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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Neunzehntes Kapitel

Newsome hatte das Brüderpaar für zehn Pfund Sterling wöchentlich engagiert; sie lebten jetzt als Mitglieder der Truppe in ziemlich gutem Einvernehmen mit ihren männlichen und weiblichen Kollegen. Die Männer waren gute Kameraden mit etwas britischem Hochmut. Die Frauen, sämtlich ehrbare Familienmütter, waren »sanft wie Schafe«; nur an gewissen Tagen, wenn der Gin oder der Nordostwind sie erregt hatte, fingen die unter ihnen, die sich nicht mochten, zu boxen an. Und das waren nicht etwa französische Frauenschlägereien, wo es mehr Schimpfworte und zerrissene Hüte als Schläge gibt, sondern ganz regelrechte Boxerkämpfe, nach denen die Besiegte bisweilen vierzehn Tage das Bett hüten mußte.

Im Grunde genommen hatten die beiden Brüder ihr Reiseleben in Frankreich quer durch die drei Königreiche wieder aufgenommen, freilich unter besseren Bedingungen und in einem Lande, das körperliche Übungen gern sieht. In England ist die Ankunft eines Zirkus in kleinen Städten ein Ereignis; die Einwohner pflegen beim Einzug der Truppe mit ihren Pferden, ihren Kuriositäten, ihren Käfigen mit wilden Tieren, die Läden zu schließen wie am Festtage, hier wurden die graziösen Clownspäße Giannis und Nellos ausgezeichnet aufgenommen, ja, sie begannen auf die Einnahmen des Zirkus ihren Einfluß zu üben, von Zeit zu Zeit gab Newsome für die beiden Künstler, um sie an sich zu fesseln, eine jener Benefizvorstellungen, bei denen die Benefizianten von Haus zu Haus ziehen, um die Billette abzusetzen, und diese Vorstellungen brachten ihnen gewöhnlich fünf bis sechs Pfund ein. Und der Name der beiden Clowns, ein Künstlername, den sie drüben angenommen hatten, prangte auf den Anschlagzetteln in den rotesten Lettern Groß-Britanniens.

*

Trotz der günstigen Aufnahme, die ihre Produktionen bei den Engländern fanden, und trotz des Rufes, der sich um ihren Namen verbreitete, begann der junge Franzose in Nello Englands überdrüssig zu werden. Sein romanisches Temperament und das Blut seiner Vorfahren aus heißen Ländern hatten genug von dem Nebel Groß-Britanniens, seinem grauen Himmel, seinen verräucherten Häusern, dieser Atmosphäre von Kohlendunst, die alles durchdringt, von deren Anhauch selbst die Silbermünzen, die im Geldschrank verschlossen liegen, anlaufen, so daß man auf den ersten Blick erkennt, daß sie sich ein paar Jahre in diesem Lande der traurigen, alles verfinsternden Kohle befanden. Er hatte das Heizen, die Speisen, die Getränke, die Sonntage, die Männer und Frauen der drei Königreiche satt. Auch begann er, ohne sich krank zu fühlen, zu hüsteln, und dieses leichte Husten, obwohl es nichts Beunruhigendes hatte, erweckte in Gianni die Erinnerung daran, daß ihre Mutter an der Schwindsucht gestorben war.

Nello war, ohne daß es aus den ersten Blick ins Auge fiel, das getreue Abbild seiner Mutter. Der jüngste Sohn hatte viel von ihrer körperlichen Erscheinung, und etwas Weibliches von der Zigeunerin war über die ganze zarte Männergestalt des jungen Clowns ausgegossen. Was sein Gesicht betraf, so war es merkwürdigerweise nicht völlig das gleiche, und doch rief Nello, trotz seiner weißen Hautfarbe, seinen klugen, schwarzen Augen, seinem kleinen Munde mit den vollen Lippen, seinem hanfblonden Schnurrbärtchen und der lächelnden, leicht spöttischen Sanftheit seines Gesichts die Erinnerung an das Antlitz der Mutter wach: durch die Ähnlichkeit eines Zuges, den Schwung einer Linie, durch das unbestimmbare physiognomische Etwas, das in einem Blick, in einem Lächeln, einem verächtlichen Kräuseln der Lippen lag, durch tausend Kleinigkeiten, die in gewissen Momenten, bei gewissen Kopfhaltungen, bei einer bestimmten Beleuchtung, in ihm Stepanida wieder ausleben ließen, – besser, als wenn er ihr getreues Abbild gewesen wäre. Und so geschah es denn wohl in den langen Stunden, welche die Brüder auf der Eisenbahn zubrachten, mitten unter Kollegen, die eine andere Sprache redeten, daß Gianni unter dem Einfluß der Träumereien, die ihm in der Langenweile einer endlosen Reise kamen, seine Augen auf Nello ruhen ließ, um sich für Augenblicke der Illusion hinzugeben, daß er seine Mutter wieder sähe, wieder vor sich hätte.

Eines Tages, als Newsomes Truppe von Dorchester nach Newcastle fuhr, saß Gianni seinem Bruder gegenüber im Eisenbahnwagen. Nello schlief, den Kopf zurückgelehnt, den Mund geöffnet, und hustete von Zeit zu Zeit, ohne dadurch zu erwachen. Der Abend brach herein, und mit dem sinkenden Tage füllten Nellos Augenhöhlen sich mit Schatten, und aus seinem mager gewordenen Antlitz drang die Dunkelheit in seine Nasenlöcher und in die Öffnung des Mundes. Gianni hatte die Augen auf den Bruder geheftet; in einer plötzlichen Vision war es ihm, als sähe er den Kopf seiner Mutter auf dem Kissen der Maringotte ruhen.

Er weckte Nello plötzlich auf.

»Bist du krank?«

»Bewahre,« wehrte Nello mit leichtem Frösteln ab. »Bewahre!«

»Doch, doch ... Hör' mich an, Brüderchen ... Ach, ich habe wahrhaftig kein Glück ... Ich habe mit dem Aufzug an einem Handgelenk fast zwei Jahre vergeudet ... Brady, der Gymnastiker in New York, hat es nie über sieben Aufzüge gebracht ... ich kriege jetzt neun fertig, wie du weißt ... Aber ich weiß nicht, was du dabei machen könntest ... Und genau dasselbe ist's mit dem Hängen in der Luft mit ausgestreckten Armen, das nur den Leuten auf Kuba gelingt ... Nun also, dieser Tage glaubte ich, ich hätte einen Trick erfunden, einen wirklichen Trick ... Aber im letzten Moment, hol's der Teufel, sah ich, daß es nicht möglich war, unausführbar die Sache ... Was ich wollte, Brüderchen ... Du wirst mich gleich verstehen ... es war: zu dem, was wir jetzt machen, was Neues hinzu zu erfinden ... Aber was wirklich Neues, nichts Gewöhnliches ... Nicht übel, was? Mit so was im Zirkus in Paris den Anfang zu machen? ...«

»Warum nicht abwarten?«

»Warum? ... Weil du niedergedrückt bist ... weil du hustest ... Und du sollst nicht husten! ... Jawohl, wir wollen hier weg ... Unser Anfang drüben wird ja nicht so schmeichelhaft sein – was tut es? Eines Tages – und der Teufel müßte im Spiele sein, wenn der Tag nicht kommt – da werden wir alles nachholen ... Gib mir nur noch einen Monat, sechs Wochen ... Das ist alles, worum ich dich bitte.«

*

In die Niedergedrücktheit, die Nello in dieser englischen Umgebung empfand, brachte das Erscheinen eines französischen Taschenspielers, den Newsome engagierte, eine kleine Aufheiterung. Es war dies ein junger Mann von durchaus vornehmen Manieren, über den eigentümliche Gerüchte umliefen. So hieß es, er dürfe nie wieder nach Frankreich zurückkehren; denn er sei ein Sohn aus vornehmem Hause, der sich zum Falschspiel habe verleiten lassen, um das gewonnene Geld einer Dame der Gesellschaft, in die er sterblich verliebt war, zuzuwenden. Zwischen den beiden aus Frankreich Verbannten knüpfte sich ein intimer Verkehr an, ein schwermütiges und doch wohltuendes Verhältnis, an dem auch die gegenwärtige Gefährtin des gescheiterten Edelmannes teilnahm, eine arme Taube, der die Rolle zufiel, alltäglich von ihm eskamotiert zu werden. Dieser Beruf und das dunkle Leben in den Tiefen der Taschen hatten ihr die liebegirrende Grazie und muntere Beweglichkeit geraubt, so daß sie stets unbeweglich dasaß, ohne zu gurren und mit den Federn zu rauschen, wie ein armseliger Vogel aus Holz.

Im Sommer jedoch, als Nellos Gesundheit völlig wiederhergestellt schien und er seinen Aufenthalt in England fast fröhlich hinnahm, machte der Direktor der Deux Cirques in Paris seine alljährliche Tour durch England, um neue Talente, die in Frankreich unbekannt waren, zu entdecken. Er sah die beiden Brüder in Manchester »arbeiten« und engagierte sie für die beginnende Wintersaison aus Ende Oktober.

finis

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