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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Dreizehntes Kapitel

Schon als Nello noch ganz klein war, hatte Gianni ihn bei einigen seiner Produktionen mit verwendet, zum Vergnügen für den Knaben, wie um Lust und Wetteifer für den Beruf in ihm zu erwecken. Später gewahrte er bei seinem kleinen Bruder ein so heißes Verlangen, an allem, was er selbst ausführte, teilzuhaben, daß Gianni ihm nach und nach fast alle seine Übungen beibrachte; ja, in den letzten Jahren, wo Nello zum Jüngling heranwuchs, hatte der Ältere sich ganz entwöhnt, allein zu arbeiten; er hätte sich fremd und vereinsamt gefühlt, wenn Nello seine Arbeit nicht teilte. Wenn Gianni jetzt jonglierte, so nahm er Nello auf seine Schultern, und dieses Übereinander von zwei Jongleuren, die nur einen bildeten, führte beim Fliegen der Kugeln zu seltsamen und unverhofften Spielen, Wechselspielen, Doppelspielen, Gegenspielen usw. Am Trapez machte Nello alles nach, was Gianni ausführte, und kreiste in der Planetenbahn seines Bruders mit, bald mit seiner raschen Drehung verschmolzen, bald ihm von ferne folgend in der langsamen Bewegung des auslaufenden Schwunges. In neuen Produktionen, die der Ältere mit ihm eingeübt hatte, um »den kleinen Gymnastiker« in Szene zu setzen, ließ Gianni, auf dem Rücken liegend, seinen Bruder herumwirbeln, ihn mit den Füßen ergreifend, emporwerfend und auffangend, so daß seine Füße in diesen Momenten mit dem Zugreifen und der Fingerfertigkeit wirklicher Hände begabt schienen. Dann folgten andere gemeinsame und geteilte Übungen, bei denen ihre Kräfte, ihre Gelenkigkeit und Behendigkeit sich vereinten, und bei denen eine einzige Sekunde des Nichtübereinstimmens ihrer Bewegungen, der falschen Berechnung ihrer Berührungen, dem einen wie dem anderen und bisweilen allen beiden den Tod hätte bringen können. Doch es herrschte ein so völliges körperliches Einverständnis zwischen den beiden Brüdern, daß die Übereinstimmung des Willens in den Beuge- und Streckmuskeln sowie in den Sehnen eine einzige und gemeinsame Bewegung ihrer Gliedmaßen auslöste.

Diese geheime und verborgene Harmonie in den Gliedern der beiden Brüder bei der Ausführung einer Nummer, dies liebkosende Berühren wie zwischen Vater und Sohn, dieses Fragen von Muskel zu Muskel, dieses Antworten von Nerv zu Nerv, diese beständige Unruhe und Besorgnis in beider Empfindung, dieses Dransetzen des Lebens füreinander in jedem Moment, dieses fortwährende heile Hervorgehen aus der gleichen Gefahr – das alles zeitigte ein moralisches Vertrauen, welches die Bande des Instinktes zwischen Gianni und Nello noch enger knüpfte und den natürlichen Hang der beiden, sich zu lieben, noch weiter entwickelte.

finis

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