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Die Brixiade

Joseph von Lauff: Die Brixiade - Kapitel 13
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Brixiade
authorJoseph von Lauff
firstpub1915
year1937
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Brixiade
pages1-150
created20051008
sendergerd.bouillon
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Die elfte Flasche

                    Ihr habt von Valandinnen
Gar Wunder viel gehört,
Die mit unseligem Minnen
Die Männerherzen betört,
Die leuchtend das Tägliche färben,
Vom Himmel euch geben ein Stück,
Um dann in klirrende Scherben
Zu wandeln das köstliche Glück.
Sie wohnen in Rosenhecken,
In dämmernder Waldespracht,
Sie kosen und spielen Verstecken
Tief in der Berge Schacht.
Sie hausen auf blumigen Spreiten,
Sie schweben durch feurige Glut;
Die schönsten aber gleiten
Hin durch die kristallene Flut.
Wem so eine niedliche Kröte
Das Herz macht allzu schwer,
Dem geht's wie dem Angler von Goethe,
Der fängt keine Fische mehr.
Der ist seinem Schicksal verfallen,
Ist bettelarm und reich;
Der fühlt die entsetzlichsten Krallen
Und die feurigsten Küsse zugleich;
Denn was auf irdischen Auen
An Schönheit dem Weibe vermacht,
Mit dem sind die Wasserfrauen
Doppelt und dreifach bedacht.
Ihr Leib, ich verfechte die These,
War allzeit das liebste Modell
Für Makart und Veronese,
Für Rubens und Raffael.
Schon Phidias hat ihn gehämmert
Aus blendendem Marmelgestein,
Und wenn ihn das Mondlicht umflämmert,
So fällt selbst dem Dummsten was ein.
Sie kennen nicht Tod und Vergehen,
Nicht der Menschen letztes Ziel;
Die Augen sind lächelnde Seen,
In welche der Himmel fiel.
Jedoch die feinste von ihnen,
Rosig und schleierweiß,
Die war nun plötzlich erschienen
In unserm Zecherkreis.
Und könnt' ich die Harfe schlagen,
Wie Gottfried von Straßburg getan,
Und könnt' ich singen und sagen
Gleichwie ein sterbender Schwan,
Und wären die Redegewalten
Mir eigen des Chrysostom,
Mit Worten nicht ließ sich gestalten
Die herrliche Frau aus dem Strom –
So grenzend ans Wunderbare
War alles und jedes an ihr!
So sonnig die goldigen Haare,
So schwellend die weibliche Zier!
O Gott! – wer ihr verfallen,
War bettelarm und reich;
Der fühlte die schärfsten Krallen
Und die feurigsten Küsse zugleich.
Drum Achtung, Achtung, ihr Herren!
Wollt eure Sinne kastein,
Und laßt euch nicht locken und zerren
In den Strudel der Sünde hinein!
Schon naht sie aus perlendem Bade . . .
Verschließt eure Herzenstruh'n!
Und doch – wie ist die Najade
So scheu im Wesen und Tun . . .!

Ihr Fuß berührte kaum die Erde.
Die Augen ein beredtes Flehn!
Und unter ängstlicher Gebärde
Ließ sie die Blicke rückwärts gehn.
»Seht meine Angst!« so rief sie jammernd,
»O, die Verzweiflung reißt mich fort!«
Und sich an Hermann Joseph klammernd,
Ergriff von neuem sie das Wort:
»Der Teufelskerl aus weiter Ferne,
Der sonst am Sternenhimmel wohnt,
Das Bleichgesicht, die Diebslaterne,
Kurzum, der unverschämte Mond –
Kaum, daß ich noch mit Widerstreben,
Und nur umgarnt von seinem Bann,
Ihm blindlings alles das gegeben,
Was halt ein Mädchen geben kann,
Wird dieser runde Junggeselle
Urplötzlich ganz impertinent
Und will mich aus der kühlen Welle
Verpflanzen an das Firmament.
Bei diesem Erzanachoreten
Und schwindelnd hoch am Himmelszelt,
Ach! zwischen Sternen und Planeten
Soll ich vergessen meine Welt;
Soll mit ihm, als Frau Mond verwandelt,
Durchbummeln manche liebe Nacht,
Bis er mit Jupiter verhandelt
Und mich als Leda ihm vermacht.
Das steht mir fern! – drum habt Erbarmen,
Gewährt mir lobesam Quartier,
Leiht mir den Schutz von euren Armen . . .
Der größte Schelm ist hinter mir!
Ach, Hermann Joseph . . .!« und erblassend,
Wie die verfolgte Unschuld tut,
Sie sprach, ihn inniger umfassend:
»Bei dir bin ich in sichrer Hut.
Du lieber Kerl . . .!« und zart, doch feste,
Des eignen Reizes wohl bewußt,
Barg sie an seiner Sammetweste
Die lilienweiße Schwanenbrust.
Doch er, versetzt in tausend Nöten,
Errötete gleichwie ein Salm
Und betete, das Fleisch zu töten,
Von König David einen Psalm.
Schlug auch ein Kreuz noch in der Hose,
Beschwörend so, was ihn durchtobt,
Und sprach dann zu der bleichen Rose:
»Pardon, Madam, ich bin verlobt.«
Da fuhr sie auf, so wie im Zwinger
Die Natter sich bedrohlich regt,
Und rief, indem die Rosenfinger,
Die schlanken Finger, wohlgepflegt,
Verächtlich ihm die Stirn betippten:
»Pfui, Hermann Joseph, schäme dich!
Du bleibst wie Joseph von Ägypten
Ein flügellahmer Enterich.
Zu schwelgen nur im Saft der Reben,
Damit ist noch nicht viel getan!
Laß dir das Lehrgeld wiedergeben
Von Wieprecht, dem beherzten Hahn.«
Das traf ihn schmerzlich, traf ihn bitter,
Weil er die Worte schwer empfund,
Und grollend wie ein Ungewitter
Sprach nochmals sein erzürnter Mund:
»Ich bin verlobt!«
                              »Hast du 'nen Schimmer!
Nein, diese Antwort ist zu dumm!
Bei einem schönen Frauenzimmer
Kommt ein Verlobter auch nicht um.
Ein rasches Küßchen sich zu holen,
Hat selbst 'nen Eh'mann nie entweiht . . .
Und damit bleibe mir gestohlen
Von jetzt an bis in Ewigkeit.«
Sie sprach's in Kraft verschmähten Weibes,
Bald frostig und bald höllenwarm,
Und warf den Reiz des schönen Leibes
Sofort dem Dichter in den Arm.
Ein Königreich jetzt für ein Hemde!
Sonst wird das Unglück riesengroß;
Denn sie, das Mädchen aus der Fremde,
Saß dem Poeten auf dem Schoß.
Des freuten sich die andern Dächse.
Hei! wie ihr Ruf gen Himmel flog:
»Der Dichter und die Wasserhexe,
Sie sollen leben – hurra, hoch!«
»Sie sollen leben, leben, leben!«
Rief der Gerichtsrat Num'ro eins;
Er tat sein römisch Glas erheben
Und sog sich voll des edlen Weins.
Sie aber sprach mit süßem Munde;
Sie sprach so rund, sie sprach so frei,
Sie sprach vom Fischlein tief im Grunde
Am schroffen Fuß der Brauselay.
Sie sprach mit süßgeheimem Grauen,
Sie sprach vom Wasser, wie es schwoll
Und wie da unten, tief im Blauen,
Das Herz sich hebt so sehnsuchtsvoll.
Sie sprach von schlechten Erdenchristen
Und wie so schwer die Pilgerbahn,
Von Menschenwitz und Menschenlisten,
Genau wie Goethe es getan.
Sie sprach von himmlischem Ergetzen,
Von Schäferstündchen bei den Feen;
Schon wollte sie den Fuß mir netzen,
Schon war's so halb um mich geschehn,
Schon zogen mich geheime Bande
Aus dem gemütlichen Lokal . . .
Da plötzlich kam vom Moselstrande
Ein ohrbetäubender Skandal.
Er kam heran mit Windeseile,
Dicknäsig, unverschämt und frech
Und kratzte wie 'ne Eisenfeile
Ans einem alten Ofenblech.
Das zog durch Nerven und Gekröse,
Das schrillte wie ein Kirchturmhahn,
Und schließlich wurde das Getöse
Zu einem fauchenden Orkan.
Mit irrem Glanz und irren Lichtern,
Die Augen stur und wie verglast
Und tutend wie aus hundert Trichtern,
Kam einer stolpernd angerast.
Da schrie sie auf: »Er will mich packen,
Der keine Frauenehre schont . . .!«
Da drang auch schon mit schiefen Backen
In unsre Fröhlichkeit der Mond.
Der Mond, der Mond! – Wer kann's bestreiten?!
Kein Stern sonst diesem Lümmel gleicht!
Und wieder schwirrt es in den Saiten . . .
Habt acht! – Der zwölfte Kantus steigt.

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