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Die Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße

Max Eyth: Die Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Brücke über die Ennobucht
authorMax Eyth
year1988
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-005601-2
titleDie Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße
pages1-140
created19991117
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Nur Mama war schlau genug für uns alle und sprach mit Papa. Da hatte das Rechnen in Richmond plötzlich ein Ende. Es war ein fürchterliches Jahr. Die Parlamentsakte, die man für eine so große Brücke braucht, fiel durch. Papa wurde so verdrießlich, wie er es in seinem Leben noch nie gewesen ist, und ich – es hilft nichts; Harold weiß es und würde es Ihnen doch sagen –, ich war am Verzweifeln. Endlich skizzierte Papa neue Pläne hinter Jenkins' Rücken, und Harold rechnete wieder. Wie dies Jenkins sah, wollte er Papas Pfeiler um das Doppelte verstärken. Dann hätte kein Mensch das erforderliche Geld für die Brücke gehabt; ich glaube wahrhaftig, das wollte die alte Nachteule. Und weil ihnen Jenkins im Citybureau keine Ruhe ließ, wurde wieder in Richmond gerechnet. Sie können sich denken, wie ich mitrechnete. Das war im Frühling vor vier Jahren. – Eines schönen Tags brachte Harold Skizzen von eisernen Pfeilern und die Berechnung, wie stark sie sein müßten und was sie kosten würden. Damals saß er die halbe Nacht eingeschlossen mit Papa in dessen Zimmer und wurde schließlich eingeladen, über Nacht zu bleiben, weil es am folgenden Tag doch Sonntag sei. Ich hatte Papa selten so vergnügt und Mama noch nie so ernst gesehen. Jetzt oder nie, dachten wir beide. Ich sorgte dafür, daß uns Mama am Sonntag nachmittag in der indischen Pagode erwischte. Harold erschrak heftig, aber er benahm sich wie der Gentleman, der er ist. Sie wissen, er ist eigentlich ein Engländer«, fügte sie hinzu, mich mit der treuherzigsten Naivität ansehend und dann plötzlich purpurn errötend. Das Erröten verstand sie meisterlich; ich war entwaffnet.

»Das ganze Haus war gerührt; Mama sah, daß jeder Widerstand aussichtslos war, Papa brummte seinen Segen und nahm mir Harold, trotz des Sonntags, zum Rechnen wieder weg. – Aber im ganzen konnte ich zufrieden sein.«

»Und ich mußte mich ins Unvermeidliche fügen, so gut ich konnte. An ein Herauswinden war nicht mehr zu denken!« klagte Stoß. »Siehst du's deinem neuen Freund nicht an, wie er mich bemitleidet, Billy?«

»Der – und Mitleid!« rief sie; worauf sie sich angesichts der ganzen Stadt Wien einem erneuten Ausbruch ehelicher Zärtlichkeit hingaben. Ich wandte mich ab, bestellte die beste Flasche Ungarwein, die auf dem Kahlenberg zu haben war, und ließ ein Tischchen in die schönste Ecke der Veranda rücken, an dem wir, etwas beruhigter, Platz nahmen.

Nun war die Reihe an Stoß, der ein hübsches Stück Lebensgeschichte in vernünftigem Zusammenhang und mit den Zahlenbelegen, wie sie Ingenieure lieben, zu erzählen wußte. Ellen hing an seinem Mund, als ob sie all das zum erstenmal hörte und nicht selbst miterlebt hätte. Nur manchmal unterbrach sie ihn, um, nach unsers Schillers Anweisung, eine Rose ins irdische Leben ihres geliebten Harolds zu flechten, oder einen kleinen Dorn einzudrücken, wenn es gerade passen wollte. Stoß hatte in der Tat keine Niete in der großen Lotterie gezogen. Es war eine außerordentliche kleine Frau. Sie konnte rechnen und hatte Humor mitten zwischen zwei Küssen.

»Die Liebesgeschichte kennst du jetzt, nun sollst du auch die Brückengeschichte haben«, begann mein Freund, indem er sich behaglich zurechtsetzte und den Ungarwein in der Sonne spiegeln ließ. »Bei Bruce ging es mir vom ersten Tag an zu gut, Eyth! Es war ein Narrenglück, dieser Sonntag in Richmond, das nicht einem unter Hunderten begegnet. Ich hatte Bruce, der in London steif und zurückhaltend genug sein konnte, in Hemdärmeln und im Gras liegen sehen. Das änderte von Anfang an unser Verhältnis. Mag sein, daß auch meine Rechnerei mitwirkte. Mein verehrter Schwiegerpapa ist voll Gedanken, hat die technische Phantasie einer Dampfmaschine mit Präzisionssteuerung und die Arbeitskraft eines jungen Elefanten, aber Rechnen ist nicht seine Liebhaberei, und schließlich lassen sich die großen Projekte, mit denen er überhäuft wird, nicht ganz mit dem Gefühl zwischen Daumen und Zeigefinger abmachen. Jedenfalls freute er sich, wenn ich in zwei Tagen dasselbe herausrechnete, was er in zwei Minuten herausgefühlt hatte. Oft genug war ich starr vor Erstaunen, wenn ich beobachtete, wie sehr Brücken bei ihm Gefühlssache sind, namentlich Gitterbrücken. Es ist nicht Erfahrung. Man hat keine Erfahrung von Dingen, die noch nie gemacht wurden. Es ist auch nicht Instinkt. Unsre Vorfahren wußten zu wenig von Häng- und Sprengwerken, um dieses Wissen zu vererben. Es ist ein Drittes, Unergründliches, Unerklärliches; und Bruce hatte ein Stück davon in irgendeinem Winkel seines Gehirns mit auf die Welt gebracht. Nur brauchte er eine ruhige Stunde, um sich die Dinge halb im Traum zurechtzulegen, und diese fehlte ihm mehr und mehr. Er war erdrückt von Aufträgen. So kam ich dazu, ihm mit meinen Integralen, die er nicht versteht, als Beruhigungsmittel zu dienen. – Um so weniger konnte sich Jenkins, der alte Hauptzeichner unsers Bureaus, an mich gewöhnen. Die Art, wie ich rechnete, verstand er ebensowenig; meine Manier, zu skizzieren, haßte er. Ich sei ein Dilettant, ein Landschaftszeichner. Und als gar das Gerücht ins Bureau drang, ich habe in Richmond mit Miß Bruce Klavier gespielt, existierte ich als Ingenieur für ihn nicht mehr. Es bekümmerte mich anfänglich ein wenig. Ich hätte gerne meine Kämpfe mit dem rostigen Kerl, die nicht ausbleiben konnten, in Frieden ausgefochten. Aber er verstand keinen Spaß, namentlich nachdem mir Bruce eine niedliche Brücke über einen Schiefersteinbruch in Caernarvonshire anvertraut hatte, die ich ganz nach meinem Geschmack konstruieren durfte. Nichts Überirdisches: 103 Fuß Spannweite. Ein kombiniertes Häng- und Sprengwerk, leicht wie ein Spinngewebe über einem höllischen Abgrund. Es zittert ein wenig, aber trägt, was es zu tragen hat. Bruce wird seitdem für den kühnsten Brückenbaumeister von England erklärt.«

»Sei nicht neidisch auf Papa, Harold!« mahnte seine Frau, stolz lächelnd. »Wo wärst du ohne seine Brücken?«

»Wo wärst du?« fragte Stoß im gleichen Tone fröhlichen Neckens. »Aber du hast recht wie immer, wenn du nicht rechnest. Wir brauchten seine Brücken. – Dann tauchte mehr und mehr die große Ennobuchtfrage am Horizont auf; unsre Brücke, Billy.«

»Unsre Brücke«, bestätigte Frau Stoß. »Aber heiße mich nicht Billy! Du weißt, ich kann es nicht ausstehen vor Fremden.«

»Sie heißt nämlich Billy, unter uns, wenn wir zusammen Brücken bauen«, erklärte Stoß mit studierter Rücksichtslosigkeit. »Der kleinste Zeichner in unserm Londoner Bureau, in den sie vor meiner Zeit verliebt war, heißt nämlich auch so. Ich bin an den Namen gewöhnt, und sie hat ihn gern, aus ihrer Vorzeit. So ist er in Gebrauch gekommen, ich weiß selbst nicht, wann und wo. Ein vortrefflicher Name, Billy.«

Der Sonnenschirm trat in Tätigkeit. Stoß parierte geschickt mit seinem Hut und fuhr ruhig fort: »Du kennst die lange Vorgeschichte? – Nicht? – Bei deinen Dampfpflügen bist du sichtlich verbauert, Eyth. Aber du weißt wenigstens, daß es eine Ennobucht gibt, die tief in das Land einschneidet und die Eisenbahnen aus dem Norden zwingt, eine gewaltige Biegung nach Westen zu machen oder eine Dampffähre zu benützen, die seit zehn Jahren bei Pebbleton über den Fluß oder vielmehr über den Meeresarm setzt. Dieses Verkehrshindernis ist jedermann ein Dorn im Auge, und seit Stephenson die Menaistraße überbrückte, dachten technische Enthusiasten an die Ennobucht als nächste große Aufgabe. Doch liegen die Verhältnisse wesentlich anders. Dort war es eine schmale Meerenge zwischen steil abfallenden Felsenufern. Bei Pebbleton ist der Meeresarm fast zwei Meilen breit, die Ufer sind verhältnismäßig nieder, und hier wie dort muß der Seeweg für bemastete Schiffe frei bleiben. – Man glaubt nicht, welche Hindernisse ein solcher Bau zu überwinden hat, ehe man auch nur damit beginnen kann. Bruce, wie du hoffentlich weißt, ist der beratende Ingenieur der Nord-Flintshire-Eisenbahn, die hauptsächlich an der Überbrückung der Bucht interessiert ist, sonst wäre wohl der ganze Plan nicht zur Reife gelangt. Lange vor unsrer Zeit, drei Jahre ehe Stephenson die Menaibrücke fertiggestellt hatte, wurde in einer Versammlung der Aktionäre der Bahn der Plan erwogen und beschlossen, die vorbereitenden Schritte zu tun. Siebenundzwanzig Jahre, fast ein Menschenalter voll Entwürfe, Pläne, Abänderungen, des Verlassens und Wiederaufnehmens der Vorarbeiten gehörten dazu, um auch nur den Grundstein des Werkes legen zu können. Zu verwundern ist es nicht, daß hierbei ziemlich viel Geld und ein paarmal auch der Mut verlorenging. Aber Bruce ließ nicht nach. Zwischen seinen hundert Arbeiten in allen Teilen der Welt tauchte immer wieder die Ennobrücke auf wie ein Gespenst der Zukunft. Das haben wir Ingenieure vor andern Menschen voraus: unsre Geister kommen nicht aus der Welt, die war, sondern aus der, die sein wird. Sie quälen uns deshalb nicht weniger. Im Jahre 1854 hatte er seinen ersten Entwurf ausgearbeitet, der die Kosten der Brücke auf 150 000 Pfund Sterling veranschlagte. Da es vorerst nicht möglich war, die beteiligten Eisenbahnverwaltungen für das Projekt zu gewinnen, wurde eine Gesellschaft gegründet, welche die Brücke erbauen sollte, um sie sodann an die Eisenbahngesellschaften zu verkaufen. Zehn Jahre gingen darüber hin, die parlamentarischen Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Während dieser Zeit wurde nicht bloß der Plan, sondern selbst der Platz, wo die Brücke gebaut werden sollte, mehr als einmal gewechselt. Zweimal verweigerte das Parlament seine Zustimmung. Im Jahre 1865 verband sich die Nord-Flintshire-Bahn mit der Ennobrückenbaugesellschaft, die nach einiger Zeit ganz in jener aufging. Zum drittenmal wurden die Pläne neu bearbeitet und die Zustimmung des Parlaments verlangt. Es war wie in unsern deutschen Märchen: beim dritten Versuch, im Winter 1870, gelang es, die besorglichen Schlafmützen in Westminster zu überzeugen, daß die Welt vor einer Meeresbucht nicht stillstehen könne.

Ich war jetzt bei Bruce in vollem Zuge und hatte meine regelmäßigen Schlachten mit Jenkins, der grundsätzlich andrer Ansicht war als ich und meine feinsten Berechnungen mit gereizter Verachtung behandelte. Er hatte als junger Mann in den Bureaus von Stephenson gezeichnet und glaubte, daß nichts über die Menaibrücke gehen könne und dürfe. Eine viereckige, schmiedeeiserne Röhre auf Steinpfeilern war der einzige Gedanke seines Lebens, und die Vorsicht, mit der Stephenson die riesigsten Experimente ausführte, ehe er die Überbrückung der Meerenge begann, sein Ideal. Wir hatten aber doch seit dazumal einiges gelernt und brauchten nicht immer wieder von vorn anzufangen, wenn es auch heute noch etwas dunkel sein mag, wie es einer Eisenstange innerlich zumute ist, ehe sie bricht. Weißt du, was Kohäsion ist, Eyth? Weißt du jemand, der es weiß?«

Stoß hatte mit einemmal langsamer gesprochen, nachdenklich, fast wie im Traum, In seinem Blick, der auf der Donau zu unsern Füßen haftete, lag etwas wie Angst. Er sah mich plötzlich starr an. Es wurde mir unbehaglich, ohne daß ich wußte, was ich aus diesem Blick machen sollte.

»Da hat dich's wieder!« rief seine Frau, mich sichtlich ganz vergessend, schlang mit einer ungestümen Bewegung ihren linken Arm um seinen Kopf und rieb ihm mit der rechten Hand die Augen. Es war eine Bewegung, wie wenn man ein Kind, das sich fürchtet, auf andre Gedanken bringen will. Stoß riß sich los und lächelte; ein gezwungenes Lächeln, als ob er sich schämte.

»Sie wissen, er hat in den letzten Monaten furchtbar hart arbeiten müssen«, sagte Frau Stoß zu mir, »und er hat Nerven wie andre Menschen. Papa hat keine und glaubt, jedermann sei wie er. Wir brauchen ein paar Wochen Ruhe. In Venedig wird es schon besser werden; dann gehen wir nach Florenz, wenn keine Brücken dort sind.«

»Unsinn! Laß mich weiter erzählen«, lachte Stoß, jetzt wieder im alten Tone. »Der umnachtete Dampfpflüger fängt an, ein wenig aufzumerken. Natürlich mußten alle möglichen Arbeiten vorangehen, ehe wir so weit waren. Ich war bald in Pebbleton besser zu Hause als in Richmond und London; die Bohrungen zur Feststellung des Untergrundes im Strombett ließ im Auftrag von Bruce ein Unternehmer aus Manchester vornehmen. Man hatte infolge derselben die Stelle zu verlassen, wo die Brücke nach dem ersten Entwurf gebaut werden sollte. Wir legten sie zwei Meilen weiter landeinwärts. Die Bucht ist dort etwas breiter, allein man stieß auch in der Mitte des Stromes in erreichbarer Tiefe auf Felsgrund, der unsre Pfeiler tragen konnte. Bei den Bohrungen selbst war ich leider nicht anwesend. Ich hatte damals mehrere Monate lang in Irland zu tun. Aber Bruce konnte sich auf Lavalette verlassen, der diese Arbeiten ausführte. Ich hatte keinen Grund, daran zu zweifeln, daß die Sache in zuverlässiger Weise behandelt wurde. Überdies ging sie mich nichts an. Meine Arbeiten begannen über der Sohle des Strombettes. So kam der endgültige Plan im Herbst 1868 zustande. Ich wollte, du wärest einmal mit mir über die Ennobucht gefahren, wenn es stürmt und man in dem schottischen Nebel weder Nord- noch Südufer sehen kann. Man könnte glauben, in der offenen Nordsee hin und her geworfen zu werden. In sechs Jahren – so lange werden wir wohl noch brauchen – fährst du behaglich über die tosende Flut, neunzig Fuß hoch durch die Luft, zwei Meilen lang. Von Süden her kommst du über 6 Pfeiler, über die sich die Brücke nach Norden biegt, dann geht es geradeaus in nördlicher Richtung, quer über die Bucht, zuerst auf 22 Pfeilern in Abständen von 120 Fuß. Nun kommt der mittlere Teil der Brücke auf 15 Pfeilern, mit Spannweiten von 200 Fuß. Bis zu diesem Teile liegen die Gitterbalken, welche die Pfeiler verbinden, unter den Schienen der Bahn, die langsam ansteigt. Über den mittleren Teil fährt die Bahn tunnelartig durch die Gitterbalken selbst, um so die erforderliche freie Höhe über dem Flutniveau zu gewinnen. Hierauf kommen nochmals 120 Fuß lange Gitterbalken auf 16 Pfeilern. Dann macht die Brücke einen großen Bogen, fast einen Viertelskreis, nach Osten in 25 Spannungen von 66 Fuß lichter Weite. Nun kommt ein Sprengwerk von 160 Fuß Länge als Durchlaß für kleinere Schiffe, und zum Schluß noch 6 Pfeiler im Abstand von 67 Fuß. Alles zusammen 89 Pfeiler und eine Gesamtlänge von 10321 Fuß, zu deutsch fast zwei englische Meilen.«

»Ohne ein Stück Papier und einen Bleistift läßt sich all dies kaum genügend bewundern«, sagte ich, um nicht allzu überwältigt zu erscheinen. »Aber es scheint eine ziemlich große Brücke zu sein, Stoß! Ich wünsche ihr alles erdenkliche Glück, bis sie steht, und auch nachher.«

»Natürlich hat man nur einen Teil eines solchen Werkes auf dem Herzen«, versetzte er jetzt mit leuchtenden Blicken; die etwas langweilige Aufzählung von Pfeilern und Spannweiten hatte ihn wunderbar begeistert. »Aber man wird selbst ein Stück des Ganzen, ehe man sich's versieht. Jeden Wunsch für die Brücke fühle ich wie einen Wunsch für mich und Billy. Lassen wir uns leben!«

Wir stießen an. Der blutrote Ungarwein blitzte im Sonnenlicht, als ob er uns verstünde.

»Das Beste hat er Ihnen noch nicht erzählt«, meinte Frau Stoß, »die Pfeilergeschichte.«

»Es kommt, Schatz, aber fast zum zweitenmal; du hast sie mir halb weggenommen. Ursprünglich waren, von einem Ende zum andern, Steinpfeiler projektiert. Dies brachte die Kosten der Brücke auf 250 000 Pfund, was dem Verwaltungsrat der Nord-Flintshire-Bahn viel zu hoch schien, so daß der ganze Plan wieder einmal im Begriff stand, ins Wasser zu fallen. Da, auf dem Heimweg nach Richmond, kam mir eines Tags der Gedanke, die Steinpfeiler nur bis zur Höhe des Flutniveaus zu führen und von diesem Punkte an aufwärts in Eisen zu bauen. Acht gußeiserne, säulenartige Röhren, mit schmiedeeisernen Kreuzen verbunden, sollten von hier an die Steinpfeiler ersetzen. Jenkins war außer sich. Die Britanniabrücke stand auf Steinpfeilern. Es war Wahnsinn, die Ennobrücke auf 80 Fuß hohe Spindelbeine zu stellen. Wir kämpften zwei Wochen lang auf Leben und Tod. Während dieser Tage gestalteten sich meine Spindelbeine immer zierlicher, sicherer und einfacher. Bruce war mit mir schon längst überzeugt, daß die gewöhnlichen Formeln für die Bruchfestigkeit gußeiserner Röhren im Prinzip falsch sind. Nach meiner Art rechnend mußte die Brücke mit eisernen Pfeilern um 70 000 Pfund billiger werden als mit gemauerten Pfeilern. Drei Tage lang schloß ich mich ein, um alles, was sich für meinen Plan sagen ließ, schwarz auf weiß niederzuschreiben. Billys blaue Augen halfen mit – vielleicht etwas zu sehr. Jedenfalls wurden die Formeln fast so lang wie die Pfeiler und bewiesen sonnenklar, daß der Plan einen glänzenden Erfolg versprach, wenn die Grundsätze richtig waren, nach denen ich rechnete und rechnen mußte.«

Stoß sprach diese Worte mit einer leidenschaftlichen Hast aus, die ich für sehr unnötig hielt. Ich hatte nicht die geringste Absicht, ihm zu widersprechen.

»Mit Bruce hatte ich keine große Mühe mehr. Er wollte mir glauben und ließ Formeln Formeln sein. Er hatte zu viel andre Eisen im Feuer, und Jenkins wurde ihm nachgerade widerwärtig. Als er sich entschlossen hatte, meinen Plan anzunehmen, sprach er so ungefähr wie ein alter Märchenkönig, dem ein kluges Schneiderlein die Krone gerettet hatte: Bitten Sie sich eine Gnade aus! – Ich mußte, daß die entscheidende Stunde meines Lebens gekommen war, und bat um Billy. Er erschrak und schüttelte allerdings den Kopf. Das, lieber Stoß, sagte er, ist eine Frauengeschichte. Soviel ich weiß, hat Missis Bruce andre Ideen. Ich hoffte, Sie würden einen erhöhten Gehalt verlangen, und mische mich sehr ungern – sehr ungern, Herr Stoß – in das Gebiet meiner Frau. Sie werden mich später vielleicht verstehen lernen. – Diese Wendung der Dinge mußte ich doch mit Miß Ellen besprechen, und hierbei wurden wir in der indischen Pagode erwischt, wie du weißt.« –

Ich dankte und beglückwünschte Stoß für seinen musterhaften Geschäftsbericht. Dann trat die Brücke wieder in den Hintergrund, und die nächste Stunde wurde nach der Melodie »Alles, was wir lieben, lebe« verplaudert. Ich erzählte, so kurz ich konnte, wie ich mich recht und schlecht in Afrika und Amerika umgetrieben und wie es auch mir nicht übermäßig übel ergangen sei. »Aber allerdings, so weit wie du, du Glückspilz, habe ich es nicht gebracht. Nicht jeder findet die Brücke, die du gefunden hast. Ich laufe noch immer einsam seufzend am diesseitigen Ufer hin und her.«

»Besuchen Sie uns doch in Richmond. Ich« – – rief Frau Stoß eifrig, stockte dann plötzlich und sah ihren Mann an, als ob er schon alles verstanden habe.

»Du scheinst schlimmer daran zu sein als unser guter Schindler«, lachte dieser. »Erinnerst du dich des hoffnungsvollen Anfangs, den er von der Grünheustraße aus machte?«

»Kann man das vergessen: quand on a du courage!« rief ich, und die alte Zeit kam plötzlich zurück mit ihrem ganzen fröhlichen Jugendelend, das längst zur genußreichsten Erinnerung geworden war. »Wo er hingeraten sein mag? Es sollte mich wahrhaftig nicht wundern, wenn er mit dem nächsten Wagen heraufkäme. Heute ist schon einmal ein Tag, an dem Wunder geschehen.«

»Nicht mit Schindler. Wunder sind nicht seine Spezialität«, meinte Stoß. »Aber ein braver Kerl ist er trotzdem, dem du sein Glück gönnen kannst.«

»Baut er auch Brücken?«

»Nein, aber er sitzt wieder im Thüringischen, hat sein Gretchen geheiratet, die er schon in Manchester trotz der hoffnungslosen Ferne über alles liebte, ohne viel Aufhebens davon zu machen, ist Professor geworden, doziert Englisch an einer kleinen Gewerbeschule und vermutet, unbeschreiblich glücklich zu sein. – Er schreibt mir von Zeit zu Zeit, denn er ist eine treuere Seele als manche, die ich rücksichtsvoll hier nicht erwähnen will. – Es wird kühl, gehen wir!«

Stoß stand auf.

»Warte den nächsten Wagen ab. Ich habe ein Vorgefühl; Schindler kommt!« sagte ich zögernd.

Stoß lachte mich aus, aber wir warteten. Wir waren jetzt die einzigen unter der Veranda. Die ganze Natur lag in herbstlicher Stille um uns her. Es war ein Hochgenuß nach dem lärmenden Treiben der letzten Wochen, und auch Stoß schien mit ähnlichen Gedanken aufzuatmen. Ein leichter Abendwind hatte sich erhoben. Er hielt – eine Gewohnheitsbewegung, die ich schon mehrmals an ihm beobachtet hatte – seinen Vorderarm in die Höhe und ließ, die Hand senkrecht gegen die Luftströmung emporhaltend, den Wind durch die geöffneten Finger wehen. Ellen zog seinen Arm herunter.

»Das ist auch etwas, von dem wir blutwenig wissen: vom Luftdruck eines Windstoßes«, sagte er nachdenklich, und derselbe scheue Blick, den ich jetzt zur Genüge kannte, kam in seine Augen. »Drückt ein guter Sturmwind mit zwanzig, oder mit vierzig, oder mit fünfzig Pfund auf den Quadratfuß, der ihm im Weg steht? Du kannst all das in Büchern finden und wählen. Fragst du die Herren Gelehrten aufs Gewissen, so hat es einer vom andern abgeschrieben. – Und dann: drückt der Wind auf eine Fläche von zwei Quadratfuß zweimal so stark als auf einen? Nicht einmal das wissen sie!«

Er leerte sein Glas ungeduldig.

»Es ist Zeit, daß wir mit Harold nach Florenz kommen«, meinte Frau Stoß, nicht so fröhlich wie bisher. »Er hat Tage, an denen er wie Espenlaub zittert, wenn ein Wind geht.«

»Solange du mitzitterst, ist alles gut!« flüsterte ihr Mann mit einem plötzlichen Ausbruch von Zärtlichkeit, der mich veranlaßte, das Kloster auf dem Leopoldsberg ins Auge zu fassen. –

Aber auch mit dem nächsten Wagen kam Schindler nicht. Im erbärmlichsten Roman wäre er sicherlich gekommen, woraus man schließen kann, daß der erbärmlichste Roman dem harten, rücksichtslosen Leben vorzuziehen ist. Doch sind die Ansichten hierüber geteilt.

Wir fuhren zu Tal. Es war auch so ein Wiedersehen gewesen, das ich lange nicht vergaß.

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