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Die Bestie im Menschen

Emile Zola: Die Bestie im Menschen - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Zola
titleDie Bestie im Menschen
printrunVierte Auflage
publisherVerlag von G. Grimm
year1892
translatorAlfred Ruhemann
correctorreuters@abc.de
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Sechstes Kapitel

Ein Monat verstrich. In der Wohnung der Roubaud in der ersten Etage des Bahnhofs über den Wartesälen herrschte tiefe Stille. Bei ihnen, wie bei ihren Flurnachbarn verlief das tägliche Leben wieder monoton, ganz nach dem Zeiger, der ihre Thätigkeit regelte und unerbittlich vorschrieb. Es schien nichts Außerordentliches oder gar Schreckliches geschehen zu sein.

Die skandalöse und lärmende Geschichte Grandmorin wurde allmählich vergessen; die Justiz schien nicht im Stande zu sein, den wahren Schuldigen ausfindig zu machen und so wurden die Acten ohne Weiteres klassificirt. Nach einem Arrest von noch vierzehn Tage hatte Herr Denizet Cabuche wieder aus der Untersuchungshaft entlassen mit der Motivirung, daß gewichtige Beschuldigungen gegen ihn nicht vorlägen. Eine romantische Polizistenlegende begann sich herumzusprechen: die von dem unbekannten und unfaßbaren Mörder, einem Abenteurer des Verbrechens, der bei jedem Verbrechen zugegen und desselben verdächtig war, aber sich in Nichts auflöste, sobald die Polizeiagenten in seine Nähe kamen. Selbst in der Oppositionspresse, die jetzt mit den nahe bevorstehenden allgemeinen Wahlen vollauf zu thun hatte, erschienen nur noch hin und wieder einige spitzige Sticheleien betreffs des nebelhaften Mörders. Der Druck der Gewalt, die Uebergriffe der Präfecten versorgten sie täglich mit Material für empörte Artikel. Und seit die Zeitungen sich nicht mehr mit dem Vorfalle beschäftigten, war auch die leidenschaftliche Neugier des Publikums verraucht. Man sprach nicht einmal mehr davon.

Die glückliche Beseitigung der zweiten Befürchtung, daß das Testament des Präsidenten Grandmorin angegriffen werden könnte, hatte den Roubaud namentlich die Ruhe zurückgegeben. Auf den Rath der Frau Bonnehon hin waren die Lachesnaye endlich von der Anfechtung des Testaments abgestanden. War doch auch der Ausgang ein sehr Ungewisser. Und dann fürchteten sie besonders, daß der Skandal von Neuem losgehen würde. So kam es, daß seit einer Woche die Roubaud die Eigenthümer von la Croix-de-Maufras waren, ein Besitz, der einschließlich Haus und Garten auf vierzigtausend Franken geschätzt wurde. Sie hatten sich unverzüglich entschlossen, dieses Sünden- und Mordhaus zu veräußern, das ihre Brust wie ein Alpdrücken beengte, in dem sie nimmermehr zu schlafen gewagt haben würden, aus Furcht, die Gespenster der Vergangenheit erblicken zu müssen. Und mit dem ganzen Mobiliar, en bloc sollte es verkauft werden, so wie es da stand, ohne vorherige Reparatur, selbst ohne vorausgegangene Säuberung. Da sie bei einer öffentlichen Licitation zu viel verloren hätten, Liebhaber eines Ruhesitzes aber nur sehr spärlich gesät sind, so hatten sie sich entschlossen zu warten, bis sich ein Käufer finden würde. Alles, was sie thaten, war, daß sie ein mächtiges Schild an dem Hause anbrachten, dessen Aufschrift von den Vorüberfahrenden ohne Schwierigkeit gelesen werden konnte. Diese Ankündigung in groben Buchstaben von dem Verkaufe dieser Trostlosigkeit erhöhte noch den traurigen Eindruck der geschlossenen Fensterläden und des von Brombeergesträuchen überwucherten Parkes. Roubaud hatte sich entschieden geweigert, selbst auf eine Stunde dorthin zu reisen, und so hatte sich Séverine eines Nachmittags aufgemacht, um dort die nöthigen Anordnungen zu treffen. Sie hatte Misard die Schlüssel eingehändigt und ihn beauftragt, das Besitzthum zu zeigen, wenn sich Käufer einfinden sollten. Innerhalb zweier Stunden konnte man fix und fertig in la Croix-de-Maufras eingerichtet sein, denn selbst die Wäsche in den Schränken war vorhanden.

Jetzt beunruhigte die Roubaud nichts mehr. In stumpfsinniger Erwartung des kommenden Tages ließen sie Tag für Tag verstreichen. Schließlich mußte doch einmal das Haus sich verkaufen lassen, das Geld wollten sie dann gut anlegen und Alles würde glatt ablaufen. Gewöhnlich aber dachten sie garnicht an das Haus, sie lebten, als hatten sie ihre drei Räume nie verlassen: das Eßzimmer mit der sich auf den großen Corridor öffnenden Thür, rechts davon das große Schlafzimmer und links davon die ganz kleine, finstere Küche. Selbst das Bahnhofsdach, diese Zinkanhöhe, die ihnen wie eine Gefängnißmauer jede Aussicht benahm, schien sie jetzt zu beruhigen, anstatt wie früher aufzuregen; das Dach erhöhte in ihnen das Gefühl unendlicher Ruhe und des stärkenden Friedens, der sie umfing. Jedenfalls wurde man von den Nachbarn nicht gesehen und man brauchte keine unbequemen Spionenaugen zu befürchten. Sie beklagten sich auch nicht mehr, war doch nun auch der Frühling und zwar mit erdrückender Hitze ins Land gekommen; das schon von den ersten Sonnenstrahlen erhitzte Zinkdach warf jetzt blendende Reflexe. Nach der gräßlichen Angst von fast zwei, in beständiger Furcht verlebten Monaten freuten sie sich fast andächtig der Gesundung von diesem, schier unendlich geschienenen Schrecken. Sie verlangten garnicht darnach, von sich reden zu machen, sie wünschten sich nur, in bescheidenen, aber glücklichen Verhältnissen weiter leben zu dürfen, ohne zittern und zagen zu brauchen. Noch nie zuvor hatte sich Roubaud als ein so pünktlicher und gewissenhafter Beamter gezeigt wie gerade jetzt: in der Woche, in der er Dienst hatte, erschien er um fünf Uhr Morgens auf dem Perron, um zehn Uhr erst begab er sich zum Frühstück wieder in seine Wohnung, von wo er um elf Uhr zurückkehrte, um bis fünf Uhr Nachmittags ununterbrochen, also volle elf Stunden, thätig zu sein. In der Woche des Nachtdienstes, der von fünf Uhr Abends bis fünf Uhr Morgens angesetzt war, gönnte er sich nicht einmal eine kurze Pause um in seiner Wohnung zu speisen, sondern ließ sich das Essen in das Bureau bringen. Er ertrug diesen schweren Dienst mit einer Art Genugthuung, er schien sich sogar darin zu gefallen, er kümmerte sich um alle Kleinigkeiten, er wollte Alles sehen, kurz es war, als hoffte er in dieser ermüdenden Beschäftigung Vergessenheit des Geschehenen, den Beginn eines neuen gleichmäßigen, durch nichts zu störenden Lebens zu finden. Séverine dagegen, fast stets allein und alle vierzehn Tage Wittwe, da ihr Mann dann nur zum Frühstück und Mittag erschien, schien neuerdings von einem außerordentlichen wirthschaftlichen Fieber ergriffen. Früher hatte sie sich um ihre Häuslichkeit blutwenig gekümmert und die Sorge um dieselbe einer alten Frau, der Mutter Simon, überlassen, die von neun Uhr Morgens bis zum Mittag bei ihr arbeitete, während sie selbst saß und stickte. Seitdem jedoch die Ruhe wieder bei ihr eingekehrt war und sie die Gewißheit hatte, hier noch länger wohnen zu bleiben, beschäftigte sie sich unermüdlich mit dem Reinhalten und Arrangiren ihrer Wirthschaft. Sie setzte sich nicht eher, bis die Arbeit vollständig gethan war. Der Schlaf Beider war ebenfalls ein ausgezeichneter. In ihren seltenen Kosestündchen während der Mahlzeiten oder des Nachts in ihrem gemeinsamen Bette sprachen sie nie wieder von jener Geschichte. Und so durften sie sich endlich den Glauben hinneigen, daß der ganze Vorfall begraben und vergessen sei.

Séverine besonders führte jetzt ein sehr friedliches Dasein. Allmählich gewann doch die Bequemlichkeit wieder Macht über sie, sie überließ die Sorgen um die Wirtschaft abermals der Mutter Simon und beschäftigte sich wie eine vornehm erzogene junge Dame mit feinen Handarbeiten. Sie hatte eine unendliche Arbeit begonnen, eine gestickte vollständige Fußdecke, die sie allem Anscheine nach für ihr ganzes Leben zu beschäftigen drohte. Sie erhob sich ziemlich spät und fühlte sich unendlich glücklich, einsam im Bett zu bleiben, gewiegt von dem Lärm der ankommenden und abfahrenden Züge, die ihr wie eine Uhr so genau die Zeit anzeigten. In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte dieser fürchterliche auf die Nerven wirkende Bahnhofslärm, das Pfeifen, das Anprallen der Puffer, das Donnerartige, die jähen, den Erdbeben gleichen Erschütterungen, die sie zugleich mit ihren Möbeln zittern machten, ihr garnicht gefallen wollen. Allmählig aber hatte sie sich daran gewöhnt, dieser von sonoren Vibrationen heimgesuchte Bahnhof floß in ihr eigenes Leben über. Und jetzt schmeichelte ihr sogar dieses Leben und dieser Lärm desselben, er verschaffte ihr die Ruhe. Bis zum Frühstück trollte sie sich von einem Zimmer in das andere, ohne selbst zuzugreifen plauderte sie dabei mit der Aufwartefrau. Die langen Nachmittage brachte sie gewöhnlich auf einem Stuhle am Fenster des Eßzimmers zu, meist aber ruhte ihre Arbeit müßig im Schoße, sie war glücklich, nichts thun zu brauchen. In den Wochen, in denen ihr Mann schon frühzeitig zu Bett ging, hörte sie bis zum Abend sein Schnarchen mit an; dann aber kamen für sie auch die guten Wochen, in denen sie lebte wie vor ihrer Verheirathung, in denen sie sich nach Gefallen in dem breiten Bett ausstrecken konnte und den ganzen Tag für sich hatte. Sie ging fast nie aus, von Havre sah sie nur die hohen Fabrikschornsteine, deren dicke schwarze Rauchwirbel oberhalb des einige Meter weit vor ihr jede Fernsicht abschneidenden Zinkdaches der Halle zum Himmel strebten. Dort hinter dieser ewigen Mauer lag die Stadt; sie spürte deren Nähe, aber daß sie sie nicht sehen konnte, hatte sie lange Zeit verdrießlich gestimmt. Fünf oder sechs Töpfe mit Nelken oder Eisenkraut, die sie in dem Abflußrohr des Daches aufzog, bildeten ihr kleines Gärtchen und verschönten ihre Einsamkeit. Sie verglich ihre Wohnung oft mit einer tief im Walde gelegenen Einsiedlerklause, Roubaud lehnte nur in den freien Viertelstunden aus dem Fenster. Hatte er länger Zeit, so stieg er auf das Dach, ging bis ans Ende desselben, stieg dort bis zur Kuppel empor und ließ sich in luftiger Höhe direct über den Napoleonskanal nieder, um sein Pfeifchen zu rauchen. Tief unter ihm lag ausgebreitet die Stadt mit ihrem Mastenwald in den Bassins und sein Blick überflog das unermeßliche, im fahlen Grün heraufschimmernde Meer.

So vergingen Wochen ungestörtester Ruhe, es schien, als ob derselbe Halbschlummer auch die anderen, den Roubaud benachbarten Ehepaare gefangen hielt. Dieser Corridor, in welchem gewöhnlich ein so fürchterlicher Klatschwind pfiff, schlummerte ebenfalls. Wenn Philomène Frau Lebleu einen Besuch abstattete, hörte man kaum das leise Gemurmel ihrer Stimmen. Beide waren von der Wendung der Dinge nicht wenig überrascht und sprachen deshalb von dem Unter-Inspector nur mit einem verächtlichen Achselzucken: es war für sie eine ausgemachte Thatsache, daß seine Frau in Paris die Schöne gespielt habe, um ihres Mannes Stellung zu sichern, dem es im Uebrigen schwer werden sollte, sich von dem auf ihm ruhenden Verdacht rein zu waschen. Und da die Frau des Kassierers überzeugt war, daß es dem Roubaud jetzt nicht mehr möglich war, sie aus ihrer Wohnung zu vertreiben, so bezeugte sie diesen ihre volle Verachtung dadurch, daß sie ohne Gruß stolz an ihnen vorüberschritt. Dieser Stolz empörte sogar Philomène, dieser zu sehr zur Schau getragene Hochmuth der Kassierersfrau beleidigte selbst sie. Frau Lebleu's Hauptbeschäftigung nach wie vor war das Auflauern der Billetverkäuferin, Fräulein Guichon, deren Beziehungen zu Herrn Dabadie aufzudecken ihr indessen noch immer nicht gelang. Man hörte in dem ganzen großen Corridor nur noch das fast unvernehmbare Schlurfen ihrer weichen Pantoffeln. Und so verging ein voller Monat in diesem tiefen, allmächtigen Frieden, wie er nach großen Katastrophen ja meistens einzutreten pflegt.

Aber ein beunruhigendes, schmerzliches Etwas war den Roubaud doch geblieben. Und dieses Etwas war eine Stelle des Fußbodens im Eßzimmer. Wenn ihre Blicke diese Stelle zufällig streiften, fühlten sie von Neuem eine üble Empfindung sie begleichen. Sie hatten links vom Fenster die eichene Scheuerleiste aufgehoben und unter ihr die dem Präsidenten abgenommene Uhr nebst den zehntausend Franken, außerdem dreihundert Franken in Gold, die in einem Portemonnaie enthalten waren, verborgen. Roubaud hatte alles das dem Ermordeten nur aus der Tasche gezogen, um den Verdacht auf einen Raubmord zu lenken. Er war kein Dieb. Wie er seiner Frau sagte, wollte er lieber Hungers sterben, als einen Centime von diesem Gelde für sich verwenden oder die Uhr verkaufen. Das Geld dieses alten Mannes, der seine Frau mißbraucht hatte, an dem er nur Gerechtigkeit geübt, dieses von Koth und Blut besudelte Geld war nicht sauber genug, als daß es ein rechtschaffener Mann berühren durfte. Er dachte genau so über das zum Geschenk erhaltene Haus von la Croix-de-Maufras: es ärgerte ihn und bedrückte sein Gewissen schon, daß er außer dieser gräulichen Mordthat auch sein Opfer noch hatte berauben müssen. Und trotzdem hatte er es nicht über sich gewinnen können, die Scheine zu verbrennen und die Uhr und das Portemonnaie eines Abends in das Meer zu werfen. Die einfache Klugheit rieth es ihm, sein Instinct aber widersprach dieser Zerstörung. Unbewußt fühlte er Achtung vor einer solchen Summe, deshalb konnte er sich nicht zu ihrer Vernichtung entschließen. In der ersten Nacht hatte er alles unter sein Kopfkissen gepackt, denn kein Winkel schien ihm sicher genug. An den folgenden Tagen hatte er sich mit dem Auffinden von Verstecken abgemüht. Jeden Morgen vertauschte er es bei dem geringsten Lärm und der Furcht vor einer gerichtlichen Hausdurchsuchung mit einem neuen. Noch nie war er so erfindungsreich gewesen. Eines Tages aber war er der Listen müde geworden und zu faul, die am Abend vorher unter der Scheuerleiste versteckten Wertsachen wieder hervorzuholen. Seitdem lagen sie dort und nichts in der Welt hätte ihn bewegen können, dort herumzukramen: er glaubte, in diesem Loche des Schreckens und Todes müßten Gespenster auf ihn lauern. Er vermied sogar beim Umhergehen im Zimmer mit dem Fuße dieser Stelle zu nahe zu kommen; es wäre ihm eine unangenehme Empfindung gewesen, er meinte, er müßte dann einen leisen Ruck in seinen Beinen fühlen. Wenn Séverine am Nachmittag am Fenster saß, rückte sie ihren Stuhl zurück, um nicht gerade über diesem in dem Fußboden ihres Zimmers aufbewahrten Leichname zu sitzen. Sie sprachen nicht einmal unter vier Augen davon, sie bemühten sich zu glauben, daß sie sich daran gewöhnt hätten, ärgerten sich aber unaufhörlich, ihn noch vorzufinden und ihn stündlich unter ihren Sohlen zu spüren. Er wurde ihnen fast unerträglich. Diese Uebelkeit war um so auffälliger, als sie angesichts des schönen, neuen, von der Frau gekauften und dem Liebhaber in die Gurgel gebohrten Messers gar nichts litten. Es war abgewaschen worden und ruhte jetzt in der Schublade. Mutter Simon benutzte es häufig zum Brotschneiden.

Roubaud war es, der in den Frieden seines Hauses eine neue Ursache der Unruhe dadurch brachte, daß er Jacques zu häufigen Besuchen nöthigte. Der Turnus des Dienstes führte Jacques dreimal in der Woche nach Havre: am Montag von zehn Uhr fünfunddreißig Minuten früh bis sechs Uhr zwanzig Minuten Abends; am Donnerstag und Sonnabend von elf Uhr fünf Minuten Abends bis sechs Uhr vierzig Minuten Morgens. Am ersten Montag, der auf die Reise Séverine's folgte, hatte sich der Unter-Inspector an ihn gemacht.

»Sie dürfen mir es nicht verweigern, Kamerad, einen Bissen bei uns zu essen ... Sie haben sich so liebenswürdig meiner Frau angenommen, ich muß mich Ihnen dafür doch erkenntlich zeigen.«

Jacques hatte auf diese Weise zweimal während eines Monats eine Einladung zum Frühstück angenommen. Roubaud schien eine Erleichterung darin zu finden, daß das unheimliche Schweigen, welches er und seine Frau bei den Mahlzeiten beobachteten, durch die Gegenwart eines Dritten unterbrochen wurde. Sofort konnte er allerlei erzählen, plaudern und scherzen.

»Kommen Sie, so oft es geht, wieder! Sie sehen, daß Sie uns in keiner Weise geniren.«

Als Jacques an einem Donnerstag Abend, nachdem er sich rasirt hatte, zu Bette gehen wollte, begegnete er dem um das Depot herum flanirenden Unter-Inspektor. Trotz der vorgerückten Stunde hatte dieser, den es langweilte allein nach Hause gehen zu müssen, den jungen Mann zu sich mitgeschleppt. Séverine war noch wach und las. Man trank und spielte bis nach Mitternacht Karten.

Von diesem Abend an wurden die Frühstücksmahlzeiten am Montag, die kleinen Donnerstags- und Sonnabends-Gesellschaften ihnen zur Gewohnheit. Fehlte einmal der Kamerad, so war es Roubaud selbst, der ihm aufpaßte und ihm seine Gleichgiltigkeit vorhielt. Er verfiel mehr und mehr in Trübsinn und heiterte sich nur in der Gesellschaft seines neuen Freundes auf. Dieser Mensch, der ihn zuerst so fürchterlich beunruhigt hatte und den er eigentlich noch jetzt als den einzigen Zeugen, als die lebendige Erinnerung an jene abscheulichen Dinge hätte verwünschen müssen, die er so gerne vergessen hatte, dieser Mensch war ihm im Gegentheil unentbehrlich geworden, gerade deßhalb wahrscheinlich, weil er, ein Wissender, nichts gesagt hatte. Auf diese Weise umschloß sie ein festes Band, eine Art Mitschuld. Oft blickte der Unter-Inspector ihn mit einem verständnißinnigen Blick an und drückte ihm in einer plötzlichen Aufwallung mit einer Kraft die Hand, die als Ausdruck bloßen kameradschaftlichen Gefühles etwas befremden mußte.

Jacques' Anwesenheit bildete zunächst eine angenehme Zerstreuung für das Ehepaar. Auch Séverine empfing ihn gern; wenn er eintrat, begrüßte ihn ein leiser Freudenruf, wie ihn jede Frau in Erwartung einer vergnügten Stunde ausstößt. Sie ließ ihre Stickerei, ihr Buch liegen und mit einem Male heiter und gesprächig, entfloh sie freudig der grauen Eintönigkeit ihres täglichen Lebens.

»O wie lieb von Ihnen, daß Sie gekommen sind! Als ich den Eilzug einfahren hörte, habe ich an Sie gedacht.«

Es war ein Festtag, wenn er bei ihnen frühstückte. Sie kannte schon seinen Geschmack und ging sogar selbst aus, um frische Eier zu kaufen, wie eine aufmerksame Hausfrau, die den Hausfreund empfängt ohne darin etwas anderes zu erblicken als die Begehr, sich als die Liebenswürdige aufzuspielen und sich zerstreuen lassen zu wollen.

»Wenn Sie am Montag wiederkommen, mache ich Ihnen auch eine Crême!«

Als dieser Verkehr einen Monat angedauert hatte, trat aber allmählig eine Entfremdung zwischen dem Ehepaar ein. Die Frau gefiel sich mehr und mehr allein im Bett und richtete sich so ein, daß sie so wenig wie möglich mit ihrem Manne zugleich schlief; und dieser, vordem so brutal sinnliche Mensch that ebenfalls nichts, um sie an sich zu ziehen. Er hatte sie früher ohne jedes zärtliche Empfinden geliebt und sie hatte sich ihm als gefällige Frau hingegeben, sie glaubte, das wäre nicht anders und ginge auch ohne besonderes Vergnügen an der Sache. Aber seit dem Verbrechen war er ihr, sie wußte selbst nicht warum, im Grunde zuwider. Sie war durch dasselbe entnervt, in Angst versetzt. Als eines Abends das Licht noch nicht ausgelöscht war, schrie sie auf: sie glaubte in dem rothen Gesicht mit den verzerrten Zügen über ihr das Antlitz des Ermordeten zu erblicken, und seitdem zitterte sie jedesmal, wenn er ihr zu nahe kam, sie hatte das schreckliche Gefühl, als stürze sich das wiederauferstandene Opfer mit dem Messer in der Faust auf sie. Der Gedanke war wahnsinnig und doch schlug ihr Herz vor Angst. Uebrigens verkehrte er geschlechtlich so wenig als möglich mit ihr, sie empfing ihn viel zu kalt und gleichgültig, als daß sie ihn hätte fesseln können. Eine Abspannung und Gleichgültigkeit, wie sie sonst nur das Alter hervorbringt, war zwischen ihnen eingetreten; es schien als hätte jene fürchterliche Krisis alles Blut aus ihren Adern verjagt. In den Nächten, in denen sie ein gemeinschaftliches Schlafen nicht vermeiden konnten, ließen sie die ganze Breite des Bettes zwischen sich. Jacques trug zu dieser Scheidung wesentlich bei, denn seine Gegenwart machte ihnen ihre gegenseitige Abneigung weniger fühlbar; er erlöste das eine von dem anderen.

Trotzdem fühlte Roubaud keinerlei Gewissensbisse. Er hatte nur Furcht vor den Folgen gehabt, ehe die Sache ad acta gelegt wurde; seine Hauptsorge war gewesen, daß er um seine Stellung kommen könnte. Jetzt bedauerte er das Geschehene in keiner Beziehung weiter. Vielleicht daß er, wäre diese Sache erst jetzt an ihn herangetreten, seine Frau aus dem Spiel gelassen hätte; denn die Frauen sind sofort hin, die seine entschlüpfte ihm immer mehr, er hatte auch eine zu schwere Last auf ihre Schultern gewälzt. Er wäre ihr Herr und Gebieter geblieben, hätte er sie nicht zu seiner Kameradin des Schreckens und zu seiner Anklägerin gemacht. Die Dinge lagen aber nun einmal so, man mußte sich darin finden. Umsomehr mußte er alles aufbieten, um die geistige Regsamkeit wieder zu erlangen, die er damals besaß, als er, wie er selbst eingestand, den Mord für nothwendig für sein ferneres Leben erklärte. Hätte er damals den Mann nicht getödtet, er hätte selbst nicht weiter zu leben vermocht. Heute, nun die Flamme seiner Eifersucht erloschen war, empfand er nur noch das unerträgliche, von der Erinnerung herrührende Brennen, als hätte sich sein Herzblut verdickt durch das vergossene. Deshalb war ihm die Nothwendigkeit dieses Mordes heute nicht mehr so einleuchtend wie damals. Er fragte sich sogar öfters, ob der Todtschlag wirklich der Mühe lohne. Es war das nicht der Ausdruck einer Reue, auch nicht der einer Enttäuschung, sondern lediglich des Gedankens, daß man oft unglaubliche Dinge thut, um glücklich zu sein und es doch nicht wird. Er, der sonst so geschwätzig war, gefiel sich oft in langanhaltendem Schweigen und wirren Betrachtungen, aus denen er um so verdüsterter erwachte. Um das Alleinsein mit seiner Frau zu vermeiden, stieg er jetzt täglich nach den Mahlzeiten auf das Dach, um sich auf dem Giebel desselben niederzulassen. Dort in dem freien Luftzuge, von wirren Träumereien gewiegt, sah er über die Stadt fort die Packetboote sich am fernen Horizonte nach fremden Meeren verlieren.

Eines Abends hatte Roubaud einen Rückfall in seine einstige wilde Eifersucht. Als er eines Abends Jacques vom Depot abgeholt hatte, um ihn mit zu sich zu nehmen, sah er Henri Dauvergne, den Zugführer, die Treppe herabkommen. Dieser schien etwas betroffen und redete sich damit aus, er hätte soeben Frau Roubaud im Auftrage seiner Schwestern besucht. In Wahrheit aber stellte er Séverine seit einiger Zeit in der Hoffnung nach, sie erobern zu können.

Kaum in die Thür getreten, fuhr der Unter-Inspector seine Frau heftig an. »Was wollte der hier? Du weißt, daß der Mensch mir zuwider ist.«

»Aber, mein Freund, er kam wegen eines Stickmusters.«

»Ich pfeife auf Eure Stickereien! Hältst Du mich für so dumm, daß ich nicht weiß, warum er kommt? Nur Deinetwegen kommt er ... Nimm Dich in Acht!«

Er ging mit geballten Fäusten auf sie los. Sie wich, weiß wie die Wand, zurück. In der friedlichen Gleichgiltigkeit, in der sie miteinander verkehrten, erschien ihr der Ausbruch einer solchen Wuth doppelt merkwürdig. Roubaud beruhigte sich aber sofort und wandte sich an seinen Genossen.

»Das sind solche Kerle, die da glauben, daß ihnen die Frau sofort um den Hals fallen und der sehr ehrenwerthe Gatte nichts sehen wird! So etwas läßt mein Blut kochen ... Passirte mir das, ich würde meine Frau auf der Stelle erwürgen. Der kleine Herr soll sich hüten, nochmals wiederzukommen oder ich rechne mit ihm ab ... Ist das nicht eklig?«

Jacques genirte dieser Auftritt sehr, er wußte nicht, woran er sich zu halten hatte. Galt ihm dieser Wuthanfall? Wollte der Gatte ihm einen Fingerzeig geben? Er gewann erst seine Ruhe wieder, als er den Mann heiter sagen hörte:

»Was bin ich für ein großes Pferd! Ich weiß ja, daß Du die Erste bist, die ihn zur Thür herausbefördert ... Geh, gieb uns etwas zu trinken und stoße mit uns an.«

Er klopfte Jacques auf die Schulter und Séverine lächelte, ebenfalls schnell wieder gefaßt, die beiden Männer an. Dann tranken sie gemeinsam und verbrachten noch eine angenehme Stunde mitsammen.

Roubaud näherte auf diese Weise mit der Miene bester Freundschaft Séverine und Jacques, ohne, wie es schien, an die möglichen Folgen zu denken. Diese Eifersuchtsfrage gerade wurde ein Grund engerer Freundschaft, heimlicher, mit Vertraulichkeiten genährter Zärtlichkeit zwischen Jacques und Séverine. Als dieser sie am zweitnächsten Tage wiedersah, beklagte er sie, daß sie so brutal behandelt werde, sie dagegen beichtete mit feuchten Augen in einem unfreiwilligen Ueberfließen ihrer Klagen, wie wenig Glück sie in ihrer Ehe gefunden hätte. Von diesem Augenblick an hatten sie einen besonderen Gegenstand der Unterhaltung, eine freundschaftliche Mitschuld, wobei sie sich durch Zeichen verständlich machten. Bei jedem Besuch fragte er sie durch einen Blick, ob sie einen erneuten Grund zur Trauer hätte. Sie antwortete in derselben Weise durch bloßes Bewegen der Augenlider. Dann suchten sich ihre Hände hinter dem Rücken des Mannes, als sie kühner wurden, ein langer Druck derselben wurde ihnen verständlich und die Spitzen ihrer warmen Finger erzählten von dem wachsenden Interesse, das sie an den geringsten Ereignissen in ihrem Leben nahmen. Nur selten hatten sie das Glück, eine Minute ohne Roubaud zu sein. Immer saß er zwischen ihnen in diesem melancholischen Eßzimmer, aber sie thaten nichts, um ihm zu entschlüpfen, es kam ihnen nicht einmal der Gedanke, sich in irgend einem verborgenen Winkel des Bahnhofes ein Stelldichein zu geben. Bisher war nur eine wirkliche Zuneigung, ein Hinneigen aus herzlicher Sympathie vorhanden gewesen, was kaum genirte, da ein Blick, ein Händedruck ihnen genügten, um die Sprache ihrer Herzen verständlich zu machen.

Als Jacques zum ersten Male Séverine in das Ohr flüsterte, daß er sie am kommenden Donnerstag um Mitternacht hinter dem Depot erwarten würde, war sie außer sich und entzog ihm heftig ihre Hand. Es geschah das in der Woche ihrer Freiheit, in welcher ihr Mann Nachtdienst hatte. Der Gedanke, ihre Wohnung verlassen und diesen Mann in der Dunkelheit der Bahnhofsanlagen aufsuchen zu sollen, verwirrte sie vollständig. Noch nie hatte sie so unklar empfunden, es war die Furcht unwissender Jungfrauen, die ihr Herz schlagen machte. Und sie gab auch nicht nach, vierzehn Tage hindurch mußte er betteln trotz ihres eigenen glühenden Verlangens nach dieser nächtlichen Promenade, bis sie einwilligte. Es war Anfang Juni, die Abende waren schwül, kaum daß sie die frische Meeresbrise abkühlte. Auch an diesem Abend hatte sie sich geweigert, aber die Nacht war mondlos, der Himmel bedeckt und kein Stern leuchtete durch den gluthhauchenden Nebel, welcher den Himmel verbarg. Er stand wartend im Schatten und da sah er sie endlich, in Schwarz gekleidet, mit kaum hörbaren Tritten kommen. Es war so dunkel, daß sie ruhig an ihm vorübergegangen wäre, wenn er sie nicht in seinen Armen aufgefangen und sie geküßt hätte. Ein leiser Aufschrei entschlüpfte ihr, sie zitterte, dann aber ließ sie lächelnd ihre Lippen auf den seinen ruhen. Das war aber auch Alles, sie ließ sich nicht herbei, sich mit ihm in einem der sie umgebenden Schuppen niederzulassen. Dicht aneinander gedrängt gingen sie leise flüsternd auf und ab. Es breitet sich dort ein von dem Depot und seinen Dependenzen eingenommenes weites Terrain aus, von der Rue Verte und der Rue François-Mazeline begrenzt, die beide in gleichem Niveau über die Geleise führen. Dieses mächtige, fast endlose Terrain wird von Güterwagen, Reservoirs, Wasserpumpen, Baulichkeiten aller Art, von den beiden großen Lokomotivschuppen, dem von einem handbreiten Küchengarten umgebenen Häuschen der Sauvagnat, von baufälligen Hütten, in denen die Reparaturwerkstätten sich befanden, der Wachtstube, in der die Lokomotivführer und Heizer schliefen, occupirt. Nichts war leichter, als hier sich zu verstecken. Im Innern eines Waldes, zwischen verlassenen Gäßchen, in unauffindbaren Labyrinthen hätte man sich nicht besser verbergen können. Eine volle Stunde hindurch kosteten sie diese entzückende Einsamkeit, das Vergnügen, mit den so lange zurückgehaltenen Freundesworten ihre Herzen zu erleichtern. Sie wollte nur von einer freundschaftlichen Zuneigung etwas wissen, sie hatte ihm sofort erklärt, daß sie ihm nie angehören würde, denn es wäre zu gemein, diese reine Freundschaft, auf die sie so stolz wäre, zu beflecken. Sie fühlte das Bedürfniß, vor sich selbst Achtung zu haben. Dann begleitete er sie bis an die Rue Verte, ihr Beider Mund fand sich zu einem innigen Kuß. Sie kehrte heim.

Um dieselbe Zeit nickte in dem Bureau der Unter-Inspectoren in dem alten Ledersessel Roubaud ein wenig ein. An zwanzig Mal in einer Nacht erhob er sich wieder mit wie zerschlagenen Gliedern. Bis neun Uhr hatte er die Nachtzüge zu expediren und zu empfangen. Dann, wenn der Pariser Eilzug glücklich hinein und ausrangirt war, nahm er im Bureau sein Abendbrod ein in Gestalt von kaltem Fleisch, das ihm, zwischen zwei Butterbrode geklemmt, von oben heruntergeschickt worden war. Der letzte Zug, ein Bummelzug ab Rouen, fuhr um zwölf und ein halb Uhr in die Halle ein. Dann herrschte auf den öden Perrons tiefes Schweigen, man ließ nur die nothwendigsten Gaslaternen brennen und der ganze Bahnhof versank beim Wehen dieses Halbdunkels in Schlaf. Von dem ganzen Personal wachten nur zwei Wagenmeister und vier oder fünf Arbeiter unter dem Befehle des Unter-Inspectors. Diese konnten wenigstens mit unter den Kopf geschobenen Fäusten auf den Dielen des Wachthauses ruhig schlafen, Roubaud dagegen, der jene bei dem geringsten Alarm wecken mußte, konnte nur mit gespitzten Ohren schlummern. Aus Furcht, daß ihn gegen Morgen hin doch der Schlaf übermannen könnte, hatte er seine Weckuhr auf fünf gestellt, um welche Zeit er wach sein mußte, um den ersten von Paris kommenden Zug zu empfangen. Doch seit jüngster Zeit namentlich plagte ihn eine große Schlaflosigkeit, so daß er sich unruhig in seinem Sessel hin- und herwälzte. Dann ging er hinaus, machte die Runde und drang bis zu dem Weichenstellerhäuschen vor, wo er ein wenig plauderte. Der mächtige, düstere Himmel, der überwältigende Friede der Nacht beruhigten etwas sein Fieber. In Folge eines Herumbalgens mit Dieben hatte man ihn mit einem Revolver bewaffnet, den er stets geladen in der Tasche trug. Oft promenirte er so bis zum Anbruch der Dämmerung umher; er blieb oft stehen, weil er glaubte, die Nacht weiche bereits, dann marschirte er weiter, wobei er bedauerte, daß keine Gelegenheit sich biete, um seine Waffe abfeuern zu können, und fühlte sich nicht eher erleichtert, bis der Himmel sich aufhellte und das große, bleiche Bahnhofsgespenst aus dem Schatten trat. Jetzt, wo der Tag bereits um drei Uhr anbrach, kehrte er um diese Zeit in das Bureau zurück und versank dort in einen bleiernen Schlaf, bis seine Weckuhr ihn verstört auffahren machte.

Am Donnerstag und Sonnabend jeder zweiten Woche trafen sich Séverine und Jacques; als sie in einer Nacht ihm von dem Revolver ihres Gatten erzählte, fühlten sich Beide nicht wenig beunruhigt. In Wahrheit ging Roubaud nie bis zum Depot. Nichts desto weniger gab der Umstand seiner Bewaffnung ihren nächtlichen Promenaden den Anstrich eines gefährlichen Unternehmens, was ihren Reiz verdoppelte. Sie hatten ein herrliches Plätzchen entdeckt: hinter dem Hause der Sauvagnat eine Art von Allee, die zwischen mächtigen Steinkohlenhaufen hindurch führte und einer einsamen Straße in einer befremdlichen Stadt mit Palästen aus mächtigen Quadratblöcken schwarzen Marmors glich. Dort war man gut geborgen und am Ende dieser Straße lag eine kleine Werkzeugremise, in welcher ein großer Haufen leerer Kohlensäcke ein molliges Lager bildete. Als eines Sonnabends ein plötzlicher Regenguß sie dorthin zu fliehen nöthigte, weigerte sie sich durchaus, sich niederzulassen und überließ ihm nur ihre Lippen zu unendlichen Küssen. Hiergegen wehrte sich ihr Schamgefühl nicht, wie aus reinem Freundschaftsgefühl ließ sie ihn gierig ihren Athem trinken. Und als er, von diesem Feuer durchglüht, sie mit Gewalt sich zu eigen zu machen versuchte, hatte sie geweint und sich gewehrt. Jedesmal wiederholte sie dieselben Gründe. Warum wollte er ihr so vielen Kummer machen? Es erschien ihr so süß, sich zu lieben ohne jede geschlechtliche Annäherung! Genothzüchtigt im Alter von sechzehn Jahren durch die Sinnlichkeit jenes Greises, dessen blutiges Gespenst sie noch verfolgte, vergewaltigt später durch die brutalen Neigungen ihres Gatten, hatte sie sich trotzdem eine kindliche Keuschheit, eine Jungfräulichkeit, die ganze holde Scham einer sich selbst nicht kennenden Leidenschaft bewahrt. Was ihr an Jacques gefiel, war sein Zartgefühl, sein Gehorsam, nicht seine Hände gleich über alle Stellen ihres Körpers gleiten zu lassen, sobald sie ihre so schwachen Hände in die seinen legte. Sie liebte wirklich zum ersten Male und eben deshalb gab sie sich ihm nicht hin; wäre sie ihm sogleich dasselbe gewesen, was sie jenen beiden Anderen war, so hätte ihm das sofort ihre Liebe gekostet. Ihr unbewußtes Verlangen ging darauf hinaus, dieses entzückende Gefühl in alle Ewigkeit zu verlängern, wieder jung zu werden und einen lieben Freund zu haben, wie man ihm zu fünfzehn Jahren, heimlich hinter den Thüren, die vollen Lippen zum Kusse reicht. Er, seines Fiebers jetzt ledig, forderte nichts und gab sich gern diesem aufgespalten, wollüstigen Glücke hin. Genau so wie sie schien auch er zu den Gefühlen der Kindheit zurückzukehren, mit der Liebe erst zu beginnen, die bis dahin für ihn ein Gefühl des Schreckens gewesen war. Er allerdings zeigte sich gehorsam und zog seine Hände zurück, sobald sie sie sanft bei Seite schob, weil eine geheime Furcht seine Zärtlichkeit zügelte, weil er fürchtete, das Verlangen nach ihrem Besitz nicht unterscheiden zu können von seiner einstigen Mordbegier. Diese, die doch getödtet hatte, war der Traum seiner fleischlichen Lust. Seine Heilung aber wurde ihm mit jedem neuen Tage zu einer größeren Gewißheit, weil er sie stundenlang an seinem Halse hängen, ihren Mund auf dem seinen fühlte, ihre Seele trank, ohne daß ihn die wahnsinnige Lust packte, Herr über sie dadurch zu werden, daß er sie erwürgte. Und trotzdem wagte er den letzten Schritt nicht; es war so schön, zu warten und ihre Vereinigung ihrer Liebe selbst zu überlassen, wenn, Eines in dem Arm des Andern, die Minute gekommen sein würde in der Ohnmacht ihres Willens. So folgten sich diese glückseligen Stelldichein, die Beiden wurden nicht müde, sich zu finden, gemeinsam durch die Finsterniß zwischen den großen Kohlenlagern zu promeniren, welche die sie umgebende Nacht noch vermehrten.

Eines Abends im Juli mußte Jacques, um in Havre zur vorgeschriebenen Zeit, also um elf Uhr fünf Minuten, eintreffen zu können, die Lison antreiben, welche die erdrückende Hitze faul gemacht zu haben schien. Von Rouen an zog sich ihm zur Linken über dem Seinethale ein Unwetter zusammen, das schon grelle, blendende Blitze entsandte; von Zeit zu Zeit blickte er besorgt rückwärts, denn Séverine wollte ihn in dieser Nacht aufsuchen. Er fürchtete, das Gewitter könnte zu früh ausbrechen und sie am Kommen verhindern. Als es ihm gelang, noch vor dem Losbruch des Unwetters den Bahnhof zu erreichen, schimpfte er auf die Reisenden, die heute wie die Schnecken aus den Waggons zu kriechen schienen.

Roubaud stand auf dem Bahnsteig, er hatte Nachtdienst.

»Zum Teufel, habt Ihr es eilig, in's Bett zu kommen! Na, schlaft wohl!«

»Danke.«

Jacques pfiff, stieß den Zug aus der Halle und dampfte nach dem Depot. Die Flügel des mächtigen Thores standen weit offen und die Lison rollte in den rings geschlossenen Schuppen, eine Art zweigeleisiger Gallerie, in welcher sechs Maschinen Platz hatten. Es war drinnen fast dunkel, denn die vier Gaslaternen konnten die Finsterniß nicht erhellen, sondern ließen die beweglichen Schatten um so schwärzer erscheinen. Ab und zu erhellten grelle Blitze das Gerippe des Daches und die hohen Fenster links und rechts: man unterschied dann wie in einer Flammengarbe die gespaltenen Mauern, das von Kohlen geschwärzte Balkenwerk, kurz das ganze morsche Elend dieses schon längst unzureichend gewordenen Bauwerks.

Zwei Lokomotiven standen schon erkaltet, eingeschlafen da.

Pecqueux machte sich sofort daran, das Feuer des Heizofens zu löschen. Er stocherte wild in der Gluth umher und glühende Kohlenstücke fielen aus dem Aschkasten in den Graben.

»Ich habe fürchterlichen Hunger, ich werde gleich meine Brodrinden aufknabbern,« meinte er. »Wie weit sind Sie?«

Jacques antwortete nicht. Trotz seiner Eile wollte er doch die Lison nicht eher verlassen, bis die Gluth völlig gelöscht und die Kessel leer waren. Als tüchtiger Mechaniker machte er sich ein Gewissen daraus, so lange bei der Lokomotive zu bleiben. Wenn er Zeit hatte, so ging er sogar erst, nachdem sie sorgfältig besichtigt und geputzt war wie ein verhätscheltes Lieblingsthier. Das Wasser lief in dicken Strahlen jetzt in den Graben und er sagte nichts weiter als:

»Schnell, schnell!«

Ein fürchterlicher Donnerschlag schnitt ihm das Wort ab. Dieses Mal zeichneten sich die hohen Fenster so deutlich vom aufflammenden Himmel ab, daß man die zahllosen kleinen Scheiben hätte zählen können. Zur Linken bei den Drehbänken, welche behufs vorzunehmender Reparaturen dort aufgestellt waren, rasselte eine aufrecht stehen gelassene Eisenblechplatte mit der nachhaltigen Vibration einer Glocke. Der alte Dachstuhl krachte in allen Fugen.

»Hu!« machte der Heizer.

Der Maschinenführer machte eine verzweifelnde Geberde. Aus der Zusammenkunft wurde heute nichts, um so weniger, als jetzt ein wolkenbruchartiger Regen auf den Schuppen niederprasselte, der die Dachscheiben zu durchschlagen drohte. Es mußten dort oben schon einige Scheiben zerbrochen sein, denn dicke Tropfen fielen strippenweise auf die Lison. Ein Sturmwind fuhr durch das offen gebliebene Thor hinein, der den alten Bau über den Haufen rennen zu wollen schien.

Pecqueux hörte mit der Hantirung an der Lokomotive auf.

»Wir werden morgen besser sehen können ... Es hat keinen Zweck noch weiter ihr Toilette zu machen.«

Und auf seinen ersten Gedanken zurückkommend:

»Ich muß etwas essen ... Es regnet zu stark, um schon jetzt seinen Strohsack aufzusuchen.«

Die Cantine grenzte direkt an das Depot; dagegen hatte die Direktion in der Rue François-Mazeline ein Haus gemiethet, in welchem Betten für die in Havre übernachtenden Lokomotivführer und Heizer aufgestellt waren. Bei diesem Unwetter wäre man bis auf die Knochen durchnäßt worden, ehe man dorthin gekommen.

Jacques mußte wohl oder übel Pecqueux folgen, der bereits die kleine Tasche seines Vorgesetzten an sich genommen hatte, wie es schien um ihm das Tragen derselben zu ersparen. Er wußte aber in Wahrheit, daß diese Tasche noch zwei Schnitte kaltes Kalbfleisch, Brod und eine kaum angebrochene Flasche enthielt. Daher sein Diensteifer. Der Regen fiel noch dichter, ein zweiter Donnerschlag machte den Schuppen abermals erzittern. Als die beiden Männer durch die nach der Cantine führende kleine Thür zur Linken fortgingen, erkaltete die Lison bereits. Verlassen versank sie in der durch grelle Blitze erhellten Finsterniß in Schlaf, während dicke Regentropfen ihre Glieder netzten. Neben ihr rieselte ein Bächlein aus einem schlecht verwahrten Wasserbehälter und bildete einen Sumpf, der zwischen ihre Räder hindurch in den Graben abfloß.

Doch ehe Jacques in die Cantine ging, wollte er sich erst noch waschen. In einem nebenan gelegenen Raume war stets warmes Wasser in Kübeln vorräthig. Er zog ein Stück Seife aus seiner Tasche und seifte sich das von der Fahrt geschwärzte Gesicht und die Hände ab und da er stets so vorsichtig war, wie den Lokomotivführern auch anempfohlen wird, einen zweiten Anzug bei sich zu haben, so konnte er sich von Kopf bis zu Fuß neu equipiren, was er übrigens jedesmal nach der Ankunft in Havre der Stelldicheins halber aus Koketterie that. Pecqueux wartete in der Cantine bereits auf ihn; er hatte sich nur die Nasenspitze und die Fingerspitzen gewaschen.

Die Cantine war ein kleiner Saal mit leeren gelb getünchten Wänden, in welchem nur ein Ofen zum Wärmen der Speisen und ein am Boden befestigter Tisch zu sehen war, den an Stelle eines Tischtuches eine Zinkplatte bedeckte. Zwei Bänke vervollständigten das Mobiliar. Die Leute mußten ihr Essen mitbringen und aßen mit Hilfe ihres Taschenmessers die Speisen vom Papier. Ein breites Fenster gab diesem Raume das Licht.

»Ein verteufelter Regen,« meinte Jacques und trat an das Fenster.

Pecqueux hatte sich auf die Bank vor dem Tisch gesetzt.

»Wollen Sie nicht essen?«

»Nein, mein Alter, eßt nur mein Fleisch und Brod getrost auf, wenn Ihr Lust habt ... Ich habe keinen Hunger.«

Der Andere ließ sich nicht weiter bitten, er machte sich über das Fleisch her und trank auch die Flasche leer. Er hatte oft Gelegenheit zu solchen Gelagen, denn sein Vorgesetzter war ein schlechter Esser; seine hündische Ergebenheit wurde durch solche Fetirungen nichts weniger als abgeschwächt. Mit vollem Munde meinte er nach einer Pause:

»Was kümmert uns jetzt noch der Regen, nun wir geborgen sind? Allerdings, wenn das so weitergeht, muß ich Sie allein lassen und mich links in die Büsche schlagen.«

Er lachte, denn er machte sich nicht besser als er war. Er hatte ihm sein Verhältniß zu Philomène Sauvagnat mitgetheilt, damit dieser sich nicht wunderte, ihn so oft außerhalb schlafen zu sehen. Philomène bewohnte bei ihrem Bruder ein Zimmer im Erdgeschoß neben der Küche; er brauchte nur an die Fensterladen zu klopfen, dann öffnete sie und er stieg ganz bequem durch das Fenster zu ihr. Man erzählte sich, daß alle Angestellten des Bahnhofes schon denselben Hammelsprung gemacht hätten. Doch jetzt hielt sie es nur mit dem Heizer, wie es schien genügte er ihr.

»Donnerwetter,« fluchte Jacques, als der Regen nach einer kleinen Pause abermals sündfluthartig niederprasselte.

Pecqueux, der gerade den letzten Bissen auf der Messerspitze balancirte, lachte abermals gutmüthig.

»Was hatten Sie denn heute Abend vor? Gelt, uns Beiden kann man gewiß nicht vorwerfen, daß wir die Matratzen in der Rue François-Mazeline allzusehr abnutzen?«

Jacques wandte sich ihm lebhaft zu.

»Wie meint Ihr das?«

»Nun seit diesem Frühjahr kommen wir Beide gewöhnlich erst um zwei oder drei Uhr Morgens heim.«

Er mußte etwas wissen, vielleicht hatte er ein Stelldichein belauscht. In jedem Schlafraum des genannten Hauses standen die Betten paarweise, das des Heizers neben dem des Lokomotivführers. Man wollte das Leben der beiden Männer, die in so enger Nachbarschaft mit einander zu arbeiten haben, auch so fest als möglich zusammenschmieden. Es war also nicht besonders merkwürdig, daß der Heizer das jetzt gegen früher so regellose Leben seines Vorgesetzten bemerkt hatte.

»Ich leide viel an Kopfschmerzen,« sagte der Letzter auf's Geradewohl. »Mir thut das Spazierengehen in der Nachtluft sehr wohl.«

Doch der Heizer verwahrte sich:

»Sie sind ja Ihr freier Herr, was wollen Sie? ... Ich sprach ja nur im Scherz so ... Sollten Sie aber eines Tages Langeweile haben, so wenden Sie sich nur an mich; ich bin zu Allem zu gebrauchen.«

Ohne sich klarer auszudrücken, erlaubte er sich nach Jacques Hand zu langen und drückte diese kräftig, als Zeichen der Unterwerfung seiner ganzen Person. Darauf zerknüllte er das fette Papier, in welches das Fleisch eingewickelt gewesen war, und warf es unter den Tisch. Die geleerte Flasche steckte er wieder in die Umhängetasche. Alles das that er mit der Sorgfalt eines Dieners, der sein ganzes Leben hindurch Besen und Schwamm nicht aus der Hand legt. Und während der Regen weiterrauschte, auch nachdem das Gewitter sich verzogen hatte, meinte er:

»Ich drücke mich jetzt und überlasse Sie Ihrem Schicksal.«

»Wenn das so weitergeht,« erwiderte Jacques, »werfe ich mich auf das Feldbett.«

Neben dem Depot nämlich befand sich ein Saal mit Matratzen, die durch Leinwandüberzüge geschützt wurden. Auf diese warfen sich die Männer in ihren Arbeitsanzügen, wenn sie nur drei oder vier Stunden in Havre zu warten hatten. Als Jacques den Heizer in der Richtung nach dem Hause der Sauvagnat hatte verschwinden sehen, wagte auch er es, bis zur Wachtstube vorzudringen. Aber er legte sich nicht schlafen, sondern blieb auf der Schwelle der weit offen stehenden Thür; die in dem Raume herrschende, erdrückende Hitze schreckte ihn zurück. Drinnen lag ein Lokomotivführer auf dem Rücken und schnarchte mit weit geöffnetem Munde.

Einige weitere Minuten verstrichen. Es wurde Jacques schwer die Hoffnung aufgeben zu müssen. Während sich seine Wuth über diesen ungelegen kommenden Regen steigerte, wuchs in ihm der tolle Einfall, trotzdem zum Stelldichein zu gehen. Er hatte dann wenigstens die Freude, dagewesen zu sein; Séverine dort zu treffen, darauf rechnete er nicht mehr. Sein Inneres drängte ihn so gewaltig dorthin, daß er in der That in den strömenden Regen hinaustrat, durch die schwarze Allee der Kohlenhaufen eilte und zu ihrem Lieblingswinkel gelangte. Noch halb geblendet von den Regentropfen, die ihm über das Gesicht liefen, betrat er die Werkzeugremise, in die er schon einmal mit Séverine untergetreten war. Dort hoffte er, sich wenigstens nicht so einsam zu fühlen.

Als Jacques in die pechschwarze Finsterniß dieses Versteckes trat, umschlangen ihn zwei Arme und heiße Lippen preßten sich auf die seinen. Séverine war doch gekommen.

»Mein Gott, Sie hier?«

»Ja, ich sah das Gewitter kommen und bin hierhergeeilt, noch ehe der Sturm losbrach ... Warum kommen Sie so spät?«

Sie athmete schwer, noch nie hatte er sie so willenlos an seinem Halse hängen gefühlt. Sie glitt zu Boden und saß nun auf den leeren Säcken auf diesem molligen Lager, das den ganzen Winkel der Remise ausfüllte. Er sank mit ihr, denn ihre Arme hatten sich nicht gelöst und kam so auf ihren Schoß zu sitzen. Sehen konnten sie sich nicht, aber ihr heißer Athem umgab sie wie mit einem Nebel, in welchem alles um sie her in nichts versank.

Unter der Gluth ihrer verlangenden Küsse drängte sich die vertrauliche Anrede unwillkürlich auf ihre Lippen, als hätte sich das Blut ihrer Herzen bereits ineinandergemischt.

»Du erwartetest mich ...?«

»Ja, so sehnsüchtig erwartete ich Dich!«

Und wiederum, wie vom ersten Augenblick an war sie es, die fast stumm ihn an sich preßte und ihn zwang, sie ganz zu nehmen. Sie hatte das keineswegs vorausgesehen. Als er kam, hatte sie bereits garnicht mehr auf sein Kommen gerechnet; in der unverhofften Freude des Wiedersehens aber, in dem plötzlichen, untilgbaren Bedürfniß ihm zu gehören, ergab sie sich ihm ohne weiteres Nachdenken, ohne weitere Ueberlegung. Es kam, wie es kommen mußte. Der Regen rauschte mit verdoppelter Heftigkeit auf das Dach der Remise nieder und der letzte aus Paris kommende Zug fuhr donnernd und zischend in den Bahnhof, daß der Erdboden zu wanken schien.

Als sich Jacques erhob, lauschte er verwundert auf das Rauschen des Regens. Wo befand er sich eigentlich? Aber als er unter seiner Hand den Stiel eines Hammers wiederfühlte, den er schon vorher beim Niederlassen gespürt hatte, war seine Freude eine ungemessene. Es war also geschehen? Er hatte Séverine besessen, ohne die Lust zu verspüren, ihr mit diesem Hammer den Schädel zu zerschmettern? Sie hatte ihm ohne jeden vorausgegangenen Kampf angehört, ohne seine instinctive Neigung, sie todt auf den Rücken zu strecken, wie eine Anderen abgejagte Beute? Ja, er fühlte nicht mehr den Durst nach Rache für die uralten Beleidigungen, deren Gedächtniß ihm entschwunden war, für jene von Geschlecht zu Geschlecht gesteigerte Gemeinheit, die mit dem ersten im Innern der Höhle begonnenen Betruge ihren Anfang nahm. Nein, der Besitz dieser dort war von einem allmächtigen Reiz, sie war es, die ihn geheilt hatte, weil er in ihr eine andre, eine gewaltthätige in ihrer Schwachheit, sie mit dem Blute eines Menschen bedeckt sah, das sie wie mit einem Panzer des Schreckens umgab. Sie beherrschte ihn, denn er hatte solches noch nicht gewagt. Und im Gefühl leidenschaftlicher Dankbarkeit, eines zu sein mit ihr, schloß er sie von Neuem in seine Arme und bedeckte sie mit Küssen; sie war seine Gebieterin, sie konnte mit ihm machen, wonach immer sie verlangte.

Und auch Séverine fühlte sich glücklich über ihre Hingabe. Es war ihr das eine Befreiung, das Ende eines Kampfes, dessen Grund sie gar nicht mehr recht hatte einsehen können. Warum hatte sie sich so lange gesträubt? Sie hatte sich ihm versprochen gehabt, sie hätte sich ihm schon längst ausliefern müssen, denn nur hierin konnte sie wahres Vergnügen und alle Annehmlichkeiten finden. Jetzt begriff sie, daß sie die Lust hierzu schon lange gefühlt hatte, selbst damals, als es ihr noch so schön dünkte, damit zu warten. Ihr Zartgefühl hatte allerdings das Glücksgefühl ihres Falles erhöht. Sie war entschieden zu solcher Hingabe wie geschaffen. Sie kostete dabei die wirkliche Freude der Frau aus, die erst gehätschelt sein will, die dann aber eben so viel Vergnügen bereitet als empfängt. Ihr Herz, ihr Körper fühlten ein ausschließliches Bedürfniß nach Liebe, aber die schändliche, an ihr begangene Gewaltthätigkeit sowohl wie die späteren Ereignisse hatten sie zur Entsagung gezwungen. Man hatte ihr bisheriges Leben gemißbraucht, mit Schmutz und Blut besudelt, so daß ihre blauen, so unschuldig blickenden Augen unter der düsteren Krone ihrer schwarzen Haare das schreckensvolle Starren bewahrt hatten. Trotz alledem war sie Jungfrau geblieben, erst diesem jungen Menschen gab sie sich zum ersten Male völlig hin. Sie betete ihn an, ihr verlangte, in ihm aufzugehen, seine Dienerin zu sein. Sie gehörte ihm an und er konnte über sie nach Gutdünken verfügen.

»Nimm mich, behalte mich, mein Geliebter, ich will nichts andres als Du.«

»Nein, nein, Geliebte, Du bist meine Herrin, ich bin nur da, um Dich zu lieben und Dir zu gehorchen.«

Die Stunden verflossen. Schon längst hatte der Regen aufgehört, tiefe Stille umgab den Bahnhof, unterbrochen nur von einer einzigen fernen, vom Meer undeutlich heraufschallenden Stimme, Sie hielten noch einander umschlungen als ein Schuß sie zitternd auf die Füße brachte. Der Tag mußte bald anbrechen, ein bleicher Schimmer färbte oberhalb der Seinemündung den Himmel. Was bedeutete der Schuß? Es war eine Unklugheit und Thorheit, sich so lange verzögert zu haben. Die Einbildung spiegelte ihnen plötzlich vor, der Gatte verfolge sie mit Revolverschüssen.

»Tritt nicht hinaus, ich will nachsehen.«

Jacques schlich vorsichtig bis zur Thür. Durch die noch dichte Finsterniß hörte er den Galopp von Menschen, er erkannte die Stimme Roubaud's der die Männer antrieb; er rief ihnen zu, daß er drei Diebe beim Stehlen von Kohlen abgefaßt hatte. Schon seit Wochen verging keine Nacht, in der er nicht solche Wahnvorstellungen von Räubern gehabt. Diesmal hatte er in der Einbildung eines jähen Schreckens auf gut Glück in die Finsterniß hineingefeuert.

»Schnell, schnell, wir können nicht hierbleiben,« flüsterte der junge Mann. »Sie werden wahrscheinlich die Remise absuchen ... Rette Dich!«

Noch einmal preßten sie sich an die Brust, saugten sich ihre Lippen aufeinander. Dann glitt Séverine wie ein Schatten am Depot entlang, wo die mächtige Mauer sie verbarg, während er inmitten eines Kohlenhaufens verschwand. Es war die höchste Zeit gewesen, denn Roubaud kam in der That hierher. Er schwor darauf, die Diebe müßten in der Remise stecken. Die Laternen der Beamten tanzten über dem Erdboden. Man stritt sich, dann schlugen alle, ärgerlich über diese unnütze Verfolgung, wieder den Weg nach dem Bahnhof ein.

Als Jacques beruhigt den Rückweg nach der Rue François-Mazeline antreten wollte, war er nicht wenig überrascht, auf Pecqueux zu stoßen, der wild fluchend seine Kleidungsstücke zusammenraffte.

»Was denn nun, Alter?«

»Reden Sie garnicht davon! Diese Tölpel haben Sauvagnat aufgeweckt. Er hat mich bei seiner Schwester gehört, ist im Hemde heruntergekommen, so daß ich, so schnell ich konnte, durch das Fenster fliehen mußte ... Hören Sie nur!«

Man vernahm das Gekreisch und das Schluchzen eines gemaßregelten Weibes, während eine tiefe Männerstimme Verwünschungen ausstieß.

»Das ist er, er macht ihr den Rücken etwas lose. Sie ist schon zweiunddreißig Jahre alt und bekommt immer noch die Knute, wie ein kleines Mädchen, wenn er sie abfaßt ... Sehr schlimm, ich mische mich aber nicht hinein, er ist ja ihr Bruder!«

»Ich glaubte, er duldete Euch,« fragte Jacques, »und ärgerte sich nur, wenn er sie mit einem Anderen abfaßte?«

»Man weiß nie, woran man mit ihm ist. Sehr oft scheint er mich nicht zu bemerken, ebenso oft aber prügelt er sie auch, wie Sie jetzt eben hören. Trotzdem liebt er seine Schwester, er würde lieber alles aufgeben, ehe er sich von ihr trennte; nur will er, daß sie sich gut führt ... Alle Wetter, ich glaube, sie hat heute ihr Theil fort.«

Das Geschrei hörte auf und ging in heftiges Schluchzen über. Die beiden Männer entfernten sich. Zehn Minuten später schliefen sie fest, Seite an Seite, in dem kleinen Zimmer mit den gelb getünchten Wänden, dessen einfaches Mobiliar aus vier Betten, vier Stühlen und einem Tische bestand, auf dem eine einzige Waschschüssel aus Zink thronte.

Von nun an durchkosteten Jacques und Séverine bei jedem abermaligen Zusammentreffen alle Süßigkeiten. Nicht immer schützte sie das Wetter so wie in jener ersten Nacht. Sternklarer Himmel und Mondschein war ihnen unbequem. Sie suchten dann den tiefsten Schatten, die dunkelsten Winkel auf, in denen sie sich so recht aneinanderpressen mußten. Viele Nächte im August und September waren noch von so herrlicher Milde, daß sie sich in ihrer sinnlichen Mattigkeit gewiß von der Sonne hätten überraschen lassen, wenn das Erwachen des Bahnhofes, das ferne Zischen der Lokomotiven sie nicht getrennt hätte. Selbst die erste Oktoberkühle mißfiel ihnen nicht. Sie erschien wärmer eingehüllt, mit einem großen Mantel angethan, in welchem sie halb verschwand. Dann verbarrikadirten sie sich in der Werkzeugremise; er hatte in Gestalt einer Eisenstange ein Mittel gefunden, sie von innen zu verriegeln. Auf diese Weise waren sie gut aufgehoben, die Novemberstürme mochten nun das Dach aus seinen Fugen reißen, ihnen selbst kühlte kein Lüftchen den Nacken. Er hatte indessen von der ersten Nacht an das Begehren gefühlt, sie bei sich zu Hause in dem engen Kämmerchen zu besitzen, wo sie ihm stets ganz anders, viel begehrenswerther mit ihrem milden Lächeln einer ehrbaren Bürgersfrau erschien. Sie hatte seine Bitte bisher nicht erfüllt, weniger aus Furcht vor den Spionen des Corridors als aus einem letzten Skrupel von Tugend, der das Ehebett rein wissen wollte. Aber als er eines Montags zum Frühstück bei ihr war und der Gatte unten vom Bahnhofsvorsteher noch aufgehalten wurde, schmeichelte er ihr erst und plötzlich trug er sie in einer tollkühnen Anwandlung, worüber Beide lachen mußten, auf das Bett. Sie vergaßen sich ganz. Von nun an widerstand sie nicht weiter. Alle Donnerstage und Sonnabend nach Mitternacht kam er zu ihr. Es war das schrecklich gefährlich: sie wagten aus Angst vor der Nachbarschaft nie zu athmen. Aus diesem Zusammensein aber erwuchsen ihnen neue Freuden, ein verdoppeltes Maß von Zärtlichkeit. Oft führte sie die Lust an dem nächtlichen Umherstreifen und das Bedürfniß, die Fesseln von sich zu werfen, wieder hinaus in die dunkle Einsamkeit der eisigen Nächte. Selbst im Dezember suchten sie trotz der furchtbaren Kälte noch ihre Remise auf.

Schon vier Monate liebten sich Jacques und Séverine so mit wachsender Leidenschaft. Sie waren Beide in der Kindheit ihrer Herzen, in dieser süßen Unschuld erster Liebe, welche von den geringsten Zärtlichkeiten entzückt ist, noch wahre Neulinge. Der Kampf der größeren Unterwürfigkeit eines unter das andere ergötzte sich nach wie vor. Er zweifelte nicht mehr daran, von dem schrecklichen Erbübel geheilt zu sein, denn seit er sie besaß, war ihm nie wieder der Gedanke an einen Todtschlag gekommen. War also mit dem physischen Besitz dieses Mordbedürfniß befriedigt? Besitz und Todtschlag glichen sich also in dem düsteren Inneren der menschlichen Bestie aus? Er war zu unwissend, um weiter hierüber nachzudenken und versuchte es auch nicht, die Thür des Schreckens weiter zu öffnen. Oft, wenn sie in seinen Armen lag, kam ihm plötzlich die Erinnerung an das, was sie gethan, an jenen Mord, den sie ihm mit einem einzigen Blick auf jener Bank in den Anlagen von Les Batignolles eingestanden hatte; aber er verspürte nicht die geringste Lust, die Einzelheiten jenes Vorfalles kennen zu lernen. Sie dagegen schien mehr und mehr unter dem Bedürfniß, alles sagen zu sollen, zu leiden. Wenn sie ihn an sich preßte, merkte er wohl, daß sie mit ihrem Geheimniß geladen war und unter ihm seufzte, daß sie völlig in ihn aufzugehen wünschte, um diese erstickende Last von sich werfen zu können. Ein mächtiger Schauder theilte sich dann allen ihren Gliedern mit und drängte sich durch ihre liebestolle Kehle in Gestalt einer wirren Fluth von Seufzern auf ihre Lippen. Mit ersterbender Stimme, von einem Krampfe gepackt, begann sie zu sprechen. Er aber verschloß ihr schnell mit einem Kusse den Mund und siegelte dort, von einer Unruhe gefoltert, das Geständniß fest. Warum sollte sich dieses Unbekannte zwischen sie drängen? Wer konnte wissen, ob dasselbe nicht eine Umwälzung in ihrem Glück hervorbringen würde? Er witterte eine Gefahr, ein leises Erschaudern theilte sich ihm mit bei dem Gedanken, daß alle diese blutigen Dinge wieder zum Vorschein kommen würden. Und sie ahnte wohl, was in ihm vorging, sie wurde wieder das Geschöpf der Liebe, welches, wie es schien, nur geschaffen war, um zu lieben und geliebt zu werden, zärtlich und folgsam. Eine wahnsinnige Begier nach ihrem Besitze pflegte ihn dann zu packen und oft blieben sie wie ohnmächtig sich in den Armen liegen.

Roubaud hatte seit dem Sommer etwas gemagert; je mehr seine Frau sich aufheiterte und zur Frische ihrer zwanzig Jahre zurückkehrte, desto älter und verdüsterter wurde er. Er hatte sich innerhalb von vier Monaten, wie sie sagte, sehr verändert. Er drückte Jacques noch immer freundschaftlich die Hand, lud ihn noch ein und fühlte sich nur glücklich, wenn er ihn am Tische hatte. Aber diese Zerstreuung allein genügte ihm nicht mehr, er ging öfters aus, mitunter hatte er noch nicht den letzten Bissen heruntergeschluckt, als er schon aufsprang und unter dem Vorwande, daß er an die frische Luft müsse, seinen Kameraden mit seiner Frau allein ließ. In Wahrheit besuchte er jetzt häufig ein kleines Café am Napoleonsgraben, wo er mit Herrn Cauche, dem Polizeicommissär, zusammentraf. Er trank wenig, nur kleine Gläschen Rum; aber er hatte Geschmack am Spiel gefunden, das in eine Leidenschaft auszuarten drohte. Er belebte sich, er vergaß alles, sobald er die Karten in der Hand hatte und sich in eine unendliche Partie Piquet verlor. Herr Cabuche, ein fanatischer Kartenspieler, hatte vorgeschlagen, die Partien zu interessiren; man spielte sie jetzt schon zu hundert Sous. Roubaud kam sich erstaunt als ein neuer Mensch vor, er brannte vor Verlangen nach Gewinn, er fieberte nach gewonnenem Gelde, welche Krankheit gewöhnlich damit endet, daß man im Würfelspiel seine Lebensstellung und sein Leben zugleich wagt. Sein Dienst quälte ihn nicht allzusehr, er drückte sich, sobald er frei war und kehrte in den dienstfreien Nächten gewöhnlich erst um zwei oder drei Uhr morgens heim. Seine Frau grämte sich darüber nicht besonders, es ekelte sie nur an, daß er immer widerwärtiger nach Hause zurückkehrte. Er hatte nämlich ein unglaubliches Pech und stürzte sich in Schulden.

Eines Abends brach zum ersten Male ein offener Streit zwischen Séverine und Roubaud aus. Sie haßte ihn noch nicht, wohl aber ertrug sie seine Gegenwart nur mit Widerwillen; sie fühlte, wie er ihr Leben belastete, sie hätte so leicht, so glücklich leben können, wenn seine Gegenwart sie nicht beengte. Deshalb machte sie sich aus dem von ihr begangenen Betruge gar kein Gewissen; war es nicht seine Schuld, hatte er sie nicht erst zum Falle hingedrängt? In der langsamen Trennung, die sich zwischen ihnen vollzog, tröstete sich Jeder von ihnen damit, daß er nur wegen der Heilung von dem sie desorganisirenden Nebel vom rechten Wege abirrte: er spielte, warum sollte sie keinen Liebhaber besitzen? Aber was sie besonders ärgerte und sie empörte, war, daß sie seiner beständigen Verluste wegen in Verlegenheit gerieth. Seit die Fünffrankenstücke in das Café am Napoleonsgraben wanderten, konnte sie öfters ihre Wäscherin nicht bezahlen. Alle Arten von Annehmlichkeiten, kleine Toilettengegenstände mußte sie vollständig entbehren. An jenem Abend brach der Zank wegen eines Paares Stiefel aus, das sie nothwendiger Weise haben mußte. Er war gerade im Begriff fortzugehen. Er fand nicht gleich das Tischmesser, um sich ein Stück Brod abzuschneiden und nahm das große Messer, die Waffe, welche in einer Schublade des Büffets ruhte. Sie sah ihn an, während er ihr die zehn Franken für die Stiefel verweigerte, denn er hatte sie nicht, und wußte nicht, woher sie nehmen. Sie wiederholte eigensinnig ihr Verlangen und zwang ihn, der sich allmählich etwas aufregte, immer wieder seine Weigerung zu wiederholen. Plötzlich wies sie auf die Stelle des Fußbodens, wo die Gespenster schliefen; sie sagte ihm, daß dort Geld zu finden sei und daß er ihr von diesem geben sollte. Er wurde sehr bleich und ließ das Messer wieder in die Schublade fallen. Einen Augenblick glaubte sie, daß er sie schlagen wollte, denn er hatte sich ihr genähert und gedroht, daß das Geld lieber da verfaulen solle und er sich lieber die Hand abschneiden wolle, als etwas davon zu nehmen. Er ballte die Fäuste, er drohte, sie zu ermorden, wenn sie sich etwa einfallen ließe, in seiner Abwesenheit die Leiste zu entfernen und einen Centime zu entwenden. Nie und nie, das wäre todt und begraben! Sie hatte ebenfalls gezittert bei dem Gedanken, dort wühlen zu müssen. Dann sollte lieber das Elend kommen und Beide verhungern. Sie sprachen auch nie wieder davon, selbst nicht an den Tagen fürchterlicher Verlegenheit. Wenn sie den Fuß auf diese Stelle setzten, wuchs das unerträgliche Gefühl, so daß sie lieber einen Umweg machten.

Ein zweiter Zank brach wegen la Croix-de-Maufras aus. Warum verkauften sie das Haus nicht? Sie warfen sich gegenseitig vor, daß Keiner etwas zur Beschleunigung dieses Verkaufes beitrüge. Er weigerte sich noch immer mit aller Entschiedenheit sich damit abzugeben, während sie auf die wenigen Briefe, die sie an Misard dieserhalb richtete, nur ausweichende Antworten erhielt; es hätte sich noch kein Käufer eingefunden, die Früchte wären abgefault und das Gemüse mangels Pflege nicht gediehen. Auf diese Weise entfloh nach und nach die tiefe Ruhe, die über das Ehepaar nach jener Krisis gekommen war und neue Kämpfe schienen in Folge dieses fieberhaften Beginns der Feindseligkeiten unausbleiblich. Alle die Keime des Nebels, das versteckte Gold, der eingeführte Liebhaber lagen offen da und trennten und hetzten Eines auf das Andere. In dieser wachsenden Unruhe mußte das Leben zur Hölle werden.

Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen wuchs das Mißgeschick Roubauds: ein neuer Sturmwind von Klatschereien und Diskussionen pfiff durch den Hauptcorridor. Philomène hatte plötzlich mit Frau Lebleu gebrochen, weil Letztere sie verleumdet und ihr vorgeworfen, sie hätte ihr ein schon krepirtes Huhn verkauft. Die wahre Ursache des Bruches aber lag in der Annäherung von Philoméne an Séverine. Pecqueux hatte eines Nachts letztere am Arme von Jacques erkannt und diese hatte kluger Weise ihre Skrupel von ehedem schweigen geheißen und sich zur Geliebten des Heizers liebenswürdig gezeigt. Philomène aber, der die Verbindung mit der vornehmen Dame sehr schmeichelte, über deren Schönheit und Distinction auf dem ganzen Bahnhof nur eine Stimme herrschte, hatte sich flugs von der Kassirersfrau, diesem alten Klatschmaul abgewandt, die nach ihrer Meinung die Berge aufeinander zu hetzen im Stande war. Sie gab ihr jetzt völlig Unrecht, und ließ Jeden, der es hören wollte, wissen, daß es ganz abscheulich sei, den Roubaud die Wohnung nach der Straße, die ihnen zukäme, vorzubehalten. Die Dinge nahmen also für Frau Lebleu eine schlimme Wendung, wie es schien, um so mehr, als ihr Eigensinn, Fräulein Guichon durchaus bei einem Stelldichein mit dem Bahnhofsvorsteher überraschen zu wollen, ihr ernstliche Unannehmlichkeiten zuzuziehen drohte: sie ertappte Niemand, wohl aber hatte sie das Unglück, selbst abgefaßt zu werden, als sie gerade das Ohr an eine Thür gelegt hatte, um zu lauschen. Herr Dabadie war über diese Spionage außer sich und hatte erklärt, daß, wenn Roubaud noch Ansprüche auf die Vorderwohnung mache, er gern den Brief mit unterzeichnen werde. Moulin hatte, trotzdem er für gewöhnlich sehr wenig gesprächig war, diese Aeußerung sofort weitererzählt. Beinahe hätte man sich dieserhalb von Thür zu Thür, von einem Ende des Corridors bis zum andern eine Schlacht geliefert, so sehr waren die Leidenschaften plötzlich wieder entfacht worden.

Inmitten dieser sich mehrenden Erdbeben hatte Séverine nur einen guten Tag, den Freitag. Seit October schon hatte sie mit aller Gemüthsruhe einen Vorwand gefunden, einen Schmerz am Knie, der sie nöthigte, einen Spezialisten aufzusuchen. Und so fuhr sie jeden Freitag mit dem von Jacques geführten Eilzug um sechs Uhr vierzig Minuten Morgens nach Paris, brachte den ganzen Tag dort mit Jacques zu und kehrte mit dem Zuge um sechs Uhr dreißig nach Havre zurück. Zuerst hatte sie geglaubt, ihrem Gatten Bericht über den Verlauf der Krankheit am Knie abstatten zu müssen: mal ginge es besser, mal schlechter; als sie aber sah, daß er garnicht auf sie hörte, hatte sie kluger Weise garnicht weiter davon gesprochen. Oft sah sie ihn an und fragte sich, ob er etwas wisse. Wie kam es, daß dieser vor Eifersucht rasende Mann, der einen anderen in thörichter Wuth getödtet hatte, jetzt einen Liebhaber duldete? Sie konnte es nicht glauben und meinte eher, sein Verstand müsse etwas gelitten haben.

In einer eiskalten Nacht wahrend der ersten Dezembertage wartete Séverine noch spät in der Nacht auf ihren Gatten. Am nächsten Morgen, einem Freitag, noch vor Tagesanbruch wollte sie den Eilzug benutzen. An den Abenden vorher machte sie stets noch sorgfältig Toilette, legte ihre Kleider vor dem Bett zurecht, um sofort angezogen zu sein. Endlich legte sie sich hin und gegen ein Uhr schlief sie an diesem Abend ein. Roubaud war noch nicht heimgekehrt. Schon zweimal war er erst beim Morgengrauen zurückgekommen, seine wachsende Leidenschaft bannte ihn an das Café, dessen abseits gelegener kleiner Saal immer mehr zur Spielhölle wurde: man spielte jetzt dort Ecarté um große Summen. Glücklich, allein schlafen zu können und von den Aussichten auf einen angenehmen Tag sanft gewiegt, schlief die junge Frau fest unter der angenehm durchwärmten Bettdecke.

Drei Uhr schlug es gerade, als ein merkwürdiges Geräusch sie weckte. Erst verstand sie es nicht recht, sie glaubte zu träumen und schlief wieder ein. Es klang wie dumpfes Bohren, wie Knacken von Holz, als versuchte man, eine Thür zu erbrechen. Ein etwas heftigerer Krach lieh sie plötzlich auffahren. Ein Gefühl der Furcht packte sie, gewiß versuchte Jemand, das Schloß im Corridor zu sprengen. Eine Minute hindurch wagte sie nicht zu athmen, sie lauschte mit angestrengtem Gehör. Dann hatte sie doch den Muth aufzustehen, um nachzusehen. Leise ging sie mit nackten Füßen an die Thür, ebenso leise öffnete sie diese etwas und vor Frost zähneklappernd in ihrem dünnen Hemde erblickte sie in dem Eßzimmer ein Schauspiel, daß sie vor Schreck und Ueberraschung wie festgenagelt dastand.

Roubaud lag auf dem Bauche und hatte soeben die Scheuerleisten mit Hilfe einer Scheere aufgebrochen. Ein Licht, das neben ihm stand, beleuchtete ihn und spiegelte seinen riesigen Schatten an der Decke wieder. Das Gesicht hatte er tief über das Loch gebeugt, das wie eine schwarze Spalte längs der Wand lief und mit weit geöffneten Augen starrte er dort hinein. Das Blut hatte seine Backen gefärbt, er sah wieder ganz so aus wie damals, wie der Mörder. Rasch tauchte er die Hand hinein, aber sie fand nichts, so sehr zitterte sie. Er rückte das Licht näher heran, ihr Schein traf das Portemonaie, die Uhr, die Bankbillets.

Séverine stieß unwillkürlich einen Schrei aus und Roubaud wandte sich erschrocken um. Zuerst erkannte er sie nicht, er glaubte, da sie ganz in Weiß gehüllt war und ihre Augen den Schrecken wiederspiegelten, ein Gespenst vor sich zu haben.

»Was machst Du da?« fragte sie.

Jetzt merkte er, wer es war, er antwortete nicht, sondern stieß ein dumpfes Geknurr aus. Ihre Gegenwart genirte ihn, er sah sie an und hoffte sehnlichst, sie würde wieder zu Bett gehen. Aber ein vernünftiges Wort fiel ihm nicht ein, wie sie so nackt und zitternd dastand, hätte er sie am liebsten ohrfeigen mögen.

»War es nicht so, daß Du mir Geld zu Stiefeln verweigertest, und jetzt nimmst Du Dir Geld, weil Du verloren hast?«

Diese Worte versetzten ihn mit einem Male in Wuth. Wollte sie ihm nun auch noch an das Leben, das letzte Vergnügen zerstören, diese Frau, nach der ihn nicht mehr verlangte, deren Besitz ihm nur noch eine unangenehme Empfindung schuf? Er amüsirte sich jetzt anderswo und bedurfte ihrer nicht mehr. Von Neuem suchte er und zog das Portemonnaie mit den dreihundert Franken in Gold aus dem Loch. Als er die Leiste wieder an Ort und Stelle gebracht hatte, schleuderte er ihr mit zusammengepreßten Zähnen die Worte in's Gesicht:

»Du langweilst mich, ich thue, was ich will. Frage ich Dich, was Du noch jetzt in Paris zu suchen hast?«

Er zuckte heftig mit den Achseln und ging wieder in das Café. Das Licht ließ er am Boden stehen.

Séverine hob es auf und legte sich, halb erfroren, wieder zu Bett. Sie ließ das Licht brennen, denn sie konnte nicht wieder einschlafen und erwartete, mehr und mehr sich erwärmend, mit weit geöffneten Äugen die Abgangszeit des Eilzuges. Jetzt wußte sie es, er litt an zunehmendem innerlichen Verfall, den das Verbrechen ihm einfiltrirt zu haben schien. Das Verbrechen war es, welches diesen Mann zersetzte und jedes Band zwischen ihnen zerrissen hatte. Roubaud wußte offenbar Alles.

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