Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Eyth >

Die Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße

Max Eyth: Die Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Brücke über die Ennobucht
authorMax Eyth
year1988
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-005601-2
titleDie Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße
pages1-140
created19991117
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

»Nun, alter Freund!« rief Stoß, klopfte derb auf seine Schulter und steckte ihm eine Zigarre in den Mund. In seiner Freude konnte er Schindlers bekümmerte Miene nicht länger untätig ansehen. »Raff dich auf! Ist's mißlungen?«

»Nein!« antwortete dieser, ohne Neigung zu zeigen, weiterzusprechen.

»Aber was der Kuckuck machst du dann ein Gesicht wie eine verwitwete Nachteule?«

»Weil es gelungen ist, Stoß, über alles Bitten und Verstehen gelungen«, rief Schindler mit plötzlich erwachender Heftigkeit. »Ich glaube, ich bin ein verlorener Mann!« Er sah in stummem Leid wieder in sein Brandyglas.

»Du hast doch auf dem Heimweg nicht etwa zuviel getrunken?« fragte ich teilnehmend.

»Ich wär's imstande, und, bei Gott, ich wäre berechtigt dazu!« antwortete er und leerte sein Glas mit einer komisch desperaten Bewegung, die er vielleicht zum erstenmal im Leben versucht hatte. Schindler war keine theatralisch angelegte Natur. Der Brandy aber tat ihm gut. Er wurde ruhiger und fühlte sich genügend gestärkt, um einen unzusammenhängenden Bericht seiner Abenteuer abzustatten.

Um zehn Uhr war er in Derby angekommen und hatte ohne große Schwierigkeit Doktor Plunders berühmtes Knabeninstitut aufgefunden. Die Knaben schienen, in Derby wenigstens, berühmt genug zu sein. Ein altes, etwas zerfallen aussehendes Gebäude stand in einem ziemlich großen, von einer Mauer umgebenen Garten, der mannigfache Spuren jugendlicher Tätigkeit aufwies. Die eine Hälfte war in einen Spielplatz umgewandelt, auf dem etliche zwanzig gesunde, kräftig und – nach Schindler – boshaft aussehende Jungen mit furchtbarem Ernste und gelegentlich wildem Geschrei Kricket spielten. Als er über den Platz dem Haustor zuging, traf ihn der Kricketball schmerzhaft an den Hinterkopf. Die Jungen waren hierüber in hohem Grade entrüstet, trotzdem er, halb betäubt, sich zu entschuldigen suchte. Doch hatte der Zwischenfall auch sein Gutes. Der Doktor erschien unter der Haustüre, nahm ihn nicht allzu unfreundlich unter seinen Schutz und führte ihn in sein Studierzimmer.

»Das erinnert mich lebhaft an meinen Blumenregen, Schindler«, sagte Stoß träumerisch. »Wir scheinen beide Glücksvögel zu sein, jeder in seiner Art. Hat es dir auch den Hut vom Kopf geschlagen?«

»Hast du auch eine faustgroße Beule am Hinterkopf?« fragte Schindler etwas gereizt, ehe er fortfuhr. Der Doktor, ein riesiger Fettklumpen, wohlgeölt, würdig und wohlwollend, schien kein übler Mann zu sein. Er half dem neuen Kandidaten freundlich über den stotternden Anfang der Vorstellung weg. Dieser erzählte, wie er durch seinen Freund Stoß, dessen Mutter eine intime Freundin der verehrten Fräulein Schwester des Herrn Doktors sei, erfahren habe, daß das berühmte Institut eines neuen französischen Lehrers bedürfe. Er komme, um sich um diese Stelle zu bewerben.

»Sehr schön, sehr schön!« meinte der Direktor, der mit dem Blick eines weltkundigen Menschenkenners sofort bemerkte, daß er einen billigeren französischen Professor schwerlich gewinnen könne. »Sie haben wohl Zeugnisse, Papiere, Referenzen?« fragte er aber trotzdem mit würdiger Zurückhaltung.

»Zeugnisse – gewiß – das heißt –« stotterte Schindler und griff nach seiner wohlgefüllten Brusttasche. Seine Zeugnisse waren ja ausgezeichnet, berührten aber, wie ihm plötzlich schwer aufs Herz fiel, seine Leistungen im Französischen nicht im geringsten. Die wenigen, auf seine sprachlichen Kenntnisse bezüglichen Papiere aus der Gymnasialzeit waren die einzig mittelmäßigen, die er besaß, und trotzdem hatte sie der ehrliche Mensch mitgenommen.

»Sie sehen, Herr Direktor«, sagte er mit dem Mut der Verzweiflung, ehe er diese entfaltete, »ich bin ein geborener Pariser, wie Ihnen hier mein Paß bestätigt. Und so ist es wohl nicht unerklärlich, daß ich keinen Wert auf Zeugnisse bezüglich meines Französischen legte.«

Dies war eine geschickte Lüge, wenn man berücksichtigt, daß es eine seiner ersten war. Der Gedanke an die ferne Braut hatte sie ihm abgerungen. Sie wirkte wie ein leichter, angenehmer elektrischer Schlag.

»Pariser! Ausgezeichnet! Ganz vortrefflich!« rief der Doktor. »Dies dürfte einen vortrefflichen Eindruck machen. Es ist mir leider selten gelungen, einen geborenen Franzosen dauernd an mein Institut zu fesseln. Einen geborenen Pariser könnte ich als Stern erster Größe bezeichnen. Lassen Sie Ihre Zeugnisse nur in der Tasche: ich bin völlig befriedigt, Mosiu Skindl!«

»Ich habe allerdings darauf aufmerksam zu machen«, stotterte Mosiu Skindl, dessen deutsches, in einem wackeren Pfarrhaus geschärftes Gewissen erwachte, »daß ich Paris schon ziemlich jung verließ.«

»Papperlapapp!« – woher der Doktor das Wort hatte, ist unbekannt, erhielt es für französisch – »Sie sind noch jetzt ein junger Mann, Mosiu Skindl. Das geht uns nichts an. Ihr Paß ist nicht gefälscht, das sieht man Ihnen sofort an.«

»Aber ich kam jung, ganz jung nach Deutschland!« Schindler bestand eigensinnig darauf, sich zu erklären.

»Nach Deutschland!« rief der Doktor und machte die Gebärde des Fliegens, als ob er sich mit jugendlicher Leichtfertigkeit über all das wegzusetzen gedenke. »Um so besser! Darauf komme ich noch zurück. Das ist wirklich ein ganz wunderbares Zusammentreffen glücklicher Umstände. – Was sind Ihre Bedingungen?«

Schindler war der bescheidenste Mensch der Welt. Trotzdem verdüsterte sich die Miene des Herrn Doktors ein wenig.

»Hm – hm!« machte er und rieb sich sein fettes, glattes Kinn heftig. »Ihrem Herrn Vorgänger hatte ich allerdings ein Drittel, ein volles Drittel weniger Gehalt zu bezahlen. Kost und Wohnung frei. Auch die Wäsche, beachten Sie wohl, auch die Wäsche. Da scheint mir doch die von Ihnen genannte Summe etwas hoch.«

»War mein Herr Vorgänger auch geborener Pariser?« fragte Schindler, dem es an Galgenhumor nicht fehlte, wenn ihm das Wasser an die Kehle ging.

»Nein, das nicht«, gestand der Direktor; »wir konnten ihn in unsern Anzeigen nur als hervorragenden Franzosen anführen, wenn wir streng bei der Wahrheit bleiben wollten; und wir bleiben grundsätzlich bei der Wahrheit, Mosiu Skindl, schon der uns anvertrauten Jugend wegen. Er war von Schaffhus.«

»Aber Schaffhausen liegt nicht in Frankreich«, bemerkte der unerschütterliche Schindler.

»Nicht? Was Sie sagen!« rief der Doktor erstaunt. »Nun ja, wie dem auch sein möge: in andrer Beziehung war er um so mehr Franzose. Allzusehr! Ich mußte mich von ihm trennen, weil es sich nach kurzer Zeit herausstellte, daß zwei liebende Bräute aus Derby auf sein Herz Anspruch erhoben. Dazu ist Derby zu klein. Ich hoffe, Herr Skindler, daß Sie Grundsätze haben. Ich sehe auf die strengste Achtbarkeit, selbst bei meinem Professor der französischen Sprache.«

Schindler beruhigte ihn mit der Bemerkung, daß er eine heißgeliebte Braut in Deutschland zurückgelassen habe.

»Das ist mir lieb; lassen Sie sie nur zurück«, meinte der Doktor. »Und wissen Sie was: Geben Sie eine kleine Probelektion. Das genügt und ist mehr wert als alle Zeugnisse. Ich werde mir erlauben, anwesend zu sein, und danach den Gehalt bestimmen, den ich Ihnen auszusetzen berechtigt bin.«

Er öffnete ohne weitere Umstände das Fenster und brüllte mit der Stimme eines Posaunenengels über den Spielplatz: »Die jungen Gentlemen der ersten Klasse sofort antreten! Französische Lektion!« Schindler trocknete sich die Schweißtropfen von der Stirn, während das wilde Heer über die Treppen tobte und durch donnerähnliches Zuschlagen von Türen andeutete, daß sich die jungen Gentlemen, tiefgekränkt durch die Unterbrechung ihres Spiels, versammelten. Nachdem etwas Ruhe eingetreten war, betrat der Doktor, von Schindler gefolgt, das Schulzimmer. Der letztere hing den Kopf wie ein Opferlamm, das zur Schlachtbank geschleppt wird. Er hätte der hoffnungsvollen Jugend lieber auf dem Kricketplatz noch zehnmal zur Zielscheibe gedient.

Die Klasse bestand aus zehn großen, kräftigen Burschen von fünfzehn bis sechzehn Jahren mit roten, blühenden Gesichtern, alle noch keuchend von den Anstrengungen des Spiels. Der Doktor gab Schindler ein Buch in die Hand und sagte feierlich: »Die jungen Herren lesen die schwierigeren Kapitel von Fénelons ›Telemach‹. Wollen Sie anfangen lassen?«

Schindler raffte sich auf. »Bitte«, stotterte er, das Buch aufs Geratewohl aufschlagend, »lesen Sie auf Seite 27 den ersten Abschnitt.«

Ein langer Junge begann mit durchdringender Stimme siegesbewußt: »Gwand onk ä diu köratsch, onk weint äbaut diu taut.«

Der Doktor nickte befriedigt. Schindler fühlte sich gerettet: hier konnte er noch wirken. Er machte darauf aufmerksam, daß man neuerdings zu Paris nicht »Gwand«, sondern »quand«, nicht »Korätsch«, sondern »courage« zu sagen pflege, was die Jungen mit skeptischem Lächeln hinnahmen, dem Doktor aber ein zweites Nicken der Billigung entlockte. »Auch die Aussprache von ›on‹ in der Form von ›onk‹ ist nicht ganz richtig«, fuhr der neue Professor fort, »obgleich ich weiß, daß Engländer, die Frankreich häufig bereisen, ›Didonk, garsonk!‹ statt ›Dites donc, garçon‹ zu sagen vorziehen. Man sagt: ›on‹, ›donc‹, ›garçon‹. Überhaupt wird das Französische mehr mit der Nase gesprochen. Sie müssen sich diese Eigentümlichkeit anzueignen suchen, meine Herren.« – Diese Bemerkung wurde mit großem Beifall aufgenommen. Auf der zweiten und dritten Bank wurden sofort eigentümliche, kaum menschliche Laute hörbar und entsetzliche Grimassen geschnitten, um dem Wunsch des Herrn Professors wenigstens versuchsweise entgegenzukommen. Die Lektion dauerte eine Viertelstunde, in deren Verlauf der ermutigende Satz von allen Seiten beleuchtet und schließlich von den Schülern so ausgesprochen wurde, daß man ihn fast verstehen konnte. – Befriedigt klappte der Direktor sein Buch zu. Selbst er hatte viel gelernt.

»Eine schöne Wahrheit, eine große Wahrheit, Herr Skindler«, rief er. »Quand on a du courage, on vient à bout du tout! Sehr wahr, sehr wahr! – Ihr könnt weiterspielen, Jungen!« – Das wilde Heer stürmte hinaus. Es war ein erhebendes Gefühl, durch das offene Fenster vom Spielplatz her zwischen den Schlägen der Kricketbats den lauten Ruf: »Quand on a du courage!« zu hören.

»Ich bin zufrieden, ich bin sehr zufrieden«, sagte der Doktor lauschend. »Sie scheinen ein geborener Lehrer zu sein, Herr Skindler. Nur auf eins möchte ich Sie aufmerksam machen. Alle Franzosen, die den Sprachunterricht in meinem Institut leiteten – gütiger Himmel, ich hatte schon über ein Dutzend! –, auch der von Schaffhus, machten, wenn sie im Schulzimmer auf und ab gingen, ganz kleine, zierliche Schritte. – Ganz kleine, zierliche Schritte, Herr Skindler! Sehen Sie, so –«

Der fette Koloß gab eine Vorstellung.

»Daran kennen wir den wahren Franzosen sofort – Sie, Herr Skindler – ich bedaure es sagen zu müssen –, machen ganz unförmliche, riesig lange Schritte. Sie haben sich dieselben wahrscheinlich in Deutschland angewöhnt. Dies erregt Zweifel. Man kann nicht jedermann und fortwährend Ihren Paß vorzeigen. Wollen Sie die Güte haben, sich im Interesse des Instituts eines weniger ausschreitenden, eines zierlicheren Gangs zu befleißigen. Vielleicht wären Gamaschen zu empfehlen. Bitte, versuchen Sie es doch. Sehen Sie, so! – Ganz kleine, zierliche Schritte! – Bravo, bravo! – Noch kleiner, bitte!«

Der Doktor marschierte mit Schindler im Schulzimmer auf und ab, bis letzterer den »französischen Schritt« zur Zufriedenheit des ersteren ausführte. Tief in Schindlers Seele schlummerte der schmerzstillende deutsche Humor. Der regte sich zum Glück. Sonst hätte er diese Szene vielleicht nicht überlebt.

»Und noch etwas«, sagte der Doktor, dem Schindler seinen Lebenslauf nunmehr in aller Ausführlichkeit mitgeteilt hatte, in flüsternder Vertraulichkeit: »Sie sind also eigentlich ein Deutscher. Ich danke Ihnen für Ihr offenes Geständnis. Es macht Ihrem Charakter Ehre. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, daß dies niemand zu wissen braucht außer uns. Als Deutscher sind Sie musikalisch.«

Schindler wollte lebhaften Widerspruch erheben. Seit Paris habe er nicht mehr musiziert.

»Keine Einrede! Ich kenne Ihre Bescheidenheit. Sie sind musikalisch. Ich bezahle Ihnen den von Ihnen verlangten Gehalt. Sie übernehmen aber hierfür dreimal wöchentlich den Gesangsunterricht in meinem Institut. Haben Sie nicht vielleicht zwei Namen?«

Schindler sah seinen neuen Herrn entsetzt an.

»Mehrere Ihrer Herren Vorgänger hatten zwei Namen«, fuhr der Doktor nachdenklich fort. »Es wäre sehr hübsch, wenn wir Sie für den Gesangunterricht als ›Herrn Schindler‹ und für den Sprachunterricht als ›Mosiu Petischoos‹ annoncieren könnten. Wir sollten zwei Namen haben, um Mißverständnisse zu vermeiden. Darüber will ich doch ernstlich nachdenken. Alles übrige ist abgemacht, mein lieber Mosiu Skindel. Wann können Sie eintreten?«

»Er schüttelte mir die Hand so heftig, daß ich nichts mehr sagen konnte«, schloß unser Freund, und aufs neue lagerte sich eine schwere Wolke auf seinen sonst so zufriedenen, wenn auch nicht strahlenden Gesichtszügen. »Von heute an bin ich Professor des Gesanges und der französischen Sprache zu Derby. Ich ließe mir's ja gefallen. Die Geschichte hilft mir aus der augenblicklichen Not; wer weiß, zu was sie sonst gut ist. Wenn ich nur ›God save the Queen‹ von einem Choral unterscheiden könnte!«

»Man sieht, wie dein glücklicher Instinkt dir beisteht«, bemerkte ich ermutigend. »›God save the Queen‹ war ursprünglich ein Choral. Erst neuerdings, seit einem Jahrhundert ungefähr, ist er etwas entartet. Du kannst dies in der ersten Musikstunde verwerten.«

»Quand on a du courage!« rief Stoß, die Gläser wieder füllend, und wollte in seiner chronisch gewordenen Herzensfreude ein Hoch auf den neuen französischen Musiklehrer ausbringen. Da erschien durch die vorsichtig geöffnete Türspalte der Kopf von Missis Matthews, meiner Wirtin. Sie brachte einen Brief, der mit der Abendpost angekommen sei, und da ich vielleicht spät nach Hause kommen würde, habe sie gedacht – dann verschwand der Kopf wieder.

»Was wird es sein?« brummte ich. »Die Damen werden nachgerade allzu aufmerksam. Die Epistel hätte sicherlich bis morgen warten können!« Gleichgültig riß ich den Umschlag auf; dann aber griff auch ich nach meinem Glas.

»Hipp, hipp, hurra!« war zunächst alles, was ich meinen Freunden mitteilte.

Der Brief war von John Fowler in Leeds, kurz und bündig wie alle Briefe Fowlers, deren Form und Wert ich allerdings erst später besser kennenlernen sollte. Er lautete:

 
Lieber Herr Eyth!

Mein Freund Taylor in London erinnert mich an Sie. Wenn Sie Lust haben, in meine soeben in Gang kommende Maschinenfabrik einzutreten, so finden Sie einen Schraubstock. Sobald sich Gelegenheit bietet, sollten Sie dampfpflügen lernen, wofür ich sorgen werde. Das weitere muß sich finden. Ich glaube an die Zukunft der Sache. Für den Anfang biete ich Ihnen dreißig Schilling die Woche. Damit können Sie leben, was Ihnen vorläufig genügen sollte.

Freundlich grüßend
Ihr ergebener
Fowler

»Hipp, hipp, hurra!« riefen die zwei andern. Bei näherer Betrachtung mußte ich zwar zugeben, daß nicht alles glänzt, was Gold ist. Ein Schraubstock im Vordergrund und ein Pflug am Horizont, brrr! Aber es war ein Anfang auf diesem Kreideboden, dessen unerwartete Härte wir seit drei Monaten kennengelernt hatten; ein Ende des bangen, müßigen, erschöpfenden Wanderns von Fabrik zu Fabrik, mit der Hoffnung im Herzen, die in den letzten Zügen lag und nicht sterben wollte. Es war eine Erlösung.

Die Bewegung ergriff das ganze kleine Haus in verschiedener Weise. Wir brauten das letzte Glas Punsch ziemlich stark. Jeder Grund, die Brandyflasche und die Zuckerdose zu schonen, war verschwunden. Wir stießen die Gläser zusammen, was in der Grünheustraße einen völlig ungewohnten Klang gibt und unsere Hausfrauen erschreckte. Wir begannen deutsche Lieder zu singen: »Muß i denn, muß i denn zum Städtele 'naus.« Manchester ein Städtele! »Morgen muß ich fort von hier« und »Wohlauf, noch getrunken«. Der neue Musiklehrer brachte all die drei herrlichen Abschiedslieder in einer ergreifenden Mischung zur Geltung, ohne es zu ahnen. Bedauerlicherweise war ich der Lauteste. Ich wollte Grünheustraße nie vergessen, schon weil ich hier fast drei Monate lang schwer gelitten hatte, was mir jetzt erst ganz klarwurde; aber ich wollte hinaus, so schnell als möglich, noch vor den andern! Wohlauf, noch getrunken!

In der Küche standen unsere drei Wirtinnen beisammen und lauschten. Sie ahnten, was der Lärm zu bedeuten hatte. In gewöhnlichen Zeiten liebten sie sich nicht. Missis Matthews rümpfte die Nase über Missis Stevens, und Missis Stevens verachtete Missis Wilson, Schindlers Hausfrau, die dem Schustergewerbe entstammte; Missis Wilson aber beklagte die Hoffart und unverbesserliche Weltlichkeit der beiden andern. Allein das gemeinsame Unglück, das sie an einem Tage betroffen hatte, schmolz die dünne Rinde dieser drei Herzen. Missis Stevens holte das Material zu einem kleinen Sonderpunsch herbei, und als Missis Wilson bei dem Gedanken, den stillen, freundlichen Schindler zu verlieren, die erste Träne vergoß, war auch bei den andern kein Halten mehr. Stoß, der zu ziemlich später Stunde nach der Küche ging, um womöglich noch etwas heißes Wasser zu bekommen, denn Schindler wollte zum Schluß unsre glänzende, wenn auch nebelhafte Zukunft in einer größeren Rede verherrlichen, fand alle drei schluchzend um das erloschene Küchenfeuer sitzen. Es soll dies in der Grünheustraße nie zuvor gesehen worden sein, sonst würde ich es nicht erwähnen.

Wir wollten uns am nächsten Morgen nicht mehr begegnen. Es war schöner, heute abzuschließen. Stoß und ich begleiteten den wackeren Schindler, der uns zum erstenmal tief in seine treue Seele hatte blicken lassen, während er die Photographie seines Gretchens ans Herz drückte, nicht ohne einige Schwierigkeit nach Hause. Noch aus seinem Schlafzimmer rief er uns mit vor Rührung zitternder Stimme zu: »Quand on a du courage, on vient à bout du tout.«

Dann begleitete ich Stoß heim. Wir wollten uns häufig schreiben und auch im Glück nie verlassen. So trennten wir uns. Vor meiner Haustüre machte ich die merkwürdige Entdeckung, daß auch sie von der allgemeinen Bewegung ergriffen war und sich heute das Schlüsselloch auf der linken statt, wie sonst immer, auf der rechten Torseite befand. Oder sollte sich die sonst so ruhige Straße gedreht haben? Aber es kümmerte mich wenig. Die schönen Verse Uhlands gingen mir wie ein fern verklingender Abschiedsgruß immer und immer wieder durch den Kopf: »Wann treffen wir uns, Brüder, in einem Schifflein wieder?«

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.