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Die Branntweinpest

Heinrich Zschokke: Die Branntweinpest - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDie Branntweinpest
pages297-394
created20031013
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1837
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10. Noch eine Erzählung.

Fridolins Vater war, wie der Doktor sagte, immer ein achtungswerther braver Mann gewesen. Er hatte zwar in guter Gesellschaft ein gutes Glas Wein geliebt, aber nicht im Uebermaß. Höchstens ward er zuweilen, wie man's zu nennen pflegt, weinwarm. Trunken sah man ihn nie; aber zu dem Warmwerden kam's denn doch allmälig öfters; besonders wenn er an Gastmählern zwei- und dreierlei Sorten Weins genoß. Am meisten schadete ihm, daß er gewohnt war, fast jeden Abend der Woche, in Gesellschaft von andern Bürgern zu gehen, wo man bald in diesem, bald in jenem Hause, regelmäßig zusammenkam, bei Wein oder Bier zu politisiren, oder ein Spiel zu machen. Da kehrte er dann freilich öfter weinwarm zurück. Kirschwasser, oder ein anderes starkes Getränk der Art, nahm er selten.

Diese Lebensweise hätte der brave Mann vielleicht noch lange, wenn auch nicht ganz ohne Nachtheil seiner Gesundheit, fortsetzen können. Der mäßige Genuß des Weins bei Tische erquickt und stärkt, wenn er nicht, statt des Wassers, zum Löschen des Durstes gebraucht wird. Er löscht nicht, sondern entzündet den Durst. Nur hatte er allem Likör entsagen sollen! Aber es erging dem Vater Fridolins, wie vielen Andern. Man trinkt und weiß nicht, wenn man zuviel hat und vergißt sich. Sein tägliches Weinwarmwerden that ihm endlich, nach einer Reihe von Jahren, nicht ganz wohl. Er fühlte sich oftmals abgespannt, unaufgelegt zum Arbeiten. Seine Gesichtsfarbe war etwas verblichen und verwischt; in seinen Zügen eine gewisse Schlaffheit. Man bemerkte, daß er oft verdrießlich, oder wenigstens nicht mehr so guter Laune, wie sonst, war; auch leicht schläfrig wurde, während er selber klagte, daß des Nachts sein Schlummer leicht und unterbrochen sei. Er schrieb dies dem Altwerden zu. Frau Walter glaubte, es sei Folge seiner Arbeiten und der damit verknüpften Verdrießlichkeiten. Sie selber, um ihn zu erfrischen, setzte ihm liebevoll des Tages zuweilen ein Gläschen extra vor. Das ward sein Gift. Er gewöhnte sich daran. So lange durch den im Wein enthaltenen Spiritus die Aufregung des Blutes und der Nerven dauert, war er wohlgemuth; aber dann sank er wieder in die vorige Unbehaglichkeit zurück.

»Meine Mutter war endlich um ihn besorgt,« sagte Fridolin: »Sie fürchtete, es liege für ihn irgend eine Krankheit im Werden. Sie ließ einen Arzt berufen. Mein Vater lachte. Er war eigentlich nicht krank, was die Leute so heißen; und doch hatte ihn, ohne daß er's vermuthete, der Tod schon beschlichen. Er klagte nur über unregelmäßige Leibesöffnung; bald Durchfall, bald Verstopfung. Sein Eingeweide war also schon angegriffen und geschwächt. Der Arzt verordnete das Beste, nämlich eine Wasserkur. Die Mutter wachte ängstlich über die Beobachtung derselben. Der Vater entsagte, ihr zu Gefallen, sogar den Abendgesellschaften beim Weine. Dennoch besserte es nicht. Er ward vielmehr düsterer, schläfriger; klagte Morgens gewöhnlich über dumpfes Drücken im Kopf, über Schwere in den Gliedern. Doch arbeitete er dabei und gab sich, seiner Gesundheit willen, viel Leibesbewegung. – Da ward er jählings vom Schlagfluß getödtet. – Nach seinem Tode fand man im Wandschrank seines Schlafzimmers leere Flaschen, worin berauschende Getränke enthalten gewesen waren. Er hatte heimlich getrunken; vermutlich, um sich Nachts durch Betäubung Schlaf zu schaffen.«

»Sein Tod, den ich noch jetzt beweinen muß, – er war ja ein vortrefflicher Vater und Mann, – sein Tod, allmälig durch das allgemein beliebte Gift bewirkt, ist aber nun der hiesigen Gemeinde und einigen benachbarten Dörfern zum größten Segen geworden.«

– Was? rief ich verwundert: zum Segen, sagt Ihr? Wie war das möglich? Ihr macht mich neugierig.

Fridolin antwortete: »Der vorangegangene Selbstmord des alten Thaly, der nachfolgende Tod meines guten Vaters, die beide das Opfer der Trunkliebe geworden waren, trug nicht wenig zur Besserung des Volks in diesem Marktflecken bei. Und das Beispiel der hiesigen Gemeinde hatte bald wohlthätigen Einfluß auf ein paar andere Dorfschulen in unserer Nähe, wo man uns nachahmte. Wir stifteten nämlich einen sogenannten Enthaltsamkeitsverein, von welchem – –«

– Halt! unterbrach ich ihn in seiner Rede: Besteht er noch? Das ist mir zu merkwürdig! Besteht er noch, oder – – –

»Allerdings besteht er noch,« entgegnete der Doktor: »und zwar seit beinahe zwei Jahren. Die Einwohnerschaft unsers Ortes zählt ungefähr 900 Seelen, und davon gehören jetzt schon wenigstens 860 zum Verein.«

– Wie denn? – fragt' ich lachend: gehören denn all' Eure Mädchen und Frauen und sogar Eure kleinen Kinder zum Enthaltsamkeitsverein, daß Ihr den Mund so voller Zahlen nehmt, und fast Eure ganze Bevölkerung dazu rechnet?

Der Doktor sah mich mit großen Augen an, und sagte: »Freilich! wie wär' es denn möglich, einen dergleichen Verein zu stiften, wie könnte er heilsam wirken, ohne die Kinder, ohne die Weiber? Der Einfluß des weiblichen Geschlechts auf mäßige, nüchterne Lebensart der Männer und besonders auf junge Leute und Kinder ist vielwirkend. Sie leiden bei der Trinksucht der Männer das Meiste. Sie können, wenn auch nicht mehr die erwachsenen Leute, doch das nachkommende Geschlecht vor dem Verderben bewahren.«

Ich gestehe, das kam mir wunderlich genug vor, und ich sagte: Wie in aller Welt habt Ihr denn das eingerichtet? Erzählt mir's. Ich muß Euch sagen, bei uns hat man auch dergleichen Mäßigkeitsvereine stiften wollen; denn das Brannteweintrinken, welches, wie bei Euch, und in der ganzen Schweiz, in Deutschland, Frankreich, England, Rußland und aller Orten, so große Verwüstung anrichtete, hat auch in meinem Städtchen nicht minder zugenommen. Einige brave Männer, besonders unser Herr Pfarrer, gaben sich viele Mühe, einen Mäßigkeitsverein zu Stande zu bringen. Allein sie stießen auf eine große Menge von Hindernissen, daß sie den Plan aufgeben mußten.

Fridolin wollte antworten, als seine Mutter hereintrat, und uns zum Nachtessen einlud, das an dem schönen Abend in der Gartenlaube eingenommen werden sollte. Wir mußten gehorchen. Der Doktor sagte unterwegs: »Morgen finden wir wohl ein Stündchen, da wir allein beisammen sind. Da werd' ich Euch zufrieden stellen, und ich thu' es gern. Vermuthlich habt Ihr's mit Stiftung eines solchen Rettungsbundes nur falsch angegriffen, wie auch wohl anderswo geschehen ist.«

In der That war nun den ganzen Abend nicht daran zu denken, jenes Gespräch fortzusetzen. Frau Walter lenkte die Unterhaltung auf hundert verschiedene Dinge und klagte endlich unter andern auch scherzend ihren Sohn bei mir an, daß er sie, bei ihrem beginnenden Alter, noch ohne freundlichen Beistand einer jungen braven Schwiegertochter gelassen habe; wie es schiene, wollte er lieber ein Hagestolz werden. Das gab uns nun ein stoffreiches Kapitel. Ich dachte daran, meine gute Botschaft von der wiedergefundenen Justine anzubringen. Es kostete mir gar keine Mühe, die Rede auf das liebenswürdige Mädchen zu bringen. Aber der eiskalte Ton, mit welchem Fridolin jetzt von seiner ehemaligen Geliebten sprach, und plötzlich nach andern Dingen fragte, schreckte mich; sodann das schnelle Verstummen der Frau Walter, sowie der Ausdruck ihrer Miene, der mir zu sagen schien, ich hätte keinen sehr angenehmen Gegenstand berührt, hinderte mich fortzufahren. Ich schwieg und war etwas bestürzt. Ich sah, hier waren Verwandlungen vorgefallen, und der Zweck meiner Reise nichts weniger, als willkommen. Also brach ich ab, und behielt mir vor, die Sache mit Fridolin am folgenden Tage ins Reine zu bringen. Die arme Justine!

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