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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Nein, so geht's nicht ... warte mal ... So ... Wenn du da angekommen bist, so bring' ich dich mit einem Fußtritt auf den Hintern wieder hoch ... Du siehst, das ist der Effekt dabei ... Das wird prächtig werden.«

Mit diesen Worten suchte ein Clown nachdenklich die originelle Lösung einer neuen Nummer, die er mit seinem Genossen ausführen sollte.

Nachdem er so gesprochen, verfiel er in tiefes Schweigen. Er und sein Kollege saßen stumm, über leere Biergläser gebeugt, in Gedanken verloren, die sie abwechselnd durch heftiges Kratzen des Kopfes zu beleben suchten.

Beide saßen in dem kleinen Café, in welchem die Artisten, wenn sie aus dem Zirkus kamen, zusammentrafen, einem Café ohne Charakter, mit der weißen Wandtäfelung, der sparsamen Vergoldung und den schmalen Spiegeln eines Cafés am Boulevard du Temple. In einer Fensternische standen Mostrichtöpfe, Sardinenbüchsen, eine kleine Terrine mit Gänseleberwurst, Sahnenkäse, Gruyèrekäse und Roquefort, und aus dem obersten Brett ein paar Punschbowlen, umgeben von einem Haufen Zitronen. Ein netter, kleiner Kellner, noch ein halbes Kind, ging in dem Lokal auf und ab, in granatroter Sammetjacke, eine große, blaue Schürze mit Brustlatz vorgebunden, die Serviette in dem Schürzenband hinten herabhängend wie ein weißer Schurz.

Alsbald wurde die Tür aufgestoßen, und sämtliche Clowns des Zirkus erschienen, einer nach dem anderen in ihren Zivilkleidern, mit langsam gleitenden Schritten, die eine Körperseite auf dem vorgesetzten Fuß vorschiebend und die flachen Hände vor den Schenkeln einherschlenkernd. Nello beschloß die Reihe, seine Beine bei jedem Schritt bis unter die Nase anziehend und sie dann mit einem gebieterischen Druck seiner flachen Hand herabstoßend – leicht, als ob er flöge, und possenhaft. Zwei englische Clowns gingen die Stiege hinan zum Billard; zwei andere, neben denen Gianni und Nello Platz nahmen, verlangten ein Dominospiel.

Ein alter Clown ohne bestimmte Nationalität, groß, hager und knochig, nahm sich von den Tischen alle Zeitungen zusammen und ließ sich abseits von den anderen im Hintergrund nieder.

Zwischen den beiden Engländern begann eine Dominopartie, bei der man nichts hörte, als das Knirschen der Steine auf der Marmorplatte; kein Wort, kein Scherz, kein Lachen, nichts von dem, was das Spiel mit dem Leben des Spieles umgibt. Diese Partie wurde wie von fühllosen Automaten gespielt.

Gianni starrte in die Rauchringe seiner Pfeife, die, sich erweiternd, zur Decke emporstiegen, und Nello, der seinem Nachbar anfänglich Ratschläge erteilt hatte, damit er verlor, war durch freundschaftliche Püffe vom Spiel weggescheucht worden und rauchte Zigaretten, während er sich die Bilder eines Heftes der »Illustration« ansah.

Zwischen diesen dicht beieinander stehenden Tischen, die ganz mit Leuten besetzt waren, die sich gegenseitig kannten, mit Clowns, Kunstreitern, Parterre- und Luftgymnastikern, fand keinerlei Unterhaltung statt, nicht einmal ein Zwiegespräch in einer Ecke. Diese Artisten, zumal die Clowns, die das Publikum mit den Possen ihrer Glieder amüsieren müssen, tragen die gleiche Trübsal zur Schau, wie die Bühnenkomiker. Und mehr noch als diese, mögen sie Engländer oder Franzosen sein, sind sie von eigentümlicher Schweigsamkeit. Ist es die Ermüdung nach ihren Übungen oder die tägliche Lebensgefahr, in der sie schweben, was sie so stumm und traurig macht? Nein, der Grund ist ein anderer. Wenn die Leute aus dem Fieber ihrer Arbeit heraus sind, wenn sie sich ausruhen und nachdenken, taucht in ihren Gedanken jeden Augenblick die Befürchtung auf, daß die Gewandtheit und Kraft, von der sie leben, plötzlich durch irgendeine Krankheit, einen Rheumatismus, die geringste Unordnung der Körpermaschine zerstört werden kann. Sie denken auch oft daran – ja, es ist dies ihre fixe Idee –, daß die Jugendkraft ihrer Nerven und Muskeln ein Ende hat, daß ihr Körper lange vor ihrem Tode dem Berufe, den sie ausüben, den Dienst versagen wird. Endlich sind unter ihnen zahlreich »die Demolierten«, die in ihrem Berufe zwei- oder dreimal gestürzt sind, Fälle, deren einer sie vielleicht für Jahresfrist ans Bett gefesselt hat. Dann bleiben sie, anscheinend völlig wiederhergestellt, doch »demoliert« und bedürfen zur Ausführung ihrer Übungen einer Kraftanstrengung, die sie aufreibt und mit Kummer erfüllt.

Soeben betrat das Café ein Clown, der als »Affe« in einer Boulevardfeerie engagiert war. Er zog kleine rosa Tütchen aus seiner Tasche, aus denen er jedem seiner Kollegen etwas abgab, indem er ihnen mit glückstrahlender Miene nicht ohne Stolz verkündete, er habe heute morgen Pate gestanden. Dann setzte er sich neben Gianni und fragte ihn:

»Na, und was haben wir neues?«

»Was ich neues habe?« wiederholte Gianni. »Ei, immer noch das wagerechte Schweben des Körpers nach vorwärts ... Das nach rückwärts ist ein Kinderspiel ... Gemeint ist das Ausharren in horizontaler Lage beim großen Riesenschwung nach vorwärts oder rückwärts. Da hat man zur Unterstützung der Arme den Wulst des oberen und unteren Spinalmuskels, weißt du, den hier, ... dagegen beim Schweben nach vorn hat man gar nichts als die leere Luft, mein Lieber ... Jetzt arbeite ich schon eine ganze Reihe von Monaten daran ... Und ich habe ein bißchen Angst vor all den Monaten, die womöglich noch draufgehen, bis es gelingt ... In unserem Metier gibt's so viele solche Sachen, die man eines Tages aufgeben muß – wegen der Zeit, die sie einem noch kosten ... und bei dem geringen Effekt, den sie aufs Publikum machen ... Ach, da muß man eben was anderes versuchen.«

Und Gianni versank in das Schweigen der übrigen.

Die Dominopartie ging zu Ende, und der große, dürre Clown, der alle Zeitungen gelesen hatte, lehnte den Kopf gegen die Zeitungsständer in einer nachdenklichen, in sich gekehrten Haltung, die ihm bei seinen Kollegen den Beinamen »der Denker« gegeben hatte.

Plötzlich richtete er sich etwas auf, und wie unter einer plötzlichen Eingebung, die durch keine Bemerkung der anderen Clowns veranlaßt war, erklärte er mit schallender Stimme:

»Ach, kläglich, ganz kläglich, über alle Maßen kläglich, meine Herren, sind die Zirkusse bei uns in Europa! ... Sehen Sie mal die Zirkusse in Amerika! ... Der »schwimmende Zirkus« auf dem Missisippi mit seinem Amphitheater für zehntausend Zuschauer, seinem Stall für hundert Pferde, Schlafräumen für die Artisten, Dienerschaft und allem Zubehör ... Und immer vorandampfend sein »Paradiesvogel«, ein kleiner Dampfer mit dem »Manager«, der die Beschaffung des Pferdefutters, die Landeplätze, die Umzäunungen und Eintrittspforten besorgt ... und vierzehn Tage vorher die Ankündigung ... Oder was sagen Sie zu dem Wanderzirkus, dem großen wandernden Jahrmarkt ... zu diesem Zirkus mit seinen zwölf vergoldeten Triumphbögen, einem Musen-, Juno- und Herkulestempel, drei Orchestern und einer Dampforgel ... Jawohl, meine Herren, Dampforgel ... Endlich mit seinem Paradeaufzug in jeder Stadt, drei Kilometer lang, wobei automatische und lebende Gymnastiker auf den Wagen die schwierigsten Übungen ausführen ... Ach, kläglich, kläglich, über alle Maßen kläglich sind die Zirkusse bei uns in Europa!« wiederholte der »Denker«, die Tür öffnend und den Schluß seiner Rede auf den Boulevard hinausschreiend.

finis

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