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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Dreißigstes Kapitel

Eines Morgens, als sie unter dem Gitterwerk des Musikpavillons saßen und Gianni sich nach beendigtem Frühstück mit behaglicher Langsamkeit die Pfeife stopfte, sagte er zu Nello:

»Ich hab's, Brüderchen ... und diesmal wird's Ernst!«

»Was denn?«

»Du weißt doch, unsere Erfindung.«

»Ah, zum Henker ... das wird nicht eben erfreulich werden ... Zumal ich mich ganz auf dich verlassen muß ... Etwas sehr Bequemes hast du für uns sicher nicht erfunden?«

»Ei, tu nicht so, als ob du böse wärest. Tatsächlich, weißt du, ich miete den Boden des Holzschnitzers.«

Der Holzschnitzer, der kürzlich ein Häuschen mit Acker in seiner Heimat geerbt hatte, war seit drei oder vier Wochen dorthin gereist und hatte Gianni mit dem Verkauf seines Pavillons beauftragt, falls sich ein Käufer fände.

»Und was wollen wir mit seinem Boden anfangen?«

»Das will ich dir sagen ... Zu unserer Sache ist die Tischlerwerkstatt zu niedrig ... Also brechen wir die Decke durch ... und haben Raum bis unters Dach!«

»Ei, hast du vielleicht vor, mich mit beiden Füßen zugleich bis auf den Turm Saint-Jacques springen zu lassen?«

»Nein ... aber springen mußt du ... so etwa vierzehn Fuß hoch.«

»Vierzehn Fuß, und senkrecht in die Höhe, das wett' ich ... Aber das ist noch nie gesprungen worden, seit die Welt steht.«

»Mag sein ... aber das ist ja gerade der Witz ... und dann mit einem Sprungbrett.«

»Ach, so bist du nun ... Du läßt uns nicht ein Augenblickchen in Ruhe leben.«

»Sieh mal, Nello, wir werden uns Zeit nehmen; es braucht ja nicht von heut auf morgen zu sein ... Und wenn man etwas ernstlich will ... Erinnerst du dich nicht, wie Vater sagte, du würdest mal springen wie ...«

»Aber wird es dann wenigstens ein Ende nehmen? ... Wird man dann Ruhe haben, aber im Ernst? ... Oder hast du in deinem Schädel noch eine neue Halsbrecherei für jeden Tag parat?«

»Wieviel glaubst du, Brüderchen, daß wir gegenwärtig springen können?«

»Neun bis zehn Fuß ... wenn überhaupt so viel.«

»Schön; es gilt also noch vier Fuß zu gewinnen.«

»Aber wenn du mir nur sagen wolltest, was du vorhast?«

»Ich will es dir sagen ... sobald du es über dreizehn Fuß gebracht hast. Denn wenn du das nicht springst, wird die Sache unmöglich ... und dann ... dann ... wenn ich dir meinen Trick jetzt gleich auseinandersetzte, fändest du die Sache zu schwierig ... und ich kenne dich, du würdest daran irre werden, je so hoch zu kommen.«

»O, ich danke schön! Der Sprung allein scheint dir nicht zu genügen, und es gibt noch eine Sauce zu dem Braten ... Ein Balancierkunststück, wette ich ... und schwindelhaftes Geigenspielen ... und den Teufel nebst Zubehör ... und vielleicht einen Genickbruch ...«

Aber plötzlich, mitten in seiner Tirade, sah Nello, wie Giannis Gesicht trüb und ernst wurde, und sich unterbrechend, sagte er:

»Schaf! Ich mache alles, was du willst, das weißt du doch, nicht wahr? ... Aber laß mich wenigstens ein bißchen jammern ... das macht mir Mut.«

*

Acht Tage später war die Decke der Holzbaracke herausgebrochen. Ein Sprungbrett von zwei Metern und zwanzig Zentimetern Länge war auf dem Fußboden ausgestellt. Davor und beinahe unmittelbar daran waren zwei fünfzehn Fuß hohe Pfosten in den festgestampften Boden gerammt, so ähnlich wie die Blumenetageren in den Gärten, die aus Baumstämmen gemacht sind. Zwischen diesen Pfosten befand sich ein bewegliches Brett, das durch Einzahnungen in zollweisen Abständen höher und tiefer gestellt werden konnte. Um einen etwaigen Fall zu dämpfen, lag unter dem Brett ein Stoß von Heubündeln aufgeschichtet.

Jeden Morgen sehr früh weckte Gianni seinen Bruder, und beide übten das Hinaufspringen auf das Brett, das in der ersten Zeit täglich ein paar Zoll höhergestellt wurde.

Abends waren beide wie zerschlagen und hatten schmerzhafte Stellen in Leib, Magen und Rücken, was der Zirkusarzt für die Folge von Überanstrengung des langen Bauchmuskels und des Rückenmuskels erklärte. Nello nannte Gianni den ganzen Tag lang einen »unmöglichen Bruder« und zog ihn halb lustig, halb jammernd mit seinen Bauch- und Rückenmuskeln auf; trotzdem gab er sich alle Mühe, den Sprung zu der neuen Erfindung zu erreichen.

*

Der Sprung, das kurze Emporschnellen eines festen, weich-muskulösen und stofflich-schwerfälligen Körpers, der nichts von der leichten, luftigen Organisation und den Flugwerkzeugen der fliegenden Tiere besitzt, der Sprung erscheint, wenn er eine ungewöhnliche Höhe erreicht, als eine Art von Wunder. Um ihn auszuführen, muß der Mensch die Füße aus den Boden stemmen, Ober- und Unterschenkel anwinkeln und den Oberkörper nach vorn beugen. Er muß den Körper verkürzen, den Schwerpunkt tieferlegen und die gebeugten Glieder gleich den beiden Enden eines gespannten Bogens einander nähern, damit die Streckmuskeln mit der Kraft einer stählernen Sprungfeder jäh auseinanderschnellen und mit einem Schlage über das Festhaften der Fußspitzen am Boden siegen, damit die Unter- und Oberschenkel sowie die Wirbelsäule sich starr emporrichten und den ganzen Körper in die Luft schleudern, während die Arme mit den geschlossenen Fäusten, so hoch wie möglich in die Luft gereckt und ausgestoßen, nach dem Ausdruck des Arztes Barthez das Amt der Flügel verrichten.

Dies gewaltsame Losschnellen der Streckmuskeln, durch das ein Körper von hundertunddreißig Pfund Schwere fast fünfzehn Fuß, und zwar senkrecht, emporgeschleudert werden sollte, suchte Gianni durch alle möglichen Mittel zu unterstützen. Er ließ Nello lange Zeit probieren, wie er beim Anlauf über das Sprungbrett die Füße so setzte, daß sie dem Brette den größtmöglichsten Schwung gaben. Er hielt seinen Bruder an, die Kraft jedes seiner Beine zu prüfen, damit er mit dem stärksten absprang, um den höchsten Schwung zu erreichen. Ebenso gewöhnte er ihn daran, den Sprung mit kleinen Hanteln in den Händen zu machen, um dem Emporschnellen des Körpers mehr Nachdruck zu geben.

*

Bei der Produktion, die von den beiden Brüdern ausgeführt werden sollte, hatte Gianni nur die Höhe von neun Fuß zu erreichen. Dieses Resultat hatte er fast umgehend erzielt und übte nun nicht mehr das Hinaufspringen auf ein Brett, sondern auf eine Stange, auf der er sich dann im Gleichgewicht hielt.

Was Nello betraf, so war er nach dreimonatlicher Arbeit, die ihm alle Venen aus den Beinen heraustrieb, soweit gelangt, daß er dreizehn Fuß hoch sprang. Den einen Fuß und die paar Zoll, die zum vollständigen Gelingen der Produktion noch fehlten, vermochte er nicht zu erreichen. Er blieb auf seine dreizehn Fuß beschränkt, wieviel guten Willen, wieviel Anstrengung und Hartnäckigkeit er auch aufbot, um Gianni zufriedenzustellen.

Dann wurde er ärgerlich und mutlos wie ein Kind und erklärte seinem Bruder, er sei verrückt, total verrückt, und mache sich einen Spaß daraus, ihn Dinge versuchen zu lassen, von denen er im voraus wisse, daß sie gänzlich unausführbar seien.

Der Ältere kannte seinen jungen Bruder und sein bewegliches, leicht bestimmbares Gemüt, die Leichtigkeit, mit der er sich ermutigen und entmutigen ließ. Er vermied also eine Diskussion mit Nello, gab ihm anscheinend recht und ließ ihn in dem Glauben, er habe aus seine neue Produktion völlig verzichtet.

finis

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