Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edmond de Goncourt >

Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
Schließen

Navigation:

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Ueber seiner Nummer, der besonderen Nummer, die Gianni seit seiner frühesten Jugend zu erfinden suchte, die die Namen der beiden Brüder in den olympischen Fasten der Moderne verewigen sollte, neben dem Namen Léotards, des Königs der Trapeze, und Leroi, des Kugelmenschen – über dieser Nummer brütete er mit der Geistesausspannung eines Mathematikers, der mit einem Problem ringt, eines Chemikers, der einen Farbstoff, eines Musikers, der eine neue Melodie, eines Ingenieurs, der eine neue Konstruktion in Eisen, Holz oder Stein sucht. Er hatte mit diesen Leuten, die einem fixen Gedanken nachgehen, die Zerstreutheit, die Geistesabwesenheit, das Schwinden des Wirklichkeitssinnes gemein, und ebenso entschlüpften ihm beim Gehen aus der Straße unbewußt laute Worte, so daß die Passanten auf dem Bürgersteig sich umdrehten und dem Herrn nachblickten, der, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gesenkt, in gebückter Haltung weiterging.

In seinem ganzen Geistesleben gab es keinen Zeitbegriff, keine Wärme- und Kälteempfindungen mehr, nichts von all den kleinen, zarten Eindrücken der Außenwelt und der nächsten Umgebung auf einen wachen Körper. Seine physische Existenz mit ihren Handlungen und Funktionen schien sich bei ihm als das Weiterlaufen eines für bestimmte Zeit aufgezogenen Uhrwerks abzuspielen, ohne daß sein Ich in irgendeiner Weise daran teilnahm. Wenn man zu ihm sprach, währte es lange, bis er die Worte verstand, gleich als drängen sie mit zu leisem Klange aus weiter, weiter Ferne zu ihm, oder vielmehr, als habe er seinen Körper verlassen, und es bedürfte der Zeit, in ihn zurückzukehren, um zu antworten. Tagelang verbrachte er unter Menschen, selbst im Kreise seiner Kollegen, so geistesabwesend und ins Ungewisse verloren, die Augen halb geschlossen, blinzelnd, und bisweilen mit dem leisen Meeresrauschen in den Ohren, das die großen Muscheln des Ozeans auf einer Kommode für immer bewahren.

Giannis Hirn arbeitete unablässig an der Erfindung eines kleinen Tricks auf dem Gebiete der für unmöglich geltenden Dinge, an einer kleinen Umwerfung der Naturgesetze, welche er, der einfache Clown, unter dem Zweifel und dem Erstaunen aller ins Werk setzen wollte! Und zwar sollte das Unmögliche, das sein Ehrgeiz erstrebte, etwas Großes, fast Übermenschliches sein. Er verachtete das »Unausführbare« im gewöhnlichen, allgemeinen, niedrigen Sinne, verachtete die Übungen des Equilibristen und Gymnastikers, der er selbst war, bei denen ihm der Gipfel der Balance und Geschicklichkeit schon erreicht schien, und bei seiner geistigen Erfinderarbeit wandte er seine Blicke in hochmütiger Schroffheit von den Stühlen, Kegeln und Trapezen ab.

Schon oft hatte Giannis Ehrgeiz sich seinem Ziele nahe gewähnt, schon oft die Verwirklichung eines plötzlich aufblitzenden Einfalls gesichert vermeint, schon oft die kurze Freude des Findens und das holde Fieber, das sie begleitet, verspürt; doch schon, wenn er aus dem Bette sprang, schon beim ersten Versuch seiner Ausführung hatte er Verzicht leisten müssen, angesichts eines unverhofften Hindernisses, einer Schwierigkeit, die ihn bei dem hastigen, hitzigen, trügerischen Erfassen seines Gedankens entgangen war, und die ihn mit einem Schlage ins Nichts zurückwarf, in das gemeinsame Grab so vieler anderer schöner Pläne, die kaum geboren, schon tot waren.

Wohl noch häufiger wähnte Gianni seine Idee nach geheimen Versuchen, nach einer Reihe von Umarbeitungen und Verbesserungen bis an den Rand des Gelingens geführt zu haben. Er gab sich bereits der Freude hin, sein Geheimnis, das er bis dahin aus einer Art von Selbstgefälligkeit bewahrt hatte, Nello mitzuteilen, ihm die Einzelheiten seiner Erfindung zu erklären. Er sah bereits bei der Zurechtlegung der letzten Kombinationen – wie ein Theaterschriftsteller, der sein Stück beendet – den dicht gefüllten Zirkus der außerordentlichen Kraft seiner Leistung Beifall zollen ... Da zwang ihn ein Nichts, eine jener winzigen Kleinigkeiten, das unbekannte Sandkorn, welches das neue Räderwerk einer ganzen Fabrik hemmt, zum Verzicht auf die Verwirklichung seines Traumes, den er seit Wochen gehegt hatte, und der doch nur ein Traum war, das Gaukelspiel einer trügerischen Nacht.

Dann versank Gianni tagelang in den tiefen, finsteren Trübsinn des Erfinders, der eine Idee, in deren liebendem Gebären er Jahre gelebt hat, zu Grabe trägt, einen Trübsinn, dessen Grund er Nello nicht erst anzuvertrauen brauchte, der jüngere Bruder wußte Bescheid.

finis

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.