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Die Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße

Max Eyth: Die Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Brücke über die Ennobucht
authorMax Eyth
year1988
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-005601-2
titleDie Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße
pages1-140
created19991117
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2 Auf dem Kahlenberg

Zwölf Jahre waren seitdem vergangen. Die Wellen des Lebens hatten die drei Brüder aus der Grünheustraße wunderlich genug hin und her geworfen. Seit langer Zeit hatte keiner von uns auch nur daran gedacht, mit den andern jemals wieder »in einem Schifflein« zusammenzutreffen.

Ich befand mich auf kurze Zeit nicht allzufern von der alten Heimat an der blauen Donau. Es war am Tage nach dem Schluß der Wiener Weltausstellung mit ihrem Glanz und ihrem Jammer. Mit ihrem Glanz war es gründlich zu Ende; von ihrem Jammer war noch einiges durchzukosten, und die Sache begann mit Pünktlichkeit und Energie; Eigenschaften, welche im Laufe der letzten sechs Monate gelegentlich vermißt wurden. Gewiß, vieles ließ sich mit der weltberühmten und rührend geliebten Gemütlichkeit der schönen Kaiserstadt entschuldigen; aber auch diese hatte im Lauf des Jahres schwer gelitten. Das mit so lauten Posaunenstößen eingeleitete Ausstellungsunternehmen hatte sich zwischen der Cholera und dem großen Finanzkrach stöhnend durchgerungen. Die Meistbeteiligten fingen an, sich im Prater aufzuhängen und in die Donau zu springen. Es war zu viel für das weiche, fröhliche österreichische Gemüt geworden. Die Bewegung wurde epidemisch.

Ich selbst, obgleich von Natur nicht allzu weich veranlagt, glaubte an jenem Morgen mich derselben anschließen zu müssen; neun Monate in dieser Atmosphäre waren auch für mich nicht ohne Wirkung geblieben. Die hohen Behörden der Weltausstellung hatten schon vor vierzehn Tagen verfügt, daß nach Schluß derselben, am 1. Oktober, kein Arbeiter die geheiligten Hallen betreten solle, der nicht eine zu diesem Zweck auszugebende Arbeiterkarte neuester Form besaß. Seitdem besuchte ich von Zeit zu Zeit die eleganten Geschäftszimmer der Verwaltung, um meine zwölf Karten zu holen, denn mit dem letzten Schlag der ornamentalen Hauptuhr unter der »Rotunde« wollte ich mit fieberhafter Zerstörungswut Fowlers Pavillon, den ich vergebens zu verkaufen gesucht hatte, zusammenreißen und meine Dampfpflüge in Sicherheit bringen. Dort lächelten mich die müden Unterbeamten verständnislos an und versicherten glaubwürdig, nachdem sie mein Begehren erfaßt hatten, daß sie von solchen Karten nichts wüßten. Und doch hatte ich recht. Am frühen Morgen nach dem klanglosen Schluß des imposanten »Festes der Arbeit« standen Hunderte von Ausstellern, jeder mit zwei bis zwölf tatendurstigen Arbeitern hinter sich, vor den verschlossenen Toren, welche die schwarzgelbe Schutzmannschaft mit seltener Pflichttreue verteidigte, und schrien in allen Sprachen der Welt nach ihren Arbeiterkarten. Das Murren der Menge schwoll gegen zehn Uhr zum brausenden Sturm, während in den gewaltigen Räumen des Innern zum erstenmal, seitdem sie aus dem Boden gestiegen waren, feierliche Stille und Ruhe herrschte. Manchmal erschien der Kopf eines möglichst niederen Beamten durch die Spalte einer Seitentüre, beteuerte seine Unschuld und versicherte den Nächststehenden mit erschrockener Miene, daß die Karten wirklich noch nicht gedruckt seien. Man erwarte aber ganz bestimmt gegen Nachmittag die erste Sendung. Um zwölf Uhr verlief sich die tobende Volksmenge, um einen wohlverdienten freien Nachmittag zu genießen, nachdem man sich den Vormittag mit nutzlosem Ärger und unvernünftiger Aufregung verdorben hatte.

So kam auch ich zu ein paar freien Stunden und wanderte aus dem Gewühl der vielgeprüften Weltstadt hinaus nach dem Kahlenberg. Selbst die neu eröffnete Drahtseilbahn lockte mich nicht, so müde war ich aller Triumphe des menschlichen Geistes über die Hindernisse der Natur. Mit einem alten Stellwagen fuhr ich nach Nußdorf, um zu Fuß durch die stillen, halbentlaubten Wälder mein Ziel zu erreichen. Wie ich aufatmete, als ich endlich nur noch das Rascheln des fallenden Laubes um mich hörte! Man muß eine Weltausstellung vom erhebenden Anfang bis zum bitteren Schluß mitgemacht haben, um zu verstehen, wie wohl mir's dabei wurde.

Es war ein prächtiger Spätherbsttag; schon etwas frisch, trotz der Sonne, die auf den goldgelben und rotbunten Bergen spielte; ein Tag, so recht, um wieder Mensch zu werden. Die Wirtschaft auf dem Gipfel des Kahlenbergs war deshalb ziemlich leer. Auch hier wehte es schon herbstlich über die halbgestürzten Tischchen. Aber der Blick hinunter und hinaus bot noch die volle Schönheit des scheidenden Jahres. Ich ließ mir ein Glas Wein auf den nächsten Tisch stellen, lehnte mich auf das Geländer der Veranda und genoß, was zu genießen war.

Links drüben der Leopoldsberg, noch in voller Pracht des bunten Herbstlaubs mit seinem einfachen, klösterlichen Kirchlein, rechts, im gleichen Schmuck, die Ausläufer des Wiener Waldes mit ihren Höhen und Schluchten. Tief unter mir, am Fuß des Berges, die mächtige Donau, die sich von hier in zahllosen Wasserrinnen durch ein Gewirr von noch grünen Weidenwäldern schlängelt, das bereits die stattliche Linie der Regulierungsarbeiten durchbrach, die heute den Strom in imposanter Breite an der Kaiserstadt vorüberführen. Diese selbst mit ihren Palästen und Kirchen, ihren Kasernen und Fabriken liegt in duftiger Ferne, aus der zwei Bauwerke deutlich erkennbar hervorragen: der altersgraue Stephansturm und weiter hinten im Rotblau des Praters die Rotunde unserer Ausstellung. Noch weiter hinaus, fast verschwindend im bläulichen Dunst des Herbsttages, dehnt sich die Donauebene nach Norden über das Marchfeld, nach Osten gegen Ungarn, dessen Berge um Preßburg geheimnisvoll herüberdämmern. Dort fängt es schon an, etwas orientalisch zu kriseln, und so viel ich seit einem Jahrzehnt Häßliches und Elendes vom Orient gesehen hatte, es zog mich in träumerischen Augenblicken noch immer nach Osten; ich wußte mir selbst nie zu erklären, weshalb.

Ich ließ meinen wachen Träumen freien Lauf und freute mich der Bergluft, die ich in unserm »Industriepalast« dort unten so lang und schmerzlich vermißt hatte. Selbst die Drahtseilbahn, deren kleine Endstation unter mir halbversteckt im Gebüsch lag und die von Zeit zu Zeit mit widerwärtigem Schnurren und Schnarren einen leeren Wagen heraufschleppte, vermochte mich nicht zu stören. Da geschah etwas Außerordentliches, das allerdings wohl jedem Menschen ein paarmal im Leben passiert, jeden aber aufs neue mit demselben Erstaunen, fast mit einem kleinen Schauder erfüllt: es ist und bleibt so völlig unerklärlich.

Meine Gedanken verloren sich nach rückwärts. Eigentlich hatte ich es, räumlich wenigstens, herrlich weit gebracht; bis hierher auf den Kahlenberg, vom Mokattam in Ägypten und den russischen Steppen und den Sumpflandschaften von Louisiana gar nicht zu reden. Was man in zwölf Jahren nicht alles erleben konnte! Wenn ich an die Grünheustraße zurückdenke und an Schindler und Stoß! An Stoß dachte ich ganz besonders, vielleicht seit Jahren zum erstenmal wieder. Ich wußte nur, daß er sich eine schöne Stellung in England errungen hatte, die man als glänzend bezeichnen konnte, wenn sie mit unserem damaligen Maßstab gemessen wurde. Vor ein paar Jahren schon hatte er einen Vortrag über Brückenkonstruktionen vor der Englischen Gesellschaft der Zivilingenieure zu London gehalten, der durch alle technischen Zeitungen lief. Damals stand er noch mit seinem großen Brückenmann in Verbindung, der kürzlich geadelt worden war, mit »Sir« Bruce. Seitdem hatte ich ihn völlig aus dem Gesicht verloren, jetzt aber kam er mir wieder lebhaft in den Sinn, vielleicht weil mir einfiel, daß er eigentlich Österreicher war und seine Kinderjahre dort unten in dem dunstigen Wien verlebt hatte, von dem er in der Grünheustraße mit warmer Anhänglichkeit sprach, obgleich er es kaum kennengelernt haben konnte.

So weit war ich mit meinen Träumen gekommen, als wieder ein Eisenbahnwagen sausend heraufgestiegen kam und diesmal zwei Insassen mitbrachte, einen Herrn und eine Dame. Ich richtete gleichgültig mein Feldglas auf das Paar, denn ich konnte die Aussteigestelle gerade zwischen zwei Baumwipfeln hindurch sehen. Donner und Doria! Es war ein älterer Bruder von Stoß, wenn es Stoß nicht selbst war. Nein, es war kein älterer Bruder; so ähnlich sehen sich auch Brüder nicht: es war Stoß selbst – nur, gleich mir, etwas älter. Ich schrie ihm zu.

Die Veranda auf dem Kahlenberg war wohl noch nie Zeuge eines stürmischeren, fröhlicheren Wiedersehens gewesen. Kein Wunder, daß wir aufgeregt waren, er, weil es ihm völlig unerwartet kam, ich, weil ich versichern konnte, daß ich seit einer Viertelstunde fast sehnsüchtig an ihn gedacht habe, was er für einen infamen Schwindel erklärte. Es geht mir meist so, wenn ich den Leuten die Wahrheit sage. Dann stellte er mich seiner Frau vor, einer reizenden, großen, schlanken jungen Dame mit dunkelblauen Augen, die fast nicht von ihrem Harold losließen, und einem goldenen Haar, das alles sonnige Gold der herbstlichen Wälder um uns her erbleichen ließ. Sie waren erst seit vier Tagen auf der Reise. Stoß wollte seiner Ellen auf dem Wege nach Venedig und Florenz seine eigentliche Vaterstadt zeigen. »Du erinnerst dich des Blumenregens am letzten Abend in der Grünheustraße!« erklärte er lachend, als er bemerkte, wie ich sein junges Glück anstaunte. Ich konnte mich, für den Augenblick, irgendwelchen Blumenregens in ganz Manchester nicht entsinnen. Die liebliche junge Frau war rascher als ich, schlug ihrem Harold mit dem Sonnenschirm sanft auf den Kopf und errötete. Nun ging auch mir ein Licht auf.

»Miß Bruce!« rief ich, während wir uns die Hände schüttelten.

»Das war ich!« sagte sie und wurde noch etwas röter.

Von dieser Stunde an sind wir gute Freunde geblieben. Sie schien nach wenigen Minuten anzunehmen, daß ich zur Familie gehöre, und plauderte drauflos, als ob es für den Freund ihres Harold keine Geheimnisse gäbe. Dieser war seit zwölf Jahren sehr viel männlicher, manchmal schien mir's, mit einem solchen Sonnenkind an der Seite allzu ernst geworden. Wer weiß: vielleicht kam ich ihm auch so vor. Man mußte sich wieder ein wenig zusammengewöhnen.

Zunächst wurde die Gegend betrachtet. Stoß erklärte seiner Frau eifrig, was vor uns lag. »Ganz wie vor fünfundzwanzig Jahren«, meinte er, »als ich mir all dies von meiner Mutter zeigen ließ: die Donau, die Stadt, das Kloster dort drüben, der Stephansturm, die waldigen Hügel, die Weinberge bis Nußdorf hinunter. Es tut doch wohl, Eyth, nach dem Rauch und Ruß unsrer neuen Heimat!«

Ich nickte. Frau Stoß griff nach dem Sonnenschirm, um ihr Vaterland zu verteidigen.

»Nur eins ist neu und nicht übermäßig schön«, fuhr er fort: »Euer Palast dort unten und der umgedrehte Blechtrichter, der die famose Rotunde krönt.«

»Wissen Sie, wo er herkommt, Frau Stoß« fragte ich.

»Er ist doch wohl hier zusammengenietet worden? meinte sie lächelnd.

»Ja; aber der Gedanke, der Entwurf kommt aus unsrer neuen Heimat, wie sie Harold nennt. Ein Engländer steckt dahinter. Sieht man's ihm nicht ein wenig an: so geradlinig; so furchtbar praktisch.«

Jetzt wurde der Sonnenschirm gegen mich mobil gemacht. Es tut mir noch heute weh, wenn ich an diese fröhliche Stunde zurückdenke, in der keines von uns auch nur ahnte, was später kommen sollte.

»Sie ist wirklich nicht ganz uninteressant, die Geschichte dieses Trichters, wenn deine verehrte Gemahlin technische Geschichten ertragen kann«, sagte ich zu Stoß, während er die Kuppel mit ihren konzentrischen Ringen und radialen Rippen durch sein Opernglas betrachtete.

»Das kann sie!« rief der Gemahl, mit einer plötzlichen Aufwallung von Wärme. »Sie stammt aus der Zunft und könnte sich morgen als Zivilingenieur niederlassen.«

»Es kam so«, erzählte ich. »Der Plan für das Ausstellungsgebäude stand im allgemeinen fest: die riesige Haupthalle mit ihren Querbauten wie die Rippen eines Walfisches; doch fehlte dem Ganzen ein eigentlicher Mittelbau. Die Österreicher haben Geschmack, das muß man ihnen lassen. Sie fühlten, daß die Sache so zu einförmig aussehen würde, wußten aber nicht, wie dem abzuhelfen wäre. Da kam Scott Russel, der bekannte Zivilingenieur, auf einer Geschäftsreise durch Wien und saß bei einem kleinen Festmahl zu Ehren der kommenden Ausstellung dem künftigen Ausstellungsautokraten, Herrn von Schwarz-Senborn, gegenüber. Man sprach von der Schwierigkeit. An einen großen Kuppelbau hatte man wohl schon gedacht; aber wie sollte ein solches Werk von der erforderlichen Größe aufgeführt werden, ohne Millionen zu verschlingen, an denen kein Überfluß war? Während des Gesprächs nahm Scott Russel den papierenen Lichtschirm von der benachbarten Lampe, stellte ihn auf den Tisch und sagte: So! – Es war ein gewaltig großer Lichtschirm und hatte nur eine Papierdicke. Trotzdem war er steif und fest, wovon sich Herr von Schwarz und die ganze Tafelrunde eigenhändig mit allen fünf Fingern und nicht ohne Staunen, denn sie hatten es ja eigentlich schon zuvor gewußt, überzeugten. Das, erklärte Scott, macht die kreisförmige Form in der einen, die radiale in der andern Richtung. Man muß nur zu beobachten wissen, lieber Herr Schwarz! Sehen Sie sich ein Ei an. Es hat keine Rippen und eine papierdünne Schale und hält alles mögliche aus. – Für Schwarz stand jetzt das Ei des Kolumbus auf dem Tisch. Am folgenden Tag hatte Scott Russel den Auftrag in der Tasche, das Ausstellungsgebäude durch seine Idee zu krönen, und machte sich an die Arbeit.«

»Es sind eben doch geniale Kerle, Eyth; das müssen wir zugeben!« meinte Stoß nachdenklich.

»Sie sehen die Welt noch mit natürlichen Augen an«, sagte ich, meine Brille abreibend, um selbst die Rotunde, von der ich erzählte, besser sehen zu können. »Zum Glück für uns ist die Geschichte noch nicht ganz zu Ende. Scott Russel arbeitete seine Pläne aus; Harcort in Düsseldorf wurde mit der Ausführung beauftragt. Die deutschen Ingenieure fingen an zu rechnen und bewiesen, daß die bloße geradlinige Eierschale unmöglich stehen könne. Es gab furchtbare Diskussionen. Die Deutschen warfen dem Engländer mit Erfolg meterlange Formeln an den Kopf. Schließlich wurden auch Schwarz und seine Leute besorgt. Man stritt sich um Festigkeitstheorien, die seit den ersten Tagen des Weltbaues schon auf Klärung warten, obgleich der Globus noch heute zusammenhält.«

»Das kenne ich«, unterbrach mich Stoß lebhaft. »Du glaubst, du habest alles klipp und klar aus deinen Formeln herausgearbeitet, und mit einemmal merkst du, daß das Ganze auf einem kleinen Irrtum aufgebaut ist und alles unter dir zusammenbricht. Die Annahme der Lage der neutralen Faser in einem brechenden Balken zum Beispiel –«

»Bitte, Harold«, fiel seine Frau ein, »laß deine neutrale Faser heute ruhen. Sie wissen nicht, Herr Eyth, wie uns die neutrale Faser seit Jahren das Herz schwer macht. Er hat eine neue Theorie hierüber, die ihn Tag und Nacht umtreibt. Namentlich nachts!«

Harold küßte seine Frau lachend. Vor einem Engländer hätte sie diesen Beweis jungen ehelichen Glücks nicht geduldet. Einem Fremden, einem »foreigner« gegenüber, den sie nicht mit feindlichen Augen betrachtet, hat eine unverdorbene insulare Engländerin die Empfindung der Römerin gegen den skythischen Sklaven. Es ist ärgerlich, aber nicht zu ändern. Stoß ließ mich fortfahren.

»Das Ende vom Lied war, daß Harcort die radialen sowohl als die kreisförmigen Rippen aufsetzen durfte, und zwar äußerlich, wie du sie jetzt siehst. Im Innern war kein Raum und andre Schwierigkeiten. Schön sind sie nicht, aber es war ein wahres Glück für Scott Russel und für alles, was unter der Kuppel steht. Selbst zwischen den Rippen bogen sich die Bleche ein wenig durch. Ohne dieselben hätte das brillante Dach die ganze Ausstellung wahrscheinlich in ganz andrer Weise zugedeckt, als beabsichtigt war. Das hinderte aber Mr. Scott Russel keineswegs, beim Prämiierungsfestdiner, wo er unserm Krupp gegenübersaß, dem Kanonenkönig auf die Schulter zu klopfen und ihm mit freundlicher Herablassung zu sagen: Wir sind ohne Zweifel die hervorragendsten Kollegen an der Tafel: Sie bauen die größten Geschütze in der Welt, ich habe die größte Kuppel gebaut.«

»Und wissen Sie, Herr Eyth«, rief Frau Stoß lebhaft, ohne Zeit zu finden, ihr feines Näschen zu rümpfen, wozu sie meine Geschichte sichtlich reizte, »wissen Sie, daß Harold die größte Brücke baut?«

»An der größten Brücke!« verbesserte ihr Gatte, und wieder überflog seine hübschen Züge ein eigentümlicher Schatten, den ich schon zum drittenmal bemerkte. »Du weißt, es wird Ernst mit der Ennobucht. Es hat lange genug gebraucht.«

»Papa verlor fast die Geduld«, berichtete Frau Stoß eifrig; sie war sichtlich auf diesem Gebiete zu Hause. »Er hätte sie ganz verloren. Er hat so viel andres zu tun, das ihn nicht weniger interessierte. Aber Harold hielt aus und zeichnete und plante und rechnete, bis es heraus war.«

»Eins habe ich jedenfalls herausgerechnet«, bestätigte Stoß, »und es kostete fast ebensoviel Geduld und Sorgen – dich!«

»Unsinn!« lachte seine Frau. »Ich will's lieber gleich gestehen; du sagst es deinem Freund doch, wenn ihr allein seid; ich war nicht schwer auszurechnen. Seit dem Nachmittag, an dem Harold zum erstenmal nach Richmond kam, wußte ich, was herauskommen mußte. Es war nur noch eine Zeitfrage, so etwa wie die: wann holt der große Uhrenzeiger den kleinen wieder ein, wenn sie einmal aneinander vorübergegangen sind. Können Sie das ausrechnen, Herr Eyth? Ganz leicht ist es nicht, denn stillstehen darf der kleine nicht, anstandshalber.«

Es war ein reizendes Frauchen für einen Ingenieur! Ich fing an, in meiner platonischen Art verliebt zu werden, und mußte mich zusammennehmen, besonders da Harold wie abwesend in die Ferne starrte.

»Sehen Sie, jetzt rechnet er wieder!« sagte sie, ihn vorwurfsvoll ansehend. »Er hat vor unsrer Verheiratung zu viel gerechnet; seitdem sitzt es ihm im Gehirn. Aber ich hoffe, in Venedig wird es schon besser werden, besonders weil jetzt mit der Brücke alles in Ordnung ist.«

»Ich habe davon gelesen, aber nur ganz flüchtig, daß Sir Bruces Pläne angenommen sind und eine Gesellschaft gegründet wurde, die die Ausführung übernahm«, sagte ich. »Verzeihen Sie das Dunkel, in dem ich lebe. Man kommt auf einer Ausstellung nicht zur Besinnung.«

»Es ist auch nicht halb so interessant mehr, seit einiger Zeit«, erklärte Frau Stoß. »Vor zehn Jahren, wie Papa die ersten Projekte ausarbeitete, da hätten Sie sehen sollen, wie alles lebte. Papa machte Skizzen, Harold begann die Berechnungen aufzustellen, und was er rechnete, war dem alten Jenkins, der jahrelang Papas Bureauchef gewesen war, nicht recht. Aber Harold hatte schon eine Brücke in Wales herausgerechnet, die jedermann entzückte, so leicht und zierlich war sie, und mit Jenkins' klobigen Ideen war nichts anzufangen. Das sah ich sofort, als Harold öfter zu uns herauskam. Doch müssen Sie nicht denken, daß wir schon wußten, was in uns vorging. Ich war noch sehr jung, und Harold wenigstens merkte lange nichts.«

»Du weißt es!« bestätigte Harold demütig.

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