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Die Brixiade

Joseph von Lauff: Die Brixiade - Kapitel 14
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Brixiade
authorJoseph von Lauff
firstpub1915
year1937
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Brixiade
pages1-150
created20051008
sendergerd.bouillon
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Die zwölfte Flasche

                Ihr kennt ihn nur aus stillen Nächten,
Wo lieblich er im Blauen schwimmt
Und im Verein mit hohen Mächten
Die Menschenseelen weicher stimmt,
Wie er aus silberlichten Bächen
Herniedersendet Strahl bei Strahl,
Um – unser Goethe mag hier sprechen –
Zu füllen wieder Busch und Tal,
Wie er in minniglichem Reigen
Und gleichsam wie zum Weihnachtsfest,
Von allen Wipfeln, allen Zweigen
Lamettastreifen rieseln läßt.
Dann ist die Zeit, wo eine Tante,
Die jüngferlich schon ausgereift,
Und sonst noch eine Anverwandte
Beseligt zur Gitarre greift.
Dann öffnet sich die Herzkokille,
Die alte Sehnsucht ist erwacht,
Und »Guter Mond, du gehst so stille«
Singt sie mit Rührung durch die Nacht.
So kennt ihr ihn, den lieben Späher
Hoch über irdischem Gefild;
Jedoch betrachtet ihr ihn näher,
Erschließt sich euch ein andres Bild.
In seinen wechselreichen Phasen
Und dem Ellipsenschneckengang
Dreht er der Welt die schönsten Nasen,
Bald breit und dick, bald schmal und lang.
Ihr seht in ihm den besten Vater.
O Gott im Himmel, seid ihr blind!
Sein Herz birgt abgrundtiefe Krater,
Die voller Schlamm und Unrat sind.
Ob er auch zart durch Strom und Welle
Zu öfters zieht die glatte Bahn,
Er ist und bleibt für alle Fälle
Ein ganz gefährlicher Kumpan.
Er ist ein abgefeimter Schleicher,
Ein Kuppler, dem der Strang gebührt,
Ein Feld- und Busch- und Walddurchstreicher,
Der manches Weibsbild schon verführt.
Er lockt beim Nachtigallenschlagen,
Er sündigt frech in Dorf und Stadt . . .
Man kann nicht singen und nicht sagen,
Was er schon auf dem Kerbholz hat.
Und diese bleiche Himmelspflanze,
Sie stand jetzt da in unserm Bau
Und forderte mit barschem Glanze
Von uns die schöne Wasserfrau.
Der Kerl, er hieß uns faule Köpfe,
Bouteillenstecher und so mehr
Und schüttelte diverse Töpfe
Voll eklen Spülichts um sich her.
Er hieß uns schnöde Sonnensklaven,
Hochnäsig wie ein Bügelbrett,
Die, statt am lichten Tag zu schlafen,
Die Nacht vertrödelten im Bett.
Zu Zeugen des tät er entbieten
Den Mars; die Venus ließ er sehn,
Saturn und alle Satelliten,
Die kreisend hoch im Raume gehn.
Mit langen Strahlen um sich greifend,
War uns der Flegel spinnefeind.
»Ihr seid nicht wert,« so rief er keifend,
»Daß euch der liebe Mond bescheint.
Mit euch, infame Rasselbande,
Sprech' ich mit Uhland, wenn's erlaubt.
Beim Spiel am grünen Moselstrande
Habt ihr die Jungfrau mir geraubt.
Bei ihrem Harfenklang so süße,
Dort, wo es rudert, wo es rauscht,
Hab' ich mit ihr viel zarte Grüße
Und viele Küsse ausgetauscht.
Drum her mit meiner Wassernixe!«
So schrie er wie am Bratenspieß,
»Wenn nicht, bekommt ihr alle Wichse
Und einen Tritt noch überdies.«

Das war zu viel!
                            Um Gottes willen,
Wo führte solch Spektakeln hin?!
Schon schmachtete im Arm des Stillen
Bewußtlos die Kartäuserin.
Auch Ürzigs Maid war dies beschieden,
Denn sie erbleichte ebenfalls;
Die Äpfelchen der Hesperiden,
Sie hüpften ihr bis an den Hals.
Der Doktor aber aufwärts springend . . .
»Du Mondkalb!« fuhr's aus ihm heraus,
Und eine volle Pulle schwingend,
Er holte wild zum Dreschen aus.
Sie sollte knattern, sollte knallen,
Sie sollte in beherzter Pflicht
Mit Klirr und Klingen niederfallen
Auf das verfluchte Mondsgesicht –
Doch Peter Zenz mit viel Manieren
Riß ihn von seinem Opfer fort:
»Hier gibt es nichts zu arzenieren,
Hier hat der Richter nur das Wort.«
So wies er in die eigne Hürde
Den wildgeword'nen Medikus,
Und fußend dann auf seiner Würde
Tat kund er folgenden Erguß:
»Ich achte jeden Mediziner
Mit seinem goldbeknopften Rohr,
Jedoch der Themis heil'ger Diener
Geht stets in diesem Falle vor,
Dieweil er als berufner Throner
Die Wahrheit von der Lüge trennt;
Drum wird der Firmamentbewohner
Gefordert vor mein Parlament.«
Trat hierauf nah und immer näher,
Ein zweiter Peter Arbues,
Und sprach zu dem entsetzten Schmäher
Bald tief in As, bald hoch in Ges:
»Du ausgetragener Halunke,
Im Licht der Sonne nur ein Span,
Du giftgeschwoll'ne Himmelsunke,
Du Kuppler und du Ludrian,
Du Bummler ohne eignes Feuer,
Du ausgebranntes Weltenstroh,
Du nur geborgtes Licht Verstreuer,
Du Wassernixenholdrio,
Du Instrument für schwache Dichter,
Du, von der Erde nur ein Rest –
Ich setze als Vollstreckungsrichter
Das Urteil hiermit für dich fest.
Kraft der Gewalt, die mir gegeben
Und kraft des Amtes, das mich ziert,
Wirst du anjetzt auf Tod und Leben
Hier aus der »Traube« 'rausbugsiert.
Herr Wieprecht, schmeiß' ihn aus dem Tempel!
Ich weiß, Herr Wieprecht tut es gern.
Mein Urteil steht, ein brav Exempel,
Und damit: Prosit meine Herrn!«

So ging das Wort, so ging die Weise.
Ein Trinken folgte, schön und groß,
Dann aber brach im engen Kreise
Ein himmelhoher Jubel los.
Hei! wie er hell und immer heller
Uns allen von den Lippen glitt;
Sogar im moosbewachs'nen Keller
Die Fuderfässer jauchzten mit.
Es jubelte sogar die Schöne:
»Heil, Peter Zenz! – Heil, Salomo!«
Der Doktor sang in vollen Tönen:
»Benedicamus Domino!«
Herr Wieprecht aber, forsch und feste,
Des Expedierens schon gewohnt,
Er löste sich von Rock und Weste
Und attackierte dann den Mond,
Indem er fix und kurz entschlossen,
Dank seiner hitzigen Natur,
Zum Gaudi seiner Kneipgenossen
Dem Bummler an die Kehle fuhr:
»Als Prinz Eugen tu ich mich fühlen,
Da er mit Stück und Roß und Mann
Das Schlachtfeld bei den Thermopylen
Dem Türkenkaiser abgewann,
Da er mit Sophokles im Bunde,
Nachdem Kassandra er befragt,
Die Malefizvandalenhunde
Bei Zama in den Tod gejagt . . .!«
Die Brillengläser schossen Blitze,
Das Doppelrohr der Nase pfiff,
Und mit gespanntem Hosensitze
Tat er den Rinaldinigriff:
»Komm nur heran, du Nixenfreier . . .!«
Und unter donnerndem Applaus
Warf er den ekelhaften Schreier
Mit Glanz und Gloria hinaus.
Da aber . . .
                    Brat mir einen Flunder!
Was nicht die Zauberei vermag!
Denn um uns – Wunder über Wunder! –
Erschien der sonnenhelle Tag.
Das Mondlicht fort! – Der Morgen brachte
Uns eitel Tau und Glimmerschein
Und glitzerte und schien und lachte
Uns hell ins Römerglas hinein.
Auf allen Blättern – welch ein Blinken
Ein Wiegen, Wogen ab und zu!
Und lustig schmetterten die Finken:
»Komm, Brüderlein, auf du und du!«
Die Amsel jauchzte von den Zweigen,
Im Laub bereits die Meise hing,
Und munter tanzte seinen Reigen
Schon ein verfrühter Schmetterling.
Der Traum der Nacht, er war verschwunden,
Das bunte Fest war ausgelärmt . . .
Wir hatten dreizehn lange Stunden
Geliebt, getrunken und geschwärmt.
Was wir gesehn, was wir verhandelt,
Was blütenfrisch uns überschneit,
Das hatte plötzlich sich verwandelt
In kalte, nackte Wirklichkeit.
Versprengte Pfropfen, leere Taschen!
Zum Teufel der vergnügte Spaß!
Die Mädels waren wieder Flaschen
Aus ganz gewöhnlich grünem Glas.
Hier saß der Doktor, hier der Dichter,
Dicht nebenan die schwarze Kunst,
Bei Hermann Joseph die zwei Richter,
Noch immer zechend – mit Vergunst.
Dahin die zaubrischen Gesichte!
So kühl der winddurchspielte Raum!
Die ganze niedliche Geschichte,
Sie war ein schöner Moseltraum.
Und trotzdem seliges Frohlocken:
»Wir wollen Wein, wir wollen Wein!«
Denn feiernd läuteten die Glocken
Den schönen Sonntagmorgen ein.

Ach Glocken, Glocken! – Feierklänge
Das liebe Moseltal entlang!
Und Wald und Strom und Rebenhänge
Berührte der geweihte Klang.
Ach Glocken, Glocken! – Wie sie riefen,
So voller Andacht, so beredt!
Aus lichten Höh'n, aus kühlen Tiefen
Erscholl das eherne Gebet.
Vom nahen Cochem rief die eine,
Harmonisch klingend, voll und stark;
Die aus der Valwiger Gemeine,
Und jene aus der Ernster Mark.
Von ihrer Mission durchdrungen,
Sie sangen Gott ein Preislied zu;
Sie jubelten mit heil'gen Zungen:
»Komm, Brüderlein, auf du und du!«
Sie priesen Gottes Geist und Güte
Im lichtdurchperlten Moseltal,
Und über Strom und Rebenblüte
Erklang der hehre Weinchoral:
»Vinum de vite, donum de Deo,
Donum de Deo,
Donum de Deo!«

O Glocken, Glocken! – stets erneute
Sich die Gewalt der Melodein,
Und in das wohlige Geläute
Fiel auch die Tafelrunde ein:
»Vinum Moselanum
Est omni tempore sanum!
Donum de Deo,
Donum de Deo!«

O Glocken, Glocken! – und kein Ende!
Und Sonntagsruh und Herrenfron!
Und in dem blühenden Gelände
Gesang und sanfter Orgelton:
»Donum de Deo,
Donum de Deo!«

Und wie's noch klang, da nahten Schritte
Durch Rankenwerk und Laubgewind,
Und fröhlich trat in unsre Mitte
Ein morgenfrisches Moselkind.
Ein Knicksen und ein schämig Sperren,
Dann aber sagte herzlich sie:
»Ei, guten Morgen, meine Herren,
Als Braut empfiehlt sich die Marie.«
Bei Gott im Himmel, welch ein Mädchen!
Ein Krönchen ihr geflochten Haar,
Die Augen blaue Feuerrädchen,
Der Mund ein Weichselkirschenpaar!
So stand sie da im grünen Rahmen,
Ein menschgewordner Lautenklang,
Und zwei beherzte Arme nahmen
Sie überglücklich in Empfang.
Nachdem sie dann im Sonnengolde
Gewechselt schnell noch Gruß und Kuß,
Da klang's: »Heil dir, Marie, du holde,
Heil Hermann Joseph Brixius!«
Ein glücklich Geben und ein Nehmen,
Ein Säuseln noch, gleichwie im Ried –
Und mit ihm, ein verträumter Schemen,
Vergeht auch sacht mein Mosellied.

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