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Die Bestie im Menschen

Emile Zola: Die Bestie im Menschen - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Zola
titleDie Bestie im Menschen
printrunVierte Auflage
publisherVerlag von G. Grimm
year1892
translatorAlfred Ruhemann
correctorreuters@abc.de
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Fünftes Kapitel

Punkt elf Uhr signalisirte der Wärter am Pont de l'Europe durch das vorgeschriebene zweimalige Tuten die Ankunft des Eilzuges von Havre, der soeben aus dem Tunnel von Les Batignolles auftauchte. Bald darauf erdröhnten die Drehscheiben und der Zug rollte mit einem kurzen Pfiff, sich stoßend, rauchend, triefend und durchnäßt von dem seit Rouen unablässig strömenden Regen in den Bahnhof.

Die Beamten hatten noch nicht einmal Zeit gefunden, die Koupeethüren zu öffnen, als eine derselben bereits von innen aufgestoßen wurde und Séverine auf den Perron sprang, noch ehe der Zug zum Halten gebracht war. Ihr Waggon war der letzte im Zuge, sie mußte sich daher beeilen und drang mit dem sich plötzlich aus den Koupeethüren ergießenden Strom der mit Sack und Pack angekommenen Reisenden zur Lokomotive vor. Jacques stand dort auf der Plattform und wartete auf die Rückfahrt in das Depot, während Pecqueux die Messingtheile mit einem leinenen Tuche abrieb.

»Also abgemacht,« sagte sie und stellte sich dabei auf die Fußspitzen. »Ich werde um drei Uhr in der Rue Cardinet sein. Sie werden die Güte haben, mich Ihrem Chef vorzustellen, damit ich mich bei ihm bedanken kann.«

Dieser Dank für irgend eine unbedeutende Gefälligkeit an den Chef des Depots von Les Batignolles war ein von Roubaud erdachter Vorwand. Auf diese Weise mußte sie die Freundschaft des Maschinenführers in Anspruch nehmen und konnte so am besten dessen Person fester an sie selbst knüpfen. Jacques, bis auf die Haut durchnäßt vom Kampfe gegen Wetter und Wind und von der Kohle geschwärzt, sah sie stumm mit seinen harten Augen an. Er hatte ihrem Gatten in Havre den Gefallen nicht abschlagen können, aber der Gedanke, allein mit ihr zu sein, verdrehte ihm den Kopf, er fühlte sehr wohl, daß sie ihm begehrenswerth erschien.

»Nicht wahr, ich darf auf Sie rechnen?« wiederholte sie mit einem schmeichlerischen Blick ihrer Augen. Innerlich war sie nicht wenig überrascht und empört von einer so wenig entgegenkommenden, steifen Haltung.

Sie hatte sich höher gereckt und ihre behandschuhte Hand unwillkürlich auf eine Feuerzange gelegt.

»Vorsicht,« mahnte Pecqueux galant, »Sie werden sich beschmutzen.«

Jacques mußte nun etwas sagen. Er that es in sehr schroffem Tone.

»Ja, Rue Cardinet ... Vorausgesetzt, daß mich dieser verwünschte Regen nicht ganz fortschwemmt. Ein Hundewetter!«

Sie rührte sein erbärmlicher Zustand. Als hätte er nur für sie so gelitten, schmeichelte sie:

»Wie sehen Sie aus und ich war inzwischen so gut aufgehoben! ... Ich habe an Sie gedacht und fand dieses Unwetter empörend ... Der Gedanke, daß gerade Sie mich heute früh hierher gebracht haben und mich heute Abend mit dem Schnellzuge wieder zurückführen werden, macht mich sehr glücklich.«

Aber diese liebenswürdige, fast zärtliche Vertraulichkeit schien ihm noch mehr den Kopf zu verdrehen. Er sah sehr geängstigt aus. Da erlöste ihn der plötzliche Ruf: »Rückwärts!« Sofort zog er am Ventil der Dampfpfeife, während der Heizer die junge Frau mit der Hand zur Vorsicht mahnte.

»Um drei Uhr also!«

»Ja, um drei Uhr!«

Während sich die Lokomotive in Bewegung setzte, verließ Séverine als letzte den Bahnsteig. Als sie draußen in der Rue d'Amsterdam den Schirm öffnen wollte, bemerkte sie zu ihrer Zufriedenheit, daß der Regen aufgehört habe. Sie ging bis zur Place du Havre, überlegte dort einen Augenblick und entschloß sich, zunächst einen kleinen Imbiß zu nehmen. Es fehlten gerade fünf Minuten an halb zwölf, als sie ein kleines Restaurant an der Ecke der Rue Saint-Lazare betrat. Sie bestellte sich Spiegeleier und eine Cotelette. Sie speiste sehr langsam und versank dann in dasselbe Nachdenken, das sie schon seit Wochen quälte. Sie sah jetzt immer sehr bleich und abgespannt aus, ihr verführerisches, gern gezeigtes Lächeln war dahin.

Roubaud hatte es für sehr gefährlich gehalten, noch länger zu warten und so hatte er zwei Tage nach dem letzten Verhör in Rouen beschlossen, daß sie Herrn Camy-Lamotte einen Besuch abstatten sollte, und zwar nicht im Ministerium, sondern in der Rue du Rocher, wo dessen eigenes Haus in der Nachbarschaft des Hotels Grandmorin zu finden war. Sie wußte, daß sie ihn um ein Uhr dort antreffen würde, deshalb beeilte sie sich nicht. Sie überlegte, was sie sagen wollte und was er wohl antworten würde, damit sie sich keine Blöße gab. Ein neuer Grund zur Unruhe hatte ihre Reise nach Paris übrigens beschleunigt: sie hatte durch das Geschwätz der Bahnhofsleute erfahren, daß Frau Lebleu und Philomène überall aussprengten, Roubaud würde von der Gesellschaft entlassen werden, weil er durch die Untersuchung sehr belastet wäre. Das Schlimme war, daß Herr Dabadie, als man ihn hierüber befragte, die Wahrheit dieses Gerüchtes nicht direct in Abrede gestellt hatte, was viel zu denken gab. Es war also höchste Zeit, nach Paris zu reisen, um persönlich für ihre Sache zu plaidiren und vor allen Dingen die Protection der mächtigen Persönlichkeit nachzusuchen, welche an Stelle des Präsidenten getreten war. Aber mit diesem Wunsch, der allenfalls den Besuch erklärlich machte, ging ein weit zwingenderer Beweggrund Hand in Hand, das nicht zu sättigende und nicht zu befriedigende Bedürfniß, alles wissen zu wollen, dasselbe, welches den Verbrecher antreibt, sich lieber auszuliefern, als im Zweifel zu bleiben. Die Ungewißheit tödtete sie; seit dem Augenblick, in welchem Jacques von der Verdächtigung eines zweiten Mörders gesprochen hatte, fühlten sie sich entdeckt. Sie marterten sich mit Conjuncturen, mit der Auffindung des Briefes, mit der Wiederaufnahme des Verfahrens. Sie warteten von Stunde zu Stunde auf eine Haussuchung oder Verhaftung. Ihre Marter stieg auf den Gipfel, als die einfachsten Thatsachen um sie herum ein so besorgnißerregendes Aussehen anzunehmen schienen. Aus diesem Grunde zogen sie die eventuelle Katastrophe diesem ewigen Alarmiren vor. Sie wollten Gewißheit und keine weiteren Leiden.

Séverine verzehrte ihre Cotelette so in Gedanken, daß sie sich ermunternd zuerst garnicht wußte, wie sie in dieses Restaurant gekommen war. Sie spürte einen bittern Geschmack im Munde, die Bissen rutschten nicht herunter und sie brachte es nicht einmal über das Herz, sich Kaffee geben zu lassen. Trotzdem sie langsam gespeist hatte, war es doch erst knapp ein Viertel nach zwölf Uhr, als sie das Restaurant verließ. Noch volle dreiviertel Stunden waren todtzuschlagen! Sie, die Paris so schwärmerisch liebte, die, so oft sie es konnte, mit erneutem Entzücken über das Pariser Pflaster lief, sie kam sich heute wie verloren, geängstigt vor. Sie konnte das Ende des Besuches nicht erwarten, am liebsten hätte sie sich irgendwo versteckt. Die Bürgersteige trockneten bereits ab, ein warmer Wind trieb die Wolken auseinander. Sie ging die Rue Tronchet hinab und stand plötzlich auf dem Blumenmarkt der Madeleine, einem jener Märzmärkte zu Ende des Winters, auf dem ein Blüthenmeer von Azaleen und Primeln wogt. Eine halbe Stunde lang wanderte sie in diesem vorzeitigen Frühling umher, unstäte Träume peinigten sie, sie schilderten ihr Jacques als einen Feind, den sie wehrlos zu machen haben würde. Ihr schien es, als hätte sie den Besuch in der Rue du Rocher hinter sich, als wäre nach dieser Richtung alles gut abgelaufen, als hätte sie nur noch das Schweigen dieses jungen Menschen zu erkaufen. Das war aber ein verwickeltes Unterfangen, für seine Lösung arbeitete ihr Köpfchen allerlei romantische Pläne aus. Dieses Träumen däuchte ihr ein angenehmes, nicht ermüdendes, keine Schrecken zeitigendes Wiegen der Gedanken. Plötzlich fuhr sie zusammen, ihr Blick suchte die Uhr in dem Kiosk: ein Uhr zehn Minuten. Der Besuch war noch nicht gemacht, die Angst vor der Wirklichkeit packte sie von Neuem, sie eilte nach der Rue du Rocher.

Das Hotel des Herrn Camy-Lamotte bildete gerade die Ecke dieser Straße und der Rue de Naples. Séverine mußte an dem stumm und öde, mit geschlossenen Fensterläden dastehenden Hotel Grandmorin vorüber. Sie erhob die Augen und beschleunigte ihre Schritte. Sie gedachte ihres letzten Besuches in diesem Hause und sah es groß und drohend vor sich stehen. Als sie einige Schritte weiter war, sah sie sich instinctiv um, wie Jemand, der eine laute Stimme aus der ihn verfolgenden Menge vernimmt und bemerkte auf dem gegenüber gelegenen Bürgersteig Herrn Denizet, den Untersuchungsrichter aus Rouen, der dieselbe Richtung wie sie verfolgte. Sie blieb betroffen zurück. Hatte er sie bemerkt, als er zum Hause des Präsidenten hinüberblickte? Er ging aber gelassen weiter, sie lieh ihn voraus schreiten und folgte ihm höchst beklommen. Und wie ein Stich ging es ihr durch das Herz, als sie ihn an der Ecke der Rue de Naples die Glocke am Hause des Herrn Camy-Lamotte ziehen sah.

Der Schreck übermannte sie. Jetzt einzutreten hätte sie nie gewagt. Sie machte Kehrt und wanderte beschleunigten Schrittes durch die Rue d'Edinbourg bis zum Pont de l'Europe. Dort erst fühlte sie sich geborgen. Sie wußte nicht mehr, wohin gehen, was thun. Starr und unbeweglich lehnte sie gegen die Balustrade und sah hernieder auf das metallene Gerippe des mächtigen Bahnhofsfeldes, über das unaufhörlich die Züge rollten. Sie folgte ihnen mit ihren verschleierten Blicken, aber ihre Gedanken weilten im Hause des Herrn Camy-Lamotte. Sie fühlte, daß der Richter in ihrer Sache bei ihm war, daß die beiden Männer von ihr sprachen und sich in diesem Augenblick vielleicht ihr Schicksal entschied. In ihrer verzweiflungsvollen Stimmung kam ihr der Gedanke, sich lieber vor die Maschine eines Zuges zu werfen, als nach der Rue du Rocher zurückzukehren. Gerade verließ einer die Halle für den Fernverkehr. Sie sah ihn kommen und zu ihren Füßen verschwinden, während ein Wirbel lauen, weißen Dampfes ihr Gesicht anhauchte. Der Gedanke, daß sie die Reise umsonst gemacht haben, an die furchtbare Angst, die sie heimbringen würde, falls sie nicht mehr die Kraft hätte, sich Gewißheit zu verschaffen, stellte sich so lebhaft ihrem Geiste vor, daß sie sich selbst noch weitere fünf Minuten bestimmte, um ihren Muth wiederzufinden. Lokomotiven pfiffen, besonders eine kleine, welche das Ausrangiren eines Ringbahnzuges besorgte. Ihr Blick hatte sich nach links gewandt und erkannte hoch oben über dem Gepäckexpeditionshof das Haus in der Sackgasse der Rue d'Amsterdam, und in diesem Hause das Fenster des Zimmers der Mutter Victoire, dieses Fenster, an welchem sie sich noch hinter ihrem Manne stehen sah vor jenem abscheulichen Auftritte, mit dem ihr Unglück begonnen hatte. Diese Erinnerung rief das Gefährliche ihrer Lage durch ein so spitziges Gefühl des Leidens wieder in ihr wach, daß sie sich entschlossen fühlte, Allem in's Auge zu sehen, blos um damit zu Ende zu kommen. Das Getute der Signalhörner, das ununterbrochene Rasseln betäubten sie. Dichte Rauchwolken versperrten den Horizont und bedeckten den großen klaren Himmel über Paris. Sie trat von Neuem den Weg nach der Rue du Rocher an, mit dem Gefühl, als wollte sie einen Selbstmord begehen; sie beschleunigte ihre Schritte in der jähen Furcht, vielleicht dort Niemand mehr anzutreffen.

Als Séverine die Hausglocke zog, überlief es sie abermals eisig. Doch schon bat ein Diener sie in das Vorzimmer und fragte, wen er melden dürfte. Beim geräuschlosen Oeffnen der Thürflügel hörte sie die lebhafte Unterhaltung zweier Stimmen. Dann herrschte wieder tiefes, durch nichts gestörtes Schweigen um sie her. Sie unterschied nur das dumpfe Pochen ihrer Schläfen, sie redete sich ein, daß der Richter noch konferirte und man sie wahrscheinlich schon längst erwartet hatte. Dieses Warten schien ihr unerträglich. Plötzlich hörte sie den Diener ihren Namen nennen. Er geleitete sie in das Kabinet. Jedenfalls war der Richter noch da, sie vermuthete ihn hinter einer Thür verborgen.

Dunkle Möbel, ein dicker Teppich, schwere, so dicht geschlossene Vorhänge, daß von draußen kein Ton hereindringen konnte, schmückten das ernst aussehende große Arbeitszimmer. Trotzdem sah man in einem Broncegefäß herrliche Rosen blühen, ein Zeugniß dafür, daß sich hinter dieser würdigen Strenge eine Anmuth und Freude an der Heiterkeit des Lebens verbarg. Der Herr des Hauses stand aufrecht hinter seinem Schreibtische. In seinem correct zugeknöpften Gehrocke und mit seinem feinen Gesicht, das seine schon ergrauenden Haare größer erscheinen ließen, als es war, sah er zwar streng, aber auch vornehm elegant und behäbig aus, wie einer jener alten Beaus von Distinction, unter deren offizieller Haltung man stets ein gutmüthiges Lächeln spürt. In dem im Gemache herrschenden Halbdunkel sah er sehr erhaben aus.

Séverine fühlte beim Eintritt, wie die laue dumpfe Luft dieses Zimmers sich schwer auf ihre Brust legte. Sie erblickte nur Herrn Camy-Lamotte, der ihrer Annäherung gespannt entgegensah. Er machte keine zum Sitzen einladende Bewegung, keine Anstalt zuerst zu reden; er wartete, bis sie von der Ursache ihres Besuches sprechen würde. Dadurch entstand ein längeres Schweigen. Séverine verspürte aber plötzlich die Wirkung einer sich in ihrem Innern vollziehenden heftigen Reaction und wieder Herrin ihrer selbst sprach sie ruhig, sehr vorsichtig und sehr klug.

»Sie entschuldigen, mein Herr, daß ich es wage, mich in Ihr Gedächtniß zurückzurufen. Sie kennen den unersetzlichen Verlust, den ich erlitten habe und in meiner Verlassenheit habe ich mich erkühnt, mich an Sie mit der Bitte zu wenden, unser Vertheidiger zu sein und unser Beschützer an Stelle Ihres von mir so bedauerten Freundes.«

Herr Camy-Lamotte mußte ihr jetzt wohl oder übel einen Stuhl anbieten –er that es mit einer Handbewegung –denn was sie sagte, war tadellos gesprochen, der Kummer ebenso wie die Demuth darin genau abgewägt, wie eben nur die unnachahmliche Kunst weiblicher Heuchelei es fertig bekommt. Aber er sprach noch immer nicht. Auch er hatte abwartend sich gesetzt. Sie fuhr daher fort in der richtigen Empfindung, daß sie deutlicher werden müsse.

»Gestatten Sie, daß ich Ihre Erinnerungen etwas unterstütze. Ich hatte die Ehre, Sie seiner Zeit in Doinville zu sehen. Ach, das waren noch glückliche Tage für mich! ... Jetzt ist eine schlechte Zeit für mich angebrochen und ich habe keinen weiteren Rückhalt als Sie, verehrter Herr. Ich flehe Sie deshalb an im Namen dessen, den wir verloren haben, führen Sie, da Sie ihn geliebt haben, das von ihm begonnene gute Werk weiter!«

Er hörte ihr zu, er sah sie an und sein Verdacht war fort. Er fand sie in ihrer Trauer und ihrem Flehen so natürlich und reizend. Das von ihm unter den Papieren Grandmorin's aufgefundene Billet mit den beiden nicht unterschriebenen Zeilen konnte nach seiner Meinung nur von ihr herrühren, deren dem Präsidenten erwiesene Gefälligkeiten er kannte. Und jetzt hatte die bloße Ankündigung ihres Besuches ihn bereits zu bekehren vermocht. Er hatte seine Unterredung mit dem Richter lediglich unterbrochen, um sich Gewißheit zu verschaffen. Aber konnte er sie wirklich für schuldig halten, sie, die er so sanft und friedfertig vor sich sitzen sah? Er wollte jedenfalls ein klares Bild haben und unter voller Bewahrung seiner strengen Würde fragte er:

»Erklären Sie sich näher, Frau Roubaud ... Ich erinnere mich Ihrer ganz genau. Es soll mich freuen. Ihnen nützlich sein zu können, wenn dem nichts im Wege steht.«

Séverine erzählte nun sehr bedächtig, wie es kam, daß ihrem Gatten eine Entlassung drohe. Man beneide ihn vielfach wegen seiner Verdienste und der hohen Protection, die er bis jetzt genossen hatte. Jetzt glaube man ihn schutzlos, man hoffe zu siegen und mache daher alle Anstrengungen, ihn zu stürzen. Sie nannte im Uebrigen keinen Namen. Sie sprach in abgemessenen Sätzen trotz der über ihrem Haupte schwebenden Gefahr, sie hätte sich zu der Reise nach Paris schnell entschlossen, weil nach ihrer Ueberzeugung keine Zeit mehr zu verlieren wäre. Morgen wäre es vielleicht schon zu spät gewesen, sie bäte ihn deshalb um schleunige Hilfe und Unterstützung. Alles das brachte sie mit einer so großen Fülle von logischen Facten und guten Gründen vor, daß man ihr in der That keine andre Absicht bei ihrem Besuch zu unterschieben vermochte.

Herr Camy-Lamotte sondirte sie bis in die kleinsten unmerklichen Regungen ihrer Mundwinkel. Er war es, der dann den ersten Hieb führte.

»Aber warum will die Gesellschaft Ihren Mann verabschieden? Ich denke, sie hat ihm nichts Bedenkliches vorzuwerfen?«

Auch sie wandte kein Auge von ihm, sie spürte die feinsten Falten seines Gesichtes aus, um sich klar zu werden, ob er im Besitz ihres Briefes sei. Trotz des unschuldigen Aussehens seiner Frage war sie sofort überzeugt, daß er den Brief dort, in seinem Schreibtische verborgen halte; sie merkte die Falle, die man ihr stellte, daß er hören wollte, ob sie sich scheuen würde, von den wahren Gründen der Entlassung zu sprechen. Er hatte übrigens den Ton viel zu sehr zugespitzt, als daß man seine wahre Absicht nicht hätte merken können, und bis in das Innerste ihrer Seele spürte sie die ausgeblaßten Augen dieses arbeitsmüden Mannes dringen. Aber sie marschirte tapfer in die Gefahr hinein.

»Mein Gott, verehrter Herr, es ist geradezu ungeheuerlich! Man hat uns im Verdacht, dieses unglückseligen Testamentes wegen unsern Wohlthäter getödtet zu haben! Wir haben unsere Unschuld ohne große Mühe nachgewiesen, aber etwas bleibt von solchen abscheulichen Verleumdungen stets zurück und die Gesellschaft fürchtet wahrscheinlich einen Scandal.«

Er war abermals überrascht und betroffen von diesem Freimuth, namentlich von der Aufrichtigkeit des Accents. Im Uebrigen hatte sein prüfendes Auge gleich bei ihrem Eintritt genau gesehen, er fand ihre Gestalt von Mittelgröße, die gefällige Unterwürfigkeit in dem Blick ihrer blauen Augen unter dem Willenskraft bezeugenden schwarzen Haare äußerst verführerisch. Er dachte an seinen Freund Grandmorin mit eifersüchtiger Bewunderung: wie hatte es dieser verteufelte Mensch, der doch zehn Jahre älter gewesen als er selbst, nur fertig bekommen, bis zu seinem Tode solche Geschöpfe zu erobern, in einem Alter, in welchem er eigentlich auf solch ein Spielzeug schon hätte Verzicht leisten müssen, wollte er nicht das letzte Mark sich aus den Knochen saugen lassen. Sie war in der That charmant. Das Lächeln des jetzt übrigens uninteressirten Liebhabers von solchen Dingen drang durch die vornehme Kälte seiner Beamtenmiene. Man merkte sein Bedauern, eine so ärgerliche Sache auf dem Halse zu haben.

Jetzt aber machte Séverine einen Fehler. Sie fühlte, daß sie Oberwasser hatte und im Gefühl ihres Sieges sagte sie:

»Leute wie wir morden nicht des Geldes wegen. Uns hätte ein andrer Beweggrund leiten müssen, und ein solcher war eben nicht vorhanden.«

Er sah sie an und sah wie ihre Mundmuskeln zuckten. Also sie war es doch gewesen, seine Gewißheit war von jetzt ab nicht mehr zu erschüttern. Und auch sie erkannte, daß sie sich ihm ausgeliefert habe an dem nervösen Zucken in ihrem Kinn, an dem Verschwinden seines Lächelns. Fast wurde sie ohnmächtig, sie fühlte, wie ihr ganzes Wesen dahinschwand. Trotzdem blieb sie aufrecht auf dem Stuhle sitzen, sie hörte ihn in demselben Tone wie vorher das sagen, was er zu sagen hatte. Die Unterhaltung nahm ihren Fortgang, aber Beide konnten aus ihr nichts weiter lernen als sie schon wußten. Mit gleichgültigen Worten sagten sie sich nur noch Dinge, die sie sich eigentlich garnicht erzählen wollten. Er hatte den Brief und sie hatte ihn geschrieben. Das las man selbst aus ihrem Schweigen heraus.

»Frau Roubaud,« sagte er endlich, »ich will mich bei der Gesellschaft für Sie verwenden, wenn Sie in der That der Theilnahme werth sind. Ich erwarte gerade heute Abend den Betriebsdirector in einer anderen Angelegenheit ... Ich bedarf aber einiger Notizen. Bitte, schreiben Sie mir doch Ihren Namen, die dienstliche Stellung Ihres Mannes und sonst noch auf, was mir sofort die ganze Angelegenheit in die Erinnerung rufen kann.«

Er rückte ein kleines Tischchen an sie heran und wandte seine Blicke ab, um sie nicht zu sehr in Furcht zu setzen. Sie hatte gebebt: er wollte ihre Handschrift haben, um sie mit der des Billets zu vergleichen. Sie suchte zunächst vergeblich nach einer Ausflucht, sie war entschlossen nicht zu schreiben. Dann aber überlegte sie: schlimmer konnte es nicht werden, wenn sie schrieb, da er doch bereits alles wußte; ihre Handschrift würde irgendwo doch zu finden sein. Ohne offenbare Verwirrung, mit der natürlichsten Miene von der Welt schrieb sie nieder, was er verlangte, er dagegen stellte sich hinter sie und erkannte sofort die Handschrift des Billets wieder, deren Buchstaben hier nur etwas höher und fester aussahen. Er fand, daß diese kleine, schwächliche Frau sehr tapfer sei. Er lächelte abermals hinter ihrem Rücken, so daß sie es nicht sehen konnte, mit der Miene eines Mannes, der ein Vergnügen an ihren Reizen, ihrer vor ihm gespielten Sorglosigkeit empfand. Im Uebrigen macht nichts so müde als gerecht zu sein. Er wachte lediglich über das Decorum des Regimes, dem er diente:

»Geben Sie mir das, Frau Roubaud, ich werde mich erkundigen und mich, so gut es geht, für Sie verwenden.«

»Ich werde Ihnen sehr dankbar sein, mein Herr ... Jetzt, nun Sie das Verbleiben meines Mannes im Amte durchsetzen wollen, kann ich meine Angelegenheit wohl als erledigt betrachten?« »O bitte, nein, ich verpflichte mich zu nichts ... Ich muß sehen, muß überlegen.«

Er zögerte wirklich, er wußte noch nicht, wie er jetzt, nun er das Ehepaar schuldig wußte, verfahren sollte. Das warf ihre Angst, seit sie sich von seiner Gnade abhängig wußte: sein Zögern, der Zweifel, ob sie durch ihn gerettet oder von ihm in's Verderben gestürzt werden würde, ohne die Gründe durchschauen zu können, die schließlich den Ausschlag geben mußten, mußte beseitigt werden.

»O berücksichtigen Sie unsren Verdruß. Lassen Sie mich nicht ohne einen endgiltigen Bescheid gehen.«

»Mein Gott, Frau Roubaud, ich vermag im Augenblick nichts. Warten Sie ab.«

Er drängte sie zur Thür. Sie ging, Verzweiflung im Herzen und war nahe daran, alles zu bekennen, unter dem unabweisbaren Zwange, ihn rund heraus reden zu machen, was er mit ihnen zu thun beabsichtige. Um nur noch eine Minute Zeit zu gewinnen und in der Hoffnung, es würde ihr noch etwas einfallen, fragte sie:

»Ich vergaß, ich wollte Sie noch betreffs des unglückseligen Testaments etwas fragen ... Sind Sie der Meinung, daß wir das Legat nicht antreten sollen?«

»Das Gesetz schützt Sie,« sagte er klug ausweichend. »Das ist eine Sache des eigenen Ermessens und der Umstände.«

Schon auf der Schwelle stehend, machte sie noch einen letzten Versuch.

»Ich flehe Sie an, lassen Sie mich nicht so abreisen, sagen Sie mir, ob ich hoffen darf?«

Sie hatte im Gefühl grenzenloser Verlassenheit seine Hand ergriffen. Er entzog sie ihr. Aber sie blickte ihn mit ihren schönen, so glühend bittenden Augen an, daß sein Herz schmolz.

»Gut, kommen Sie um fünf Uhr wieder, vielleicht kann ich Ihnen dann etwas sagen.«

Sie ging und verließ das Hotel noch mehr geängstigt, als zuvor. Die Situation hatte sich zugespitzt, ihr Schicksal blieb in der Schwebe, vielleicht drohte ihr eine sofortige Verhaftung. Wie das Leben ertragen bis fünf Uhr? Der Gedanke an Jacques, den sie ganz vergessen, drängte sich mit einem Male ihr wieder auf: das war auch Einer der sie verderben konnte, wenn man sie verhaftete. Obwohl es erst ein Viertel nach zwei war, beeilte sie sich doch, die Rue du Rocher hinauf nach der Rue Cardinet zu kommen.

Herr Camy-Lamotte war sinnend an seinem Schreibtische stehen geblieben. Als Vertrauter der Tuilerien, wohin er in seiner Stellung als Generalsecretär des Justizministeriums fast täglich entboten wurde, ebenso mächtig als der Minister selbst und zu den intimsten Geschäften herangezogen, wußte er, wie sehr die Sache Grandmorin an hoher Stelle irritirte und beunruhigte. Die Organe der Opposition führten die lärmende Campagne weiter, die einen warfen der Polizei vor, von der politischen Abtheilung so in Anspruch genommen zu sein, daß sie keine Zeit übrig hätte zu der Verfolgung von Mördern, die anderen durchwühlten das Privatleben des Präsidenten und gaben zu verstehen, daß er auch zum Hofe gehörte, an dem die Gemeinheit zu Hause wäre. Dieser Feldzug wurde um so verderbenbringender, je näher die Wahlen heranrückten. Man hatte deshalb dem Generalsecretär den Wunsch nahegelegt, daß man mit der Sache, gleichviel wie, zu Rande kommen möge. Der Minister hatte sich die bedenkliche Angelegenheit vom Halse gewälzt, Herr Camy-Lamotte war also der unumschränkte und einzig verantwortliche Herr über die Entscheidung: er mußte genau prüfen, denn er war sich klar, daß er für alle Anderen mit zu büßen haben würde, falls er sich ungeschickt zeigen sollte.

Noch nachdenklich öffnete Herr Camy-Lamotte die Thür zum nächsten Zimmer, in welchem Herr Denizet wartete. Dieser hatte natürlich gehorcht.

»Ich sagte es Ihnen gleich,« sagte er schon beim Hereintreten, »man verdächtigt diese Leute mit Unrecht ... Die Frau denkt ersichtlich nur daran, ihren Mann vor der möglichen Entlassung zu bewahren. Sie hat kein einziges verdächtiges Wort gesprochen.«

Der Generalsecretär antwortete nicht sofort. In Gedanken verloren ließ er seine Blicke auf dem Richter ruhen, dessen grobe Züge und seine Lippen ihn fesselten. Er dachte gerade an diese Kategorie von niederen Beamten, deren Wohl in seiner Hand, als der ihres geheimen Chefs lag, und er war betroffen, daß sie noch trotz ihrer Armseligkeit so ehrlich, so intelligent trotz ihrer maschinellen Thätigkeit war. Doch dieser mit seinen von dicken Lidern beschatteten Augen war wirklich der feine Kopf, der zu sein er sich einbildete. Mit zäher Leidenschaftlichkeit hielt er an seiner Wahrheit fest.

»Sie bleiben also dabei,« fragte Herr Camy-Lamotte, »in diesem Cabuche den Thäter zu sehen?«

»Aber gewiß,« antwortete Herr Denizet sehr erstaunt. »Nichts könnte ihn entlasten. Ich habe Ihnen die Indizien aufgezählt, die, ich wage es zu sagen, geradezu klassische sind, kaum daß eines fehlt ... Ich habe genau untersucht, ob er nicht doch einen Mitschuldigen, eine Frau vielleicht, in dem Koupee gehabt hat, wie Sie mir zu verstehen gaben. Das schien auch mit der Angabe eines Maschinenführers zu stimmen, der die Scene des Todtschlages gesehen haben will: aber geschickt von mir ausgefragt konnte der Mann nicht bei seiner ersten Aussage bleiben, er hat selbst zugegeben, daß die schwarze Masse, von der er gesprochen, eine Reisedecke gewesen sein muß ... Ja, Cabuche ist zweifellos der Thäter, wenn wir ihn nicht hätten, hätten wir überhaupt keinen.«

Bisher hatte der Generalsecretär von dem in seinem Besitz befindlichen schriftlichen Beweisstück nichts erwähnt, jetzt, da seine eigene Ueberzeugung feststand, beeilte er sich umsoweniger, dem Richter mit der Wahrheit zu kommen. Wozu den Gang der Untersuchung von der falschen Fährte abbringen, wenn die wahre Spur noch zu größeren Verlegenheiten führen konnte? Das war noch sehr zu überlegen.

»Mein Gott,« meinte er mit dem Lächeln eines müden Mannes, »ich will gern zugeben, daß Sie recht haben. Ich habe Sie nur hierher gebeten, um mit Ihnen gewisse gravirende Punkte zu besprechen. Die ganze Angelegenheit ist eine so außergewöhnliche, ja sogar politische geworden, –wie Sie wissen werden. Wir werden vielleicht gezwungen werden, als Männer der Regierung zu verfahren ... Sie glauben, ehrlich gesagt, aus Ihrem Verhör erkannt zu haben, daß dieses Mädchen, das Verhältniß dieses Cabuche, vergewaltigt worden ist?«

Der Richter spitzte die seinen Lippen, während seine Augen halb hinter den Lidern verschwanden.

»Ja, ich glaube, daß der Präsident sie böse zugerichtet hat, der Prozeß wird es zweifellos erhellen ... Wenn die Vertheidigung einem Advocaten der Opposition anvertraut wird, können wir uns auf einen ganzen Strauß von Scandalgeschichten gefaßt machen, leider kommt so etwas in unserem Lande immer vor.«

Dieser Denizet war in der That kein Dummkopf, nur war er seiner Geschäftspraxis sklavisch ergeben und thronte dort in der absoluten Majestät seiner Umsicht und Allmacht. Er hatte begriffen, warum man ihn in die Privatwohnung des Generalsecretärs und nicht in das Justizministerium entboten hatte.

»Wir werden,« betonte er nochmals, als er Herrn Camy-Lamotte nicht reagiren sah, »eine sehr unsaubere Geschichte zu hören bekommen.«

Dieser begnügte sich mit einem Achselzucken als Antwort, er erwog gerade die Resultate des anderen Prozesses, des der Roubaud. Wenn der Gatte vor den Schranken erschien, verschwieg er sicher nichts; er würde erzählen, daß seine Frau schon als Mädchen entehrt worden sei, daß der Präsident den Ehebruch herbeigeführt und daß seine eifersüchtige Wuth ihn zum Morde getrieben habe. Abgesehen davon handelte es sich dann nicht mehr um eine Dienstmagd und einen schon vorbestraften Mann, sondern um einen, an eine hübsche junge Frau verheiratheten Beamten; zu der Verhandlung würde ein gewisser Theil der bürgerlichen Kreise und die ganze Eisenbahnwelt herangezogen werden müssen. Wie konnte man angesichts des vom Präsidenten geführten Lebenswandels im Voraus wissen, zu was die Verhandlung noch führen würde? Vielleicht gerieth man in nicht abzusehende Greuel. Nein, die Sache Roubaud, die der wirklich Schuldigen, war zweifellos noch viel schmutziger als die andre. Er war mit sich einig, sie fallen zu lassen. Wollte man durchaus einen Prozeß, so war er geneigt, der Gerechtigkeit betreffs des unschuldigen Cabuche freien Lauf zu lassen.

»Ich stimme Ihrem System bei,« sagte er endlich zu Herrn Denizet. »Der Kärrner, der eine gerechte Rache auszuüben glaubte, scheint in der That schwer belastet ... Aber alles das ist so unsäglich traurig und was für ein Schmutz muß erst aufgerührt werden ... Ich weiß wohl, daß die Gerechtigkeit keine Rücksicht auf die Folgen nehmen darf und über den Interessen stehen muß ...«

Er vollendete den Satz nicht, sondern schloß mit einer Handbewegung, während der Richter mit stumpfsinnigem Gesicht auf die Befehle wartete, die er kommen fühlte. Von dem Augenblick an, in welchem man seine Wahrheit acceptirte, dieses Geschöpf seiner Klugheit, war er geneigt, den gouvernementalen Interessen seine Ansicht von Gerechtigkeit zum Opfer zu bringen. Der Secretär hatte es diesmal trotz seiner angeborenen Geschicklichkeit zu solchen Transactionen merkwürdig eilig, er sprach zu schnell als absoluter Herr.

»Man wünscht mit einem Wort ein non licet ... Ordnen Sie die Sache, damit sie klassificirt werden kann.«

»Verzeihung,« entgegnete Herr Denizet, »ich bin nicht mehr Herr über die Sache, mein Gewissen kommt dabei in Frage.«

Herr Camy-Lamotte lächelte, er zeigte sofort wieder seine correcte Haltung und seine höfliche, überlegene Miene, die der ganzen Welt zu spotten schien.

»Gewiß. Ich wende mich deshalb auch an Ihr Gewissen. Ich überlasse es Ihrem Gewissen, die richtige Entscheidung zu treffen. Ich bin überzeugt, daß Sie das Für und Gegen genau abwägen werden, damit die gesunde Doctrin und die öffentliche Moral den Sieg erhält ... Sie wissen, besser wie ich, daß man mitunter lieber heldenhaft ein Uebel leidet, nur um nicht in ein schlimmeres zu gerathen. Man appellirt im Uebrigen an Sie als den guten Bürger und den ehrenhaften Mann. Niemand denkt daran, Ihrer Unabhängigkeit zu nahe zu treten. Deshalb wiederhole ich, Sie sind der absolute Herr in dieser Sache, wie es das Gesetz auch gewollt hat.«

Stolz auf diese unumschränkte Vollmacht, um so mehr, als er davon einen schlechten Gebrauch zu machen im Begriff stand, nahm der Richter jede dieser Phrasen mit einem Kopfnicken der Befriedigung entgegen.

»Uebrigens,« fuhr der Andere mit verdoppelter Huld fort, deren Übertreibung fast zur Satire wurde, »wissen wir, an wen wir uns wenden. Wir haben Ihre Thätigkeit schon seit langer Zeit beobachtet. Ich freue mich deshalb. Ihnen mittheilen zu können, daß Sie für die zunächst in Paris frei werdende Stelle in Aussicht genommen sind.«

Herr Denizet konnte eine Bewegung der Enttäuschung nicht unterdrücken. Wie? Man wollte den von ihm verlangten Dienst erst später durch die Erfüllung seines ehrgeizigen Traumes, nach Paris versetzt zu werden, vergelten? Herr Camy-Lamotte hatte begriffen und beeilte sich fortzufahren:

»Ihre Stellung hier ist vorgesehen, es ist nur noch eine Frage der Zeit. Da ich nun schon einmal indiscret geworden bin, so schätze ich mich glücklich. Ihnen mittheilen zu können, daß Sie für das Kreuz zum 15. August notirt sind.«

Eine Sekunde überlegte der Richter. Er hatte das Avancement vorgezogen, denn er rechnete aus, daß sein monatliches Einkommen dann um ungefähr hundertundsiebzig Franken stieg, das war gleichbedeutend mit einem Wohlleben seiner jetzigen, dezenten Armuth gegenüber. Er konnte seine Garderobe in einen besseren Zustand versetzen und seine dürre Melanie besser ausfüttern. Aber auch das Kreuz war so unübel nicht; im Uebrigen hatte er ja das Versprechen in der Hand. Und er, der sich nicht verkauft haben würde, der vollgesogen war mit den Anschauungen des ehrbaren mittleren Beamtenstandes, er gab auf die bloße Hoffnung und das Versprechen hin, von oben herab begünstigt zu meiden, sofort klein bei. Das Geschäft des Richters war eben ein Metier wie jedes andere auch. Auch er schleppte als ausgehungerter Sachwalter die Sträflingskugel am Bein herum und war jederzeit bereit, seinen Rücken vor den Befehlen der Obrigkeit zu beugen.

»Ich bin sehr gerührt,« murmelte er, »ich bitte Sie, dem Herrn Minister meinen Dank auszusprechen.«

Er hatte sich erhoben, er fühlte, daß alles, was sie sich noch zu sagen hatten, jeden von ihnen geniren würde.

»Ich werde also,« so schloß er mit stumpfsinnig blickenden Augen und theilnahmslosem Gesicht, »meine Untersuchung zu Ende führen und Ihre Bedenken berücksichtigen. Da wir absolute Beweise gegen Cabuche noch nicht besitzen, so wird es wohl das Beste sein, nicht den unnützigen Skandal eines Prozesses zu riskiren. Ich werde ihn laufen und weiter überwachen lassen.«

Der Generalsecretär war auch auf der Schwelle des Zimmers noch der liebenswürdigste Mann von der Welt.

»Wir verlassen uns vollständig auf Ihr großes Tactgefühl und Ihre große Ehrenhaftigkeit, Herr Denizet.«

Als sich Herr Camy-Lamotte allein befand, verglich er aus reiner Neugier das Geschreibsel von Séverine mit dem ununterschriebenen Billet, das er unter den Papieren des Präsidenten Grandmorin gefunden hatte. Die Aehnlichkeit sprang sofort in die Augen. Er faltete das Papier und verschloß es sorgfältig. Er hatte dem Untersuchungsrichter kein Wort davon gesagt, eine solche Waffe mußte gut gehütet werden. Und als das Profil dieser kleinen, in ihrer nervösen Abwehr so behenden und so tapferen jungen Frau vor seiner Erinnerung stand, zuckte er nachsichtig und spöttisch mit den Achseln. Ach, wenn diese lieben Geschöpfe nur wollen!

Séverine war um drei Uhr weniger zwanzig Minuten die erste beim Rendez-vous mit Jacques in der Rue Cardinet. Er wohnte hier hoch oben in einem Hause in einem schmalen Kämmerchen, das er höchstens des Abends zum Schlafen aufsuchte. Zwei Nächte in der Woche schlief er überhaupt nicht zu Hause, sondern in Havre in der Zeit zwischen dem Eilzug des Abends und dem des Morgens. Aber an diesem Tage hatte er doch, bis auf die Knochen durchnäßt und vor Müdigkeit wie gebrochen sein Zimmer aufgesucht und sich auf das Bett geworfen. Séverine würde deshalb wahrscheinlich vergeblich auf ihn gewartet haben, hätte ihn nicht der Zank eines benachbarten Ehepaares, das Heulen einer von ihrem Manne geprügelten Frau geweckt. Er rasirte sich. Als er aus dem Fenster seiner Mansardenstube blickte, erkannte er sie unten auf dem Bürgersteig. Seine Laune wurde durch ihren Anblick keine bessere.

»Da sind Sie endlich!« rief sie, als sie ihn aus dem Einfahrtsthor treten sah. »Ich fürchtete schon, mich verhört zu haben ... Sie hatten mir doch gesagt an der Ecke der Rue Saussure ...«

Ohne seine Antwort abzuwarten, fragte sie, die Augen auf das Haus gerichtet:

»Also hier wohnen Sie!«

Er hatte ihr, ohne es ihr weiter zu sagen, als Stelldichein sein Haus bezeichnet, weil das Depot, das sie gemeinsam aufsuchen wollten, sich fast gegenüber befand. Aber ihre Frage war ihm unbequem, er bildete sich ein, sie könnte die gute Kameradschaft soweit treiben, auch sein Zimmer sehen zu wollen. Dieses war aber so dürftig möblirt und so in Unordnung, daß er sich schämte.

»O ich wohne hier nicht, ich schlafe hier nur,« antwortete er. »Wir wollen uns beeilen, ich fürchte, der Chef wird schon fort sein!«

Richtig, als sie vor dem kleinen Hause desselben innerhalb der Bahnhofsmauer hinter dem Depot standen, fanden sie ihn nicht mehr. Vergebens suchten sie ihn von Schuppen zu Schuppen; überall sagte man ihnen, er würde um halb fünf zurückkommen; sie würden ihn dann gewiß in den Reparaturwerkstätten treffen.

»Gut, so werden wir wiederkommen,« erklärte Séverine.

Als sie wieder draußen und mit Jacques allein war, meinte sie:

»Vorausgesetzt, daß Sie frei sind, haben Sie wohl nichts dagegen, wenn ich Ihnen Gesellschaft leiste?«

Er konnte nicht nein sagen, im übrigen übte sie, trotz der betäubenden Unruhe, die er in ihrer Nähe fühlte, auf ihn einen immer stärkeren Reiz aus, so daß das freiwillige Maulen, das er sich vorgenommen hatte, vor ihren sanften Blicken sofort entschwand. Die dort mit ihrem zarten, schlanken und geschmeidigen Körper mußte nach seiner Meinung lieben wie ein treuer Hund, den zu schlagen man auch nie den Muth hat.

»Natürlich, ich bleibe bei Ihnen,« erwiderte er noch etwas schroff. »Wir haben aber höchstens eine Stunde Zeit ... Wollen wir in ein Café gehen?«

Sie lächelte ihn an und freute sich, ihn endlich etwas aufthauen zu sehen.

»O nein,« rief sie lebhaft aus, »ich will mich nicht einschließen ... Ich ziehe es vor, an Ihrem Arm durch die Straßen oder sonst wohin zu wandern.«

Sie nahm ohne Weiteres seinen Arm. Jetzt, ohne den Schmutz der Fahrt, fand sie ihn sehr nett mit seiner Miene eines beurlaubten Beamten, seinem bürgerlichen Aussehen, das er mit einer Art stolzer Freiheit, wie jeder, der an das Leben unter dem freien Himmel und voll täglich zu bestehender Gefahren gewöhnt ist, zur Schau trug. Es war ihr noch nie zuvor so aufgefallen, daß er mit seinem runden, regelmäßigen Gesicht, seinem dunklen Schnurrbart auf der weißen Haut ein hübscher Mensch war, nur seine unstäten, mit goldenen Punkten gesprenkelten Augen, die sie anzublicken vermieden, beunruhigten sie nach wie vor. Warum hütete er sich, ihr in das Gesicht zu blicken, wollte er sich selbst ihr gegenüber zu nichts verpflichten und Herr seiner Handlungsweise bleiben? Von diesem Augenblick an, während sie die Ungewißheit noch peinigte und sie jedesmal mit Schaudern an das Kabinet in der Rue du Rocher denken mußte, wo sich jetzt ihr Schicksal entschied, kannte sie nur ein Ziel, diesen Mann, der ihr den Arm gab, ganz zu ihrem Sklaven zu machen und durchzusetzen, daß, wenn sie den Kopf zu ihm erhob, er seine Augen tief in die ihrigen senken mußte. Dann erst gehörte er ihr. Sie liebte ihn nicht, sie dachte nicht einmal an so etwas. Sie bemühte sich nur, ihn sich unterthänig zu machen, um ihn nicht mehr fürchten zu müssen.

Sie spazierten durch die in diesem bevölkerten Stadtviertel unaufhörliche Fluth von Menschen einige Minuten ohne zu sprechen. Oftmals sahen sie sich genöthigt, vom Bürgersteig herunterzutreten und zwischen Wagen hindurch den Damm zu überschreiten. Bald darauf standen sie vor dem Park von les Batignolles, der um diese Jahreszeit fast verödet ist. Der von den Regengüssen am Morgen reingewaschene Himmel strahlte jetzt in sanftem Blau und unter den warmen Strahlen der Märzsonne schlugen bereits die Lilien aus.

»Gehen wir hinein?« fragte Séverine, »das Gewühl betäubt mich.«

Jacques wollte auch aus eigenem Antriebe in den Park, er fühlte das Bedürfniß, sie mehr für sich allein zu haben.

»Hier oder anderswo,« meinte er. »Treten wir näher.«

Langsam wandelten sie unter den blätterlosen Bäumen an den Beeten entlang. Einige Frauen trugen ihre Wickelkinder in die Luft und Passanten eilten schnellen Schrittes, um Zeit zu sparen, durch den Park. Sie kamen an den Bach, wanderten zwischen den Felsen umher und schlenderten müßig zurück, bis sie bei einem Boskett von Tannen anlangten, deren dunkles Grün ihrer unvergänglichen Blätter in der Sonne glänzte. Hier in diesem abgeschlossenen Winkel, stand, den Blicken verborgen, eine Bank. Sie setzten sich, diesmal ohne zu sprechen, es war, als hätte sie der gleiche Wunsch an diese Stelle geführt.

»Es ist doch noch schön geworden,« sagte sie endlich nach längerer Pause.

»Ja,« erwiderte er, »die Sonne scheint wieder.«

Aber Beider Gedanken weilten nicht bei ihren Worten. Er, der die Frauen floh, gedachte der Ereignisse, die ihn ihr nähergebracht hatten. Hier saß sie, sie streifte ihn, sie drohte seine Existenz aus dem Gleichgewicht zu bringen und das alles überraschte ihn ungemein. Seit dem letzten Verhör in Rouen zweifelte er nicht mehr daran, daß diese Frau an dem Morde von la Croix-de-Maufras betheiligt war. Warum aber? Aus welcher Veranlassung? Unter welchen Umständen? Durch ihre Leidenschaft oder aus welchem Interesse sonst dazu getrieben? Diese Fragen hatte er sich schon wiederholt vorgelegt, ohne eine Lösung dafür zu finden. Schließlich hatte er sich folgende Geschichte zurechtgelegt: der interessirte, jähzornige Gatte hätte es eilig gehabt, die Erbschaft anzutreten, vielleicht aus Furcht, daß das Testament zu ihren Ungunsten umgestoßen werden könnte, vielleicht auch aus der Ueberlegung, seine Frau durch ein blutiges Band fester an sich knüpfen zu können. An dieser Fabel hielt er um so mehr fest, als ihre dunklen Punkte ihn ungemein anzogen und beschäftigten; es fiel ihm aber nicht ein, sie aufhellen zu wollen. Der Gedanke, daß es seine Pflicht gewesen wäre, dem Richter Alles zu sagen, hatte ihn auch sehr gepeinigt. Und gerade jetzt wieder beschäftigte ihn derselbe Gedanke, während er auf dieser Bank so dicht neben ihr saß, daß er ihren warmen Hauch über sein Gesicht streifen fühlte.

»Es ist viel, daß man im März schon, gerade wie im Sommer, im Freien sitzen kann,« sagte er.

»O,« antwortete sie, »wenn erst die Sonne höher steigt, geht das schon.«

Sie dagegen sagte sich, was muß dieser Mensch für ein Thier sein, daß er in uns nicht sofort die Schuldigen erkannt hat, Sie hatten sich zu auffällig ihm aufgedrängt, selbst in diesem Augenblick drängte sie sich zu dicht an ihn heran. Die von nichtssagenden Redensarten unterbrochenen Pausen benutzte sie, um seinem Gedankengange zu folgen. Ihre Augen waren sich begegnet und sie hatte in ihnen gelesen, daß er sich gerade überlegte, ob sie es nicht war, die er mit ihrem ganzen Gewicht auf den Beinen des Opfers als dunkle Masse hatte lasten gesehen. Was thun, was sagen, um ihn mit einem unzerreißbaren Kitt an sich zu fesseln?

»Es war heute früh sehr kalt in Havre,« setzte sie hinzu. »Und dazu der Regen, den wir abbekommen haben.«

Séverine kam in diesem Augenblick ein glücklicher Gedanke. Sie überlegte und prüfte nicht weiter. Der Gedanke schoß wie eine instinctive Eingebung aus der dunklen Tiefe ihrer Klugheit und ihres Herzens auf. Hätte sie überlegt, würde sie wahrscheinlich nichts gesagt haben. Aber sie fühlte, daß es so ginge und daß sie ihn durch ihre Worte erobern würde.

Sie ergriff sanft seine Hand und blickte ihn an. Die Bäume verbargen sie vor den Blicken der Vorübergehenden, sie hörten nur ein fernes, wie gedämpft in die Einsamkeit der sonnigen Anlagen herüberdringendes Gerassel. Und oben an der Ecke der Allee sah man ein Kind, das lautlos mit seiner Schippe Sand in einen kleinen Eimer füllte. Ohne weiteren Uebergang und ihre ganze Seele in den Ton ihrer Stimme legend, fragte sie:

»Halten Sie mich für schuldig?«

Er zitterte, seine Augen blieben in den ihren.

»Ja,« antwortete er mit demselben leisen, bewegten Tone.

Sie preßte seine Hand, die sie nicht hatte fahren lassen, noch stärker. Sie fühlte, wie das Fieber in ihren Körpern in einander floß und fuhr sogleich fort:

»Sie täuschen sich, ich bin nicht schuldig.«

Sie sagte das nicht, um ihn zu überzeugen, sondern lediglich, um ihm zu verstehen zu geben, daß sie in den Augen Anderer für unschuldig gelten wollte. Es war das Geständniß einer Frau, die nein sagt mit dem Wunsche, daß es nein sei und immer nein und nein bleiben muß.

»Ich bin nicht schuldig ... Peinigen Sie mich nicht länger, indem Sie mich für schuldig halten.«

Sie fühlte sich glücklich darüber, daß er seine Augen tief in den ihrigen ließ. Was sie that, war zweifellos eine Opferung ihrer ganzen Person. Sie lieferte sich ihm aus und wenn er später Ansprüche machen sollte, konnte sie ihm nichts mehr verweigern. Aber das Band war auch gleichzeitig unauflösbar zwischen ihnen beiden geknüpft: jetzt mißtraute sie ihm nicht mehr, er gehörte ihr wie sie ihm. Das Geständniß hatte sie geeint.

»Sie peinigen mich nicht länger, Sie glauben mir?« »Ja, ich glaube Ihnen,« antwortete er lächelnd.

Warum sollte er sie jetzt gleich in brutaler Weise zu einer Schilderung der fürchterlichen Vorgänge nöthigen? Später würde sie ihm Alles so wie so freiwillig erzählen müssen. Diese Art, sich selbst durch ein ihm gemachtes Geständniß die Ruhe zurückzugeben, rührte ihn ebenso, wie die Gewähr ihrer unversiegbaren Zärtlichkeit. Sie war so zutraulich, so schmächtig mit ihren süßen Nixenaugen! Sie war so ganz Frau, so ganz für den Mann geschaffen, immer bereit zu gehorchen, um glücklich sein zu können. Ganz besonders entzückte ihn, während ihre Hände noch ineinander ruhten und ihre Augen sich nicht mehr abwandten, daß er sein Uebel nicht mehr verspürte, kein Schauder überlief ihn bei dem Gedanken an die Nähe, an den Besitz einer Frau. Bei Anderen hätte er nicht die Haut berühren dürfen, gleich war die Lust hineinzubeißen, der unstillbare Heißhunger nach Mord entfacht. Konnte er diese hier wirklich lieben, ohne sie tödten zu wollen?

»Ich bin Ihr Freund und Sie haben von meiner Seite nichts zu fürchten,« flüsterte er ihr in das Ohr. »Ich will Ihre Angelegenheit nicht weiter kennen lernen, sie sei wie sie wolle ... Sie verstehen mich? Verfügen Sie vollständig über meine Person.«

Er hatte sein Gesicht dem ihrigen so nahe gerückt, daß er ihren warmen Hauch in seinem Schnurrbart fühlte. Am Morgen hatte er noch gebebt aus Furcht vor dem Ausbruch einer Krisis. Was ging jetzt in ihm vor, daß er kaum ein leichtes Erzittern verspürte, dagegen das glückselige Schwächegefühl eines Genesenden? Der jetzt zur Gewißheit gewordene Gedanke, daß auch sie gemordet hatte, ließ sie ihm in einem viel großartigeren, ganz besonderen Lichte erscheinen. Vielleicht hatte sie sogar nicht nur dabei geholfen, sondern selbst zugestoßen. Er war sogar, selbst ohne Beweise zu haben, davon überzeugt. Von nun an erschien sie ihm über jedes Urtheil erhaben, in dem bewußten, schreckenlosen Verlangen, das sie in ihm entfachte, wie ein geheiligtes Wesen.

Beide scherzten nun miteinander wie ein junges Pärchen im ersten Stadium beginnender Liebe.

»Sie sollten mir auch Ihre andere Hand zum Erwärmen geben.«

»Ich bitte Sie, nicht hier, man könnte uns sehen.« »Wer sollte? Wir sind ja ganz allein ... Und dann wäre auch noch nichts Schlimmes dabei. Kinder sitzen nicht so wie wir hier.«

»Ich glaube es auch.«

Sie lachte herzlich in ihrer Freude gerettet zu sein. Sie liebte diesen Menschen nicht, sie glaubte sogar, ihrer Sache in dieser Beziehung sicher zu sein. Und als ob sie es sich vorgenommen hätte, träumte sie bereits von der Möglichkeit ihrer Verpflichtungen gegen ihn ledig zu werden. Er benahm sich sehr nett, er würde gewiß nicht in sie dringen und alles würde gut ablaufen.

»Wohl verstanden, wir sind gute Kameraden, so zwar, daß die andern, selbst mein Gatte, nichts Böses dahinter vermuthen darf. Jetzt lassen Sie meine Hand los und sehen Sie mich nicht mehr so an. Sie werden sich die Augen verderben.«

Er behielt trotzdem ihre zarten Finger in seiner Hand und sagte stockend, sehr leise:

»Ich liebe Sie!«

Sie hatte sich ihm schnell entwunden und stand nun vor ihm aufgerichtet.

»Was reden Sie da für Dummheiten! Seien Sie vernünftig, man kommt.«

Es kam in der That eine Amme, mit einem in ihrem Arm schlummernden Säugling näher. Dann ging sehr geschäftig ein junges Mädchen vorüber. Die Sonne sank und badete sich in den violetten Dünsten des Horizontes. Ihre Strahlen verschwanden aus dem Tannendickicht und erstarben in den Spitzen der Tannen als goldener Staub. In dem nimmer rastenden Wagenverkehr schien eine plötzliche Pause eingetreten zu sein, man hörte es fünf Uhr in der Nähe schlagen.

»Mein Gott,« rief Séverine, »schon fünf Uhr. Ich muß um diese Zeit schon in der Rue du Rocher sein.«

Ihre Freude entschwand, die Angst vor dem Unbekannten, das sie dort unten erwartete, packte sie von Neuem. Ihr fiel wieder ein, daß sie noch nicht gerettet war. Sie erbleichte, ihre Lippen erzitterten.

»Aber Sie wollten doch den Depotchef sprechen?« fragte Jacques, der ebenfalls aufgestanden war, um ihr wieder seinen Arm anzubieten. »Um so schlimmer. Ich werde ihn ein anderes Mal besuchen ... Hören Sie, lieber Freund, ich kann Sie jetzt nicht mehr gebrauchen, lassen Sie mich den Weg schleunigst allein machen. Und vielen Dank, nochmals herzlichen Dank.«

Sie drückte ihm die Hand und enteilte.

»Pünktlich zum Zuge!«

»Ganz pünktlich.«

Schon war sie schnellen Schrittes hinter den Gebüschen der Anlagen verschwunden, er dagegen schlenderte langsam der Rue Cardinet zu.

Herr Camy-Lamotte hatte inzwischen eine lange Unterredung mit dem Betriebsdirector der Westbahn-Gesellschaft in seinem Cabinet gehabt. Er hatte ihn unter dem Vorwande, etwas mit ihm besprechen zu müssen, zu sich entboten und nach und nach ihm das Geständniß entlockt, wie sehr dieser Prozeß Grandmorin die Gesellschaft ärgere. Da gäbe es Klagen in den Zeitungen darüber, wie schlecht es mit der Sicherheit der Reisenden erster Klasse bestellt wäre; das ganze Personal sei in die Sache verwickelt, mehrere Beamte verdächtigt worden außer dem am meisten beargwöhnten Roubaud, der jeden Augenblick eingelocht werden könnte. Die Gerüchte von der Sittenlosigkeit des Präsidenten, der ein Mitglied ihres Aufsichtsrathes gewesen war, müßten naturgemäß auch auf die übrigen Mitglieder dieser Körperschaft ein schlechtes Licht werfen. Und so wäre es gekommen, daß ein vermuthlich von dem unbedeutenden Unter-Inspector begangenes geheimnißvolles Verbrechen niedrigster Art eine kolossale Störung in dem Räderwerk der mächtigen Eisenbahnbetriebsmaschine hervorzubringen drohe und auch die höchste Verwaltung darunter leiden mache. Diese Erschütterung ziehe ihre Kreise sogar noch höher hinauf, beschäftige das Ministerium und bedrohe angesichts der augenblicklichen unglücklichen politischen Constellation die Regierung, in einer kritischen Stunde den großen socialen Körper, dessen Zersetzung ein so unbedeutendes Fieber leicht herbeiführen und beschleunigen könnte. Als Herr Camy-Lamotte endlich von seinem Besuche erfuhr, daß die Gesellschaft gerade heute die Entlassung Roubaud's beschlossen hätte, lehnte er sich eifrig gegen eine solche Maßregel auf. Nichts sei ungeschickter nach seiner Meinung, als dieses; der Lärm in der Presse würde sich sofort verdoppeln, jedes Oppositionsblatt würde sich ein besonderes Vergnügen daraus machen, Roubaud als ein Opfer der Politik hinzustellen. Der offenbare Riß wäre da und Gott weiß, was für unangenehme Entdeckungen dabei sowohl für die Einen wie für die Andern zu Tage kommen würden. Der Skandal hätte schon zu lange gedauert, es sei nunmehr die höchste Zeit, daß darüber geschwiegen würde. Und der bald überzeugte Betriebsdirector verpflichtete sich, dafür zu sorgen, daß Roubaud im Amte belassen, ja selbst nicht einmal aus Havre versetzt werde. Man würde dann bald einsehen, daß es in ihrer Gesellschaft keine unlauteren Elemente gäbe. Damit würden die Acten über diese Geschichte geschlossen sein.

Als Séverine athemlos und heftig klopfenden Herzens wieder vor Herrn Camy-Lamotte in dem düsteren Cabinet stand, betrachtete dieser sie einen Augenblick schweigend. Ihn interessirte ihre außerordentliche Anstrengung, ruhig zu erscheinen. Diese zarte Verbrecherin mit ihren Nixenaugen war ihm entschieden eine sympathische Erscheinung.

»Ich habe soeben ...«

Er hielt inne, um sich noch einige Sekunden an ihrer Angst zu werden. Aber ihr Blick flog so eindringlich zu ihm hinüber, er fühlte ihr ganzes Wesen sich so leidenschaftlich zu ihm drängen, daß er sich ihrer erbarmte.

»Ich habe soeben den Betriebsdirector gesprochen, Frau Roubaud, und von ihm die Zusicherung erhalten, daß Ihr Mann nicht entlassen wird ... Die Angelegenheit ist somit geordnet.«

Die Woge der übermäßigen Freude, die sich über sie in diesem Augenblick ergoß, machte sie fast taumeln. Ihre Augen füllten sich mit Thränen, sie konnte nichts sagen, nur lächeln.

Er wiederholte den letzten Satz, als wollte er ihr noch einmal seine Bedeutsamkeit so recht an's Herz legen:

»Die Angelegenheit ist somit geordnet ... Sie können unbesorgt nach Havre zurückreisen.«

Sie verstand ihn sehr wohl: er meinte, man würde sie nicht verhaften, sie seien begnadigt worden. Aus seinen Worten ging hervor, nicht nur, daß ihr Mann im Amt verbleiben durfte, sondern daß auch dieses furchtbare Drama vergessen, begraben wäre. Wie ein dankbares, schmeichelndes Hausthier beugte sie sich in dem instinctiven Gefühl überwallender Zärtlichkeit über seine Hände, sie küßte sie und legte sie sich an ihre Wangen. Und diesmal zog er seine Hände nicht zurück, er fühlte sich tief ergriffen von dem Reiz dieser innigen Dankbarkeit.

»Nun vergessen Sie auch nicht das Geschehene,« sagte er und versuchte, wieder Haltung zu gewinnen, »und führen Sie sich gut.«

»O, mein Herr!«

Ihm lag aber auch daran, sie und den Mann von sich abhängig zu wissen und daher erinnerte er sie an das Vorhandensein ihres Briefes mit den Worten:

»Denken Sie daran, daß die Acten in Verwahrung bleiben und bei dem geringsten Verstoß Ihrerseits wieder zur Hand genommen werden ... Empfehlen Sie namentlich Ihrem Manne, die Hand von der Politik zu lassen. In dieser Beziehung werden wir unerbittlich sein. Ich weiß wohl, daß er schon etwas auf dem Kerbholz hat, man hat mir von dem ärgerlichen Vorfalle mit dem Unterpräfecten erzählt ... Sie sorgen also dafür, daß er vernünftig ist, wir würden ihn sonst ohne alle Umstände beseitigen müssen.«

Sie hatte sich nicht gesetzt. Es drängte sie in's Freie, um ihrer sie fast erstickenden Freude freien Spielraum geben zu können.

»Wir werden gehorsam sein und ganz nach Ihrem Willen leben, mein Herr ... Sie haben nur zu befehlen, gleichviel wie, gleichviel wohin: ich gehöre Ihnen.«

Er zeigte wieder dieses schlaffe, blasirte Lächeln eines Mannes, der alle Freuden des Lebens bis zum Ueberdruß durchkostet hat.

»O, ich werde mit dieser Bereitwilligkeit keinen Mißbrauch treiben, Frau Roubaud, ich mißbrauche nicht mehr.«

Er öffnete selbst die Thür des Cabinets. Zweimal noch drehte sie sich auf der Schwelle nach ihm um und ihr strahlendes Gesicht dankte ihm aber- und abermals.

Séverine durcheilte die Rue du Rocher wie wahnsinnig. Sie bemerkte, daß sie die Straße ganz ohne Grund hinablief; sie kehrte um, sie lief über den Damm, ohne Acht zu geben, ob sie überfahren würde. Sie fühlte das Bedürfniß, laufen und schreien zu müssen. Sie begriff bereits, warum man sie begnadigte und überraschte sich selbst beim lauten Sprechen der Worte:

»Sie haben Furcht und deshalb werden sie auch nicht diese Dinge wieder aufrühren wollen. Ich war ein Schaf, mich so zu foltern ... Das ist ganz klar. O, welch' Glück, gerettet, diesmal wirklich gerettet zu sein! ... Gleichviel, meinen Mann will ich doch erschrecken, damit er sich ruhig verhält ... Gerettet, gerettet, o welches Glück!«

Als sie die Rue Saint-Lazare betrat, sah sie nach der Uhr eines Bijouterieladens, es fehlten noch zwanzig Minuten an sechs.

»Halt, ich habe noch Zeit, ich werde mir noch etwas zu gute thun.«

Sie wählte sich das eleganteste Restaurant gegenüber dem Bahnhof und in diesem ein einladendes Tischchen direct hinter der großen Spiegelscheibe aus, so daß sie vergnügt das bunte Treiben auf der Straße beobachten konnte. Dann bestellte sie sich ein feines Diner, bestehend aus Austern, einem Rostbraten und einem am Spieß gebratenen Huhn. Es war doch das Mindeste, daß sie sich für das schlechte Frühstück entschädigte. Sie kam vor Hunger fast um und aß daher hastig, sie fand das Schwarzbrod ausgezeichnet und ließ sich noch eine süße Speise bereiten. Dann schlürfte sie ihren Kaffee und stürmte fort. Denn es fehlten nur noch einige Minuten bis zum Abgange des Schnellzuges.

Als Jacques sie verlassen, hatte er sein Kämmerchen aufgesucht, um seine Arbeitskleider anzulegen, dann war er sofort in das Depot gegangen, wo er gewöhnlich erst eine halbe Stunde vor Abgang des Zuges zu erscheinen pflegte. Er hatte sich die Sorgen der Visitation der Maschine vom Halse geschafft und sie seinem Heizer Pecqueux aufgeladen, obwohl derselbe dreimal oder zweimal betrunken zu sein pflegte. Aber in der verliebten Erregung des heutigen Tages verspürte er doch so etwas wie Unruhe. Er wollte sich lieber persönlich von dem guten Functioniren aller Theile seiner Maschine überzeugen, um so mehr, als er des Morgens in Havre bemerkt zu haben glaubte, daß die Lokomotive für eine geringe Arbeit unverhältnißmäßig viel Kraft gebrauche.

In dem mächtigen geschlossenen, von der Kohle geschwärzten und von hohen, staubbedeckten Fenstern erhellten Schuppen stand unter anderen, in Ruhestand versetzten Lokomotiven auch die Jacques' als vorderste auf dem Ausgangsstrang. Ein Heizer des Depots füllte soeben die Feuerung auf, rothglühende Kohlen fielen durch die Roste und erloschen zischend in dem schmalen Graben, der eigens zu diesem Zweck durch das Depot gezogen ist. Seine Lokomotive war eine jener Eilzugsmaschinen von vornehmer und doch riesenhafter Eleganz, mit doppelt gekoppelten Achsen, großen behenden, durch eherne Arme mit einander verbundenen Rädern, breitem Brustkasten und mit langgestrecktem und mächtigem Rumpfe, ganz die Eisen gewordene Logik und Sicherheit, durch welche die Lokomotive zur herrschenden Schönheit aller metallenen Wesen geworden ist, die Genauigkeit in Verbindung mit der Kraft. Sie trug ebenso wie die anderen Lokomotiven der Gesellschaft außer der Nummer, und zwar 214, den Namen eines Bahnhofes und zwar von Lison, einer Station des Cotentin. Jacques aber hatte aus Liebe zu seiner Maschine und um ihr zu schmeicheln ihr einen weiblichen Namen gegeben, er nannte sie seine Lison.

Er liebte diese Lokomotive, die er seit vier Jahren führte. Er hatte vorher andre geführt, gelehrige und schwerfällige, muthige und feige. Er mußte, daß jede von ihnen einen andern Charakter hatte, daß mit vielen von ihnen nichts los war, wie man von einer Frau aus Haut und Knochen sagt. Seine Lison aber liebte er, weil sie die seltenen Eigenschaften einer wirklichen braven Frau hatte. Sie war sanft, gehorsam, leicht in Gang zu bringen und machte, Dank ihrer guten Röhrenanlage, eine ständige, regelmäßige Fahrt. Man behauptete, daß ihr flottes Losfahren von der ausgezeichneten Bandagirung ihrer Räder und namentlich von der exacten Regulirung ihrer Fächer herrührte; daß sie schon bei wenig Feuerung einen genügenden Dampf entwickele, schrieb man der Qualität des Kupfers ihrer Röhren und der glücklichen Wärmevertheilung zu. Aber Jacques wußte, daß sie noch eine Eigenschaft besaß, die ebenso construirte und ebenso sorgfältig montirte Lokomotiven wie die Lison nicht besaßen: sie hatte eine Seele, jenes geheimnißvolle Etwas der Fabrikation, welches der Zufall bei der Hämmerung dem Metall einflößt, das die Hand des Monteurs den einzelnen Bestandtheilen verleiht, das Menschliche, das Leben. Er liebte also die schnell flüchtige und ebenso schnell wie ein feuriges und gelehriges Pferd anzuhaltende Lison wie ein dankbarer Gatte. Er liebte sie, weil sie ihm außer dem festen Einkommen durch die Heizerprämien noch manchen Spargroschen in das Haus brachte. Sie heizte sich so vorzüglich, daß er in der That viel Kohlen sparen konnte. Er hatte ihr nur einen einzigen Vorwurf zu machen, den des zu großen Verbrauchs von Schmierfett: was die Kolben namentlich an Schmiere auffraßen, glich keinem Sattessen mehr, das war schon eine wahre Orgie. Vergebens hatte er sie Mäßigung lehren wollen. Außer Athem war sie dann gleich, ihr Temperament verlangte nun einmal diese Libationen an Schmiere. Er hatte ihr schließlich diese Vielfraßleidenschaft zu gute halten müssen, wie man die Augen schließt vor dem Laster von sonst hochbegabten Personen. Er begnügte sich im Scherz zu seinem Heizer zu sagen, daß die Lison gerade wie andere schöne Frauen das Bedürfnis hätte, zu oft geschmiert zu werden.

Während der Kessel zischte und die Lison nach und nach unter Druck trat, wanderte Jacques um sie herum, besah jeden einzelnen Bestandtheil und versuchte sich darüber klar zu werden, warum sie am Morgen mehr Schmiere als gewöhnlich begehrt hatte. Er fand indessen nichts Auffälliges, sie leuchtete wie immer sauber und eigen, ein Zeichen dafür, daß sie ein sorgsamer Führer pflegte. Man sah ihn immer putzen und scheuern; namentlich nach der Ankunft in der Endstation rieb er sie kräftig, wie man nach langem Laufe dampfende Pferde trocken zu reiben pflegt; er benutzte ihre Wärme, um die Griffe und Fugen besser rein zu bekommen. Er trieb sie nie an, hielt sie in regelmäßiger Fahrt, vermied jede Verspätung, welche dann mit Sprüngen von gefährlicher Eile wieder eingeholt werden muß. So lebten Beide in einer verträglichen Gemeinschaft. Innerhalb der vier Jahre hatte er kein einziges Mal in dem Register des Depots Beschwerde zu führen gebraucht, in welchem die Lokomotivführer ihrem Verlangen nach Reparaturen Ausdruck zu geben haben. Faule, schlechte und trunkene Maschinisten liegen unaufhörlich mit ihren Lokomotiven im Streit. An jenem Tage aber machte ihn ihr Heißhunger auf Fett doch ängstlich. Es war aber noch etwas anderes, etwas Tiefes, Unfaßbares und noch nie Gefühltes, was ihn unruhig, mißtrauisch gegen sich selbst machte. Ihm war es, als hätte er Grund an ihrer ehelichen Treue zu zweifeln und daher wollte er sich überzeugen, ob sie ihm unterwegs nicht Geschichten machen würde.

Pecqueux war natürlich noch nicht da. Als er mit lallender Zunge in Folge eines mit einem Freunde eingenommenen Frühstücks erschien, stellte ihn Jacques wüthend zur Rede. Gewöhnlich vertrugen sich die beiden Männer sehr gut, eine Folge der langen Kompagnieschaft von dem einen Ende der Linie bis zum anderen, die sie schweigsam Seite an Seite, durch dasselbe Geschäft und dieselben Gefahren vereint, zubrachten. Obgleich der Maschinist zehn Jahre jünger war als sein Heizer, sorgte er für letzteren väterlich, er bemäntelte seine Laster und ließ ihn eine Stunde schlafen, wenn er zu betrunken war. Dieser vergalt ihm dieses Wohlwollen durch hündische Ergebenheit, er war im übrigen ein ausgezeichneter, in seinem Fache ergrauter Arbeiter, sah man von seiner leidenschaftlichen Trunksucht ab. Auch er liebte die Lison, ein Grund mehr für ihr gutes Einvernehmen. Die Beiden und die Lokomotive bildeten in der That ein friedfertiges, eheliches Trio. Pecqueux war überrascht von dem schlechten Empfange seitens Jacques', noch mehr erstaunte er aber, als er dessen Zweifel an der Lison vernahm.

»Aber sie läuft doch wie eine Fee!«

»Nein, ich bin besorgt.«

Und trotz des guten Zustandes, in welchem sich jeder einzelne Bestandtheil befand, fuhr er mit Kopfschütteln fort. Er ließ die Griffe klappen und probirte die Ventile. Er stieg auf die Plattform und füllte selbst die Schmierkolben der Cylinder, während der Heizer den Dom putzte, an welchem noch leichte Rostflecke sichtbar waren. Er konnte wirklich beruhigt sein. Und der wahre Grund seiner Unruhe? In seinem Herzen thronte nicht mehr die Lison allein. Ein zweites zärtliches Gefühl wuchs dort auf für jenes schmächtige, zerbrechliche Geschöpf, das er noch immer auf der Bank in den Anlagen neben sich sitzen und in seiner trägen Schwäche seinem Verlangen nach Liebe und Schutz Ausdruck geben sah. Noch nie hatte er, wenn der Zug sich ohne sein Verschulden verspätete und er seiner Lokomotive eine Geschwindigkeit von achtzig Kilometern geben mußte, an die Gefahren gedacht, welche die Reisenden möglicher Weise liefen. Heute aber, nun er diese, am Morgen noch fast verabscheute und mit Widerwillen nach Paris gebrachte Frau nach Havre zurückführen sollte, peinigte ihn die Furcht vor einem Unfall, daß sie durch seine Schuld verwundet werden und in seinen Armen ihr Leben aushauchen könnte. Jetzt war er mit Liebe geladen. Die beargwöhnte Lison mußte sich von nun an zusammen nehmen, wollte sie ihren guten Ruf als zuverlässige Maschine in seinen Augen sich erhalten.

Es schlug sechs, Jacques und Pecqueux bestiegen die schmale Brücke aus Eisenblech, welche den Tender mit der Lokomotive verbindet; der letztere öffnete auf einen Wink seines Vorgesetzten die Abzugsventile und ein Wirbel weißen Dampfes füllte zischend den Schuppen. Dann glitt die Lison gehorsam der Drehung des Regulators hervor aus dem Depot und pfiff, um sich den Strang öffnen zu lassen. Gleich darauf verschwand sie im Tunnel von Les Batignolles. Am Pont de l'Europe mußte sie sich etwas gedulden, bis es Zeit war, sie auf den sechs Uhr dreißig Eilzug zu rangiren, mit welchem sie dann von zwei Arbeitern solide verbunden wurde.

Fünf Minuten fehlten nur noch bis zur Abfahrt. Jacques beugte sich über die Brüstung; er wunderte sich, Séverine in dem Strom der Reisender nicht auftauchen zu sehen. Er war überzeugt, daß sie nicht eher einsteigen würde, bis sie ihn gesprochen hatte. Endlich erschien sie verspätet, fast laufend. Richtig, sie eilte am Zuge entlang und blieb mit lebhaft geröthetem Gesichte und glückselig bei der Lokomotive stehen.

Die kleinen Füße und das lachende Gesicht hoben sich zu ihm empor.

»Beunruhigen Sie sich nicht, da bin ich.«

Er lachte ebenfalls in dem Gefühl des Glücks, sie wiederzusehen.

»Es ist gerade noch Zeit,«

Sie reckte sich noch weiter empor und sagte, etwas leiser: »Ich bin zufrieden, sehr zufrieden, mein Freund ... Ich habe viel Glück gehabt ... Ich habe alles erreicht, was ich gewollt.«

Er begriff und zeigte sich sehr erfreut. Im Davoneilen wandte sie sich noch einmal nach ihm um und rief scherzend: »Sie werden mir doch hoffentlich nicht die Knochen zerbrechen?«

»Haben Sie keine Furcht,« gab er heiter zurück.

Die Thüren klappten, Séverine hatte gerade noch Zeit, ein Koupee zu besteigen. Der Zugführer gab das Signal, Jacques pfiff und öffnete den Regulator. Man dampfte ab, in derselben Weise wie an jenem tragischen Februarabend, zu derselben Zeit, inmitten desselben lebhaften Treibens auf dem Bahnhofe, desselben Lärms, desselben Qualms. Nur war es diesmal noch Tag, ein durchsichtiges Halbdunkel von sommerlicher Milde. Den Kopf an dem Schlage blickte Séverine hinaus.

Und auf der Lison hoch aufgerichtet stand Jacques, warm eingehüllt in ein wollenes Beinkleid und eine Friesjacke, die am Hinterkopfe unter der Mütze zusammengebundene Brille mit Tuchlappen vor den Augen. Sein Blick verließ nicht mehr die Geleise und fast alle Sekunden beugte er sich aus dem Fenster des Schutzdaches hinaus, um besser sehen zu können. Er fühlte nicht, daß das Erzittern der Maschine ihn grausam durchrüttelte, seine Rechte hatte die Kurbel des Fahrtregulators erfaßt wie der Steuermann das Rad gepackt hält; unausgesetzt manövrirte er und unmerklich verstärkte oder schwächte er die Schnelligkeit, mit der linken Hand zog er fast unaufhörlich das Ventil der Dampfpfeife, denn die Ausfahrt aus Paris ist schwierig, man stößt leicht auf unvorherzusehende Hindernisse. Er pfiff bei den Niveauübergängen, bei den Bahnhöfen, bei den Tunnels, bei den großen Kurven. Fern in der beginnenden Dämmerung zeigte sich ein rothes Signal, er begehrte durch einen langgedehnten Pfiff freie Fahrt und jagte wie ein Donner vorüber. Kaum gönnte er sich die Zeit, ab und zu einen Blick auf den Atmosphärenmesser zu werfen; sobald der Druck zehn Kilogramm erreichte, drehte er die kleine Injectionskurbel. Sein Blick weilte immer weit voraus auf den Geleisen und überwachte die kleinsten Einzelheiten mit einer solchen Aufmerksamkeit, daß er nicht Anderes sah und nicht einmal den sturmwindartigen Wind spürte. Der Atmosphärenmesser fiel, er öffnete die Thür des Heizofens und stocherte mit der Kesselzange darin herum; Pecqueux, auf jeden Handgriff des Chefs geaicht, begriff, zerkleinerte mit dem Hammer die Kohle und warf sie mit der Schippe gleichmäßig vertheilt über den ganzen Rost. Eine fürchterliche Gluth sengte fast beider Beine, gleich darauf, als die Thür geschlossen war, bestrich sie wieder der eisige Luftstrom.

Die Nacht sank hernieder, Jacques' Vorsicht verdoppelte sich. Er hatte die Lison selten so gehorsam gesehen wie an diesem Abend; er fühlte sich als ihren Herrn, er zügelte sie nach Gefallen mit absoluter Machtvollkommenheit, und trotzdem ließ er nicht von seiner herben Strenge, er behandelte sie wie eine gefesselte Bestie, der man nicht trauen darf. Dort, hinter seinem Rücken, sah er in dem mit voller Fahrgeschwindigkeit dahinsausenden Zuge eine feine, sich hingebende, ihm vertrauende und zulächelnde Frauengestalt. Ein flüchtiger Schauder überlief ihn, er faßte die Kurbel noch fester und seine Blicke durchdrangen noch energischer die wachsende Finsterniß, um sich über die Natur zweier rother Lichter klar zu werden. Nach dem Passiren der Abzweigungen bei Asnières und Colombes hatte er ein wenig aufgeathmet. Bis Nantes ging Alles gut, die Strecke bildete bis dorthin eine glatte Bahn, über die der Zug gemächlich rollen konnte. Hinter Nantes mußte er die Lison anfeuern, um eine fast eine halbe Meile lange Steigung zu nehmen. Dann drängte er sie, ohne sie verschnaufen zu lassen, die sanfte Steigung des zwei und einen halben Kilometer langen Tunnels von Rollebrise hinauf, den er in knapp drei Minuten passirte. Dann kam ein zweiter Tunnel, der von Noule bei Gaillon, diesseits des Bahnhofs von Sotteville, eines wegen seiner vielen sich abzweigenden Geleise, des beständigen Rangirens und seiner steten Ueberfüllung sehr gefährlichen Durchfahrtspunktes. Alle Kräfte seines Wesens waren vereinigt in den wachenden Augen und der führenden Hand. Die pfeifende, fauchende Lison durchfuhr mit vollem Dampf Sotteville und hielt erst in Rouen an; von dort aus lief sie etwas beruhigt und gemächlicher die Rampe hinauf, die bis Malaunay führt.

Der Mond war klar und bleichschimmernd aufgegangen, sein Licht erlaubte Jacques das niedrigste Gebüsch, ja selbst die in ihrer schnellen Flucht unter ihm verschwindenden Kiesel zwischen den Schienen zu unterscheiden. Als er den Tunnel von Malaunay verließ, warf er einen Blick nach rechts; ihn beunruhigte der Schatten eines großen Baumes, der auf die Geleise fiel. Dabei erkannte er den verborgenen Winkel, das mit Dickicht bestellte Feld, von welchem aus er den Todtschlag erblickt hatte. Die wüste, wilde Gegend mit ihren Abhängen, ihren schwarzen Waldparzellen und ihrer trostlosen Oede flog an ihm vorüber. Dann tauchte im Schimmer des unbeweglich scheinenden Mondes das Haus von la Croix-de-Maufras in seiner wüsten Verlassenheit mit den ewig geschlossenen Fensterläden und seiner abscheulichen Melancholie wie eine Vision vor ihm auf. Und ohne zu wissen, warum, fühlte er diesmal noch mehr als je seine Brust beengt, als streifte er hier hart an seinem Unglück vorüber.

Doch ebenso schnell erfaßten seine Augen ein anderes Bild. Dort neben dem Bahnwärterhäuschen Misard's, an die Barriere des Niveauüberganges gelehnt, stand Flore. Er sah sie, so oft er vorüberfuhr, an derselben Stelle auf ihn warten, Sie bewegte sich nie, sie erhob nur den Kopf und folgte so lange sie konnte mit ihren Blicken seiner blitzartigen Weiterfahrt. Ihre schwarze Silhouette hob sich haarscharf von dem hellen, mondbeschienenen Hintergrunde ab, nur ihre blonden Haare blitzten golden, wie das bleiche Gold des Gestirns.

Und abermals trieb Jacques die Lison an, um die Steigung von Motteville zu nehmen, dann ließ er sie ein wenig längs des Plateaus von Bolbec verschnaufen. Dann stieß er sie zwischen Saint Romain und Harfleur auf die stärkste, drei Meilen lange Steigung der Linie, welche die Lokomotiven wie den Stall witternde Thiere im Galopp zu nehmen pflegen. Fast umsinkend vor Müdigkeit erreichte er Havre und hier unter dem Glasdache der vom Lärm und Rauch der Ankunft erfüllten Halle näherte sich ihm Séverine, ehe sie ihre Wohnung aufsuchte. Freudig erregt und mit zärtlichem Lächeln sagte sie zu ihm:

»Besten Dank, bis auf morgen.«

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