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Die Brixiade

Joseph von Lauff: Die Brixiade - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Brixiade
authorJoseph von Lauff
firstpub1915
year1937
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Brixiade
pages1-150
created20051008
sendergerd.bouillon
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Die zweite Flasche

                        Bald saßen wir in neuem Kreise,
Vom linden Sommerhauch umweht;
Denn diesem Vierblatt hatte leise
Sich angehäkelt der Poet.
Doch kaum, daß wir das Glas erhoben,
Mit ihm getauscht den ersten Kuß,
Kam auch bedachtsam angeschoben
Herr Hermann Joseph Brixius.
Und was er war? – Der Herr des Hauses,
Der neben Fischerei und Jagd
Auch stets im Schmuck des grauen Flauses
Zum Ruhm der »Traube« viel gemacht.
Zart von Gemüt, doch fest im Glauben,
Dazu ein vielerprobter Mann,
Sprach er beherzt durch Glas und Dauben
Den Wein auf seine Güte an.
Nicht das allein! Auf stillen Pfaden,
Beim Pirschen mit gespanntem Lauf,
Nahm gern er ein Paar schöne Waden
Als Jagdtrophä' mit in den Kauf;
Denn so da irgendeine mähte
Am blumenreichen Straßenrain
Und sich dabei das Röckchen blähte,
So hielt er das im Augenschein.
Warum auch nicht?! In seinen Jahren,
Wo man noch spurgerecht und jung,
Da läßt man wohl ein Äuglein fahren
Zu einem kleinen Nebensprung,
Da tät man sich nicht lange zieren,
Da läßt man mit behendem Flug
Die sanften Blicke gern revieren
Vom Strumpfband bis zum Busentuch.
So auch des Hauses Herr und Hüter,
Der, geberisch wie ein Infant,
Zur Atzung durstiger Gemüter
Mit edlen Flaschen vor uns stand.
Und mit dem Anstand, den er hatte,
Rief er begeistert: »Nehmt sie hin.
Zum ersten . . .!« – und auf Tisch und Platte
Stand eine Valwigbergerin.
»Zum zweiten . . .!« – Himmlische Ekstase!
O überwundersame Schau!
Es lächelte aus zartem Glase
Von Ürzig eine schöne Frau.
»Zum dritten . . .!« – Lieber Gott, ich bitte,
Ein märchenhafter Honigseim . . .!
Die dritte Flasche, ach! die dritte,
Sie war zu Haus in Trittenheim.
Doch als die allerletzte Spende
Uns ihren Namen zugedreht,
Da faltete Herr Zenz die Hände
Und sprach im stillen ein Gebet.
Und halb im Wachen, halb benommen
Tat er hinzu ein schnalzend »Ach!
Sei mir, Kartäuserin, willkommen,
Vielholde Frau von Eitelsbach!«
Dann sprang er auf, vom Wein bemeistert,
Und er, der rechtsbefliss'ne Mann,
Er sprach den Spender hochbegeistert
In schöngesetzten Worten an:

    »Komm, Brüderlein, auf du und du!
    Setz' dich aufs Schemelbeinchen;
    Drück' deine beiden Augen zu
    Und trink von diesem Weinchen.

    Wer solch ein Tröpfchen keltern kann
    In Bottichen und Kufen,
    Der ist, just wie ein Dichtersmann,
    Zu Höherem berufen.

    Denn er zitiert euch durch die Tür
    Die allerfeinsten Geister;
    Gesegnet darum für und für
    Die »Traube« und ihr Meister!«

Da ein »Juchhe!« auf allen Bänken,
Kein Herz mehr fühlte sich beschwert;
Mit Vivathoch und Gläserschwenken
Ward Meister Brixius geehrt.
Der aber sträubte sich dem Lobe
Und rief durch alle Fröhlichkeit:
»Jetzt zugefaßt, und schmeckt die Probe,
Dann, Kinder, steht noch mehr bereit!«
Da ließ der Doktor die Retorten,
Klistier, Rezept und Arzenein
Und schmunzelte mit Goethes Worten:
»Hier bin ich Mensch, hier will ich's sein.«
Herr Wieprecht ritt den Freudenzelter;
Er fühlte sich verteufelt wohl
Und speiste seinen Riechbehälter
Mit einer Prise Spaniol.
»Na, denn mit Gott!« so sprach der Stille,
Der Amtsgerichtsrat Num'ro zwei,
»Das Fleisch ist schwach und schwach der Wille;
So bleib' ich heute auch dabei.
Mein Weib ist freilich ganz alleine,
Was aber schiert mich Frau und Kind?
Ich spreche drum mit Heinrich Heine:
Laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind!«
Das zündete. – Potzblitz und Hagel,
Wie stürmisch schon das Herzblut ging!
Die Laute nahm ich schnell vom Nagel,
Die über mir im Weinlaub hing;
Ich schrob die Wirbel, zog und drehte,
Ich fuhr den Katzendarm entlang,
Bis mich Begeisterung umwehte
Und also mir's vom Munde klang:

    »Der Kuckuck jauchzt! – Die Welt wie weit!
    Ein wanderfroh Genießen!
    Und durch die Sommerherrlichkeit
    Seh' ich die Mosel fließen.
    Drum auf, mein Herz, zu lichten Höhn,
    Laß fahren alle Bande –
    Es wandert nirgends sich so schön
    Als wie im Mosellande!

    Die Mosel lacht durchs weite Feld
    Und schwingt die Thyrsusstäbe,
    Als wenn's auf dieser schönen Welt
    Nur Feiertage gäbe.
    Drum schenk' den goldnen Perlewein
    Ins Kelchglas bis zum Rande –
    Es trinkt sich nirgendwo so fein
    Als wie im Mosellande!

    Den Pfeil im Haar – ha, wie sie gehn,
    Die Mädels, gut geraten!
    Ein Küssemund, ein zierlich Drehn
    Gilt mehr noch als Dukaten.
    Drum leg' den Arm ums junge Blut,
    Flicht traute Liebesbande –
    Es küßt sich nirgendwo so gut
    Als wie im Mosellande!

    Und wessen Herz noch kerngesund,
    Der soll im Frohsinn schwimmen,
    Und wessen Mund ein Singemund,
    Der mag die Saiten stimmen.
    Drum rück' heran, mein Trautgesell,
    Und gib ein Lied zum Pfande –
    Es singt sich nirgendwo so hell
    Als wie am Moselstrande!

    Die Mosel ladet euch zu Gast,
    Der Frohsinn hat euch wieder;
    Drum schmettert wie der Fink vom Ast
    Jetzt eure besten Lieder.
    Dann lächelt selbst der Himmel drein,
    Füllt's Fäßlein bis zum Rande
    Und segnet Mädels, Lied und Wein
    Im schönen Mosellande!«

Du lieber Gott, gab's da ein Tosen,
Als kaum der letzte Klang verweht!
Und lieblich dufteten die Rosen
Dazu vom nahen Gartenbeet.
Da war am blanken Tisch nicht einer,
Der noch ein unbeschriebnes Blatt,
Und Meister Wieprecht, der Lateiner,
Rief dreimal laut: »Proficiat!«
Der Jubel schlug die lauten Becken:
»Komm, Brüderlein, auf du und du!«
Und wie die fetten Weinbergschnecken
Kroch jeder seinem Gläschen zu.
»Die Mosel lebe! Kinder, Kinder,
Wir sind ja hier im Paradies!
Und, Joseph, edler Bürstenbinder,
Sollst dreimal leben überdies!«
Da, während noch der Beifall rollte,
Ward's diesem wohl und weh ums Herz;
Er wußte, was das sagen wollte,
Und schlich sich heimlich gartenwärts.
Auf dunklen Pfaden tät er gleiten,
Von schwanken Reben überzweigt;
Und wieder schwirrt es in den Saiten . . .
Habt acht! – Der dritte Kantus steigt.

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