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Gutenberg > Friedrich Schiller >

Die Braut von Messina

Friedrich Schiller: Die Braut von Messina - Kapitel 4
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Zweiter Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Braut von Messina
pages410
sendergerd.bouillon@t-online.de
created20001229
firstpub1803
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Fünfter Auftritt.

Beide Brüder. Beide Chöre.

Chor (Cajetan.) Es sind nur Worte, die sie gesprochen,
Aber sie haben den fröhlichen Muth
In der felsigten Brust mir gebrochen!
Ich nicht vergoß das verwandte Blut.
Nein zum Himmel erheb' ich die Hände:
Ihr seid Brüder! Bedenket das Ende!

Don Cesar (ohne Don Manuel anzusehen).
Du bist der ältre Bruder, rede du!
Dem Erstgebornen weich' ich ohne Schande.

Don Manuel (in derselben Stellung).
Sag' etwas Gutes, und ich folge gern
Dem edeln Beispiel, das der jüngre gibt.

Don Cesar. Nicht, weil ich für den Schuldigeren mich
Erkenne oder schwächer gar mich fühle –

Don Manuel. Nicht Kleinmuths zeiht Don Cesarn, wer ihn kennt,
Fühlt' er sich schwächer, würd' er stolzer reden.

Don Cesar. Denkst du von deinem Bruder nicht geringer?

Don Manuel. Du bist zu stolz zur Demuth, ich zur Lüge.

Don Cesar. Verachtung nicht erträgt mein edles Herz.
Doch in des Kampfes heftigster Erbittrung
Gedachtest du mit Würde deines Bruders.

Don Manuel. Du willst nicht meinen Tod, ich habe Proben.
Ein Mönch erbot sich dir, mich meuchlerisch
Zu morden; du bestraftest den Verräther.

Don Cesar (tritt etwas näher).
Hätt' ich dich früher so gerecht erkannt,
Es wäre Vieles ungeschehn geblieben.

Don Manuel. Und hätt' ich dir ein so versöhnlich Herz
Gewußt, viel Mühe spart' ich dann der Mutter.

Don Cesar. Du wurdest mir viel stolzer abgeschildert.

Don Manuel. Es ist der Fluch der Hohen, daß die Niedern
Sich ihres offnen Ohrs bemächtigen.

Don Cesar (lebhaft). So ist's, die Diener tragen alle Schuld.

Don Manuel. Die unser Herz in bitterm Haß entfremdet.

Don Cesar. Die böse Worte hin und wieder trugen.

Don Manuel. Mit falscher Deutung jede That vergiftet.

Don Cesar. Die Wunde nährten, die sie heilen sollten.

Don Manuel. Die Flamme schürten, die sie löschen konnten.

Don Cesar. Wir waren die Verführer, die Betrogenen!

Don Manuel. Das blinde Werkzeug fremder Leidenschaft!

Don Cesar. Ist's wahr, daß alles Andre treulos ist –

Don Manuel. Und falsch! Die Mutter sagt's, du darfst es glauben!

Don Cesar. So will ich diese Bruderhand ergreifen –

(Er reicht ihm die Hand hin.)

Don Manuel. (ergreift sie lebhaft).
Die mir die nächste ist auf dieser Welt.

(Beide stehen Hand in Hand und betrachten einander eine Zeitlang schweigend.)

Don Cesar. Ich seh' dich an, und überrascht, erstaunt
Find' ich in dir der Mutter theure Züge.

Don Manuel. Und eine Aehnlichkeit entdeckt sich mir
In dir, die mich noch wunderbarer rühret.

Don Cesar. Bist du es wirklich, der dem jüngern Bruder
So hold begegnet und so gütig spricht?

Don Manuel. Ist dieser freundlich sanftgesinnte Jüngling
Der übelwollend mir gehäß'ge Bruder?

(Wiederum Stillschweigen; Jeder steht in den Anblick des Andern verloren.)

Don Cesar. Du nahmst die Pferde von arab'scher Zucht
In Anspruch aus dem Nachlaß unsers Vaters.
Den Rittern, die du schicktest, schlug ich's ab.

Don Manuel. Sie sind dir lieb, ich denke nicht mehr dran.

Don Cesar. Nein, nimm die Rosse, nimm den Wagen auch
Des Vaters, nimm sie, ich beschwöre dich!

Don Manuel. Ich will es thun, wenn du das Schloß am Meere
Beziehen willst, um das wir heftig stritten.

Don Cesar. Ich nehm' es nicht, doch bin ich's wohl zufrieden,
Daß wir's gemeinsam brüderlich bewohnen.

Don Manuel. So sei's! Warum ausschließend Eigenthum
Besitzen, da die Herzen einig sind?

Don Cesar. Warum noch länger abgesondert leben,
Da wir, vereinigt, jeder reicher werden?

Don Manuel. Wir sind nicht mehr getrennt, wir sind vereinigt.

(Er eilt in seine Arme.)

Erster Chor (zum zweiten.) (Cajetan.)
Was stehen wir hier noch feindlich geschieden,
Da die Fürsten liebend sich umfassen?
Ihrem Beispiel folg' ich und biete dir Frieden,
Wollen wir einander denn ewig hassen?
Sind sie Brüder durch Blutes Bande,
Sind wir Bürger und Söhne von einem Lande.

(Beide Chöre umarmen sich.)

Sechster Auftritt.

Ein Bote tritt auf.

Zweiter Chor (Zu Don Cesar.) (Bohemund.)
Den Späher, den du ausgesendet, Herr,
Erblick' ich wiederkehrend. Freue dich,
Don Cesar! Gute Botschaft harret dein,
Denn fröhlich strahlt der Blick des Kommenden.

Bote. Heil mir und Heil der fluchbefreiten Stadt!
Des schönsten Anblicks wird mein Auge froh.
Die Söhne meines Herrn, die Fürsten seh' ich
In friedlichem Gespräche, Hand in Hand,
Die ich in heißer Kampfes Wuth verlassen.

Don Cesar. Du siehst die Liebe aus des Hasses Flammen
Wie einen neu verjüngten Phönix steigen.

Bote. Ein zweites leg' ich zu dem ersten Glück!
Mein Botenstab ergrünt von frischen Zweiten!

Don Cesar. (ihn bei Seite führend).
Laß hören, was du bringst.

Bote.                                           Ein einz'ger Tag
Will Alles, was erfreulich ist, versammeln.
Auch die Verlorene, nach der wir suchten,
Sie ist gefunden, Herr, sie ist nicht weit.

Don Cesar. Sie ist gefunden! O, wo ist sie? Sprich!

Bote. Hier in Messina, Herr, verbirgt sie sich.

Don Manuel (zu dem ersten Halbchor gewendet).
Von hoher Röthe Gluth seh' ich die Wangen
Des Bruders glänzen, und sein Auge blitzt.
Ich weiß nicht, was es ist; doch ist's die Farbe
Der Freude, und mitfreuend theil' ich sie.

Don Cesar (zu dem Boten).
Komm, führe mich! – Leb wohl, Don Manuel!
Im Arm der Mutter finden wir uns wieder;
Jetzt fordert mich ein dringend Werk von hier. (Er will gehen.)

Don Manuel. Verschieb' es nicht. Das Glück begleite dich.

Don Cesar (besinnt sich und kommt zurück).
Don Manuel! Mehr, als ich sagen kann,
Freut mich dein Anblick – ja, mir ahnet schon,
Wir werden uns wie Herzensfreunde lieben,
Der langgebundne Trieb wird freud'ger nur
Und mächt'ger streben in der neuen Sonne.
Nachholen werd' ich das verlorne Leben.

Don Manuel. Die Blüthe deutet auf die schöne Frucht.

Don Cesar. Es ist nicht recht, ich fühl's und tadle mich,
Daß ich mich jetzt aus deinen Armen reiße.
Denk' nicht, ich fühle weniger, als du,
Weil ich die festlich schöne Stunde rasch zerschneide.

Don Manuel (mit sichtbarer Zerstreuung).
Gehorche du dem Augenblick! Der Liebe
Gehört von heute an das ganze Leben.

Don Cesar. Entdeckt' ich dir, was mich von hinnen ruft –

Don Manuel. Laß mir dein Herz! Dir bleibe dein Geheimniß.

Don Cesar. Auch kein Geheimniß trenn' uns ferner mehr,
Bald soll die letzte dunkle Falte schwinden! (Zu dem Chor gewendet.)
Euch künd' ich's an, damit ihr's Alle wisset!
Der Streit ist abgeschlossen zwischen mir
Und dem geliebten Bruder! Den erklär' ich
Für meinen Todfeind und Beleidiger
Und werd' ihn hassen wie der Hölle Pforten,
Der den erloschnen Funken unsers Streits
Aufbläst zu neuen Flammen – Hoffe Keiner
Mir zu gefallen oder Dank zu ernten,
Der von dem Bruder Böses mir berichtet,
Mit falscher Dienstbegier den bittern Pfeil
Des raschen Worts geschäftig weiter sendet.
– Nicht Wurzeln auf der Lippe schlägt das Wort,
Das unbedacht dem schnellen Zorn entflohen;
Doch, von dem Ohr des Argwohns aufgefangen,
Kriecht es wie Schlingkraut endlos treibend fort
Und hängt ans Herz sich an mit tausend Aesten:
So trennen endlich in Verworrenheit
Unheilbar sich die Guten und die Besten!

(Er umarmt den Bruder noch einmal und geht ab, von dem zweiten Chor begleitet.)

Siebenter Auftritt.

Don Manuel und der erste Chor.

Chor (Cajetan.)
Verwundrungsvoll, o Herr, betracht' ich dich,
Und fast muß ich dich heute ganz verkennen.
Mit karger Rede kaum erwiederst du
Des Bruders Liebesworte, der gutmeinend
Mit offnem Herzen dir entgegen kommt.
Versunken in dich selber stehst du da,
Gleich einem Träumenden, als wäre nur
Dein Leib zugegen, und die Seele fern.
Wer so dich sähe, möchte leicht der Kälte
Dich zeihn und stolz unfreundlichen Gemüths;
Ich aber will dich drum nicht fühllos schelten,
Denn heiter blickst du, wie ein Glücklicher
Um dich, und Lächeln spielt um deine Wangen.

Don Manuel. Was soll ich sagen? was erwiedern? Mag
Der Bruder Worte finden! Ihn ergreift
Ein überraschend neu Gefühl; er sieht
Den alten Haß aus seinem Busen schwinden,
Und wundernd fühlt er sein verwandtes Herz.
Ich – habe keinen Haß mehr mitgebracht,
Kaum weiß ich noch, warum wir blutig stritten.
Denn über allen ird'schen Dingen hoch
Schwebt mir auf Freudenfittigen die Seele,
Und in dem Glanzesmeer, das mich umfängt,
Sind alle Wolken mir und finstre Falten
Des Lebens ausgeglättet und verschwunden.
– Ich sehe diese Hallen, diese Säle,
Und denke mir das freudige Erschrecken
Der überraschten, hoch erstaunten Braut,
Wenn ich als Fürstin sie und Herrscherin
Durch dieses Hauses Pforten führen werde.
– Noch liebt sie nur den Liebenden! Dem Fremdling,
Dem Namenlosen hat sie sich gegeben.
Nicht ahnet sie, daß es Don Manuel,
Messina's Fürst ist, der die goldne Binde
Ihr um die schöne Stirne flechten wird.
Wie süß ist's, das Geliebte zu beglücken
Mit ungehoffter Größe Glanz und Schein!
Längst spart' ich mir dies höchste der Entzücken,
Wohl bleibt es stets sein höchster Schmuck allein;
Doch auch die Hoheit darf das Schöne schmücken,
Der goldne Reif erhebt den Edelstein.

Chor (Cajetan.)
Ich höre dich, o Herr, vom langen Schweigen
Zum erstenmal den stummen Mund entsiegeln.
Mit Späheraugen folgt' ich dir schon längst,
Ein seltsam wunderbar Geheimniß ahnend;
Doch nicht erkühnt' ich mich, was du vor mir
In tiefes Dunkel hüllst, dir abzufragen.
Dich reizt nicht mehr der Jagden muntre Lust,
Der Rosse Wettlauf und des Falken Sieg.
Aus der Gefährten Aug verschwindest du,
So oft die Sonne sinkt zum Himmelsrande,
Und Keiner unsers Chors, die wir dich sonst
In jeder Kriegs- und Jagdgefahr begleiten,
Mag deines stillen Pfads Gefährte sein.
Warum verschleierst du bis diesen Tag
Dein Liebesglück mit dieser neid'schen Hülle?
Was zwingt den Mächtigen, daß er verhehle?
Denn Furcht ist fern von deiner großen Seele.

Don Manuel. Geflügelt ist das Glück und schwer zu binden,
Nur in verschloßner Lade wird's bewahrt.
Das Schweigen ist zum Hüter ihm gesetzt,
Und rasch entfliegt es, wenn Geschwätzigkeit
Voreilig wagt, die Decke zu erheben.
Doch jetzt, dem Ziel so nahe, darf ich wohl
Das lange Schweigen brechen, und ich will's.
Denn mit der nächsten Morgensonne Strahl
Ist sie die Meine, und des Dämons Neid
Wird keine Macht mehr haben über mich.
Nicht mehr verstohlen werd' ich zu ihr schleichen,
Nicht rauben mehr der Liebe goldne Frucht,
Nicht mehr die Freude haschen auf der Flucht,
Das Morgen wird dem schönen Heute gleichen,
Nicht Blitzen gleich, die schnell vorüber schießen
Und plötzlich von der Nacht verschlungen sind,
Mein Glück wird sein, gleichwie des Baches Fließen,
Gleichwie der Sand des Stundenglases rinnt.

Chor (Cajetan.)
So nenne sie uns, Herr, die dich im Stillen
Beglückt, daß wir dein Loos beneidend rühmen
Und würdig ehren unsers Fürsten Braut.
Sag' an, wo du sie fandest, wo verbirgst,
In welches Orts verschwiegner Heimlichkeit?
Denn wir durchziehen schwärmend weit und breit
Die Insel auf der Jagd verschlungnen Pfaden,
Doch keine Spur hat uns dein Glück verrathen,
So daß ich bald mich überreden möchte,
Es hülle sie ein Zaubernebel ein.

Don Manuel. Den Zauber lös' ich auf, denn heute noch
Soll, was verborgen war, die Sonne schauen.
Vernehmet denn und hört, wie mir geschah.
Fünf Monde sind's, es herrschte noch im Lande
Des Vaters Macht und beugete gewaltsam
Der Jugend starren Nacken in das Joch –
Nichts kannt' ich als der Waffen wilde Freuden
Und als des Waidwerks kriegerische Lust.
– Wir hatten schon den ganzen Tag gejagt
Entlang des Waldgebirges – da geschah's,
Daß die Verfolgung einer weißen Hindin
Mich weit hinweg aus eurem Haufen riß.
Das scheue Thier floh durch des Thales Krümmen,
Durch Busch und Kluft und bahnenlos Gestrüpp,
Auf Wurfes Weite sah ich's stets vor mir,
Doch konnt' ich's nicht erreichen, noch erzielen,
Bis es zuletzt an eines Gartens Pforte mir
Verschwand. Schnell von dem Roß herab mich werfend
Dring' ich ihm nach, schon mit dem Speere zielend,
Da seh' ich wundern das erschrockne Thier
Zu einer Nonne Füßen zitternd liegen,
Die selbst mit zarten Händen schmeichelnd kost.
Bewegungslos starr' ich das Wunder an,
Den Jagdspieß in der Hand, zum Wurf ausholend –
Sie aber blickt mit großen Augen flehend
Mich an. So stehn wir schweigend gegen einander –
Wie lange Frist, das kann ich nicht ermessen,
Denn alles Maß der Zeiten war vergessen.
Tief in die Seele drückt sie mir den Blick,
Und umgewandelt schnell ist mir das Herz.
– Was ich nun sprach, was die Holdsel'ge mir
Erwiedert, möge Niemand mich befragen,
Denn wie ein Traumbild liegt es hinter mir
Aus früher Kindheit dämmerhellen Tagen,
An meiner Brust fühlt' ich die ihre schlagen,
Als die Besinnungskraft mir wieder kam.
Da hört' ich einer Glocke helles Läuten,
Den Ruf zur Hora schien es zu bedeuten,
Und schnell, wie Geister in die Luft verwehen,
Entschwand sie mir und ward nicht mehr gesehen.

Chor (Cajetan.)
Mit Furcht, o Herr, erfüllt mich dein Bericht.
Raub hast du an dem Göttlichen begangen,
Des Himmels Braut berührt mit sündigem Verlangen,
Denn furchtbar heilig ist des Klosters Pflicht.

Don Manuel. Jetzt hatt' ich eine Straße nur zu wandeln,
Das unstet schwanke Sehnen war gebunden,
Dem Leben war sein Inhalt ausgefunden.
Und wie der Pilger sich nach Osten wendet,
Wo ihm die Sonne der Verheißung glänzt,
So kehrte sich mein Hoffen und mein Sehnen
Dem einen hellen Himmelspunkte zu.
Kein Tag entstieg dem Meer und sank hinunter,
Der nicht zwei glücklich Liebende vereinte.
Geflochten still war unsrer Herzen Bund,
Nur der allsehnde Aether über uns
War des verschwiegnen Glücks vertrauter Zeuge,
Es brauchte weiter keines Menschen Dienst.
Das waren goldne Stunden, sel'ge Tage!
– Nicht Raub am Himmel war mein Glück, denn noch
Durch kein Gelübde war das Herz gefesselt,
Das sich auf ewig mir zu eigen gab.

Chor (Cajetan.)
So war das Kloster eine Freistatt nur
Der zarten Jugend, nicht des Lebens Grab?

Don Manuel. Ein heilig Pfand ward sie dem Gotteshaus
Vertraut, das man zurück einst werde fordern.

Chor (Cajetan.)
Doch welches Blutes rühmt sie sich zu sein?
Denn nur vom Edeln kann das Edle stammen.

Don Manuel. Sich selber ein Geheimniß wuchs sie auf,
Nicht kennt sie ihr Geschlecht, noch Vaterland.

Chor (Cajetan.)
Und leitet keine dunkle Spur zurück
Zu ihres Daseins unbekannten Quellen?

Don Manuel. Daß sie von edelm Blut, gesteht der Mann,
Der einz'ge, der um ihre Herkunft weiß.

Chor (Cajetan.)
Wer ist der Mann? Nichts halte mir zurück,
Denn wissend nur kann ich dir nützlich rathen.

Don Manuel. Ein alter Diener naht von Zeit zu Zeit,
Der einz'ge Bote zwischen Kind und Mutter.

Chor (Cajetan.)
Von diesem Alten hast du nichts erforscht?
Feigherzig und geschwätzig ist das Alter.

Don Manuel. Nie wagt' ich's, einer Neugier nachzugeben,
Die mein verschwiegnes Glück gefährden könnte.

Chor (Cajetan.)
Was aber war der Inhalt seiner Worte,
Wenn er die Jungfrau zu besuchen kam?

Don Manuel. Auf eine Zeit, die Alles lösen werde,
Hat er von Jahr zu Jahren sie vertröstet.

Chor (Cajetan.)
Und diese Zeit, die Alles lösen soll,
Hat er sie näher deutend nicht bezeichnet?

Don Manuel. Seit wenig Monden drohete der Greis
Mit einer nahen Aendrung ihres Schicksals.

Chor (Cajetan.)
Er drohte, sagst du? Also fürchtest du
Ein Licht zu schöpfen das dich nicht erfreut?

Don Manuel. Ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen,
Wo kein Gewinn zu hoffen, droht Verlust.

Chor (Cajetan.)
Doch konnte die Entdeckung, die du fürchtest,
Auch deiner Liebe günst'ge Zeichen bringen.

Don Manuel. Auch stürzen konnte sie mein Glück; drum wählt' ich
Das Sicherste, ihr schnell zuvor zu kommen.

Chor (Cajetan.)
Wie das, o Herr? Mit Furcht erfüllt du mich,
Und eine rasche That muß ich besorgen.

Don Manuel. Schon seit den letzten Monden ließ der Greis
Geheimnißvolle Winke sich entfallen,
Daß nicht mehr ferne sei der Tag, der sie
Den Ihrigen zurücke geben werde.
Seit gestern aber sprach er's deutlich aus,
Daß mit der nächsten Morgensonne Strahl –
Dies aber ist der Tag, der heute leuchtet –
Ihr Schicksal sich entscheidend werde lösen.
Kein Augenblick war zu verlieren, schnell
War mein Entschluß gefaßt und schnell vollstreckt.
In dieser Nacht raubt' ich die Jungfrau weg
Und brachte sie verborgen nach Messina.

Chor (Cajetan.)
Welch kühn verwegen-räuberische That!
– Verzeih, o Herr, die freie Tadelrede!
Doch Solches ist des weisern Alters Recht,
Wenn sich die rasche Jugend kühn vergißt.

Don Manuel. Unfern vom Kloster der Barmherzigen,
In eines Gartens abgeschiedner Stille,
Der von der Neugier nicht betreten wird,
Trennt' ich mich eben jetzt von ihr, hieher
Zu der Versöhnung mit dem Bruder eilend.
In banger Furcht ließ ich sie dort allein
Zurück, die sich nichts weniger erwartet,
Als in dem Glanz der Fürstin eingeholt
Und auf erhabnem Fußgestell des Ruhms
Vor ganz Messina ausgestellt zu werden.
Denn anders nicht soll sie mich wiedersehn,
Als in der Größe Schmuck und Staat und festlich
Von eurem ritterlichen Chor umgeben.
Nicht will ich, daß Don Manuels Verlobte
Als eine Heimathlose, Flüchtige
Der Mutter nahen soll, die ich ihr gebe;
Als eine Fürstin fürstlich will ich sie
Einführen in die Hofburg meiner Väter.

Chor (Cajetan.)
Gebiete, Herr! Wir harren deines Winks.

Don Manuel. Ich habe mich aus ihrem Arm gerissen,
Doch nur mit ihr werd' ich beschäftigt sein.
Denn nach dem Bazar sollt ihr mich anjetzt
Begleiten, wo die Mohren zum Verkauf
Ausstellen, was das Morgenland erzeugt
An edelm Stoff und feinem Kunstgebild.
Erst wählet aus die zierlichen Sandalen,
Der zartgeformten Füße Schutz und Zier;
Dann zum Gewande wählt das Kunstgewebe
Des Indiers, hellglänzend, wie der Schnee
Des Aetna, der der Nächste ist dem Licht –
Und leicht umfließ' es, wie der Morgenduft,
Den zarten Bau der jugendlichen Glieder.
Von Purpur sei, mit zarten Fäden Goldes
Durchwirkt, der Gürtel, der die Tunica
Unter dem zücht'gen Busen reizend knüpft.
Dazu den Mantel wählt, von glänzender
Seide gewebt, in bleichem Purpur schimmernd,
Ueber der Achsel heft' ihn eine goldne
Cicade – Auch die Spangen nicht vergeßt,
Die schönen Arme reizend zu umzirken,
Auch nicht der Perlen und Korallen Schmuck,
Der Meeresgöttin wundersame Gaben,
Um die Locken winde sich ein Diadem,
Gefüget aus dem köstlichsten Gestein,
Worin der feurig glühende Rubin
Mit dem Smaragd die Farbenblitze kreuze.
Oben im Haarschmuck sei der lange Schleier
Gleich einem hellen Lichtgewölk, umfließe,
Und mit der Myrte jungfräulichem Kranze
Vollende krönend sich das schöne Ganze.

Chor (Cajetan.)
Es soll geschehen, Herr, wie du gebietest,
Denn fertig und vollendet findet sich
Dies alles auf dem Bazar ausgestellt.

Don Manuel. Den schönsten Zelter führet dann hervor
Aus meinen Ställen; seine Farbe sei
Lichtweiß, gleichwie des Sonnengottes Pferde,
Von Purpur sei die Decke, und Geschirr
Und Zügel reich besetzt mit edeln Steinen,
Denn tragen soll er meine Königin.
Ihr selber haltet euch bereit, im Glanz
Des Ritterstaates, unterm freud'gen Schall
Der Hörner, eure Fürstin heimzuführen.
Dies alles zu besorgen, geh' ich jetzt,
Zwei unter euch erwähl' ich zu Begleitern,
Ihr andern wartet mein – was ihr vernahmt,
Bewahrt's in eures Busens tiefem Grunde,
Bis ich das Band gelöst von eurem Munde.

(Er geht ab, von Zweien aus dem Chor begleitet.)

Achter Auftritt.

Chor (Cajetan.)
Sage, was werden wir jetzt beginnen,
Da die Fürsten ruhen vom Streit,
Auszufüllen die Leere der Stunden
Und die lange unendliche Zeit?
Etwas fürchten und hoffen und sorgen
Muß der Mensch für den kommenden Morgen,
Daß er die Schwere des Daseins ertrage
Und das ermüdende Gleichmaß der Tage,
Und mit erfrischendem Windesweben
Kräuselnd bewege das stockende Leben.

Einer aus dem Chor (Manfred.)
Schön ist der Friede! Ein lieblicher Knabe
Liegt er gelagert am ruhigen Bach,
Und die hüpfenden Lämmer grasen
Lustig um ihn auf dem sonnigten Rasen,
Süßes Tönen entlockt er der Flöte,
Und das Echo des Berges wird wach,
Oder im Schimmer der Abendröthe
Wiegt ihn in Schlummer der murmelnde Bach –
Aber der Krieg auch hat seine Ehre,
Der Beweger des Menschengeschicks;
Mir gefällt ein lebendiges Leben,
Mir ein ewiges Schwanken und Schwingen und Schweben
Auf der steigenden, fallenden Welle des Glücks.

Denn der Mensch verkümmert im Frieden,
Müßige Ruh' ist das Grab des Muths.
Das Gesetz ist der Freund des Schwachen,
Alles will es nur eben machen,
Möchte gerne die Welt verflachen;
Aber der Krieg läßt die Kraft erscheinen,
Alles erhebt er zum Ungemeinen,
Selber dem Feigen erzeugt er den Muth.

Ein Zweiter (Berengar.)
Stehen nicht Amors Tempel offen?
Wallet nicht zu dem Schönen die Welt?
Da ist das Fürchten! Da ist das Hoffen!
König ist hier, wer den Augen gefällt!
Auch die Liebe beweget das Leben,
Daß sich die graulichten Farben erheben.
Reizend betrügt sie die glücklichen Jahre,
Die gefällige Tochter des Schaums;
In das Gemeine und Traurigwahre
Webt sie die Bilder des goldenen Traums.

Ein Dritter (Cajetan.)
Bleibe die Blume dem blühenden Lenze,
Scheine das Schöne, und flechte sich Kränze,
Wem die Locken noch jugendlich grünen;
Aber dem männlichen Alter ziemt's,
Einem ernsteren Gott zu dienen.

Erster (Manfred.)
Der strengen Diana, der Freundin der Jagden,
Lasset uns folgen ins wilde Gehölz,
Wo die Wälder am dunkelsten nachten,
Und den Springbock stürzen vom Fels.
Denn die Jagd ist ein Gleichniß der Schlachten,
Des ernsten Kriegsgotts lustige Braut –
Man ist auf mit dem Morgenstrahl,
Wenn die schmetternden Hörner laden
Lustig hinaus in das dampfende Thal,
Ueber Berge, über Klüfte,
Die ermatteten Glieder zu baden
In den erfrischenden Strömen der Lüfte!

Zweiter (Berengar.)
Oder wollen wir uns der blauen
Göttin, der ewig bewegten, vertrauen,
Die uns mit freundlicher Spiegelhelle
Ladet in ihren unendlichen Schooß?
Bauen wir auf der tanzenden Welle
Uns ein lustig schwimmendes Schloß?
Wer das grüne, krystallene Feld
Pflügt mit des Schiffes eilendem Kiele,
Der vermählt sich das Glück, dem gehört die Welt,
Ohne die Saat erblüht ihm die Ernte!
Denn das Meer ist der Raum der Hoffnung
Und der Zufälle launisch Reich:
Hier wird der Reiche schnell zum Armen,
Und der Aermste dem Fürsten gleich.
Wie der Wind mit Gedankenschnelle
Läuft um die ganze Windesrose,
Wechseln hier des Geschickes Loose,
Dreht das Glück seine Kugel um,
Auf den Wellen ist Alles Welle,
Auf dem Meer ist kein Eigenthum.

Dritter (Cajetan.)
Aber nicht bloß im Wellenreiche,
Auf der wogenden Meeresfluth,
Auch auf der Erde, so fest sie ruht
Auf den ewigen, alten Säulen,
Wanket das Glück und will nicht weilen.
– Sorge gibt mir dieser neue Frieden,
Und nicht fröhlich mag ich ihm vertrauen;
Auf der Lava, die der Berg geschieden,
Möcht' ich nimmer meine Hütte bauen.
Denn zu tief schon hat der Haß gefressen,
Und zu schwere Thaten sind geschehn,
Die sich nie vergeben und vergessen;
Noch hab' ich das Ende nicht gesehn.
Und mich schrecken ahnungsvolle Träume!
Nicht Wahrsagung reden soll mein Mund;
Aber sehr mißfällt mir dies Geheime,
Dieser Ehe segenloser Bund,
Diese lichtscheu krummen Liebespfade,
Dieses Klosterraubs verwegne That;
Denn das Gute liebt sich das Gerade,
Böse Früchte trägt die böse Saat.

(Berengar.) Auch ein Raub war's, wie wir alle wissen,
Der des alten Fürsten ehliches Gemahl
In ein frevelnd Ehebett gerissen,
Denn sie war des Vaters Wahl.
Und der Ahnherr schüttete im Zorne
Grauenvoller Flüche schrecklichen Samen
Auf das sündige Ehebett aus.
Gräuelthaten ohne Namen,
Schwarze Verbrechen verbirgt dies Haus.

Chor (Cajetan.)
Ja, es hat nicht gut begonnen,
Glaubt mir, und es endet nicht gut;
Denn gebüßt wird unter der Sonnen
Jede That der verblendeten Wuth.
Es ist kein Zufall und blindes Loos,
Daß die Brüder sich wüthend selbst zerstören;
Denn verflucht ward der Mutter Schooß,
Sie sollte den Haß und den Streit gebären.
– Aber ich will es schweigend verhüllen.
Denn die Rachgötter schaffen im Stillen;
Zeit ist's, die Unfälle zu beweinen,
Wenn sie nahen und wirklich erscheinen. (Der Chor geht ab.)

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