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Die Brixiade

Joseph von Lauff: Die Brixiade - Kapitel 8
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Brixiade
authorJoseph von Lauff
firstpub1915
year1937
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Brixiade
pages1-150
created20051008
sendergerd.bouillon
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Die sechste Flasche

                    Wer nie mit einem Moselglas
In monddurchglänztem Laubgeflechte
Bei gleichgesinnten Menschen saß,
Der kennt euch nicht, ihr Moselnächte.
Der kennt nicht den berühmten Zauber,
Der sich um Strom und Berge regt,
Der ist gleichwie ein Ringeltauber,
Des Weibchen faule Eier legt;
Der ist 'nem Jäger zu vergleichen,
'nem Jäger, weidmannsheilbeseelt,
Der auf 'nen Bock in lichten Eichen
Gezielt, geschossen und – gefehlt.
Wem aber eine Nacht beschieden,
Wie sie mein Lied erstehen ließ,
Der lebt mit Gott und sich in Frieden
Und wähnt sich schon im Paradies;
Der ist in Seligkeit versunken
Und hat, umleuchtet und umstiebt
Von Glimmer-Glitzer-Flinkerfunken,
Geschwärmt, getrunken und geliebt.
In solcher Nacht, da zieht die Fahne
Des Lebens freier ihre Bahn;
Da träumen sich in holdem Wahne
Sigrist und Mesner zum Kaplan.
Der Kapellanus wird zum Paster,
Zum Bischof dann im Bischofssaal,
Und so, ein immer Weitertaster,
Wird er zuletzt ein Kardinal.
Der Ladenstift füllt goldne Säcke,
Des Kanzelisten Seele brennt;
Er sieht am Tisch mit grüner Decke
Sich schon als Oberpräsident.
Der Dichter spielt die Doppelflöte
Verträumter und mit mehr Gewähr;
Er wird ein Schiller, wird ein Goethe,
Er wird ein tönender Homer.
Sogar der grimme Kritikaster
Vergißt Verlogenheit und Trug
Und legt ein tellergroßes Pflaster
Auf alle Wunden, die er schlug.
Und alle Mädchen, blond und braune,
Sei's in Pantoffeln, sei's in Schuh'n,
Die küssen in verliebter Laune
Viel herzlicher, als sonst sie tun.
Das Geld klingt heller in der Tasche,
Ein Held dünkt sich der Pfropfenzieh'r;
Zum Freudenbringer wird die Flasche,
Der Wein zum Lebenselixier.
Wer Wunder sucht, der findet Wunder
Soviel, wie Beeren sind am Strauch,
Und liegt dabei gleich einer Flunder
Vor eitel Wonne auf dem Bauch.
Drum, wer noch nie bei einem Gläschen
Die Nacht durchträumt im Moseltal,
Kutschiere flink in seinem Schäschen
Den Strom zu Berg und tu's einmal.
Er wird dann eine Nacht durchleben,
Ein Dasein bis zum Wachtelschlag,
Wie es, umkränzt von grünen Reben,
In tausend Bildern vor uns lag.

Da standen nun die Moseldamen
Zu neuem Minnespiel bereit,
Und jede führte Stand und Namen
Auf ihrem glasgewirkten Kleid.
Doch Hermann Joseph, wohlgestaltet,
Im Knopfloch einen Rebenbruch,
Nachdem als Mundschenk er gewaltet,
Tat vor dem Antrunk diesen Spruch:

»Wer zuckerfreien Wein nicht ehrt,
Mit schlechtem sich den Kopf beschwert,
Daß alles um und um sich dreht
Und torkelnd er nach Hause geht,
Dabei gleichwie im Nebel schwimmt,
Ein Stück Laterne mit sich nimmt
Und lästerlich und übereilt
Daheim das arme Weib verkeilt,
Dieweil es zorn- und grambeschwert
Im Bett den Rücken ihm gekehrt –
Dem bleibt fortan und für und für
Verlegt, verrammelt hier die Tür.
Doch wer als moselfrommer Knecht
Mit Maßen kneipt, mit Maßen zecht,
Mit Maßen auch den Schnabel wetzt
Und unverfälschte Weine schätzt,
Im »Vanitas«, im »Sanitas«,
Im Tröpflein aus dem »Prositfaß«
Die Allmacht seines Schöpfers preist
Und so als christlich sich erweist –
Der darf zu allgemeinem Frommen
Zu meinem Weinchen immer kommen.
Und jetzt für mich und allemann
Die Moselandacht – sie hebt an.«

Und sie hub an in unserm Bunde
Und war auch noch im vollen Gang,
Als feierlich die zehnte Stunde
Vom nahen Glockenturm erklang.
In ihrer Milde, ihrer Güte
Glich sie dem allerschönsten Buch
Und stand noch nicht in voller Blüte,
Als es vom Turme elfe schlug.
In ihrem festlichen Gepränge,
Das immer neue Reize fand,
Erstreckte sie sich in die Länge
Gleichwie ein zartes Gummiband.

Und es schlug halb durch alle Weite . . .
Da sprach mit salbungsvollem Ton
Der Herr des Amtsgerichts, der zweite:
»Die Mitternacht kommt näher schon.
Ha! wie die Stunde mich umfächelt;
Denn solche Stunde gab es nie.
Um meine Stirne sinnt und lächelt
Die Wehmut einer Elegie.
Dem Zauber muß ich Rechnung tragen,
Dem, was mir durch den Busen zieht.
Die Äolsharfe will ich schlagen,
Und also klingen soll mein Lied.«
Er fuhr sich durch die weiche Mähne,
Er griff den zartesten Akkord,
Und dann, im Auge eine Träne,
Fand er zum rechten Ton das Wort:

    »Längst in alle Weiten
    Ging der müde Tag;
    Dunkle Vögel gleiten
    Dem Erloschnen nach.

    Feierabendstimmen
    Hat der Herr gesandt;
    Ferne Wälder schwimmen
    Auf dem Nebelland.

    Für die stille Reise
    Hin durch Flur und Feld,
    Hat ein Posthorn leise
    Sich der Nacht gesellt.

    Alle Not hienieden,
    Alles Weh und Leid
    Wirkt im nächt'gen Frieden
    Sich ein Feierkleid.

    Gingest du durch Fehle,
    Fand dein Herz nicht Ruh,
    Harre, arme Seele,
    Geh den Sternen zu.

    Bei den Sternen droben
    Wohnt ein lieber Geist,
    Der dir, lichtumwoben,
    Goldne Pfade weist.

    Klingendes Gefieder
    Trägt dich durch sein Reich,
    Und du selbst wirst wieder
    Diesem Abend gleich.«

Ein Schlußakkord, der Sänger tränte,
Sein Blick umschleierte sich grau,
Und wieder klang das schon erwähnte:
»O jerum, meine arme Frau!«
Die Elegie jedoch entzückte,
Begeisterung und Beifall fand,
Indes der Zeiger weiter rückte
Und nicht der Zwölf mehr ferne stand.
Da, weinbeseligt überwallend,
Die Knöchel auf des Tisches Bord,
Zwar kerzengrad, doch etwas lallend,
Ergriff der Doktor jetzt das Wort:
»Wie, hat die Welt sich so verändert?
Dahin des Daseins schwere Last!
Der Himmel scheint mir rotbebändert,
Die Rebenlaube ein Palast.
Mir ist's, als spielte ich mit Kronen
Und triebe Buhlschaft mit dem Wind,
Und bin von Halluzinationen
So frei doch wie ein schuldlos Kind.
Ich fühle Herr mich meiner Sinne;
Der Puls wie immer, Atmung leicht . . .
Und käme lächelnd jetzt Frau Minne,
Ich wäre gar nicht abgeneigt.
Doch wie dem sei – ich sehe doppelt.
Der Henker weiß, wie es geschieht!
Und drei- und vierfach kommt gehoppelt,
Was sonst mein Auge einfach sieht.
Der Wein dünkt schöner mir im Glase,
Und, macht der Satan mir nichts vor,
Ich sehe Meister Wieprechts Nase
Hellstrahlend wie ein Meteor.
Der Dichter dort im Laubgeschwirre
Erscheint mir lorbeerkranzumweht
Und ist doch, wenn ich mich nicht irre,
Ein mittelmäßiger Poet.
Und Peter Zenz, der tiefgelahrte,
Der gern am Busentuch reviert,
Ist auf der straffen Schädelschwarte
Gleichwie ein Pfäfflein tonsuriert.
Ich sehe fromme Pilger wallen,
Die Mosel wird zum blauen Meer,
Und abertausend Nachtigallen,
Die schluchzen glücklich um mich her.
Die Moselnixe wird zur Buhle,
Der Mond wird zum verliebten Schaf,
Und vor mir sitzt auf jedem Stuhle
Ein Fürst, zum wenigsten ein Graf.
Die Narretei, sie wächst beständig.
O unbegreiflich hohe Schau!
Hier – jede Flasche wird lebendig;
Sie wird zum Mädchen, wird zur Frau.
Sie wird zum Weib in holder Fülle . . .
Das lacht und lockt, das wirbt und drängt.
Schon eine hat in loser Hülle
Sich leicht mir in den Arm gehängt!
Die Seligkeit! – ich schwimme, schwimme . . .!
Du lieber Gott, was mag das sein . . .?
Da ruft Herr Zenz mit Donnerstimme:
»Das tut der Wein, das tut der Wein!«
»Das tut der Wein!« so hallt es wieder,
»Das hat der süße Wein gemacht!«
Da dröhnt mit rauschendem Gefieder
Vom nahen Turm die Mitternacht.
Und rings ein himmlisches Geflute;
Es drängt sich Blumenstrauß an Strauß;
Wie unter einer Wünschelrute
Tut sich ein großes Wunder aus.
Der Zauber wirkt durch alle Weiten.
Für kurze Zeit der Sänger schweigt;
Doch wieder schwirrt es in den Saiten . . .
Habt acht! – Der siebte Kantus steigt.

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