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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Einunddreißigstes Kapitel

Der zornige Widerwille, den die akrobatischen langen Nasen Nellos aus dem Gesicht der Tompkins hervorriefen, hatte den jungen Clown belustigt, und da er ein bißchen knabenhaft und necksüchtig geblieben war wie ein Kind, so hatte er allabendlich bei den Vorstellungen die kleine Pause, die der Reiterin und dem Pferde gewährt wird – eine Pause, die ein Clown mit komisch verliebtem Gebaren gegen die Reiterin auszufüllen pflegt –, zu einem langen, fast grausamen Intermezzo ausgestaltet. Er erklärte der Tompkins seine Verehrung durch drollige Halsbrechereien, verzückte Kniefälle von grotesker Einfältigkeit, gestand ihr seine Wünsche durch ein unmögliches Tremolo mit den Beinen, durch unerhörte Verrenkungen, mit denen er die Hände aufs Herz drückte, durch Gebärden der Anbetung und des Anflehens, die alle Muskeln seines Körpers in lächerliche Bewegung setzten und beißende, plastische Narrenpossen gleichsam aus jedem seiner Nerven sprühen ließen. Auf einem seiner hochgehobenen Beine wie aus einer Gitarre spielend, mimte er der Schönen die reizendsten, komischsten Ständchen vor. An jedem Abend veränderte er sein Programm, dehnte es aus und hängte sich bisweilen an den Schweif des abgehenden Pferdes, um den Zorn der Amerikanerin zu verlängern, mit Gebärden, die die Wirkung komischer Pantomimen hatten, und unbeschreiblichen, spöttischen Rückgratverrenkungen. Es war gleichsam eine stumme Komödie, wie die eines jungen, hübschen Debureau, nichts Pöbelhaftes darin, nicht einmal etwas Derbes, sondern alles rasch und zart in die Luft geworfen, wie der possenhafte Schattenriß eines spottlustigen Körpers, und vom Publikum der ersten Plätze goutiert; ja, manche begannen eigens wegen dieser gymnastischen Schwänke in den Zirkus zu kommen. Man glaubte wirklich, eine lustige Szene aus einer stummen Komödie zu sehen, in welcher der junge Clown mit seinem Kreuz, seinen Beinen, Armen und Händen, sozusagen mit dem Esprit seiner Körpergewandtheit, der Liebesglut eines Weibes, und zwar eines Weibes, das mancher von den Stammgästen des Zirkus kannte, die mokanteste Gleichgültigkeit, die spöttischste Geringschätzung, die burleskeste Nichtachtung entgegensetzte.

Nello blieb dabei nicht stehen. Ein wenig berauscht von dem Erfolg seiner Bosheit und auch etwas angespornt durch die Sticheleien seiner Kollegen, die der Hochmut der Kunstreiterin verletzt hatte, traf er die verliebte Person in ihrem verwundbarsten Punkte: in dem Stolz auf den Reiz ihrer Formen. Der gelenke und elastische Körper der Tompkins besaß doch nicht die schlängelnde, wellenförmige Bewegung des Körpers einer Pariserin. Sie hatte ein wenig das britische Rückgrat »aus einem Stück«, das, wenn auch beweglich und biegsam gemacht durch ihren Beruf, doch keine graziöse Geschmeidigkeit besaß. Ein bekannter Bildhauer, der lange in Amerika und England gelebt hatte, erklärte, er habe unter den schlanken, eleganten Gestalten der Frauen beider Länder nie einen Körper zu finden vermocht, der ihm als Modell zu einer Hebe hätte dienen können, die sich zu Jupiter herabneigt und ihm die Schale kredenzt, oder einer Venus, die vornübergebeugt die Zügel ihres Taubengespannes in der Hand hält. Diese etwas steife Grazie ahmte Nello zum allgemeinen Gaudium karrikiert nach, indem er die starren Verbeugungen, die steife Freundlichkeit der jungen und schönen Amerikanerin, wenn sie dem Publikum für seinen Applaus dankte, übertrieb.

Und je mehr der neckende Clown merkte, daß sich die Kunstreiterin ärgerte, desto größeren Spaß machte es ihm, sie zu quälen. Er beschränkte sich jetzt nicht mehr auf die Vorstellungen, er verfolgte sie mit seinen fortgesetzten, hartnäckigen Neckereien aus den Proben, überall, und ließ sie keinen Moment in Frieden. Wenn sich die Amerikanerin am Eingang des rechten Korridors durch ein paar Luftsprünge zu ihren Reitübungen vorbereitete, so sah sie alsbald in dem linken Korridor auf einem der großen, weißen Schemel mit roten Leisten, die zum Reifenspringen dienten, Nello auftauchen, umringt von einem Schwarm lachender Logenschließerinnen, und ihr tausend drollige Albernheiten zuwerfen.

Zwei- oder dreimal bei diesen Hanswurstiaden sah Nello, wenn er der Kunstreiterin ziemlich nahe kam, wie ihre Hand den Knopf ihrer Reitpeitsche mit dem Pferdekopf von Bergkristall schlagbereit packte – und er wartete, wie ein Straßenjunge, der durch einen ihm drohenden Schlag herausgefordert wird –; doch schon im nächsten Augenblick ergriff die Kunstreiterin mit der anderen Hand die Peitsche in der Mitte, ließ sie langsam bis zu ihrem Ende durch die geschlossenen Finger gleiten, bog sie über ihrem Kopf, wie man einen Zweig biegt, und nach einem leisen, eigentümlichen »Aoh!« nahm sie ihre anscheinende Gleichgültigkeit und die Starrheit ihres Blickes wieder an.

Denn die Tompkins fuhr in der Tat fort, solange sie sich zusammen mit Nello in der Manege befand, ihre Blicke auf ihn zu richten; jetzt aber mit einem grimmigen Ausdruck, der fast beunruhigend wirkte.

»Laß sie doch in Frieden,« sagte eines abends der Clown Tiffany zu Nello. An deiner Stelle, weißt du, hätte ich Angst vor den Blicken dieses Weibes.«

finis

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