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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Achtzehntes Kapitel

Nach den sechs Abenden in Hull, wo sie einen glänzenden Erfolg hatten, gingen die beiden Brüder für zwölf Abende nach Greenock in Schottland, wo sie »glänzten«; dann wurden sie, ebenfalls als »Stars«, wie der englische Ausdruck lautet, von einer Konzerthalle in Plymouth engagiert. Nach Ablauf ihres dortigen Engagements saßen sie anderthalb Jahre lang beständig in der Eisenbahn und auf dem Dampfschiff und traten in fast allen größeren Städten der drei Königreiche auf. Ihr Ruf als Trapezkünstler gestattete es ihnen sogar, Engagements auszuschlagen, deren Reisekosten zu bedeutend waren; denn Gianni wollte mit seinem Bruder nur von dem leben, was sie verdienten, und ging mit dem Erlös für die Maringotte höchst sparsam um; er wollte für unvorhergesehene Fälle, für schlimme Zufälle, wie sie in diesem Berufe so häufig sind, etwas zurückbehalten.

Dies anstrengende Leben mit seinem unaufhörlichen, notgedrungenen Wechsel hatte einen Zweck: es gestattete den beiden Brüdern, durch die flüchtigen Beziehungen weniger Tage, durch das kurze Verweilen in den verschiedensten Gesellschaften, die Produktionen fast aller gymnastischen Komiker Englands zu studieren. Diese Engagements als Trapezkünstler ermöglichten es ihnen, sich die Besonderheit, das Originelle, die gymnastischen Spaße jedes Clowns anzueignen, mit dem sie ein bis zwei Wochen zusammen waren, mit einem Wort, in den Geist und das besondere Wesen der Kunst, in all ihre mannigfachen Formen bei den verschiedensten Individuen einzudringen. Und beide übten im stillen, dachten sich kleine komische Szenen aus und wurden so Clowns – Clowns, die ihre Kostüme im voraus im Koffer hatten und stets bereit waren, im »Ring« zu erscheinen, wenn der Zufall ihnen die Gelegenheit bot.

Diese ließ nicht lange auf sich warten. In Carlisle sah sich eines Tages der Direktor Newsome, zu dessen Truppe die Brüder augenblicklich gehörten, infolge eines Streites mit Francks, dem berühmten Grobian, von diesem, seinem ersten Clown und Associé, im Augenblick vor der Vorstellung im Stiche gelassen. Alsbald erschienen Gianni und Nello an der Spitze des Clownsschwarms im Zirkus, in Kostümen, die ebenso apart wie hübsch waren, und Nello begrüßte das Publikum in wirklich recht gutem Englisch mit der üblichen Phrase der Clowns:

» Here we are again – all of a lump! How are you?« Da sind wir wieder! Die ganze Bande. Wie geht es Ihnen?

Alsbald begann eine Reihe von köstlichen komischen Szenen, untermischt mit Kraftproduktionen, plastischen Posen und drolliger Musik, welche die Körper und die Violinen der beiden Brüder in raschen und stets neuen Bildern durcheinanderwirbelten; Szenen, worin die geschmackvolle Originalität ihrer Komik, die Grazie und Eleganz ihrer Kraftleistungen, der Reiz der klassischen Jünglingsschönheit Nellos und selbst die kindliche Freude, die er bei seinem Debüt bezeigte, den Zirkus mit schallendem Beifall erfüllten.

*

Die englische Clownposse hatte in den letzten Jahren einen Stich ins Düstere erhalten, ja manchmal läßt sie uns einen leisen Todesschauer über den Rücken laufen. Sie hat nichts mehr von der sarkastischen Ironie eines Pierrot mit mehlweißem Kopfe, der, ein Auge zudrückend, in einem Mundwinkel ein Lächeln hat; sie hat sogar das phantastische im Stile Hoffmanns und das Wunderbare nach dem Geschmack des Spießbürgers fallen lassen, das eine Zeitlang ihre Einfälle und Erfindungen umkleidete. Sie hat einen Stich ins Grausige bekommen. Alles Beängstigende und Schaurige, das von den Zeitereignissen ausgeht, das Tragische und Dramatische, das Quälende und Düstere an ihnen, in dem Grau und der Farblosigkeit der Wirklichkeit, beutet sie aus, um es dem Publikum in Akrobatenkunststücken aufzutischen. Sie will den Zuschauer erschrecken: durch kleine, grausame Beobachtungen, scheußliche Einzelheiten, erbarmungslose Aneignung der Häßlichkeiten und Gebrechen des Lebens, vergröbert und verzerrt durch den Humor einer schrecklichen Karrikatur, die sich in der Einbildungskraft des Publikums zu einem phantastischen Alpdrücken gestaltet und einem etwas von dem beängstigenden Eindruck verschafft, den die Lektüre des »verräterischen Herzens« von dem Amerikaner Poë bereitet. Es ist sozusagen die Inszenierung einer teuflischen Wirklichkeit, die ein launischer, bösartiger Mondstrahl erhellt. Und seit einiger Zeit sieht man in England im Zirkus wie auf den Bühnen der Konzerthallen nur noch solche Intermezzi, in denen die Possen und Sprünge nicht mehr das Auge zu erfreuen suchen, sondern im Gegenteil bemüht sind, durch seltsame und krankhafte Bewegungen des Körpers und der Muskeln ängstliches Staunen, Empfindungen der Furcht und der fast schmerzhaften Überraschung hervorzurufen, und in denen höhnende Faustkämpfe, entsetzliche Familienszenen und grausige Späße mit Auftritten aus dem Irrenhause, der Verbrecherkolonie, dem Seziersaal, dem Zuchthause und Leichenschauhause abwechseln. Und welches ist die gewöhnliche Dekoration dieser gymnastischen Szenen? Eine Mauer, eine Vorstadtmauer von verdächtigem Aussehen, an der gleichsam noch die Spuren des Mordes haften, eine Mauer, auf deren Spitze jene schwarzgekleideten, modernen Nachtgespenster erscheinen und von ihr mit länger, immer länger werdenden Beinen herabsteigen ... so wie sie die Opiumesser des fernen Ostens in ihren Träumen sehen. Und während ihre tollen und verrenkten Schatten auf diese weiße Mauer fallen, die wie ein Leichentuch voller Laternamagika-Figuren ist, beginnen die wahnsinnigen Kraftproduktionen, das irre Gebärdenspiel, die wilde Mimik einer Schar von Verrückten.

Und in diese eisigen Seiltänzerpossen – wie in alle anderen – bringt neuerdings der glatte, schwarze Anzug des englischen Clowns etwas Leichenbitterhaftes hinein, den schauerlichen Eindruck von Schwänken, die von behenden Totengräbern gespielt werden.

*

Die gymnastischen Pantomimen der beiden Brüder glichen denen der allerneuesten englischen Clowns keineswegs. In ihnen vereinigte sich eine Reminiszenz an das Lachen der italienischen Komödie mit einem Anflug von Träumerei, den die Löhne Stepanidas in den Klang ihrer Violinen legten. Sie stellten in ihren Pantomimen Dinge von rührender Treuherzigkeit und sanft erheiternder Komik dar, daneben etwas wunderliche, die zu denken gaben, lauter Dinge, über welche die burschikose Grazie Nellos einen eigenen Reiz verbreitete, der sich nicht ausdrücken läßt. Ferner führten sie in ihre Übungen etwas phantastisches ein, das nichts Kirchhofartiges, Düsteres hatte, etwas, das hübsch, gefällig und geistreich war nach der Art eines launischen Märchens, das sich hin und wieder über die Leichtgläubigkeit des Lesers lustig macht. Dazu immerfort Überraschungen, Unerwartetes, Ausgeburten der Phantasie und Laune, in deren Verlauf Nellos schlanke Glieder zu phantastischem Leben zu erwachen schienen.

Kurz, man wußte nicht, wie und wodurch die plastischen Darstellungen der beiden Brüder im Geiste der Zuschauer das Bild und die Erinnerung eines in Dämmerlicht getauchten Possenspiels, einer Art Shakespearischen Sommernachtstraumes erweckten, dessen poetische Akrobaten sie waren.

finis

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