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Die Brixiade

Joseph von Lauff: Die Brixiade - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Brixiade
authorJoseph von Lauff
firstpub1915
year1937
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Brixiade
pages1-150
created20051008
sendergerd.bouillon
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Die vierte Flasche

                    O Kortum, in Apoll mein Bruder,
O sel'ger Kortum, kranzumlaubt,
Ich bin gewiß, ein Freudenpuder,
Er würde stieben dir vom Haupt,
Falls Gott, der Herr, durch seine Mächte
Dich aus dem schwärzlichen Verlies
Fein säuberlich ins Leben brächte
Und dich zur »Traube« pilgern hieß!
Der Gang, er würde dich nicht reuen;
Du tätest einen Jubelhops;
Du würdest dich des Lebens freuen
Wie einst mit deinem braven Jobs.
Denn hier, hier sitzen gar fünf Jobse,
In echter Harmonie gesellt,
Und alle nicken mit dem Kopse
Und picheln, was das Zeug nur hält.
Mit lautem Schnalzen, feiner Nase
Dem Weine machen sie den Hof;
Sie saugen Weisheit aus dem Glase
Und jeder wird zum Philosoph.
Er schöpft als solcher aus dem vollen,
Wie es bei ihnen mal so Brauch,
Und was die fünf ergründen wollen,
Du lieber Gott! das tun sie auch.
Gleichviel, ob ein geheimes Regen
Sie zieht zu Ürzigs Dame hin,
Gleichviel, ob ihnen Gottes Segen
Mehr winkt bei der Kartäuserin,
Ob die von Valwigberg, die Lose,
Sie lockt auf ihren süßen Leim,
Ob lächelnd, eine bleiche Rose,
Sie grüßt die Maid von Trittenheim –
Sie finden göttliche Erkenntnis,
Sie finden göttergleiche Ruh,
Und jeder schmunzelt mit Verständnis
Das Resultat dem Nachbar zu.
Zu allererst der graubehaarte,
Der Amtsgerichtsrat Peter Zenz,
Des silberlichte Keilerschwarte
Umschloß juridische Prudenz.
Nach einer niedlichen Verbeugung,
Bei ihm ganz sicher apokryph,
Erhob er sich mit Überzeugung
Und sprach alsdann im Konjunktiv:
»Und wenn mir zur Verfügung stünden
Der Zungen Tausende und mehr,
Sie alle würden euch verkünden
Den einen Satz nur, inhaltschwer:
Erst müßte ausgerottet werden
Der Rebenstock mit Stumpf und Stiel,
Dann wär' vielleicht auf dieser Erden
Das Weib das schönste Herzgespiel.«
Nach diesen Worten ward dem Sprecher
Ein Ehrentrampeln mit dem Schuh,
Und fröhlich läuteten die Becher
Ihm klingend ein »Fiducit!« zu.
Der Doktor tät die Stirne runzeln,
Doch ließ er sich begeistert gehn,
Und also sprach mit seinem Schmunzeln
Der brave Jünger des Galén:
»Was du auch trinkst aus deinem Kelim,
Bibas prudenter insgemein,
et respice den bösen felim,
Denn so heißt »Kater« auf Latein.
So dir jedoch vor eitel Steinchen
Der Kopf am andern Morgen dröhnt,
Ein gut gewähltes Moselweinchen
Den Kater unbedingt versöhnt.«
Nach diesen Worten ward dem Sprecher
Ein Ehrentrampeln mit dem Schuh,
Und fröhlich läuteten die Becher
Ihm klingend ein »Fiducit!« zu.
Jetzt hob sich, um sein Wort zu schmettern,
Herr Wieprecht auf von seinem Sitz,
Und er, der Herr der schwarzen Lettern,
Der Gouverneur von Geist und Witz,
Er kitzelte mit einer Prise
Noch schnell sein Nasenfutteral,
Dann sprach er Worte, schön wie diese
Und keck wie ein Pistonsignal:
»Schon der berühmte Periander,
Schon Perikles im alten Rom,
Ja selbst der große Alexander,
Als er beschifft den Tiberstrom,
Selbst Gustav Adolf, Herr der Schweden,
Von Gott und Menschen benedeit,
Der einst, um Troja zu befehden,
Die schöne Helena gefreit,
Auch Schiller, so in der »Kanone«
Zu Straßburg seinen Egmont schrieb,
Und selbst die schöne Magelone,
Die Cäsarn oft die Zeit vertrieb,
Auch Knut, der Herrscher der Tungusen,
Mit Klytemnästra, seinem Schatz,
Ja, meine Herren, alle Musen,
Sie huldigen dem einen Satz:
Es hat der Schöpfungsplan den Fehler,
Daß man den Fraß nicht saufen kann . . .
Und ich, als Allerweltskrakeeler,
Ich schließ' mich dem von Herzen an.«
Nach diesen Worten ward dem Sprecher
Ein Ehrentrampeln mit dem Schuh,
Und klingend läuteten die Becher
Ihm fröhlich ein »Fiducit!« zu.
Kaum, daß verschluckt die Jubelpille,
Kaum, daß der Gläserklang vorbei,
Erhob sich Hubaleck, der Stille,
Der Amtsgerichtsrat Num'ro zwei.
Da stand er rosig, Luft sich fächelnd,
Gleichwie ein Mann der Prälatur,
Und dennoch, etwas bänglich lächelnd,
Befragte er die goldne Uhr.
»O!« sprach er, »wenn ich reden könnte,
Wenn Worte, reich und seelenvoll,
Die liebe Muse mir vergönnte,
Bald hell in Dur, bald tief in Moll,
O hätte ich mit trauten Mären
Anstatt mit Akten mich beschwert,
Ein edler Sänger, lobebären,
Ein Dichter, groß und vielbegehrt,
Ich würde Perlen hier verschenken,
Des Himmels unergründlich Blau . . .
So aber muß nach Haus ich denken:
O jerum, meine arme Frau!
Und trotzdem: Wahrheit liegt im Weine!
Was schiert mich Weib, was schiert mich Kind!
Nochmal denn, lieber Heinrich Heine:
Laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind!«
Nach diesen Worten ward dem Sprecher
Ein Ehrentrampeln mit dem Schuh,
Und fröhlich läuteten die Becher
Ihm klingend ein »Fiducit!« zu.
»Jetzt will auch ich mein Ringlein stechen;
Mal sehn, ob's flott vom Herzen geht.
Drum, Kinder, laßt mich auch mal sprechen . . .«
Und aufwärts schnellte der Poet:
»Ihr kennt mich alle, kennt mein Leben,
Ihr kennt mich selbst noch, wenn ihr schlaft;
Und kühn darf ich das Wort euch geben:
Ich bin bis dato unbestraft.
Ihr wißt, ich gab dem deutschen Kaiser
Das, was des Kaisers, schlicht und recht,
Und flocht der Eiche grüne Reiser
Gern um der Zollern stolz Geschlecht.
Ich sang dem Reich, ich sang der Minne,
Dem Blühen und dem Auferstehn
Und ließ von hochgefügter Zinne
Des Vaterlandes Banner wehn.
Und so der Wahrheit treuer Diener –
Das paßte dem und jenem nicht;
Mau schalt mich einen Byzantiner
Und lachte mir ins Angesicht.
Da griff man in beschmutzte Krumen,
Man packte zu in blinder Wut
Und pflanzte eitel Distelblumen
Mir grinsend auf den schmucken Hut.
Mich schiert's den Kuckuck! Laßt die Schreier!
Mein Herz schlägt warm dem Deutschen Reich,
Und seine Dornen trägt es freier
Wie mancher seinen Lorbeerzweig.
Kein Wunder, daß von Ratten, Mäusen
Mich stets ein ganzes Heer umschlich!
Denn wißt bei tauben Nußgehäusen,
Da pfeift kein ekler Mäuserich.
Der starke Baum hat seine Misteln
Und bleibt gesund in Mark und Holz,
Und ich, ich trage meine Disteln
Und bin darauf von Herzen stolz.
Beiseite jetzt mit diesen Thesen,
Wenn noch so zorngemut durchglüht!
Was ich im goldnen Wein gelesen,
Nur das erheitert das Gemüt.
Das trägt mich fort im leichten Kahne,
Das spielt um mich wie Blumenflor,
Das gaukelt wie die Fee Morgane
Mir auserwählte Dinge vor.
Das glänzt wie köstliche Topase,
Das träuft auf mich wie Himmelstau . . .
In jedem weingefüllten Glase
Erscheint mir eine holde Frau.
Sie hebt sich auf in zarter Fülle,
Und ihrer Schönheit wohl bewußt,
Legt sie in schleierloser Hülle
Ihr klopfend Herz an meine Brust.
So von Begeisterung getragen,
So stillbeglückt durch ihren Leib,
So Mund auf Mund – da muß ich sagen:
Das Höchste bleibt für mich das Weib!«
Nach diesen Worten ward dem Sprecher
Ein Ehrentrampeln mit dem Schuh,
Und fröhlich läuteten die Becher
Ihm klingend ein »Fiducit«! zu.
Nicht das allein . . .
                                »Das Weib soll leben!«
Der Kuckuck weiß, wie uns geschah!
Denn, noch von innerm Licht umgeben,
War Hermann Joseph wieder da.
Herbeigesehnt von allen Seiten,
Stand er, vom Liebesglück umzweigt,
Und wieder schwirrt es in den Saiten . . .
Habt acht! – Der fünfte Kantus steigt.
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