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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Passioniert, wie sie für ihren Beruf waren, liebten die beiden Brüder die Zirkusvorstellungen, namentlich im Sommerzirkus. Sie fühlten sich beide wohl in dem großen, mit Eichenholz getäfelten Stalle mit seiner freiliegenden Eisenkonstruktion, seinen Boxen, die mit großen, kupfernen Pinienzapfen geschmückt waren, seiner lustigen, metallenen Architektur, die sich im Lichte der vergoldeten Kronleuchter an beiden Enden der Stallgasse spiegelte und sich bis ins Unendliche fortzusetzen schien – in diesem Stalle, erfüllt von dem Kettengeklirr der sechzig Pferde mit ihren gelb und braun karierten Stalldecken und dem stolzen Blitz ihrer Augen. Selbst das Durcheinander der vertrauten und befreundeten Dinge in den Stallecken, die großen, weißgestrichenen Leitern, die Kreuze für den Seiltanz, die Fahnen, Bänder und Reifen aus gekräuseltem Papier, der kleine, rote Wagen zum Herumfahren eines Pferdes, das auf den Hinterbeinen nachtrottete, all die mannigfachen Requisiten der verschiedenen Darbietungen, die sie durch die Türen schlechtverschlossener, dunkler Speicherräume kaleidoskopisch hindurchschimmern sahen, ergötzten ihre Augen, die sie jeden Abend von neuem mit Freuden erblickten – samt dem großen Steintrog mit dem taktmäßigen Fall seiner Wassertropfen und der Uhr, deren Stunden in dem Holzgehäuse über der Tür schliefen.

Unter dem Hufstampfen und Wiehern der Pferde fanden die Brüder in diesem Raume ein Leben und Treiben, eine Zerstreuung, wie hinter den Kulissen eines Theaters. Unter dem kleinen, schwarzen, unverglasten Rahmen, der das Abendprogramm, auf ein Blatt Briefpapier geschrieben, enthält, stand, mit der Hand aus die Stallbarriere gestützt, eine Reitpeitsche auf dem Rücken, ein Herrenreiter und plauderte auf Englisch mit einer Gruppe wohleingepackter Damen mit blauen Seidenkachenez um den Hals, die auf ihre Schultern herabfielen. Daneben spielten zwei kleine Mädchen mit struppigen Haaren, die aus dem Scheitel mit kirschroten Bändern zusammengeschnürt waren. Sie trugen kaftanartige Paletots, die, wo sie sich öffneten, Trikotkleidchen hervorsehen ließen. Seitwärts pinselte ein Mann mit roter Weste einen Pferdehuf an. Im Hintergrund standen vier oder fünf Clowns im Kreise herum, ernst wie Tote, und unterhielten sich damit, einander zu begrüßen, indem sie sich gegenseitig durch einen kurzen Stoß mit dem Halse einen Zylinderhut aufsetzten, so daß dieser die Runde über alle die Flachsperücken machte und auf jeder einen Augenblick festsaß. Etwas weiterhin stattete eine alte Frau, eine Zeitgenossin von Franconi Vater, den Pferden ihren allabendlichen Besuch ab, sprach mit allen und streichelte sie mit ihrer ledernen Hand, während neben ihr ein winziger Gymnastiker von fünf Jahren an einer Orange kaute, die man ihm hingeworfen hatte. Am Eingang eines inneren Korridors hüllte sich eine Kunstreiterin, die soeben von ihrer »Arbeit« kam, in einen schottischen Mantel ein und schob ihre weißen Atlasschuhe in türkische Pantoffeln; und am anderen Ende des Korridors stand inmitten einer Gruppe junger Kunstreiter mit umgelegtem Kragen und in der Mitte gescheitelten, gekräuselten Haaren der Hanswurst in fuchsroter Perücke, mit rotgefärbter Nase, und radebrechte Deutsch mit ein paar mageren Stalldienern, deren Gesichter wie aus Buchsbaum geschnitten und deren Augen farblos wie Wasser waren. Schließlich, ganz dicht bei dem großen Bahneingang, hinter dem Vorhang, durch den bisweilen das Klatschen des Publikums drang, wurden auf gesattelte Hunde ein paar Affen gesetzt, die auf den Ohren Dreimaster wie Gendarmen trugen.

Es gab und gibt reizvolle und seltsame Lichtspiele auf diesen raschen Bildern, auf diesem beständigen Wechsel gasbeschienener Menschen, in diesem Reiche des Rauschgoldes, des Flitterstaates und der angemalten Gesichter. Über das gefältelte Hemd eines Equilibristen läuft für Augenblicke ein Rieseln von Flittern, der es zu einem kunstvollen Brokatgewand macht. Ein Bein in Seidentrikots erscheint mit seinen Schwellungen und Vertiefungen in dem Weiß und Violett einer Rose, die aus einer Seite vom Sonnenlicht beschienen wird. Auf das Gesicht eines hell beleuchteten Clowns legt der Mehlüberzug die Reinheit und Regelmäßigkeit und den scharfen Schnitt eines Steingesichtes.

Und fortwährend durchschneidet die Gruppen, die Unterhaltungen und Vorbereitungen zu den einzelnen Nummern, das Liebesgeflüster und die Pferdegespräche, das Hinauseilen oder das ungestüme Zurückkommen eines Pferdes mit flatternder Mähne. Und immerfort, ohne eine Minute Pause, flutet es hin und her in diesem Gange, wo sich das Zirkuspersonal aufhält, durch dieses Eingangstor, das alles in die Arena ausströmt, was das equestrisch-gymnastische Theater in seinen Magazinen, Ställen und Lagerräumen birgt: Karren, Wagen, Zubehör zu den Pantomimen, ungeheure Fußböden von der Glätte eines zugefrorenen Sees, Käfige mit wilden Tieren, Luftsprünge von Clowns, Kapriolen beklatschter Kunstreiterinnen, plumpe Bären mit schwankenden Schritten, scheue Büffel, schreckliche Esel, Trupps von schwanzwedelnden Pudeln, hüpfende Kängurus, Scharen von grimassenschneidenden Affenpärchen, junge, spielerische Elefanten, kurz, all die Tierheit, die den Darbietungen menschlicher Gewandtheit zugesellt ist.

*

In diesem Stalle, hinter diesen Kulissen, hatte Nello eine eigenartige Empfindung.

Kaum hatte er sich mit Mehl das Gesicht einer Statue gegeben, in dem nichts Lebendiges blieb, als die Bewegung der Augen zwischen den wie vor Frost geröteten Lidern, kaum hatte er seine pyramidenförmige Perücke aufgesetzt und eins jener selbsterdachten Kostüme angelegt, auf deren zarter Seide er mit Vorliebe in trügerischem Relief eine riesige Spinne, eine Eule mit goldenen Augen, Schwärme kleiner, kahler Fledermäuse oder andere Tiere der Nacht oder des Traumes anbrachte, die auf dem Stoffe nur einen dunkeln Schatten, eine düstere Silhouette bildeten, – kaum hatte der große Spiegel im Stalle ihm zwei-, dreimal sein anderes abendliches Ich zurückgeworfen, so begann gleichsam ein neues Leben, von dem des Tages verschieden, ein phantastisches Wesen durch seine Adern zu rieseln. Der Clown hatte zwar nicht die Empfindung einer Metamorphose, der Verwandlung in eine lebende Statue des Mondlandes, dessen Kleider er trug; aber dennoch gingen in Nellos Wesen kleine abnorme Erscheinungen vor. Ganz wie in dem mehlweißen, in Träume gekleideten Clown, herrschte auch in seinem Innern ein Ernst, der selbst seinen Witzen, wenn er welche machte, einen träumerischen Charakter verlieh, wie wenn ein unbekanntes Etwas seine Fröhlichkeit urplötzlich hemmte. Seine Stimme klang nicht mehr wie im gewöhnlichen Leben; sie hatte einen tieferen Unterton, einen langsameren Tonfall, wie die Stimme der tiefen Empfindungen. Seine Gebärden endlich bekamen ungewollt etwas Seiltänzerhaftes, und auch, wenn er sich nicht auf offener Szene befand, fühlte er, wie seine Glieder sich bei den alltäglichsten Verrichtungen in exzentrischen Posen bewegten. Mehr noch: wenn er ganz allein war, trieb es ihn zu somnambulen Bewegungen, deren er nicht Herr wurde – Bewegungen, welche die Physiologen als »symbolische« bezeichnen. So ertappte er sich dabei, wie er auf einer Wand, auf die der Lampenschein eines leeren Korridors fiel, das schwarze Schattenbild seiner gekrümmten Finger spielen ließ und sich lange an ihrem eckigen Tanz ergötzte, ohne anderen Zweck, als sich selbst zu belustigen, als gehorchte sein Körper dem Antrieb der wunderlichen magnetischen Strömungen und der launischen Kräfte der Natur.

Nach und nach geriet er dann in einen unbestimmt begeisterten Zustand, in welchem die Wirklichkeit um ihn her erblaßte und die Erinnerung an sein Tagesleben in seinem Hirn gewissermaßen entschlummerte, ähnlich jenem hohlen Kopfe, aus dem die Gedanken mit einem Löffel einer nach dem anderen weggeschöpft werden. Schließlich war für den Clown nichts mehr da, als das Bild seines bleichen Gesichtes in den Spiegeln, die Gestalten der Ungeheuer, denen seine Augen auf dem eigenen Kostüm begegneten, und das Summen der teuflischen Musik seiner Fidel, das er noch in den Ohren hatte.

Dieser undefinierbare Zustand mit seinen flüchtigen und fremdartigen Empfindungen hatte etwas ungemein Süßes für Nello. Neben seinem Bruder, der stets gesenkten Hauptes mit einem Holzstückchen den Boden bearbeitete, stand Nello mit verschränkten Armen unbeweglich da, den Kopf an die Mauer gelehnt, die Züge in einer Art Verzückung erweitert, ein fahles Pierrotlächeln auf dem weißen Gesicht, und schien nur darum zu bitten, daß man den holden, lächelnden und seltsamen Trug seines Zirkusdaseins nicht störte.

finis

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