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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Die beiden Brüder liebten sich nicht nur, sie hingen aneinander mit geheimnisvollen Banden, in enger Verflechtung ihrer Zwillingsnaturen, und dies, obwohl sie an Jahren sehr verschieden, an Charakter diametral entgegengesetzt waren. Ihre ersten instinktiven Regungen waren völlig die gleichen. Sie empfanden Zu- und Abneigungen von gleicher Plötzlichkeit, und wenn sie einen Ort verließen, so hatten sie von den Personen, die sie gesehen, absolut denselben Eindruck. Aber nicht nur die Menschen, auch die Dinge mit dem unlogischen Anlaß ihres Gefallens und Nichtgefallens machten ihnen beiden den nämlichen Eindruck. Endlich auch die Gedanken, diese Hervorbringungen des Gehirns, deren Entstehung so ganz auf Willkür beruht und die uns so oft verwundern durch das unbekannte Woher ihres Auftauchen?, die Gedanken, die selbst in einer Liebesehe so selten gleichzeitig sind und sich so selten in der gleichen Richtung bewegen – auch sie entstanden in beiden Brüdern fast gemeinsam, so daß sie sich sehr oft nach kurzer Pause plötzlich zueinander wandten, um sich das gleiche zu sagen, ohne daß sie eine Erklärung dafür fanden, welch' wunderbarer Zufall in beider Mund den gleichen Ausspruch gelegt hatte. So fest seelisch miteinander verknüpft, fühlten beide Bescapés das Bedürfnis, ihre Tage und Nächte miteinander zu verbringen. Sie trennten sich nur ungern voneinander, und jeder hatte, wenn der andere abwesend war, das merkwürdige Gefühl – wie soll ich es ausdrücken? – daß ihm etwas fehlte, daß er plötzlich ein unvollständiges Leben führte. War der eine auf ein paar Stunden fort, so schien er die Gedanken des anderen mitgenommen zu haben; denn dieser vermochte nichts anderes zu beginnen, als in Erwartung seiner Rückkehr zu rauchen. Und wenn er über die Zeit ausblieb, so füllte sich der Kopf des Wartenden mit Vorstellungen von Unglücksfällen, Katastrophen, Überfahrenwerden, Erschlagung von Passanten, lauter törichten, düsteren Befürchtungen, die ihn aus seinem Zimmer wieder an die Haustür trieben. Sie trennten sich denn auch nur gezwungen, und keiner von beiden nahm je ein Vergnügen an, bei welchem der andere fehlte; wenn sie alle Jahre ihres gemeinsamen Lebens durchgingen, so hatten sie nur ein einziges Mal vierundzwanzig Stunden getrennt verbracht.

Doch wurde, wie bemerkt werden muß, der enge Zusammenschluß der beiden Brüder durch etwas noch Mächtigeres gefördert. Beider Arbeit war so fest miteinander verknüpft, ihre Leistungen waren so miteinander verbunden, und jede ihrer Produktionen schien so wenig einem von ihnen besonders anzugehören, daß der Beifall sich stets an beide gemeinsam richtete, daß man das Brüderpaar in Lob und Tadel nie voneinander trennte. So kam es dahin, daß diese zwei Menschen – ein in der Geschichte der Freundschaft fast einzig dastehender Fall – nur eine Eigenliebe, eine Eitelkeit, einen Stolz besaßen, denen man stets gleichermaßen wehtat oder schmeichelte.

Tag für Tag sahen die Bewohner der Rue des Acacias, vor ihren Türen stehend, mit Wohlgefallen, wie die beiden Brüder Seite an Seite kamen und gingen, der Jüngere morgens ein wenig zurückbleibend, des Abends zur Essenszeit ein wenig voran.

Beide waren stets gleich gekleidet; sie trugen ganz kleine, tadellos gebürstete Hüte, lange Krawatten mit zwei Zipfeln, durch die eine goldene Nadel in Gestalt eines Hufeisens gesteckt war, kurze Röcke nach Art der langen Stallknechtswesten, nußbraune Beinkleider, an denen sich in der Mitte das Knie zwischen zwei Falten abhob, und Stiefel mit starkbeschlagenen Doppelsohlen. So sahen sie aus wie ein paar schicke Stallbeamte des Barons Rothschild, mit einem Stich ins Korrekte, Englische, etwas Sanftem und Tiefernstem in ihrer Haltung und ganzen Erscheinung, das allen Clowns in Zivil eigen ist.

*

An manchen Tagen jedoch geschah es, daß der Schalk in Nello durch seine scheinbare Gravität durchbrach; dann entschlüpfte dem tadellosen Gentleman irgendein mutwilliger Streich, den er übrigens mit dem Ernst eines englischen Spaßvogels ausführte. So fuhren die Brüder zufällig einmal nach der Zirkusvorstellung mit einem Omnibus nach den Ternes. Man kennt diese Omnibusse um elf Uhr abends, zumal einen, der um diese Zeit nach dem äußersten Ende von Paris fährt; gutmütige, naive, kleine Leute sitzen erschöpft und halb im Schlaf in dem trüben, fortwährend von Lichtern durchzuckten Halbdunkel, Leute mit schläfrigen, abgestumpften Sinnen und bisweilen mit reger Verdauung. Das Stoßen des Wagens beim Absteigen eines Fahrgastes läßt sie aus ihrem Halbschlummer auffahren, ohne daß sie ganz wach sind, noch ganz schlafen. Diese braven Leute hatten also die undeutliche Empfindung, daß auf der ganzen Fahrt zwei elegant gekleidete Herren von tadellosem Benehmen, die ihre sechs Sous mit höchster Distingiertheit gezahlt hatten, mitten unter ihnen saßen, als sie plötzlich an der Ecke der Rue des Acacias, durch das plötzliche halten des Omnibusses halb aufgeweckt, etwas sahen ... und bei dem, was sie sahen, wurden die zwölf Gesichter der Zurückgebliebenen, die der Schein der zwei Laternen plötzlich phantastisch erleuchtete, wie aus Kommando lang und länger und wandten sich wie ein Mann der Rue des Acacias zu, in welcher gerade der Rücken einer Gestalt in unerschütterlicher Ruhe verschwand.

Nello hatte vom Trittbrett des Omnibusses einen Salto mortale gemacht und entfernte sich nach dieser etwas ungewöhnlichen Art des Absteigens sehr gerade und sehr ehrbar auf seinen zwei Beinen, während seine Reisegefährten sich noch lange mit unruhigen, angstvollen Blicken fragten, ob sie nicht alle zwölf das Opfer einer Augentäuschung geworden seien.

*

»Holla, Großer,« sagte Nello eines Tages mit sanfter Ironie zu seinem Bruder, »zum Teufel, eine kleine Moralpredigt! ... Jawohl, ich weiß schon ... Es war wieder mal eins deiner Geisteskinder, über dem ein De profundis angestimmt werden muß.«

»Wie hast du denn erraten, daß ich etwas gefunden hatte?«

»Potztausend ... Ei, mein Gianni, du bist ja durchsichtig wie Glas ... Du ahnst also nicht, wie sich das bei dir zuträgt? ... Nun gut, es ist so ... Zuerst zwei bis drei Tage ... manchmal auch fünf bis sechs ... antwortest du mit ja, wo es nein heißen müßte, und umgekehrt ... Gut, ich sage mir also: das Erfindungsfieber hat ihn wieder gepackt ... Dann machst du eines Morgens beim Frühstück zärtliche Augen und eine Miene, als wolltest du dich bei jedem Bissen, den du ißt, bedanken, daß er so gut schmeckt ... und eine Zeitlang ... findest du nichts zu teuer ... alle Frauen hübsch ... und das Wetter schön ... wenn's regnet ... Das alles mit Jas und Neins, die noch nicht am rechten Fleck sind ... Dieser Zustand währt im allgemeinen zwei bis drei Wochen ... kurz und gut, plötzlich zeigst du ein Gesicht wie heute ... ein Gesicht wie die Sonnenfinsternis ... und wenn ich dich so sehe, da sage ich zu mir, ohne dir ein Wort zu sagen: die Erfindung meines Bruders ist tot!« ...

»Verdammter kleiner Spötter, der du bist! ... Aber warum hilfst du mir nicht ein bißchen? ... wenn du deinerseits auch suchtest, he?«

»O, was das anbetrifft, nein! ... Alles, was du erfindest, will ich ausführen, auf die Gefahr hin, mir den Hals zu brechen ... Aber das Erfinden ist deine Sache ... Darin halt' ich mich an dich ... Ich fühle mich nicht dazu geboren, mich abzuquälen ... außer mit kleinen Possen, die ich in unseren Clownszenen anbringe ... Ich bin völlig zufrieden ... ich freue mich, so zu leben, wie wir leben ... und habe für mein Teil weder Hunger noch Durst nach Unsterblichkeit!«

»Im Grunde genommen hast du recht ... und ich bin der Egoist ... Aber was willst du: man ist nicht Herr über sich! ... Es ist ein Spleen in mir, eine Krankheit, etwas zu erfinden, was uns zu berühmten Leuten macht ... Zu Leuten, von denen man spricht, verstehst du?«

»Amen! Aber ich muß dir gestehen, Gianni, wenn ich noch betete, würde ich jeden Morgen und Abend beten, daß das so spät wie möglich kommen möge.«

»Ei, du wirst ebenso stolz darauf sein wie ich.«

»Gewiß, jawohl, ich werde stolz darauf sein ... aber hinterher wird's einem vielleicht töricht vorkommen ... und zu teuer erkauft scheinen.«

finis

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