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Die Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße

Max Eyth: Die Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Brücke über die Ennobucht
authorMax Eyth
year1988
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-005601-2
titleDie Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße
pages1-140
created19991117
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3 Die Brücke

Zunächst hatte die Begegnung mit meinem alten Freunde die Wirkung, daß ich mich plötzlich für Brücken interessierte wie nie zuvor. Früher waren mir diese starren, toten Machwerke ziemlich gleichgültig gewesen. Höchstens als Zugabe zu einer Landschaft ließ ich sie gelten, und dann waren sie mir um so willkommener, je gefährlicher und zerfallener sie aussahen. Ich war zu sehr Maschinenbauer geworden. Was meine technische Teilnahme fesseln sollte, mußte Umdrehungen machen, sich mindestens bewegen. Mit einer Brücke ließ sich nichts anfangen, wenn sie nicht umfiel; man konnte sie höchstens anstreichen. Dies wurde nun anders. Alles wenigstens, was über den Fortschritt der Ennobrücke in Zeitungen und technischen Journalen zu finden war, suchte ich liebevoll zusammen. Ein freundschaftlicher Briefwechsel mit Stoß kam in Bewegung, bei dem nach guter Freunde Art sich allerdings keiner überstürzte. Wir teilten uns gelegentlich unsre Hoffnungen und Sorgen wieder mit, wobei ich ein etwas bunteres Bild darbieten, er in satteren Farben malen konnte. Ein Riesenwerk wie die Ennobrücke nimmt, für gut oder übel, den ganzen Menschen gefangen.

Seine Briefe, die ich sorgfältig aufbewahrte, wurden später durch ein halbes Dutzend andrer an seine Frau ergänzt. Wie diese in meine Hände kamen, wird sich in geeigneterer Weise später zeigen lassen. Ein kleiner Auszug aus beiden Paketen erspart mir die Schilderung der Hauptvorgänge während des gewaltigen Baus, der acht Jahre lang in weiten Kreisen mit reger Aufmerksamkeit verfolgt wurde. – Die ersten zwei Schreiben stammen aus der Zeit, die unserm Zusammentreffen auf dem Kahlenberg voranging. Trotzdem mögen sie der Vollständigkeit halber hier eine Stelle finden.

*

Ennobucht, den 25. Juni 1871

Meine liebe Ellen!

Dein Papa behauptet, ich sei in den nächsten drei Wochen hier im Norden nützlicher als in London und Richmond. Ich fürchte, wir müssen es glauben. Ehre Vater und Mutter, auf daß dir's wohl gehe. Die Folge aber ist, daß ich Dir den Festbericht von gestern nicht mit den üblichen Küssen mündlich abstatten kann. Und das schlimmste scheint mir: meiner kurzen Verbannung in diese Wildnis werden wohl andre, längere folgen, bis wir in fünf bis acht Jahren trockenen Fußes und Arm in Arm über das Stückchen See wandeln können, das sich vor meinen Augen breitmacht. Ich habe mir deshalb heute vormittag in Lavalettes Arbeitsschuppen ein Stübchen zurechtgemacht, von dem aus ich die herrliche Wasserfläche übersehen und an Dich denken kann. Es werden vorläufig manche gezwungene Pausen in unsrer »fieberhaften Tätigkeit« eintreten, wie meine alten Wiener Landsleute zu sagen lieben, wenn sie sich gemächlich an die Arbeit machen. Aus diesen mögen Briefe werden, die den Dokumenten Deiner Brautzeit nichts nachgeben sollen. Du siehst, ich bin seit gestern zu allen guten Vorsätzen fähig. Auch verspreche ich Dir, daß Du selbst vor Ablauf von acht Jahren an dieser Stelle ein zweites Fest mitfeiern sollst, das die kleine Tragikomödie von gestern auslöschen und vernichten wird. Die kommende Eröffnungsfeier der Brücke will ich selbst in die Hand nehmen.

Grundsteinlegen können nämlich Deine wackeren Landsleute, die sonst so vieles können, nicht! Eure Freunde über dem Kanal hätten sich den Tag anders eingerichtet, trotz ihres augenblicklichen Elends. Da wären ein Regiment Kürassiere, ein Bischof und ein Altar, die Bürgermeister der halben Republik, fünfzig weißgekleidete Jungfrauen, fünfundzwanzig Komiteemitglieder in Nationalfarben, Vertreter gelehrter und ungelehrter Zünfte, Blechmusik an beiden Ufern, die vorläufig eine Brücke aus Tönen hergestellt hätte, Böllerschüsse und Feuerwerk angerückt gekommen, um den Segen von Himmel und Erde auf das große Werk herabzurufen. Hier standen wir, fünfzehn aufgespannte Regenschirme, sang- und klanglos um ein wassergefülltes Loch herum, als ob wir einen viereckigen Selbstmörder begrüben. Nur die Eingeweihtesten konnten zur Not ahnen, daß dies ein feierliches Freudenfest war und der erste Stein der großen Ennobrücke versenkt wurde.

Da war Dein Papa, feierlich und freudig erregt, wie es sich geziemte. Am Morgen hatte er die Nachricht erhalten, daß der Regierung Ihrer Majestät ein Licht aufgegangen und der verdienstvollste Mann des Königreichs geadelt worden sei. »Sir Bruce« stand am Schluß der fünfzehn Jahre langen Vorarbeiten seines gewaltigen Unternehmens, Arbeiten, die einen Elefanten hätten umbringen können. Hinter ihm standen vier Direktoren der Nord-Flintshire-Eisenbahn – einundzwanzig hatten sich entschuldigt; ihm gegenüber der Bürgermeister, ein Magistratsmitglied von Pebbleton und drei Kollegen aus der Nachbarschaft. Die Bürgerschaft des Königreichs repräsentierte der Wirt zum »Goldenen Kreuz«, ebenfalls aus Pebbleton, bei dem das Festessen bestellt war und der die kleine Versammlung mit der Miene tiefster Besorgnis musterte. Er hatte auf dreimal so viel Gedecke gerechnet. Das Ingenieurwesen vertrat nächst Deinem Vater der alte Lavalette, der die Ausführung der Brücke übernommen hat, in einem den Witterungsverhältnissen angepaßten Frack und sehr schmutzigen Stiefeln, Jenkins, der wie eine auf einer Ferienreise begriffene Nachteule dreinsah, ich und die jungen Leute von Lavalette. Die etlichen hundert Erdarbeiter, Maurer und Zimmerleute, die bereits hier sind, standen verschüchtert, wenn auch neugierig, in einiger Entfernung und wollten sich nicht heranwinken lassen, als ob sie das Losgehen einer Sprengpatrone erwarteten. Es war aber zunächst nur Dein Vater, der einige passende Worte sprach, die man wegen des Windes leider nicht verstehen konnte. Ihm folgte der erste Bürgermeister von Pebbleton, welcher in längerer Rede auf die blühende Jutefabrikation seiner Stadt hinzuweisen begann, zum Glück aber nicht weit kam, weil ein Windstoß seinen Regenschirm umdrehte und die Arbeiter dies als das verabredete Zeichen ansahen, in ein kräftiges Hurra auszubrechen, womit die feierliche Handlung schloß. Etwas zu spät, aber sehr rasch versank der Stein in seinem feuchten Grab und bespritzte zum Dank die Nächststehenden mit großen gelben Lehmklumpen, die sie bis zum Schluß des Tages zur Schau trugen. Dann fuhren wir in einem bereitliegenden Dampfer nach Pebbleton hinüber und saßen eine Stunde später bei einem vortrefflichen Mahl. Ganz unerwartet und hocherfreulich war es, daß sich hierzu sämtliche Direktoren der Bahn, sämtliche Stadtverordnete von Pebbleton und eine überraschende Zahl enthusiastischer Bürger eingefunden hatten. Ende gut, alles gut. Gegen elf Uhr nachts hatte man die Brücke nahezu vergessen, obgleich sie in wenigstens zehn Toasten in all ihren Beziehungen zu dieser und jener Welt gefeiert worden war. Die Festlichkeit artete in eine allgemeine Verbrüderung von Nord und Süd, von alt und jung, von Landwirtschaft und Industrie, von Gott und Welt aus, gegen die sich vom ethischen Standpunkte aus gewiß nichts einwenden läßt. Für uns, die eigentlichen Brückenbauer, war es ein halbverlorener Tag. Doch muß man billig sein: in acht Jahren stellt ein halber Tag keinen fühlbaren Verlust dar.

Um so flotter muß es jetzt vorwärtsgehen. Lavalette ist ein netter Herr, guter, solider Engländer trotz seines französelnden Namens, den eine alte Hugenottenfamilie herübergebracht hat, wie ich höre. Man spürt noch etwas von dem ernsten Enthusiasmus seiner Vorfahren, den wir bei Franzosen nicht erwarten, wenn er seine Leute kommandiert oder Pläne für die nächste Zukunft bespricht. Der Mann gefällt mir außerordentlich. Er hat das niederste Gebot für die Brücke gemacht: 215 000 Pfund; und ich fürchtete ernstlich, ehe ich ihn kannte, es werde zu niedrig sein. Das ist bei einem so großen Unternehmen für alle Teile ein Unglück. Aber eine Energie und eine Geschäftsgewandtheit wie die seine sind imstande, 50 000 Pfund zu ersetzen. Jedenfalls erwarte ich, gut mit ihm auszukommen, solange er mit dem Gelde auskommt. Er ist, wie jedermann um mich her, in die Brücke verliebt, seitdem er, vor fünf Jahren, im Auftrag Deines Papas die Sondierungen für die Pfeilerfundamente vornahm. Daher erklärt sich auch sein billiges Angebot. Und außerordentlich beruhigend ist es, daß nun derselbe Mann, der diese wichtigen Untersuchungen in Händen hatte, auf denselben auch weiterbauen muß. Du weißt nicht, Schatz, wie unnötig viele Sorgen einem durch den Kopf gehen, wenn man den glatten Wasserspiegel vor sich sieht, der heute, so unschuldig wie ein Kind, das Blau des Himmels zurückstrahlt. Wer kann wissen, was unter dieser glänzenden Oberfläche liegt und liegen wird, ehe wir lustig drüber wegfahren!

Am Strande wenigstens fängt es an lebendig zu werden. Schuppen, Magazine, Geschäftszimmer, Arbeiterwohnungen wachsen aus dem Boden. Am Ufer – man weiß wahrhaftig heute noch nicht, soll man hier von Strand oder Ufer, von Meer oder Fluß sprechen; die Ennobucht bleibt ein geheimnisvoller Hermaphrodit – am Ufer also ist ein langer hölzerner Landungsstaden fertig. Zwei gewaltige Plattformen sind im Bau begriffen. Auf der einen sollen die Gitterbalken zusammengenietet, auf der andern die Senkkasten und das Belastungsmauerwerk für dieselben gebaut werden, auf welche die künftigen Pfeiler zu stehen kommen. In einigen Wochen wird das alles in vollem Gang sein. Was die Sache so interessant und schwierig macht, ist, daß der Bau der Brücke die Schiffahrt nicht unterbrechen darf, daß also keine Gerüste irgendwelchen Art in dem Strombett aufgebaut werden dürfen. An den drei steinernen Landpfeilern hat man heute mit neunzig Arbeitern zu mauern angefangen.

Vorläufig liegt die weite Bucht noch vor uns, im Gold der Abendsonne, als ahnte sie nichts Böses: ein stilles, glückliches Bild, wie es die Natur schuf, ehe Menschen waren. Friedlich rollt die Flut herauf und kümmert sich nicht um die Zwerge, die emsig am Ufer hantieren. Es ist, als fühlten die gewaltigen Wassermassen, daß sie hier Herr sind und nichts und niemand, seit Kanut dem Großen, ihnen zu widerstehen wagt. Aber es kommt anders, mein guter Enno. In wenigen Jahren stehen achtzig schlanke Pfeiler in deinem Grund, gegen die du toben kannst, soviel du Lust hast, und über deiner Tiefe liegt ein eisernes Band, auf dem die Zwerge hin und her fahren, wann es ihnen beliebt, ob du flutest oder ebbst, im Sturm tobst oder still im Abendrot schimmerst. Die Tage deiner Alleinherrschaft sind gezählt.

In weiter Ferne, drüben in Pebbleton, zünden sie die Lichter an. Die zusammen gehören, setzen sich ums Kamin. Es wird Feierabend in der Welt. Auch das Rufen und Rennen, das Gehämmer und Gesäge am Staden unten hat aufgehört. Ich muß hier in meiner einsamen Bude aushalten, so gut ich kann. Aber wenn einmal unsre Brücke steht, Billy, wollen wir auch zusammen sitzen wie die Pebbletoner. Nein, schon vorher; hundertmal vorher!

Dein vereinsamter Brückenbauer

Nachschrift: Schicke mir meine großen Logarithmentafeln hierher. Sie liegen in meinem Arbeitszimmer links oben auf dem Bücherschrank. Das Inspizieren und Überwachen ist eine einförmige Arbeit und läßt manchmal Zeit zu allerhand Nebensächlichem. Auch kann ich Dir nicht immer von meiner Sehnsucht erzählen, wie Du's verlangst. Zur Erholung möchte ich alle auf die Brücke bezüglichen Berechnungen noch einmal durcharbeiten. Das beruhigt.

War Dir dieser Brief lang genug?

*

Ennobucht, den 6. November 1872

Du willst zu viel wissen, Billy, und zu viel wissen, sagen wir in meinem alten Vaterland, macht Kopfweh. Ganz kannst Du Dich von Deinem Geschlecht eben nicht losreißen. Ich wäre auch übel dran, wenn Du's könntest. Und so werde ich das kleinere der zwei Übel wohl auf mich nehmen müssen und Deine weibliche Neugierde zu befriedigen suchen, so gut es geht. Schimpfe aber nicht nachher, man verstehe kein Wort von allem, was ich sage. Zu einem unverständlichen Bericht gehören immer zwei, und nicht immer ist der arme Berichterstatter der schuldige Teil.

Lavalette will mich um jeden Preis wieder vier Wochen hierbehalten, bis das Versenken der neuen Senkkasten in geregeltem Gange ist. Er hat nicht ganz unrecht, denn ich bin für die Änderung verantwortlich, für die er mir übrigens dankbar ist, wie es halbe Franzosen sind – avec effusion.

Wie meine Senkkasten aussehen? – warum Papas alte nichts taugten? – was ein Senkkasten sei? – das alles sprudelst Du heraus, als ob man solche Fragen in zwei Worten beantworten könnte. Aber ich will mein möglichstes tun. Das ist hier die Regel für uns alle.

Es handelt sich also vor allen Dingen darum, für unsere neunundachtzig Pfeiler in zwanzig bis dreißig Fuß tiefem Wasser feste Grundmauern zu schaffen. Dabei ist der Boden der Bucht kein Fels, wie wir ihn brauchen, sondern auf eine Tiefe von zehn bis fünfzehn Fuß Sand und grobes Geröll. Erst unter dieser Schicht, also vierzig bis fünfzig Fuß unter der Wasseroberfläche, findet man Gestein, auf dem sich bauen läßt.

Nun nimm meinen feinsten schwarzen Seidenhut und schneide ringsum den Rand sorgfältig ab – doch nein! tu dies lieber nicht! – Denke Dir ein einfaches Wasserglas ohne Fuß, drehe es um und stelle es so ins Wasser. Das Wasser soll dreimal tiefer sein als die Höhe des Glases. Die im Glas eingeschlossene Luft wird zunächst verhindern, daß sich dieses völlig mit Wasser füllt. Denke Dir weiter ein kleines Loch in dem nach oben gekehrten Boden des Glases und eine dichtschließende Röhre in das Loch geschraubt, die bis zur Wasseroberfläche heraufreicht. Wenn Du durch diese Röhre hineinbläst, so wird durch die Spannung der Luft weiteres Wasser aus dem Glase verdrängt; bläst Du stark genug – ich weiß, Du würdest dies tun –, so treibst Du alles Wasser aus dem Glas hinaus, so daß selbst der Boden, auf dem es steht, trockengelegt wird. Früher hieß man dies einen Caisson, aus Höflichkeit, weil die Franzosen sich einbilden, das Ding erfunden zu haben; heute ist es ein Senkkasten.

Das heißt, Du mußt Dir das Glas neun Fuß im Durchmesser und sieben Fuß hoch denken, so daß vier Leute bequem darin stehen und arbeiten können, und das runde Loch in der Decke etwa drei Fuß weit; die Röhre, die vom Loch durch das Wasser nach oben führt, vielleicht zwanzig Fuß hoch, und das Ganze aus starkem Eisenblech und teilweise aus Gußeisen. Siehst Du es jetzt?

Dieses Ungetüm, so groß wie ein kleines rundes Haus mit einem unförmlich hohen Schornstein in der Mitte, wird am Ufer angefertigt, zwischen zwei Schiffe gehängt und in den Strom hinausgefahren. An der Stelle, wo man seinen Pfeiler haben will, wird es versenkt und schneidet mit seinem kreisrunden scharfen Rande unten zunächst in den Sand und das Gerölle ein, auf das es zu stehen kommt. Mittlerweile hat man auch einen mächtigen Block aus Zement und Backsteinen gebaut, im Durchmesser so groß wie der Senkkasten und zwölf oder fünfzehn Fuß hoch, der ein Gewicht von viertausend Zentnern hat. Auch dieser Riesenblock wird von zwei Schiffen geholt und versenkt, so daß er genau auf den eisernen Senkkasten zu stehen kommt und dann noch zur Zeit der Ebbe wie ein Inselchen aus dem Wasser herausragt.

Wie diese gewaltigen Massen von den zwei Booten am Ufer aufgehoben, zwischen denselben hängend davongetragen werden und dann genau an der richtigen Stelle in der dunkeln Tiefe verschwinden, will ich Dir heute nicht erzählen. Das meiste schafft dabei Ebbe und Flut für uns, die täglich zweimal das Niveau des Stromes an dieser Stelle um sechs bis zehn Fuß hebt und senkt. Es hat fast etwas Ergreifendes, wenn man zum erstenmal sieht, wie die geheimnisvolle Naturkraft, die vom fernen Mond herkommt, unsre riesigen Blöcke leise, aber mit einer fürchterlichen, alles zermalmenden Sicherheit packt und wir nur zuzusehen brauchen und den richtigen Augenblick nicht verpassen dürfen. Es wird einem ordentlich bange, wenn die gewaltigen Massen sich stöhnend erheben, als ob sich's von selbst verstünde, ihre Wanderung über Wasser antreten und gurgelnd versinken, um drunten in der Tiefe ihre neuen Pflichten zu erfüllen.

Dann machen sich die Transportboote mit ihren hydraulischen Winden davon, und das Boot mit der Luftpumpe legt sich an die kleine Kunstinsel, in deren Mitte der schornsteinartige Luftschacht des Senkkastens hervorragt. Derselbe wird durch eine Luftkammer mit doppelten luftdichten Türen geschlossen, von denen die eine sich nach außen, die andere nach innen in den Luftschacht öffnen läßt. In diesen Schacht wird jetzt Luft gepumpt. Dieselbe treibt das Wasser aus dem Senkkasten hinaus, so daß man jetzt durch die Luftkammer in die Röhre und in die mit gepreßter Luft gefüllte Kammer hinuntersteigen kann. Dort steht man trockenen Fußes zwanzig Fuß unter Wasser auf dem Sand und Geröll des Flußbettes wie in einem runden Stübchen. Nun geht's ans Ausgraben des Senkkastenbodens. Sand, Steine, Schlamm werden durch den Luftschacht hinaufgeschafft. Es entsteht ein sich langsam vertiefendes Loch, im Durchmesser so groß wie der Senkkasten selbst, in welches derselbe durch sein eignes Gewicht tiefer und tiefer in den Boden sinkt. Dadurch würde unser Inselchen an der Oberfläche des Wassers bald verschwunden sein, wenn nicht Maurer den Zementblock fortwährend um so viel nach oben weiterbauten, als er in der Tiefe versinkt. Schließlich ist der höher und höher werdende Bau durch die ganze Schichte von Sand und Lehm und Geröll in dieser Weise durchgesunken. Der Senkkasten sitzt auf dem Felsgestein, auf dem er für immer zur Ruhe kommt. Nun wird das hohle Innere desselben ausgemauert und mit Beton gefüllt. Ist dies geschehen, so ist der Pfeiler vom Felsengrund bis an die Wasseroberfläche ein turmartiger, fester Steinblock, auf dem sich getrost weiterbauen läßt.

Verstehst Du das jetzt, Billy? Die niedlichsten Sachen habe ich natürlich weglassen müssen; wie die Leute durch die Luftkammer in das Rohr kommen, wie die gespannte Luft erhalten wird, wie es den Arbeitern drunten zumute ist, wie das Geröll herauskommt, ohne daß der ganze Senkkasten, wie eine Champagnerflasche knallend, seine gespannte Luft verliert, und andres mehr. Das alles wollte ich Dir mündlich gerne auseinandersetzen, wenn Du dann nicht immer vorzögest, Dummheiten zu machen.

Nun bilden zwei solche Senkkästen, die nebeneinander zu stehen kommen und oben mit Mauerwerk verbunden werden, die Basis eines eigentlichen Brückenpfeilers. Aber schon bei den ersten fünf Pfeilern, die in verhältnismäßig geringer Tiefe Felsgrund finden, hatte man große Schwierigkeiten. Im Sand, durch den sie versenkt werden, liegen gelegentlich mächtige Steine und Felsblöcke, welche der Strom in Urzeiten aus dem Gebirge herabgebracht haben mag. Wenn die Kante des Senkkastens auf einen derartigen Felsblock stieß, wollte das erforderliche senkrechte Versenken nicht mehr gelingen. Drei Pfeiler fielen hierbei völlig um und machten die fürchterlichste Mühe und Arbeit, bis sie wieder aufgerichtet und endlich richtig gestellt waren. Die Basis jedes einzelnen war für seine Höhe zu klein. In dieser Weise konnte Lavalette nicht weitergehen. Nach meinem Vorschlag wurden nunmehr beide Senkkästen auf einen gemeinsamen, ovalen, schmiedeeisernen Unterbau aufgesetzt, in dieser Weise fest verbunden und gleichzeitig versenkt. Hierdurch gewann man eine doppelt so große Basis, und die zwei Teile des Doppelpfeilers konnten ihre parallele Stellung nicht verlassen. Es scheint so in der Tat vortrefflich zu gehen und hat die Sorgen, die uns durch den ganzen letzten Monat quälten und Lavalettes Haar, nach seiner Behauptung, gebleicht haben, aus der Welt geschafft. Jetzt ist alle Hoffnung vorhanden, daß wir rascher vorwärtskommen und die 89 Inselchen bald über die Bucht punktiert sein werden.

Vorige Woche wurde der erste Gitterbalken zwischen dem vierten und fünften Pfeiler aufgelegt. Das ist auch eine hinlänglich wundersame Geschichte zum Zusehen. Was wir hier unter einem Balken verstehen, ist die ganze Brücke, fix und fertig, mit Ausnahme der Schwellen und Eisenbahnschienen, welche zwei Pfeiler verbindet; ein Ding aus schmiedeeisernen Stäben und Stangen, 15 Fuß hoch, etwa 10 Fuß breit und an diesem Ende des Baus 120 Fuß lang, das etwa 3600 Zentner wiegt. Die Stäbe und Stangen kommen, in richtiger Länge geschnitten und gebohrt, von Wales, wo Lavalette seine Eisenwerke hat, und werden hier auf der hölzernen Plattform über dem Wasser, die hierfür gebaut wurde, zusammengestellt. Ist der Balken fertig, so werden an beiden Enden bewegliche Stücke der Plattform entfernt. Zwei Boote fahren während der Ebbe in die entstandenen Lücken unter den Gitterbalken. Mit der steigenden Flut heben sich die Boote und heben auch den Balken in die Höhe, der jetzt, von den beiden Booten getragen, schwimmt. Das sonderbare Fahrzeug wird nun nach den Pfeilern geschleppt, für die es bestimmt ist, welche bei Hochwasser nur wenige Fuß über die Flut hervorragen. Dort wird das Ganze so verankert, daß bei Wiedereintritt der Ebbe die sinkenden Boote unsere Balkenenden auf beiden Pfeilern sitzen lassen und nach kurzer Zeit des weiteren Sinkens frei unter dem Balken wegsegeln können. Was wir ohne Ebbe und Flut machen würden, weiß ich nicht. Es ist eine wundervolle Einrichtung und nur schade, daß wir sie nicht auch erfunden haben.

Nun aber werden auf den zwei Pfeilerinselchen hydraulische Pressen aufgestellt, mit denen der Balken langsam in die Höhe gepumpt wird, während die gußeisernen Säulen Glied um Glied untergeschoben werden, bis der Balken seine richtige Höhenlage, etwa 80 Fuß über der Wasserfläche, erreicht hat, so daß große Segelschiffe unter ihm durchfahren können.

Dieses Manöver wurde also gestern zum erstenmal ausgeführt. Es ging alles glatt und ohne Anstand vonstatten. Jede Bewegung, jede Pause war ausgeklügelt. Mit der Sekundenuhr in der Hand, einen Mann mit einem Sprachrohr an der Seite, kommandierte Lavalette Schiffe und Leute. An diesem ersten Tag stieg der Balken um zwanzig Fuß in die Höhe. Aber ich war doch begierig, als es Dämmerung wurde, ob wir ihn am nächsten Morgen noch oben finden würden. In sechs Tagen hatte er seine richtige Höhe erreicht, und meine gußeisernen Pfeiler stehen da, als ob sie in den Himmel wachsen wollten. Ich gebe zu, daß man sich an den Anblick gewöhnen muß. Manchmal krampft sich mir doch das Herz zusammen, wenn ich von einem Boot aus oben am blauen Firmament das Gitterwerk betrachte. Man glaubt die ganze fürchterliche Eisenmasse schwanken zu sehen. Natürlich ist es die Bewegung des Bootes, oder es sind die fliegenden Wolken, die das Auge täuschen. Gut aber ist es doch, daß es nicht jedermann zu sehen bekommt. Auch Jenkins brauchst Du nichts zu sagen.

Du siehst, es geht alles munter vorwärts. Lavalette hat jetzt rund dreihundert Arbeiter auf dem Platz, zweihundert hier und hundert am Nordufer. Es ist eine Freude, ein solches Werk wachsen zu sehen, und ich weiß, Du freust Dich mit mir. Die Sorgen laß mir allein. Manchmal brauchen sie einen dicken Schädel und ein festes Herz. Das Unerwartete kommt uns so oft in die Quere, und dann geht auch im gewohnten Geleise nicht immer alles, wie es sollte. Von manchem kritischen Punkte wissen wir noch so blutwenig und sollen und müssen darauf losbauen. Aber wo wäre die Welt geblieben, wenn nicht einige die Nerven gehabt hätten, die es möglich machen, im Dunkeln zuzugreifen.

Das Wetter wird schlecht. Es stürmt viel. Gerade heute rüttelt der Westwind an den etwas mangelhaften Fenstern meiner Bude nicht übel, und die ganze Bucht ist mit weißen Wellenkämmen bedeckt. Früher freute mich das Brausen, wann und wo ich's hörte. Seit einiger Zeit macht mich's förmlich beklommen, ohne daß ich mir bewußt werde, weshalb. Wenn ich den Gitterbalken dort drüben in der Luft ansehe, weiß ich's. Alles ist nicht reines Vergnügen in dieser Welt, Billy, und der diesjährige November ist nicht unser erster Mai.

Trotzdem bleibe ich
Dein getreuer
Brückenbauer

*

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