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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Elftes Kapitel

Giannis Hände waren selbst in der Mußezeit unaufhörlich tätig und tasteten fortwährend umher. Schier unwillkürlich und faßt unbewußt ergriffen sie alle Gegenstände in Reichweite, setzten sie auf den Hals einer Flasche, eine Kante, eine Stelle ihrer Oberfläche, wo sie sich vernünftigerweise nicht halten konnten, und bemühten sich vergebens, sie dort ein paar Augenblicke zu balancieren. Seine Hände arbeiteten fortwährend mechanisch daran, die Gesetze der Schwere auf den Kopf zu stellen, die Bedingungen des Gleichgewichts umzuwerfen und die Dinge aus ihrer ewigen Gewohnheit, aus dem Boden oder auf den Füßen zu stehen, aufzustören.

Oft auch brachte er lange Zeit damit zu, ein Möbel, einen Tisch, einen Stuhl nach allen Richtungen umzudrehen, und dies mit einer so neugierigen, so eigensinnigen Forschermiene, daß sein kleiner Bruder ihn schließlich fragte:

»Sag doch, Gianni, was hast du mit dem Dinge vor?«

»Ich suche.«

»Was denn?«

»Ha, das ist's ja!« Und Gianni setzte hinzu: »Nein, zum Teufel, ich werd' es nie finden.«

»Aber was denn? Sag es mir doch! Sag es mir!« wiederholte Nello mit dem langgezogenen, klagenden Finale eines bittenden Kindes, das etwas wissen will.

»Wenn du größer bist ... Jetzt verstehst du es noch nicht ... Geh, Brüderchen, für dich such' ich auch!«

Mit diesen Worten sprang Gianni eines Tages auf einen kleinen, viereckigen Tisch, den er aufrecht hingestellt hatte, und rief seinem Bruder zu:

»Aufgepaßt, Brüderchen! Siehst du das kleine Beil da in der Ecke? Nimm es ... gut! ... Recht so ... Nun hau' mit aller Kraft hier auf das Tischbein, hier, das rechte« ... Das Tischbein zerbrach unter Gianni, der auf dem dreibeinigen Tische stehenblieb. »Nun das andere, das linke.« Das zweite Bein wurde abgeschlagen, und Gianni hielt sich durch ein Wunder des Gleichgewichts noch immer auf dem Tisch, dem die beiden vorderen Füße fehlten. – »Ah! Ah! Ah!« rief Gianni im Ton eines Zirkuskünstlers. »Da liegt der Hund begraben ... Jetzt gilt's, Brüderchen, das dritte Bein ab.«

»Das dritte Bein?« sagte Nello, ein wenig zaudernd.

»Jawohl, das dritte; aber das mit ganz kleinen Schlägen ... und einem kräftigen Schlage zuletzt, damit es abfliegt.« – – Mit diesen Worten und während das dritte Bein sich abzulösen begann, erreichte Gianni die äußerste Tischkante über dem einzigen, noch festen Fuße.

Das dritte Bein fiel, und Nello sah, wie die Tischplatte wagerecht auf ihrem einzigen Beine schwebte, gehalten von den beiden Fußspitzen seines Bruders, dessen Körper, hin und her schwankend, ebensoviel auswärts von dem Tische wie oberhalb davon stand und auf dem Boden einen Schatten warf, wie der krumme Henkel eines Gefäßes.

»Rasch, zu mir herauf!« rief er Nello zu; aber schon rollten Tisch und Equilibrist auf den Boden.

Bisweilen verbrachte Gianni unbeweglich vor einem Gegenstande in halb erhobener, halb kauernder Stellung, das eine Knie auf dem Boden, das andere erhoben, und seine beiden übereinandergelegten Hände darauf gestemmt – so unbeweglich, daß Nello, aus Respekt vor dem ernsten Sinnen des Bruders ihn nicht anzureden wagte und sich nur durch ein leises Anstreifen mit dem Körper bemerkbar machte, ähnlich wie ein Tier, das sich zärtlich an seinem Herrn reibt. Gianni legte seine Hand, ohne sich umzudrehen, sanft auf das Haupt seines Bruders und zog ihn durch einen leichten Druck zu sich herab, ohne die Hand vom Haar des Knaben zu nehmen, ohne den Blick von dem Gegenstande abzuwenden. Endlich schloß er ihn in die Arme und warf sich hintenüber mit den Worten: »Nein, es geht nicht.«

Dann wälzte er sich mit ihm im Grase, wie ein großer Hund, der mit einem kleinen Köter spielt, und unwillkürlich entschlüpften seinem Munde, ohne daß er wollte, daß das Kind ihn verstand, die ganz lauten Worte: »Ha, Brüderchen ... einen Trick ... einen Trick, den man erfinden müßte ... etwas Neues ... einen besonderen Trick, verstehst du? ... Einen Trick, der in Paris aus den Anschlagzetteln den Namen der zwei Brüder« ... Und sich plötzlich unterbrechend, ergriff er ihn und ließ ihn, als suchte er sein Gedächtnis für das eben Gehörte zu verwischen, eine Reihe wilder Purzelbäume schlagen, in deren endlosem Wirbel der Knabe Giannis Hand wie die eines Bruders und zugleich die eines Vaters an seinem Körper fühlte.

finis

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