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Die Bestie im Menschen

Emile Zola: Die Bestie im Menschen - Kapitel 4
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typefiction
authorEmil Zola
titleDie Bestie im Menschen
printrunVierte Auflage
publisherVerlag von G. Grimm
year1892
translatorAlfred Ruhemann
correctorreuters@abc.de
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Viertes Kapitel

An einem Tage der zweiten Märzwoche hatte Herr Denizet, der Untersuchungsrichter, abermals gewisse wichtige Zeugen in der Sache Grandmorin in das Gerichtsgebäude von Rouen geladen.

Seit drei Wochen machte der Vorfall ungeheuren Lärm. Er hatte in Rouen alles auf den Kopf gestellt, beschäftigte Paris leidenschaftlich und die Oppositionsblätter benutzten ihn in ihrem Kampfe gegen des Kaisers Regiment als Angriffswaffe. Die Nähe der allgemeinen Wahlen, welche jedes andre politische Interesse in den Hintergrund drängte, entfachte den Streit um so heißer. In der Kammer hatte es sehr stürmische Sitzungen gegeben: in der einen hatte man außerordentlich heftig die Bestätigung der Machtvollkommenheit zweier an die Person des Kaisers attachirter Deputirter bestritten; in einer anderen hatte man die Finanzverwaltung des Sainepräfecten angegriffen und die Wahl eines Stadtrathes beanstandet. Die Sache Grandmorin kam gerade zur rechten Zeit, um die Agitation fortzusetzen, man erzählte sich die ungeheuerlichsten Geschichten darüber und die Zeitungen stellten täglich neue, von Injurien gegen die Regierung strotzende Hypothesen auf. Die Einen wollten wissen, daß das Opfer, ein in den Tuilerien gern gesehener Mann, der Kommandeur der Ehrenlegion und mehrfacher Millionär war, sich den niedrigsten Ausschweifungen hingegeben hatte; die Anderen, daß die Untersuchung nichts herausbringen könne; man begann sogar die Polizei und die Behörden käuflicher Bestechlichkeit zu zeihen und machte sich über den verschollen bleibenden, geheimnißvollen Mörder lustig. Es lag ja viel Wahres diesen Beschuldigungen zu Grunde, um so unangenehmer war es, sie ertragen zu müssen.

Auch Herr Denizet fühlte sehr wohl, welche schwere Verantwortlichkeit auf ihm ruhte. Er nahm sich der Sache um so leidenschaftlicher an, als er sehr ehrgeizig war und sehnsüchtig eine Aufsehen machende Untersuchung herbeigewünscht hatte, um seine bisher nur von ihm sich selbst zugestandene hohe Begabung, was Energie und Scharfblick anbetraf, zur Kenntniß aller Welt zu bringen. Sohn eines normandisischen reichen Züchters hatte er in Laon die Rechte studirt und war erst spät in den Richterstand eingetreten, wo seine bäurische Herkunft, verschlimmert durch das Fallissement seines Vaters, seinem Emporsteigen sehr hinderlich war. Zunächst Substitut in Bernay, Dieppe und Havre hatte er zehn Jahre gebraucht, um kaiserlicher Prokurator in Pont-Audemer zu werden. Dann wurde er nach Rouen abermals als Substitut versetzt, wo er jetzt in seinem fünfzigsten Lebensjahr seit achtzehn Monaten Untersuchungsrichter war. Ohne Vermögen, aber reich an Bedürfnissen, deren Befriedigung seine mageren Einkünfte nicht gestatteten, lebte er in der Abhängigkeit eines schlecht bezahlten, nur von kleinen Leuten aufgesuchten Beamten, in welcher selbst intelligente Menschen untergehen und darauf warten, daß man sie kauft. Seine Intelligenz zeugte von einem sehr lebendigen, aufgeknöpften Verstande; er war sogar ein ehrenhafter von Liebe zu seinem Berufe erfüllter, und von seiner Allmacht als absoluter Herr über die Freiheit anderer, in sein Arbeitscabinet getretener Menschen berauschter Herr. Lediglich sein Interesse hielt seine Leidenschaftlichkeit in Grenzen, er dürstete darnach, decorirt und nach Paris versetzt zu werden. Und so ging er jetzt nur noch mit äußerster Vorsicht zu Werke, nachdem ihn am ersten Tage sein Eifer zu weit geführt hatte. Er ahnte die Abgründe, die ihn von allen Seiten umgaben und in die seine Zukunft für immer versinken konnte.

Es muß aber auch gesagt werden, daß Herr Denizet gleich bei Beginn der Untersuchung einen Wink erhalten hatte. Ein guter Freund rieth ihm, das Justizministerium in Paris aufzusuchen. Dort hatte er lange mit dem Generalsekretär, Herrn Camy-Lamotte konferirt, einer hoch in Gunst stehenden Persönlichkeit, in deren Hand das Wohl aller Angestellten lag, insofern als er die Beförderungen besorgte und mit den Tuilerien in fortwährendem Verkehr stand. Herr Camy-Lamotte war ein schöner Mann, der seine Laufbahn ebenfalls als Substitut begonnen hatte; aber Dank seiner Verbindungen und seiner Frau hatte er es verstanden, sich zum Deputirten wählen und zum Großoffizier der Ehrenlegion ernennen zu lassen. Die Sache Grandmorin war auf ganz natürliche Weise in seine Hände gelegt worden, denn der kaiserliche Prokurator in Rouen, besorgt ob dieses nicht ganz reinlichen Trauerspiels, dem ein einstiger Justizbeamter zum Opfer gefallen war, hatte die Vorsicht gebraucht, dem Minister darüber zu berichten, welcher seinerseits seinen Generalsekretär mit der Überwachung derselben betraut hatte. Es war das ein merkwürdiges Zusammentreffen der Umstände: Herr Camy-Lamotte war nämlich ein ehemaliger Mitschüler des Präsidenten Grandmorin, um einige Jahre jünger als dieser, aber mit ihm so eng befreundet, daß er ihn durch und durch kannte, selbst seine Laster. Er sprach deshalb von dem tragischen Tode seines Freundes mit großer Theilnahme und aus seiner Unterredung mit Herrn Denizet konnte dieser sein brennendes Verlangen, den Schuldigen zu erwischen, mehr als einmal heraushören. Er verbarg ihm aber auch nicht, daß man in den Tuilerien sehr ungehalten wäre über den unverhältnißmäßigen Lärm, den die Angelegenheit machte und empfahl ihm taktvoll vorzugehen. Kurz also, der Richter hatte eingesehen, daß er sich nicht übereilen und nichts ohne vorher eingeholte Genehmigung wagen dürfte. Er brachte nach Rouen die feste Ueberzeugung heim, daß der Generalsekretär seinerseits ebenfalls Agenten beauftragt habe, die ebenso begierig waren, Ruhm zu erwerben als er. Man wollte die Wahrheit wissen, um sie, wenn es nöthig sein sollte, besser zu verbergen.

Die Tage verflossen, und Herr Denizet ärgerte sich, trotzdem er sich mit Geduld zur Ruhe zwang, über die Sticheleien der Presse. Jetzt erschien auch der Polizist, die Nase im Winde wie ein guter Hund, auf der Bildfläche. Ihn trieb die Begier, die richtige Fährte zu finden, der Ruhm, der erste zu sein, der den Mörder gewittert, aber auch die Bereitwilligkeit, ihn laufen zu lassen, wenn er Befehl bekam. Vergebens harrte Herr Denizet auf einen Brief, einen Rath, ein bloßes Zeichen aus dem Ministerium, nichts kam und so machte er sich denn eifrig wieder an die Untersuchung. Zwei oder drei Verhaftungen waren erfolgt, aber keine konnte aufrecht erhalten werden. Aber die Eröffnung des Testamentes des Präsidenten bestärkte in ihm einen Verdacht, den er schon von Beginn der Untersuchung an, oberflächlich allerdings nur, empfunden hatte: die Schuldigen waren möglicherweise die Roubaud. Dieses mit merkwürdigen Schenkungen bedachte Testament enthielt auch ein Legat für Séverine, die zur erblichen Eigenthümerin des Landhauses von la Croix-de-Maufras bestimmt wurde. Damit schien ihm der bisher vergebens gesuchte Beweggrund des Mörders gefunden: die Roubaud kannten die Bestimmung und hatten es sich über sich vermocht, ihren Wohlthäter zu ermorden, um auf diese Weise den sofortigen Nießbrauch zu haben. Diese Möglichkeit wurde in ihm zu um so größerer Wahrscheinlichkeit, als er sich auch erinnerte, daß Herr Camy-Lamotte in eigenthümlicher Weise von Frau Roubaud gesprochen hatte, der er einst bei dem Präsidenten noch vor ihrer Verheirathung begegnet war. Und doch wie viele Unwahrscheinlichkeiten, wie viele materielle und moralische Unmöglichkeiten auch hier! Seit er den Gang der Untersuchung in diesem Sinne leitete, stieß er bei jedem Schritt auf Thatsachen, die seinen Entwurf einer wahrhaft klassisch erdachten gerichtlichen Untersuchung wieder über den Haufen warfen. Alles blieb dunkel wie zuvor, die große, zu Grunde zu liegende Klarheit, die Grundursache des Mordes, die, wenn gefunden, alles erhellen mußte, fehlte.

Es gab allerdings auch noch eine zweite, von Roubaud selbst angelegte Fährte, die des Mannes, der in dem Gedränge möglicher Weise ungesehen in das Koupee gelangt war; Herr Denizet hatte sie nicht außer Acht gelassen. Es war das der famose, nicht ausfindig zu machende, sagenhafte Mörder, den die Oppositionspartei als Trumpf ausspielte. Die Untersuchung machte alle Anstrengungen, das Signalement dieses Menschen zu erhalten, der von Rouen aus abgereist und in Barentin ausgestiegen sein mußte. Aber es war nichts genaues zu ermitteln gewesen, einige Zeugen leugneten selbst die Möglichkeit, daß ein reservirtes Koupee im Sturme genommen werden könne, andere machten die widersprechendsten Aussagen. Die Fährte schien zuerst nichts zu erbringen. Da stieß bei der Vernehmung des Bahnwärters Misard der Richter, ohne es gewollt zu haben, auf das tragische Abenteuer von Louisette und Cabuche, dieses Kindes, das, vom Präsidenten vergewaltigt, zu seinem guten Freunde sterben kam. Das war für ihn der Blitzstrahl der Erleuchtung, mit einem Schlage bildete sich in seinem Kopfe der Act einer klassischen Anklage. Da war ja, was er brauchte: die von dem Kärrner gegen das Opfer ausgestoßenen Drohungen, daß er ihn todtschlagen wollte, klägliche Antecedentien, ein ungeschickt vorgebrachtes und unmöglich aufrecht zu erhaltendes Alibi. Er hatte in einer Anwandlung von willensstarker Inspiration am Abend vorher Cabuche in seinem Häuschen mitten im Walde, das mehr einer abseits gelegenen Höhle ähnelte, verhaften lassen. Man hatte dort auch einen blutigen Pantoffel gefunden. So sehr Herr Denizet sich auch vornahm, seine feste Ueberzeugung nicht fallen zu lassen, so fest er sich es auch versprach, die auf die Roubaud zielende Möglichkeit noch mehr zu kräftigen, so war er doch außer sich bei dem Gedanken, daß er die einzige feine Nase gewesen, die den wirklichen Schuldigen entdeckt hätte. Um sich Gewißheit zu verschaffen, hatte er mehrere schon am Tage nach dem Morde vernommene Zeugen an dem genannten Tage in sein Kabinet entboten.

Der Untersuchungsrichter hauste nach der Rue Jeanne d'Arc hinaus in dem alten verfallenen Gebäude neben dem alten Palast der Herzöge in der Normandie, welchen es verunstaltete. Heute steht dort ein palastartiges Gerichtsgebäude. Der im Erdgeschoß gelegene große Raum wurde vom Tageslicht nur so nothdürftig erhellt, daß im Winter schon von drei Uhr an Licht gebrannt werden mußte. Er war mit einer alten verblichenen Tapete, zwei Fauteuils, vier Stühlen, einem Arbeitstische des Richters und einem kleineren für den Schreiber ausstaffirt. Auf dem ungeheizten Kamine glänzten zwei Bronzekannen neben einer Uhr aus schwarzem Marmor. Hinter dem Schreibtische führte eine Thür in ein zweites Gemach, in welchem der Richter öfter zu seiner Disposition zurückgehaltene Personen verbarg. Die Entreethür öffnete sich dann auf den großen, mit Bänken für wartende Zeugen besetzten breiten Corridor.

Obgleich die Vorladung erst auf zwei Uhr lautete, warteten die Roubaud schon seit halb zwei. Sie kamen von Havre und hatten sich kaum die Zeit genommen, in einem kleinen Restaurant der Grande Rue zu frühstücken. Beide schwarz gekleidet, er im Ueberrock, sie in Seide wie eine große Dame trugen eine etwas lässige Würde und den Kummer von Leuten zur Schau, die einen Verwandten verloren haben. Sie saß unbeweglich und stumm auf einer Bank, wahrend er stehen geblieben war und mit auf den Rücken gefalteten Händen mit kleinen Schritten vor ihr auf und ab ging. Aber so oft er umkehrte, begegneten sich die Blicke Beider und ihre heimliche Angst huschte dann wie ein Schatten über ihr stummes Gesicht. Die Erbschaft von la Croix-de-Maufras hatte sie sehr erfreut, machte sie aber zugleich auch sehr besorgt, denn die Familie des Präsidenten, vor Allem seine Tochter war geradezu außer sich über diese befremdlichen Legate, die so zahlreich waren, daß sie fast die Hälfte des ganzen Vermögens beanspruchten. Sie sprach davon, dieses Testament angreifen zu wollen. Gegen ihre ehemalige Freundin Séverine benahm sich Frau von Lachesnaye, die von ihrem Gatten aufgehetzt wurde, ganz besonders hartherzig, sie überhäufte jene mit den schlimmsten Verdächtigungen. Außerdem jagte ihn der Gedanke an ein belastendes Moment, an das Roubaud zuerst garnicht gedacht, unausgesetzt in Furcht: es war das der Brief, den er seine Frau hatte schreiben lassen, um den Präsidenten Grandmorin zur Abreise zu veranlassen. Dieser Brief mußte sich noch vorfinden, falls er nicht gleich vernichtet worden war und die Schreiberin konnte aus der Handschrift ermittelt werden.

Die Tage verstrichen, bis jetzt war glücklicher Weise nichts entdeckt worden, der Brief schien in der That vom Präsidenten zerrissen worden zu sein. Aber jede neue Vorladung vor den Untersuchungsrichter war für das verbrecherische Ehepaar nichtsdestoweniger eine Ursache kalten Schweißes unter ihrer sonst correcten Haltung als Zeugen und Erben.

Es schlug zwei Uhr, jetzt kam Jacques, und zwar von Paris. Sofort ging Roubaud ihm entgegen und streckte ihm die Hand hin.

»Sie auch hier, auch Sie hat man wieder belästigt? ... Ist diese traurige Geschichte langweilig. Man kommt damit nicht zu Stande.«

Als Jacques die noch immer unbeweglich dasitzende Séverine erblickte, blieb er stehen. Sei drei Wochen überhäufte ihn der Unter-Inspector, so oft er an jedem zweiten Tage in Havre eintraf, mit Aufmerksamkeiten. Einmal hatte er sogar eine Einladung zum Mittagessen annehmen müssen. Und als er neben der jungen Frau saß, hatte er in wachsender Verwirrung wieder den alten Schauer gefühlt. Also auch sie wollte er morden? Sein Herz schlug, seine Hände brannten, als er nur die weiße Linie ihres Halses über dem Kragen des Kleides erblickte. Er war deshalb fest entschlossen, ihr aus dem Wege zu gehen.

»Was sagt man zu der Geschichte in Paris?« fragte Roubaud. »Nichts neues, nicht wahr? Man weiß eben nichts und wird nie etwas herausbekommen ... So sagen Sie doch meiner Frau wenigstens guten Tag!«

Er zog ihn zu ihr, Jacques mußte sich ihr also nähern; er grüßte und Séverine lächelte genirt ihn nach Art scheuer Kinder an. Er zwang sich, von unbedeutenden Dingen zu sprechen, während die Augen von Mann und Frau auf ihm ruhten, als versuchten sie, hinter seinen Gedanken, in den wirren Träumen zu lesen, an die er selbst nicht zu denken wagte. Warum benahm er sich so kühl? Warum suchte er sie zu meiden? Waren seine Erinnerungen wieder wach geworden, hatte man sie zu einer Confrontation mit ihm herbeigerufen? Er war der einzige Zeuge, den sie fürchteten, ihn mußten sie mit den Banden so enger Brüderschaft an sich zu fesseln suchen, daß er nicht mehr den Muth haben durfte, gegen sie zu zeugen.

Der gequälte Unter-Inspector kam zuerst auf die Sache, selbst zurück.

»Sie wissen auch nicht, warum wir vorgeladen sind? Vielleicht hat man etwas Neues entdeckt?«

Jacques schien es gleichgültig.

»Als ich vorhin ankam, sprach man auf dem Bahnhofe von einer Verhaftung.«

Die Roubaud staunten, nicht wenig über diese Mittheilung betroffen. Wie, eine Verhaftung? Davon hätten sie nichts gehört! War dieselbe schon erfolgt oder sollte sie noch geschehen? Sie bestürmten ihn mit Fragen, auf die er keine Antwort zu geben wußte.

In diesem Augenblick hörte man im Korridor das Geräusch sich nähernder Schritte. Séverine wandte ihr Gesicht nach dieser Richtung.

»Berthe und ihr Mann,« sagte sie leise.

Es waren in der That die Lachesnaye. Sie gingen stolz an den Roubaud vorüber, die junge Frau hatte keinen einzigen Blick für ihre Genossin. Ein Gerichtsdiener führte sie sofort in das Zimmer des Untersuchungsrichters.

»Wir müssen uns noch in Geduld fassen,« meinte Roubaud. Wir sind schon gut zwei Stunden hier ... Setzen Sie sich doch.«

Er setzte sich links von Séverine und lud Jacques durch eine Handbewegung ein, auf der andern Seite seiner Frau Platz zu nehmen. Dieser folgte nicht sofort der Aufforderung. Als ihn aber ihre sanften, furchtsamen Blicke trafen, ließ er sich auch auf die Bank nieder. Wie zerbrechlich sie zwischen Beiden aussah! Er witterte ihre unterwürfige Zärtlichkeit; die leichte Wärme, die diese Frau ausstrahlte, betäubte ihn während des langen Wartens mehr und mehr, schließlich gänzlich.

Inzwischen hatte im Zimmer des Richters die Verhandlung begonnen. Der Gang der Untersuchung hatte schon ein mächtiges Actenbündel gezeitigt, mehrere in blaue Deckel geheftete Stöße Papier. Man hatte versucht, dem Opfer von Paris aus zu folgen. Der dortige Bahnhofsvorsteher, Herr Vandorpe, hatte ausgesagt, daß der Waggon 293 im letzten Augenblicke dem Zuge angehängt worden wäre, was er mit Roubaud gesprochen, daß dieser kurz vor Ankunft des Präsidenten in sein Koupee gestiegen sei und auch wie der Letztere seinen Platz gefunden hätte; das Koupee des Präsidenten sei zweifellos von keiner anderen Person betreten worden. Der Zugführer sollte aussagen, was während des zehnminütigen Aufenthalts in Rouen passirt wäre. Er konnte garnichts fest behaupten. Er hatte die Roubaud plaudernd vor ihrem Koupee stehen gesehen und mußte annehmen, daß sie dieses wieder bestiegen hatten, als der Beamte die Thüren zuwarf. Aber auch das wollte er in dem herrschenden Halbdunkel und bei dem Gedränge der Menge dahingestellt sein lassen. Er glaubte nicht an die abenteuerlich klingende Vermuthung, daß ein Mann, der famose unauffindbare Mörder, gerade als der Zug sich in Bewegung setzte, das Koupee habe öffnen können; aber es wäre ja trotzdem immerhin möglich. Soweit seine Kenntnisse reichten, war schon zweimal ähnliches geschehen. Andere Beamte vom Bahnhof in Rouen hatten durch ihre widersprechenden Aussagen über gewisse Punkte die Sache mehr verwickelt als erleuchtet. Eine beglaubigte Thatsache aber war der Händedruck, den Roubaud aus seinem Koupee heraus mit dem Bahnhofsvorsteher in Barentin, Herrn Bessière, wechselte, der zu diesem Zwecke auf das Trittbrett gestiegen war. Dieser hatte die Aussage Roubaud's in allen Theilen bestätigt und hinzugefügt, daß sein Kollege sich mit seiner Frau allein im Koupee befunden habe, die, halb angelehnt, ruhig zu schlummern schien. Dann hatte man die Reisenden ausfindig zu machen gesucht, die von Paris aus mit den Roubaud in einem Koupee gefahren waren. Die dicke Frau und der dicke Mann, Bürger aus Petit-Couronne, die im letzten Augenblick gekommen waren, hatten ausgesagt, daß sie sofort eingeschlafen wären und daher von nichts wüßten. Die schwarze Frau, die stumm in ihrer Ecke gesessen hatte, war verschwunden wie ein Schatten, ganz unmöglich, ihrer wieder habhaft zu werden. Andere Zeugen hatten über die Identität der in Barentin ausgestiegenen Reisenden aussagen müssen, denn der Mörder mußte dort den Zug verlassen haben: man hatte die Billets nachgezählt, man hatte sogar alle Reisenden wieder erkannt bis auf einen, einen großen Schlingel, der den Kopf mit einem blauen Tuche umwickelt getragen hatte und den die Einen mit einem Paletot, die Anderen mit einer Blouse bekleidet gesehen haben wollten. Auch dieser, wie ein Traum verflogener Mann, war nicht wieder zu eruiren. Dreihundert Stücke enthielt bereits das Actenbündel und nur diese unmäßige Menge hatte die Confusion herbeigeführt, denn jedes neue Zeugniß hob ein anderes wieder auf.

Und das Actenbündel erhielt auch noch andere Beläge: das vom Schreiber aufgenommene Protokoll über den Thatbestand, wie er vom kaiserlichen Prokurator und dem Untersuchungsrichter an dem Fundort des Verbrechens festgestellt worden war; es war das eine umfangreiche Beschreibung der Stelle neben den Geleisen, wo das Opfer gelegen, der Lage des Körpers, der Kleidung, der in den Taschen gefundenen Gegenstände, durch welche die Identität des Ermordeten hatte festgestellt werden können; dann den Befund des gleichfalls an den Schauplatz mitgenommenen Arztes, ein Actenstück, in welchem mit vielen medizinischen Ausdrücken die Wunde am Halse ausführlich beschrieben wurde, diese eine Wunde, ein fürchterlicher, zweifellos mit einem scharf schneidenden Instrumente, wahrscheinlich einem Messer gemachter Stich; ferner noch Protokolle über die Ueberführung der Leiche in das Hospital von Rouen, über die Zeit, die sie dort geblieben, bis die merkwürdige schnelle Zersetzung eine Auslieferung an die Familie nothwendig machte. Aber in diesem ganzen Berg von Schriftstücken waren nur zwei oder drei Punkte ernstlich zu berücksichtigen. Erstens hatte man in den Taschen des Ermordeten weder die Uhr noch eine Portefeuille gefunden; letzteres hatte zehntausend Franken enthalten, welche Summe der Präsident seiner Schwester, Frau Bonnehon schuldete und die sie erwartete. Man hätte also zweifellos sofort auf einen Raubmord geschlossen, wenn der Mörder nicht einen mit einem mächtigen Brillanten geschmückten Ring am Finger des Opfers gelassen hätte. Aus diesem Umstande ergab sich eine ganze Menge von Möglichkeiten. Auch besaß man unglücklicher Weise nicht die Nummern der Banknoten, dagegen war die Uhr bekannt, eine sehr starke Remontoiruhr mit den verschlungenen Initialen des Namens des Präsidenten auf der äußeren Kapsel und auf der innern Seite derselben mit der Chiffre des Fabrikanten und der Fabriknummer 2546. Der zweite bedeutsame Punkt war, daß die Waffe, das Messer, dessen sich der Mörder bedient hatte, zu umfassenden Recherchen längs der Strecke, in den Gebüschen, überall dort, wo er es möglicher Weise hätte fortwerfen können, Veranlassung gegeben hatte. Aber sie waren vergeblich gewesen, der Mörder mußte das Messer in demselben Loche versteckt haben wie die Uhr und das Geld. Man hatte nichts weiter aufgefunden als ungefähr hundert Meter vor der Station Barentin die Reisedecke des Opfers, die als ein compromittirender Gegenstand dort zurückgelassen worden war. Sie figurirte jetzt unter dem Belastungsmaterial.

Als die Lachesnaye eintraten, las Herr Denizet vor seinem Schreibtische stehend gerade eines der ersten Untersuchungsprotokolle noch einmal durch, welches ihm der Schreiber soeben herausgesucht hatte. Herr Denizet war ein kleiner, untersetzter, schon ergrauender Mann, mit glattrasirtem Gesicht. Die starken Backen, die quadratische Stirn, die kräftige Nase zeigten eine starre, bleiche Farbe, deren Eindruck die schweren, die klar blickenden, großen Augen halb verdeckenden Augenlider noch erhöhten. Seine ganze sich selbst zugeschriebene Weisheit und Geschicklichkeit verrieth die Mundparthie; Herr Denizet besaß den Mund eines Schauspielers, der jedes Gefühl mit außerordentlicher Geschicklichkeit an dieser Stelle zum Ausdruck bringt, der ihn zuspitzt, so oft er etwas Feines sagen will. Meistens aber verleitete den Richter seine Finesse; er war zu schlau, er spielte mit der einfachen, gesunden Wahrheit viel zu viel Versteckens. Er hat sich von seinem Berufe ein Ideal gebildet, er führte seine Thätigkeit als eine Art moralischer Anatom aus, der mit einem hochgeistigen zweiten Gesicht begabt war. Er war im Uebrigen aber nichts weniger als ein Dummkopf.

Er spielte sofort den Liebenswürdigen, denn auch er gehörte zu den Beamten, den die gute Gesellschaft von Rouen und Umgegend gern bei sich sah.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, gnädige Frau?«

Er rückte der jungen Frau selbst einen Stuhl hin. Frau von Lachesnaye war eine nüchterne, in Trauer gehüllte Blondine mit einem unangenehmen, häßlichen Gesicht. Auch zu Herrn von Lachesnaye, einem ebenfalls blonden, abgezehrten Herrn, war er sehr höflich, nur etwas mehr von oben herab. Denn dieses Männchen, der, erst sechsunddreißig Jahre alt, bereits Gerichtsrath und dekorirt war, Dank dem Einflusse seines Schwiegervaters und Vaters, der, gleichfalls Gerichtsbeamter, früher in den gemischten Commissionen gesessen hatte, stellte in seinen Augen den nach Gunst haschenden Beamten, das reiche Beamtenthum, den mittelmäßigen Geist vor, der aber weiß, daß er mit Hilfe seiner Verwandten und seines Geldes Carriere machen wird; er dagegen, arm und ohne Protektion, mußte unter dem unaufhörlich zurückfallenden Steine des Avancements für immer seinen Rechtspflegerrücken krümmen. Er war deshalb garnicht so böse, Herrn von Lachesnaye seine Allmacht in diesem engen Kabinet, daß er hier der unumschränkte Gebieter über alle sei, fühlen zu lassen. Der Zeuge brauchte nur ein einziges verdächtiges Wort zu sagen und, wenn es ihm beliebte, wurde er unverzüglich festgenommen.

»Sie verzeihen, gnädige Frau, sagte er, »daß ich Sie noch einmal mit dieser schmerzlichen Geschichte quäle. Aber ich weiß, daß Sie ebenso lebhaft als ich Klarheit hierüber haben und den Schuldigen bestraft sehen wollen.«

Er gab dem Schreiber, einem großen, gelbgesichtigen, knochigen Menschen ein Zeichen und die Verhandlung begann.

Aber schon nach den ersten an seine Frau gerichteten Fragen bemühte sich Herr von Lachesnaye, der ebenfalls sich gesetzt hatte und sah, daß man seiner Person keine Achtung schenkte, an deren Stelle zu treten. Er freute sich, seine Galle über das Testament seines Schwiegervaters hier von sich geben zu können. War so etwas erhört! Was bedeuteten diese zahlreichen Legate, die fast die Hälfte der ganzen Hinterlassenschaft absorbirten, eines Vermögens von circa drei Millionen siebenmalhunderttausend Franken? Und diese Legate fielen Leuten zu, die man zum grüßten Theile garnicht kannte, namentlich Frauen aus allen Klassen! Ja, selbst eine unter einem Thorwege der Rue du Rocher gewöhnlich stehende kleine Veilchenverkäuferin befand sich unter ihnen. Ein solches Testament war unannehmbar, er wartete nur darauf, bis die kriminelle Untersuchung abgeschlossen, um zu sehen, ob dieses unmoralische Testament nicht umzustoßen wäre.

Während er sich so mit fest aufeinander gepreßten Zähnen ereiferte und sich als den echten Trottel und querköpfigen, vor Geiz umkommenden Provinzialen hinstellte, beobachtete ihn Herr Denizet mit seinen großen, klaren, halb verdeckten Augen und sein seiner Mund drückte die eifersüchtige Verachtung dieses Menschen aus, dem zwei Millionen noch nicht genug waren und den er wahrscheinlich eines schönen Tages noch mit Hülfe seines vielen Geldes den Purpur des Höchsten würde tragen sehen. »Ich glaube, Sie würden Unrecht daran thun, mein Herr,« sagte er endlich. »Das Testament könnte nur angefochten werden, wenn die Totalziffer der Legate die Hälfte des Vermögens überschreiten würde. Das ist aber nicht der Fall.«

Dann sich an seinen Schreiber wendend meinte er: »Laurent, Sie schreiben hoffentlich nicht meine persönlichen Ansichten nieder.«

Mit einem schwachen Lächeln und der Miene eines erfahrenen Mannes beruhigte ihn sein Gehilfe.

»Aber man bildet sich doch nicht etwa ein,« fing Herr von Lachesnaye von Neuem und noch spitziger an, »daß ich la Croix-de-Maufras diesen Roubaud lassen werde? Ein solches Geschenk macht man doch nicht der Tochter eines Bedienten! Und warum, unter welcher Bezeichnung? Wenn es erst bewiesen ist, daß sie unbetheiligt an dem Verbrechen ...«

»Sie glauben wirklich daran?«

»Nun, wenn sie Kenntniß von dem Testament besaßen, ist auch ihr Interesse an dem frühzeitigen Tode meines Schwiegervaters erwiesen, denke ich ... Bedenken Sie ferner, daß sie ihn zuletzt gesprochen haben ... Mir scheint alles das sehr verdächtig.«

Ungeduldig und wieder irre an seiner neuen Voraussetzung, wandte sich der Richter an Berthe.

»Und Sie, gnädige Frau, halten Sie Ihre einstige Genossin eines solchen Verbrechens für fähig?«

Sie blickte, ehe sie antwortete, auf ihren Gatten. Die Beiden angeborene Mißgunst und Engherzigkeit hatten sich in den wenigen Monaten ihrer Ehe noch mehr entwickelt und verdoppelt. Die Schlechtigkeit war Beiden gemeinsam. Er hatte sie auf Séverine gehetzt und ihr wäre es jetzt nicht darauf angekommen, diese in's Gefängniß zu bringen, wenn sie dadurch das Landgut für sich hätte retten können.

»Mein Gott,« sagte sie endlich, »die Person, von der Sie sprechen, hatte schon als Kind sehr schlechte Instinkte.«

»Und in wiefern? Hat sie sich in Doinville schlecht aufgeführt?«

»O nein, sonst würde mein Vater sie aus dem Hause gejagt haben.«

In diesem Ausruf lag die ganze Empörung einer ehrbaren Bürgersfrau die sich keinen Fehltritt Zeit ihres Lebens hatte zu Schulden kommen lassen und die ihren Ruhm darin suchte, eine unanfechtbar, von Jedermann gegrüßte und empfangene Tugendheldin von Rouen zu sein.

»Sie hatte schlechte Eigenschaften,« fuhr sie fort, »vor allem Leichtsinn und Verschwendungssucht ... Viele Dinge, die ich damals nimmermehr geglaubt haben würde, scheinen mir heute selbstverständlich.«

Abermals zeigte Herr Denizet etwas Ungeduld. Diese Fährte hatte er schon längst fallen gelassen, wer sie noch verfolgte, war sein Gegner und schien die Unfehlbarkeit seiner Intelligenz anzuzweifeln.

»Nun, das muß alles erst noch bewiesen werden,« sagte er. »Leute wie die Roubaud tödten nicht einen Mann wie Ihren Herrn Vater, um schneller erben zu können. Ihre Hast könnte sich nur aus der Freude am Besitz und am Leben erklären; ist diese vorhanden, werde ich ihr auch auf die Spur kommen. Nein, das Mobilium ist kein ausreichender Beweis, ein andrer muß noch beigebracht werden, den aber giebt es nicht. Sie selbst könnten ihn nicht finden ... Denn, wenn Sie sich die Thatsachen vergegenwärtigen, müssen Sie nicht materielle Unmöglichkeiten konstatiren? Kein Mensch hat die Roubaud in das Koupee des Herrn Präsidenten steigen gesehen, ein Beamter behauptet sogar, daß sie ihr eigenes wieder bestiegen hätten. Und da man sie in Barentin noch in diesem eigenen Koupee gesehen und gesprochen hat, so müßten sie gerade ihren Waggon mit dem des Präsidenten, die drei andere Waggons von einander trennten, gewechselt haben und das während der wenigen Minuten der Fahrt von Rouen nach Barentin, denn der Zug war ein Eilzug. Ist das anzunehmen? Ich habe Lokomotivführer und Zugführer gefragt. Alle sagten mir, nur die tägliche Gewohnheit allein könnte solche Kaltblütigkeit und Energie verleihen ... Die Frau wäre dann jedenfalls nicht bei der Mordthat zugegen gewesen, der Mann müßte sie gerade ohne sie gewagt haben. Aber warum, warum einen Beschützer tödten, der ihm soeben erst aus einer bedenklichen Klemme geholfen hatte? Nein, nein, entschieden nicht! Diese Voraussetzung läßt sich nicht aufrecht erhalten, wir müssen an andrer Stelle suchen ... Es giebt vielleicht einen Mann, der in Rouen eingestiegen und auf der nächsten Station ausgestiegen ist, der vielleicht Drohungen gegen das Opfer ausgestoßen hat ...«

In seiner Leidenschaft hätte er fast zu viel von seinem neuen System gesagt, als plötzlich die Thür sich öffnete und sich der Kopf des Gerichtsdieners durch die Spalte drängte. Aber noch ehe dieser ein Wort gesprochen hatte, öffnete eine behandschuhte Frauenhand die Thür vollständig und eine Blondine in sehr eleganter Trauerkleidung trat ein, eine trotz ihrer fünfzig Jahre noch schöne Frau von der gesättigten und vollen Schönheit einer gealterten Göttin.

»Ich bin es, mein lieber Richter. Ich habe mich verspätet, doch werden Sie mich hoffentlich entschuldigen? Die Wege sind heute nicht zu passiren, aus den drei Meilen bis Doinville sind heute sechs geworden.«

Herr Denizet hatte sich galant erhoben.

»Sie befinden sich wohlauf seit dem letzten Sonntag verehrte Frau?«

»Sehr wohl. Und Sie, mein lieber Richter, haben Sie sich von dem Schrecken erholt, den Ihnen mein Kutscher bereitet hat? Der Bursche hat mir erzählt, daß er Sie auf der Rückkehr nur zwei Kilometer vom Schloß entfernt beinahe umgeworfen hätte.«

»O, nur ein bloßer Anprall, ich weiß garnichts mehr davon ... Ich bitte, nehmen Sie Platz und verzeihen Sie mir, wie ich soeben auch zu Frau von Lachesnaye sagte, wenn ich Ihren Schmerz über diese abscheuliche Angelegenheit noch einmal wachrufen muß.«

»Mein Gott, wenn es sein muß ... Guten Tag, Berthe, guten Tag, Lachesnaye.«

Das war Frau Bonnehon, die Schwester des Ermordeten. Sie umarmte ihre Nichte und drückte deren Mann die Hand. Seit dreißig Jahren war sie Wittwe. Ihr Mann, ein Industrieller, hatte ihr zu ihrem eigenen Reichthum noch ein großes Vermögen hinterlassen. Bei der Theilung mit ihrem Bruder fiel ihr die Domaine Doinville zu. Dort führte sie ein angenehmes Leben voller Herzensromane, wie man sich erzählte, doch ihr Benehmen war ein so correctes und ehrlich freimüthiges, daß sie die Königin der Gesellschaft von Rouen geblieben war. Ihre Freunde erwählte sie sich, durch die Umstände, Vielleicht auch durch den Zug des Herzens genöthigt, aus dem Beamtenstand; in ihrem Schlosse empfing sie den gesammten Richterstand von Rouen und ihre Wagen führten ihr ununterbrochen Gäste aus diesen Kreisen zu. Selbst jetzt schlug ihr Herz noch immer stürmisch; man hatte sie im Verdacht mütterlicher Zuneigung zu einem jungen Substituten, dem Sohne eines Hofrathes, Herrn Chaumette; sie arbeitete an der Beförderung des Sohnes und überhäufte den Vater mit Einladungen und Aufmerksamkeiten. Auch besaß sie noch von alten Zeiten her einen guten Freund, ebenfalls Gerichtsrath und Junggeselle, Herrn Desbazeilles, den litterarischen Stolz von Rouen, dessen sein gedrechselte Sonnets man allenthalben citirte. Jahrelang hatte er in Doinville sein eigenes Zimmer gehabt. Jetzt, obwohl er die sechzig schon überschritten erschien er noch immer als alter Kamerad zu den Diners, den die Gicht nur noch die Erinnerung an vergangene Freuden gestattete. Sie wahrte sich ihre königliche Herrschaft trotz des drohend herannahenden Alters durch ihre liebenswürdige Grazie und Niemand dachte daran, ihr dieselbe streitig zu machen. Seit dem letzten Winter allerdings hatte sie eine Rivalin in Frau Leboucq, der Gattin eines Rathes, einer großen, in der That sehr schönen brünetten Dame von zweiunddreißig Jahren, die viele Herren des Beamtenstandes zu fesseln verstand. Dieser Umstand allein konnte etwas Melancholie in ihre sonst ewig heitere Laune mischen.

»Wenn Sie also gestatten, meine verehrte Frau,« sagte Herr Denizet, »möchte ich auch Ihnen einige Fragen vorlegen.«

Das Verhör der Lachesnaye war beendet, doch er verabschiedete sie noch nicht; sein so ödes, frostiges Kabinet verwandelte sich in einen Salon der guten Gesellschaft. Der phlegmatische Schreiber bereitete sich von Neuem zum Protokolliren vor.

»Ein Zeuge hat von einer Depesche gesprochen, die Ihr Herr Bruder empfangen und die ihn sofort nach Doinville gerufen haben soll ... Wir haben eine solche Depesche nicht auffinden können. Haben Sie eine solche an Ihren Herrn Bruder gerichtet?«

Die sehr aufgeräumte, freundlich lächelnde Frau Bonnehon antwortete ganz im Tone freundschaftlichen Geplauders.

»Ich habe meinem Bruder nicht geschrieben, ich erwartete ihn allerdings, ich wußte, daß er kommen würde, aber ein bestimmter Tag war nicht festgesetzt worden. Gewöhnlich fiel er mir unvermuthet in's Haus und meistens in der Nacht. Da er einen alleinstehenden Pavillon im Park bewohnte, der sich auf eine öde Landstraße öffnete, so haben wir ihn nie ankommen gehört. Er miethete in Barentin einen Wagen und zeigte sich mitunter erst sehr spät am nächsten Tage, wie wenn ein seit langem bei mir heimischer Nachbar auf freundschaftlichen Besuch kommt ... Diesmal erwartete ich ihn deshalb, weil er mir behufs eines Ausgleichs unsres Contos zehntausend Franken bringen wollte. Er hatte diese Summe jedenfalls bei sich. Aus diesem Grunde glaube ich auch noch immer, daß man ihn ermordete, um ihn berauben zu können.«

Der Richter erwiderte nicht gleich, dann sah er ihr scharf in's Gesicht und fragte:

»Was halten Sie von Frau Roubaud und ihrem Manne?«

Sie machte eine Bewegung heftiger Abwehr.

»Aber mein lieber Herr Denizet, Sie werden doch diesen braven Leuten nichts in die Schuhe schieben wollen ... Séverine war ein gutes, sehr sanftes, ja selbst sehr gelehriges, überaus entzückendes Kind, sie kann sich nicht verschlechtert haben. Da Sie es wünschen, so wiederhole ich nochmals ausdrücklich, daß ich die Beiden keiner ehrlosen Handlung für fähig halte.«

Der Richter nickte mit dem Kopfe, er warf einen triumphirenden Seitenblick auf Frau von Lachesnaye, die pikirt jetzt intervenirte.

»Ich finde. Du bist sehr leichtgläubig, liebe Tante.«

»So lasse mich nur Berthe, über diesen Punkt werden wir Beide uns doch nie verständigen ... Sie war stets fröhlich und lachte gern, sie that recht so ... Ich weiß genau, wie Ihr, Du und Dein Gatte, gesinnt seid. Aber jetzt muß das Geldinteresse Euch vollends den Kopf verdreht haben, sonst würdet Ihr nicht so erstaunt über das der guten Séverine seitens Deines Vaters gemachte Legat von la Croix-de-Maufras sein. Er hat sie erziehen lassen, er hat sie ausgestattet, nichts natürlicher, als daß er sie auch in seinem Testament bedachte. Hat er sie nicht geradezu als seine leibliche Tochter angesehen? ... O, meine Liebe, das Geld ist doch ein so unbedeutender Faktor des Glücks!«

Ihr, die stets in größtem Ueberfluß gelebt, war jedes materielle Interesse völlig fremd. Mit dem Raffinement einer angebeteten Frau lehrte sie, daß das wahre Leben nur im Dienste der Schönheit und Liebe stehe.

»Roubaud gerade hat von dieser Depesche gesprochen,« bemerkte Herr von Lachesnaye trocken. »Wenn der Präsident keine Depesche empfangen hat, konnte er Jenem auch nicht erzählen, daß er eine solche erhalten hätte. Warum also hat Roubaud gelogen?«

»Der Präsident kann sehr wohl,« ereiferte sich jetzt auch Herr Denizet, »das Eintreffen der Depesche vorgeschützt haben, um den Roubaud seine plötzliche Abreise erklärlich zu machen. Nach ihrer eigenen Aussage wollte er erst am folgenden Tage fahren. Da sie ihn aber unerwartet in demselben Zuge antrafen, mußte er schon eine Ausrede erfinden, um ihnen nicht den wahren Grund seiner Reise mitzutheilen, den wir Alle übrigens nicht kennen ... Dieser Umstand ist völlig bedeutungslos und führt zu nichts.«

Abermaliges Schweigen. Als der Richter fortfuhr, ging er völlig beruhigt und vorsichtig zu Werke.

»Ich muß jetzt einen delikaten Gegenstand berühren, meine Gnädigste, ich bitte also schon im Voraus um Entschuldigung wegen der Natur meiner Fragen. Niemand respektirt mehr als ich das Andenken Ihres Herrn Bruders ... Man sagte ihm nach, daß er viele Liebschaften unterhalten habe. Ist dem so?«

Frau Bonnehon lächelte abermals, ihre Duldsamkeit schien unerschöpflich.

»In seinem Alter, mein werther Herr! ... Mein Bruder war schon frühzeitig Wittwer, ich habe mir nie das Recht angemaßt zu tadeln, was er für gut fand. Er hat nach seinen Neigungen gelebt und ich habe mich in nichts hineingemischt. Ich weiß nur, daß er seinem Stande nichts vergeben hat und bis zu seinem Lebensende ein Mann der besten Gesellschaft geblieben ist.«

Berthe, empört, daß man vor ihr von den Liebschaften ihres Vaters sprach, hatte die Augen gesenkt, während ihr Gatte, ebenso genirt wie sie an das Fenster getreten war und den Anwesenden den Rücken kehrte.

»Verzeihen Sie, wenn ich diesen Gegenstand noch nicht fallen lasse,« beharrte Herr Denizet. »Ist im Schloß nicht etwas mit einem jungen Hausmädchen passirt?«

»Ach, Sie meinen Louisette? .. Ja, lieber Herr, dieses Kind steckte voller Laster. Schon zu vierzehn Jahren hatte sie ein Verhältniß mit einem schon vorbestraften Burschen. Man hat ihren Tod gegen meinen Bruder auszubeuten versucht. Das ist eine Gemeinheit; ich will Ihnen die Geschichte erklären.«

Sie sprach zweifellos im guten Glauben. Obwohl sie wußte, woran sie mit der Sittenlosigkeit ihres Bruders war, und obgleich sein tragischer Tod sie nicht im Geringsten überrascht hatte, fühlte sie doch die Notwendigkeit einer Vertheidigung der hohen Stellung ihrer Familie. Was nun diese unglückselige Geschichte mit Louisette betraf, so war auch sie überzeugt, daß der Präsident jener nachgestellt habe, ebenso aber davon, daß jene bereits vorher Verkehr mit Männern gehabt.

»Stellen Sie sich ein junges Mädchen vor, klein, zierlich, blond und rosig wie ein Engelchen und dazu so sanft, so göttlich mild, daß man ihr den ganzen Himmel auch ohne Beichte vom Gesicht las ... Schön! dieser Engel war schon im Alter von vierzehn Jahren die Busenfreundin eines brutalen Menschen, eines Karrenführers, Namens Cabuche, der wegen Todtschlags erst kurz vorher fünf Jahre Gefängniß verbüßt hatte. Dieser Mensch hauste wie ein Wilder im Walde von Bécourt, wo ihm sein vor Kummer gestorbener Vater eine aus Baumstämmen und Erde geformte elende Hütte hinterlassen hatte. Dort beutete er die verlassenen Steinbrüche aus, die in früheren Zeiten gewiß die Hälfte der Steine, aus denen Rouen erbaut ist, hergegeben haben. Hier im Dunkel dieser Löcher suchte die Kleine ihren Wärwolf auf, den das ganze Land fürchtet und wie einen Verpesteten flieht, so daß er einsam und abgeschlossen von der Welt leben muß. Oft begegnete man Beiden, wenn sie Hand in Hand durch die Wälder streiften, sie so winzig, er dagegen wie ein Riese und wildes Thier zugleich. Ein unglaubliches Verhältniß! Ich habe natürlich diese Dinge erst später erfahren. Ich hatte Louisette fast nur aus Mitleid zu mir genommen, um ein gutes Werk zu thun. Ihre Eltern, die Misard, die mir als arme Leute bekannt waren, hatten sich natürlich schön gehütet, mir zu sagen, daß sie das Kind trotz aller Schläge nicht haben abhalten können, zu Cabuche zu laufen, sobald eine Thür im Hause offen stand ... Und dann passirte das Unglück. Mein Bruder hatte in Doinville keinen Diener um sich. Louisette und eine zweite Frau besorgten die Aufwartung in dem kleinen Pavillon, den er sich reservirt hatte. Eines schönen Morgens hatte sie sich allein dorthin begeben und kam nicht wieder. Nach meiner Meinung war ihre Flucht schon seit langer Zeit geplant worden, vielleicht hatte ihr Liebster sie erwartet und entführt ... Aber das Schreckliche war, daß fünf Tage später das Gerücht von dem Tode Louisette's in Folge eines von meinem Bruder versuchten Unsittlichkeitsattentates umherlief. Die näheren Umstände sollten so ungeheuerliche gewesen sein, daß die Kleine halb wahnsinnig zu Cabuche gekommen, wie man erzählte, und bei ihm an einer Gehirnentzündung gestorben wäre. Was eigentlich vorgegangen, ist schwer zu enträthseln. Man horte zu widersprechende Gerüchte. Ich für meinen Theil glaube, daß Louisette an einem Fieber gestorben ist, das sie sich, so lautet auch die ärztliche Meinung, durch ihr nächtliches Umherstreifen in der Nähe der Sümpfe geholt hat ... Ich hoffe. Sie sehen ein, mein weither Herr, daß nicht mein Bruder die Kleine gemordet hat. Das wäre zu häßlich, ja unmöglich.«

Herr Denizet hatte dieser Erzählung aufmerksam gelauscht und weder Billigung noch Mißbilligung geäußert. Frau Bonnehon fühlte sich schließlich etwas verlegen und entschloß sich daher noch zu der Aeußerung:

»Mein Gott, ich will nicht behaupten, daß mein Bruder nicht mit ihr gescherzt hätte. Er liebte die Jugend, trotz seiner strengen Amtsmiene war er stets ein Lebenslustiger. Nehmen wir sogar an, er hätte sie öfter in seine Arme geschlossen.«

Bei diesen Worten empörte sich das verletzte Schamgefühl der Lachesnaye.

»Aber Tante!«

Diese aber zuckte die Schultern: »Warum vor Gericht lügen?«

»Er hat sie umarmt, vielleicht auch gehätschelt. Das ist weiter kein Verbrechen ... Ich will diese Dinge zugeben, denn der Kärrner hat sie nicht erfunden. Louisette muß die Lügnerin und Lästerin gewesen sein, sie hat alles in's Ungeheuerliche gezogen, um bei ihrem Geliebten bleiben zu können, der als brutaler Mensch schließlich auf Treue und Glauben sich eingebildet hat, man habe ihm sein Verhältniß getödtet ... Er war thatsächlich fast toll vor Wuth und hat in allen Kneipen wiederholt, daß er den Präsidenten wie ein Schwein abstechen würde, wenn er ihm einmal in die Hände fallen sollte.«

Der bis dahin schweigsame Richter unterbrach sie lebhaft:

»Das hat er wirklich gesagt, sind Zeugen da, die es bestätigen können?«

»Sie werden mehr, als nothwendig ist, finden, lieber Richter ... Es ist eine traurige Geschichte gewesen, der Verdruß wollte garnicht aufhören. Glücklicher Weise machte die Stellung, die mein Bruder einnahm, ihn über jeden Verdacht erhaben.«

Frau Bonnehon begriff jetzt, welche Spur Herr Denizet verfolgte. Es machte sie das besorgt, sie brach also lieber ab, um nicht noch mehr in die Sache verwickelt zu werden! Der Richter hatte sich erhoben, er wollte die schmerzliche Gefälligkeit der Familie nicht noch länger in Anspruch nehmen, meinte er. Der Schreiber las auf seine Anordnung hin die Protokolle vor, damit sie von den Anwesenden unterzeichnet werden konnten. Die Wiedergabe des Verhörs war eine tadellos correcte, alle überflüssigen und kompromittirenden Worte waren fortgelassen, so daß Frau Bonnehon mit der Feder in der Hand es nicht unterlassen konnte, einen wohlwollenden Blick angenehmer Ueberraschung auf diesen knochigen, bleichen Herrn Laurent zu werfen, den sie vorher garnicht beachtet hatte.

Als der Richter sie, wie auch ihre Nichte und deren Mann, zur Thür begleitete, drückte sie ihm die Hand.

»Auf baldiges Wiedersehen, nicht wahr? Sie wissen, daß Sie stets willkommen in Doinville sind ... Sind Sie doch einer meiner letzten Getreuen.«

Ein melancholischer Hauch umflorte ihr Lächeln, während ihre Nichte mit eisiger Miene und mit oberflächlichem Gruße zuerst das Zimmer verließ.

Als sich Herr Denizet allein befand, athmete er etwas auf. Er war nachdenklich stehen geblieben. Für ihn war die ganze Angelegenheit jetzt klar, zweifellos hatte Grandmorin, der dafür bekannt war, Gewalt angewendet. Dieser Umstand machte die Untersuchung kitzlich, er nahm sich deshalb vor, sehr vorsichtig zu sein, bis nähere Anweisungen aus dem Ministerium eingetroffen sein würden. Nichtsdestoweniger triumphirte er. Endlich hatte er den Schuldigen erfaßt.

Als er seinen Platz hinter dem Schreibtische wieder eingenommen hatte, klingelte er dem Diener.

»Lassen Sie den Jacques Lantier eintreten.«

Auf der Bank im Korridor warteten die Roubaud mit ihren zugeknöpften, von der Ungeduld, die sie zeigen mußten, wie eingeschläferten und nur ab und zu von einem nervösen Zucken überhuschten Gesichtern noch immer. Die Stimme des Gerichtsdieners, der Jacques hereinrief, schien sie zu erwecken, ein flüchtiges Erzittern überlief sie. Sie folgten ihm mit ihren sich erweiternden Augen und sahen ihn bei dem Richter verschwinden. Dann versanken sie wieder in ihre schweigsame Haltung.

Diese ganze Geschichte machte Jacques schon seit drei Wochen krank, als müßte sie schließlich sich gegen ihn wenden. Das war zwar unvernünftig, denn ihm konnte nichts zur Last gelegt werden, nicht einmal, daß er Schweigen bewahrte; trotzdem betrat er das Zimmer des Untersuchungsrichters mit dem unbehaglichen Gefühl, als sei er der Schuldige und sähe sein Verbrechen entdeckt. Deshalb schützte er sich gegen die ihm vorgelegten Fragen und hütete sich, zu viel zu sagen. Las man es ihm nicht an den Augen ab, daß auch er zu morden fähig war? Nichts war ihm unangenehmer als gerichtliche Vorladungen. Er fühlte so etwas wie zornige Empörung darüber und erklärte stets, seine Zeit sei viel zu kostbar, als mit solchen ihn nichts angehenden Geschichten vertrödelt zu werden.

Herr Denizet verlangte diesmal von ihm nur ein Signalement des Mörders. Jacques war der einzige Zeuge, der Jenen erblickt und genauere Aussagen in dieser Beziehung machen konnte. Aber auch diesmal ging er über seine erste Aussage nicht hinaus, er wiederholte, daß die Todtschlagsscene für ihn nur eine in knapp einer Sekunde erblickte Vision, ein so flüchtiges Bild wäre, daß es völlig formenlos und ganz losgelöst in seiner Erinnerung hafte. Es war eben ein Mann gewesen, der einen zweiten abschlachtete, nichts mehr. Eine halbe Stunde hindurch quälte ihn der Richter mit einer schleichenden Hartnäckigkeit und legte ihm die gleiche Frage in allen möglichen Variationen vor: war er groß, war er klein, hatte er einen Bart, hatte er lange oder kurze Haare, wie war er gekleidet, welcher Gesellschaftklasse schien er anzugehören? Und Jacques konnte in seiner Verwirrung nur konfuse Antworten geben.

»Nun, würden Sie ihn wiedererkennen,« fragte schließlich Herr Denizet brüsk und sah ihn scharf an, »wenn man ihn Ihnen zeigte.«

Ein Angstgefühl, hervorgezaubert durch diesen sich in sein Gehirn bohrenden Blick ließ ihn die Augenlider niederschlagen. Er fragte sein Gewissen laut um Rath.

»Ihn wiedererkennen ... ja ... vielleicht.«

Aber schon trieb ihn seine befremdliche Furcht vor einer unbewußten Mitschuld wieder seinem Ausfluchtssystem in die Arme.

»Trotzdem, nein, ich glaube nicht, ich könnte meine Behauptung nie als feststehend betrachten. Bedenken Sie doch! Eine Schnelligkeit von achtzig Kilometern in der Stunde!«

Mit einer Bewegung der Entmuthigung nöthigte ihn der Richter zum Sitzen, um ihm Zeit zu lassen, sich eines Bessern zu besinnen.

»Bleiben Sie hier und setzen Sie sich.«

Er klingelte abermals dem Diener:

»Lassen Sie Herrn und Frau Roubaud eintreten.«

Gleich, als sie in die Thür traten, bemerkten sie Jacques, beunruhigt begegneten sich ihre Augen. Hatte er gesprochen, hielt man ihn zurück, um ihn mit ihnen zu konfrontiren? Alle ihre Sicherheit entfloh, als sie Jenen noch anwesend fanden. Sie antworteten zuerst auch mit umflorter Stimme. Der Richter aber ging nur ihr erstes Verhör nochmals durch, sie brauchten nur dieselben identischen Sätze zu wiederholen, während er mit gesenktem Haupte, ohne sie anzusehen, zuhörte.

Plötzlich wandte er sich an Séverine.

»Sie haben dem Polizeicommissär, der mir das Protokoll hier übersandt hat, erzählt, Madame, daß in Rouen ein Mann in das Koupee gestiegen sei, gerade als sich der Zug in Bewegung setzte.«

Sie war betroffen. Warum kam er darauf zurück? War das eine Falle? Wollte er sie zum Widerspruch gegen ihre erste Aussage verleiten? Sie blickte hilflos ihren Mann an und dieser kam ihrer Antwort klug zuvor.

»Ich glaube nicht, Herr Richter, daß sich meine Frau so bestimmt geäußert hat.«

»Bitte um Verzeihung ... Ihre Frau hat von einer Möglichkeit dieses Factums nichts, dagegen gesagt: »Es muß als gewiß betrachtet werden, daß ...« Nun gut, Frau Roubaud, ich wünsche zu wissen, welch einen besonderen Grund Sie hatten, so zu sprechen.«

Sie wurde nun vollends wirr, sie fühlte, daß wenn sie sich jetzt widerspräche, er sie Antwort für Antwort widerlegen und ihr ein Geständniß entreißen würde. Aber antworten mußte sie.

»O, Herr Richter, keinen besonderen Grund ... Ich habe das auf Grund bloßer Ueberlegung gesagt, weil es in der That schwierig ist, sich die ganze Sache anders zu denken.«

»Sie selbst haben also einen Mann nicht gesehen, Sie können uns über ihn keine Aufschlüsse geben?«

»Nein, durchaus keine!«

Herr Denizet schien diesen Punkt fallen zu lassen. Er kam aber, zu Roubaud gewandt, sofort darauf zurück.

»Und wie kommt es, daß Sie diesen Mann nicht gesehen haben, wenn er wirklich in das Koupee gestiegen ist? Aus Ihrer Aussage erhellt, daß Sie noch mit dem Opfer sprachen, als die Lokomotive schon zur Abfahrt pfiff?«

Dieses Drängen erschreckte den Unter-Inspector vollends. Vor Angst wußte er nicht, was thun, sollte er den Strohmann fallen lassen oder ihn aufrecht erhalten. Wenn man gegen ihn Beweise hatte, so war die Voraussetzung eines unbekannten Mörders kaum beizubehalten, sie konnte sogar den Fall verschlimmern. Vorläufig wollte er sich auf das Abwarten verlegen und gab deshalb konfuse Erklärungen ab.

»Es ist in der That ärgerlich,« meinte Herr Denizet, »daß Ihr Gedächtniß so schwach ist, denn Sie gerade könnten uns helfen, die Verdächtigung vieler Personen auf einen Einzigen zu konzentriren.«

Das schien direct auf Roubaud gemünzt, der sich sofort beeilte, sich rein zu waschen. Er sah sich entdeckt und sein Entschluß stand nun fest.

»Sie werden doch begreifen, daß man, wo das Gewissen so sehr mitspricht, zögert, nichts natürlicher. Wenn ich Ihnen auch sage, ja, ich glaube wohl den Mann gesehen zu haben, so ...«

Der Richter konnte seinen Triumph nicht verbergen, glaubte er doch Jenem durch seine Geschicklichkeit die Zunge gelöst zu haben. Er meinte die befremdliche Angst so mancher Zeugen, zu sagen, was sie wüßten, aus Erfahrung zu kennen und schmeichelte sich. Jene jetzt gegen ihren Willen zur Aussage gezwungen zu haben.

»So reden Sie ... Wie sieht er aus? Klein, groß, so von Ihrer Statur?«

»Bewahre, viel größer ... Ich habe wenigstens so die Empfindung, ich glaube dieses Individuum gestreift zu haben, als ich zu meinem Waggon zurückeilte.«

»Einen Augenblick,« sagte Herr Denizet.

Und sich an Jacques wendend, fragte er:

»Der Mann, den Sie mit dem Messer in der Hand gesehen haben, war er größer als Herr Roubaud?«

Der Lokomotivführer, der schon ungeduldig wurde, denn er fürchtete den fünf Uhr Zug zu verpassen, erhob prüfend die Augen. Er schien Roubaud vorher nie so recht betrachtet zu haben, er war selbst erstaunt, ihn klein und gedrungen mit einem schon anderswo gesehenen, vielleicht geträumten eigentümlichen Profil zu erblicken.«

»Nein,« sagte er leise, »er war nicht viel größer, fast in gleicher Statur.«

Aber der Unter-Inspector protestirte lebhaft.

»O, wenigstens um einen Kopf größer,«

Jacques' weitgeöffnete Augen ruhten auf ihm und unter diesem, eine wachsende Ueberraschung verrathenden Blick krümmte sich Roubaud, als wollte er vor seiner eigenen Aehnlichkeit fliehen. Auch seine Frau folgte stumm und wie zu Eis erstarrt der schwerfälligen Arbeit des Gedächtnisses, die sich auf dem Gesicht des jungen Mannes widerspiegelte. Dieser war erstaunt über gewisse Analogien zwischen Roubaud und dem Mörder und allmählich wurde es in ihm zur Gewißheit, daß dieser der Mörder sei, als solchen hatte ihn das Gerücht auch schon längst beargwöhnt. Diese Entdeckung nahm ihn jetzt vollends gefangen; mit offenem Munde saß er da. Keiner wußte, was jetzt kommen würde. Jacques selbst wußte es nicht einmal. Sprach er, war das Ehepaar verloren. Die Augen Roubaud's waren den seinen begegnet, beide blickten sich auf den Grund ihrer Seelen. Es trat eine kleine Pause ein.

»Sie stimmen also nicht überein,« sagte Herr Denizet. »Haben Sie ihn nur klein gesehen, so mag das daher kommen, weil er im Kampfe mit seinem Opfer eine gebückte Stellung einnahm.«

Auch er beobachtete die beiden Männer. Er hatte garnicht daran gedacht, diese Confrontation auszunutzen; aber mit berufsmäßigen Instinct fühlte er, daß in diesem Augenblick die Wahrheit in der Luft schwebte. Sogar sein Vertrauen zu der Fährte Cabuche gerieth in's Wanken. Hatten die Lachesnaye wirklich Recht? Waren gegen alle Wahrscheinlichkeit dieser achtbare Beamte und seine sanfte Frau wirklich die Thäter?

»Hatte der Mann einen Vollbart wie Sie?« fragte er Roubaud.

Dieser hatte die Kraft, zu antworten, ohne daß seine Stimme zitterte.

»Einen Vollbart? Nein! So viel ich weiß, hatte er gar keinen Bart.«

Jacques fühlte, daß ihm dieselbe Frage vorgelegt werden würde. Was sollte er sagen? Er hätte darauf geschworen, daß der Mörder einen Vollbart getragen habe. Im Grunde genommen, was gingen ihn jene Leute an, warum sollte er nicht die volle Wahrheit sagen? Aber als er seine Augen von dem Manne fortwandte, begegnete er denen der Frau. Und in deren Blick las er eine so glühende Bitte, die so völlige Hingabe ihrer ganzen Person, daß er sich wie umgewandelt fühlte. Sein alter Schauder überlief ihn wieder; liebte er Jene, war sie es, die er lieben wollte, wahr lieben sollte ohne den ungeheuerlichen Wunsch ihrer Vernichtung zu empfinden? Eine eigenthümliche Rückwirkung seiner Verwirrung verdunkelte in diesem Augenblick sein Denken, er fand keine Aehnlichkeit mehr zwischen Roubaud und dem Mörder. Die Vision wurde undeutlich, ein so gewichtiger Zweifel beschlich ihn, daß er ewige Reue gefühlt haben würde, wenn er gesprochen hätte. »Hatte der Mann einen Vollbart wie Herr Roubaud?« fragte ihn Herr Denizet.

»Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, Herr Richter. Es ging alles zu schnell vorüber. Ich weiß nichts und will nichts behaupten.«

Aber Herr Denizet ging von dem Thema nicht ab, denn er wollte mit dem auf dem Unter-Inspector ruhenden Verdacht ein für alle Male in's Reine kommen. Er drängte diesen, er drängte den Lokomotivführer und erhielt endlich von Ersterem ein dahingehendes Signalement, daß der Mörder groß und stark gewesen sei, keinen Bart, aber eine Blouse getragen habe, kurz ganz das Gegentheil von Roubaud's eigener äußerer Erscheinung. Vom Zweiten bekam er nur Ausflüchte heraus, welche die Behauptungen Roubaud's erst recht bekräftigten. Der Richter kam zu seiner ersten Ueberzeugung zurück; er befand sich entschieden an der richtigen Fährte, das Porträt, welches der Zeuge von dem Mörder entwarf, war so exact, daß jeder neue Zug die Gewißheit verstärken mußte. Gerade dieses, so ungerechtfertigt verdächtige Ehepaar machte durch seine erdrückende Aussage den Kopf des Schuldigen fallen.

»Gehen Sie dort hinein,« sagte er zu den Roubaud und Jacques und ließ sie das nebenan gelegene Zimmer betreten, nachdem sie das Protokoll unterschrieben hatten. »Warten Sie, bis ich Sie rufe.«

Er gab unverzüglich den Befehl, den Gefangenen vorzuführen. Er war so glücklich, daß er sich gut gelaunt an seinen Schreiber mit den Worten wandte:

»Laurent, wir haben ihn.«

Die Thür sprang auf und zwei Gensdarmen schoben einen großen Burschen im Alter von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren in das Zimmer. Auf ein Zeichen des Richters zogen sie sich zurück und Cabuche blieb allein und eingeschüchtert, mit der verstörten Miene eines eingefangenen wilden Thieres mitten im Zimmer stehen. Er war ein blonder Kerl mit kraftstrotzendem Halse, mächtigen Fäusten einer überraschend weißen Haut und spärlichem Bart, ein goldener, wie Seide so weicher Flaum beschattete kaum seine Lippen. Das massige Gesicht, die niedre Stirn drückten die Heftigkeit eines bornirten Wesens aus, das nur nach der ersten Empfindung zu handeln pflegt; zugleich aber drückte sich in dem breiten Munde und der eckigen Nase die Bereitwilligkeit gutmüthiger, hündischer Unterwürfigkeit aus. Am frühen Morgen aus seinem Loch in der Forst geholt und mit ihm unverständlichen Anklagen überhäuft, glich er in seiner Bestürzung, mit der zerrissenen Blouse und seinem zweideutigen Blick ganz einem tückischen Banditen. Das Gefängniß giebt ja auch ehrenwerthen Leuten solch ein Aussehen. Die Dämmerung brach herein, das Gemach hüllte sich in Dunkelheit. Der Diener brachte eine große Lampe herein, deren blendendes Licht ihm direct in's Gesicht fiel. Er starrte unbeweglich in die Flamme, als wäre er schon überführt.

Herr Denizet hatte sofort seine großen, klaren Augen mit den schweren Lidern auf ihn geheftet. Er sagte noch nichts, der erste Versuch, seine Macht auszuüben, war eine stumme Nöthigung, dann erst sollte der wilde Kampf, dieser Krieg voller Listen, Fallen und moralischer Folterungen beginnen. Dieser Mann war der Schuldige, er war vogelfrei und brauchte nur das Geständniß seiner Schuld abzulegen.

Das Verhör begann sehr gelassen.

»Ihr wißt, wessen man Euch beschuldigt?«

»Man hat es mir nicht gesagt, aber ich glaube, es zu wissen,« antwortete Cabuche und seine Stimme grollte dumpf vor ohnmächtigem Zorn. »Man hat genug darüber geredet.«

»Sie kannten Herrn Grandmorin?«

»Ja, ich kannte ihn nur zu gut!«

»Ein Mädchen, Namens Louisette, Euer Verhältniß, war Hausmädchen bei Frau Bonnehon?«

Den Kärrner packte die Wuth. In seinem Zorn schwamm ihm alles roth vor den Augen.

»In des Teufels Namen, die das sagen, sind infame Lügner. Louisette war nicht mein Verhältniß.«

Der Richter hatte neugierig diesem Aufruhr zugesehen. Er machte eine kleine Abschwenkung und sagte:

»Ihr seid etwas heftig. Ihr hattet schon einmal fünf Jahre abzumachen, weil Ihr im Streite einen Mann getödtet habt.«

Cabuche senkte den Kopf. Diese Verurtheilung war seine Schande.

»Er hatte zuerst geschlagen,« murmelte er ... »Ich habe nur vier Jahre gesessen, man hat mir das fünfte erlassen.«

»Ihr behauptet also, daß die Louisette nicht Euer Verhältniß war?«

Er ballte abermals die Fäuste. Dann sagte er mit gedämpfter Stimme und in abgebrochenen Sätzen:

»So begreifen Sie doch, sie war ja noch ein halbes Kind, erst vierzehn Jahre, als ich von dort zurückkehrte ... Damals floh mich alle Welt, man hatte mich gesteinigt. Nur sie, der ich im Walde täglich begegnete, näherte sich mir und sprach so lieb, so lieb mit mir ... So wurden wir Freunde. Gingen wir zusammen im Walde umher, war es immer Hand in Hand. Jene Zeit war so schön, so schön! Sie wurde größer und ich dachte wohl an sie. Wozu soll ich es leugnen, daß ich sie wie toll liebte. Auch sie liebte mich sehr und es wäre vielleicht so gekommen, wie Sie meinten, wenn man sie nicht von mir getrennt und nach Doinville zu jener Dame gebracht hätte ... Als ich eines Abends mit meinem Karren heimkam, fand ich sie halb wahnsinnig und vom Fieber verzehrt vor meiner Thür. Sie hatte sich nicht zu ihren Eltern zurückgewagt und kam zu mir –um zu sterben ... O, dieses Schwein! Am liebsten hätte ich ihn auf der Stelle abgestochen!«

Der Richter kniff seine feinen Lippen erstaunt über diesen aufrichtigen Accent des Mannes zusammen. Er hatte einen verschlossenen Menschen vor sich; daß er jetzt noch den schlimmsten Theil vor sich haben würde, hätte er nicht geglaubt.

»Ja, ich kenne die klägliche Geschichte, die Ihr und dieses Mädchen Euch zurechtgelegt habt. Bedenkt nur, daß das ganze Leben des Präsidenten Grandmorin ihn über solche Verdächtigung erhaben machte.«

Mit sich erweiternden Augen und zitternden Händen stotterte der Kärrner:

»Was, was haben wir erfunden? ... Die Anderen lügen, die uns der Lüge beschuldigen.«

»Spielt nur nicht den Unschuldigen ... Ich habe bereits Misard, den Mann der Mutter Eurer Geliebten, vernommen. Wenn es nöthig sein sollte, werde ich ihn Euch gegenüberstellen. Ihr sollt dann hören, was er von dem Märchen denkt ... Und überlegt ein wenig Eure Antworten. Wir haben Zeugen, wir wissen Alles, Ihr thut am besten, gleich die Wahrheit zu sagen.« Herr Denizet wandte jetzt seine gewöhnliche Taktik der Einschüchterung an, denn er wußte nichts und hatte auch keine Zeugen.

»Leugnet Ihr es auch, daß Ihr öffentlich gedroht habt, den Herrn Grandmorin abzustechen?«

»Das habe ich gesagt, ganz gewiß. Ich habe es sogar aus voller Ueberzeugung gesagt, denn die Hand juckte mir verteufelt!«

Herr Denizet war nicht wenig überrascht, hatte er doch ein systematisches absolutes Ableugnen erwartet. Der Verhaftete gestand die Drohungen ein? Welche List verbarg sich dahinter? Er fürchtete, etwas zu schnell zu Werke gegangen zu sein, sammelte sich einen Augenblick, dann sah er ihn scharf an und fragte ihn ohne jeden Uebergang:

»Was habt Ihr in der Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten Februar gemacht?«

»Ich habe mich gegen sechs Uhr Abends schlafen gelegt ... Ich fühlte mich nicht ganz wohl, deshalb that mir mein Vetter Louis den Gefallen eine Ladung Steine nach Doinville zu führen.«

»Ja, man hat Euren Vetter mit dem Wagen beim Niveauübergang über den Eisenbahndamm gesehen. Aber Euer Vetter hat weiter nichts aussagen können, als daß er Euch des Mittags zum letzten Male gesehen habe ... Beweist mir, daß Ihr Euch um sechs Uhr hingelegt habt.«

»Das ist zu dumm. Wie soll ich Ihnen das beweisen? Ich bewohne mein Haus im Walde ganz allein ... Ich befand mich dort, das ist Alles, was ich sagen kann.«

Nun entschloß sich Herr Denizet zu dem großen Schlage. Vor dem Imposanten seiner Wissenschaft mußte alles Leugnen verstummen. Sein Gesicht versteinerte sich unter der Spannung seines Willens, während sein Mund Komödie spielte.

»Ich will es Euch sagen, was Ihr am Abend des 14. Februar gethan habt ... Um drei Uhr seid Ihr von Barentin aus nach Rouen gefahren, zu welchem Zweck hat die Untersuchung bisher noch nicht ergeben. Ihr mußtet mit dem Pariser Zug, der um neun Uhr drei Minuten in Rouen eintrifft, zurückkehren. Ihr standet auf dem Perron mitten in der Menge, als Ihr Herrn Grandmorin in seinem Koupee bemerktet. Ich gebe zu, bemerkt es wohl, daß eine Absicht nicht vorgelegen hat, sondern daß der Gedanke an das Verbrechen Euch dann erst gekommen ist ... In Folge des Gedränges konntet Ihr unbemerkt zu ihm in das Koupee gelangen. Ihr mußtet aber mit der Ausführung Eurer That bis zum Tunnel von Malaunay warten. Ihr habt jedoch die Zeit schlecht abgewogen, denn der Zug verließ bereits wieder den Tunnel, als Ihr den Mord vollführtet ... Ihr habt den Leichnam dann aus dem Koupee geworfen und seid in Barentin ausgestiegen, nachdem Ihr vorher auch noch die Reisedecke beseitigt habt ... Das habt Ihr gethan.«

Er sondirte die geringsten Falten aus dem rosigen Antlitz Cabuche's, war aber betroffen, als dieser, der zuerst aufmerksam zugehört hatte, schließlich in ein gutmüthiges Lachen ausbrach.

»Was erzählen Sie da? ... Hätte ich den Mord vollführt, so würde ich es auch eingestehen. Ich habe ihn nicht auf dem Gewissen,« fuhr er wieder ruhig fort, »aber ich hätte es thun können. Ja, in des Teufels Namen, es thut mir leid, daß es ein Anderer gethan hat.«

Herr Denizet vermochte nichts Anderes aus ihm herauszubringen. Vergebens wiederholte er seine Fragen, zehnmal kam er mit veränderter Taktik auf denselben Gegenstand zurück. Nein, und immer nein, er sei es nicht gewesen. Er zuckte die Achseln und ärgerte sich über dieses Thier. Als man ihn festnahm, hatte man auch seine Hütte durchsucht, aber weder eine Waffe, noch die Banknoten, noch die Uhr gefunden, dagegen hatte man einen Blutflecke aufweisenden Pantoffel als schweres Indicium mitgenommen. Abermals lachte er: er hatte einem Hasen das Genick umgedreht, daher stammten die Blutflecke auf dem Pantoffel. Der in seine fixe Idee, daß Cabuche der Mörder sei, verrannte Richter verlor jetzt jeden Halt. Er hatte zuviel der professionellen Finesse und Combinationsgabe angewandt und war damit glücklich über die einfache Wahrheit hinausgeschossen. Dieser bornirte Mensch von ungezähmter Kraft war garnicht im Stande, mit Listen zu fechten; daß er nein und immer wieder nein sagte, brachte den Richter ganz aus dem Concept. Er wollte in ihm durchaus den Schuldigen sehen, und deshalb erbitterte ihn jedes erneute Abstreiten, er faßte es als eine Verbohrtheit in die Wildheit und Lüge auf. Und doch wollte er ihn noch zwingen, das Leugnen einzustellen. »Ihr leugnet also?«

»Entschieden, da ich es nicht gewesen bin ... Wäre ich es gewesen, ich hätte mich auch stolz dazu bekannt.«

Herr Denizet erhob sich hastig und öffnete selbst die Thür des benachbarten Zimmers. Er rief Jacques herein und fragte ihn:

»Erkennen sie diesen Menschen wieder?«

»Ich kenne ihn,« erwiderte der Lokomotivführer überrascht. »Ich habe ihn früher einmal bei Misard gesehen.«

»Nein, das meine ich nicht ... Erkennen Sie in diesem Menschen den Mörder wieder?«

Jetzt verstand Jacques. Nein, in ihm erkannte er den Mörder nicht wieder. Der Andre hatte kürzer, dunkler ausgesehen. Schon wollte er es laut heraussagen, als er fand, daß er sich schon wieder zu weit vor wagte. Er antwortete daher ausweichend:

»Ich weiß es nicht, ich kann es nicht behaupten ... Ich versichere Sie, Herr Richter, ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen.«

Herr Denizet wartete nicht weiter und rief die Roubaud herein. Auch sie fragte er:

»Erkennen Sie diesen Menschen wieder?«

Cabuche lächelte noch immer. Er war nicht weiter erstaunt, sondern begrüßte Séverine, die er schon, als sie noch als Mädchen in la Croix-de-Maufras gewohnt, kannte, durch ein leichtes Nicken mit dem Kopfe. Aber sie und ihr Mann waren nicht wenig überrascht, als sie Jenen an dieser Stelle erblickten. Sie begriffen: das war also der Verhaftete, den Jacques erwähnt hatte, durch den ihre abermalige Vorladung veranlaßt worden. Roubaud besonders staunte, ihn machte die Aehnlichkeit dieses Burschen mit dem sagenhaften Mörder, dessen Signalement er als das Gegentheil von seiner eigenen Person erfunden hatte, fast bestürzt. Daß zufällig Alles stimmte, konnte er gar nicht fassen, deshalb zögerte er auch mit der Antwort.

»Erkennen Sie ihn wieder?«

»Mein Gott, Herr Richter, ich wiederhole es Ihnen, ich habe ja nur eine bloße Empfindung von dem Individuum gehabt, das mich streifte ... Jedenfalls aber ist dieser so groß wie Jener, auch ist er blond und ohne Bart ...«

»Also ist er es oder ist er es nicht?«

Der in die Enge getriebene Unter-Inspector erzitterte in Folge des innern Kampfes. Mehr instinctiv als bewußt die Haltung, die man von ihm wünschte, erspähend, sagte er:

»Ich kann es nicht behaupten. Aber es scheint, ja, es scheint gewiß so zu sein.«

Jetzt begann Cabuche zu fluchen. Ihm schien es, als wollte man ihn mit dieser Geschichte direct dumm machen. Er wäre es nicht gewesen, man solle ihn laufen lassen. Das Blut drängte sich ihm in's Gehirn, er begann mit den Fäusten zu fuchteln und wurde so fürchterlich, daß die hereingerufenen Gensdarmen ihn abführen mußten. Aber gerade diese Heftigkeit, diese Empörung der angegriffenen und nun losgehenden Bestie erhöhte Herrn Denizet's Triumph. Seine Ueberzeugung stand jetzt fest, er machte kein Hehl mehr daraus.

»Haben Sie seine Augen gesehen? In solchen Augen verstehe ich zu lesen ... Seine Rechnung ist richtig, er gehört uns!«

Die Roubaud sahen sich starr an. Es war also Alles zu Ende und sie gerettet? Das Gericht hatte wirklich den Schuldigen entdeckt? Es war ihnen Alles noch nicht so recht klar, sie hatten jedenfalls aber die schmerzliche Empfindung, daß, wie die Sache jetzt lag, sie eine böse Rolle spielten. Zunächst aber überwog die Freude und spülte ihre Gewissensbisse fort. Sie lächelten Jacques an und spürten erleichterten Herzens ein heftiges Verlangen nach Aufathmen in der freien Luft. Der Richter wollte sie gerade entlassen, als ein Gerichtsdiener ihm einen Brief behändigte.

Lebhaft trat Herr Denizet an seinen Schreibtisch, um mit Aufmerksamkeit zu lesen und vergaß ganz die drei Zeugen. Es war ein Brief aus dem Ministerium, der Bescheid, daß er sich noch etwas hätte gedulden sollen, ehe er die Untersuchung von Neuem weitergeführt. Was er las, dämpfte seinen Triumph, denn sein Gesicht überzog nach und nach eine eisige Kälte und die an ihm sonst sichtbare stumpfe Unbeweglichkeit. Er erhob auch einmal den Kopf und blickte die Roubaud von der Seite an, als hätte eine Stelle im Briefe ihn wieder an sie erinnert. Auch deren Freude war schnell verflogen, sie fühlten sich wieder höchst unbehaglich und schuldbeladen. Warum hatte er sie angesehen? Hatte man in Paris dieses ungeschickte Billet mit drei Zeilen aufgefunden, das sie fürchten mußten? Séverine kannte Herrn Camy-Lamotte sehr gut, sie hatte ihn oft beim Präsidenten gesehen und wußte, daß er mit Ordnung der Papiere des Todten beauftragt war. Jetzt quälte Roubaud das Bedauern, seine Frau nicht nach Paris geschickt zu haben. Sie hätte mehrere, gewiß nützliche Besuche machen und sich der Protection des Generalsekretärs versichern können, falls die Gesellschaft, durch die umlaufenden bösen Gerüchte beunruhigt, noch an seine Absetzung denken sollte. Beide wandten kein Auge von dem Richter; ihre Unruhe wuchs, je mehr sie sein Gesicht sich verfinstern sahen. Er war jedenfalls sehr deprimirt von diesem Brief, der die Arbeit eines ganzen Tages wieder zunichte machte.

Endlich ließ Herr Denizet die Hand mit dem Brief sinken, er ließ noch einen Augenblick in Gedanken verloren seine Augen auf den Roubaud und Jacques haften. Dann aber raffte er sich auf und sagte laut:

»Es ist gut; wir werden ja sehen und Alles nochmals durchgehen ... Sie können jetzt gehen.«

Doch als die Drei fort wollten, konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, den bedeutsamen Punkt aufzuklären, der sein neues System durchquerte, obwohl man ihm anempfahl, nichts ohne vorhergegangene Anfrage zu thun.

»Nein, bleiben Sie noch einen Augenblick, Herr Lantier, ich habe Sie noch etwas zu fragen.«

Die Roubaud warteten im Korridor. Die Thüren standen offen, aber sie konnten noch nicht hinaus: ein Etwas hemmte ihren Schritt, die Angst vor dem, was sich in diesem Augenblick im Zimmer des Untersuchungsrichters abspielen mochte, die physische Unmöglichkeit, eher fortzugehen, bis sie von Jacques erfahren, was für eine Frage ihm vorgelegt worden sei. Sie gingen mit schlotternden Beinen auf und ab. Dann setzten sie sich wieder auf die Bank, wo sie schon vorher mehrere Stunden stumm vor sich hin gebrütet hatten.

Als der Lokomotivführer wieder erschien, erhob sich Roubaud schwerfällig.

»Wir haben Sie erwartet, um mit Ihnen nach dem Bahnhof zurückzukehren ... Nun?«

Jacques aber wendete verlegen den Kopf zur Seite, als wollte er dem auf ihn gerichteten Blick Séverine's ausweichen.

»Er weiß nicht mehr wie vorher, er plantscht umher,« sagte er endlich. »Jetzt hat er mich gefragt, ob nicht zwei den Mord begangen haben. Ich habe ihm dasselbe erwidert, was ich in Havre ausgesagt, nämlich, daß eine dunkle Masse auf den Beinen des Alten gelastet habe. Nun wollte er auch darüber noch Näheres wissen ... Er schien der Meinung, daß das keine Reisedecke war. Dann ließ er die Decke holen und ich mußte nochmals meine Meinung sagen ... Mein Gott, ja, es war vielleicht die Reisedecke.«

Die Roubaud überlief es kalt. Man war ihnen auf der Spur, ein einziges Wort dieses jungen Menschen konnte sie in's Verderben stürzen. Er wußte sicher Alles und würde schließlich aussagen. Schweigend verließen die Drei, die Frau in der Mitte, das Gerichtsgebäude. Als sie sich auf der Straße befanden, meinte Roubaud plötzlich:

»Da fällt mir gerade ein, Kamerad, meine Frau wird einiger Geschäfte halber einen Tag in Paris zubringen müssen. Sie sind vielleicht so gut und stehen ihr mit Rath zur Seite, falls sie Hilfe braucht?«

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