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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Vorwort des Verfassers

Man kann einen »Totschläger«, eine »Germinie Lacerteux« veröffentlichen und einen Teil des Publikums erschüttern, aufrütteln und begeistern. Zugegeben; aber für mich sind die Erfolge solcher Bücher nur glänzende Vorpostengefechte, und die Hauptschlacht, die den literarischen Sieg des Realismus, des Naturalismus, der Zeichnung nach der Natur entscheiden wird, kann nicht auf dem Gebiete geschlagen werden, das die Verfasser dieser beiden Romane sich erwählt haben. Erst an dem Tage, wo die grausame Analyse, die mein Freund Zola und auch wohl ich selbst auf die Schilderung der untersten Gesellschaftsschichten anwandte, von einem begabten Schriftsteller wieder aufgenommen und zur Darstellung von Männern und Frauen der guten Gesellschaft benutzt wird, von Kreisen, in denen Bildung und Vornehmheit herrschen – erst an dem Tage wird der Klassizismus und sein Zopf dem Tode verfallen sein.

Diesen realistischen Roman der vornehmen Welt zu schreiben, war meines Bruders und mein Ehrgeiz. Der Realismus, um das dumme Schlagwort zu brauchen, hat in der Tat nicht bloß die Aufgabe, das zu schildern, was niedrig und abstoßend ist, was stinkt; er ist auch dazu in die Welt gekommen, um in künstlerischen Schriftzügen das Erhabene, hübsche, Wohlriechende zu bannen und uns die Gestalten und Linien der verfeinerten Menschen und der Luxusgegenstände wiederzugeben, und zwar in einer fleißig zusammengetragenen und gewissenhaften, nicht etwa konventionellen oder erdichteten Darstellung des Schönen, einer Darstellung gleich der, welche die neue Schule in den letzten Jahren vom Häßlichen gegeben hat.

Aber, wird man einwenden, warum haben Sie diesen Roman nicht geschrieben? Warum haben Sie es nicht wenigstens versucht? Ja, das ist leicht gesagt ... Wir haben mit dem niederen Volke angefangen, weil der Mann und das Weib aus dem Volke der Natur und der Wildheit näherstehen, weil sie einfachere, wenig komplizierte Wesen sind, wogegen der Pariser und die Pariserin der guten Gesellschaft, diese Überkultivierten, deren mosaikhafte Eigenart aus lauter Nuancen, lauter Halbtönen, lauter unfaßbaren Kleinigkeiten zusammengesetzt ist – ähnlich den koketten und unbestimmten Nichtigkeiten, die den Charakter einer eleganten Damentoilette ausmachen – Jahre erfordern, bis man sie durchdrungen hat, sich in ihnen auskennt und sie im Fluge erhascht? – und man kann überzeugt sein, daß kein Romandichter, mag er noch so genial sein, diese Salonmenschen je erraten wird aus den Erzählungen seiner Freunde, die für ihn auf Entdeckungsreisen in die Gesellschaft gehen.

Alles um diesen Pariser, diese Pariserin, ist nur langsam, schwer und mit mühevoller diplomatischer Kunst zu ergründen. Das Heim eines Arbeiters, einer Arbeiterin bietet sich dem Beobachter beim ersten Besuche dar. In einem Pariser Salon muß man die Seide seiner Fauteuils abgenutzt haben, um seine Seele zu belauschen, muß man seinem Polysander oder seinem vergoldeten Holze eine gründliche Beichte abnehmen.

Die Männer und Frauen, die sich in ihm bewegen, ja das Milieu selbst, lassen sich also nur mit Hilfe eines riesigen Materials von Beobachtungen, von zahllosen Wahrnehmungen, die man mit der Lorgnette erhascht, nur durch Zusammentragen einer Fülle menschlicher Dokumente darstellen, vergleichbar den Bergen von Skizzenbüchern, die nach dem Tode eines Malers alle Studien seines Lebens repräsentieren. Denn – sprechen wir es laut aus – nur die guten Beobachtungen machen die guten Bücher: die Bücher, in denen wirkliche Menschen auf den Beinen stehen.

Dieser Roman, der in der vornehmen Gesellschaft, in der Quintessenz der Gesellschaft spielen sollte und dessen zarte und flüchtige Einzelheiten wir langsam und mit peinlicher Sorgfalt sammelten, – blieb ein Plan, den ich nach meines Bruders Tode aufgab, überzeugt von der Unmöglichkeit, ihn allein zu vollbringen. Dann nahm ich ihn wieder auf ... er sollte der erste Roman sein, den ich veröffentlichen wollte. Aber werde ich ihn jetzt schreiben, in meinem Alter? Das ist wenig wahrscheinlich ... und dieses Vorwort hat nur den Zweck, den Jüngeren zu sagen, daß der Sieg des Realismus nur auf diesem Gebiete zu erringen ist, und nicht mehr in der Schilderung des kleinen Volkes, die durch ihre Vorgänger jetzt abgenutzt ist.

Was den hier veröffentlichten Roman » Die Brüder Zemganno« betrifft, so ist er ein Versuch zu poetischer Wirklichkeit. Die Leser klagen über die starken Erschütterungen, welche die zeitgenössischen Schriftsteller ihnen mit ihrer brutalen Wirklichkeitsschilderung bereiten; sie ahnen nicht, daß die, welche diese Schilderung machen, ganz anders darunter leiden als sie, und daß sie manchmal wochenlang nervenkrank bleiben von dem Buche, dem sie mühselig und schmerzvoll das Leben gaben. Nun wohl: auch ich befand mich dieses Jahr in einem Stadium, wo ich alt, krank und müde vor der quälenden, beängstigenden Arbeit meiner anderen Bücher stand, in einem Seelenzustande, wo die allzu wahre Wirklichkeit auch mir zuwider ward. – Und ich schuf diesmal eine Phantasiedichtung, verwoben mit Erinnerung.

23. März 1879.
Edmond de Goncourt.

 

Die vorstehende Vorrede des Verfassers glaubt der Übersetzer auch in seiner Verdeutschung nicht unterdrücken zu sollen. Sie ist mehr als eine Vorrede; sie ist ein Programm, eine Absage an die Armeleutekunst, der der Autor der »Germinie Lacerteux« gleich dem jüngeren Emile Zola, dem Verfasser des »Totschlägers«, zeitlebens gehuldigt hat: er ist neben Gustave Flaubert der Stammvater des modernen Naturalismus gewesen.

Geboren 1822 in Nancy, verfaßte er in inniger Schaffensgemeinschaft mit seinem jüngeren Bruder Jules de Goncourt (geb. 1830, gest. 1870) eine Reihe sittengeschichtlicher Zeitromane: »Charles Demailly« (1860), »Soeur Philomène« (1861), »Renée Mauperin« (1864), »Germinie Lacerteux« (1865), die Geschichte eines Bauernmädchens, das durch seine unglückliche Leidenschaftlichkeit in Paris von Stufe zu Stufe sinkt und zuletzt im Hospital stirbt, ferner »Manette Salomon« (1867) und »Madame Gervaisis« (1869). Nach dem frühen Tode seines Bruders (1870), der eine unausfüllbare Lücke in sein Schaffen riß, veröffentlichte er noch: » La Fille Elisa« (1878), die Geschichte einer Straßendirne, die vor den letzten Konsequenzen des Naturalismus nicht zurückschrickt, » La Faustin« (1882), »Chérie« (1885) und » Les Frères Zemganno« (1880), den vorliegenden Zirkusroman, worin er die Einkleidung des traurigen Lebensgeschicks zweier Akrobaten benutzt, um seinem und seines Bruders gemeinsamem literarischem Schaffen ein rührendes Denkmal zu setzen. Eine Phantasiedichtung, verwoben mit Erinnerung, nennt er diesen Roman, in dem er zum erstenmal mit dem naturalistischen Dogma bricht und dessen Einseitigkeit offen bekennt, – wenngleich seine frühere Darstellungsart sich noch oft genug im Laufe der Erzählung verrät.

Freilich ist der Naturalismus der Goncourts ungleich vornehmer als der des grobschlächtigen Arbeitsriesen Zola; er bedeutete für sie das letzte, durch die Methoden der exakten Wissenschaft aufs höchste verfeinerte Stilprinzip der alten französischen Kunst und Kultur, mit der sich die beiden Brüder auch in einer Reihe bedeutsamer kulturhistorischer Einzelschriften intensiv befaßt haben: Histoire de la Société française pendant la Révolution (1854), pendant la Directoire (1855), Portraits intimes du XVIII siècle (1856-58), Histoire de Maris Antoinette (1858), Les Maîtresses de Louis XV (1860), La Femme au XVIII siècle (1862), I'Art au XVIII siècle (1874), I'Amour au XVIII siècle (1875).

Vom französischen Rokoko, das so viele Anregung von der »Chinoiserie«, der Kunst Ostasiens, empfing, gingen sie dann zum Studium der japanischen Malerei im XVIII. Jahrhundert über (1896), auch hierin dem neuen Jahrhundert, das den Japanismus im Kunstgewerbe eifrig kultivieren sollte, vorausschreitend. – Eine wahre Zeitgeschichte in Anekdoten legten sie schließlich in ihrem neunbändigen Tagebuch (erschienen 1887-1896) nieder; und Edmond suchte die von beiden Brüdern vertretenen Tendenzen, die sich erst spät die allgemeine Beachtung erwarben, auch über das Grab hinaus fortzupflanzen durch die testamentarische Gründung einer Goncourt-Akademie von zehn Mitgliedern, die eine Art Konkurrenzunternehmen gegen die Académie française darstellte und die seit 1902 in Kraft getreten ist.

Die Schöpfungen der Brüder Goncourt gehören heute der Weltliteratur an: durch die haarscharfe Beobachtungsmethode, die Feinfühligkeit des Geschmacks und des Empfindens und den hohen kulturhistorischen Sinn ihrer Verfasser.

Fr. v. O. Br.

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