus vor, machte ernst drei Verbeugungen und sagte, während aus jeder Brust ein leichtes »Ah« der Erleichterung drang:

»Die Direktion läßt fragen, ob sich vielleicht ein Chirurg im Zirkus befindet?«

Die Nachbarn wechselten ernste, fragende Blicke und bewegten leise die Lippen, mit einem Kopfnicken wie bei Begräbnissen, während ein jüngerer Mann mit langen Haaren und nachdenklichen, schwarzen Augen sich zwischen den Bänken den Weg durch die Zuschauer bahnte und nach dem Stallgang verschwand, gefolgt von aller Blicken, die ihm mit grausamer Neugierde folgten.

Das Publikum verharrte noch immer auf seinen Plätzen. Es konnte sich nicht entschließen, zu gehen, und blieb sitzen, als sei es bereit, endlos zu warten.

Die Zirkusdiener begannen, flüsternd und mit sorgenvollen Mienen, die Teile des Sprungbrettes abzubauen, andere fingen an, das Gas auszudrehen, und als auch das allmählich eintretende Dunkel noch immer keinen Aufbruch herbeiführte, zogen die Logenschließerinnen die kleinen Fußbänke unter den Füßen der Zuschauerinnen fort und trieben die Menge mit sanfter Gewalt zur Tür. Langsam strömte alles hinaus, die Köpfe nach der Stelle zurückwendend, wo man Nello hinausgetragen hatte, während sich unter dem schweigenden hinausgehen der Menge ein dumpfes Geräusch, ein undeutliches Murmeln erhob, das sich in den engen Räumen und den schmalen Korridoren zu den Worten verdichtete: »Der junge Mann hat beide Beine gebrochen.«

finis

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.